Posts Tagged 'Das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg'

Sich erinnern mit dem Umbro-Trikot – Auswärtssiege in Saarbrücken und Schalke

Stefan Naas sammelt MSV-Trikots. Das machen einige Anhänger des MSV Duisburg. Stefan Naas lässt uns aber auf seiner Seite im Netz MSV-Trikots.de am Wachstum seiner Sammlung teilhaben. Die letzte Errungenschaft seiner Sammlung ist ein Umbro-Auswärtstrikot aus der Saison 1977/78. Zu dem Trikot erzählt er eine kurze Geschichte, die eine Frage offen lässt. Denn eigentlich war der Ausstatter der Mannschaft in jener Saison adidas. Wer seine Seite noch nicht kennt, wird sich zudem beim Weiterklicken durch die Sammlung noch an das ein und andere Spieler der eigenen MSV-Vergangenheit erinnern können.

In jener Saison wurde das Trikot zweimal getragen. Es ist ein schöner Zufall, dass ich bei einem dieser Spiele dabei war, und auch ich über diese Auswärtsfahrt bereits eine schöne Geschichte erzählt habe, eine Geschichte, die eine der ersten für mein Fan-Gedächtnis vom MSV Duisburg gewesen ist. Beim 1:0-Auswärtssieg des MSV gegen den FC Schalke 04 habe ich nämlich seinerzeit von diesem FC Schalke 04 als MSV-Fan eine etwas ungewöhnliche und wahrscheinlich nicht beabsichtigte Siegprämie für meine Auswärtsfahrt erhalten.

Ich nutze mal die Gelegenheit, um auf das Fangedächtnis hinzuweisen. Ich hatte es begonnen, um Geschichten zu sammeln, die ihr aus eurem Leben mit dem MSV Duisburg für besonders erinnerwert haltet. Schreibt sie auf, schickt sie mir. Jetzt ist Sommerpause. Da habt ihr vielleicht etwas mehr Zeit. Es reichen auch Stichworte, wenn ihr nicht selbst länger was schreiben wollt. Dann würden wir uns demnächst mal vor einem Spiel des MSV treffen. Ihr erzählt dann. Ich nehme auf und transkribiere.

Weltgeschichtentag des Glücks: MSV Duisburg – Erzählt uns was

Wer ist in dieser Welt eigentlich zuständig? Nicht mal bei den Welttagen hat die UN das letzte Wort. Die möchte nämlich, dass wir heute den Welttag des Glücks begehen. In der Zeitung aber erfahre ich, heute ist der Weltgeschichtentag. Anscheinend entscheidet auch in dem Fall nur der besserere Draht zur lokalen Panorama-Redaktion, welche Geschichte gedruckt wird. Oder Bunte-Seiten-Redakteure trauen der UN keine leichten Themen zu? Dabei wird  jeder mit ein wenig Lebenserfahrung wissen, beide Welttage haben ursächlich miteinander zu tun. Unablässig erzählen wir gute, rosig eingefärbte Geschichten über das eigene Leben und haschen so nach Glück und Zufriedenheit.

Teilt doch eine dieser rosigen Geschichten, die ihr mit dem MSV Duisburg erlebt habt, für das Fangedächtnis. Drachen und Ungeheuer sind in diesem Jahr das Thema des Weltgeschichtentags. Irgendeiner von euch wird doch mal ganz alleine Hrubesch, dem mythischen Kopfballungeheuer, im Dunkeln vor dem Stadion begegnet sein? Die Jüngeren unter uns Fußballgeneigten kennen wahrscheinlich dieses Ungeheuer gar nicht mehr. Die Gegenwart hat das Ungeheuer ja zum Monster aufgepeppt, und ob so eins schon mal in Duisburg gesichtet wurde. Ich weiß es nicht. Ihr wisst es besser.

Misslungene Reliquienerschleichung nach der Meniskus-OP in den 1960ern

Kurz bevor dem MSV die Lizenz für die 2. Liga verweigert wurde, besuchte ich  eine Vernissage, mit der in Bergisch Gladbach eine Ausstellung mit „Visueller Fußballpoesie eröffnet wurde. Klaus Hansen hatte die Werke geschaffen, und ich war da, weil der 1948 geborene Klaus Hansen MSV-Fan ist. So kam es zum „Zebratwist im Kunstsalon“. Dieser Klaus Hansen hat für 11 Freunde ein paar Erinnerungen aufgeschrieben, vornehmlich an den Fußball seiner Jugend in den 1960er Jahren. Erinnerungen, wie sie auch im Fangedächtnis des MSV Duisburg stehen könnten. Nehmt seine Worte als Anregung, setzt euch hin und schreibt eine Erinnerung an den MSV Duisburg auf. Schreibt, wie es euch gefällt. Es geht um die Persönlichkeit in eurer Stimme. Erzählt eure Geschichten der Welt, auf dass sie nicht vergessen werden.

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg – Zu meiner Zeit. Teil 2: Alltag in Meiderich –

Nach der Veröffentlichung von „111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ nahm Manfred „Manni“ Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, Kontakt mit mir auf. Wir besuchten dieselbe Schule. Auch wenn er ein paar Klassen über mir war, kamen wir in dem Mail-hin-und-her ins Erinnern. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das „Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg“, den Manfred Wiegandt schrieb. Er ist so lang gewordne, dass ich ihn in mehreren Teilen veröffentliche.

Heute geht es weniger um den MSV Duisburg als um den Alltag eines Kindes in Meiderich Mitte bis Ende der 1960er Jahre.

