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Die Jubiläumswochen – 2. März 2011 – Branimir Bajic und wir fahren nach Berlin

Zehn Jahre Zebrastreifenblog – ein Anlass, um in den Jubiläumswochen bis zum Saisonstart zurückzublicken. Was bietet sich nach dem Abschiedsspiel von Branimir Bajic für einen Rückblick mehr an als einen der Texte, der die Leistung jener Fußballer feiert, die wir zum Teil am Samstag in Duisburg wieder gesehen haben. Für Branimir Bajics Verbundenheit mit dem MSV Duisburg ist es bezeichnend, welche Spieler der MSV-Vergangenheit in Duisburg vor allem zu sehen waren. Ob Tobias Willi, Srdjan Baljak, Stefan Maierhofer oder Victor Obinna, um nur einige Beispiele für die anwesenden Spieler zu nennen, sie entwickelten auf ihre je eigene Weise eine besondere Beziehung zum Duisburger Publikum. Gerade Victor Obinna, der nur kurz in Duisburg war, macht das besonders deutlich, weil es um eine Haltung den Menschen gegenüber geht. Diese Haltung lässt dann auch Rückschlüsse auf den Fußballer im Mannschaftsgefüge zu. So wurde der Fußball des Abschiedsspiels auch zu einem Sinnbild für jenen gemeinschaftlichen Geist, der sich über das Sportliche hinaus erweist.

Auch ohne Elfmeterschießen wurde es dramatisch – veröffentlich am 2. März 2011

Nein! Nein! Jaa! Ja. Nein, nicht, nein. Aah. Pfffffff. EM-ES-VAU-EM-ES. Aaaah. Ooooh. Nein. Pfffff. Hhhhhhhhhha. JAAAAAAAAA. So ungefähr muss ich mich angehört haben in den letzten Momenten dieses Halbfinales vom MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für ein taumelndes Stemmen vom MSV Duisburg gegen den drohenden Ausgleich kurz vor dem Abpfiff im Halbfinales des DFB-Pokals gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für eine Energie im Stadion auf den Rängen und auf dem Spielfeld. Diese Energie drohte in den letzten Minuten immer wieder richtungslos zu wabern. Und doch bündelte sie sich auf dem Spielfeld in großartigen Rettungsaktionen, mit denen das Tor der Cottbusser im letzten Moment verhindert wurde. Auf den Rängen verwandelte sich das Aufstöhnen und unartikulierte Schreien in das peitschende EM-ES-VAU, das diese Mannschaft unten auf dem Spielfeld zu dem so nah wirkenden Sieg tragen sollte.

So sicher schien der Sieg für den MSV Duisburg über etwas mehr als 70 Minuten, und so dramatisch wurden die letzten Spielminuten. Viel zu viele Spieler in roten Trikots befanden sich im Strafraum vor dem Tor von David Yelldell. Viel zu viele, um jeden so zu decken, dass er wirkungslos sein würde. Der Angriff kommt über den linken Cottbusser Flügel. Kein Bein eines MSV-Verteidigers verändert die Flugbahn der Flanke, und ich weiß irgendeiner dieser Spieler in den roten Trikots wird an den Ball kommen, schießen und wahrscheinlich treffen. Aber David Yelldell zerstört mit einem beeindruckenden Reflex auf der Linie die dritte Riesenchance zum Ausgleich.

Plötzlich bündelt sich nichts mehr, es wabert nur noch. Plötzlich entsteht ein Teppich an Energie, die nicht weiß, was das nächste Ziel ist, außer dass Schiedsrichter das Spiel abpfeifen soll. Plötzlich scheint das Tempo dem Spiel verloren gegangen zu sein. Sind die meisten Spieler zu weit vom Ball entfernt? Ist es Olcay Sahan, der den Ball in die Cottbusser Hälfte treibt. Schon im Ansatz ist zu sehen, er schafft das mit letzter Kraft und nur um den Ball möglichst weit Richtung Südtribüne zu bringen. Doch auch die Cottbusser Spieler sind so langsam. Wahrscheinlich kommt es mir auch nur so vor, weil sich die Zeit bei den drei Cottbusser Großchancen kurz hintereinander so sehr verdichtet hatte. Dreimal hatte ich die Schüsse der Stürmer von Cottbus im Tor des MSV Duisburg gesehen. Ich war auf den Sturz in den Abgrund der Enttäuschung schon gefasst, und dann packten David Yelldell, Olivier Veigneau und der lebendig gewordene Pfosten mich bei der Hand. Sie zogen mich auf den schmalen Geröllpfad wieder hoch, der in die Glückseligkeit nach dem Abpfiff führen sollte.

Was waren das für dramatische letzte Minuten. Dabei habe ich selten zuvor ein so entscheidendes Spiel des MSV Duisburg einfach nur genossen. Bis ungefähr zur 75. Minute. Die Mannschaft des MSV Duisburg ließ dem FC Energie Cottbus in der ersten Halbzeit keine Chance. Cottbus wirkte verunsichert und übernervös. Dagegen schien die Mannschaft des MSV Duisburg von der Atmosphäre im Stadion beflügelt. Diese Zuschauer waren für den MSV Duisburg gekommen und sie glaubten an ihre Mannschaft.

Klare Chancen konnte sich die Mannschaft vom MSV Duisburg zunächst nicht erspielen. Aber es war deutlich, solange jeder Cottbusser Angriffsversuch derart konsequent unterbunden wurde, könnte jederzeit ein Fehler in der Cottbusser Verteidigung zum Führungstor des MSV Duisburg werden. Das 1:0 von Stefan Maierhofer wirkte dann auch wie das perfekte Bild für die gesamte Spielweise des MSV Duisburg. Es wirkte wie die Mischung aus geplantem Angriff, dem unentwegten Hinterhergehen bei jedem verlorenen Ball und der in so einem ersten Moment der Balleroberung nicht ganz vorhandenen Ballkontrolle. Die Flanke in den Strafraum konnte Stefan Maierhofer nicht direkt köpfen, sondern der vom Verteidiger abgewehrte Ball prallte dem synchron mitspringenden Maierhofer an den Kopf, um dann erst ins Tor zu gehen.

Die Cottbusser starteten in der zweiten Halbzeit mit einem neuen Spieler, der sehr viel Gefahr verbreitete. Doch nachdem die ersten zwei heftigen Angriffe abgewehrt waren, gewann der MSV Duisburg die Kontrolle über das Spiel zurück. Konter wurden möglich, und so einen Konter schloss Srdjan Baljak nach Pass von Ivica Banovic zum 2:0 ab. Die Cottbusser gaben aber noch nicht auf. Das Anschlusstor durch den Elfmeter hätte mich nicht weiter beunruhigt. Erst die rote Karte gegen Bruno Soares ließ das Spiel noch einmal kippen. Für mich war diese rote Karte eine zu harte Entscheidung. Diese rote Karte brachte zwar zunächst keine Unruhe in der Hintermannschaft, sie brachte aber Zweifel beim Spiel nach vorne. Beeindruckend wie ruhig und abgeklärt in so einer Spielphase Branimir Bajic die Abwehr organisiert. Dieser Mann ist ein Phänomen. Wie kann ein Spieler derart unauffällig präsent sein? [Hervorgehoben im Nachhinein]

Diese Mannschaft hat als Einheit den Sieg errungen. Ein so konsequentes Agieren wie in der ersten Halbzeit funktioniert nur als sorgsam organisiertes Miteinander. Ein Sinnbild dafür ist für mich auch der Jubel der Ersatzspieler beim zweiten Tor. Sie wollten nicht am Rand stehen bleiben, sondern sich gemeinsam mit David Yelldell über das Baljak-Tor freuen. Berlin, wir kommen. Und egal, was da im Finale passiert, es wird wieder gut werden.

Saisonvorbereitung – Spieler kommen, Spieler gehen

Ich sagte es schon, in dieser Sommerpause geht mir alles zu viel schnell, und das liegt nicht nur an meinem Alltag. Allein die Abfolge der Spielerverpflichtungen für die neue Saison machte den MSV Duisburg zu einem heißen Anwärter auf den ersten von der DFL ausgelobten Speed-Transfering-Award. Oder wäre der DFB als Hüter der Tradition mit der Wolfgang-Fahrian-Medaille der besser geeignete Preisverleiher?

Wie viele neue Namen mussten wir lernen, und wie schnell musste der Verein sich für Schreibweisen dieser Namen entscheiden. So viel Bildung ist dabei ganz nebenbei möglich. Wann etwa wird statt der slawischen Endung „-ow“ die andere slawische Endung „-ov“ gechrieben? Der MSV Duisburg schreibt nun Karimow für den Karimov andererorts. Ebenfalls wäre herauszubekommen, wann das slawische Doppel-Binnen-i zum  „-iy“ wird? Oder welche der Buchstabenkombination ist überhaupt slawisch? Der MSV Duisburg schreibt  „Domovchiyski“. Vielleicht liesse sich lernen, dass slawisch gar nicht slawisch ist.

