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Wenn Liga-3-Vereine nicht parieren, knallt die DFB-Peitsche

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Manchmal brauchen Worte länger, bis sie wirken. Manchmal ist anderes wichtiger. Gestern nahm ich in dem Sportreportagen-Beitrag von Claudio Luciani nur den geradezu liebevollen Blick auf die zweite bis dritte Reihe des Pottfußballs wahr. Die Fußballwirklichkeit beim MSV, bei RWE und RWO wurde mit ihren Schwierigkeiten und Besonderheiten in Kürze lebendig. Es war erkennbar, in dieser Welt wirkt etwas anderes als im Glitzerwelt-Fußball der Unterhaltungsindustrie. Vor Jahren schrieb ich im Vorwort meines Buchs 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss: „Wer das Herz des Ruhrgebiets sucht, wird unweigerlich den Fußball finden“. Nun freute ich mich, Bewegtbilder zu sehen, die meinen Satz von damals bestätigten, so dass ich einige andere Worte in diesem Beitrag gar nicht wichtig nahm.

Heute morgen klangen mir diese Worte mit einem Mal in den Ohren, und in mir wuchs der Ärger über die Heuchelei beim DFB. Die ganze Zeit schon erweist sich das Covid-19-Virus als aufklärerisches Instrument für diese Gesellschaft. So auch beim Unterhaltungsbetrieb Fußball im Allgemeinen und Liga-3-Fußball im Besonderen. Im Beitrag werden auch die Corona-Folgen thematisiert, so die Uneinigkeit über den weiteren Saisonverlauf in Liga 3. Der DFB-Vizepräsident Peter Frymuth äußert sich zu dieser Uneinigkeit mit deutlicher Kritik: „Ich war schon irritiert darüber, verwundert, man könnte auch noch deutlichere Worte finden, wie stark doch Einzelinteressen in den Vordergrund gestellt wurden, die doch offensichtlich – das wurde doch journalistisch aufgearbeitet – auch etwas mit dem Tabellenbild zu tun haben.“

Ich schreibe diese Worte und in mir kocht der Ärger hoch. Was für ein frecher Versuch, Meinung zu manipulieren. Was für eine Heuchelei sondergleichen. Er ist sich sogar nicht zu schade seine Meinungsmache mit der Pseudo-Objektivität von Journalisten zu bekräftigen, die auch nur eine Meinung haben. Die Journalisten holt er sich ran, um das Eigeninteresse des DFB zu verschleiern. Dieses Eigeninteresse unterscheidet sich deutlich von denen einiger Vereine.

Davon ab war die Entscheidungsfindung vom MSV pro Abbruch sehr viel komplexer als es diese polemische Stellungnahme suggeriert. Der MSV wollte ja weiterspielen, aber eben unter normalen Wettbewerbsbedingungen. Da diese nicht zugesichert werden konnten, wurde für Saisonabbruch gestimmt. In dem ZDF-Beitrag ist der MSV der einzige Verein der 3. Liga, und auf diesen Verein ist die unpassende Kritik von Peter Frymuth gemünzt. Dieser DFB will auch in Liga 3 weiterspielen lassen auf Teufel komm raus, und dann stört es natürlich, wenn den Machthabern unwilliges Fußvolk dazwischenkommt.

Was für ein Irrwitz, dass in Liga 3 der sportliche Wettbewerb zu einem Argument wird, wo in den Diskussionen über den Spielbetrieb zur Corona-Zeit in Bundesliga und Liga 2 so gut wie keine Rolle spielte. So erhält der Irrwitz einen weiteren Dreh, wenn man diese Frymuth-Worte neben die Diskussionen um das Weiterspielen in Bundesliga und Zweiter Liga stellt. In diesen Diskussionen ging es in erster Linie um wirtschaftliche Fragen. Wer da Meister werden kann oder absteigt, interessierte überhaupt nicht. Es ging nur darum, die Bedingungen zu schaffen, damit das TV-Geld gezahlt wird. Es ging also nur um die Existenz der Wirtschaftsunternehmen, die zufällig auch Fußballvereine waren. Das ist zumindest wahrhaftig, auch wenn es von vielen Seiten kritisiert wurde. Mich berührt dieser Fußball ohnehin nicht.

Groteskerweise wäre diese Zuspitzung auf ökonomische Fragen für die Dritte Liga 3 dringend notwendig. Die im Beitrag genannten 7,5 Millionen Euro Solidarfonds-Geld reichen vorne und hinten nicht, um die Verluste der Vereine auszugleichen. Wenn Peter Frymuth die Vereine mit ihrer Stimme pro Saisonabbruch als zu egoistisch aus sportlichen Interessen darstellt, versucht er nichts anderes als den wahren Grund für die Stimmabgabe zu ignorieren. Der DFB gibt dieser Dritten Liga keine ausreichende ökonomische Perspektive, und das wird in dieser Corona-Zeit eben überaus deutlich.

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Für die Vereine pro Abbruch ist der Tabellenstand nichts anderes als der sportliche Ausdruck für ökonomische Planungssicherheit, die der DFB als Verband nicht gibt. Denn der DFB hat eigene Interessen bei der Frage, ob die 3. Liga weiterspielen soll oder nicht. Der DFB nimmt gegenüber den Vereinen der 3. Liga eine andere Rolle ein als die DFL bei den Bundesliga- und Zweitligavereinen. Die DFL vertritt deren Interessen sehr viel klarer als der DFB die jener Vereine zwischen Profi- und Amateurfußball. Vor zwei, drei Wochen hatte Hajo Sommers dafür in einem Interview deutliche Worte gefunden, als er fragte, welche Drogen die dort beim DFB genommen hätten. Das könnte man als Bonmot einfach so stehen lassen, wenn die Situation nicht noch ernster geworden wäre. Das Lachen darüber bleibt im Halse stecken, denn die DFB-Politik gefährdet inzwischen die Existenz vieler Vereine unterhalb von Liga 2 noch mehr.

