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Winterpausenende mit Stefan Maierhofer und einem Lobgedicht

In jungen Jahren habe ich mal neben dem Studium ein Geschäftsmodell verfolgt, bei dessen Erfolg die Lohnschreiberei auch zur pussierlichen kleinen Hinterhoftextmanufaktur mit Butzenscheiben hätte werden können. „Gedichte und Reden für alles und jeden“, bot ich an. Ich war einerseits mit der Hinwendung zum individuell gestalteten Produkt heimischen Handwerks meiner Zeit  voraus, andererseits hatte ich mir zu wenig Gedanken darüber gemacht, wo die damals vielleicht schon vorhandenen Menschen mit entsprechender Kaufkraft zu Hause waren. In den Mietswohnungen von uni-nahen Straßen Kölns war die Streubreite meiner Werbeoffensive jedenfalls so groß, dass sämtliche Dienstleistungskunden mühelos zwischen den Werbebotschaften hindurchschlüpfen konnten.

Flugblatt hieß damals übrigens noch der Flyer, den ich in die Briefkästen schmiss. Ich habe dann das Ganze nur noch zum privaten Amüsement weiter verfolgt. Deshalb kam die Google-Anfrage neulich ein paar Jahre zu spät. Sonst hätte ich sofort laut hier geschrien, mach ich. Preis, reden wir drüber. Folgendes wurde gesucht: „ein vierzeiler zu einem hausmeister der herr günter heist“. Manchmal sind Suchfragen doch sehr speziell, und die Google-Software  ist optimierbar. Denn so einen Vierzeiler hatte ich hier im Haus als zufriedene stellende Antwort nicht parat.

Ich komm auch drauf, weil diese Google-Unschärfen sich im Moment häufen, landen  nach der Verpflichtung von Stefan Maierhofer durch den 1. FC Köln bei mir nun wieder viele Suchende, die sich für dessen sexuelle Orientierung interessieren. Auch in dem Fall tappt Google im Halbdunkeln und schmeißt einfach mal ein paar Begriffe aus meinen Texten zusammen, irgendein schwuler Fußballer wird schon dabei rumkommen. Dabei habe ich mich hier nur für Maierhofer-Tore interessiert, kann deshalb auch nicht allzu viel bieten für Fußballfans auf der Suche nach ihrem Traummann. Auch mal ein Projekt: anhand der Google-Suchanfragen bestimmen, welche Eigenschaften muss ein Fußballspieler haben, damit Fußballzuschauer glauben, er könne schwul sein.

Ich finde es übrigens nicht bedauerlich, dass Stefan Maierhofer die Rückrunde nicht beim MSV Duisburg spielt. Seine Verpflichtung wäre verbunden gewesen mit der Hoffnung auf die Stimmung aus der vorletzten Saison. Auf seine Ausstrahlung und auf seinen Kampfeswillen. Aber das ist nicht mehr als eine Hoffnung. So eine beflügelnde Stimmung bahnte sich ohnehin auch ohne ihn schon an. Spielerisch hätte er die Mannschaft nicht weiter gebracht.  Da hätte die Verpflichtung von Dorge Kouemaha eine andere Klasse. Mal abwarten, ob das klappt.

Zurück zum Hausmeister Günter. Damit demnächst niemand ganz enttäuscht von dannen ziehen muss, wenn er einen Vierzeiler zu besagtem Facility Manager sucht, biete ich ihm und euch stattdessen nun ein neunzeiliges Lobgedicht auf das wunderbare Belek, das in naher Zukunft den Fußballer-Wallfahrtsbetrieb auf das ganze Jahr ausweiten möchte. Neben den Trainingsplätzen sind in diesem Jahr schon erste fliegende Händler aufgetaucht, die das heilige Belekgras, in Dosen abgepackt, den Fußballgläubigen verkaufen. Lourdes brauchte auch ein paar Jahre, bis es das wurde, was wir heute kennen.

Winterpausenlob

O Belek, in deutschkalten Wintern, du heilender Ort.
Wer deine so heiligen Rasen voll Glauben betritt,
dem fegst du die Hinrundenschuld und -fehler hinfort.

So viele gewannen durch dich ihren Glauben zurück.
Die Blinden erzielten die Tore  aus weiter Entfernung,
Die Lahmen erliefen sich Bälle und weinten vor Glück.

O Belek, wir werden dich immerzu  loben und preisen.
Du hilfst bei der Angst vor dem Abstieg und Meisterschaftssorgen.
O Belek, den Zweifelnden werden Siege im Spiel es beweisen.

