Posts Tagged 'DDR'

Adventskalender meiner kurzen Nebensächlichkeiten – 8. Türchen

Der Sieg der DDR über den Klassenfeind BRD bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 hatte eine Vorgeschichte zwei Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen. Im Münchner Olympiastadion trafen die Oympiaauswahl der BRD und die der DDR am 8. September 1972 aufeinander. Der MSV-Stürmer Klaus Wunder spielte von Anpfiff an und erzielte sogar ein Tor, allerdings mit der Hand. Wenn der Schiedsrichter das nicht gesehen hätte, wäre sie von ihm womöglich die „Hand der freiheitlich-demokratischen Grundwerte“ genannt worden. Es geht ja immer um ein höheres Ziel bei Regelübertretungen, die ungeahndet bleiben, und die „Hand Gottes“ hilft im sportlichen Vergleich zweier politischer Systeme keinesfalls weiter. Doch der Schiedsrichter unterband solch eine mögliche DDR-Kritik mit seinem Pfiff. Mir kommt dieses eine Länderspiel wie ein überzeitliches Sinnbild für die Offensivkraft des MSV Duisburg vor. Für Klaus Wunder kam in der zweiten Halbzeit ab der 59. Minute der MSV-Stürmer Ronald Worm, und schließlich wechselte Trainer Jupp Derwall mit Rudi Seliger einen weiteren Offensivspieler des MSV für die letzte Viertelstunde ein. Doch anstatt das Siegtor zu erzielen musste die Mannschaft ein Gegentor hinnehmen. Durch die 3:2-Niederlage schied die Olympiaauswahl der BRD aus dem Turnier aus. Die DDR gewann später die Bronzemedaille.

 

BR Deutschland – DDR 2:3 (1:1)

BRD:

Hans-Jürgen Bradler – Heiner Baltes, Reiner Hollmann (75. Rudolf Seliger), Egon Schmitt, Friedhelm Haebermann, Hermann Bitz, Uli Hoeneß, Jürgen Kalb, Ottmar Hitzfeld, Bernd Nickel, Klaus Wunder (59. Ronald Worm)
Trainer: Jupp Derwall

DDR:

Jürgen Croy – Manfred Zapf – Bernd Bransch, Konrad Weise, Frank Ganzera – Jürgen Pommerenke, Wolfgang Seguin, Hans-Jürgen Kreische – Jürgen Sparwasser, Peter Ducke, Joachim Streich (70. Eberhard Vogel)
Trainer: Georg Buschner

Tore:
0:1 Jürgen Pommerenke (12.)
1:1 Uli Hoeneß (31.)
1:2 Joachim Streich (53.)
2:2 Ottmar Hitzfeld (68.)
2:3 Eberhard Vogel (82.)

Mit einem Klick geht es zur Seite von Detlev Mahnert, wo nebst weiteren einordnenden Worten auch ein paar Dokumente zum Spiel zu finden sind.

Halbzeitpausengespräch: Auf dem Weg zum Hooligan in der DDR – Gedächtnis der Nation

Das Gedächtnis der Nation ist ein Oral-History-Projekt, bei dem zunächst prominente Zeitzeugen befragt wurden. Seit 2011 werden auch Erinnerungen von unbekannten Menschen festgehalten. Entstanden ist das Projekt als Teil eines journalistischen Zugangs zur Geschichte, wie er von Guido Knopp beim ZDF  verantwortet wurde. Über die engen Grenzen eines solch personalisierten Zugangs sollte man sich schon bewusst sein. Verbindliche Wertungen und Einordnungen in allgemeine historische Prozesse können solche einzelnen Stimmen nicht geben, selbst wenn sie es behaupten. Ganz davon abgesehen, dass wir anerkennen müssen, wie trügerisch Erinnerungen sein können.