Zu meiner Zeit – Teil 2 –

von Manfred Wiegandt

Der Platz an der Stolzestraße war ein kleiner Ascheplatz. Wenn man richtig Fußball spielen wollte, musste man etwas weiter, an die Borkhofer Straße, gehen, zum „Acker 17“. Später musste der Platz dort dem inzwischen wieder abgerissenen Meidericher Hallenbad weichen; heute gehört der Bereich zum Vereinsgelände des MSV. Das war ein Fußballplatz mit richtigen Dimensionen und richtigen Toren. Dennoch spielten dort meist viele Kinder in verschiedenen Spielen und steckten sich Tore mit Stöcken oder Kleidungsstücken ab. Der große Vorteil hier war, dass es kein Hartplatz, sondern so etwas wie Rasen-, besser (abgetretener) Grasplatz war. Ich erinnere mich noch genau, dass in dem Bereich hinter dem zur Straße gelegenen Tor große Brennnessel-Flächen waren, aus denen der Ball häufig herausgeholt werden musste. Als ich kleiner war, ging ich seltener dorthin. Es war weiter weg von zu Hause, und ich hatte kein geeignetes Fahrrad. Obwohl – in der Grundschule bis in die ersten Jahre des Gymnasiums war bei uns das Rollerfahren noch „in“. Wir waren mit unseren Rollern, deren Reifen knallhart aufgepumpt waren, oft schneller als jeder gleichaltrige Fahrradfahrer. Ich weiß noch, wie ich mit meinem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder – ich kann höchstens acht oder neun gewesen sein – auf Pantoffeln an der damaligen Straßenbahnlinie 9 entlang durch die Ruhraue und durch Duissern in die Duisburger Innenstadt rollerte und dann über Ruhrort und das Hafengebiet am Meidericher Stadtpark vorbei zurück kam. Unserer Mutter hatten wir zum Glück nichts davon gesagt. War ohnehin eine ganze spontane Idee gewesen. Wir wagten uns damals auch deshalb nicht oft zum Acker 17, weil wir dabei an der Ecke Gerrickstraße/Borkhofer Straße vorbei mussten. Dort gab es einige berüchtigte Häuser innerhalb eines Häuserblocks, den man durch einen Torbogen erreichte. Lief man auf dem Weg zum Acker 17 an dieser Ecke den falschen Jungen in die Arme, konnte man sich auf eine Abreibung gefasst machen. Vieles war dabei auch mehr Gerücht als Wahrheit, denn ich hatte zwei Klassenkameraden dort, mit denen ich befreundet war und mit denen ich – natürlich – Fußball spielte. Verkloppt wurde ich dabei nie.

Das ist für mich so charakteristisch für die damalige Zeit: wie uns der Fußball in jeder Hinsicht geprägt hat. In meinen Erinnerungen war das Bolzen die Hauptfreizeitbeschäftigung, quasi überall, wo man es tun konnte – und manchmal gar nicht durfte. Im Meidericher Stadtpark z.B. wurden wir regelmäßig vom Parkwächter, der auf einem Fahrrad mit einem Schäferhund patroullierte, von den Wiesen vertrieben. Aber auf „Rasen“ zu spielen, lockte uns so sehr, dass wir immer wieder kamen. Fußball war immer da, auch in der Schule. In den Freistunden veranstalteten wir auf  dem Handballplatz vor der Turnhalle immer Klassenspiele. Ich spielte auch in der Schulmannschaft, zusammen mit einigen weit besseren Schülern, zum Beispiel mit Uwe Hansel, der von der A-Jugend des MSV unter Quinkert zu Uerdingen wechselte und dort einige BL-Spiele und eine ganze reihe Zweitligaspiele absolvierte. Da ich ausgerechnet am letzten Tag des Jahres geboren war und die Altersgrenzen für Schulmannschaften sich anders als im Vereinssport nach dem Geburtsjahr richteten, schied ich immer ein Jahr zu früh aus der entsprechenden Mannschaft aus. Auf dem jährlichen Schulsportfest, das damals noch im Schwelgern-Stadion in Hamborn statt fand, war der Höhepunkt jedes Mal das abschließende Spiel Lehrer gegen Schüler des Abiturjahrgangs.

Schwer fällt es mir zu sagen, wann ich mich zum ersten Mal für Fußball zu interessieren begann. Es muss nach dem Umzug unserer Familie von Untermeiderich (St.-Vither-Straße) nach Mittelmeiderich in eine Neubauwohnung im sozialen Wohnungsbau auf der Bürgermeister-Pütz-Straße (an der Ecke gegenüber der Stolzeschule) gewesen sein. Ich war damals vier – genauer gesagt viereinhalb. Das war sehr wichtig, wie überhaupt jeder Tag, den man älter als ein anderes Kind war, enorme Bedeutung hatte. Wir hatten dort einen Innenhof, auf dem die Wäsche aufgehängt wurde und auf dem die etwa ein gutes Dutzend Kinder spielen konnten. Nicht viel freie Fläche, fast nur Beton, aber die Teppichstangen waren natürlich ideale Tore, wie auf allen Nachbarhöfen, auf denen man sich zum Bolzen herum trieb. Leider war das Fußballspielen verboten, wenn Wäsche hing, und das was sehr oft der Fall. Intensiver erinnere ich mich noch an das Fußballspielen auf einem kleinen Schulparkplatz auf der Stolzestraße, der nach Schulschluss meist frei war. Wir markierten an einer Wand mit Kreide ein Tor und spielten dann auf ein Tor bis zehn. Der Torwart warf den Ball immer unparteiisch über den Rücken ab. Ich war damals einer der Torschützenkönige und erzielte meist mehr als die Hälfte der zum Sieg erforderlichen Treffer. Wenn der Parkplatz ganz frei war, wurde dann auch richtig auf zwei Tore gespielt. Ein anderer verbotener Platz war ein Stück Rasenfläche neben der FINA-Tankstelle gegenüber unserem Haus. Der Tankwart war jedoch ein recht miesepetriger Typ, der uns regelmäßig vertrieb. Im Sommer allerdings, wenn die Tankstelle am Abend geschlossen war, wir Ferien hatten und es noch bis nach zehn Uhr hell war, konnten wir dort ohne diese Interventionen bis spät abends „auf Rasen“ bolzen. Das Allergrößte war für uns, wenn wir den heiligen Rasen an der Westender Straße betreten und dort auf die richtigen Tore mit Netzen schießen konnten. Das Vergnügen dauerte aber nie sehr lange, da der MSV-Platzwart sehr aufmerksam war und keinen Unbefugten auf dem grünen Teppich duldete. Oft genug haben wir auch den Profis beim Training zugesehen: da war man in unmittelbarer Nähe von Ruuudi Seliger, dem holländischen Friseur Kees Bregman oder auch Kuddel Jara oder Flieger Gerhard Heinze und wie sie alle hießen.