Peter Neururers Biografie – Als Besprechungspreview: Ein Special zum MSV

Eins ist gewiss, Peter Neururer kannte schon früh den Nutzen eines guten Netzwerks. Boulevardjournalisten gehörten selbstverständlich dazu. Wahrscheinlich lässt BILD ihn aus dieser alten Verbundenheit heraus per Umweg Werbung für seine Biografie machen. Der Umweg heißt „Neururers Rettungsplan“ für den VfL Bochum und den MSV Duisburg. Dieser aber gibt uns schon jetzt einen Ausblick auf Peter Neururers zukünftige dritte Karriere als Horoskop-Autor. Wenn es nach ihm ginge, müssten die Zebras nämlich zur Verbesserung der Tabellensituation „Tacheles reden und an den richtigen Schrauben drehen“. Das sind mal Maßnahmen, auf die ich so gar nicht gekommen wäre. Und was dann, wenn die Zebras mit dem Schraubendrehen fertig sind? Die Sterne raten meiner Meinung nach zur Vorsicht vor falschen Freunden, zu vermehrter Aufmerksamkeit im Beruf und zum handfesten Zupacken, wenn sich die Möglichkeit des Erfolgs abzeichnet.

Der „Rettungsplan“ in der BILD endet schließlich beim Verweis auf Peter Neururers Biografie, über die hier heute nur mit dem Schwerpunkt MSV Duisburg  die Rede sein soll. Ein „Special“ zu deren vorletztem Kapitel, das da heißt „Eine Dreiecksbeziehung“. Diese Dreiecksbeziehung fand Peter Neururers bei seiner letzten Station als Trainer beim MSV Duisburg vor. Wer sich die Biografie bis dahin zu Gemüte geführt hat, weiß schon, auch in Duisburg bewies Peter Neururer, dass er immer zu seinem Wort steht und bei allem was er tut,  gut wegkommt. Ein paar wertende Worte über das anekdotenhafte Buch werde ich in den nächsten Tagen schreiben. Schon mal so viel: Angesichts des Berufs von Peter Neururer staunt man doch, wie wenig über das Fußballspiel selbst in diesem Buch die Rede ist.

Hier aber nun zu dem, was Peter Neururer dem Autor Thomas Lötz über seine Zeit in Duisburg erzählt hat. Wir erinnern uns, Rudi Bommer wurde im November 2008 entlassen und wenig später Peter Neururer im heute journal als dessen Nachfolger auf Schalke vorgestellt. Wir in Duisburg wussten es besser, wo er den Aufstieg in die Bundesliga schaffen sollte. Walter Hellmich selbst hatte Peter Neururer kontaktiert. Danach kam es zu einem ersten Gespräch mit Bruno Hübner, mit dem Peter Neururer auf einer Wellenlänge gelegen haben will, so dass sie zu Walter Hellmich für die Vertragsverhandlungen fahren konnten. Selbstlos nahm Neururer „ordentliche Einbußen“ beim Gehalt hin und unterschrieb den Vertrag.

Am ersten Trainingstag erhielt er von Walter Hellmich den Auftrag von den 32 Profis mit Vertrag neun bis zur Winterpause an andere Vereine abzugeben. Christian Tiffert sollte auch dabei sein, doch Peter Neururer holte ihn zurück in den Kader und machte ihn zum „Leistungsträger“ der Mannschaft. Wir erinnern uns auch an den Wechsel im Tor, von Marcel Herzog zurück zu Tom Starke, der damals noch einen schweren Stand beim Publikum hatte. Marcel Herzog hatte ihn ersetzt, gut gespielt und besaß bei vielen Zuschauern große Sympathien. Thomas Lötz beschreibt Neururers schwere Wahl: „Neururer kennt Starke. Herzog kennt er nicht. Im Training bieten sich beide durch gute Leistung an, sind etwa gleich stark. Neururer geht zu Herzog, um ihm seine Entscheidung für Starke zu erklären. ‚Ich versuche, objektiv zu bleiben‘, sagt er dem Schweizer, ‚und ich hab eigentlich keine Meinung zu dir, weil ich dich nie hab spielen sehen. Aber Tom kenne ich, und er ist für mich ab sofort wieder die Nummer eins.'“

Wenn das tatsächlich so geschehen ist, muss ich Marcel Herzog einen Großmeister des Gleichmuts und der Beherrschung nennen. Ich hätte ihn verstanden, wenn er nach so einer Begründung vor Wut das Trainingsgelände zerlegt hätte. Der „objektive“ Peter Neururer, der zu Marcel Herzog keine Meinung hat und deshalb ganz „objektiv“ Starke für den besseren Torwart hält. Großartig, wie sich Menschen ihr Leben zurecht erzählen.

Peter Neururer hat auch Bruno Hübner den Arbeitsplatz gerettet. Walter Hellmich soll ihm nämlich angeboten haben, die alten Zeiten mit Norbert Meier als Vorbild zu nehmen, den Verein zu zweit ohne Sportdirektor zu führen. Neururer lehnte entschieden ab. Schließlich hätte Bruno Hübner ihn verpflichtet.