Von DFL, Populisten und Finanzhilfen

In diesen Tagen fällt es mir schwer, meine sonst kaum ermüdende Hoffnung auf Wendungen hin zum Guten zu bewahren. Ein Virus wird zum aufklärerischen Instrument und offenbart, was Menschen antreibt in ihrem Handeln. Ein Virus offenbart die Idiotie von so vielen Menschen. Viele von denen wiederum äußern sich öffentlich und bestärken sich dadurch gegenseitig in ihrer Idiotie. Dahinter steht eine oft beschriebene und im wissenschaftlichen Experiment nachgewiesene Gruppendynamik. Sie führt dazu, dass Lügen geglaubt werden. Denn all die Populisten da draußen, die so sicher sind, Opfer eines Unrechtssystems zu sein, kennen die zwei wichtigsten Grundregeln für das erfolgreiche Verbreiten ihrer Lügen.

Die wichtigste Regel lautet: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Egal, was andere sagen. Bleibe bei deiner Lüge. Diese Regel braucht kein großes Talent. Für die zweite wichtige Regel brauchen die Lügner mehr. Sie brauchen Raffinesse und Intelligenz. Die zweitwichtigste Regel lautet nämlich: Mische deine Lüge mit wohl dosierter Wahrheit. Erst dann wird sie nicht nur von obskuren Spinnern geglaubt. Erst dann sickert sie ein in die Mitte der Gesellschaft. Erst dann beginnen auch Menschen dir zu glauben, die sonst gefestigt in ihrem Leben stehen, aber nicht immer an allem interessiert sind, sondern sich zu besonderen Zeiten besonders informieren.

Ich muss mich hüten, nicht ständig zwischen Verzweiflung und unbändigem Zorn zu schwanken. Wenn etwa einem Wissenschaftler wie Christian Drosten in völliger Verkennung seiner Motive immer wieder unterstellt wird, er dränge ins Rampenlicht, dann weiß ich, wer diese Meinung öffentlich äußert, hat ihm nie wirklich zugehört. In das Rampenlicht wird er durch Medien gestellt. Seriöse Zeitungen schreiben ihm einen Popstar-Status zu. Was wiederum an anderer Stelle zu Vorwürfen führt. Er wurde gefragt. Er hat sich nicht aufgedrängt. Ich bin dankbar, dass er seine Zeit aufwendet für Erklärungen. Der Mann beschreibt von Anfang an unermüdlich die eigenen Unsicherheiten auf dem Weg der Erforschung von diesem Virus. Er sagte, wie wenig man weiß, und er äußerte vorläufige Erkenntnisse. VORLÄUFIGE! Das ist der normale Prozess wissenschaftlichen Arbeitens. Was man im Übrigen wohl auch Herrn Laschet noch einmal nachdrücklich sagen muss, wenn ich all die Reaktionen auf seinen Auftritt bei Anne Will lese. Gesehen habe ich ihn nicht.

Das muss ich heute einmal schreiben, auch weil Christian Drosten Morddrohungen geschickt werden. Wie krank ist diese Gesellschaft, unabhängig von einem Virus. Unfassbar. In Deutschland gibt es einen der wenigen Wissenschaftler weltweit, die sich auf diese Virenfamilie spezialisiert haben. Er spricht sehr transparent vom eigenen Wissensstand, und es werden ihm Morddrohungen geschickt. Er wird diffarmiert. Noch einmal: unfassbar.

Dabei wollte ich eigentlich von etwas vergleichsweise weniger Skandalösem schreiben, was mich dennoch ebenfalls aufregt. Auch im Fußball offenbart das Virus die Wahrheit. Was für eine PR-Aktion machte die DFL aus der Finanzhilfe für die 3. Liga. Schon diese Meldung habe ich mit Skepsis wahrgenommen. Es hatte den Anschein von Meinungsmache durch Bestechung. Dennoch hieß es, bedingungslos werde das Geld gezahlt. Und nun erfahren wir allmählich die ganze Wahrheit. In mehreren Presseartikeln erfahren wir, bedingungslos bedeutet, wenn die 3. Liga fortgesetzt wird. Wie nennt man nochmal Nebensätze mit „wenn“. Hießen die nicht einmal Bedingungssätze? Der Geschäftsführer des MSV Duisburg, Michael Klatt, versteht die Finanzhilfe inzwischen auch nicht mehr als Spende. Das Geld solle helfen, die Coronamaßnahmen umzusetzen. Was für eine Manipulation der öffentlichen Meinung durch die DFL. Was für eine Frechheit.

Ich habe nichts dagegen, wenn die DFL sich für die Interessen von Betrieben ihres Unterhaltungsgewerbes, Sparte Sport, einsetzt. Es geht um Arbeitsplätze, sicher. Da reiht sich die DFL ein in die Interessenverbände der Kultur und des Gastgewerbes. Ernst nehmen kann ich das Reden bei der DFL aber nicht. Das Vorgehen in Sachen Finanzhilfe diskreditiert die Absichten der DFL in Gänze. Anscheinend ist man dort komplett in den Corona-Modus verfallen. Man handelt nicht nur auf Sicht, sondern denkt dazu auch nur auf Sicht. Die DFL hoffte also, dass die Maximen der Wissenschaft auch für ihr ökonomisches Handeln gilt. Was sich gestern als Wahrheit zeigte, soll also heute unbesehen als Irrtum durchgewunken werden. Leider geht es in Sachen Finanzhilfe um die ewigen Wahrheiten moralischen Handelns. Was gestern Verdrehen von Tatsachen zum eigenen Nutzen war, findet auch heute meinen Ärger als bewusste Täuschung.

