Posts Tagged 'Deniz Aycicek'

Prinz Gutti I. macht den Unterschied

Einmal Prinz zu sein, gehörte bislang weder in Duisburg noch in Köln zu meinen vorrangigen Lebenszielen.  Aber wer weiß, welche Zufälle mir noch begegnen? Deshalb habe ich mir nach dem Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Erfurt erstmal die Kontaktdaten von Prinz Gutti I. rausgesucht und gut beiseite gelegt. Jedem anderen mit Ambitionen zur Narrenregentschaft in Duisburg sei dasselbe empfohlen, um die Pflichtaufgabe des Stadionbesuchs beim Erfahrungsaustausch mit dem diesjährigen Prinzen gut vorzubereiten. Denn es war Prinz Gutti I., der den Fluch des Regentenbesuchs gebannt hat, mehr noch, er wurde zum Glücksbringer. Denn auch wenn der MSV Duisburg viel für den 3:2-Sieg gegen Rot-Weiß Erfurt getan hat, und  „unverdient“ in dem Fall keine Standardkommentar-Karriere machen wird, einiges Glück war dennoch unbedingt notwendige Zutat zur Leistung aller Spieler im Zebra-Trikot.

Eigentlich ging das Spiel des MSV Duisburg in den ersten zwanzig Minuten gut an. Trotz der erwarteten kompakten Erfurter Defensive ergaben sich für die Zebras Chancen. Vor allem fand das Spiel  fast auschließlich in der Gäste-Hälfte statt. Kevin Wolze schoss nach wenigen Sekunden Spielzeit knapp am Tor vorbei, Tanju Öztürk kam etwas später zum Kopfball und zielte dafür auch etwas weiter daneben. Der Mannschaft gelangen Kombinationen auf engem Raum rund um den Strafraum. Die Hoffnung auf weitere Torchancen hatte durchaus Berechtigung.

Doch bei der Spielvorbereitung muss sich das Trainerteam der Erfurter über eine entscheidende Schwachstelle im Spiel der Zebras intensiv Gedanken gemacht haben. Der MSV braucht bei ruhenden Bällen oft recht lange, um wieder spielbereit zu sein. Eine Mannschaft, die den Ausball schnell einwirft oder den Freistoß im Halbfeld ohne Zögern ausführt, kann sich einige mühselige Angriffsarbeit zur Raumöffnung sparen. Erfurt war die erste Mannschaft, die das konsequent ausnutzte. Die großen Erfurter Chancen der ersten Halbzeit sowie das Führungstor ergaben sich aus schnell ausgeführten Spielaktionen nach Schiedsrichterentscheidungen für die Gäste.

So machten sich die Zebras einmal mehr das Leben selbst schwer. Die Erfurter warteten in der 24. Minute einfach nicht mit dem Einwurf, bis sich alle beim MSV auf die kommende Defensivarbeit gedanklich eingestellt hatten. Der Weg zum Tor von Michael Ratajczak war frei, und schon trudelte der Ball nach einem Lupfer Richtung Torlinie. Kurz keimte Hoffnung auf, der zur Torlinie kommende Christian Eichner könne den Ball noch wegschlagen. Gleichzeitig gab es diesen heransprintende Erfurter Spieler. Hoffen und Bangen!  Die Zeit stand still, damit die ersehnte Rettungstat geschähe. Nur keinen Querschläger! Doch das Rettende blieb fern, Christian Eichner wartete. Worauf, war nicht zu erkennen. So rannte der Erfurter Patrick Göbel kurzerhand mitsamt dem Ball ins Tor am wartenden Eichner vorbei. Ein Schock, der die Zebras völlig aus der Fassung brachte. Es dauerte Minuten, ehe sich die Spieler wieder stabilisierten. Zu unserer großen Erleichterung gelang es den Erfurtern in dieser Zeit nicht, ein weiteres Tor nachzulegen. Zwar entfalteten sie weiterhin Druck, doch dauerhaft präzise im Abschluss waren die Gäste dann doch nicht.

