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Wenn Liga-3-Vereine nicht parieren, knallt die DFB-Peitsche

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Manchmal brauchen Worte länger, bis sie wirken. Manchmal ist anderes wichtiger. Gestern nahm ich in dem Sportreportagen-Beitrag von Claudio Luciani nur den geradezu liebevollen Blick auf die zweite bis dritte Reihe des Pottfußballs wahr. Die Fußballwirklichkeit beim MSV, bei RWE und RWO wurde mit ihren Schwierigkeiten und Besonderheiten in Kürze lebendig. Es war erkennbar, in dieser Welt wirkt etwas anderes als im Glitzerwelt-Fußball der Unterhaltungsindustrie. Vor Jahren schrieb ich im Vorwort meines Buchs 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss: „Wer das Herz des Ruhrgebiets sucht, wird unweigerlich den Fußball finden“. Nun freute ich mich, Bewegtbilder zu sehen, die meinen Satz von damals bestätigten, so dass ich einige andere Worte in diesem Beitrag gar nicht wichtig nahm.

Heute morgen klangen mir diese Worte mit einem Mal in den Ohren, und in mir wuchs der Ärger über die Heuchelei beim DFB. Die ganze Zeit schon erweist sich das Covid-19-Virus als aufklärerisches Instrument für diese Gesellschaft. So auch beim Unterhaltungsbetrieb Fußball im Allgemeinen und Liga-3-Fußball im Besonderen. Im Beitrag werden auch die Corona-Folgen thematisiert, so die Uneinigkeit über den weiteren Saisonverlauf in Liga 3. Der DFB-Vizepräsident Peter Frymuth äußert sich zu dieser Uneinigkeit mit deutlicher Kritik: „Ich war schon irritiert darüber, verwundert, man könnte auch noch deutlichere Worte finden, wie stark doch Einzelinteressen in den Vordergrund gestellt wurden, die doch offensichtlich – das wurde doch journalistisch aufgearbeitet – auch etwas mit dem Tabellenbild zu tun haben.“

Ich schreibe diese Worte und in mir kocht der Ärger hoch. Was für ein frecher Versuch, Meinung zu manipulieren. Was für eine Heuchelei sondergleichen. Er ist sich sogar nicht zu schade seine Meinungsmache mit der Pseudo-Objektivität von Journalisten zu bekräftigen, die auch nur eine Meinung haben. Die Journalisten holt er sich ran, um das Eigeninteresse des DFB zu verschleiern. Dieses Eigeninteresse unterscheidet sich deutlich von denen einiger Vereine.

Davon ab war die Entscheidungsfindung vom MSV pro Abbruch sehr viel komplexer als es diese polemische Stellungnahme suggeriert. Der MSV wollte ja weiterspielen, aber eben unter normalen Wettbewerbsbedingungen. Da diese nicht zugesichert werden konnten, wurde für Saisonabbruch gestimmt. In dem ZDF-Beitrag ist der MSV der einzige Verein der 3. Liga, und auf diesen Verein ist die unpassende Kritik von Peter Frymuth gemünzt. Dieser DFB will auch in Liga 3 weiterspielen lassen auf Teufel komm raus, und dann stört es natürlich, wenn den Machthabern unwilliges Fußvolk dazwischenkommt.

Was für ein Irrwitz, dass in Liga 3 der sportliche Wettbewerb zu einem Argument wird, wo in den Diskussionen über den Spielbetrieb zur Corona-Zeit in Bundesliga und Liga 2 so gut wie keine Rolle spielte. So erhält der Irrwitz einen weiteren Dreh, wenn man diese Frymuth-Worte neben die Diskussionen um das Weiterspielen in Bundesliga und Zweiter Liga stellt. In diesen Diskussionen ging es in erster Linie um wirtschaftliche Fragen. Wer da Meister werden kann oder absteigt, interessierte überhaupt nicht. Es ging nur darum, die Bedingungen zu schaffen, damit das TV-Geld gezahlt wird. Es ging also nur um die Existenz der Wirtschaftsunternehmen, die zufällig auch Fußballvereine waren. Das ist zumindest wahrhaftig, auch wenn es von vielen Seiten kritisiert wurde. Mich berührt dieser Fußball ohnehin nicht.

Groteskerweise wäre diese Zuspitzung auf ökonomische Fragen für die Dritte Liga 3 dringend notwendig. Die im Beitrag genannten 7,5 Millionen Euro Solidarfonds-Geld reichen vorne und hinten nicht, um die Verluste der Vereine auszugleichen. Wenn Peter Frymuth die Vereine mit ihrer Stimme pro Saisonabbruch als zu egoistisch aus sportlichen Interessen darstellt, versucht er nichts anderes als den wahren Grund für die Stimmabgabe zu ignorieren. Der DFB gibt dieser Dritten Liga keine ausreichende ökonomische Perspektive, und das wird in dieser Corona-Zeit eben überaus deutlich.