Wie das nun weitergeht? Der MSV hat ja gegen die Fortsetzung gestimmt, obwohl man zunächst weiterspielen wollte. Im Gegensatz zur DFL benannte der MSV seine Bedingung für ein Ja. Ohne Absteiger, wie es der DFB wohl vorschlug, sah man zurecht eine Wettbewerbsverzerrung. Die schlüssige Folge war das Nein. Der Ball liege nun bei der Politik, erklärte Michael Klatt. So ganz klar ist das aber nicht. Da gibt es ja noch den außerordentlichen DFB-Bundestag. Für mich sieht es so aus, als werde die 3. Liga als flankierendes Instrument vom DFB benutzt, um Fortsetzungsentscheidungen für Bundesliga und Zweite Liga populärer zu machen. Das ist wahrscheinlich nicht die von Michael Klatt gemeinte Politik. Auf die beim DFB kommt es aber wohl auch an. Schauen wir also.

Corona vor dem Tor – Will der DFB auch in 3. Liga die Dramedy?

Heute tagt das DFB-Präsidium, um zu überlegen, wie es in der 3. Liga und im DFB-Pokal weitergehen kann.  Entscheidungen werden noch nicht verkündet. Für eine solche Entscheidung braucht es die Kommunikation mit den Vereinen, die in der nächsten Woche ihre Präferenz in einer geheimen Abstimmung herausfinden wollen.

Wenn man sich ein paar realistische Gedanken macht über eine mögliche Fortführung per Geisterspiele sind die für mich entstehenden Bilder abenteuerlich. Als alter Freund guter Geschichten steckt darin natürlich ein großes Potential für dramatische Szenen, tragische Momente, gefährliche Situationen und Möglichkeiten zu großer Komik. Ich bedauere es deswegen sehr, dass jede rationale Entscheidung eigentlich den Saisonabbruch erfordert. Mein Unterhaltungsbedürfnis würde dann sehr enttäuscht.

Dabei denke ich sogar nur an die sportliche Seite, an einen Fußball unter extremen Hygienebedingungen. Wenn ich die Überlegungen zum Weiterspielen in erster und zweiter Liga lese, muss ich nur an einen Passus denken und beginne über all die absehbaren komischen Momente zu lachen. Sinngemäß erinnert heißt es, jeder unnötige nahe Kontakt auf dem Spielfeld werde unterbunden. Kein Mannschaftsfoto, kein gemeinsamer Torjubel und all die anderen Szenen nahen Beisammenseins. Schnell wird sich niemand mehr daran erinnnern, was Rudelbildung überhaupt bedeutete. Wahrscheinlich werden die Schiedsrichter ihre Karten zu Hause lassen, weil der Fußball sich allmählich an den Anfangszeiten des Basketballs als körperloses Spiel orientieren wird.

Dieser Fußball wird so kurios, dass der sportliche Wert eine gesonderte Tabelle nötig machte. Von jetzt auf gleich wird ja nach Wochen des Einzelsportlerdaseins wieder Mannschaftssport betrieben. Die Voraussetzungen werden andere sein. Kontinuität zu den Ergebnissen der Vor-Corona-Zeit ist ein Traumgebilde. Das sind die tragischen Momente dieser Geschichte. Viele Träume der Vergangenheit werden in Erster und Zweiter Liga zerplatzen. Die Momente der Gefahr sind natürlich die Infekte. Irgendeinen in diesem Betrieb wird es erwischen. Zu viele Menschen sind dabei. Im richtigen Fuballleben wird sicher wie in einer Dramedy alles getan, um das Problem möglichst klein zu reden. Dann wird taktiert und Regeln werden gebrochen. Das Böse wird sich zeigen. Was für ein herrlicher Stoff.

Hoffen wir, dass die 3. Liga diesem Stoff entgeht, auch damit der MSV nicht noch mehr Verluste macht als ohnehin schon. Was würde dieser Betrieb ohne Zuschauereinnahmen kosten. Die 300.000 Euro der DFL-Vereine helfen da nicht groß weiter. Sie sind eine symbolhafte Zahlung, ein Versuch den Fußball der Unterhaltungsindustrie mit jenem zu vereinen, der vor der Tür steht und in Teilen darauf hofft, diesem Geschäftsmodell beitreten zu können. Es ist der Versuch zu suggerieren, man säße in einem Boot, obwohl die Bedingungen des jeweiligen Fortbestands der Vereine sich grundsätzlich unterscheiden.

Im finanziellen Effekt gleichen diese 300.000 Euro den 2.000 Euro Soforthilfe für Künstler und Kreative des Landes NRW. Man erhält ganz kurz Liquidät und begleicht die dringlichsten der dringlichen laufenden Kosten. Im Fall der NRW-Soforthilfe war übrigens das Zeichen der Solidarität glaubhaft und das zur Verfügung stehende Budget für die Zahl der Antragssteller extrem unterfinanziert. Das nun ist bei der Hilfe der DFL-Vereine genau umgekehrt.

Als Mario Basler finster blickte, sprach gerade Karl Lauterbach

Gestern bin ich im Türrahmen bei meiner Mutter etwas länger gestehen geblieben als geplant. Eigentlich hatte ich zu Ostern aus der Ferne kurz guten Tag sagen wollen, doch im Hintergrund lief die sonntägliche Fußballquatschrunde Doppelpass und ich sah in Großaufnahme ein finsteres Gesicht, das mich an Mario Basler erinnnerte.

Vielleicht schaut er immer so grimmig aus, wenn er konzentriert zuhört. Wahrscheinlicher scheint mir die Vermutung, ihm gefiel  nicht, was der SPD-Politiker Karl Lauterbach gerade sagte. Die Botschaft des SPD-Gesundheitspolitikers lautete, das wird nichts mit den Geisterspielen der Fußballbundesligen ab Mai. Wer es ausführlicher und mit der nachvollziehbaren Begründung wissen möchte, lese das bei den Ruhrbaronen nach.

Mir geht es nämlich um die 3. Liga, in der der MSV zu den Vereinen gehört, die Geisterspiele nicht sonderlich attraktiv finden. Das hat mit den TV-Geldern zu tun, die in der 3. Liga sehr viel geringer sind als in den zwei oberen Ligen. Diese TV-Gelder wiegen die Kosten für den MSV nicht auf, falls es zu Geisterspielen käme. Deshalb sind die Entscheidungskriterien der Vereine in Liga 3 andere als in Liga 1 und 2.