Und so einen asiatischen Namen wie Jiayi Shao könnte man bestimmt auch anders transkribieren. Vielleicht sogar Chinesischer? Etwas mehr Beijing statt Peking? Ich müsste ihn mal seinen Namen sprechen hören. Fremde Namen klingen immer gleich fremd. Doch für die Regeln, wie sie geschrieben werden, gibt es auch so was wie Zeitgeist.

Ich schweife ab, dabei haben wir so wenig Zeit. Die Spielzeiten gehen dieses Jahr ineinander über. Wollte ich nach dem Pokalfinale erstmal einen Moment durchschnaufen, schon war ich mit der möglichen Verpflichtung des nächsten neuen Spielers beschäftigt. Und schon verließ Bruno Hübner kurz darauf den Verein. Und schon änderte das überhaupt nichts an der Qualität der schon wieder gemeldeten nächsten Spielerverpflichtung. Wird hier denn gar nichts über neue Spieler geschrieben? Das, so dachte ich zwischendurch mal, wäre ein passender Titel für einen Beitrag. Ich kam nicht mit. Wollt ihr mal eine Chronologie der Kaderzusammenstellung per MSV-Seite sehen mit entsprechendem Speed-Commenting? Die Abfolge der Ereignisse war selbst für den Verein so schnell, dass es weder für den Wechsel von Sefa Yilmaz im Juni in die Türkei noch für die Ausleihe von Daniel Beichler eine offizielle Bestätigung auf der Seite gibt. Das ging nur per Pressemitteilung raus, und wurde von den Medien entsprechend verbreitet. Wenn sich die Ereignisse überschlagen …

30.3.  „MSV verpflichtet Stürmer Emil Jula für drei Jahre“. Früh werden die Weichen für die nächste Saison gestellt.  Gefällt mir sehr!

5.5.     „Aus Wolfsburg: Abwehrspieler Karimov wird ein Zebra„. Damals noch mit „-ov“ geschrieben. Der erste Eindruck bestätigt sich. Den Plänen wird gefolgt!

9.5.     „Perfekt: Shao wechselt zu den Zebras“. Mehr ein Zeichen für die  zurück gewonnene Attraktivität des MSV Duisburg als Arbeitgeber, als dass ich beim Namen in Jubel ausbreche.

12.5    „MSV verpflichtet Kevin Wolze vom VfL Wolfsburg„. Perspektive! Wenig Geld! Perfekter Sasic-Spieler.  Gute Erfahrung mit Wolfsburgs zweiter Reihe in der letzten Saison.

19.5.   „Neues Zebra: Gjasula kommt für zwei Jahre!“ Noch ein klassischer Sasic-Spieler, dieses Mal der älteren Art! Wird noch stärker beim MSV Duisburg als in der lezten Saison!

25.5.    „Sportdirektor Bruno Hübner verlässt den MSV Duisburg„. Schock! Schwere! Not! Enttäuschte Zuneigung. Dann geh doch!

27.5.   „MSV Duisburg leiht Mittelfeldspieler Zvonko Pamic aus“. Business as usual! Das Angefangene wird abgearbeitet. Gut so! Mir doch egal, wenn er weg ist.

29.5.  „Goran Sukalo bleibt – und verlängert bis 2013!
Na also, auch Spieler mit einem musternden Seitenblick
auf fremde Vereine, erkennen, beim MSV Duisburg sieht
die Zukunft vielleicht rosiger aus.

1.6.      „MSV leiht Mittelfeldspieler Vasileios Pliatsikas aus“. Noch eine alte Geschichte wird zum Ende gebracht.

13.6.   „Drei neue Zebras da: Domovchiyski, Fromlowitz & Brosinski!“ Was für eine Mischung! Alte Verhandlungen zum Abschluss gebracht, und offensichtlich etwas ganz Neues mit Fromlowitz eingestielt. Es läuft.

16.6.   „MSV verpflichtet Stürmer Flamur Kastrati„. Und noch ein einer, der unter Sasic seine Schwächen ablegen möchte und Konstanz in die schon gezeigten sehr guten Leistungen bringen möchte. Der MSV ist wieder eine gute Adresse.

18.6.   „Neu beim MSV: Markus Bollmann wird ein Zebra„. Günstig Erfahrung einkaufen. Die gelungene Mischung des Kaders wird im Blick behalten. Bruno Hübner ist endgültig Geschichte.

2.7.      „Klasse: „Baja“ mindestens bis 2013 in Zebrastreifen!
Und noch jemand, der weiß, was gut für ihn und den
MSV Duisburg ist.

4.7.      „Nach Leverkusen: David Yelldell verlässt den MSV“
Gibt dem Torwartgefüge eine weniger konfliktträchtige
Struktur. Bei finanziellem Gewinn.

6.7.    „Keeper Felix Wiedwald wird ein Zebra.“ Und schon ist die Alternative parat. Sagte ich schon, dass die Sache auch ohne Bruno Hübner sofort rund läuft?

Eigentlich halte ich es bei einem Verein wie dem MSV Duisburg nicht für sehr sinnvoll, jeden einzelnen Spieler zu bewerten. Bei einem Verein wie dem MSV Duisburg wirkt das noch mehr wie Kaffeesatz-Leserei als es sonst schon der Fall ist. Und ein Verein wie der MSV Duisburg ist nahezu jeder Verein in der 2. Liga – entsprechend den gesteckten Zielen.

Ich will das erklären. Natürlich lässt sich aus der Karriere eines Spielers etwas über den potentiellen Wert dieses Spielers für den Kader eines Zweitliga-Vereins hochrechnen, aber in dieser 2. Liga ist weniger der einzelne Spieler entscheidend für den möglichen Erfolg des Vereins als die Verwirklichung einer Strategie. Ob der einzelne Spieler die Mannschaft stärken wird, ist schon eine falsch gestellte Frage angesichts der Fluktuation in den Kadern während der Sommerpause. Zehn bleibende Spieler und 17 oder noch mehr hinzukommende. Da muss jemand vorher ein Bild vom Ganzen haben, in das er die Spieler möglichst vorteilhaft platziert.

Verfolgt man die Spielerverpflichtungen des MSV Duisburg, wird deutlich, dieses Bild ist im Verein vorhanden. Das hat bei aller Enttäuschung über den Zeitpunkt des Vereinswechsels von Bruno Hübner mit seiner Arbeit zu tun. Er hat schon früh in der abgelaufenen Saison begonnen, weiter an der Verwirklichung des auf drei Jahre angelegten Plans zum Aufstieg zu arbeiten. Wenn nach seinem Wechsel zu Eintracht Frankfurt die Nachrichten zu neuen Spielerverpflichtungen unterbrechungslos gemeldet werden konnten, wird er dafür Vorarbeit geleistet haben. Welcher Spieler genau als erster völlig ohne seine Dazutun verpflichtet wurde, lässt sich von außen gesehen gar nicht sagen.

Florian Fromlowitz erzählt etwa irgendwo – ich such jetzt nicht extra danach – , der erste Kontakt zum MSV Duisburg sei durch einen Anruf von Milan Sasic zustande gekommen. Da hätten wir die originäre Leistung ohne Bruno Hübner, die beweist, die kleine Krise durch seinen Weggang wurde sehr gut bewältigt. Das ist etwas, was übrigens David Nienhaus mit seinem Contra-Kommentar zur Fromlowitz-Verpflichtung ganz übersieht. Es geht bei diesen Verpflichtungen nicht nur um den einzelnen Spieler. Es geht um das Gefüge. Und das Gefüge auf der Position des Torwarts hat bei aller Leistung von David Yelldell in der letzten Saison nicht gestimmt. Zudem hat die Verpflichtung Strahlkraft, weil da ein Torwart kommt, der seine Erfahrung in der Bundesliga gemacht hat und zwar in einer Zeit, die überaus schwer für ihn gewesen ist. Das wirkt über die einzelne Spielerverpflichtung hinaus. Florian Fromlowitz hat bereits einen Namen, welche Schwächen  auch immer er hat. Seine Verpflichtung ist ein Zeichen für die Öffentlichkeit, für den Spielermarkt und für Gegner. Die Begründung für so eine Verpflichtung ist viel komplexer als ein direkter Vergleich des Leistunsvermögens von David Yelldell und Florian Fromlowitz. Genau das belegt die erfreute Reaktion von uns Fans.