Im weiteren erzählt Thomas Lötz das Geschehen in Duisburg als Daily-Soap, in der die Beteiligten immer etwas im Schilde führen, was sie dem anderen gerade nicht erzählen. Walter Hellmich verkündete die vorzeitige Verlängerung des Vertrags mit Peter Neururer in der entscheidenden Phase der Saison und ohne es mit ihm abzusprechen. Peter Neururer wollte hinschmeißen, Bruno Hübner redete ihm gut zu, und so verlängerte er schließlich doch. Die Hoffnung auf den Aufstieg gab es noch, der war erst nach der „unglücklichen Niederlage“ gegen Mainz 05 „verdaddelt“. Welches Resumée daraufhin von Thomas Lötz im Namen von Peter Neururer gezogen wird, lässt mich wieder schmunzeln. Welche Chuzpe dieser Peter Neururer besitzt: „Das ausgegebene Ziel ist verfehlt, dennoch hat der MSV Duisburg eine gute Saison gespielt, der Zuschauerzuspruch ist gestiegen, manch einer in Duisburg spricht gar von Aufbruchsstimmung.“ Liebe Leute, den möchte ich kennenlernen, der damals diese Gefühl hatte. Wird ein interessanter Kerl sein, mit eigenwilligem Blick auf die Welt.

Neururer verlängerte übrigens unter einer „ungewöhnlichen“ Voraussetzung. Er wollte keine neuen Spieler für die nächste Saison verpflichtet wissen. Er werde den Aufstieg mit der Mannschaft schaffen, die so gut zueinander gefunden habe. Es kam dann anders. Walter Hellmich meldete sich zu Beginn der neuen Saison, fragte nach dem teuersten Spieler und bedauerte, dass man ihn verkaufen müsse. Dorge Kouemahas Verkauf nach Brügge  rettete die Lizenz für den MSV Duisburg.  Dennoch lief es „in die richtige Richtung, Richtung Aufstiegsplatz.“ Wieo dann plötzlich alles doch nicht so gut ist, dazu schweigen Thomas Lötz und Peter Neururer. Stattdessen befinden wir uns sofort im Auge des Orkans: die 0:5-Klatsche im Pokal beim FC Augsburg. Doch Peter Neururer hat noch alles im Griff. Er „beruhigt die Anhänger, entschuldigt sich für die peinliche Darbietung – von Präsident Hellmich und von Manager Hübner ist in dieser unangenehmen Situation nichts zu sehen.“

Dennoch erhielt Peter Neururer am Tag drauf einen Anruf von Bruno Hübner, Walter Hellmich wolle ihn entlassen. Im Ton der folgenden Zeilen dürfen wir die große Enttäuschung Peter Neururers mitlesen. So schlecht ist die Welt: Hellmich nicht Manns genug, die Nachricht selbst zu überbringen, Hübner nicht so loyal wie Neururer noch wenige Wochen zuvor. Und dann fragt ihn Bruno Hübner sogar noch einige Zeit später, ob er nicht bis zum Saisonende auf sein Gehalt verzichten könne, als eine Art Anleihe, damit der MSV Duisburg von diesem Geld drei neue Spieler verpflichten könne. Neururer lehnte empört ab. Ich höre gleichsam: was für ein unanständiges Angebot. Dabei hätte er, seine Einwilligung vorausgesetzt, vielleicht noch ein Jahr länger Geld verdienen können. Schließlich hätte sich sein Vertrag bei einem Aufstieg automatisch verlängert.

Es kam wieder anders, sein Nachfolger Milan Sasic stieg mit der Mannschaft nicht auf, redet aber schlecht über die Arbeit seines Vorgängers. Nur deshalb, so Peter Neururer, brach er mit einem seiner Prinzipien. Von da an kritisierte er zurück und urteilte, Milan Sasic sei „ein ganz mieser Kollege.“ Es war das letzte Geplänkel, das Peter Neururer noch eng an den MSV Duisburg band. Danach begegnete er dem Verein nur noch als TV-Experte. Dieses Sportfernsehen ist wahrscheinlich Peter Neururers Zukunft. Der MSV Duisburg wäre damit die letzte Trainerstation für ihn gewesen. Neulich ging es ja schon durch die Presse: Wenn er in dieser Saison nicht noch einmal als Cheftrainer oder Sportdirektor arbeitet, sei ihn für ihn Schluss. Im Buch steht noch: Dann werde er sich zu „100 Prozent“ als Experte oder „wie auch immer“ im Fernsehen engagieren.

Dem ein oder anderen meiner Sätze merkt man es wahrscheinlich schon an. Diese Biografie sollte nur kaufen, wer zwanghafter Sammler von Fußballliteratur ist. Die ausführlicherere Begründung dazu reiche ich nach. Die Zitate aber, so denke ich, geben schon einen ersten Hinweis für meine Meinung.