Das soll hier alles nicht interessieren. Denn ich verliere mich gerne in diesen Erzählungen aus anderen Zeiten. Sie machen Vergangenheit lebendig. Neulich bin ich auf die Erinnerungen von Rolf Walter gestoßen, der zu DDR-Zeiten Fußballfan vom BFC Dynamo Berlin war. Dort hatte sich eine sehr gemischte Gruppe Fans zusammen gefunden von Punks bis hin zu Skinheads. Das waren junge Männer, die sich auf unpolitische Weise gegen ein normales Leben in der DDR wandten.

Die Clips laufen nur direkt bei youtube, auch wenn ich sie hier habe eingebunden.

 

 

 

Nach seiner Haftzeit begann Rolf Walter politischer zu handeln, und er wurde Teil der oppositionellen, kirchlich organisierten Friedensbewegung der DDR. Zu den Kurzinterviews zu dieser Zeit bei Youtube mit einem Klick.

 

Der erste Sieg der DDR gegen die BRD – Olympische Spiele 1972

Kaum ließ vor ein paar Tagen Uli Hoeneß noch tief in die Widersprüche des Unterhaltungsbetriebs Fußball blicken, schon stoße ich auf einen Clip aus der guten goldenen Zeit des dilletierenden Amateurunterhaltungsbetriebs dieses Sports. Heute betrachtet Uli Hoeneß RB Leipzig als einen Segen für die Bundesliga und den Absturz von Traditionsklubs mit Sorge, gestern noch spielte er mit Fußballern dieser Traditionsvereine in der Olympiaauswahl der BRD. Heute vergisst Uli Hoeneß bei seinen Wertungen strukturelle Gründe des Unterhaltungsbetriebs Fußball für den Aufstieg des einen und den Niedergang der anderen. Gestern noch erzielte er gegen die Staat gewordene Systemkritik ein Tor.

Ich teile den Clip gerne mit euch, erinnert er doch an die gute alte Zeit mit den Bewegtbildern vom Spiel der Oympiaauswahl der BRD gegen die der DDR im Münchner Olympiastadion am 8. September 1972, bei dem auch drei Spieler des Traditionsvereins MSV Duisburg teilnahmen. Der MSV-Stürmer Klaus Wunder spielte von Anpfiff an und erzielte sogar ein Tor mit der Hand, die in diesem Fall vielleicht nicht die „Hand Gottes“ sondern die der „freiheitlich-demokratischen Grundwerte“ genannt worden wäre. Es geht ja immer um ein höheres Ziel bei Regelübertretungen, die ungeahndet bleiben. Doch der Schiedsrichter unterband solch eine mögliche DDR-Kritik mit seinem Pfiff.

Klaus Wunder spielte von 1971 bis 1974 beim MSV und brachte dem Verein bei seinem Wechsel zu Bayern München 1 Millionen D-Mark Ablösesumme in die Kasse. Meiner Erinnerung nach war das damals die erste Millionen die für einen wechselnden Spieler in der Bundesliga gezahlt wurde. Auch damals brauchte der Verein das Geld dringend. Wer es genauer weiß, gerne lese ich erläuternde Kommentare.

In der zweiten Halbzeit wurde ab der 59. Minute der MSV-Stürmer Ronald Worm für Klaus Wunder eingewechselt. Das Spiel gehörte zur zweiten Finalrunde. Um weiterzukommen hätte die BRD gewinnen müssen. Bis zur 68. Minute lag die Olympiaauswahl zurück. Dann erzielte Ottmar Hitzfeld den Ausgleich. Trainer war damals Jupp Derwall, und zum Ende des Spiels hin verstärkte er die Offensivkraft noch. Er wechselte Rudi Seliger für die letzte Viertelstunde ein. Doch statt das Siegtor zu erzielen musste die Mannschaft ein Gegentor hinnehmen. In den Bewegtbildern sehen wir von den MSV-Spielern nur Klaus Wunder in Aktion. Aber auch Uli Hoeneß ist sehenswert, erzielt er doch das sehr schöne Tor zum 1:1-Ausgleich. Weitergekommen ist die BRD dann eben nicht. Die Niederlage der BRD gegen die DDR zwei Jahre später bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 hatte dann ja andere Folgen.