Unsere Ausrüstung war damals noch bei Weitem nicht so elegant wie bei den heutigen Jung-Fußballern. Ich weiß gar nicht, wie alt ich war, als ich meine ersten Fußballschuhe bekam. Ich weiß nur, dass sie „Adidas Argentina“ hießen; der populärste Schuh war damals wohl „Adidas Uwe“. Später trug ich dann meist Puma-Schuhe, weil ich sie bequemer fand. Vielleicht auch, weil der MSV und Gladbach mit Puma ausgerüstet waren. Wir spielten meist auf Hartplätzen und daher wären Nockenschuhe oder auch nur einfache Sportschuhe eigentlich das Beste gewesen. Stattdessen war aber jeder bestrebt, Schuhe mit Schraubstollen zu bekommen. Das machte einen mehr professionellen Eindruck. Richtige Trikots hatten wir in der Regel auch nicht. Es war sogar recht schwierig für jemanden, der nicht im Verein spielte, einfach ein Trikot seiner Wahl zu kaufen. Eigentlich war das einzige Trikot, das man sah, das Zebratrikot. Dann raunten die anderen Jungen gleich: „Der spielt im Verein.“ Und man hatte gleich mächtig Respekt. Ein Freund von mir tauchte eines Tages auf dem Bolzplatz mit einem gelb-schwarzen Trikot auf und wir waren alle beeindruckt, einen Dortmund-Fan zu sehen. Doch dann offenbarte er, dass dies ein Trikot von Hamborn 07 sei, was ihm den Spott aller Anderen eintrug, obwohl Hamborn 07 damals noch in der Regionalliga West und damit zweitklassig war. Als Torhüter wollte man gerne Knieschoner haben, die auf den Hartplätzen sehr hilfreich waren. Ich glaube, dass ich aber nie welche bekam, obwohl ich als Pimpf gerne im Tor stand. Da mein Geburtstag Silvester und damit nur eine Woche nach Heilig Abend war, musste ich meine Fußball-Ausrüstungs-Wünsche auf das Ende des Jahres konzentrieren. Danach gab es nichts mehr. Ich ging dann meist zu dem kleinen Sportgeschäft Thielen auf der Bahnhofstraße in Meiderich. Der Sohn war in meiner Parallelklasse. Wichtig waren natürlich die Bälle, aber solche aus Leder waren teuer, und so haben wir anfangs meist mit irgendwelchen Plastikbällen gespielt, die dann natürlich regelmäßig, z.B. durch die Dornen hinter dem Tor, kaputt gingen. Ich hatte meinen  ersten guten Lederball erst, als ich schon studierte. Mein kleiner Bruder besaß einmal einen Basketball, der zwar unheimlich aufstolzte, wie wir sagten, aber recht haltbar war. Eines Tages nahmen ihm zwei Zwillinge den Ball weg, und er kam nach Hause. Meine Mutter schickte mich los, den Ball von den Jungen zurück zu holen. Die Zwillinge waren zwar ein wenig jünger als ich, aber dafür einen Kopf größer. Zum Glück hatten sie noch mehr Schiss vor mir als ich vor ihnen und der Ball kam nach einer Weile zurück. Bald darauf nahmen einige junge Arbeiter meinem Bruder den Ball in ihrer Mittagspause weg und spielten so lange, bis er schließlich kaputt war.

Fortsetzung folgt. Und den schon mal ins Fan-Gedächtnis!

Teil 1 findet sich hier.

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg: Zu meiner Zeit – Teil 1 –

Die Veröffentlichung von „111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ hat auch sympathische Nebenwirkungen. Manfred „Manni“ Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, schrieb mir, weil wir dieselbe Schule besucht hatten. In dem Mail-hin-und-her kamen wir ins Erinnern, auch wenn er ein paar Klassen über mir war. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das „Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg“, den Manfred Wiegandt schrieb. Danke Manni!

Zu meiner Zeit – Teil 1 –

von Manfred Wiegandt

Zu meiner Zeit (Abi 1976) auf dem Max-Planck-Gymnasium (MPG) haben wir an der Westender Straße vor dem Sportunterricht öfters Dietmar Linders noch ein paar Bälle „drauf“ schießen können. Er hat uns dann auch vor dem Platzwart beschützt. Als ich noch in der Grundschule war, sind wir mit dem Fahrrad in Meiderich herum gefahren und haben bei den Spielern angeklingelt, um nach Autogrammen zu fragen. Die Adressen hatten wir aus dem Telefonbuch. War damals noch möglich – zum Beispiel bei Werner „Eia“ Krämer, der später öfters in unserer Stammkneipe am Markt bei O’Kelly sein vom Bierwärmer gewärmtes Pilschen trank. Oder bei Versteeg; er wohnte, soweit ich mich entsinne, in einer kleinen Mietwohnung auf der Von-der-Mark-Straße in Meiderich gegenüber der katholischen Kirche. Seine Freundin (oder Frau) führte uns in die Wohnung, wo sie uns ein Autogrammbild heraussuchte, oder Manfred Müller da sind wir auch hin. War das in Obermeiderich? Überhaupt war es nicht so etwas Außergewöhnliches, wenn man einem MSV-Spieler in Meiderich über den Weg lief. Lulu Nolden, immer noch der treffsicherste Elfmeter-Schütze, den der MSV je hatte, eröffnete nach Ende seiner Karriere eine Kneipe auf der Gabelsberger Straße gegenüber der Post. Seine Tochter war in der Klasse meines „kleinen“ – zweieinhalb Jahre jünger als ich – Bruders. In der gleichen Straße, nicht einmal hundert Meter entfernt, hatte Michael Bella, einer der zuverlässigsten Verteidiger in der Zebra-Geschichte und außerdem immer noch der Rekord-BL-Spieler der Zebras, einen Betrieb, und man sah ihn öfter sogar noch während seiner aktiven Zeit dort.