Nachdem im Spiel des MSV zumindest wieder Ansätze von Ordnung zu sehen waren, gelangen auch wieder vereinzelte Angriffsaktionen. Einer dieser Angriffe endete in der 36. Minute mit einem Freistoß zentral vor dem Tor in aussichtsreicher Entfernung. Branimir Bajic lief an und schoss, wie man besser nicht schießen kann, zum Ausgleich ins Tor. Zwingend war ein Tor für den MSV in dieser Spielphase nicht.  Was natürlich niemanden bei uns davon abhielt, darauf zu hoffen, die Sicherheit der ersten Spielminuten könnte zurückkehren. Zunächst musste Michael Ratajczak aber mit einem grandiosen Reflex den erneuten Rückstand verhindern, dann erst entfaltete sich nach der Halbzeitpause eine Ahnung vom möglichen Sieg, ohne dass die Zebras noch einmal so spielbestimmend wie zu Beginn werden konnten.

Mit dem Doppelwechsel, Gerrit Wegkamp und Athanasios Tsourakis für Patrick Zoundi und Deniz Aycicek, wurde die Offensivkraft verstärkt und zugleich das Risiko in der Defensive erhöht. Deniz Aycicek hatte bis dahin solide gespielt, etwas unauffälliger als gegen Leipzig, Patrick Zoundi war gut gewesen, hatte sich viele Bälle erlaufen und oft für Unruhe in der Erfurter Defensive gesorgt.  Viel Spielzeit wurde ohnehin nicht im Mittelfeld verbracht. Dort ging es auf beiden Seiten fast das ganze Spiel mit steilen Pässen schnell vorne. Die Alternative dazu waren halbhohe Bälle steil nach vorne. Gerrit Wegkamp versprach mehr Wucht vor dem Tor. Der Mann gefällt mir. Schnörkellos spielend weiß er jederzeit, wie es Richtung gegnerisches Tor geht. In der Nähe des Strafraums zieht ihn das Tor magnetisch an, ohne dass er den Blick für die Mitspieler verliert. So eine Dynamik bei gleichzeitigem Torinstinkt sowie Auge für die Mitspieler hat es beim MSV lange nicht mehr gegeben.

Spielentscheidend war dann der große Auftritt von Prinz Gutti I. von der 66. bis 67. Minute. Er machte unmissverständlich klar, statt des Niederlagenfluchs hatte er Siegesglück mitgebracht. Defensive und Offensive verstärkte sein mitgebrachtes Glück gleichermaßen. Zunächst lenkte es einen freien Schuss der Erfurter nach großem Strafraumdurcheinander an die Latte. Anschließend machte es sich sofort in der Offensive nach einem Freistoß nützlich. Der hoch herein geschlagene Ball tropfte vom Körper eines stehenden Erfurters zum Führungstreffer ins Tor. Verständlich, dass kein MSV-Spieler nach der langen Prinzenbesuchniederlagenserie an so ein Prinzenglück glauben konnte und stattdessen allesamt Kingsley Onuegbu zum Tor gratulieren wollten.

Gefährlich wurde es danach für den MSV Duisburg erstmal nicht. Im Gegenteil, Prinz Gutti I. wollte die Nerven der MSV-Fans beruhigen. Weil Athanasios Tsourakis mit einem seiner Haken-Dribblings sowie dem passablem anschließenden Schuss gute Vorarbeit leistete, brauchte er dieses Mal nur ein Quentchen Glück hinzufügen und schon hob sich das Bein eines Erfurter Abwehrspielers in die Schußbahn, um den Ball für den Torwart unerreichbar abzulenken. 3:1!

Wir gebrannten Duisburger Kinder wussten, so eine Zwei-Tore-Führung verspielen Zebras gerne auch mal kurz vor Abpfiff. Zwar kamen die Erfurter kaum mehr zu kontinuierlichen Angriffen, dennoch überraschte deshalb das zweite Tor der Gäste nach einem Freistoß in der Nachspielzeit wenig. Das kennen wir, so lieben wir unseren MSV Duisburg. Und wenn wir ehrlich sind, schützt so ein spätes Gegentor vor drohender Samstagnachmittagslangweile ohne die Gefahr einer grundsätzlich verdorbenen Laune. Zumal Markus Bollmann anschließend ein breites Repertoire als Eckenherausspieler zeigte. Er nutzte sowohl das gefühlvolle Anspielen der Beine des Gegners als auch den an brachiale Befreiungsschläge erinnernden Schuss aus ein bis zwei Meter Entfernung, der dennoch den Erfurter Spieler berührte, ohne ihn schwerer zu verletzen. Das reichte für den Zeitvertreib bis zum Schlusspfiff.