Thomas Lötz: Peter Neururer. Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers. Delius Verlag, Bielefeld 2012. 192 Seiten. 19,90 €

Entlassene Trainer und die Spielstärke von Fußballern

Manchmal wünsche ich mir von den Menschen mehr Verstand. Ich weiß, ein vergeblicher Wunsch besonders, wenn es um Fußball und um den Erfolg von Mannschaften geht. Gestern war wieder so ein Tag, und dass ich über den 1. FC Kaiserslautern schreibe, hängt mit der Trainerdiskussion um Oliver Reck zusammen. Der Trainer vom 1. FC Kaiserslautern Marco Kurz ist gestern entlassen worden. Die Begründung: „Um aber wirklich jede denkbare Möglichkeit für den Klassenerhalt ausgeschöpft zu haben, müssen wir diesen Weg gehen.“ Nun kann man auch Kerzen anzünden in Kirchen oder Medizinmänner einen Kaiserslautern-Rettungs-Tanz tanzen lassen. Macht man das nicht, hat man schon einiges unterlassen, was vielleicht auch zum Klassenerhalt beigetragen hätte. Das ist doch aus Kaiserslautern eine etwas erbärmliche Erklärung für die Trainer-Entlassung. Wäre es nicht ehrlicher zu sagen, der Druck der Straße war zu groß? In einer idealen Welt müsste so eine Entscheidung doch von klaren Analysen begleitet werden, die sich auch kommunizieren ließen: Nach unserer Überzeugung haben die taktischen Maßnahmen in den letzten sieben Spielen nicht funktioniert. Die Beziehung zwischen entscheidenden Spielern des Kaders und dem Trainer ist gestört.  Die Mannschaft ist in einem konditionell schlechten Zustand. All das wären Erklärungen, die ich akzeptiere. Ich akzeptiere nicht, wir wissen auch nicht mehr, was wir machen sollen, also entlassen wir wenigstens den Trainer.

Man sehe sich doch bitte einmal diesen Kader vom 1. FC Kaiserslautern an. Vier Spieler dieses Kaders kennen wir aus ihrer Zeit beim MSV Duisburg. Dort haben sie sich in ähnlicher Situation befunden. Nur guckten sie damals von unten nach oben. In Duisburg ging es für sie um den verzweifelten Versuch, den Aufstieg hinzubekommen. Dorge Kouemaha, Christian Tiffert, Sandro Wagner und Olcay Sahan kennen Vorgaben, die nur schwer zu erfüllen sind. Das ist kein Zufall. Es gibt Einsichten, die sind schmerzhaft. Aber es lebt sich am besten mit ihnen, wenn man sie akzeptiert und sein Handeln darauf abstellt. Die Wahrscheinlichkeit für das mittlere Drittel der Vereine von erster und zweiter Liga zwischen den Ligen hin und her zu pendeln ist groß. Leider gibt es kein Kontinuum für die notwendige Finanzstruktur. Das macht den Verbleib in der ersten Liga so schwierig. Neulich habe ich „Why England loose“ angefangenen zu lesen. Der englische Fußballbuchautor Simon Kuper hat es zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Stefan Szymanski geschrieben. Sie haben einen einzigen statistisch messbaren Einflussfaktor für sportlichen Erfolg gefunden, und der war die Höhe des Spieleretats einer Mannschaft.

In einer idealen Welt könnte ein Fußballverein sein Publikum damit dauerhaft vertraut machen, was momentane realistische Möglichkeiten des sportlichen Erfolgs der eigenen Mannschaft sind. Für Kaiserslautern gehörte der Abstieg dazu. Und warum kann ein Trainer, der vor vier Monaten noch für gut genug befunden wurde, diese Mannschaft zu trainieren, nicht auch mit dieser Mannschaft in die 2. Liga gehen? Weil das Fußballstadion einer der wenigen Orte in unserer durchrationalisierten Welt ist, in der Emotionen öffentlich ausgelebt werden können? Ich weiß es nicht. Mir ging jedenfalls angesichts von Marco Kurz Entlassung durch den Kopf,  nur gut, dass der Druck zur Trainerentlassung in Duisburg nicht so groß war. Aus welchen Gründen auch immer. Ich hoffe natürlich, der ein oder andere rationale neben dem mangelnden Geld war auch dabei.

Alles zur Ablenkung – samt Appell an Fans

Dann wollen wir mal die Wettervorhersagen ignorieren und uns sofort den wichtigen Dingen des Tages zuwenden. Der FC St. Pauli kommt nach Duisburg, und mit meiner leichten Unruhe schon am gestrigen Abend bin ich wahrscheinlich nicht alleine. Ein untrügliches Zeichen! Das Spiel ist wichtig. Das wissen wir alle, und wir wissen auch, danach kommen drei weitere, nicht weniger wichtige Spiele. So wird das Spiel heute Abend noch wichtiger. Ein Polster für einen möglichen und nicht unwahrscheinlichen Punktverlust in den nächsten drei Wochen zu schaffen, wäre schon nicht schlecht.

Aber wir wollen einmal gemeinsam mit den Spielern unseres Vereins aller Vereine auf die Worte sämtlicher Fußballtrainer dieser Welt hören und nur von Spiel zu Spiel denken. Denn nur das nächste Spiel ist – nämlich was? – natürlich  das schwerste. Die leichte Unruhe spüre ich aber auch, wenn ich an dieses Spiel alleine denke. Denn in beiden siegreichen Spielen des MSV Duisburg nach der Winterpause gab es auch jene schwachen Momente, die bessere Mannschaften als der FSV Frankfurt oder der FC Energie Cottbus vielleicht ausnutzen.