Mein Sportlehrer am MPG und auch derjenige, der meine Fußball-Abiturprüfung abnahm, war damals Klaus Quinkert, und ich kann immer noch erzählen, dass ich von einem Bundesligatrainer – Bayer Uerdingen – „trainiert“ wurde. Quinkert war ein ausgesprochen netter Mensch, dem es Nichts ausmachte, neben den Halbprofis (!) von Bayer Uerdingen – darunter z.B. Friedhelm Funkel – auch talentierte und untalentierte Kinder an der Schule zu unterrichten. Einmal verlor aber selbst dieser gutmütige Mensch die Geduld. Nachdem der MSV im Auswärtsspiel an der Grotenburg-Kampfbahn in Krefeld die Uerdinger 4:0 abserviert hatte, musste sich der Trainer am Montagmorgen von einer Klasse in der Turnhalle des MPG die Rufe „Absteiger, Absteiger“ anhören. Nun denn, die Lauthälse brauchten ihren Atem bald beim außerplanmäßig von Quinkert angeordneten Circle-Training.

Reiner Piepenburg war auch auf dem MPG. Er spielte beim MSV in der Jugend und gehörte zu der A-Jugend, die 1978 überraschend die Deutsche Meisterschaft verteidigte. Ich war im Essener Uhlenhorst-Stadion als Zuschauer mit dabei. Pierre Littbarski war in der gegnerischen Mannschaft von Hertha Zehlendorf und spielte in der ersten Halbzeit seinen Gegenspieler Jasinek – Wieso weiß ich den Namen noch? – schwindelig. In der zweiten Halbzeit stellte Trainer Wenzlaff um und Gebauer brachte Litti besser in den Griff, so dass der MSV noch klar mit 5:2 gewann. Ich habe die A-Jugend des MSV schon verfolgt, als sie das erste Mal Meister wurde – mit Ronnie Worm und mindestens fünf weiteren späteren BL-Spielern unter Trainer Willibert Kremer. Ich erinnere mich da an ein Freundschaftsspiel gegen den HSV an der Westender Straße. Wir sind dort immer durch ein Loch im Zaun geschlüpft. Manni Kaltz, Rudi Kargus und Peter Hidien, alle spätere BL-Spieler, spielten für die Hamburger. Der MSV gewann 2:1; Worm schoss ein Tor – oder waren es beide? – , ein satter Schuss vom linken Strafraumeck aus in den Winkel. Wir nannten Reiner Piepenburg immer „Piepe“.

Schon seit frühester Schulzeit haben wir und eine Reihe anderer Kinder aus der Umgebung fast täglich auf dem Bolzplatz an der Stolzestraße zusammen Fußball gespielt. Sie heißt jetzt südlich der Bürgermeister-Pütz-Straße, also dort, wo für mich damals die Musik spielte, Hermann-Bongers-Straße. In derselben Straße wohnte auch der damalige Bundesliga- und spätere FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig; er hat über 150 BL-Spiele gepfiffen. Sein Sohn, der zwei, drei Jahre jünger war als ich, schiedsrichterte auch schon früh. An der Ecke Stolzestraße/Letjensstraße gab es einen Tante-Emma-Laden, der von den Eheleuten Stamm betrieben wurde. Das war ein Laden, bei dem man noch anschreiben lassen konnte. Die Rechnung wurde dann bezahlt, wenn der Vatter sein Monatsgehalt bekam. Ihr Sohn Achim, damals Ende 20/Anfang 30, war mit im Laden tätig und hatte immer eine freundliche Geste für uns. Es ging damals das Gerücht um, er sei einmal ein talentierter Fußballer beim MSV gewesen, habe dann aber aufgrund einer Verletzung die Karriere beenden müssen. Kam man mit einem Ball am Laden vorbei, demonstrierte er meist kurz seine Dribbelkünste. Wir waren immer fasziniert, wenn jemand gut „fummeln“ konnte, wie wir das Dribbeln bezeichneten. Vor ein paar Jahren habe ich dann in einer MSV-Chronik das Gerücht bestätigt gesehen. Er war zusammen mit u.a. Krämer, Heidemann, Müller und Danzberg auf einem Foto nach dem Gewinn der Niederrhein-A-Jugend-Meisterschaft im Jahre 1955 zu sehen.

Auf dem Bolzplatz an der Stolzestraße  – Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hieß er für uns immer „Stalzberg“ mit Betonung auf Berg –  haben wir auch „Lattentreffen“ (Pfosten 1 Punkt, Latte 2 Punkte, Lattenkreuz 3 Punkte, das Ganze bis 21) oder „Auspunkten“ gespielt. Bei Letzterem musste der Ball immer direkt aus der Luft verwandelt werden. Jeder hatte 21 Punkte, und wer einen Fehlversuch hatte, musste ins Tor. Nur der Torwart konnte Punkte verlieren, wenn er einen Ball durchließ. Am Samstagmorgen spielten wir oft die BL-Spiele „vor“, die dann so ausgingen, wie wir es gerne wollten, wohl der einzige Ort, an dem der MSV nie verlor. Piepe war damals noch der Kleinste, durfte aber, weil er so einen Torriecher hatte, bei uns Größeren mitspielen. Manchmal wurden wir von noch Größeren oder gar Erwachsenen vom Platz vertrieben, einmal sogar während eines Klassenspiels. Ich war in dem Spiel Torwart gewesen. Auf Asche hatte man da trotz aller Polsterungen immer aufgeschlagene Knie. Der erste Schuss des anderen Teams, das eine Klasse höher  – 4.? – war als wir, landete aus kurzer Entfernung direkt in meinem Gesicht. Ich lag benommen im Tor und hörte meine Schulter klopfenden Mannschaftskameraden sagen: „Klasse gehalten!“

Fortsetzung folgt. Und den schon mal ins Fan-Gedächtnis!

Zum Glück war Wacker nicht der Spielverein – Teil 2

Hans F.  (* 1939)

Einmal sind wir nach Schalke gefahren, und dann kommen wir da an … wir hatten ja keine Karten, du musstest ja immer da die Karten kaufen. Ja, und dann hieß es, ihr kommt nicht rein, das Stadion ist voll. Da standen wir dann da an so einem Nebentor. Das hatten die zugemacht, und die Fans, die haben geglaubt, die wollten uns nur nicht reinlassen. Da standen zwei Ordner, die haben gesagt: „Das geht nicht“, …. es hatte vorher geregnet … „dahinter ist ´ne Riesenpfütze“. Und die Fans haben das nicht geglaubt. Ich schätze mal, das waren so hundert, hundertfünfzig Leute. Die haben sich dann alle gesagt: „Wir gehen hier rein“. Dann haben die mit Gewalt das Tor aufgedrückt. Da war dann wirklich eine Pfütze … bestimmt dreißig Meter im Durchmesser …Wahnsinn … und da kannst du dir vorstellen, die ersten …da lagen bestimmt zwanzig, dreißig Mann in der Matsche da. Das sah aus. Aber das hat die nicht gestört. Da sind die durch und rein. Hauptsache, die waren im Stadion.