Die Verpflichtung von Florian Fromlowitz bestätigt den Eindruck, beim MSV Duisburg wird planvoll gehandelt und Chancen werden nur im Sinne des Plans ergriffen. Ich erkenne anhand der Spielerverpflichtungen die Konturen eines Bildes, auf das ich hoffnungsfroh neugierig bin. Wenn ich recht überlege, ist die Sommerpause eigentlich doch mindestens eine Woche zu lang. Es könnte heute Abend endlich wieder beginnen.

Dann fahr ich jetzt mal los! Mit Interviews im Kopf und Interviews und …

So, ich fahre jetzt und mache hier bis Montag wahrscheinlich zu. Vielleicht gibt´s aus Berlin was Schnelles zwischendurch mal „reingerufen“. Mal sehen. Da ich auf andere mobile Endgerätebesitzer angewiesen bin, hängt das von noch von einigen anderen Dingen ab als von Lust, Thema und Laune. Also, wer immer auch sich nach Berlin aufmacht, kommt gut an. Wir sehen uns! Am Brandenburger Tor, im Stadion und irgendwo in der Stadt. Wer auch immer sich dieses Spiel an allen anderen Orten ansieht, glaubt mit daran, dass es dieses Mal klappen wird. Diese Energie wirkt. Für drei Tage lass ich hier jeden esoterischen Gedanken zu, wenn nur die kleinste Chance besteht, dass es irgendwie hilft. Schlagt alle mit euren Schmetterlingsflügeln. Bei Stefan Maierhofers Gesundung hat es schon geholfen.

Und wer bis Samstag sich nur noch mit dem MSV beschäftigen will, findet im Netz genügend Stoff zum Zeitvertreib. Denn in diesen Tagen vor dem DFB-Pokalfinale sind Spieler und Trainer des MSV Duisburg viel befragte Menschen. Die Journalisten machen Interviews, und so viele O-Töne werden wir wahrscheinlich nicht so schnell wieder lesen können.

Ein sehr gutes Interview mit Milan Sasic hat Haruka Gruber für spox.com geführt. Es verlangt geradezu nach weiteren Gesprächen mit Milan Sasic.

David Yelldell im Interview mit torwart.de

Stefan Maierhofer im Interview mit spornet.at

Die neue Saison wirf auch schon die Schatten voraus. In der Frankfurter Neuen Presse ist einiges über den Neuzugang Gjasula zu lesen

Und Milan Sasic ist im Interview-Clip bei liga1.tv zu sehen. Zu den anderen Clips klicke man sich dort weiter. Goran Sukalo, Stefan Maierhofer, Benjamin Kern und Ivica Grlic sprechen dort in die Kamera. Der Ton hat unter dem Wind allerdings etwas gelitten.

Außerdem streiten Udos Erben bei der Süddeutschen Zeitung im Clip über den Sieger im DFB-Pokalfinale.

Selbstvertrauen durch guten Sommerfußball

Besser kann die Vorbereitungszeit auf ein wichtiges Spiel einer Saison nicht verlaufen. Unter Wettbewerbsbedinungen wird gegen die Gegner gesiegt. Die Mannschaft merkt, sie kann sehenswert Fußball spielen und festigt sich weiter als Einheit. Weil außerdem die Gegner nicht ganz ohne Ehrgeiz antreten, werden die Schwachstellen der Mannschaft offenbart und können im Training noch einmal gesondert angegangen werden. Während die Spieler der Mannschaft also Selbstvertrauen gewinnen, wird in der gleichen Zeit die Stimmung beim Gegner durch Niederlagen immer schlechter.  Das klingt wirklich gut. Rund um den FC Schalke 04 kitzeln Angst und Sorge die Seelen, während rund um den MSV Duisburg eine leistungssteigernde Atmosphäre aus Lampenfieber, Freude durch Erfolgserlebnisse und Zuspruch immer spürbarer wird.

Flow heißt das Zauberwort, das die Psychologie als den erstrebenswertesten Zustand bei einer Tätigkeit beschreibt, und so wie die Mannschaft im Moment spielt, scheint beim MSV Duisburg so etwas wie ein Gruppenflow vorhanden zu sein. Da gelingt die Konzentration auf die anstehende Aufgabe. Da stabilisiert sich das Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Fähigkeiten zu besitzen. Und vor allem durchdringen sich Handlung und Bewusstsein während eines Spiel gegenseitig. Keinen Spieler hemmt sein Denken. Der MSV Duisburg befindet sich im Flow! Es deutet vieles darauf hin, dass dieser Flow bis ins Finale anhält. Was dort dann mit und dank dieses Flows passiert, werden wir sehen.

Wie  sehr kann nämlich das Denken zum falschen Zeitpunkt im Sport den Erfolg verhindern. Ich glaube, bei Manuel Schäffler zeigt sich das im Moment. Allerdings kommt die Spielanlage des MSV Duisburg ohne Stefan Maierhofer wahrscheinlich auch den spielerischen Qualitäten von Manuel Schäffler sehr entgegen. Er braucht anscheinend den Ball mit schnellem Kombinationsspiel, flach vorgetragen. Welche Selbstsicherheit hat er gestern gezeigt. Da läuft er in der zweiten Halbzeit nach einem Zuspiel auf ihn auf vier Gegenspieler zu, hat keine Abspielmöglichkeit und läuft in hohem Tempo einfach weiter. Irgendwie gelingt es ihm dann, diese vier Paderborner zu überspielen. Er zieht den Ball unter dem Fuß des Gegners durch, spielt zwischen die Beine des nächsten Verteidigers oder nimmt den Ball beim Vorbeigehen einfach mit. Am Abschlus nach so einer Aktion muss er noch arbeiten. Schon das Tor zum 2:0 ließ dieses Selbstbewusstsein erkennen. Elegant schiebt er den Ball rechts am Verteidiger vorbei, um selbst an dessen linker Seite vorbeizusprinten, um dann in fließender Bewegung von links neben dem Tor in die Mitte zu ziehen und souverän abzuschließen. Natürlich war es hilfreich, dass ein Verteidiger der Paderborner leicht ausrutschte, aber das schmälert die Leistung von Manuel Schäffler in keiner Weise. Das ist so wichtig in diesen Spielen. Es erzielen die richtigen Spieler der Mannschaft die Tore. Manuel Schäffler brauchte das Gefühl so sehr, dass er alles das kann, weshalb er vom MSV Duisburg ausgeliehen wurde.

Den Führungstreffer erzielte Ivo Grlic, der sich seiner Fähigkeiten natürlich eigentlich sicher ist. Aber nach einer langen Pause verbessern solche individuellen Erfolgserlebnisse das Ankommen eines Spielers im sportlichen Wettbewerb dann doch auch sehr wahrscheinlich. Und schließlich führte zudem die erfolgreiche Freistoßvariante der Hinrunde zum Erfolg. Den von Benjamin Kern geschlagenen Ball köpfte Goran Sukalo ins Tor. In den Spielen vor Frankfurt war es für mich die Hauptfrage, wer erzielt nach dem Ausfall von Srdjan Baljak und Stefan Maierhofer die Tore für den MSV Duisburg. Die Mannschaft hat gezeigt, wie sie dieses Problem lösen will.

Die Schwächen zeigten sich gestern dagegen bei ein paar Momenten des Spiels in der Defensive. Direkt am Anfang wirkte der SC Paderborn für kurze Zeit wacher, und auch direkt nach Halbzeitpause war der Anschlusstreffer keine wirkliche Überraschung. Der MSV Duisburg hatte sich zu weit zurückgezogen, und es gelang der Mannschaft nicht, in dieser defensiveren Grundhaltung genügend Druck auf die angreifenden Paderborner auszuüben. Dazu musste der Sieg erst einmal als gefährdet erscheinen. Bei Eckstößen bereitete mir außerdem die Zuordnung am jeweils hinteren Pfosten ein paar Sorgen. Da kamen  zwei Paderborner Spieler nach zwei Ecken jeweils frei zum Kopfball. Dagegen scheint Daniel Reiche sich gefangen zu haben, und David Yelldell bewies auf der Linie weiterhin seine Stärke.

Jetzt folgt die Generalprobe beim VfL Bochum, der gewinnen muss, um mit Sicherheit den dritten Tabellenplatz zu behalten. Ein Sieg des MSV Duisburg könnte den fünften Tabellenplatz zur Folge haben. An meiner Hoffnung auf den Erfolg im Pokalfinale wird das Ergebnis in Bochum aber nichts mehr ändern. Lebensweisheiten  unterstützen mich bei dieser Haltung. Wir wissen nämlich alle, verpatzten Generalproben, folgen gelungene Premieren. Und wenn ich daran denke, dass schon bei der Generalprobe fast alles klappt, dann kann bei der Premiere eigentlich nichts mehr schief gehen.