Nun gibt es im Fußball ein kompliziertes Zusammenspiel vieler Einflüsse, das die Leistung einer Mannschaft letztlich bestimmt. Und zu diesen Einflüssen gehört nun auch einmal der Gegner. Aber auch der Blick zum FC  St. Pauli gibt uns nicht viel mehr Sicherheit. Ob die Mannschaft zurzeit so ein besserer Gegner ist, lässt sich nach dem schwachen Spiel der Hamburger gegen Aachen nicht sagen. Und selbst wenn der FC St. Pauli dieser bessere Gegner wäre, könnte sich gerade deshalb eine fehlerlose Leistung des MSV Duisburg ergeben. Alle selbst beim Spiel gegen Frankfurt in der ersten Halbzeit sichtbaren Schwächen im Spielaufbau könnten dann verschwinden.

Im Grunde sind alle diese Gedanken also nicht viel mehr als ein wenig Ablenkung von der leichten Unruhe. Solche Ablenkung fördert dann die Konzentration auf die eigentliche Aufgabe um 18 Uhr und ist nur zu begrüßen. Deshalb gehört auch die Nachricht des Vereinswechsels von Sascha Mölders in die Spielvorbereitung von uns Fans. Da ist er gestern mal eben zum Dorge Kouemaha von Rot-Weiß Essen geworden. Dem MSV Duisburg soll´s recht sein. Meinetwegen soll er sogar noch Torschützenkönig der 2. Liga werden. Der FSV Frankfurt spielt noch gegen alle unsere Konkurrenten um den Aufstieg.

Wer sich während der Woche für den FC St. Pauli interessierte, richtete seine Aufmerksamkeit ja übrigens keineswegs auf das nächste Spiel. Da musste noch das Spiel gegen Alemannia Aachen weiter aufgearbeitet werden, weil der Trainer Holger Stanislawski mit Unmutsäußerungen von Teilen des Publikums überhaupt nicht zufrieden war und das auch meinungstark verkündete. Was macht man bei aufkommenden Konflikten nun am besten? Man redet miteinander. Was Holger Stanislawski hier über Wirkung und Notwendigkeit von Fan-Unterstützung sagt, hört sich sehr überzeugend an. Seine Worte kann sich das Fußballpublikum eines jeden Vereins zu Herzen nehmen. Geben wir also unserer Mannschaft Rückhalt. Sie hat sich das redlich verdient, und manchmal sind die spielerischen Unterschiede so gering, dass die Einheit von Publikum und Mannschaft den entscheidenden Vorteil bringen kann. Ich hoffe auf den 3:2-Sieg.

Ich hab´da mal ´ne Frage zur Moral: Der Kouemaha-Wechsel

Die Saison hat längst begonnen und immer noch wechseln die Spieler ihre Vereine. Das ist möglich, weil erst nach dem 31. August der Transfer eines unter Vertrag stehenden Spielers nicht mehr erlaubt ist. In diesem Jahr wurde vom MSV Duisburg am 30. August verkündet, Dorge Kouemaha, einer von drei Stürmern des Vereins und Stammspieler, verlässt den MSV Richtung Brügge. Was danach zur Linderung der Fan-Sorgen folgte, interessiert hier heute nicht.

Mir führt der Weggang von Dorge Kouemaha nämlich etwas vor Augen. Wäre Kouemaha in der Sommerpause gewechselt, hätte das meine Aufmerksamkeit sicher berührt, doch die Angelegenheit wäre in die sachliche Frage nach entsprechendem Ersatz gemündet. Sein Weggang kurz vor Ende des Transferschlusses weckte so etwas wie Trauer über einen Verlust. Und das hatte nichts mit der Spielstärke Kouemahas zu tun oder meinen schwindenden Hoffnungen auf den Aufstieg.

Vielmehr machten sich da Enttäuschung bemerkbar und ein Aufbegehren gegen ein unter den Gegebenheiten des gegenwärtigen Fußballs rationales Handeln, dessen Kosten eine Gruppe, in diesem Fall die Mannschaft, tragen muss. Sprich, hier geht es anhand eines Beispiels an vielleicht überraschender Stelle um Gesellschaftskritik. Das, obwohl der Transfer von Kouemaha im Rückblick als Erfolg gewertet wird. Ich mache da keine Ausnahme und kann dennoch die Bedingungen, die zu ihm führten, kritisieren.

Dieser Wechsel berührt für mich eine Frage der Moral. Erinnern wir uns doch mal an Prüfungen unserer Loyalität als Kinder. Wann fühlte es sich richtig an, wie wir uns verhielten? Stellen wir uns etwa die Einladung zum Geburtstag von einem der besten Freunde vor. Du hast schon zugesagt. Ihr habt euch bereits überlegt, wie toll das alles wird und welche Spiele es nach dem Kuchen essen gibt. Nichts Spektakuläres, was ihr halt immer so macht. Einen Tag vor der Geburtstagsfeier flattert eine zweite Einladung ins Haus. Ein nicht ganz so guter Freund lädt zum spontanen Geburtstagsausflug ein. Es soll in einen Abenteuerpark gehen, und du weißt, mit deinen Eltern kommst du da demnächst nicht hin. Schwierige Entscheidung. Aber bester Freund ist bester Freund und zugesagt ist zugesagt, oder?