Ja, und dann hier noch Oberhausen … nach Rot-Weiß Oberhausen … da sind wir ja immer zu Fuß gelaufen … am Kanal entlang. Aber Oberhausen war nicht gut. Da musste man immer aufpassen  Das war immer mit Schlägerei verbunden. Das war damals auch schon so mit der Rivalität. In Oberhausen war es schlimm. In Aachen bin ich nicht gewesen. Das war mir zu weit. Aber in Aachen war es auch immer sehr schlimm mit den Schlägereien. Das waren ja immer die Kartoffelkäfer … mit den gelben Trikots. Auch hier nach Bottrop sind wir gefahren und nach Essen …selbstverständlich auch ins Duisburger Stadion …der DSV war ja damals auch in der Oberliga. Das war ja nicht nur der MSV. Da war ja auch noch Hamborn 07, Duisburger Spielverein … das waren ja schon alleine drei Vereine hier in Duisburg.

Die Atmosphäre damals im Stadion an der Westender Straße … das war schön. Das war kleiner als heute. Gut, da waren ja auch fünfzehn-, zwanzigtausend Zuschauer. Aber … ich weiß nicht … das war alles … wie wollen wir mal sagen … wie so eine Familie. Das war so richtig angenehm. Da freute man sich so richtig drauf. Nachher als das mit der Bundesliga losging … die Spiele gegen Frankfurt und Hamburg und die ich da noch gesehen habe … das war ja zu voll alles. Das Stadion war zu voll. Obwohl … wenn hier auch Dortmund kam, damals noch in der Oberliga zur Westender Straße oder auch Rot-Weiß Essen, das Stadion war auch voll.

Schon die Straßen in Meiderich zum Stadion, die waren dann proppevoll. Da fuhr ja bloß so eine kleine Bimmelbahn zum Stadion. Da gingen ja vielleicht dreißig, vierzig Mann rein. Das waren Massen, die dahinströmten. Da war gegenüber von dem MSV-Platz noch alles frei. Da parkten die ganzen Autos. Hinten, Richtung Ratingsee war auch noch ein Platz für die Autos. Es war schon sehr beengt. Da ging nichts mehr, wenn die Zuschauer da so im Trupp kamen. Die Straßen waren ja nicht so breit wie heute. Das war alles eng. Das war ja was … 15.000 zum Meidericher Spielverein.

Wenn ich mich jetzt an was besonderes erinnern soll, da denke ich an Helmut Rahn. Da war der noch bei Rot-Weiß Essen. Und die haben dann in Meiderich gespielt und Helmut Rahn hat einen Strafstoß geschossen. Das war ein Wahnsinn. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob das der Faust war oder der Pajonk Der hatte die Hand zwischen Latte und Ball und hat sich vor Schmerzen die Hand fest gehalten. Der Rahn hatte ja einen Gewaltschuss.

Bei den Meiderichern fällt mir Burger Hetzel ein. Den habe ich zwar nicht mehr viel gesehen, aber das war ein guter Spieler. Da haben wir uns gewundert, dass der nicht in die Nationalmannschaft kam. Aber der Herberger mochte den nicht. Warum weiß ich nicht, ich nehme mal an, der Hetzel hat sich nichts gefallen lassen. Dann haben die so ein Auswahlspiel gemacht … Nationalmannschaft gegen den MSV. Da hat der Burger Hetzel der Auswahlmannschaft drei Tore reingemacht. Und seitdem war´s ganz aus. Nee, der Herberger mochte den nicht. Der hielt sich immer an Ottmar und Fritz Walter fest. Da hatte der Hetzel keine Chance. Gut, der Fritz und der Ottmar, die waren einiges jünger. Da konnte man sagen, dass die Zeit von Hetzel schon vorbei war. Die haben ja damals zu der Zeit, als ich noch auf den Platz ging, mit vier-, fünfunddreißig nicht mehr gespielt. Wenn die mal bis achtundzwanzig, dreißig gespielt haben, war das lang.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

Und ab ins „Fan-Gedächtnis“

Zu viel wollen und schon wieder an das eine denken

Wahrscheinlich hat Milan Sasic recht, als er nach dem Sieg gegen Fortuna Düsseldorf die paradoxe Bemerkung machte, der Erfolg sei der größte Gegner vom MSV Duisburg. Viele Sportler auf jeder Leistungsebene bis hinab zur Kreisklasse kennen wahrscheinlich diesen Moment. In einem Spiel oder einem Wettbewerb wird etwas möglich, was zu Beginn des Spiels oder des Wettbewerbs allenfalls eine insgeheime Hoffnung gewesen ist. Gewinnen wollen wir als Sportler am Anfang natürlich immer. In meinem Sport Basketball will ich das noch in der voraussichtlich aussichtslosesten Begegnung gegen Spieler, die unsere Kinder sein könnten und zudem allesamt einen Kopf größer sind als wir. Das sich selbst Überraschen mit dem eigenen Erfolg nehme ich in meinem Alter als amüsante Volte des Lebens, während ich häufig erlebe, wie junge Spieler nervös werden angesichts der Möglichkeit zum unerwarteten Sieg.

Dauerhaft gut zu sein, braucht auch Übung. Es ist leichter, immer mal wieder mit einer besonderen Leistung zu verblüffen als ein höheres Niveau stabil zu halten, selbst wenn sich das noch unter dieser einmaligen besonderen Leistung befindet. Vielleicht gibt es in der Mannschaft des MSV Duisburg tatsächlich zu viele Spieler, die von den Möglichkeiten dieser Saison für den großen Erfolg zu beeindruckt waren. Sie verloren in der Rückrunde ihre Unschuld gegenüber dem Erfolg. Wenn das stimmt, liegt es auf der Hand, dass auch das Weiterkommen im DFB-Pokal die Alltagsarbeit eher erschwert hat als das daraus sich ein stabiles Selbstbewusstsein entwickelt hat. Auch dieses Erreichen des Finales kann in den Spielern Ansprüche an sich selbst geweckt haben, an die sie noch nicht gewöhnt waren.

