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Wäre Cricket vielleicht eine Lösung?

Schade, dass ich mit Cricket nichts am Hut habe.  Mein erster Tag wieder zu Hause hätte sonst schwungvoll begonnen. So viel Englishness habe ich nämlich beim Urlaub in Südengland und London bewiesen. Nach Nachrichten, Diskussionen und Expertenmeinungen über die Riots habe ich bei der Sportberichterstattung nicht abgeschaltet. England hat nämlich gerade Indien bei einer Begegnung im Cricket in Grund und Boden gestampft, und irgendwer bei der BBC überlegt sogar, ob es jemals ein besseres englisches Cricketteam gegeben hat. In England benutzt wahrscheinlich niemand solche drastischen Bilder für einen Sieg bei dieser feineren Variante des Sports. In meiner Sprache macht sich mein eigentliches Ziel der Zuneigung eben doch sofort wieder bemerkbar. Aber an solch einen triumphalen Sieg für den MSV Duisburg ist im Moment ja nicht zu denken. Mir würde ein klug herausgespielte 1:0 auch schon völlig reichen. Beim zusammengewürgten Stolpersieg käme ich allerdings weiter ins Grübeln.

Wieder zu Hause sein. Wie schön, wie schrecklich. Ich kenne nun das Ergebnis vom Heimspiel gegen den FC Hansa Rostock, lese die Berichte zum 0:0 und nehme die Stimmung danach zur Kenntnis. Kurz und knackig findet sich diese Stimmung in Tinas Achterbahn – mit übrigens neuer Adresse für den Blog. Da dunkelt am Horizont die Vergangenheit ab dem vorletzten Jahr. So eine Stimmung langt für eine Woche Sorgen und Nachdenklichkeit. Was geschieht da bei Mannschaft und sportlicher Leitung?

Nehmen wir mal ein wenig Abstand und überlegen, wie sich die gegenwärtige Lage von der im letzten Jahr unterscheidet. Da sind zunächst und vor allem die Erwartungen an diese Mannschaft. Letztes Jahr waren alle im Verein und um den Verein herum schon mit kleinen Erfolgen zufrieden. In diesem Jahr schien es, als befände sich der MSV Duisburg auf einem ambitionierteren Niveau. Die Wirklichkeit entspricht den Erwartungen nicht. Im letzten Jahr hätten wir Fans und die Verantwortlichen im Verein mit Geduld auf bessere Zeiten gehofft. In diesem Jahr gibt es diese Zeit nicht. Dementsprechend ist die psychische Situation für alle Beteiligten eine vollkommen andere. Womöglich ist diese veränderte Ausgangssituation von uns allen unterschätzt worden. Diese veränderte Ausgangsposition führt etwa zu auseinander treibenden Energien bei der Wertung zum Spiel. Milan Sasic sagt nach dem Spiel: „Kein Verantwortlicher in diesem Verein übt Druck auf die Mannschaft aus.“ Hingegen Goran Sukalo großen Druck  spürt, wenn er sagt: „Der MSV ist ein großer Verein und alle erzählen vom Aufstieg“. Zunächst ist es völlig unerheblich, woher der Druck kommt. Wenn er denn da ist, ist er da, und damit muss Milan Sasic umgehen – auch wenn er sich noch so ärgert. Später mehr dazu.

Sehen wir weiter: In der letzten Saison gab es mehrere Spieler mit Wünschen und Hoffnungen für die Zukunft der eigenen Karriere. Das war natürlich ein Julian Koch, der sich beim MSV Duisburg spielerisch verbessern wollte für seine Zukunft bei Borussia Dortmund. Das war ein Stefan Maierhofer, der seine Karriere bei der österreichischen Nationalmannschaft fortsetzen wollte und deshalb Spielpraxis suchte. Das waren aber auch sogar Filip Trojan oder später Ivica Banovic, die sich ebenfalls sich aus dem Stillstand ihrer Karrieren herausarbeiten wollten. Dazu kamen Olcay Sahan und Sefa Yilmaz. Beide jung, ehrgeizig und mit deutlich nach oben weisenden Leistungskurven. Zu anderen Spielern ließe sich ähnliches sagen, belassen wir es bei dem kurzen Ausflug in die Vergangenheit. Diesen Spielern gemeinsam war aber das klare Wissen, für ihre sehr individuellen Ziele brauchten sie den Erfolg der Mannschaft. Ohne diesen Erfolg der Mannschaft hätten sie sich noch so sehr anstrengen können, ihre individuellen Qualitäten hätten sie nicht zeigen können. Diese Mannschaft startet also mit einer großen psychischen Energie und der Unbelastetheit des Außenseiters.