Mit einem Klick geht es zur Seite von Detlev Mahnert, wo nebst weiteren einordnenden Worten auch ein paar Dokumente zum Spiel zu finden sind.

 

 

BR Deutschland – DDR 2:3 (1:1)

BRD:

Hans-Jürgen Bradler – Heiner Baltes, Reiner Hollmann (75. Rudolf Seliger), Egon Schmitt, Friedhelm Haebermann, Hermann Bitz, Uli Hoeneß, Jürgen Kalb, Ottmar Hitzfeld, Bernd Nickel, Klaus Wunder (59. Ronald Worm)
Trainer: Jupp Derwall

DDR:

Jürgen Croy – Manfred Zapf – Bernd Bransch, Konrad Weise, Frank Ganzera – Jürgen Pommerenke, Wolfgang Seguin, Hans-Jürgen Kreische – Jürgen Sparwasser, Peter Ducke, Joachim Streich (70. Eberhard Vogel)
Trainer: Georg Buschner

Tore:
0:1 Jürgen Pommerenke (12.)
1:1 Uli Hoeneß (31.)
1:2 Joachim Streich (53.)
2:2 Ottmar Hitzfeld (68.)
2:3 Eberhard Vogel (82.)

Vorspiel Rot-Weiß Erfurt vs MSV Duisburg – Historische Bewegtbilder vom Heimverein

Vor dem Auswärtsspiel des MSV in Erfurt habe ich mir zum Zeitvertreib ein paar Clips mit Spielen von Rot-Weiß Erfurt aus der Vorwendezeit angesehen. Für Freunde historischer Bewegtbilder des Fußballs hat rrrstorage eine Menge Schätze aus DDR-Oberliga-Zeiten hochgeladen. Auch auf überraschendem Terrain sich nicht mit dem üblichen Vorgeplänkel von Aufstellung und Vorsätzen zu beschäftigen, sondern das Fremde kennenlernen und sich darin üben, kann ja nicht schaden.

Daten zu den den Spielen habe ich nicht weiter recherchiert. Das überlasse ich den Vereinshistorikern, und wie der Torschütze des 1:0 beim Spiel von Rot-Weiß Erfurt gegen den FC Magdeburg heißt, darauf hätte man bei den Platzverhältnissen selbst kommen können, oder, Herr Winter?

Im nächsten Clip ist die Anmoderation großartig. Diesen Ton aus fernen DDR-TV-Zeiten hören wir noch immer in jeder Morgenandacht gerne, ganz zu schweigen davon, dass in denselben Jahren die Wort-zum-Sonntag-Pfarrer und -Pastöre der BRD das  auch gut drauf hatten: Das beispielhafte Geschehen folgt einem großen Ganzen.

 

Und damit wir in Duisburg eine gute Ausgangslage für den Sonntag haben, will ich mit zwei Heimniederlagen für Rot-Weiß Erfurt enden. Zwar hat der MSV nicht einen solch einflussreichen Gönner wie der BFC Dynamo seinerzeit mit Stasi-Chef Erich Mielke, der Siege der Mannschaft seines Herzens in der DDR wahrscheinlicher machte. Dafür gibt es ja eine schon mehrmals gesehene spielerische Qualität der Mannschaft, zu der sie gegen Erfurt mal wieder zurückfinden könnte.

 

Sommerpausenlektüre – Der elfte Mann von Erich Loest

2015-06_Loest_CoverEin Freund stöbert gerne in Leipziger Antiquariaten. Vor ein paar Wochen hat er mir nach seinem Leipzig-Aufenthalt ein Buch mitgebracht, das eine meiner Sommerpausenlektüren geworden ist: „Der elfte Mann“ von Erich Loest in einer Ausgabe aus der DDR, im Mitteldeutschen Verlag erschienen, die 2. überarbeitete Auflage von 1969. Das Buch riecht nach alten Zeiten. Das Papier fühlt sich so sehr nach alten Zeiten an, dass man glauben kann, nach der Lektüre vom Staub schwarze Finger bekommen zu haben. Auch die Geschichte handelt von alten Zeiten, aber wie und was erzählt wird, ist keineswegs alt und überholt.