Für den MSV Duisburg, den Verein und sein Umfeld, ist dieses Finale am 21. Mai in Berlin ein außerordentlich bedeutsames Spiel. Der MSV Duisburg ist solche Spiele nicht gewöhnt. Wir Zuschauer mussten wie die Spieler des MSV Duisburg mussten erst einmal damit umgehen, unsere Gedanken wieder auf die Zweite Liga zu konzentrieren.  Auch bei  mir schiebt sich das baldige Spiel der Spiele immer wieder vor die Gegenwart. Selbst ich als Zuschauer brauchte unabhängig von der Leistung der Mannschaft einige Zeit im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, um mich wirklich über die Leistung der Manschaft während der ersten Halbzeit zu ärgern.

Nun sind wir allesamt hoffentlich wieder im Liga-Alltag angekommen, und ich kann ohne Gefahr von den den Gesprächen vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf erzählen. Denn auch in diesen Gesprächen war der Pokalwettbewerb immer wieder ein Thema. Zweimal habe ich dann um eine kurze Pause gebeten und das Aufnahmegerät rausgeholt. So bekam ich Lesestoff für das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg. Dort steht nun eine kurze Erinnerung an das Halbfinale 1974/75 gegen Borussia Dortmund neben der etwas längeren Erinnerung an den Tag des Finales 1998 im Vergleich zu dem von 1974. Doch nicht nur Pokalwettbewerbe prägen die Erinnerungen von MSV-Fans. Manchmal werden Fußballgötter zum Leidwesen von jungen Fans sehr menschlich, als das Reinlichkeitsverhalten Anfang der 70er Jahre von ganz nahem betrachtet werden konnte.

Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg – auf ein Neues

Ich glaube, ich muss noch einmal etwas Werbung für Das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg machen und dabei euren Ehrgeiz kitzeln, weil der FC Schalke 04 der Gegner des MSV Duisburg im Pokalfinale ist.  Die Idee Fan-Gedächtnis wurde nämlich vom Schalker Blog Auswärtsieg für so eine gute Idee gehalten, dass dort nun ebenfalls nach Erinnerungen gefragt wird. Wie ich feststellen musste, trudeln diese Erinnerungen dort regelmäßig ein. Beim Fan-Gedächtnis des MSV noch nicht. Das, so meine ich, kann nicht sein, dass uns die Schalker da mit einer Duisburger Idee plötzlich was vormachen.

Mailt eure Geschichten oder kontaktiert mich, damit ich mit euch Interviews machen kann. Ich wiederhole hier die Worte des Fan-Gedächtnisses: „Im besten Fall lässt sich irgendwann mit den vielen gesammelten Stimmen nicht nur eine Geschichte des MSV Duisburg erzählen sondern auch eine Alltagsgeschichte des Ruhrgebiets.“

Ich stelle eure Erinnerungen erstmal hier online. Vielleicht lässt sich später wie beim FC Schalke 04 mal ein kleines Buch draus machen. Der Verlag Die Werkstatt will es im Herbst herausgeben. Erzählt also von den kleinen Dingen der Vergangenheit, von Kartenkauf und Auswärtsfahrten, erzählt von Siegen und Niederlagen und von der Zeit vor dem Spiel;  erzählt von den Momenten, in denen der MSV euer Leben durcheinander brachte, vom Alltag eines Lebens mit dem MSV Duisburg. Schickt mir eure Geschichten, egal ob kurz oder seitenlang, egal nach welchen Rechtsschreibregeln. Hauptsache, was ihr erzählt, ist eure erlebte Geschichte. Am besten wäre es noch, die Geschichte zeitlich zumindest ungefähr einzuordnen.

Mailt mir die Geschichten zu dieser Adresse:  zebrastreifenblog[at]web.de

Wenn euch das Schreiben zu viel ist, kann ich natürlich auch Interviews machen. Eigentlich wäre mir das sogar lieber. Das ist aber eine Zeitfrage. Vor allem erzählt es weiter, dass ich mich für die Alltagsgeschichte im MSV-Umfeld interessiere. Fragt gerade die älteren MSV-Zuschauer, ob sie zu Interviews Zeit finden. Sie sind meist nicht im Netz unterwegs, und sie haben viel zu erzählen.

Neu im Fan-Gedächtnis ist die Geschichte vom strengen Vater, der Aufstiegsfeiern für keinen ausreichenden Grund hält, die für Söhne herrschenden Familienregeln aufzuweichen.