Gestern Morgen war ich dann übrigens fast versucht, auf der Drittliga-Seite vom Kicker den „Tabellenrechner“ im Menü auch endlich anzuklicken, nachdem ich mehr unbewusst als gezielt meinen Cursor immer mal über den Menüpunkt habe kreisen lassen. Letztlich war mir das dann ein Spieltag zu früh. Das Ergebnis gegen Dortmund wird entscheiden, ob ich uns wie in der Saison 2011/2012 durch meine gar nicht mal allzu optimistische Prognosekraft etwas früher schon zu einem guten Ende der Saison verhelfe.

Bleibt noch die Pressekonferenz sowie die Stimmen von Athanasios Tsourakis, Matthias Kühne und Michael Ratajczak.

Der Spielbericht beim MDR, in dem die Reporter-Sympathie für Rot-Weiß Erfurt die Wertung des Spiels leicht einfärbt.

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Radioreporter macht MSV-Aufstieg dringend nötig

Seit gestern weiß ich,  dass ich den MSV Duisburg lieber gestern als heute wieder in der 2. Liga sehen möchte. Vergesst das Geld, was für eine Nebensache gegen die Medienlage. Sehen will ich den MSV, auch wenn ich nicht ins Stadion komme! Dann wäre so eine Radioreportage, wie wir sie uns beim Spiel vom MSV in Chemnitz haben anhören müssen, nur noch der Anlass zur unterhaltsamen Anekdote über eine dunkle Vergangenheit. Wahrscheinlich haben sich die Kollegen vom MDR angesichts akuten Sportjournalistenmangels einfach breit schlagen lassen, auch mal ein Fußballspiel zu kommentieren. Wahrscheinlich sollten wir deshalb mit den gelernten Brauchtumsreportern viel nachsichtiger sein.

Wahrscheinlich sitzen Ronny Maiwald und Alexander Schubert sonst beim „Tag der Sachsen“ in ihrer Sprecherkabine und kommentieren stundenlang vorbeiziehende Fußgruppen in lustigen historischen Verkleidungen. Wahrscheinlich trinken sie sonst beim jährlichen Verbandstreffen der Brauchtumsreporter ihr Bier mit Wicky „De Zoch is ming Ding“ Junggeburth und den SWR-Fassnachtsfachleuten und prahlen damit, wie sie jüngst wieder einen ganzen Tag lang die Zeit kaputtkommentiert haben.  Die haben einfach nicht gewusst, dass selbst ein torloses Fußballspiel eine eigene Spannung mit sich bringt. Wahrscheinlich empfanden sie das Fußballspiel einfach als Brauchtumsumzug ohne festgelegte Wegstrecke und hauten deshalb bei dem Durcheinander vorsichtshalber mal ein paar Dönekes und launige Belanglosigkeiten mehr raus.

Ich habe in diesem dahinplätschernden Dauergeplauder meist nicht mitbekommen, wenn vom Fußballspiel selbst die Rede war. Vorsichtshalber habe ich darum einen Live-Ticker aufgerufen, damit mir wenigstens der aktuelle Spielstand klar war. Als ich die Aufstellung las, kitzelte die Hoffnung auf den Auswärtssieg mächtig. Karsten Baumann wollte der Mannschaft mehr Offensivkraft geben und ließ Gerrit Wegkamp von Anbeginn spielen. Wenn ich nun über das Spiel bei unterschiedlichen Quellen lese, Karsten Baumann auf der Pressekonferenz höre und den dann doch vorhandenen Spielbericht vom MDR sehe, war es mit den Möglichkeiten zum Sieg recht bald schon vorbei. Wir können froh über das Unentschieden sein, und dürfen Michael Ratajcak danken, der einige große Chancen der Chemnitzer zunichte machte. Viel mehr kann ich über das Spiel selbst nicht schreiben.

Es zeigt sich aber einmal mehr, die Mannschaft vom MSV Duisburg kann ihre Leistungen nicht stabil abrufen. Sie spielt nicht sicher genug, um ein Spiel dauerhaft zu gestalten. Darin gleicht sie den meisten Mannschaften der 3. Liga – Heidenheim und Leipzig ausgenommen -, deren spielerische Möglichkeiten vom Spielverlauf abhängig sind.  Tagesform und auch der Zufall entscheiden, welchen Ausgang ein Spiel jeweils nimmt. Deshalb können wir mit diesem Unentschieden zufrieden sein. Zu hoffen ist, dass Christian Eichner sich nicht schwerer verletzt hat. Zu hoffen ist aber auch, dass sich eine Erkenntnis des MDR-Reporters dauerhaft bewahrheitet. Leitmotivisch erkärte er uns ja den entscheidenden Unterschied zwischen der Regensburger und der Duisburger Mannschaft: „Duisburg ist von der Kompaktheit her ein anderes Kaliber.“ Gewonnen hat Regensburg gegen Chemnitz trotzdem, was mich wiederum rätseln lässt, ob wir mit diesem Kaliber nur auf weitere ausbleibende Niederlagen hoffen dürfen oder auf mehr.