Dennoch richtet sich die Botschaft Karl Lauterbachs eben auch an die 3. Liga und dort eher an die 13 Vereine, die sich dafür ausgesprochen haben. Beim MSV könnten seine Worte zu einer vorsichtigen Beruhigung führen. Aber was weiß ich von den Entscheidungsstrukturen bei DFB und DFL. Wieviel Hoffnung macht man sich dort auf Erfolg durch hartnäckige Lobby-Arbeit bei Politikern, die aus welchen Gründen auch immer andere Interessen im Blick haben als Karl Lauterbach? Der erklärte allerdings stellvertretend die Leitlinien der derzeitigen Politik auf Bundesebene. Dessen Worte haben deshalb großes Gewicht.

Die unterschiedliche sportliche und wirtschaftliche Perspektive von Vereinen bedingt gerade in Liga 3 die Uneinigkeit. Welche Wahl haben aber DFL und DFB angesichts von Insolvenzgefahr auf der einen Seite und Missachtung von gesundheitlichen Leitlinien einer Pandemie, wozu auch die Verteilungsfrage von Schutzausstattung und Tests gehören? Sind die von der Insolvenz bedrohten Vereine zu retten? In den Sportarten mit weniger Zuschauerzuspruch gibt es bereits die ersten Abschiede von etablierten Vereinen aus den jeweiligen Ersten Ligen. Wir stehen vor solchen Fragen und hoffen für den MSV. Denn der Fußball beim Stadionbesuch wird bestehen bleiben. Das ist sicher. Nur wie es mit den Finanzen des Unterhaltungsbetriebs Fußball dann aussehen wird, kann niemand beantworten.

Fußballfans sind Fußballfans in München, Braunschweig und demnächst woanders

Schon lange warte ich auf die Gelegenheit mal einen schönen Satz des SZ-Journalisten Jens Bisky zu zitieren. Ich wollte diesen Satz nicht für eine Kleinigkeit vergeben. Die reflexhaften Stellungnahmen zur Fangewalt nach den Relegationsspielen sind keine Kleinigkeit. Heute kann ich diesen Satz endlich verwenden. „Keine Ahnung, aber viel Meinung, das ergibt Bescheidwissen.“ So ist es.

Wussten doch viele Bescheid, wie man verhindern kann, dass Sitzplatzschalen auf das Spielfeld fliegen, wie in München bei der Niederlage von 1860 im Relegationsspiel gegen Regensburg geschehen. Der Vereinspräsident von Hannover 96 Martin Kind weiß das etwa ebenso wie Niedersachsens SPD-Innenminister Boris Pistorius, der sich schon mal warm-meint für den Bundestagswahlkampf. Wie verhindert man also, dass jemand seine Sitzplatzschale wirft? Das liegt bei Sitzplatzbesuchern ja auf der Hand. Als wirklich nur äußerste Maßnahme wären die Stehplätze eben abzuschaffen. Ich wiederhole das, damit wir alle das besser verstehen. Sitzplatzschale auf dem Feld: böse. Deshalb Stehen: böse. Und Sitzen? Tja… Denkt lange drüber nach. Man braucht einige Zeit für diese besondere Erkenntnis.

Das Leben ist aber auch kompliziert, und die Empörung über Fangewalt groß. Da helfen zwischendurch immer mal wieder einfache Rezepte. Dann weiß die Welt, notfalls haben die Verantwortlichen alles im Griff. Anwenden will man es ja nicht, doch es bringt ein gutes Gefühl, wenn man weiß, wo das Böse des Lebens sich gerade aufhält. Schließlich wird sonst der Fußball kaputt gemacht. Von den Bösen eben. Da sind sich alle einig. Natürlich weiß das auch Peter Neururer, wie er zu allem eine Meinung hat. Ihm blieb es in einer Kolumne für BILD vorbehalten, keine Ahnung zu haben und einen Gewaltreaktions-Klassiker variierend hervorzukramen. Variierend deshalb, weil er alle gewaltbereiten Fans zunächst als Ultras ansprach und dann erst zur alten Leier anhob, diese Menschen nun seien keine Fans sondern Kriminelle.

Er schreibt das leicht dahin, weil er sich nicht nur mit den Fußballverantwortlichen sondern auch mit vielen Besuchern eines Fußballspiels einig weiß. So eine Ausgrenzung erleichtert sehr. Was soll auch der Fußball selbst mit solchem Verhalten zu tun haben? Das aber ist die interessante Frage. Denn sogar wenn Menschen im Stadion kriminell werden, bleiben sie dennoch Fußballfans. Das will keiner im Fußball gerne wahrhaben. Ich übrigens auch nicht. Niemand sagt zu einem Autofahrer, der illegale Rennen fährt und Menschen gefährdet, er sei kein Autofahrer. Er ist aber ein Autofahrer, der sanktioniert wird. So einfach ist das.

Da wir das nun geklärt haben, können wir uns der interessanten Frage zuwenden. Allerdings will ich hier nicht den Fußballnostalgiker geben, der den Kommerz beklagt und die Tradition gegen das Produkt der Unterhaltungsindustrie ausspielt. Das wäre etwas zu einfach. Ich will mich nicht über einen Fußball mokieren, der als Teil der Unterhaltungsindustrie zu Auswüchsen führt, die mich nicht mehr interessieren. Es sei denn mein eigener Verein gerät in die Nähe seiner Möglichkeiten. Schon stecke ich in all den Widersprüchen, die dieser Fußball der Gegenwart aufwirft. Das ist aber ein anderes Thema.