Schlachtenbummler werden – Die 50er Jahre

Renate K.-K. (*1934)
Vom MSV habe ich das erst Mal gehört, als ich bei Dislich angefangen habe zu arbeiten. Da war ich Anfang 20. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass mein Chef Vorsitzender des MSV war. Da wusste ich aber noch gar nicht, was das bedeutet. Den MSV habe ich mir dann erst so vorgestellt, wie die Mannschaft, die wir zu Hause vom Schlafzimmerfenster aus immer sehen konnten, Wacker Meiderich, Männer, die Fußball spielten mit einem Trikot an. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es überhaupt Unterschiede in den Spielklassen gab. Weder mein Vater noch sonst einer in der Familie hat sich ja für Fußball interessiert.
Ich habe dagegen mir schon mal öfter vom Fenster aus Spiele von Wacker angeguckt. Das hat mich interessiert. Dann bin ich auch schon mal runter zum Platz gegangen. Ich kannte ja auch einige, die da gespielt haben, aber so richtig begeistert hat mich das nicht. Beim MSV wurde das dann anders. Die haben natürlich auch viel höher gespielt. Wacker, ich schätze mal das war Kreisklasse damals, höher auf keinen Fall, das war nicht schön anzusehen. Ich bin dann auch meist schnell wieder weggegangen. Beim MSV konntest du ja wirklich sehen, wie Fußball gespielt wurde. Das durftest du den Wackeranern aber nicht sagen. Da waren die beleidigt. Aber einen tollen Torwart hatten die, der hat gut gehalten. So viel ich weiß, ist der nachher zu 06 gegangen, Meiderich 06. Das mit Wacker, das muss direkt nach dem Krieg gewesen sein. Der Platz musste da erst von den Trümmern geräumt werden, und dann ist der erst wieder bespielbar gewesen.
Mit dem MSV dann, da bin ich dann mehr oder weniger rein gewachsen. Zu der Zeit war der Herr Kempkes, einer der Chefs von Dislich, erster Vorsitzende vom MSV. Und der hat dann oft über den MSV geredet oder wir haben schon mal Sachen geschrieben, welche Reporter dann zu dem Spiel kamen und wer nach einem Interview fragte. Montags kamen auch oft die Spieler zum Betrieb. Die kamen ins Büro und wir haben mit denen geredet. Es gab Kollegen bei Dislich, die waren auch sehr engagiert beim MSV. Zwei davon hatten die Kasse, die waren die Kassierer. Und dadurch bin ich da reingerutscht. Bevor ich das erste Mal im Stadion war, habe ich das Drumherum kennen gelernt. Die Spieler haben sich mit uns dann unterhalten und letztlich wollten die ja zu Herrn Kempkes. Die Spieler haben ja damals, so wie ich das mitbekommen habe, überhaupt kein Geld gekriegt. Und dann haben die wahrscheinlich Sachen, die Dislich verkauft hat, gekriegt. Wir hatten damals Tonerdeschmelzzement, der unheimlich schnell gebunden war. Den musste man sofort verarbeiten. Und teilweise hatten die ja schon Häuser. Fliesen, Dachziegel normale Platten, alles hatten wir ja. Nachher als ich dann älter war und wusste, wie das alles so lief, da ist mir das dann alles erst zu Bewusstsein gekommen.
Ich habe dann mal einen der Kassierer gefragt, ob man denn einfach so zum Platz gehen könnte. Nee, haben die gesagt, da kannst du nicht einfach so hingehen, da musst du schon Eintritt bezahlen. Ach so, sage ich, ich wollte mal mit meinem Cousin dahin. Der war damals zehn oder zwölf Jahre. Ja, und dann habe ich die Karten immer gekriegt, und wir sind dahin gegangen und haben dann auch immer Tribüne gesessen.
Wir sind von Berg aus gelaufen. Vohwinkelstraße entlang, von-der-Mark-Straße und dann Westender Straße. Vom Meidericher Bahnhof aus wurde es Richtung Stadion immer voller. Das war so, wie wenn ich zur Beecker Kirmes gegangen bin. Wenn ich da von weitem die Kirmesmusik gehört habe, da wurde ich auch immer so nervös, und so nervös wurde ich dann auch, wenn da die ganzen Leute kamen, die dann auch zum Platz wollten. Da wurde ich auch total rabbelig. Vor dem Spiel war dann immer so eine aufgeladene Stimmung. Die Leute sind erregt und haben Freude das Spiel zu sehen und wünschen natürlich, dass der MSV gewinnt. Diese Atmosphäre spürt man. Und wenn die Spieler aufliefen, war die Stimmung schon da.
Das war schön, das muss ich schon sagen. Wir haben dann da gesessen und unten in den vorderen Reihen saß manchmal Kurt Brumme. Den habe ich richtig angehimmelt. Der hatte ja so eine schöne Stimme, so dunkel. Der war nicht bei jedem Spiel, die anderen Reporter haben mich nicht interessiert. Da habe ich auch noch das Bild im Kopf, der Herr Kempkes, das war ein relativ kleiner Mann, und der Kurt Brumme hat den interviewt. Dieser Größenunterschied. Kurt Brumme war ja so ein großer Mann.
Teilweise sind wir auch zu Auswärtsspielen gefahren. Da kann ich mich erinnern, da bin ich mit Kollegen von Vollmer drüben, von dem Kalksandstein-Werk, los. Der zweite Chef, der Herr Dislich, hatte ja auch das Kalksandstein-Werk. Da bin ich mit den zwei Kollegen auf Schalke gewesen. Ich muss sagen, ich hatte ja nur die MSV-Brille auf, und ich wusste nicht, dass Schalke auch blau-weiß war. Und wir stehen zwischen blau-weißen Leuten und ich denke, das sind alles MSV-Anhänger. Und wie ich so war, ich konnte mich nie zurückhalten. Ich war ja wütend, wenn die Spieler gefoult wurden und der Schiedsrichter nicht gepfiffen hat. Als ich das erste Mal da auf die Barrikaden ging, habe ich mich gewundert. Weil ich mich alleine so aufgeregt hatte. Und als das dann das zweite Mal passierte, dann kamen die Kollegen und sagten leise: „Renate, halte bitte deinen Mund, wir stehen mitten im Schalke-Klub.“ Dann habe ich mich dann doch zurück gehalten. Wenn die zwei kräftigen Männer schon Angst hatten, was zu sagen.

Nur der Vollständigkeit halber: Beim Gegenrecherchieren der Fakten bin ich auf einen Fehler in dem Buch „Im Revier der Zebras“ von Gerd Dembowski, Dirk Piesczek und Jörg Riederer gestoßen. In dem Buch wird auf Seite 330 in der Liste der Präsidenten des MSV Duisburg der oben erwähnte Hans Kempkes als Hans Kempers geführt für die Jahre 1949 bis 1955.

Und ab ins Fan-Gedächtnis.

Langsam wieder mehr Worte über Fußball schreiben

Vorgestern Abend hat der MSV Duisburg mit dem Pokalspiel beim VfB Lübeck sein erstes Pflichtspiel der Saison 2010/2011 erfolgreich bestritten. Die zweite Halbzeit habe ich beim Nachbarn recht entspannt und nur halb aufmerksam mitbekommen. Der MSV Duisburg kontrollierte mit einer Ausnahme das Spiel und zeigte im Abschluss bekannte Schwächen. Es gab keinen Grund für überschwänglichen Jubel und große Freude, und wenn es hier nur um Fußball ginge, wäre spätestens nun den Zeitpunkt gekommen, sich ein paar Gedanken über den MSV in den nächsten Wochen zu machen.