Nun erinnert das Fußballgeschäft nur ganz entfernt an schwierige Loyalitätsfragen für Kinder, und die meisten können sicher Dorge Kouemaha heute verstehen, dass er die sich bietende Chance ergreift. Wenn schon die UEFA-Statuten den Vereinswechsel nach Saisonanfang erlauben, warum sollen wir uns dann mit Fragen der Moral beschäftigen? Die Antwort lautet, weil das Nachdenken über solche moralischen Fragen und die daraus entstehenden Werturteile die Statuten kritisierbar machen. Die Wechselperiode müsste meiner Meinung nach vor Saisonbeginn enden.

Bei „11 Freunden“ lese ich gestern zufällig, dass Manni Breuckmann die Wechselmöglichkeit nach Saisonanfang mit einer leicht anderen Begründung ebenfalls für falsch hält. Übrigens spielt „Söldner-Mentalität“ bei dem Thema Wechsel nach Saisonanfang, wenn überhaupt, nur eine kleine Rolle – bei Dorge Kouemaha mit Sicherheit gar keine.

Mit zwei Stürmern durch die Saison?

Da will ich nur ein paar Ergebnisse nachsehen und was lese ich da bei Kicker online? Und hier steht es beim MSV Duisburg auch offiziell auf der Seite. Wenn ich schon Brügge höre! Wir sehen also morgen Cayubi in der Startelf und Dorge Kouemaha erwartet eine große Zukunft für sich in Flandern. Ich bin schon mit ganz anderen Nachrichten fertig geworden. Und ob das schlecht ist, wird sich noch erweisen. Schlecht ist allerdings die Tatsache, dass dem MSV Duisburg nun allmählich die Stürmer ausgehen. Darf nicht allzu viel passieren den zwei antretenden Spielern Wagner und Caiuby. Und wenn ich da beim MSV lese, in Kürze hoffe man einen neuen Stürmer zu verpflichten, ist das die altbekannte  Schwurbel-PR. Denn wenn ich das recht verstanden habe mit dem Transferschluss, bleibt da ja nicht allzu viel Zeit. Aber vielleicht klärt mich ja einer über Ausnahmen auf und ich lege mich wieder entspannt zurück. Der 31. August ist doch morgen oder befindet sich Duisburg in einer anderen Zeitzone?

Nachtrag: Gerade lese ich auf „Der Westen“ vom mittrainierenden Franzosen David Gigliotti vom AS St. Etienne. Aber in Zeiten wie diesen glaubt man ja nur noch dann etwas, wenn der Mann im Stadion bei seinem ersten Spiel gesichtet wurde. Ich gucke mir das also jetzt nicht näher an, was man so über ihn im Netz lesen kann.

Mir geht aber noch erneut die Wertung des Geschehens durch den Kopf. Es ist ja nicht der Wechsel als solcher sondern der Zeitpunkt und die Dringlichkeit, die eine sich gerade findende Mannschaft in ihrer Spielstärke zumindest am morgigen Tag bedroht. Nicht, weil Kouemaha so gut spielte, sondern weil die Stimmung innerhalb der Mannschaft den größten Teil des Erfolgs eines Vereins in der Zweiten Liga ausmacht.

Es geht tatsächlich um die Einheit, die nun erst einmal wieder hergestellt werden muss. Das bedeutet Arbeit. Das ist noch längst keine Verunsicherung, sondern so etwas kennt jeder in seinem Leben, wenn die gewohnten Zusammenhängen unabhängig des eigenen Dazutuns sich ändern. Die Beschäftigung mit der Veränderung braucht Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, die die Konzentration auf die eigentliche Arbeit vielleicht etwas stört. Hoffen wir also, dass Peter Neururer die Mannschaft schnell mit der veränderten Lage vertraut macht und der andere Spielertyp Caiuby im Spiel der Mannschaft aufgeht.

Wieviel Ballkontakte hatte Starke? – FC Energie Cottbus (H)

Nach dem Spiel gegen den FC Energie Cottbus schillern meine Gefühle zwischen Begeisterung, Zuversicht und einem leisen und deshalb auch immer wieder verschwindenden Hadern. Was für eine Überlegenheit des MSV und dann steht da ein Unentschieden als Ergebnis. Nur oder gerechter Weise? War es erst um die 32. Minute, als Tom Starke das erste Mal den Ball aufnehmen musste? Und hatte er in der ersten Halbzeit fünf oder sechs Ballberührungen? Das hat sehr gut ausgesehen, was der MSV Duisburg gestern Abend gezeigt hat. Was mich daran besonders zuversichtlich stimmt, ist die Entwicklung, die diese Mannschaft genommen hat. Die Startelf kennen wir bis auf zwei Spieler aus der letzten Saison, und es ist tatsächlich so, dass die Sicherheit des Mannschaftsspiel nach vorne die einzelnen Spieler besser macht und natürlich wirkt das Ganze auch umgekehrt. Die besseren einzelnen Spieler machen den Aufbau des Spiels sicherer.