Mir geht es um Gefühle und Bedeutung; Gefühle, die Vereine wecken wollen sind zugleich Gefühle, die von Fans als wesentlich für ihre Identität angesehen werden. Die Komplizenschaft von Unterhaltungsindustrie und Tradition sollte sofort einsichtig sein. Wo an der Oberfläche die Gegensätze zelebriert werden, halten sich die Beteiligten, ohne es sich zuzugestehen, unter dem Tisch an der Hand. Wovon sprechen noch mal all die Vereinsclaims in diesem Fußball der Gegenwart immer wieder? Da wird die Liebe beschworen, die Leidenschaft, die Treue und die Absolutheit des Allumfassenden, das der Verein sein soll. Diese Worte kommen nicht von ungefähr. Sie sind schon immer im Reden der Fans aufgetaucht. Fans wurden Reportagen gewidmet und die Sympathie für solche Haltung schwang immer mit. Erst der Fußball der Gegenwart erlaubt es aber nun den Fans, solche Selbstbeschreibung als sozialen Wert zu empfinden. Denn im Wechselspiel mit der Bedeutung, die der Fußball in dieser Gesellschaft erhalten hat, werden diese Gefühle mehr als eine persönliche Sache. Sie werden sinnhaft über den Sport hinaus. Aufmerksamkeit, Wirksamkeit sind hier die Stichworte, auf die ich noch zu sprechen komme.

Wenn Vereine also die Fan-Bindung mit dem Bedeutungsspektrum der Liebe aufladen, darf sich niemand wundern, dass das gesamte  mit der Liebe verbundene Handeln im Stadion wirklich werden kann. Wer von Liebe spricht, kann auch entäuscht werden. Auf enttäuschte Liebe reagieren Menschen sehr verschieden. Die Menschen lieben zudem nicht immer so selbstlos wie es idealerweise  sein sollte. Es erstaunt mich doch sehr, wie ungläubig Vereinsverantwortliche angesichts der Gewalt beim Versagen ihrer Vereine oft wirken. Es ist doch nur Fußball, sagen sie und blenden völlig aus, dass sie für die Emotionalisierung des Geschäftsbetriebs Fußball ständig das komplette Gegenteil erzählen. Was für eine Heuchelei.

Allerdings können sich Fans mit ihrem Blick auf das Geschehen nicht besser fühlen. Sie wissen nichts davon, dass der Bedeutungsgewinn des Fußballs in dieser Gesellschaft auch ihre Identität aufwertet. In unserer Gegenwart trägt Aufmerksamkeit zum Selbstwert bei. Diese Aufmerksamkeit erhalten junge Menschen in Fußballstadien auf eine Weise wie sie sonst in dieser Gesellschaft kaum so leicht zugänglich ist. In Fußballstadien erleben junge Menschen, dass ihr Handeln von Bedeutung ist. Dieser Bedeutungsgewinn geschah aber nur, weil der Fußball sich immer mehr als Produkt der Unterhaltungsindustrie positionierte.

Wenn der Fußball dieser Gegenwart kaputt geht, dann geht er als System kaputt. In einem solchen System zeigen die Beteiligten dann mit den Fingern gegenseitig auf sich. Die Beteiligten am Rand des Systems gibt es auch, keine Frage. Doch wie gesagt, ich bin hier nicht als nostalgischer Kulturkritiker unterwegs. Ich wollte nur auf zwangsläufiges Verhalten hinweisen, mit dem umgegangen werden muss. Die Mittel dazu gibt es – von Sozial- und Jugendarbeit bis hin zur Strafverfolgung und, bitte schön, in Zukunft keine zur Schau gestellte Empörung mehr von Verantwortlichen des Fußballs oder Politikern.

Erinnert euch ans „Streifen zeigen“ – Bengalos, Maas und Prügeleien

Einige von euch wissen, dass ich mich gerade für ein Buch sehr intensiv mit den Monaten nach dem Zwangsabstieg beschäftige. Was war das für eine Zeit in diesem Sommer 2013. Was haben alle Menschen rund um den MSV Duisburg damals geleistet. Welchen Einsatz für diesen Verein MSV Duisburg haben die Verantwortlichen, die Mitarbeiter auf allen Ebenen, die Anhänger in diesen Tagen gezeigt. Es gab nur ein Ziel, dieser Verein muss irgendwie weiterleben. Was für einen Zusammenhalt gab es damals.

Anscheinend geht es uns allen mittlerweile wieder zu gut. Wir können unsere eigenen Scharmützel pflegen, uns gegenseitig beschimpfen, die übelsten Motive für ein Handeln dem jeweils anderen unterstellen. Wir müssen nicht mehr respektvoll miteinander umgehen. Der Verein ist ja da. Was stören uns dessen weiterhin vorhandene finanziellen Schwierigkeiten. Wird schon nicht so schlimm werden. Es geht schließlich manchmal auch um mehr als den Verein, es geht um die Wahrheit. Und dagegen ist der MSV Duisburg ein kleines Licht. Denn der MSV Duisburg ist wieder nicht immer der MSV Duisburg. Der MSV Duisburg ist manchmal wieder irgendeiner der Verantwortlichen des Vereins, die ohnehin ihre Arbeit nie so gut machen, wie wir es jederzeit könnten. Und da gibt es keine Kompromissse. Wer meine Wahrheit nicht einsieht, ist mein Feind und schadet der guten Sache. Irgendwie ist diese gute Sache auch  der MSV, aber bitte ohne all diejenigen, die meine Wahrheit nicht einsehen. Die können wir nicht gebrauchen. Deshalb ist es nur richtig mal ordentlich auf die Kacke zu hauen, wenn einem jemand mit seinen anderen bescheuerten Ansichten über das, was richtig und wahr ist, in die Quere kommt.

Zugegeben, das ist nur der Eindruck, der sich im Netz ergibt, wenn die Anhänger des MSV über die Prügelei zwischen den Fans in der eigenen Kurve reden und über Bernd Maas, der mit seinem Gang in die Kurve nach dem Spiel als Auslöser dieser Prügelei gilt. Doch dort im Netz bewegt sich der aktivere Kreis der Anhänger des MSV. Dort entsteht eine Grundstimmung rund um den MSV. Deshalb ist es so enttäuschend für mich während meiner Beschäftigung mit dem Sommer 2013 so viele dieser laut schreienden Stimmen zu lesen.