Die Zusammensetzung des Kaders in dieser Saison sieht völlig anders aus. Bei den Neuverpflichtungen gibt es weitaus weniger Spieler, die sehr konkrete individuelle Ziele haben. Erfolgreich sein will jeder, doch ist diese Zielsetzung viel zu allgemein, um dafür zum einen regelmäßig an Leistungsgrenzen zu gehen, aber auch um sich mit den eigenen Interessen in einer Gruppe einzufügen. Je allgemeiner mein Bild von Erfolg, desto unkonkreter der Anspruch an die eigene Leistung und desto leichter wird der Verweis auf andere für Misslingen. Auf mich macht es den Eindruck, als ob zu viele der Spieler sich des notwendigen Zusammenhalts der Mannschaft ungewiss sind. Bei all dem, was ich bislang gesehen habe, wirkt es oft so, als hätten die Spieler ein Bild von ihrem Spielvermögen, in dem Mühen des Ligaalltags noch keinen Platz haben. Wenn ich zurückdenke an den letztjährigen Saisonauftakt beim Pokalspiel in Lübeck, so war dort die Freude über den Erfolg als Gemeinsamkeit spürbar. Das war ein ausgelassenes Feiern beim Sieg gegen einen niederklassigen Verein. In Babelsberg hat es das in dieser Form nicht gegeben. Sicher war da Freude zu sehen, aber die psychische Energie spendende Gemeinsamkeit konnte ich in der Freude der Mannschaft nicht spüren.

Ich gebe zu, ich befinde mich hier auf dem weiten Feld von Spekulation und diffusem Herumtasten. Mein Grund dafür sind aber die Stellungnahmen von Spielern und sportlicher Leitung. Da erlebe ich ebensolches Spekulieren und Herumtasten auf gleichem Gebiet. Bei der Suche nach Gründen für schlechtes Spiel geht es nach dem Spiel gegen den FC Hansa Rostock wenig um die taktische Ausrichtung. Es geht um individuelle Fehler und die Psyche.

An dem Punkt beginnt mich eine kleine Sorge zu kitzeln und die heißt Milan Sasics Persönlichkeit. Erfolg hatte er mit einer Mannschaft, deren Fehler er verzeihen konnte. Im Moment wirkt es nach außen nicht so, als sei er diesem Kader gegenüber so fehlertolerant wie dem letzten. Nun kann man sagen, das muss er auch nicht sein. Die Spieler kamen mit dem Versprechen auf ein anderes spielerisches Niveau. Doch in der vorletzten Saison gab es solche Spieler dieses Niveaus im Verein ebenfalls, und sein Umgang mit dem Misserfolg damals verbesserte die Situation nicht. Die Situation jetzt gleicht ein wenig der damals. Die Zusammenstellung des Kaders bringt es mit sich, dass nicht mehr alle Spieler aus einer Underdog-Situation kommen und in Milan Sasic den Mann sehen, der ihnen bei ihrem sehr persönlichen Karriereziel per Erfolg der Mannschaft weiterhilft.

Ich hoffe sehr, dass Milan Sasic mehr Möglichkeiten hat, Spieler anzusprechen, als er es nach außen zeigt. In Momenten des Misserfolgs ist es ein schwieriger psychischer Balanceakt, wenn ein Trainer sich mit dem Publikum solidarisiert. Da gehört dann viel Nacharbeit im Trainingsalltag zu, damit eine Gruppe nicht zerfällt. Wenn ich bei Tina zu so einem frühen Zeitpunkt der Saison von einem heftigen Streit zwischen Mannschaftskameraden lese, wird das Kitzeln der Sorge fast schon unangenehmes Bohren. Sicher, ich bin weit weg von der Mannschaft. Ich bin nicht bei den Kabinenansprachen dabei. Ich weiß nicht, wie die Spieler sonst miteinander umgehen. Mir ist unbekannt, wie stabil das Vertrauensverhältnis der einzelnen Spieler zu Milan Sasic ist. Ich will all diese Gedanken nicht, doch sie stellen sich nach diesem Saisonstart ein, und ich beginne mich schon wieder zu fragen, wie das Darüberschreiben zur Stimmung beiträgt. Auch das erinnert mich so unangenehm an alte Zeiten. Andererseits sind diese Stimmungsausschläge mir dann doch lieber, als der spannungsarme Jubel beim Nachmittagstee auf der Tribüne in London, nachdem unten ein weiß gekleideter Mann einen Ball, kunstvoll angedreht, durch die Gegend geworfen hat.


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