Die Überlegenheit des MSV ergab sich nun nicht, weil der Gegner so schwach war. Cottbus wollte vorsichtig aus sicherer Abwehr heraus beginnen, doch der MSV Duisburg hat die gegnerische Mannschaft von Anfang in die eigene Hälfte gedrängt. Die Überlegenheit wurde gegen gut stehende Gegenspieler erspielt. Kein Gedanke daran, dass Cottbus nur den ersten, meist eine Viertelstunde dauernden Ansturm einer Heimmannschaft überstehen musste. Die Überlegenheit hielt an. Selbst das Gegentor brachte das Spiel des MSV nicht zum Erliegen.

Die Angriffsbemühungen der Cottbusser wurden normalerweise so im Keim erstickt, dass dieser Angriff, der zum Gegentor führte, wie aus dem Nichts kam und so nicht einmal Gelegenheit bot, sich aufzuregen. Dabei war es gekommen, wie wir es die ganze Zeit befürchtet hatten. Auf solch einen Angriff hatten die Cottbusser offensichtlich gewartet. Wahrscheinlich hätten sie gegen ein paar Chancen mehr nichts gehabt. Sie hätten sich aber auch nicht beschweren können, wenn der MSV in Führung gelegen hätte. Die größte Chance war ein Kopfball von Frank Fahrenhorst, der auf der Linie geklärt wurde. Als Abwehrspieler allerdings strahlt Frank Fahrenhorst noch nicht die Sicherheit aus, die Markus Brzenska in der letzten Saison von Anfang an auszeichnete. Natürlich hat die Abwehr in so einem Spiel nicht viel Gelegenheit, sich im eigenen Strafraum auszuzeichnen. Und an solchen Spielsituationen wie vor den zwei Gegentoren gibt es ist nicht sehr viel zu kritisieren. Es sind weniger die Kleinigkeiten im Stellungsspiel als die der Präsenz des Abwehrsspielers, die mich unruhig machen, wenn ich an Gegner denke, die vielleicht einmal häufiger als Cottbus in die Nähe des MSV-Tores kommen. Die Arbeit des Abwehrsspielers muss längst geschehen sein, ehe ein Stürmer im Strafraum an den Ball gelangt. Bei so einem Spiel wie gestern kann es nach einem Konter zu dem Ballkontakt des Stürmers im Strafraum kommen. Verhindern wird der Abwehrspieler den Torschuss dann nicht mehr völlig, aber er kann ihn erschweren und da scheint es mir für Frank Fahrenhorst noch Verbesserungsbedarf zu geben. Weder strahlt er einschüchternde Präsenz noch Ruhe aus.

In der zweiten Hälfte bot sich das selbe Bild wie in den ersten 45 Minuten. Der MSV blieb weiterhin deutlich überlegen, und dennoch musste wieder ein Gegentor aus dem Nichts weggesteckt werden. Erst da, meine ich, war zu erkennen, der Glaube der Mannschaft an sich selbst, begann zu wanken – trotz des weiter erkennbaren Willens den Ausgleich zu erzielen. Denn von dem Moment an gab es einige wenige Versuche den Ball Richtung Tor zu bringen, die zwar noch nicht verzweifelt, aber auch nicht mehr völlig überlegt waren.

Der Ausgleich dann brachte mir zumindest so etwas wie ein Gefühl von Gerechtigkeit zurück. Gerade wie die Tore vom MSV zustandekamen, zeigt die Qualität des Spiels noch einmal in konzentrierter Form. Beide Tore fielen dank einer ausgewogenen Mischung von Einzelleistung und Mannschaftsspiel. Dieses zweite Tor wurde hervorragend vorbereitet durch Sandro Wagner, der sich gegen zwei eng deckende Cottbuser durchsetzte. Als er nach rechts auf Adam Bodzek ablegte, sah man von unserem Platz aus, im Rücken Bodzeks, wie perfekt sich Bodzek zum Ball hin bewegte. Er musste einfach treffen. Das erste Tor wiederum ergab sich aus einem perfekten Abwurf Tom Starkes fast bis an die Mittellinie in den Lauf von Dorge Kouemaha hinein. Kouemaha überdribbelte die herankommenden Cottbusser Verteidiger dank Schnelligkeit und technischen Geschicks, um im richtigen Moment auf den mitgelaufenen und frei stehenden Sandro Wagner zu passen. Der wiederum brachte den Ball sicher ins Tor.