Die Öffentlichkeit weiß aus der lokalen Presse nur von der Prügelei und nimmt sie schlechtenfalls als Makel für den MSV wahr. Was dahinter steckt, weiß diese Öffentlichkeit nicht. Das interessiert auch die meisten Anhänger dieses Vereins nicht. Den Verein aber muss das interessieren, weil es bei dieser Auseinandersetzung um den Kern der Fanszene geht, weil die öffentliche Wahrnehmung des Vereins durch so etwas in Mitleidenschaft gezogen wird und weil der Vorwurf im Raum steht, der MSV-Geschäftsführer Bernd Maas trage daran Schuld.

Die Fakten zur Prügelei: MSV-Geschäftsführer Bernd Maas geht nach dem Spiel mit einigen Spielern in die Kurve. Wütende Mitglieder der „Kohorte“ werfen Bierbecher in seine Richtung, ein Fahnenhalter fliegt auch. Das Fangnetz hält alles ab. Laut Augenzeugenberichten verstehen das andere noch anwesende Teile der Fanszene als Angriff gegen die Spieler. Die Prügelei beginnt.

Der Hintergrund: Im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern werden im Gästeblock des MSV Duisburg Bengalos abgefackelt. Bei der DFL wird der MSV als Wiederholungstäter geführt. Noch während des Spiels postet Bernd Maas auf seinem privaten Facebook-Account mit klaren Worten seinen Unmut über die Bengalo-Aktion. Das Posting macht im Netz die Runde. In den Tagen nach dem Spiel bittet der Verein um Mithilfe bei der Identifizierung der Bengalo-Halter. Von Fanseite gibt es den Vorwurf, der Verein rufe zur Denunziation auf. Im Spiel gegen den VfL Bochum wird im Fanblock der Kohorte ein Spruchband hochgehalten mit der Aufschrift: „Gestern noch ‚Gänsehaut‘, heute Täter. MSV ihr Verräter!“ [„MSV“ und „ihr“ ist meine Vermutung, auf dem Foto nicht klar erkennbar] An der Bande hing ein Banner mit der Drohung „Noch so´n Spruch Spielabbruch“.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn in dieser Diskussion gerade keine Mutmaßungen über Motive angestellt werden, sondern nur reines Handeln bewertet wird. Das reicht schon, um aus dem Ganzen zu lernen, wenn man es denn will. Vielleicht muss man sich dafür tatsächlich an den Sommer 2013 erinnnern, weil damals außer Frage stand, welches Motiv die Handelnden alle hatten. Das war damals das Wohl des MSV Duisburg. Bei allen unterschiedlichen Meinungen muss das immer mal wieder in Erinnerung gerufen werden, dass das auch heute die Grundlage für das Handeln der Verantwortlichen ist.

Wie ist nun das Handeln von Bernd Maas ohne Mutmaßungen genau zu bewerten? Ich meine, Bernd Maas hat sich unnötigerweise Weise angreifbar gemacht, indem er sich als Privatperson zu dem Bengalo-Vorfall schon in Kaiserslautern geäußert hat. Sein Unmut ist verstehbar. In einem sozialen Netzwerk mit seinem unkontrollierbaren Massenbewegungen sich zu positionieren halte ich aber für falsch. Schließlich ist diese Bengalo-Aktion ja nur symbolische Handlung in einem viel größeren, grundsätzlichen Konflikt, den der offizielle Fußball mit einem Teil der Fanszene bestreitet. Von Anfang an hätte nur der MSV Duisburg sich positionieren dürfen.

Nun zum Vorwurf des Denunziations-Aufrufs: Indem der MSV Duisburg am Spielbetrieb der DFL teilnimmt, unterliegt er den Regularien der DFL. Der MSV stand nach dem Spiel gegen Kaiserslautern unter Druck beweisen zu müssen, dass er zur Aufklärung des Geschehens seinen Teil leistet, und das öffentlich. Nichts anderes ist geschehen. Der 1. FC Köln hat das in der letzten Saison nach dem Platzsturm seiner Fans in Mönchengladbach auf genau dieselbe Weise gemacht. Damals hat dem 1. FC Köln niemand etwas vorgeworfen. Sollte jemand meinen, es seien auch unterschiedlich schwere Vergehen, so sage ich, das eine ist so verboten wie das andere. Und wer sich etwa an die Pyro-Aktion im Bochumer Block erinnert, wird vielleicht die Leuchtspurmunition noch vor Augen haben, die unter das Tribünendach geschossen wurde und als Querschläger zurückkam. Der Ordner, neben dem diese Munition vielleicht um Schultersbreite niederschlug, wird sicher immer wieder gerne stimmungsvolle Pyro-Technik sehen wollen.

Es war also im Hinblick auf die DFL nicht möglich, in dieser Woche das Geschehen lautlos aufzuklären. Die DFL möchte Signalwirkung, und daran kann ein MSV Duisburg nichts ändern, und schon gar nicht ein Bernd Maas. Der MSV Duisburg hat bei der DFL nicht das Standing, um solche Dinge lautlos zu regeln. Das müssen wir in Duisburg leider festhalten. Es gibt andere Vereine mit anderen Fankulturen, da geht das vielleicht. Ich weiß das nicht. Ich weiß nur, in Duisburg geht es keinesfalls.

Der Gang in die Kurve: Es gab während des Spiels die Banner. Im Grunde gleicht die Kurve den sozialen Netzwerken in der realen Welt. Dort geht es nicht um konstruktiven Austausch, sondern darum Flagge zeigen. Es stellt sich also die Frage, ob der Zeitpunkt richtig war. Gäbe es nicht eine stets  latent vorhandene Konfliktstimmung in der Kurve, wäre es womöglich ein Versuch wert gewesen. Hätte Bernd Maas die zusätzliche Brisanz in dem Moment erkennen müssen?  Im Nachhinein war es ein Fehler in die Kurve zu gehen. Er hat die Situation unterschätzt. Er sah sich zudem wahrscheinlich nicht als Teil eines größeren Konflikts im Fußball. Er sah sich als Teil des MSV, der mit Leuten, die auch Teil des MSV sind, sprechen kann. Das ist nicht mehr immer der Fall. Der Zusammenhalt des Sommers 2013 hört an dieser Stelle auf. Da dürfen wir uns nichts vormachen.