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Für die Vereine pro Abbruch ist der Tabellenstand nichts anderes als der sportliche Ausdruck für ökonomische Planungssicherheit, die der DFB als Verband nicht gibt. Denn der DFB hat eigene Interessen bei der Frage, ob die 3. Liga weiterspielen soll oder nicht. Der DFB nimmt gegenüber den Vereinen der 3. Liga eine andere Rolle ein als die DFL bei den Bundesliga- und Zweitligavereinen. Die DFL vertritt deren Interessen sehr viel klarer als der DFB die jener Vereine zwischen Profi- und Amateurfußball. Vor zwei, drei Wochen hatte Hajo Sommers dafür in einem Interview deutliche Worte gefunden, als er fragte, welche Drogen die dort beim DFB genommen hätten. Das könnte man als Bonmot einfach so stehen lassen, wenn die Situation nicht noch ernster geworden wäre. Das Lachen darüber bleibt im Halse stecken, denn die DFB-Politik gefährdet inzwischen die Existenz vieler Vereine unterhalb von Liga 2 noch mehr.

Corona vor dem Tor – Will der DFB auch in 3. Liga die Dramedy?

Heute tagt das DFB-Präsidium, um zu überlegen, wie es in der 3. Liga und im DFB-Pokal weitergehen kann.  Entscheidungen werden noch nicht verkündet. Für eine solche Entscheidung braucht es die Kommunikation mit den Vereinen, die in der nächsten Woche ihre Präferenz in einer geheimen Abstimmung herausfinden wollen.

Wenn man sich ein paar realistische Gedanken macht über eine mögliche Fortführung per Geisterspiele sind die für mich entstehenden Bilder abenteuerlich. Als alter Freund guter Geschichten steckt darin natürlich ein großes Potential für dramatische Szenen, tragische Momente, gefährliche Situationen und Möglichkeiten zu großer Komik. Ich bedauere es deswegen sehr, dass jede rationale Entscheidung eigentlich den Saisonabbruch erfordert. Mein Unterhaltungsbedürfnis würde dann sehr enttäuscht.

Dabei denke ich sogar nur an die sportliche Seite, an einen Fußball unter extremen Hygienebedingungen. Wenn ich die Überlegungen zum Weiterspielen in erster und zweiter Liga lese, muss ich nur an einen Passus denken und beginne über all die absehbaren komischen Momente zu lachen. Sinngemäß erinnert heißt es, jeder unnötige nahe Kontakt auf dem Spielfeld werde unterbunden. Kein Mannschaftsfoto, kein gemeinsamer Torjubel und all die anderen Szenen nahen Beisammenseins. Schnell wird sich niemand mehr daran erinnnern, was Rudelbildung überhaupt bedeutete. Wahrscheinlich werden die Schiedsrichter ihre Karten zu Hause lassen, weil der Fußball sich allmählich an den Anfangszeiten des Basketballs als körperloses Spiel orientieren wird.

Dieser Fußball wird so kurios, dass der sportliche Wert eine gesonderte Tabelle nötig machte. Von jetzt auf gleich wird ja nach Wochen des Einzelsportlerdaseins wieder Mannschaftssport betrieben. Die Voraussetzungen werden andere sein. Kontinuität zu den Ergebnissen der Vor-Corona-Zeit ist ein Traumgebilde. Das sind die tragischen Momente dieser Geschichte. Viele Träume der Vergangenheit werden in Erster und Zweiter Liga zerplatzen. Die Momente der Gefahr sind natürlich die Infekte. Irgendeinen in diesem Betrieb wird es erwischen. Zu viele Menschen sind dabei. Im richtigen Fuballleben wird sicher wie in einer Dramedy alles getan, um das Problem möglichst klein zu reden. Dann wird taktiert und Regeln werden gebrochen. Das Böse wird sich zeigen. Was für ein herrlicher Stoff.

Hoffen wir, dass die 3. Liga diesem Stoff entgeht, auch damit der MSV nicht noch mehr Verluste macht als ohnehin schon. Was würde dieser Betrieb ohne Zuschauereinnahmen kosten. Die 300.000 Euro der DFL-Vereine helfen da nicht groß weiter. Sie sind eine symbolhafte Zahlung, ein Versuch den Fußball der Unterhaltungsindustrie mit jenem zu vereinen, der vor der Tür steht und in Teilen darauf hofft, diesem Geschäftsmodell beitreten zu können. Es ist der Versuch zu suggerieren, man säße in einem Boot, obwohl die Bedingungen des jeweiligen Fortbestands der Vereine sich grundsätzlich unterscheiden.

Im finanziellen Effekt gleichen diese 300.000 Euro den 2.000 Euro Soforthilfe für Künstler und Kreative des Landes NRW. Man erhält ganz kurz Liquidät und begleicht die dringlichsten der dringlichen laufenden Kosten. Im Fall der NRW-Soforthilfe war übrigens das Zeichen der Solidarität glaubhaft und das zur Verfügung stehende Budget für die Zahl der Antragssteller extrem unterfinanziert. Das nun ist bei der Hilfe der DFL-Vereine genau umgekehrt.


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