Für Benjamin Kern gibt es keine Zwischenzeit

Mein Schreiben gleicht seit gestern einem Fußballspiel, in dem partout kein Spielfluss entstehen will, in dem Bälle verspringen und ein wildes Durcheinander herrscht. Einzelne Gedanken fliegen wie weit nach vorn geschlagene Bälle quer durch meinen Kopf und finden keinen Mitgedanken, der sie aufnimmt. Ich sehe geradezu, wie all die Mitgedanken sich mühen, das Abspiel aufzunehmen. Doch fehlt da oben nicht nur jegliche Leichtigkeit, jeder vorherige Gedanke wird zudem noch knapp verfehlt. Ich schreibe an sechs Texten gleichzeitig, ohne zum Abschluss zu kommen. Soll ich nun etwa doch auch all diese Einzelgedanken in die Welt rausschreiben und dem alten Tagebuchcharakter des Bloggens neues Leben einhauchen? Oder gar ein Kalendarium führen?

31.3., 10.05 Uhr, Karten für das Finale geordert, anschließend Freunde per Mail über das leichte Gelingen informiert. Mails der Freunde trudeln ein, allseits anerkennende Antworten über reibungsloses Prozedere. Aus Denken an Berlin allmählich wieder in Alltag finden. Abends angesehen, was die MSV-Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die SpVgg Greuther Fürth gebracht hat. Im Netz bei LigaundsoeinhalbesTalsZeichen.tv wieder auf zwei Teile aufgeteilt. Der erste Teil: Vorberichts-Routine. Bin zu müde für den zweiten Teil. Irgendwie fühle ich mich in einer Zwischenzeit. Ab Freitag soll tatsächlich wieder überall in Deutschland um drei Punkte gespielt werden?

1.4., immer noch in der Zwischenzeit, habe aber nun den zweiten Teil der Pressekonferenz gesehen, und ich bin sehr froh, dass es den Spielern beim MSV Duisburg nicht so geht, genauer gesagt, Benjamin Kern geht es nicht so. Auf der Pressekonferenz wurde er nach seinem „Gemütszustand“ gefragt, wenn er auf die Saison zurückblicke. Zu sehen ist das hier, ab Minute 6.35. Benjamin Kern reagierte großartig. Er suchte nur nach einem passenden ersten Wort, über den Inhalt seiner Sätze brauchte er keine Sekunde überlegen. Sehr bestimmt und dabei freundlich führte er aus, wie falsch er diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt findet. Es sei einfach noch nicht an der Zeit, zurück zu blicken. Spiel für Spiel wollten sie Leistungen zeigen. Bei allen Sätzen davor und danach wirkte Benjamin Kern vorsichtig und schickte den Interviewpartner gleichen Namens vor, eine öffentliche Person Profifußballer eben. Bei dieser Frage aber brauchte er den Schutz durch diese öffentliche Person nicht, so eins war er mit dem, was er sagte. Mir ist dieser Wille zur Konzentration auf die anstehende Aufgabe schon auf dem Spielfeld oft aufgefallen. Ihn irritieren da keine Schiedsrichterentscheidungen. Ihn bringt kein schimpfender Gegenspieler aus dem Konzept. Er weiß, was seine Aufmerksamkeit braucht und dorthin richtet er sie, sobald es notwendig ist.

Überhaupt war der zweite Teil der Pressekonferenz eine recht unterhaltsame Angelegenheit. Einmal mehr konnte man einen Eindruck atmosphärischer Art gewinnen. Milan Sasic machte Scherze zu David Yelldells und Benjamin Kerns schwäbischer Grundeigenschaft, und er kam mit grundsätzlichen Worten auf gute und schlechten Zeiten eines Fußballers zu sprechen. Als dann über David Yelldell schon einmal gesprochen wurde, ließ Milan Sasic es sich nicht nehmen, nach Yelldells Länderspielreise noch ein paar Worte den Yelldell-Skeptikern mit auf den Weg zu geben.

Und nun beginnt in einer halben Stunde der Spieltag? So richtig kann ich es immer noch nicht glauben.

Auch ohne das Elfmeterschießen wurde es dramatisch

Nein! Nein! Jaa! Ja. Nein, nicht, nein. Aah. Pfffffff. EM-ES-VAU-EM-ES. Aaaah. Ooooh. Nein. Pfffff. Hhhhhhhhhha. JAAAAAAAAA. So ungefähr muss ich mich angehört haben in den letzten Momenten dieses Halbfinales vom MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für ein taumelndes Stemmen vom MSV Duisburg gegen den drohenden Ausgleich kurz vor dem Abpfiff im Halbfinales des DFB-Pokals gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für eine Energie im Stadion auf den Rängen und auf dem Spielfeld. Diese Energie drohte in den letzten Minuten immer wieder richtungslos zu wabern. Und doch bündelte sie sich auf dem Spielfeld in großartigen Rettungsaktionen, mit denen das Tor der Cottbusser im letzten Moment verhindert wurde. Auf den Rängen verwandelte sich das Aufstöhnen und unartikulierte Schreien in das peitschende EM-ES-VAU, das diese Mannschaft unten auf dem Spielfeld zu dem so nah wirkenden Sieg tragen sollte.

So sicher schien der Sieg für den MSV Duisburg über etwas mehr als 70 Minuten, und so dramatisch wurden die letzten Spielminuten. Viel zu viele Spieler in roten Trikots befanden sich im Strafraum vor dem Tor von David Yelldell. Viel zu viele, um jeden so zu decken, dass er wirkungslos sein würde. Der Angriff kommt über den linken Cottbusser Flügel. Kein Bein eines MSV-Verteidigers verändert die Flugbahn der Flanke, und ich weiß irgendeiner dieser Spieler in den roten Trikots wird an den Ball kommen, schießen und wahrscheinlich treffen. Aber David Yelldell zerstört mit einem beeindruckenden Reflex auf der Linie die dritte Riesenchance zum Ausgleich.

Plötzlich bündelt sich nichts mehr, es wabert nur noch. Plötzlich entsteht ein Teppich an Energie, die nicht weiß, was das nächste Ziel ist, außer dass Schiedsrichter das Spiel abpfeifen soll. Plötzlich scheint das Tempo dem Spiel verloren gegangen zu sein. Sind die meisten Spieler zu weit vom Ball entfernt? Ist es Olcay Sahan, der den Ball in die Cottbusser Hälfte treibt. Schon im Ansatz ist zu sehen, er schafft das mit letzter Kraft und nur um den Ball möglichst weit Richtung Südtribüne zu bringen. Doch auch die Cottbusser Spieler sind so langsam. Wahrscheinlich kommt es mir auch nur so vor, weil  sich die Zeit bei den drei Cottbusser Großchancen kurz hintereinander so sehr verdichtet hatte. Dreimal hatte ich die Schüsse der Stürmer von Cottbus im Tor des MSV Duisburg gesehen. Ich war auf den Sturz in den Abgrund der Enttäuschung schon gefasst, und dann packten David Yelldell, Olivier Veigneau und der lebendig gewordene Pfosten mich bei der Hand. Sie zogen mich auf den schmalen Geröllpfad wieder hoch, der in die Glückseligkeit nach dem Abpfiff führen sollte.

Was waren das für dramatische letzte Minuten. Dabei habe ich selten zuvor ein so entscheidendes Spiel des MSV Duisburg einfach nur genossen. Bis ungefähr zur 75. Minute. Die Mannschaft des MSV Duisburg ließ dem FC Energie Cottbus in der ersten Halbzeit keine Chance. Cottbus wirkte verunsichert und übernervös. Dagegen schien die Mannschaft des MSV Duisburg von der Atmosphäre im Stadion beflügelt.

Diese Zuschauer waren für den MSV Duisburg gekommen und sie glaubten an ihre Mannschaft. In dieser Saison entsteht in Duisburg vielleicht zum ersten Mal eine Kultur des dauerhaften, intensiven Supports durch die Zuschauer. Die Stimmung war leichter als im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Sie war aber selbstbewusster und vielleicht gerade deshalb auch nicht ganz so kraftvoll. Doch diese Stimmung war nahezu durchgehend vorhanden.

Klare Chancen konnte sich die Mannschaft vom MSV Duisburg zunächst nicht erspielen. Aber es war deutlich, solange jeder Cottbusser Angriffsversuch derart konsequent unterbunden wurde, könnte jederzeit ein Fehler in der Cottbusser Verteidigung zum Führungstor des MSV Duisburg werden. Das 1:0 von Stefan Maierhofer wirkte dann auch wie das perfekte Bild für die gesamte Spielweise des MSV Duisburg. Es wirkte wie die Mischung aus geplantem Angriff, dem unentwegten Hinterhergehen bei jedem verlorenen Ball und der in so einem ersten Moment der Balleroberung nicht ganz vorhandenen Ballkontrolle. Die Flanke in den Strafraum konnte Stefan Maierhofer nicht direkt köpfen, sondern der vom Verteidiger abgewehrte Ball prallte dem synchron mitspringenden Maierhofer an den Kopf, um dann erst ins Tor zu gehen.