Hochgefühle halten lang und länger

Statt fehlender Worte war es fehlende Zeit, die mich heute erst in Erinnerungen an den Samstag schwelgen lassen. Aber so ein Hochgefühl wie nach dem 2:1-Sieg des MSV Duisburg über RB Leipzig lässt sich auch noch einen Tag länger auskosten. Allzu oft war in den letzten Jahren in unserem Stadion so ein ekstatischer Jubel wie nach dem Tor von Kingsley Onuegbu kurz vor Abpfiff nicht zu hören. Was für eine Explosion der Begeisterung! Welch ein Torjubel! Manchmal möchten wir gerne daran glauben, dass irgendjemand die Fäden für so ein Ereignis in der Hand hat. Respekt, würde ich dann sagen, derjenige hat ein hervorragendes Gespür für Dramaturgie und Spannung gewürzt mit einer Prise Moral. An diesem Samstag hatte sich das Geld nicht durchsetzen können.

So ein Jubel entsteht nur, wenn wir alle um unsere Helden bangen; wenn wir lange spüren, wie gefährdet sie sind, wie sehr sie sich mit allem, was sie können und haben für das einsetzen, was sie erstreben. Unsere Helden wollten den Sieg, keine Frage. Aber die Leipziger Mannschaft spielte sehr gut. Wider Erwarten wurde die Hoffnung auf den Sieg früh schon lebendig. Etwas überraschend erzielte Deniz Aycicek nämlich in der 29. Minute die Führung für den MSV. Das Tor verhalf dem Spiel zudem zu einem Moment der Komik. Während in der Mitte vor dem Leipziger Tor Kingsley Onuegbu und Patrick Zoundi nach vergeblichen Schussversuchen sich als Klageduo versuchten, spielte Aycicek einfach weiter und nahm dem Leipziger Abwehrspieler den eigentlich schon geklärten Ball wieder ab.

Nach vorne ging von beiden Mannschaften danach nicht mehr viel Gefahr aus. Schließlich kam die Halbzeitpause, um Atem zu holen. Nach Wiederanpfiff meinten wir uns für kurze Zeit noch mehr beruhigen zu können, weil sich in das Spiel der Leipziger Mannschaft Fehler einschlichen. Die Zebras schienen nicht mehr nur zu reagieren, sie begannen aktiver zu werden. Und wie es sich für eine perfekte Dramaturgie gehört, kommt in genau diesem Moment der Rückschlag. Der Ausgleich fällt und fortan dreht sich alles in die andere Richtung. Nun erarbeiten sich die Leipziger klarere Chancen, die mit ihrer Torgefahr erst jetzt zu der schon in der ersten Halbzeit gezeigten Spielanlage passten. Vor diesen Chancen hatten wir uns schon in den ersten 45 Minuten gefürchtet. Bei uns herrschte nämlich schnell die Meinung, eine bessere Mannschaft hatten wir in dieser Saison in Duisburg noch nicht gesehen.

Das Pressing der Leipziger beindruckte. Die gesamte Mannschaft bewegte sich gemeinsam so, als ob die Spieler weiterhin durch die Hilfsbänder des Defensivtrainings miteinander verbunden waren. Ein ballführender Duisburger stand sofort drei Gegenspielern gegenüber. Das wiederum verweist aber auch auf die Qualität des Duisburger Spiels. Trotz dieses so gut funktionierenden Pressings wurde kontinuierlich versucht, den Ball im kontrollierten Passspiel aus der eigenen Hälfte in den Angriff zu tragen. Nur selten erfolgte als letztes Rettungsmittel aus der Bedrängnis der Befreiungsschlag als Passversuch in die Weite. Dennoch wirkte im Vergleich die Leipziger Spielanlage überlegen. Die Leipziger Stürmer waren beeindruckend schnell, und es war klar, ein kleinster Fehler auf Zebraseite könnte zu einem Tor führen.