Erich Loests Sprache wirkt meist zeitlos und sein Stil mit seinen eingestreuten Einwort- und Kürzestsätzen geradezu modern. Durch seinen Anspruch alltägliche Realität verdichtet abzubilden, wird auch ein Unterhaltungsroman über den Erstligafußball der DDR zu einem Blick auf die Gesellschaft in den 1960er Jahren. Erich Loest erzählt vom Spieler einer Oberligamannschaft mit Aussicht auf die DDR-Fußballerkarriere in der Nationalelf. Er fühlt sich im Konflikt mit den Ansprüchen der Hochschulausbildung und denen der Freundin. Loest zeigt einen Menschen, der seinen Platz in dieser DDR-Gesellschaft sucht, der seinen erhofften beruflichen und sportlichen Erfolg und die dafür notwendigen Anstrengungen mit persönlichem Glück und Zufriedenheit abgleichen muss. 2015-06_Loest_ImpressumSehr gegenwärtige Themen für junge Menschen! Das ging mir durch den Kopf. Die Forderungen in der DDR-Gesellschaft kamen seinerzeit nur nicht von Unternehmen und der „Wirtschaft“ sondern von Vertretern des Staates in den verschiedenen Bereichen dieser DDR-Gesellschaft, ob im Fußball oder in der Wissenschaft. Erich Loest erzählt die ideologische Grundlage dieses DDR-Lebens ganz selbstverständlich mit.

Darüber hinaus wirft er auf sehr gelungene Weise einen Blick auf die Fußballerwelt. Oft misslingt es Autoren ihre Literatur mit dem eigentlichen Sport Fußball, also der Beschreibung seiner Ereignisse sinnvoll zu verbinden. In „Der elfte Mann“ findet Erich Loest für den Spielbericht eine erzählerische Notwendigkeit. Das Erleben eines Fußballspiels aus der Spielersicht macht dem Leser die eigentliche Verbindung dieses Sports mit dem persönlichen Glück des Spielers deutlich. Auf diese Weise kontrastiert Loest geschickt das individuelle Erleben, den individuellen Glücksanspruch mit den Forderungen, die auf den Staat DDR bezogen sind.

Man muss sich vergegenwärtigen. Erich Loest wurde von der Staatsmacht misstrauisch beäugt. Konterrevolutionäre Gruppenbildung hatte man ihm 1957 vorgeworfen. Zu sieben Jahre Haft in Bautzen war er verurteilt worden. Seit 1964 war er wieder auf freiem Fuß und durfte seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller verdienen. Konterrevolutionär konnte man schon sein, wenn man die Wirklichkeit der DDR einfach nur genau beschrieb.

Vor einem Jahr habe ich schon einmal einen längeren Text über Erich Loest geschrieben. Dabei standen sein Roman „Nikolaikirche“ und der Erfahrungsbericht zur DDR-Zensur „Der vierte Zensor“ im Mittelpunkt. Ich kann mich nur wiederholen, wer die DDR mit ihrem Alltag im Roman kennenlernen will, lese Erich Loest. Dass man zudem gut unterhalten wird mit der Lektüre, ist ein nicht zu verachtender Nebeneffekt.

Außerdem war Erich Loest seiner Zeit voraus. Er wusste um die Aura dieses einen Wortes, das heute vom DFB zur Marke gemacht wurde: DIE MANNSCHAFT. Über Markenschutz hat er sich damals wahrscheinlich aber keine Gedanken gemacht.

2015-06_Loest_DIE_MANNSCHAFT

 
 

Und ab in den Meidericher Kanon des literarischen Fußballs.

