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Von DFL, Populisten und Finanzhilfen

In diesen Tagen fällt es mir schwer, meine sonst kaum ermüdende Hoffnung auf Wendungen hin zum Guten zu bewahren. Ein Virus wird zum aufklärerischen Instrument und offenbart, was Menschen antreibt in ihrem Handeln. Ein Virus offenbart die Idiotie von so vielen Menschen. Viele von denen wiederum äußern sich öffentlich und bestärken sich dadurch gegenseitig in ihrer Idiotie. Dahinter steht eine oft beschriebene und im wissenschaftlichen Experiment nachgewiesene Gruppendynamik. Sie führt dazu, dass Lügen geglaubt werden. Denn all die Populisten da draußen, die so sicher sind, Opfer eines Unrechtssystems zu sein, kennen die zwei wichtigsten Grundregeln für das erfolgreiche Verbreiten ihrer Lügen.

Die wichtigste Regel lautet: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Egal, was andere sagen. Bleibe bei deiner Lüge. Diese Regel braucht kein großes Talent. Für die zweite wichtige Regel brauchen die Lügner mehr. Sie brauchen Raffinesse und Intelligenz. Die zweitwichtigste Regel lautet nämlich: Mische deine Lüge mit wohl dosierter Wahrheit. Erst dann wird sie nicht nur von obskuren Spinnern geglaubt. Erst dann sickert sie ein in die Mitte der Gesellschaft. Erst dann beginnen auch Menschen dir zu glauben, die sonst gefestigt in ihrem Leben stehen, aber nicht immer an allem interessiert sind, sondern sich zu besonderen Zeiten besonders informieren.

Ich muss mich hüten, nicht ständig zwischen Verzweiflung und unbändigem Zorn zu schwanken. Wenn etwa einem Wissenschaftler wie Christian Drosten in völliger Verkennung seiner Motive immer wieder unterstellt wird, er dränge ins Rampenlicht, dann weiß ich, wer diese Meinung öffentlich äußert, hat ihm nie wirklich zugehört. In das Rampenlicht wird er durch Medien gestellt. Seriöse Zeitungen schreiben ihm einen Popstar-Status zu. Was wiederum an anderer Stelle zu Vorwürfen führt. Er wurde gefragt. Er hat sich nicht aufgedrängt. Ich bin dankbar, dass er seine Zeit aufwendet für Erklärungen. Der Mann beschreibt von Anfang an unermüdlich die eigenen Unsicherheiten auf dem Weg der Erforschung von diesem Virus. Er sagte, wie wenig man weiß, und er äußerte vorläufige Erkenntnisse. VORLÄUFIGE! Das ist der normale Prozess wissenschaftlichen Arbeitens. Was man im Übrigen wohl auch Herrn Laschet noch einmal nachdrücklich sagen muss, wenn ich all die Reaktionen auf seinen Auftritt bei Anne Will lese. Gesehen habe ich ihn nicht.

Das muss ich heute einmal schreiben, auch weil Christian Drosten Morddrohungen geschickt werden. Wie krank ist diese Gesellschaft, unabhängig von einem Virus. Unfassbar. In Deutschland gibt es einen der wenigen Wissenschaftler weltweit, die sich auf diese Virenfamilie spezialisiert haben. Er spricht sehr transparent vom eigenen Wissensstand, und es werden ihm Morddrohungen geschickt. Er wird diffarmiert. Noch einmal: unfassbar.

Dabei wollte ich eigentlich von etwas vergleichsweise weniger Skandalösem schreiben, was mich dennoch ebenfalls aufregt. Auch im Fußball offenbart das Virus die Wahrheit. Was für eine PR-Aktion machte die DFL aus der Finanzhilfe für die 3. Liga. Schon diese Meldung habe ich mit Skepsis wahrgenommen. Es hatte den Anschein von Meinungsmache durch Bestechung. Dennoch hieß es, bedingungslos werde das Geld gezahlt. Und nun erfahren wir allmählich die ganze Wahrheit. In mehreren Presseartikeln erfahren wir, bedingungslos bedeutet, wenn die 3. Liga fortgesetzt wird. Wie nennt man nochmal Nebensätze mit „wenn“. Hießen die nicht einmal Bedingungssätze? Der Geschäftsführer des MSV Duisburg, Michael Klatt, versteht die Finanzhilfe inzwischen auch nicht mehr als Spende. Das Geld solle helfen, die Coronamaßnahmen umzusetzen. Was für eine Manipulation der öffentlichen Meinung durch die DFL. Was für eine Frechheit.

Ich habe nichts dagegen, wenn die DFL sich für die Interessen von Betrieben ihres Unterhaltungsgewerbes, Sparte Sport, einsetzt. Es geht um Arbeitsplätze, sicher. Da reiht sich die DFL ein in die Interessenverbände der Kultur und des Gastgewerbes. Ernst nehmen kann ich das Reden bei der DFL aber nicht. Das Vorgehen in Sachen Finanzhilfe diskreditiert die Absichten der DFL in Gänze. Anscheinend ist man dort komplett in den Corona-Modus verfallen. Man handelt nicht nur auf Sicht, sondern denkt dazu auch nur auf Sicht. Die DFL hoffte also, dass die Maximen der Wissenschaft auch für ihr ökonomisches Handeln gilt. Was sich gestern als Wahrheit zeigte, soll also heute unbesehen als Irrtum durchgewunken werden. Leider geht es in Sachen Finanzhilfe um die ewigen Wahrheiten moralischen Handelns. Was gestern Verdrehen von Tatsachen zum eigenen Nutzen war, findet auch heute meinen Ärger als bewusste Täuschung.

Wie das nun weitergeht? Der MSV hat ja gegen die Fortsetzung gestimmt, obwohl man zunächst weiterspielen wollte. Im Gegensatz zur DFL benannte der MSV seine Bedingung für ein Ja. Ohne Absteiger, wie es der DFB wohl vorschlug, sah man zurecht eine Wettbewerbsverzerrung. Die schlüssige Folge war das Nein. Der Ball liege nun bei der Politik, erklärte Michael Klatt. So ganz klar ist das aber nicht. Da gibt es ja noch den außerordentlichen DFB-Bundestag. Für mich sieht es so aus, als werde die 3. Liga als flankierendes Instrument vom DFB benutzt, um Fortsetzungsentscheidungen für Bundesliga und Zweite Liga populärer zu machen. Das ist wahrscheinlich nicht die von Michael Klatt gemeinte Politik. Auf die beim DFB kommt es aber wohl auch an. Schauen wir also.


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