Die Cottbusser starteten in der zweiten Halbzeit mit einem neuen Spieler, der sehr viel Gefahr verbreitete. Doch nachdem die ersten zwei heftigen Angriffe abgewehrt waren, gewann der MSV Duisburg die Kontrolle über das Spiel zurück. Konter wurden möglich, und so einen Konter schloss Srdjan Baljak nach Pass von Ivica Banovic zum 2:0 ab. Die Cottbusser gaben aber noch nicht auf. Das Anschlusstor durch den Elfmeter hätte mich nicht weiter beunruhigt. Erst die rote Karte gegen Bruno Soares ließ das Spiel noch einmal kippen. Für mich war diese rote Karte eine zu harte Entscheidung. Diese rote Karte brachte zwar zunächst keine Unruhe in der Hintermannschaft, sie brachte aber Zweifel beim Spiel nach vorne. Beeindruckend wie ruhig und abgeklärt in so einer Spielphase Branimir Bajic die Abwehr organisiert. Dieser Mann ist ein Phänomen. Wie kann ein Spieler derart unauffällig präsent sein?

Diese Mannschaft hat als Einheit den Sieg errungen. Eine so konsequentes Agieren wie in der ersten Halbzeit funktioniert nur als sorgsam organisiertes Miteinander. Ein Sinnbild dafür ist für mich auch der Jubel der Ersatzspieler beim zweiten Tor. Sie wollten nicht am Rand stehen bleiben, sondern sich gemeinsam mit David Yelldell über das Baljak-Tor freuen. Berlin, wir kommen. Und egal, was da im Finale passiert, es wird wieder gut werden.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun … Alle? Alle!

Großartig! Wunderbar! Lasst mich Bilder sehen! Mehr! Noch mehr! Und Clips! Die Stimmen nach dem Spiel hören. Und noch einmal alles von vorne. Noch immer schmecke ich die Begeisterung des gestrigen Abends. Noch einmal packt mich die Stimmung aus dem Stadion. Noch einmal werden einzelne Momente des gestrigen Abends lebendig. Doch beschreibende Worte für das Spiel gehen mir kaum durch den Kopf. Diese Beschreibung verlangt Distanz zum Geschehen, lässt mich Abstand nehmen von der Freude. Das will ich nicht. Diese Gefühle von gestern sollen mich so lange wie möglich durch den Tag begleiten. Alltag ist so viel öfter als Pokalsiege des MSV Duisburg vor Zuschauern, die alle von Anfang an dazu bereit waren, den Abend zu etwas Besonderem zu machen.

Allerhöchstens werde ich zum Spiel einzelne Sätze raushauen. Sätze, wie ich sie gestern dem Freund ins Ohr gebrüllt habe. Selten habe ich eine derart geschlossene Mannschaftsleistung vom MSV Duisburg gesehen, wo alle Spieler auf gleichermaßen hohem Niveau gespielt haben. Da ragte keiner raus, da fiel keiner ab. Alle auf den Zaun, natürlich! Alle verdienten es auf dem Zaun gemeinsam mit den Fans den Sieg zu feiern. Als die Banner-statt-Werbung-Fankurve  „Alle auf den Zaun“ sang, war das nicht nur die überschwappende Freude den höherklassigen Gegner besiegt zu haben, darin drückte sich auch spontan das Empfinden aus, dass der 1. FC Kaiserslautern durch eine von der Mannschaft gemeinsam erbrachten Leistung besiegt werden konnte.

Diese Mannschaft wirkte wie ein einziger Körper, der immer wieder an unterschiedlichen Stellen jeweils besondere Konturen gewann. Diese Konturen zeigten sich, wenn Olcay Sahan zu einem grandiosen Dribbling ansetzte oder er einmal mehr wieder einem Gegner hintersprintete, um ihn noch zu stellen. Das passierte, wenn Stefan Maierhofer sich selbst, die Mitspieler und immer wieder auch das Publikum mit großer Ausdrucksstärke dazu motivierte, auch noch die allerletzte Kraft  für den Sieg aufzubringen. Das passierte, wenn freie Räume durch Ivica Banovic und Goran Sukalo zugestellt wurden, Bruno Soares und Banimir Bajic die langen Bälle klärten oder Benjamin Kern und Olivier Veigneau sich die steilen Pässe auf die Kaiserslautern Flügel erliefen. Dann wiederum zeigte Julian Koch seinen dynamischen Antritt und Filip Trojan seine begnadete Technik. Diese Konturen zeigten sich natürlich, wenn Benjamin Kern mit Ecken und Freistöße für Gefahr im Kaiserslauterner Strafraum sorgte und als Branimir Bajic und Goran Sukalo die Tore für den MSV Duisburg erzielten.  Und es geschah, als in den letzten zwanzig Minuten David Yelldell sicher hielt, nachdem es den Kaiserlauternern bei ihrem vermehrtem Einsatz gelungen war, zweimal frei aufs Tor des MSV zu schießen. Nicht zuletzt zeigte sich die Konturen nach den Einwechslungen, als Sefa Yilmaz den Kontern des MSV Duisburg die notwendige Schnelligkeit gab und als Ivo Grlic souverän im Mittelfeld den Ball gegen jeden heraneilenden Kaiserslauter Spieler behauptete. Im Basketball nennt man so was, die Zeit klug ausspielen.

Wenn man die besondere Qualität dieses Sieges ganz begreifen will, so muss man sich an die ersten zehn Minuten des Spiels erinnern. In dieser Zeit war zu erkennen, dass der 1. FC Kaiserslautern sehr viel besser spielen kann als die sonstigen Gegner des MSV Duisburg aus der 2. Liga. Der MSV Duisburg hat nach kleineren Anpassungsschwierigkeiten bei den jüngeren Spielern problemlos mitgehalten. Olcay Sahan und Julian Koch etwa mussten sich darauf einstellen, dass ihnen vom Gegner mehr Widerstand entgegengebracht wurde, als sie es sonst gewohnt sind. Da blitzte zu Beginn zwei, dreimal der Olcay Sahan der Vergangenheit auf, wenn er beim Versuch des Dribblings am Gegenspieler abprallte und zu Boden ging. Doch zeigte sich schnell, das bleibt Vergangenheit, es war nur das andere Niveau, an das er sich gewöhnen musste. Und auch Julian Koch musste sich an ein anderes Timing für seine dynamischen Läufe mit dem Ball und der sich anschließenden Spielaktion gewöhnen. Auch das geschah schnell und reibungslos.

Knapp 23.000 Zuschauer waren im Stadion. Eine für Duisburger Verhältnisse zufriedenstellende Kulisse. Es war nicht ausverkauft, weil der MSV Duisburg seine Bedeutung für die Stadt erst wieder zurückgewinnen muss. Der Verein ist seit dieser Saison auf einem guten Weg, und nicht nur wegen der guten Leistungen, die die Mannschaft in dieser Saison zeigt. Dieses Mal wird erst an der Basis gearbeitet, und es werden keine unhaltbaren Versprechungen gemacht. Gute Voraussetzugen, um die Zuschauerzahl dauerhaft zu erhöhen. Dann werden Julian Koch und Stefan Maierhofer wie nach diesem Spiel häufiger von der Kulisse schwärmen können.

Dieser Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern war keine Pokalssensation. Die Mannschaft des MSV Duisburg durfte sich Chancen auf den Sieg ausrechnen. Deshalb schrumpft der Sensationsgehalt der Nachricht dieses Sieges doch erheblich zusammen. Der MSV Duisburg und seine Zuschauer brauchen die Überhöhung dieses Sieges nicht, um sich am Weiterkommen zu begeistern. Außerdem behalte ich mir die Sensation als Ausruf der Begeisterung lieber in der Hinterhand. Der Wettbewerb geht weiter, und ich möchte das Wort doch noch für das Geschehen benutzen, für das es dann passt.

Alles muss raus, und einer nur muss rein!

Heute Morgen bin ich Marktschreier, der vom Lkw runter Themen und Worte unter die Leute bringt. Es hat sich einiges angesammelt, und alles soll vor dem Pokalspiel des MSV Duisburg in Köln noch raus. Schnell, kurz und weg damit. Für den einen Klick gibt es nicht nur Worte über Walter Hellmich, nein, heute packe ich auch noch Afrobeat dazu. Und Dirk Lottner! Und aus der anderen Ecke des Lagers noch was zu Zuschauerzahlen beim MSV Duisburg und die Pokalsieg-Hoffnung kriegt ihr auch noch mit dabei.