Halbzeitpausengespräch: RB Leipzig und die andere mögliche Fußballgeschichte bei Erich Loest

Eigentlich war es anders geplant. Eigentlich wollte ich heute einen sicheren Aufstiegsgruß nach Leipzig schicken, um diesem Aufstieg etwas wirklich Gutes abzugewinnen: Aufmerksamkeit für den 1926 geborenen und 2013 gestorbenen Schriftsteller Erich Loest. Sein großes Lebensthema waren die Wirklichkeit der DDR insbesondere die in Leipzig, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung. Nun kommt es  anders, besser, der Aufstieg von RB Leipzig ist nicht mehr so sicher, weil die DFL die Zweitliga-Lizenz verweigerte. RB-Financier Dietrich Mateschitz polterte herum, machte sein Fußballprojekt nicht gerade sympathischer und noch mehr Menschen interessieren sich nun für das Geschehen rund um RB Leipzig. Ein paar von ihnen werden mit Sicherheit von Google nach Veröffentlichung des Textes nun auch hier vorbei geschickt. Um so besser für das Werk von Erich Loest. Danke DFL, Danke Dietrich Mateschitz, Danke RB Leipzig.

Mein Gruß nach Leipzig ist eine Erinnerung an den dortigen Fußball der Vergangenheit. Erich Loest schildert in seinem Roman „Nikolaikirche“ das Geschehen vor der Montagsdemonstration in Leipzig am 9.Oktober 1989, die ein Wendepunkt für die Geschichte der DDR werden sollte. Die Handlung füllt Erich Loest mit vielen Details des Alltags und des Geschehens damals, um die Besonderheit dieser Zeit fassbar zu machen. Der Fußball ist ihm in einer kleinen Szene Sinnbild für diese Zeit. Dazu muss man wissen, die Anhänger der beiden Leipziger Fußballvereine Lokomotive Leipzig und BSG Chemie Leipzig waren aufs Tiefste verfeindet. Ihr ahnt, wie Erich Loest diese Feindschaft symbolhaft nutzt? Kurz vor der Demonstration erlebt eine der Hauptfiguren des Romans folgende Szene:

[…] und so gab sie das vierte Blatt zwei jungen Männern, denen nicht anzusehen war, auf welcher Seite sie standen. Drei Jugendliche vor dem Kaufhaus waren schon eher einzuordnen, der eine trug einen weißgrünen ‚Chemie‘-, der andere einen blaugelben ‚Lok‘-Schal, heute waren sie keine Rivalen. Einer schaute sie verblüfft an und bedankte sich.

Erich Loest, Nikolaikirche, 1995, dtv-Ausgabe 1997, 505

Wenn schon tief verfeindete Fußballfans friedlich nebeneinander stehen, wie stark muss dann der Zusammenhalt der Bürger der DDR gegen die Staatsmacht sein? Nicht dass ihr denkt, hier arbeitet jemand mit dem Holzschnitt. Es ist nur ein winziger Moment im Roman, der das Romangeschehen an die Realität binden soll. Als Gruß hier ist dieser winzige Moment auch eine Erinnerung daran, dass in Leipzig das Potential für eine andere Geschichte vorhanden war, eine Geschichte, in der Dietrich Mateschitz keinen Platz gehabt hätte. Eine Teilstrecke dieses Weges wurde mit dem VfB Leipzig ja versucht.

An anderer Stelle im Roman klingt auch ein Grund für die Feindschaft zwischen den beiden Vereinen an, und wir sehen, die heutigen Großunternehmen sind damals SED-Politiker:

Vor sich hörte er, die rabiate Politik gegen die Fußballer von ‚Chemie‘ sei an vielem Schuld; der Mann sagte ‚Schemmie‘ und betonte es auf der ersten Silbe. Sie hätten den traditionsreichen Arbeiterverein systematisch kaputtgemacht. Die Namen der Helden ‚Chemie‘ klangen wie die von Heiligen: Manne, Walter, Schere und natürlich Bauchspieß.