Es nutzt aber auch nichts mit den Fingern auf die Kohorte zu zeigen oder meinetwegen auf die PGDU, um auf diese Weise Schuld auf die andere Seite zu verteilen. Die Ultrabewegung ist ein Teil der Jugendkultur, und in solchen Jugendkulturen geht es immer um absolute Wahrheiten, um Gruppenzugehörigkeit, um soziale Heimat. Repression alleine stärkt dann den Gruppenzusammenhalt.  Diesen Spagat muss der MSV Duisburg leisten: Der Verein muss der DFL genüge tun und durch intensive Fanarbeit den Kontakt zu den Fangruppen nicht verlieren. Diese Fanarbeit wird nicht jeden der Fansszene erreichen. Auch da dürfen wir uns nichts vormachen. Geleistet werden muss sie dennoch. Die Anforderungen der DFL sind erfüllt worden. Nun gilt es, lautloser weiter zu machen, die entstandenen Konflikte wieder zu beruhigen. Die Fansszene des MSV ist zu klein, als dass solche Konflikte unbefriedet bleiben können.

Was mir nicht aus dem Kopf geht …

Nie zuvor hatte ich stärker das Bedürfnis, eine Chronologie des Geschehens beim MSV Duisburg während der letzten Jahre zu erstellen. Egal, wie es auch immer mit dem MSV Duisburg weitergeht. Das liegt auch daran, dass nach einem endgültigen Zwangsabstieg des MSV Duisburg mir nur die Wahrheit zu Ruhe verhilft. Nie zuvor habe ich Menschen besser verstanden, die einem Unglück ausgesetzt waren und danach wissen wollten, wie es dazu kam. Natürlich lässt sich der grobe Weg nachvollziehen, aber mir geht einfach nicht die Frage aus dem Kopf, wie es zu dieser Art Zeitdruck hat kommen können. Schon am Tag nach der Jahreshauptversammlung stellte sich für mich die Frage, was hat Roland Kentsch fünf Monate lang gemacht? Liest man ein wenig herum, fällt auf, wie ungerichtet in den wenigen Tagen bis zum Abgabetermin der Bilanzunterlagen in dieser Geschäftsführung gearbeitet wurde. Sowohl Walter Hellmich in seinem Brief als auch Andreas Rüttgers für den Sponsor Schauinsland Reisen im MSVPortal schildern unabhängig voneinander, wie erst Geld nicht gebraucht wird, dann doch und dann wieder nicht. Es ist so bizarr, dass diese beiden Gegenpole im MSV Duisburg ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Für mich liegt es auf der Hand, dass bei so einem hin und her Fehler passieren.

Völlig abgesehen von unterschiedlichen konzeptionellen Ansätzen, es ist so bitter, dass im Grunde sowohl Walter Hellmich als auch Schauinsland Reisen bereit gewesen sind, genügend Geld zur Verfügung zu stellen, um auch diese Klippe der Lizenzierung zu überwinden. Brauchte es etwa die Katastrophe um eine endgültige Lösung der Probleme für den MSV Duisburg überhaupt erst zu ermöglichen? Menschen sind so. Menschen machen einfach weiter mit dem, was sie immer schon getan haben. Erst der Leidensdruck schafft die Bereitschaft, Energie und Kraft aufzubringen, um aus dem Trott auszubrechen. Stand das dahinter?

Momentan hoffe ich nur noch auf ein Wunder. Ich träume von einem genialen Rechtsbeistand, der eine kaum vorhandene Schwachstelle im Lizenzierungsverfahren erkennt und sie zum größten Skandal in der Geschichte der DFL ausbauen kann. Manche Dinge lassen sich unterschiedlich beurteilen. Aber es sei noch einmal darauf hingewiesen: Wie ich es verstehe, so kann eine mögliche Nachlizenzierung alleine durch den Nachweis eines formaljuristischen Fehlers geschehen. Wir reden nicht mehr vom Geld. Wir reden jetzt nur noch von Verfahrensfragen.

Daneben überwältigt nicht nur mich die Anteilnahme am Geschehen rund um den MSV Duisburg. Das hätte ich nicht gedacht, wie viele Sympathien die Zebras in Fußballdeutschland besitzen. Oder dieser Gemeinschaftsgedanke Ruhrpott, der sich in einer Facebook-Gruppe entfaltet. Zu einer anderen Gelegenheit hätte ich vor Begeisterung auf den Tischen getanzt. Da geschieht das, was ich mir von den „111 Fußballorten im Ruhrgebiet“ erhofft hatte. Da geht es um die Identität einer Region und der Fußball ist tatsächlich eine Möglichkeit sich in der Gemeinsamkeit des Ruhrstadtgedankens zu begegnen. Nur eine andere Gelegenheit dazu hätte es schon sein dürfen.

Jugendkultur, Protest und die Sicherheit

Dem DFL-Sicherheitskonzept stimmte die Mehrheit der Profivereine des Fußballs gestern zu. Stellungnahmen gibt es längst in großer Zahl. Als ein Beispiel hier die Berichterstattung in der Süddeutschen Zeitung, deren Titel auch meine Haltung umschreibt: „Ein Gefühl von Unwohlsein bleibt“. Begleitet wird der Artikel von einem Kommentar,  in dem sich eine Haltung ausdrückt, die  in anderen Medien auch schärfer formuliert wird. Diese Haltung scheint mir fast schon Konsens bei allen zu sein, die sich regelmäßig mit dem Fußball beschäftigen und denen es nicht genügt,  ein komplexes Geschehen in einem Imperativsatz zusammen zu fassen. Der Tenor dieser Haltung: Alles übertriebener Aktionismus, der viel Porzellan zerschlagen hat. Jetzt muss das Gespräch der gemäßigten und vernünftigen Köpfe wieder in Gang kommen.