Für Zuschauer ohne spirituelle Neigungen sind es ja die Spieler selbst, die auf dem Feld an der perfekten Dramaturgie arbeiten. Dazu passte die erste Ballberührung von Gerrit Wegkamp nach seiner Einwechslung, die sogleich zu einer Torchance führte. Sein Schussversuch wurde erst im allerletzten Moment geblockt. Der Neuzugang war sofort präsent, wirkte selbstbewusst und zwang die Leipziger Defensive sich mit ihm zu beschäftigen. Freiräume entstanden so für seine Mitspieler, und allmählich geriet das Spiel wieder ins Gleichgewicht. Der MSV reagierte nicht mehr nur und musste aufs Glück setzen. Die Spieler gewannen die Kontrolle über das eigene Schicksal zurück.

Und wer sich als Dramaturgie-Perfektionist so gelungen um den großen Bogen kümmert, lässt sich den kleinen Bogen eines sich steigernden spannenden Finales nicht entgehen. In diesen letzten Minuten des Spiels war das Spiel völlig offen. Es wogte hin und her. Beide Mannschaften wollten den Sieg. Die Zebras aber wirkten mit einem Mal entschlossener. Sie waren zu noch mehr Einsatz bereit. Ganz vorsichtig begann ich meinem Eindruck zu trauen, die Zebras glaubten mehr an den Sieg als die Leipziger. Die endgültige Krönung dieser Dramaturgie wurde dann ein sich steigernder Chancen-Dreischritt.

Das Finale begann mit der Ahnung von Torgefahr durch einen Wegkamp-Kopfball nach weiter Flanke. Im Ansatz war zu sehen, die Defensive hatte viel Zeit sich vorzubereiten. In so einem Fall gelingt ein Tor nur mit viel Glück. Die nächste Chance machte schon mehr Hoffnung. Kingsley Onuegbu wurde im Strafraum angespielt, und er, der das Spiel über immer wieder Schwierigkeiten hatte sich durchzusetzen, tanzte mehrere Leipziger Spieler aus, ohne zum Torschuss zu kommen. Der Übermacht musste er sich schließlich beugen. Dann aber kam die dritte Chance, die Vollendung, der Anfang des allgemeinen Durchdrehens, der so lange vermissten Ekstase. Ein Freistoß fliegt in den Strafraum. Ordnung ist dort nur in Ansätzen noch vorhanden. In dem Strafraum konnte alles möglich werden, wenn nur ein Spieler des MSV Duisburg an dem Ball käme.

Der Abwehrversuch landete in der Nähe des Elfmeterpunktes beim MSV, es folgte ein überlegter Kopfball auf den rechts neben dem Tor frei stehenden Tobias Feisthammel, der zurück passte in die Mitte auf den ebenso frei stehenden Kingsley Onuegbu. Jede Richtungsänderung des Balles begleitet ein immer lauter werdendes bangendes Rufen der Erwartung, das schließlich im besagten Jubel explodiert. Natürlich weiß der perfekte Dramaturg, dass so ein Jubel Ausklang braucht, Raum, um sich zu beruhigen. So ein Dramaturg weiß, ein erneutes Kitzeln des Schicksals ist dafür das beste Mittel. Und so blieb noch ein Torschuss der Leipziger abzuwehren. Tanju Öztürk erledigte das kurz vor der Linie. Erst dann kam der Abpfiff. Erst so blieb Hochgefühl und nicht Erschöpfung durch den Jubel.

Und noch das: Es ist immer wieder schön, wenn während Heimspiel-Pressekonferenzen der gegnerische Trainer  spricht an Karsten Baumanns Gesicht abzulesen, wie es in ihm arbeitet. Dabei stehen die beiden Trainer-Meinungen für mich in keinem Widerspruch.

Beim Rotebrauseblogger das Spiel aus Leipziger Sicht, mit ähnlicher Spielbeobachtung aber natürlich anderer emotionaler Wertung.

Fußballgott und auf den Zaun

Nach dem Abpfiff des gestrigen Spiels vom MSV Duisburg gegen die SpVgg Unterhaching hat mir doch etwas gefehlt. Ich meine, wenn schon Überschwang, dann aber richtig. Wer nach dem 3:0-Sieg der Zebras,“Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen“ anstimmte, hätte nach meinem Geschmack danach mal eben auch kräftig „Pa-trick- Zoun-di-Fuß-ball-gott“ schreien können. Meinetwegen auch „Patrick, auf den Zaun“. Doch es blieb nur beim klassischen Schlager des Glücksgefühls, und vielleicht war sogar kein Überschwang mit im Spiel, sondern der Schlager war sehr viel wörtlicher gemeint, als es sonst der Fall ist.