„Retter geht als Buhmann„, hieß es in der Süddeutschen Zeitung, als der Rücktritt von Walter Hellmich verkündet war. Im April schon hatte er diesen Schritt auf der Jahreshauptversammlung des MSV Duisburg angekündigt, und dass es bis zum Vollzug so lange gedauert hat, ist ein weiteres Kapitel in der Verwandlungsgeschichte der öffentlichen Meinung. Eigentlich sind genügend Worte zu Walter Hellmich geschrieben worden und nach seiner Verabschiedung beim Spiel gegen den VfL Bochum sind nun vor allem kritische Fans froh, endlich nur noch nach vorne sehen zu dürfen. Davon ab, im Verein selbst wird sicher auch Erleichterung darüber bestehen, sich nun ganz der Zukunft widmen zu können. Mir geht es aber noch um einen Gedanken, den ich neulich schon anlässlich des Bochumers Interesse am MSV andeutete. Nicht oft erleben wir öffentlich in dieser Deutlichkeit, wie dieselben Eigenschaften, die einem Menschen zum Erfolg verhelfen, verhindern, dass er diesen Erfolg stabilisiert. Mir geht es also nicht um die Bewertung, ob er bei seiner Arbeit für den MSV Duisburg mehr an den eigenen wirtschaftlichen Erfolg als an den des Vereins gedacht hat. Bei Der Westen können wir lesen, dass die Bezeichnung „Patriarch“ Walter Hellmich  sauer aufgestoßen sei. Er wird mit den Worten zitiert: „Patriarch? Einer muss halt den Kopf hinhalten, das habe ich getan. Was wir aufgebaut haben, das haben wir gemeinschaftlich getan.“ Selbst in diesen wenigen Worten klingt der altbekannte Widerspruch seiner gesamten Amtszeit an.

Etwas gemeinschaftlich erschaffen, für das einer gerade steht und seinen Schutz bietet. Wenn das nicht patriarchalische Züge hat, was dann? Dass so ein Verhältnis auf die Arbeit der vielen zurückwirkt, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Das Patriarchalische ist aber gar nicht das Problem, sondern zu wenig Einsicht in die eigenen Stärken und Schwächen. Die Persönlichkeit Walter Hellmichs wurde erst dann strittig, als der Erfolg sich nicht bestätigte. Erst dann boten diese patriarchalischen Züge Reibungsfläche in der Öffentlichkeit.

Seit der Entlassung von Zvonimir Soldo beim 1. FC Köln steht Dirk Lottner als Co-Trainer von Frank Schaefer wieder mehr im Blick der Öffentlichkeit. Dieses Interview im Kölner Stadt-Anzeiger mit Dirk Lottner liegt nun schon über zwei Wochen zurück. Mir haben Dirk Lottners Worte sehr gefallen. Er wirkt so, als wisse er noch genau, wo seine Wurzeln sind. Ihm gelingt anscheinend dieser Spagat zwischen der Glitzer-Fußballwelt und dem Aschenplatz seiner Kindheit und Jugend. Seine Worte erinnern zum einen daran, dass Berufsfußballer wie jeder Arbeitnehmer ein besonderes Arbeitsklima als Grundlage für die eigene Leistung zu schätzen weiß. Zum anderen gibt es auch für Berufsfußballer Lieblingsarbeitsplätze.

Würden Sie rückblickend sagen, dass Sie ein paar Erstligajahre haben liegen lassen?

LOTTNER: Das kann schon sein. Ich habe aber dann auch in Leverkusen bemerkt, dass die Identifikation mit dem Verein für mich sehr wichtig war. Neunzig Prozent waren da nicht genug. Ich musste ja schon ziemlich viel dafür tun, um zumindest relativ fit zu sein. Und wenn du dann nicht hundert Prozent dahinterstehst, wird es doppelt schwierig.

Relativ fit?

LOTTNER: Ich will es ja jetzt nicht zu negativ ausdrücken.

Sie meinen, Sie waren körperlich eher schlecht veranlagt?

LOTTNER: Ich musste immer viel dafür tun, um meine körperliche Fitness, von der dann trotzdem immer noch viele sagten, dass sie nicht ausreichte, zu erhalten. Und wenn ich dann Vereine hatte, in denen ich nicht spielte, war es noch schwieriger als bei einem Verein, für den man sich mehr begeistert.

Zur Einstimmung auf den Pokalabend hier kurz der Hinweis auf Femi Kuti and the Positive Force. Diese Musik ist pure Energie. Vorletzten Donnerstag habe ich Femi Kuti und seine Band bei einem Konzert in Köln etwas über zwei Stunden live erlebt, und dieser Mann lebt auf der Bühne für Afrika. Seine Musik und er selbst ist durchdrungen von dem Wunsch, das Leben auf dem Kontinent seines Herkunftslands Nigeria besser zu machen. Diese immense Kraft seines Wunsches ist in den treibenden Rhythmen, den peitschenden Sätzen und seinem eindringlichen Gesang jederzeit zu hören. Der Mann kam auf die Bühne und zwei Minuten später wogte der Saal. Einen wirklich vernünftigen Clip habe ich nicht gefunden, deshalb als Vorgeschmack das hier.

Wenn der MSV Duisburg mit solcher Energie heute Abend in Müngersdorf auf dem Platz steht, wird er seine Außenseiterchance nutzen. Auch wenn es vom Verstand her natürlich richtig ist, ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass die Mannschaft dort heute als Außenseiter auftreten wird. Andererseits lassen die erwarteten zehntausend Anhänger des MSV Duisburg dennoch das Wort Außenseiter aufscheinen. So viele Zuschauer kommen natürlich auch deshalb, weil sie eine berechtigte Chance sehen, große Gefühle zu erleben. Der Außenseiter schlägt die Erstliga-Mannschaft. Hilft das weiter bei den Überlegungen zu den Zuschauerzahlen beim MSV Duisburg. Es gibt ein sehr treues Stammpublikum, das ist wohl deutlich. Der Plan für die großen Gefühle: kein Tor gegen David Yelldell und ein Baljak-Schuss muss auf der anderen Seite rein als nachträgliches Abschiedsgeschenk für Faryd  Mondragón.

Der Kampf ums Unaussprechliche wird spannend

Da sahen wir sie also am Freitagabend in Duisburg, die erste Heimniederlage in dieser Saison. Mit der Bewertung dieser 1:3-Heimniederlage des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt könnte gut ein aussagekräftiger Persönlichkeitstest durchgeführt werden. Ein qualitatives Interview mit Zuschauern des Spiels gemacht und schon weiß man, ob dieser Zuschauer dem Leben eher eine optimistische oder pessimistische Grundhaltung entgegenbringt. Diese Niederlage schreit nämlich durch ihr Zustandekommen danach, gedeutet zu werden. Was heißt es, dass dem MSV Duisburg trotz großen Einsatzes und vieler Chancen auf ein Tor, kein Unentschieden gelang? Dieses Unentschieden wäre gerecht gewesen. Ich selbst sehe mich da eher auf der optimistischen Seite, kann aber auch sofort die Haken benennen, an denen sich pessimistisch veranlagte Menschen verfangen können.

Fangen wir mit der Einstellung dieser Mannschaft an, die mich begeistert. Die Tabelle der 2. Liga führen sieben Mannschaften nahezu punktgleich an. Wir sehen in dieser Saison gleich fünf Mannschaften, die mit jener schnellen Spielweise der Aufsteiger der letzten Saison erfolgreich sind. Die Bedeutung der Psyche und der sich daraus ergebenden Einstellung wird deshalb für den Erfolg in der Rückrunde mit jedem Spieltag wichtiger. Der MSV Duisburg hat am Freitag auch nach dem dritten Tor der Frankfurter in der 85. Minute sein Spiel nicht aufgegeben. Dieses Tor fiel in einem Moment, als der Ausgleich immer wieder möglich schien. Es fiel nach einem missratenen Abwurf von David Yelldell, der das Spiel schnell eröffnen wollte. Es wäre nicht überraschend gewesen, wenn die Enttäuschung über dieses Tor den Schwung des MSV Duisburg unterbunden hätte. Dem war nicht so. Auf den Zuschauerrängen hat es in Teilen die Enttäuschung gegeben. Auf dem Spielfeld wurde vom MSV Duisburg weiter angegriffen. Auf dem Spielfeld blieb die Energie der Mannschaft erhalten. Sie blieb nicht nur erhalten, sie wurde in konstruktive Angriffszüge umgesetzt. Die Mannschaft fiel nicht auseinander, da gab es keine verzweifelten Einzelaktionen. Das ist so ein deutliches Zeichen für die Substanz dieser Mannschaft, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt, als optimistisch zu sein und immer wieder auch auf das  Unaussprechliche zu schielen.