Der Romantiker in mir hofft darauf. Der Realist erinnert sich an die eigenen Erfahrungen. Mir ging bei der gegenwärtigen Debatte nämlich eines schon seit längerem durch den Kopf. Wer seine Jugend Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre erlebte, fühlt sich angesichts des Debattenverlaufs an die eigene Jugend erinnert.  Damals ging es in der öffentlichen Sicherheitsdebatte um die Sorgen angesichts einer sich als links verstehenden Protestbewegung, die in Teilen auch eine Jugendbewegung war. Damals ging es um das große Ganze, die Sicherheit in Deutschland. Und jede Änderung der Sicherheitsgesetze  schuf die Voraussetzung für die nächste Debatte über unzureichende Sicherheit, weil immer wieder neue junge Menschen sich radikalisierten.

Heute geht es nur um das, was in und vor den Stadien passiert. Die Struktur der Debatte ist dieselbe. Ordnung auf der einen Seite, eine Vorstellung vom Wahren und Guten auf der anderen Seite und als Maßstab für die Relevanz dieses Wahren und Guten in der Wirklichkeit gilt die Sicherheit. Die sachliche Frage, wie sicher ein Stadionbesuch sein kann, wird mit Moral befrachtet.

Heute ist die Debatte aber auch etwas komplizierter, weil die Politik nicht direkt auf die Regeln im gesellschaftlichen Feld Profi-Fußball Einfluss nehmen möchte. Es gibt mit DFL und DFB damals in der Debatte nicht vorhandene Zwischeninstanzen. Sei nehmen als eine Art Wandelfiguren an der Debatte teil. Einerseits gelten sie den Fans als Vertreter der Ordnung, andererseits stehen sie als Teil der Unterhaltungsbranche Fußball den Fans näher als der Politik. Das birgt Chancen und macht dem Romantiker in mir Hoffnung, dass zu den von Reinhard Rauball erwähnten Leitplanken allerorten großer Abstand gehalten wird. Der Realist in mir sieht, wie ich von der Polizei schon jetzt per se als Problemfan angesehen werde, nur weil ich aus der Stadt der Gästemannschaft mit dem Zug anreise und wie diese Atmosphäre der Ungewünschtheit vor dem Stadion durch den dortigen Sicherheitsdienst ebenfalls verbreitet wird.

Und noch eins sei angefügt: Die Debatte wurde in den letzten Wochen deshalb auch so groß, weil es um einen sehr leicht verständlichen Konflikt und um klar erkennbare Interessen geht, die vor allem von jüngeren Fußballfans überall in Deutschland geteilt werden können. So ensteht ein Lebensgefühl für eine Generation. Hoffentlich ist es auf der Seite der Sicherheits-Hardliner inzwischen angekommen, die Ultras, über die geredet wird, sind ein Phänomen der Jugendkultur.

Sozialwissenschaftler wie der in Duisburg für die Fan-Arbeit um die Jahrtausendwende nicht unbekannte Gerd Dembowski weisen darauf in Interviews und Texten hin. Und sie betonen die Konsequenzen, die dieser Tatbestand für die Sicherheitsdebatte hat. Sie müssten nur von mehr Beteiligten der Debatte gehört oder gelesen werden. Auf der Seite von MegaScene, einem Stadtmagazin aus Hannover,  gibt es ein ausführliches Interview mit Gerd Dembowski online.

So zeigt die Auseinandersetzung über das DFL-Konzept auch das: Das Stadion wird von jungen Fußballfans als Ort erlebt, wo das eigene Handeln noch nachvollziehbare Wirkung entfaltet und wo dieses Handeln von Sinn in einer Gemeinschaft getragen wird. Und schon geht es auch im Fußballstadion wieder um das große Ganze, um die Gesellschaft.

Fundstück II: In der Liga der großen Ligen

Passend zum Ausklang der Fußballsaison wurde für die Medien-Seite der Süddeutschen Zeitung am letzten Wochenende auch der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, Christian Seifert, interviewt. Das Interview gibt es meines Wissens nicht online. Christian Seifert zeigt große Sympathien für Sky und die als Marke der ARD angesehene Sportschau. Angesichts der hohen Summe, die die Deutsche Fußball Liga für die TV-Rechte erzielen konnte, lässt  Seifert erkennen, so eine Summe Geld wird nicht nur für die Rechte an bewegten Bildern vom reinen Sport gezahlt.  Da muss noch ein bisschen mehr als die Fußballer am Ball drin sein. Was genau? Wir lassen uns überraschen.

SZ: Gibt es eigentlich eine Verpflichtung für die Bundesliga-Klubs, Sky künftig umfrangreicher als bisher zur Verfügung zu stehen vor und nach den Spielen für Interviews, Storys und Analysen?

Seifert: Ich habe das ausdrücklich in der Mitgliederversammlung angesprochen: Wenn man so viel Geld bekommt, dann ist das kein Kultursponsoring. Das viele Geld bekommen wir auch nicht, weil die Bundesliga so sexy ist, dass man uns gefallen möchte. Jeder Bieter zahlt so viel, weil er sich positive Effekte für sein Geschäftsmodell verspricht, und zwar völlig egal, ob das Geschäftsmodell auf Gebühren basiert, Abos oder Werbung. Mit diesem Abschluss spielen wir in der Liga der großen Ligen mit, und dann müssen wir uns auch so eine große Liga verhalten. Man muss eine mediale Gegenleistung erbringen, und die besteht nicht darin, 90 Minuten Fußball zu spielen.

PK der DFL Audivisuelle Verwertungsrechte bei Alles außer Sport

Auch hier noch ein Lektüretip: Wer sich schnell und übersichtlich eine Meinung zur Rechtevergabe und möglichen Auswirkungen bilden will, dem sei der Live-Ticker von der Pressekonferenz der DFL bei alles außer sport ans Herz gelegt. Atmosphärisches neben Einordnung und Wertung. Mehr gibt es nirgendwo sonst für den Tag der PK.


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