So ein Spiel des MSV Duisburg hatten wir tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen. Ein Spiel, in dem ein Plan konsequent umgesetzt wurde und dessen Ergebnis die Dominanz des MSV über die gesamte Spieldauer hinweg widerspiegelt. Ein Spiel, in dem nicht eine der wenigen Chancen Gegners – in diesem Fall ein einziger Konter in der zweiten Halbzeit – zu dessen Führungstor wurde. Ein Spiel, in dem die eigene Führung nicht durch Nachlassen der Konzentration und entsprechende Fehler in der Defensive gefährdet war. Und nicht zuletzt ein Spiel, in dem die Leistung eines einzigen Spielers die gute Leistung seiner Mannschaftskollegen noch übertraf.

Patrick Zoundis Auftritt über die gesamte Spieldauer hinweg hatte ich so nicht erwartet. Sein Tor zur 1:0-Führung kam nicht von ungefähr. Dieses Tor hatte er sich durch eine Stunde Vorarbeit geradezu erschuftet. Solche Fehler, wie sie die zwei Unterhachinger Defensivspieler nach dem weiten Abschlag von Michael Ratajczak machten, geschahen, weil die Unterhachinger Patrick Zoundi als lästigen Störer ihres Aufbauspiels kennengelernt hatten. Aus diesem Wissen heraus entstanden die Unsicherheiten bei der Ballverarbeitung. Patrick Zoundi –  natürlich auch seine Mitspieler – störten schon weit in der gegnerischen Hälfte konsequent den Spielaufbau. Dieses 1:0 war sehr viel mehr, als es die TV-Bilder sehen lassen, Ergebnis des unentwegten Nachgehens durch die vordersten Spitzen beim MSV Duisburg.

Wegen dieser hohen Laufleistung ist es um so bemerkenswerter, wie Patrick Zoundi beim Konter vor dem zweiten Tor des MSV Duisburg zum Sprint auf dem rechten Flügel über das halbe Spielfeld hinweg ansetzen konnte. Die präzise Hereingabe verwandelte Kingsley Onuegbu, der längst schon nicht mehr vollends beweglich war, weil ihm sein rechter Oberschenkel offensichtlich Schmerzen bereitete. Schön auch, dass der nicht ganz souveräne Schuss von Denzi Aycicek nach erneutem Konter und fast geglückter Rettung durch Unterhachings Torhüter Korbinian Müller noch ins Tor trudelte. Ich denke nicht nur ans Torverhältnis in dieser Liga, in der das Mittelfeld momentan ab Platz 3 beginnt. Ich denke auch an individuelle Abschlussstärke der Duisburger Spieler, Selbstbewusstsein und Lernen für die Zukunft.

Ich musste mir das ganze Spiel über nur wenig Sorgen machen. Es gab in der ersten Halbzeite keine Freistöße in den Strafraum aus dem Halbfeld heraus. Als sich die Unterhachinger in der zweiten Halbzeit den Halleschen FC zum Vorbild nahmen, mussten sie feststellen, dass ihre Spieler nicht groß genug waren, um die direkt herein geschlagenen Bälle zu erreichen. Überhaupt fand das Spiel die meiste Zeit in der Hälfte des Gegners statt. Dennoch war der Rückraum gesichert. Zweite Bälle gehörten fast auschließlich dem MSV. Ob wir aus diesem Spiel für die zukünftige Leistung des MSV Duisburg etwas ableiten können, bleibt übrigens offen. Aber wie mich gestern schon der Freund während der ersten Halbzeit zurecht erinnerte, Vertrauen ist nicht teilbar. Entweder es ist da oder es ist nicht da. Ich sage deshalb mal mit einem Gruß nach Münster, ich freue mich aufs nächste Spiel.

Die Pressekonferenz nach dem Spiel sowie die Stimmen nach dem Spiel Kevin Wolze, Patrick Zoundi, Michael Ratajczak und Kingsley Onuegbu.

Der Spielbericht vom Bayerischen Rundfunk. Kommentiert hier eigentlich derselbe Reporter wie im Spiel gegen Burghausen? Gefällt mir gut, wie er das macht. Diese Mischung aus sachlicher Analyse und Emotionalität.

Nachtrag 2.12.: Ich vergaß völlig, dass Kevin Wolze zum Schattenmann im TV-Bericht wurde. Sein Name wollte nicht über die Reporterlippen. lieber nahm er wahllos andere Namen. Ernster Fall von Wolze-Phobie.


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