Erich Loest, Nikolaikirche, 1995, dtv-Ausgabe 1997, 513

Auch wenn „Nikolaikirche“ durch die Verfilmung vielleicht das populärste Werk von Erich Loest wurde, wirkt dieser Roman durch Loests Absicht, die Zeit vor der entscheidenden Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in möglichst vielen Perspektiven zu zeigen weniger literarisch als andere seiner Romane. Schlaglichter erhellen die Vorgeschichte und machen mit vielen Figuren die zum Teil gegenläufigen und vielschichtigen Geschehnisse dieser Zeit fassbar. Er nähert sich mit dieser Form einem Dokumentarroman. Literatur bedeutet hier nur die Freiheit, Figuren zu typisieren und anzuordnen, um die Vielfältigkeit des Geschehens emotional greifbarer zu machen.

Erich Loest schrieb realistische Literatur mit starken Geschichten, ohne die Psychologie seiner Figuren aus dem Blick zu verlieren. Er war ein eigenwilliger Querdenker, der sich der politischen Einordnung entzog. Sieben Jahre saß er in Bautzen ein, ab 1957 wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“. Nach der Haftentlassung begann er unter Pseudonym Kriminalromane zu schreiben. Für ihn war es ein Broterwerb, und erst 1977 erschien unter seinem Namen mit „Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene“ ein Roman, der für ihn wieder eine wirkliche Bedeutung hatte.  Dessen erste Auflage in der DDR war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Eine zweite Auflage kam zwar nach längeren Auseinandersetzungen auf verschiedenen Ebenen mit der Staatsmacht in den Verkauf. Danach wurde er aber verboten. Es war ein Roman, der immer wieder abgetippt wurde, ein Roman, für dessen einzelne Exemplare in privaten Zirkeln Wartelisten für den nächster Leser angelegt wurden.

Dieser Roman war bei seinem Erscheinen ein unerhörtes Ereignis in der DDR.  Viele dachten, wenn so etwas veröffentlich werden konnte, dann gab es noch Hoffnung für die Entwicklung der DDR. So etwas, das war die Geschichte eines Familienvaters von Anfang 30, der von seinem Leben nichts anderes wollte als in Ruhe gelassen zu werden. Er wollte seinen Beruf gut ausfüllen, er wollte ein guter Vater sein, ein guter Ehemann. Mehr nicht. Seine Frau aber wollte, dass er ein Aufbaustudium macht.  Staatsvertreter wollten, dass er Prinzipien der Macht über die der persönlichen Einsicht stellt, und so beginnt dieser junge Familienvater, ohne es wirklich zu wollen, quer zu der Gesellschaft zu stehen. Wofür es in der Gesellschaft der DDR keinen Platz gab.

Zwangsläufig kam es zu Auseinandersetzungen um den Roman. Die Staatsführung sah sein Erscheinen als Fehler an. Die Leser focht das nicht an. Sie waren begeistert über diesen Roman. Nach den Auseinandersetzungen um den Roman siedelte Erich Loest  1981 in die BRD über. Er war eigener Kopf, der regelmäßig aneckte. Er wollte Wirklichkeit möglichst genau beschreiben und vergaß dabei das Unterhaltungsbedürfnis seiner Leser nicht. Wenn ihr nur einen einzigen Roman von Erich Loest lesen wollt, dann  empfehle ich euch „Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene“. Mit diesem Roman gelang es Loest beeindruckend sowohl eine starke Geschichte zu entwickeln, die Figuren psychologisch tief zu zeichnen und nicht zuletzt die Wirklichkeit der DDR  Mitte der 1970er Jahr plastisch und eindrücklich zu schildern. Dieser Roman ist trotz seiner Bindung an die DDR-Wirklichkeit zeitlos gültig. Menschen wie dieser junge Familienvater bekommen mit ihrer Haltung Schwierigkeiten auch in einer Gesellschaft, die vom kapitalistischen Ehrgeiz getrieben wird. Wer dann noch eine Art „Making of“ lesen möchte, den Blick hinter die Kulissen der Kulturpolitik der DDR und des pragmatischen Handelns eines Autors, der veröffentlichen will, der lese von Erich Loest „Der vierte Zensor“, die Dokumentation zu besagtem Roman. Mit zwei Büchern die ganze DDR erzählt!

