Posts Tagged 'Charly Hübner'

Halbzeitpausengespräch: Junges Licht – Die Ruhrstadt der 60er im Kino

Gestern hat für Junges Licht von Adolf Winkelmann die dritte Kinowoche begonnen. Den Film über eine Bergarbeiterfamilie zu Beginn der 1960er Jahre in der Ruhrstadt sahen in den bisheringen 14 Tagen Laufzeit laut Produzentenallianz.de 24.000 Kinobesucher, davon 5.100 in der zweiten Woche. Das könnten ruhig noch ein paar mehr Kinobesucher werden. Zeit für ein paar weitere hinweisende Worte nach den sehr guten Kritiken zum Filmstart, die Google News mit einem weiteren Klick auflistet.

Als Vorlage für Junges Licht hat Adolf Winkelmann der gleichnamige Roman von Ralf Rothmann gedient. Ein Autor der Geschichten des Ruhrgebiets hat für seine Worte jenen Filmemacher des Ruhrgebiets bekommen, der für diese Worte berührende und ausdrucksstarke Bilder fand, der ein bis in die Nebenrollen großartig besetztes Schauspielerensemble zusammenstellte und der  atmosphärisch dicht die Wirklichkeit um 1960 herum wieder erweckte.

Eine starke, vorwärtstreibende Handlung darf man nicht erwarten, wenn man sich diesen Film ansieht.  Junges Licht erzählt nicht mehr als den Alltag der Ruhrstadt jener Zeit vor allem aus der Perspektive des zwölfjährigen Julian Collien, und das ist vollauf genug. Sein Vater arbeitet unter Tage, die Mutter ist in ihrer Ehe frustiert. Für seine kleine Schwester ist er öfter verantwortlich als ihm lieb ist. Kinder sind damals meist sich selbst überlassen und erhalten Aufmerksamkeit dann, wenn sie den Ablauf des Alltags stören. Aufmerksamkeit bedeutet die Tracht Prügel von der Mutter mit dem Kochlöffel, bis der zerbricht.

Wir erleben mit Julian Collien seine in Teilen schmerzhafte Emanzipationsgeschichte. Einige Sehnsüchte bestimmen sein Leben, vielem ist er einfach ausgesetzt. Für Erwachsene hat er kaum Mitspracherecht. Das 15-jährige Nachbarsmädchen spielt mit seinem erwachenden Interesse für das andere Geschlecht. Einer „Bande“ möchte der empfindsame Julian angehören, einer Welt, die ihm eigentlich fremd ist und in der er ausgenutzt wird. Der Hausbesitzer sucht auf verstörende Weise seine Nähe. Viel wird in Junges Licht nur angedeutet. Manche Nebenlinie bleibt offen. So schafft Adolf Winkelmann Raum für Atmophäre. Wer die direkte Sprache und den trockenen Humor des Ruhrgebiets liebt, wird an den Dialogen seine helle Freude haben. Allein das musikalische Leitmotiv dieses Films riss mich aus der dichten Atmosphäre des Films kurz hinaus, sobald es erklang. Es wirkt auf mich zu modern, zu schnell und nicht stimmig.

Es ist nichts Neues, welch großartiger Schauspieler Charly Hübner ist, aber wie ihm das Sprechen des Ruhrgebiets als Julians Vater, Walter Collien, über die Lippen kommt, ist erstaunlich. Man kann es kaum glauben, dass solch eine selbstverständliche Ruhrpott-Färbung jemand spricht, der in Neustrelitz, im Nordosten Deutschlands, aufgewachsen ist. Lina Beckmann als dauerrauchende Mutter Liesel Collien beindruckt so sehr wie der junge Oscar Brose in der Rolle Julians. Man müsste sie alle bis in die Nebenrollen erwähnen diese Schauspieler, weil sie jede Szene für sich genommen so berührend, manchmal komisch, immer kraftvoll und lebendig haben werden lassen. Egal ob Greta Sophie Schmidt, die die 15-jährige Marusha auf der Grenze zwischen mädchenhafter Naivität und weiblicher Verführung spielt; ob Peter Lohmeyer,  der die pädophile Neigung des Hausbesitzers so subtil in der Schwebe hält oder Ludger Pistor als polternder Pfarrer, dem seine Berufung manchmal auch nicht mehr ist als lästiger Berufsalltag.

Doch wie gesagt, zunächst muss man sich auf das langsame Erzählen und das Fehlen eines starken Plots einlassen. Wäre der Film in Frankreich produziert worden, würde man solch ein Erzählen auch unabhängig von der Kritik als ureigene Qualität des Films wahrnehmen. Ohne Frage hätte das Gütesiegel Frankreich schon für mehr Zuschauer gesorgt. Noch läuft der Film in den Kinos – Junges Licht eigentlich ein Pflichtprogramm für Ruhrstadt-Kinogänger.

Im Wikipedia-Artikel zu Junges Licht ließe sich vorab noch weitere Eindrücke von Handlung und Kritik gewinnen.

Zudem der Trailer zum Film

 

Und eine der berührendsten Szenen des Films – das Vater-Sohn-Gespräch über die Zukunftsvorstellungen von Julian

 

 

Schalke-Trainer Brandner: Flucht bei Pokalspiel!

Wenn ihr jetzt in eurer Erinnerung kramt, wann denn, verdammt noch mal, dieser Brandner Trainer bei Schalke gewesen ist, sage ich euch, ihr werdet nicht drauf kommen. Außer ihr seht hin und wieder erste Filme von jungen Regisseuren, die dann zunächst auf Festivals laufen und anschließend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen irgendwann kurz vor Mitternacht. Dann aber werdet ihr sofort wissen, 2007 war er der Schalke-Trainer. In „Autopiloten„, dem Debutfilm von Bastian Günther.