Wenn ich etwa an die elf, zwölf Minuten nach der 1:0-Führung denke, entstand der Eindruck, der MSV Duisburg beginnt sich in einen Rausch hineinzuspielen. Da rollte ein Angriff nach dem anderen auf das Tor des FSV Frankfurt zu, und die Frankfurter hatten dem nichts entgegen zu setzen. Jede Angriffsbemühung des Gegners wurde durch einen Duisburger Spieler schon kurz hinter der Mittellinie abgefangen. Da wurde mit hohem Laufeinsatz versucht, das zweite Tor sofort nachzulegen. Zwei große Chancen ergaben sich auch daraus. Bleibt eine solch Überlegenheit ohne Torerfolg,  wirkt der Rückschlag durch das überraschende Gegentor ernüchternd. Wir wissen, dass es so kam. Björn Schlicke fällt der Ball im Strafraum vor den Fuß und ich erinnere mich noch gut an den Auswärtssieg der letzten Saison gegen den 1. FC Union Berlin, als er aus ähnlicher Situationen noch für den MSV Duisburg sein Tor machte. Das kann er.

Dieses Tor aus dem Nichts gab den Frankfurtern die Sicherheit ihres Spiels aus den ersten Minuten zurück. Von diesen ersten Minuten an war zu sehen, wie gefährlich das Kurzpassspiel der Frankfurter sein konnte. Die erste große Chance des Spiels hatte Sascha Mölders. Ihm gelang nach einer artistischen Flugeinlage ein Pfostenschuss. Der FSV Frankfurt zeigte sich mit Ausnahme der Drangperiode des MSV Duisburg beeindruckend kombinationssicher. So eine konstante Sicherheit im Kurzpassspiel besitzt die Mannschaft des MSV Duisburg im Moment nicht. Der Pessimist wird das als Hinweis auf zukünftige Misserfolge sehen. Der Optimist wird sagen, normalerweise brauchen sie diese Sicherheit nicht, um torgefährlich zu sein. Die Mannschaft kommt durch andere Spielvarianten dennoch zu ihren Torchancen.

Die Ernüchterung des MSV Duisburg hielt nicht lange an, doch die Passsicherheit der Frankfurter ließ ihre Angriffe immer gefährlich werden. Gleichzeitig musste der MSV Duisburg jeweils weit aufrücken, um die geschickt verteidigenden Frankfurter unter Druck zu setzen. Es war erkennbar, da spielten zwei Mannschaften auf demselben Niveau mit Zug zum Tor. Für die Frankfurter ergaben sich zwar nicht so viele Torchancen wie für die Duisburger, doch diese wenigen Chancen nutzten sie. Die 2:1-Führung erzielte Sascha Mölders nach einem schnellen Angriff über die rechte Seite mit anschließender scharfer Hereingabe.

Diese Flanke war ebenso sehenswert wie die von Julian Koch auf Stefan Maierhofer vor dem 1:0-Führungstor des MSV Duisburg. Solche scharf geschnittenen Flanken vor das Tor in den freien Raum bringen jede Innenverteidigung in höchste Bedrängnis, wenn in einer Mannschaft solche Strafraumstürmer wie Stefan Maierhofer spielen oder eben der gegenüber seinen Duisburger Zeiten enorm verbesserte Sascha Mölders.

Angesichts der Passsicherheit der Frankfurter war es klar, der Versuch des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit den Ausgleich zu erzielen barg ein hohes Risiko. Zudem wurde es schwierig, weil sich der FSV Frankfurt in dieser zweiten Halbzeit etwas zurückzog. Doch selbst diese eng stehende Abwehrwand konnte vom MSV Duisburg immer wieder überspielt werden. Es gab Chancen zum Ausgleich, und die Chancenverwertung ist auch der einzige Stachel in meinem optimistischen Fleische. Das haben wir ja nicht das erste Mal gesehen, dass der MSV Duisburg sehr gute Chancen auf ein Tor auslässt. Die Mannschaft muss sich mehr erarbeiten als nötig. Das macht sie mit großem Einsatz, und manchmal gibt es dann Tage, an denen selbst dieser Einsatz nicht ausreicht. Dann steht an diesem Tag nicht nur ein überragender Torwart wie Patric Klandt im Tor, sondern es fehlt zudem zu oft die Präzision beim Abschluss. Weil es so viele Chancen gab, hält sich auch die Aufregung in Grenzen um das Foul an Olcay Sahan im Strafraum. Der nicht gegebene Elfmeter wirkt ein wenig wie eine weitere knapp vergebene Chance. Ich hatte zudem den Eindruck, das Spiel des MSV Duisburg entging gerade eben der Gefahr, den hohen Ball auf Stefan Maierhofer zu häufig zu spielen. Es fällt natürlich schwer, das Angriffsspiel gegen einen tief stehenden Gegner zu variieren, wenn das Anspiel auf Stefan Maierhofers wegen seiner Größe immer eine vorläufige Möglichkeit darstellt.  Milan Sasic wird seine Mannschaft an die anderen Lösungen immer wieder erinnern müssen.

Das Spiel erinnerte daran, diese Mannschaft des MSV Duisburg befindet sich in der Entwicklung und Entwicklung ist kein linearer Prozess. Entwicklung ist eine gerichtete Wellenbewegung. Im Neuen findet sich immer wieder auch Erinnerung an das Alte. Olcay Sahan etwa, der letzte Woche noch platziert schießen konnte, findet dieses Mal bei seinen Hereingaben von der Strafraumgrenze aus nicht mehr als die alte Unentschiedenheit zwischen Flanke und Schuss, die keinem Torwart ein Problem bereitet. Oder Bruno Soares schien sich immer unsicherer beim Passspiel zu werden, so dass er zu oft den Befreiungsschlag vorzog. Oder Stefan Maierhofers Größe als Fixpunkt in den Köpfen seiner Mitspieler, was dazu verführte ihn nurmehr als Kopfballspieler anzusehen. All das sind mögliche Haken für die Pessimisten. Wäre das zweite Tor für den MSV Duisburg gefallen, bliebe all das unerwähnt.

Für mich als Optimisten gibt es einen großen Unterschied zu den letzten Jahren, wenn solche weniger erfolgsversprechenden Momente im Spiel erkennbar sind. Die Spieler des des MSV Duisburg tragen ein Bild in sich, wie sie jeder als Teil der Mannschaft besser spielen können. Jeder Spieler besitzt das Wissen, er kann es auch anders. Das macht es Milan Sasic leichter, das Ziel Entwicklung des spielerischen Vermögens in der Mannschaft lebendig zu halten.

Eine Anmerkung noch an die Adresse der Reviersport-Redaktion: auch beim Formulieren von Überschriften sollte es die journalistische Grundregel sein, möglichst solche Worte zu nutzen, die die Wirklichkeit genau beschreiben. Das gebietet das journalistische Ethos, weil Leser sich auch mit der Lektüre von Überschriften ihre Meinung bilden. „Aussicht auf Platz eins lähmt die Zebras“ steht über dem Spielbericht der RevierSport. Diese Aussage beschreibt weder das Spielgeschehen noch stellt sie ein Kondensat des darunter stehenden Artikels dar. Diese Überschrift ist nicht mehr als ein Klischee, das in diesem Falle leider nicht zutrifft. Es kann ja sein, dass in der RevierSport unter Zeitdruck gearbeitet wird. Wenn man es aber nicht genau weiß, was da geschehen ist und keine Zeit hat, den Artikel zu lesen, dann sollte man lieber neutral formulieren. Nur dann wird auch ein Flüchtig-Leser der RevierSport sich ein treffendes Bild vom Geschehen machen können.

Bis zum morgigen Dienstag empfehle ich nun die moderne Variante der Trost- und Erbauungslyrik, den Pop-Song. Zur Aufarbeitung von vielleicht noch vorhandener Enttäuschung bietet sich Pohlmann an. Danach darf´s dann gerade in der Umkleidekabine der Mannschaft auch wieder etwas pushender werden.