Zu wenig MSV-Fans? Gebt dem Verein die DDR zurück

Es war November, ein Freitagabend, und unser Bus aus Duisburg war trotz Megastau auf der A2 noch rechtzeitig vor dem Anpfiff in Wolfsburg angekommen. 1998 hatte das Wolfsburger Stadion auf der Gästefan-Seite noch eine richtige Kurve. Vielleicht hundert bis hundertfünfzig Duisburger Fans waren schon da. Begrüßung hier und Begrüßung dort. Doch noch geschafft! Und wie lange habt ihr gebraucht? Mann, was für eine Fahrt, und ich bekomme mit, wie einer der Busmitfahrer ganz selbstverständlich Einverständnis voraussetzt bei dem Blau-Weißen, auf den er gerade eingeredet hat. Der aber erwidert:  „Ich bin gar nicht aus Duisburg hier. Ich komm´ aus dem Osten. Aus Magdeburg.“ Sein Zungenschlag war eindeutig nicht Ruhrpott.

Danach hörte ich eine kuriose Geschichte des Fan-Werdens mit. Gleichzeitig erzählt diese Geschichte so viel Alltag aus der deutsch-deutschen Vergangenheit. So fern und für viele schon unvorstellbar klingt das, was da zum Nutzen des MSV Duisburg in Magdeburg geschah. Vielleicht liest dieser Mann selber mit oder jemand, der ihn kennt. Es wäre schön, seine besondere Geschichte in seinen eigenen Worten für das Fan-Gedächtnis geschrieben zu bekommen.

Dieser Mann in Wolfsburg war wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, denn seiner Erzählung nach war er Ende der 70er Jahre ein Kind oder ein Jugendlicher, jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs und sich für den Fußball in der BRD interessierte. Am meisten faszinierte ihn damals der Hamburger Sportverein, bei dem in der Saison 1978/79 der Engländer Kevin Keegan spielte. Der HSV wurde in dieser Saison das Maß der Dinge, und der Junge in Magdeburg wünschte sich nichts so sehr, wie noch mehr über diesen Verein zu erfahren. Zu seinem großen Glück gab es Verwandtschaft im Westen, die so manchen Wunsch im Osten erfüllen half. Etwas vom Lieblingsverein HSV zu besitzen, das war es gewesen für den Jungen. Der Wunsch des Jungen wurde weitergeleitet, und als die Verwandten aus dem Westen das nächste Mal in Magdeburg waren, durfte der Junge einige kostbare Mitbringsel auspacken. Was genau er dort dann auf dem Tisch liegen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, es war das 1976 erschienene Buch „Die Zebras kommen“, dazu vielleicht ein Wimpel vom MSV, ein Trikot. Von Fanartikeln konnte man in den 70ern jedenfalls noch nicht sprechen. Der Onkel oder welcher männliche Verwandte auch immer hatte sich verhört. Aus dem HSV war der MSV geworden. Und der Junge im Osten nahm die Dinge mit einer weisen Gelassenheit, die normalerweise nur Menschen mit langer Lebenserfahrung  aufbringen. Mit ein wenig System-Abstand bleibt es eben gleich, mit welchem Verein aus dem Westen man als Fan den Sinn seines Fußball-Daseins findet. Und so häufig kamen die Verwandten aus dem Westen nun auch nicht.

Das Spiel endete mit einem 2:0-Sieg für den MSV Duisburg. Das 1:0 war ein Selbsttor des Wolfsburger Peter Kleeschätzky und das 2:0 erzielte Uwe Spies, der bei den Heimspielen in Duisburg ja immer einen schweren Stand beim Publikum hatte.  Nach dem Spiel bin ich in Wolfsburg geblieben, um mit dem Linienbus zum angeheirateten Neffen nach Braunschweig zu fahren. Ich ging vom Stadion aus zu Fuß Richtung Innenstadt und wartete bei einer Schale Pommes auf meinen Bus. Am Nebentisch saßen drei jugendliche Wolfsburger Fans. Sie hatten die Niederlage schon weggesteckt und unterhielten sich über ihre Fahrten zu Auswärtsspielen ins Ruhrgebiet. Sie waren sich einig, dort niemals leben zu können. So verödet war ihnen die Gegend zwischen Dortmund und Bochum vorgekommen. Fünfzehn Minuten vorher hatte ich beim Anblick von fünfzig Meter Fußgängerzone mit Sonnenstudio oder Spielhalle oder Jeans-Shop noch gedacht, das wirkt ja sogar noch trostloser als in Duisburg. Und in den 90ern war die Königstraße sehr trostlos am Abend. Heimat kann überall sein.