Der von Walter Kreye gespielte Georg Brandner ist einer von vier Männern im mittleren Ruhrgebiet, von denen Bastian Günther in seinem Film erzählt, deren Leben sich zwar kaum berühren, die aber eins gemeinsam haben, wirklich gut geht es ihnen an dem einen Tag ihres geschilderten Lebens nicht. Das soll hier keine Filmkritik werden, doch ein paar Worte zur Einordnung von „Autopiloten“ seien gestattet, ehe ich auf ein sicher nicht unbekanntes, dennoch gerade für die Figur des Schalke-Trainers interessantes Phänomen beim Filmemachen mit dem Thema Fußball zu sprechen komme.

Bastian Günther verzichtet in „Autopiloten“ auf einen starken Plot, vielmehr wirkt es sehr alltagsnah, undramatisch und dokumentarisch, wie er das Geschehen um die vier Männer miteinander verwebt. Deshalb aber auch hat der Film manchmal Längen, wenn man verstanden hat, wo die Männer in ihrem Leben stehen. Die zwei älteren Männer, Brandner, und ein von Manfred Zapatka gespielter ehemals erfolgreicher Schlagersänger haben die beste Zeit ihres Lebens hinter sich und versuchen mit Selbstbetrung und Flucht an ihrem neuen Platz im Leben etwas Gutes zu finden. Die Leben der beiden Männer mittleren Alters, ein von Wolfram Koch gespielter, frei arbeitender Videoreporter und ein von Charly Hübner gespielter Vertreter für Badewannenlifte wirken glück- und zuweilen sogar trostlos. Diese Trostlosigkeit durchzieht den ganzen Film. Dennoch hat er vor allem wegen des kämpferischen Naturells des Videoreporters nicht durchweg die Schwere, die man nun vermuten könnte. „Autopiloten“ greift zudem stimmig Atmosphärisches des Ruhrgebiets auf. Das zeichnet den Film aus. Aufgegriffen wird dieses Ruhrgebiet durch das Grundmotiv der die Region durchschneidenden Autobahnen und deren immer rauschenden Verkehr, gleichzeitig ein Bild für den berührungslosen Alltag der Menschen, der einfach abläuft und dahin geht.

„Autopiloten“ ist nach meinem Geschmack etwas zu lang geraten und ist mir manchmal in seiner Tristesse etwas zu aufdringlich. Dennoch lohnt es sich, ihn anzusehen. Mit dem Film beginnt die „Renaissance Medien“ die DVD-Reihe  „Neue Deutsche Filme„,  in der ab diesem Monat regelmäßig die Werke junger deutscher Regisseure herausgegeben werden.

Und damit kommen wir zurück zur Figur des Schalke-Trainers Georg Brandner und dem Problem vom Fußball in fiktiven filmischen Zusammenhängen zu erzählen. Das ist hier um so interessanter, als Bastian Günther gar nicht einmal vor dem Problem stand, das Fußballspiel selbst zu inszenieren. Er wollte mit Brandner den Trainer von Schalke 04 am Tag des Pokalsspiels gegen Borussia Mönchengladbach zeigen. Brandners Position im Verein ist nach anhaltendem Misserfolg schwach. Ihm droht der Rausschmiss, wenn er verliert. Zudem redet ihm die Vereinsführung in seine Arbeit hinein. Dieses Figurenprofil gilt es nun zum authentischen Leben zu erwecken, und das scheitert. Im Gegensatz zum restlichen Film wirken die auf den Fußball bezogenen Szenen nicht authentisch. Was der Figur Brandner immer wieder holzschnitzartige Züge verleiht.

Es sind nur wenige Szenen, dennoch finde ich dieses Scheitern der Inszenierung bemerkenswert. Weder eine Pressekonferenz, noch eine Trainingseinheit und ein Interview vor dem besagten Pokalspiel vermitteln die angestrebte ungebrochene Filmwirklichkeit. Bemerkenswert finde ich es deshalb, weil hier im Gegensatz zum großen Problem der Inszenierung des Fußballspiels kein Fußballtalent des Schauspielers nötig ist. Auch die dem Fußballspiel inne wohnende eigene Dramatik, die der Dramaturgie eines Films meist zuwider läuft, spielt hier keine Rolle.

Ich frage mich nun, wieso ich die Darstellung der auf den Trainerberuf bezogenen Momente als Bruch erlebe? Hat ein Schauspieler vielleicht nur wenig Gestaltungsfreiheit, um die Illusion von Wirklichkeit herzustellen, weil der Fußball mitsamt handelnden Personen in typischen Fußballsituationen permanent präsent  ist. Ich kenne nicht den Berufsalltag von Vertretern für Badewannenlifte, also nehme ich, was ich sehe, als schauspielerische Konvention für die angestrebte Wirklichkeit. Dagegen kenne ich bereits das öffentliche Bild eines Fußballtrainers im Berufsfußball. Muss deshalb mehr achtgegeben werden, auf winzige Details der Stimmlage oder des im Dialog verwendeten Vokabulars, damit die Stimmigkeit der Szene entsteht? Oder braucht es mehr erzählerischen Raum für die Entstehung der Illusion, weil die erzählten Situation für sich genommen Klischees sind? Ich bin mir da nicht sicher. Vielleicht habt ihr ja eine Idee.


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