Das Duisburger Fußballgesetz: Doppelpack von Spielern über 1,90m Körpergröße

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Verleger von Deutschlands Tageszeitungen aus Sorge um die verkaufte Auflage ihrer Zeitung allmählich zu ungewöhnlichen Marketing-Maßnahmen greifen, um die weiterhin vorhandene Relevanz ihres Mediums der Öffentlichkeit zu  verdeutlichen. Möglicherweise hat Alfred Neven DuMont, Verleger des Kölner Stadt-Anzeiger, selbst dafür gesorgt, dass die A3 hinter dem Hildener Kreuz wegen Bauarbeiten am Samstagmittag nur einspurig befahrbar war.  Schließlich widmete sich seine Zeitung am selben Tag als Aufmacherthema dem Verkehrskollaps in NRW. Samstagmittag, ein zehn Kilometer langer Stau, völliger Stillstand auf der A3 anderthalb Stunden vor dem Anpfiff des Spiels vom MSV Duisburg gegen die SpVgg Fürth kurz hinter der Ausfahrt Langenfeld, und die Zukunft der Regionalzeitung scheint wieder etwas gesicherter, denn der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet „kritisch“ und kennt die Hintergründe. Wir aber kennen die Ausweichstrecken und kommen etwa drei Minuten nach dem Anpfiff im Stadion an.

So brauchte ich mich nicht vor dem Fürther Abseitstor erschrecken, sondern konnte mich in Ruhe erst einmal orientieren. Erwartungsgemäß spielte Branimir Bajic wieder für Daniel Reiche. Dass Manuel Schäffler nicht spielte, war ebenfalls möglich gewesen, wenn auch der ihn ersetzende Filip Trojan sich offensichtlich auf einer anderen Position wohler fühlt als als Stürmer. Aber wieso spielte Benjamin Kern als rechter Außenverteidiger und Julian Koch im Mittelfeld für Ivica Grlic? Die Frage ging an den Nebenmann, und ich erfuhr, dass Grlic keineswegs verletzt war, sondern aus taktischen Gründen auf der Bank saß. Wenn das klappte, so dachte ich, war es ein Beweis mehr für die Qualität des MSV Duisburg in dieser Saison. Die Mannschaft erwiese sich als  variabler in der Spielanlage, wenn sie auf einen  Spieler verzichten könnte, der zu den ersten Erfolgen dieser Saison entscheidend beigetragen hat. Was von Milan Sasic geplant war, gelang tatsächlich, allerdings nur in der ersten Halbzeit.

Die Mannschaft des MSV Duisburg wirkte schnell leicht überlegen und schien das Spiel im Griff zu haben. Torgefahr ergab sich einmal recht früh durch Stefan Maierhofer und schließlich nach einem von Benjamin Kern geschossenen Freistoß durch einen Kopfball von Goran Sukalo. Den Ball hatte ich schon im Tor gesehen, doch der Fürther Torwart Max Grün zeigte einen glänzenden Reflex und lenkte den Ball noch über die Latte. Während ich noch zum Freund sagte, allmählich schießen sie sich ein, flog der von Filip Trojan getretene Eckball schon in den Strafraum und erneut kam Goran Sukalo zum Kopfball. Dieses Mal hatte Max Grün keine Chance zur Abwehr. Der MSV Duisburg führte 1:0. Ich konnte mich immer wieder an gelungenen Einzelaktionen freuen, sah den erneut beeindruckenden Auftritt von Julian Koch und zwei weitere große Chancen, ein Kopfball durch Koch knapp über das Tor und ein ungemein harter Schuss aus etwa achtzehn Metern durch Olcay Sahan. Erneut zeigte Max Grün seine Klasse und verhinderte ein weiteres Tor des MSV.

Kurz vor der Halbzeitpause blitzte mit einem Mal die Torgefahr der Fürther auf. Die MSV-Abwehr wurde mit einem steilen Pass überspielt, doch David Yeldell konnte den schwachen Schuss des Fürther Stürmers aufnehmen. Dieser Angriff war eine Art Vorausblick auf die zweite Halbzeit. Dass der MSV Duisburg die Führung in dieser zweiten Halbzeit behaupten konnte, war weniger der guten Abwehrleistung zu verdanken als der Abschlussschwäche der Fürther. Zwei sehr, sehr große Fürther Chancen endeten als Schüsse über das Tor. Neben diesen sehr, sehr großen Chancen gab es noch eine Reihe von großen Chancen. Die Mannschaft des MSV Duisburg hatte sich zu weit zurückgezogen und konnte keinen Gegendruck entwickeln, als die Fürther Angriffe erst einmal ins Rollen gekommen waren. Auch David Yelldell erwies sich in dieser Phase als Torwart der guten Reflexe.

Die Spieler des MSV Duisburg kämpften zwar aufopferungsvoll, doch ich fürchtete immer mehr, es könnte nicht reichen, die Führung über die Zeit zu bringen. Eine einzige Chance gab es in diesem Spielabschnitt für den MSV Duisburg. Doch Filip Trojan ist nicht der schussstarke Strafraumstürmer, den es in dieser Situation brauchte. Ab der fünfundsiebzigsten Minute herum keimte meine Hoffnung auf den Sieg wieder auf. Olcay Sahan verhinderte auf seiner Seite kurz nacheinander nicht nur mit eindrucksvollem Einsatz Angriffe der Fürther, sondern die gewonnenen Bälle konnten nun wieder durch kontrollierte Angriffe in die Fürther Hälfte gebracht werden. Schließlich die Erlösung: Goran Sukalo köpfte nach einer Ecke von Benjamin Kern sein zweites Tor. Was für eine Erleichterung! Im Bericht der Sportschau war stellvertretend für unser aller erleichtertes Seufzen nach dem Jubel Milan Sasic bei der gemeinsamen Freude mit Bruno Hübner zu sehen. Auch er seufzte erleichtert aus, auch er hatte offensichtlich um diese Führung gebangt.

In den letzten Minuten wurde deutlich, wie viel Kraft die Spieler des MSV Duisburg in diesem Spiel gelassen hatten. Diese Spieler gingen an ihre Reserven. Dennoch gab es Chancen auf ein drittes Tor. Olcay Sahan war in diesen Minuten weiter unermüdlich in seinem Vorwärtsdrang und in seinem Willen den verlorenen Ball zurück zu erobern. Eigentlich müssten allesamt erwähnt werden. Der eingewechselte Maurice Exslager etwa zeigte ein paar gelungene Aktionen und konnte nach einem Anspiel fast immer etwas Sinnvolles mit dem Ball anfangen.

Stefan Maierhofer will ich trotzdem noch gesondert erwähnen. Einen Spieler dieser Persönlichkeit habe ich beim MSV Duisburg lange vermisst. Dieser Mann verkörpert auf dem Spielfeld den bedingungslosen Siegeswillen. Er braucht anscheinend Reibereien und Aufregung für sein Spiel, ob das nun die Gegenspieler sind oder Balljungen, die den Ball zu schnell dem Gegner geben. So meine ich jedenfalls den leichten Rüffel verstanden zu haben, der da hinter die Bande ging. Eine Mannschaft braucht in solchen Spielen der Bedrängnis solche Typen. Mit seiner Präsenz auf dem Spielfeld entwickelt er nicht nur psychische Energie für das eigene Spiel, sondern die psychische Energie der Mannschaft wächst ebenfalls, was wiederum auf die Zuschauerränge überschlägt und von dort erneut zurückgegeben werden kann.

Dann tragen auch wir Zuschauer zur mannschaftlichen Stärke bei. Als die Führung des MSV Duisburg am gefährdesten schien, war von den Rängen dieses unterstützende „EM-ES-VAU-EM-ES-VAU“ zu hören. Wenn dieser Schlachtruf im ganzen Stadion laut wird, spüren wir, in dem Moment geht es um alles. Mit diesem Rufen soll  in Duisburg seit jeher den Spielern zu allerletzter Kraft verholfen werden. Mit diesem Rufen lösen wir Zuschauer die Grenze zwischen uns und den Spielern auf. Wir verschmelzen mit ihnen und werden zu einem Körper. Das sind die Momente, in denen das Gefühl von uns vollends Besitz ergreift, ein Teil von Sieg oder Niederlage zu sein. Das sind die Momente, in denen wir unsere Mannschaft größer machen können und uns selbst natürlich auch, wenn wir aufgehen in diesem großen Ganzen MSV Duisburg. Deshalb ist Fußball mehr als ein Geschäft. Deshalb überlege ich, ob ich es nicht doch am nächsten Sonntag nach Aachen schaffe.

Und für die Zukunft noch der kurze Hinweis an alle autofernreisenden MSV-Fans: eine erste Orientierung zur Verkehrslag bietet im Netz die Seite Verkehrsinfo.nrw. Und wo wurde die Technik dieser Seite entwickelt? An der Universität Duisburg! Auch wenn ich das aus lokalpatriotischen Überlegungen für eine erwähnenswerte Sache halte, will ich nicht so weit gehen und behaupten, die regelmäßige Anreise von Zuschauern des MSV Duisburg über die A3 war der hauptsächliche Anlass für die Entwicklung dieser Software.


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