Es gab ein Leben vor dem MSV

Wahrscheinlich wird mancheiner von uns beim flüchtigen Blick auf die Trainerbank des MSV Duisburg glauben, er sitze dort noch immer und kurz zuvor hätte er doch diese roten Kunststoffkegel  wieder so zielsicher auf dem Rasen verteilt. Heiko Scholz war von Januar 2003 bis April 2009 Co-Trainer beim MSV Duisburg. Es gibt in der Geschichte des Vereins aller Vereine immer wieder Menschen, die für mich auf eine besondere Weise mit der Geschichte des Vereins zusammenwachsen. Das geschieht unabhängig von allen sportlichen Fragen. Heiko Scholz zählt für mich dazu. Eigentlich müsste man einmal in einem Interview mit ihm versuchen, sein Leben als schnurgerade Entwicklung hin zur Trainerbank vom MSV zu erzählen. An so etwas hat Tim Jürgens natürlich leider nicht gedacht, als er Heiko Scholz für „11FREUNDE“ Fragen stellte. Auch für die Sportpresse bietet der Jahrestag des Mauerfalls Gelegenheit, sich zu erinnern und so erzählt Heiko Scholz vor allem von seinem Leben als Fußballer in der Zeit um die Wende herum. Erinnerungen an die jüngste MSV-Vergangenheit werden für einen Fan der Zebras selbstverständlich dennoch wach.

Ergebnisorientiert und kaum verärgert

Wenn ich lese, wie schlecht das Spiel gestern wieder gewesen ist, bin ich froh, es nicht gesehen zu haben. Das Elfmeterschießen habe ich beim Kölsch nach dem eigenen Sport gerade noch mitbekommen. Mein Ärger hielt sich in Grenzen. Mag daran liegen, dass ich gerade durch einen Packen Arbeit ein wenig abgelenkt bin. Deshalb passt es mir ganz gut, dass ich mit einem Zitat aus den autobiografischen Erinnerungen des langjährigen DDR-Korrespondenten verschiedener BRD-Printmedien Peter Pragal anscheinend einen überzeitlichen Kommentar für den gestrigen Abend geben kann. Gelesen habe ich das am Wochenende in der Wochendbeilage der Süddeutschen Zeitung. In den vorabgedruckten Auszügen aus den Erinnerungen ist als Schlusspunkt der Ausschnitte folgendes zu lesen:

„In Ost-Berlin traf ich immer wieder Leute, deren Schlagfertigkeit und Mutterwitz mich faszinierten. Aussprüche, die mir besonders gut gefielen, habe ich in einem Tagebuch festgehalten. Kostprobe: In den siebziger Jahren traten im Ost-Berliner Dynamo-Stadion die Kicker vom MSV Duisburg gegen die Elf vom heimischen BFC an. Der galt als Stasi-Klub und war bei vielen Ost-Berliner Fußballfans unbeliebt. Einige der Zuschauer, die mit viel Mühe eine Eintrittskarte ergatterten, waren von den Leistungen der westdeutschen Gäste enttäuscht. Die bewegten sich so schwerfällig und lustlos, als betrachteten sie den prestigeträchtigen Ost-West-Vergleich als lästige Pflichtübung. Als ein Duisburger wieder einmal versäumte, einem Ball nachzueilen, machte einer der Zuschauer seinem Ärger lautstark Luft: „Wenn du jetzt nicht läufst, musst du hierbleiben.“


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