Hier geht es nicht nur um Fußball. In den Worten über Fußball geht es immer auch um mich. Das soll heißen, Worte über Fußball und all die Nebensächlichkeiten ergeben sich deshalb, weil Quelle und Antrieb dieses Schreibens nichts anderes ist als der Versuch, mich mit meiner ganzen Wahrheit öffentlich zu machen. Diese ganze Wahrheit aber machte in den letzten Tagen jedes meiner Worte über Fußball in meinen eigenen Ohren zu einem Missklang. Deshalb schwieg ich hier länger, als von mir selbst gewünscht. Das ist keine philosophische Spinnerei, sondern das Ergebnis von zu viel Erleben. Alltag und Normalität hatten sich für mich aufgelöst, die Dinge waren kräftig ins Schwanken geraten. Sobald ich etwa an die Saisonvorbereitung und dieses erste Pflichtspiel der Saison 2010/2011 des MSV Duisburg beim VfB Lübeck dachte, schob sich deshalb zu viel in und von mir in diese Fußballworte. Dieses Etwas durchdrang sie und zerfraß den Fußball bis zur Durchsichtigkeit. Nur noch dieses Etwas wäre im Text übrig geblieben. Wäre ich Sportjournalist hätte der Arbeitsauftrag geholfen. The show must go on, wäre das professionelle Credo gewesen. Doch hier bin ich auf mich selbst zurück geworfen, und deshalb hätte jedes Wort über Fußball falsch geklungen.

Fürs erste wird das Schwanken weniger. Es ist immer noch schwierig genug,  sich mit Worten über Fußball zu dieser ganzen eigenen Wahrheit zu bekennen und die Nabelschau zu vermeiden. Doch nach mehreren Anläufen verflüchtigt sich nun dieses Gefühl von Falschheit der Worte, und ich kann zweifelsfrei schreiben: Wenn man sich einen Theaterbetrieb in der Situation des MSV Duisburg und noch vieler anderer Mannschaften des Profi-Fußballs vorstellte, müsste die erste Klassikerpremiere der Spielzeit als sehr moderne  Inszenierung verkauft werden. Werktreue wird zwar angestrebt, doch den Umständen gemäß muss das Publikum in Teilen mit einer sehr freien Fasssung Vorlieb nehmen. Im Programmheft wäre das „N.N.“ als Besetzung von Rollen keine Seltenheit, und während das Publikum zur Premiere in den Zuschauerraum käme, probten die Schauspieler immer noch ihre Gänge in den einzelnen Szenen. Man sähe, den einen Gang mal vom ehrgeizigen Schauspielschüler ausgeführt und im nächsten Moment vom Veteran des Ensembles. Scheinwerfer erhellten Teile des Bühnenraums, wo niemand sich im Verlauf der Aufführung aufhielte, Kulissen aus anderen Stücken ständen noch im Weg und Schauspieler sprächen in Erwartung eines Auftritts des Kollegen nach links, unterdessen er ihnen von hinten auf die Schulter tippt. Wir stehen eben vor der Saison nach einer Fußballweltmeisterschaft. Da dauert es ein wenig länger, bis alle Schauspieler wissen, ob das renommierte Off-Theater in der Großstadt besser für ihre Karriere ist oder die ambitionierte Landesbühne auf Tour durch die Provinz oder gar das geruhsame Boulevardtheater in der Kleinstadt. Und den kleineren Theatern ist zwar klar, welche Rollen sie noch besetzen müssen, doch die größeren Theater wissen noch nicht alle, ob für die rauschende Inszenierung nicht noch der eine große Name in der Besetzung fehlt. Da dauert es etwas länger, bis sich die Ensembles von oben nach unten neu sortiert haben.

Nur gut für den MSV Duisburg, dass Julian Koch schon früh wusste, wie er sich weiter entwickeln will. Von meinem flüchtigen Lesen der Berichterstattung über die Saisonvorbereitung blieben vor allem die Sätze über ihn haften. Da gibt es anscheinend einen sehr jungen Spieler, der sofort beim MSV Duisburg eine Präsenz beweist, wie wir sie uns von allen Neulingen erhoffen und die von keinem Beobachter – ob Journalisten oder Zuschauer – übersehen werden konnte. Seit vorgestern kann nun auch das offensive Mittelfeld mit der Ausleihe von Filip Trojan als besetzt gelten und vielleicht nähern wir uns der Werktreue des Fußballspiels vom MSV Duisburg bereits im September. Spätestens aber, wenn im Oktober die Verletzung von Adam Bodzek ausgeheilt ist, sollte dem nichts mehr entgegen stehen. Das Publikum weiß jedenfalls um die jugendlichen Vorzüge des Ensembles und die daraus sich ergebenden Grenzen ihres Könnens. Wobei Entwicklungen von jungen Menschen ja manchmal auch sehr sprunghaft geschehen. Wir werden sehen.

Vom Spiel vorgestern bleibt mir weniger der Sieg selbst als die ausgelassene Freude bei den Toren im Gedächtnis. Anscheinend ist da bereits ein guter Zusammenhalt entstanden, was für den Alltag der 2. Liga keine schlechte Voraussetzung ist.

Nach der Pause hier, habe ich auch etwas für die Ablage. Ich hefte es mal weg, und ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr da noch mal drüber schauen wollt: Wenn der der SC Freiburg, für aufstiegsorientierte Spieler des MSV Duisburg anscheinend eine erste Adresse ist, scheint der FSV Frankfurt jener Verein zu sein, der gerne bei Spielern zugreift, die beim MSV Duisburg für nicht gut genug befunden werden. Björn Schlicke hat es dort sofort zum Mannschaftskapitän gebracht, und Sascha Mölders, der schon ein paar Monate länger beim Verein ist, liefert den Frankfurtern eine bunte Geschichte über die Schwierigkeit die richten Entscheidungen im Leben zu treffen.

Keineswegs etwas für die Ablage ist der Bericht eines weiblichen MSV-Fans, „wie sie zum MSV kam“ für das Fan-Gedächtnis. Auch ihre Erzählung stellt einen Gegenbeweis dar für meine Lieblingsthese des irreversiblen Lernens von Fan-Zugehörigkeit in jungen Jahren durch Prägung. Allerdings, so werden ihr sehen, hat sie für meine These ein Hintertürchen geöffnet. Man müsste in einem Fragebogen nämlich eine Unterscheidung einführen zwischen dem ersten Erleben eines durch Medien vermittelten Fußballspiels und dem ersten Erleben eines Fußballspiels in einem Stadion. Vielleicht lässt sich meine These noch retten.


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