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Die Welt der nächsten Schritte

Seit dem programmatischem Neustart des MSV im letzten Jahr wurde ein Textbaustein der Fußballersprache eine beliebte Erklärformel bei öffentlichen Stellungnahmen zu Kaderveränderungen. Wenn manche Spieler kommen oder gehen, machen sie ihren „nächsten Schritt“.

Ein Verein als Fußballunternehmen der Unterhaltungsbranche braucht eben nicht nur ein Markenprofil, in unserem Fall die Spezialisierung auf Ausbildung und Weiterentwicklung, mit nationaler Perspektive. In der Unterhaltungsbranche sehen sich die Akteure zudem vor die Aufgabe gestellt, die dadurch entstehenden Abschiede und Neuanfänge gegenüber der zwar selten, aber immer noch vorkommenden Vereinstreue als normalen Vorgang zu versprachlichen. Mehr noch ist dabei verlangt, so ein Vorgang muss im positiven Licht leuchten. Die Sprachwissenschaftler unter uns sagen dazu gerne auch, die verwendeten Begriffe sollten deshalb positiv konnotiert sein.

In unserer Moderne des steten Fortschritts klingt der „nächste Schritt“ nach Weiterentwicklung und das kann nur gut sein. Handeln wird dadurch leicht verständlich. Es ist ein hehres Ziel, das möglichst Beste zu erreichen, auch für einen selbst. Deshalb ist der MSV Duisburg etwa für Niko Bretschneider ein „nächster Schritt“, für den er, nebenbei gesagt, selbstverständlich in der letzten Saison viel gearbeitet hat. Das hat Yassin Ben Balla beim MSV in der letzten Saison natürlich auch gemacht, und deshalb ist sein Wechsel zu Eintracht Braunschweig in die 2. Liga ebenfalls ein „nächster Schritt“ und verständlich. Wobei dieser Schritt übrigens für manchen Anhänger des MSV so klein scheint, dass er nur Stillstand sehen kann. Manchmal ist so ein nächster Schritt eben doch nicht für alle selbsterklärend.

Ich verstehe die sprachlichen Nöte einer Fußballwelt, die sich unentwegt rechtfertigen muss. In diesem widersprüchlichen Minenfeld von Vereinsverbundenheit, ökonomischen Überlegungen und sportlichen Hoffnungen werden ständig Erklärungen verlangt. Die vollständige Wahrheit zu den Transaktionen will aber zum einen kaum ein Fußballanhänger hören, zum anderen soll sie gar nicht ans Licht kommen.

Wir alle, also Anhänger eines Vereins und Akteure des Betriebs, brauchen die Oberfläche vom „nächsten Schritt“, damit der Betrieb möglichst reibungslos weiterlaufen kann. Wir brauchen allenfalls einige wenige Fälle der Aufregung. Damit werden die Grenzen dieser Fußballwelt ausgelotet. Das können Profis sein, die beim nächsten Schritt nur ans Geld denken und damit auffliegen, weil ihre Berater die Flexibilät der Floskel überschätzt haben. Das können aber auch Vereine sein, die Spielern den Karriereweg nach der Verpflichtung durch zu große Kaderkonkurrenz verbauen. Letzteres ist allerdings eine weniger spektakuläre Geschichte, weil sie komplexer und damit schwieriger zu erzählen ist.

Wie gesagt, ich verstehe die sprachlichen Nöte der Fußballwelt. Ungeachtet dessen habe ich zwischendurch immer mal wieder sehr komische Bilder im Kopf. All diese Fußballer mit ihren nächsten Schritten sehe ich dann plötzlich zusammen in einem Bild. Alle befinden sich in einer abwechslungsreichen Stadtlandschaft. Allen sieht man an, wie sie gerade langsam einen einzigen Schritt machen. Die einen sind dabei am Anfang, bei anderen ist das Bein in der Luft, wieder andere setzen gerade wieder auf. Sehr surreal wirkt das. Vielleicht lässt sich was draus machen. Ich frage mal bei Monty Pythons an, beim „ministry of silly walks“.


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