Noch einmal: Auch wenn in manchen Spielberichten heute Sandro Wagner im Mittelpunkt steht, es waren nicht einzelne Spieler sondern die Mannschaft, die sich in der Vorwärtsbewegung sicher war. Immer wieder gab es auf engstem Raum Ballkontrolle dank technischer Sicherheit der einzelnen Spieler und schnellem Kurzpassspiel. Christian Tiffert zeichnete sich da aus. Die Pässe und die Einsatzbereitschaft von Mihai Tararache waren wieder auf einem Niveau, das wir in Duisburg schon nicht mehr geglaubt hatten noch einmal zu sehen. Die Entwicklung von Sandro Wagner ist hervorragend. Endlich behauptet er den Ball nicht nur aufgrund seiner Schnelligkeit. Endlich blitzt seine Technik nicht nur in einigen wenigen Spielsituationen auf, sondern sie ist das ganze Spiel über erkennbar. Sein Kopfballspiel wird zudem immer besser. Chavdar Yankovs spielerische Qualiäten blieben gestern allerdings meist ein Versprechen. Adam Bodzek knüpft an die starken Spiele zum Schluss der letzten Saison nahtlos an.  Zur Verteidigung wird nach anderen Spielen mehr zu schreiben sein. Nachdem Caiuby eingewechselt wurde, war seinem Spiel die noch nicht genügende Bindung ans Mannschaftspiel anzumerken. Als Einzelspieler ist technisch großartig. Seine Pässe finden aber nicht immer die Mitspieler, mehr noch, vor allem seine Querpässe bringen die eigene Mannschaft in Gefahr, einen Konter hinnehmen zu müssen.

Nicht oft habe ich ein derart gutes Zweitliga-Spiel vom MSV gesehen. Natürlich kitzelt da ganz kurz ein Gedanke an die letzte Saison, in der auch das erste Heimspiel gegen Rostock mit eines der besten Spiele der Saison überhaupt gewesen ist. Meine heutige Hoffnung auf stabile spielerische Verhältnisse beim MSV Duisburg beruht aber darauf, dass dieses Spielvermögen das Ergebnis einer Entwicklung ist und damit alles andere als ein Augenblicksereignis. Da sollten noch einige gute Spiele mehr drin sein. Ich bin dabei.

Saison 2008/2009 – 24. Spieltag SC Freiburg (H)

Bevor ich irgendeinen Spielbericht lese, möchte ich noch einmal im Gefühl des gestrigen Abends schwelgen, jenem umfassenden Hochgefühl, das nur den Nachteil der Totalen hat und den zur genaueren Spielanalyse notwendigen Blick auf das Detail, die Nahaufnahme, sehr erschwert. Es passierte außerdem in diesem Spiel zu viel, als dass es ein Leichtes wäre, dieses Geschehen ohne spielbegleitende Notizen und den Blick auf Einzelne gerecht zu beurteilen. Das, als Vorrede, sei gestattet, um das Folgende einzuordnen.

Auch wenn Erinnerungen oft trügen können und ich vielleicht später andere Quellen zur Überprüfung zu Rate ziehe, das muss ich erst einmal ungedeckt schreiben. So ein Spiel habe ich in Duisburg sehr lange nicht mehr erlebt. Ein Spiel, bei dem über die gesamte Spielzeit beide Mannschaften etwas riskierten und dabei nicht planlos wirkten. Ein Spiel, das aus diesem Grund ansehlichen Fußball bot (In Klammern gesprochen für alle, die bereits wieder den Blick nach vorne werfen: Natürlich ist da Luft nach oben beim Verein aller Vereine).  Und vor allem ein Spiel, das trotz allen Bangens mit einem von glücklichem Jubel begleiteten Ergebnis für den MSV endete. Kurzum, es war ein Spitzenspiel, das man nicht mit den sonst so häufig notwendigen Standardsätzen der Berichterstattung einschränken muss.

Manchmal kommt es mir so vor, als erreichte ich ein Alter, in dem es immer schwerer für mich wird, die Spannung solcher Spiele zu ertragen. Zum ersten Mal ist mir das bei zwei, drei Spielen in der letzten Erstliga-Saison so gegangen und auch heute kam ich ab ungefähr der 65. Minute an einen Punkt, ab dem ich für ungefähr fünf Minuten aus dem Stadion flüchten wollte und nur die beruhigenden Worte der Freunde mich davon abhielten. Ich hatte das Gefühl, zwar könnte ich eine mögliche Niederlage aushalten, aber keinesfalls mehr sehenden Auges. So viel investierte der MSV in das Spiel, so groß wurde der Druck in der zweiten Halbzeit und so sehr ergaben sich die Konterchancen für die Freiburger, die ich schon beim MSV-Angriff gleichsam mitdachte. Der Höhepunkt war ein Freistoß  von halbrechts, der ja eigentlich Gefahr für die Freiburger sein sollte und bei dem sich sämtliche Freiburger in den Strafraum zurück zogen, aus diesem Freistoß, befürchtete ich, würde das erste Tor der Freiburger unweigerlich folgen. Schon wieder wurden die Last-Minute-Gegentore der letzten Saison wieder lebendig und die Angst vor der Enttäuschung drohte, mich zu überwältigen. Andererseits wuchs ja gerade dadurch das mögliche Glück,  je länger ich diese Angst aushielt und es sich dann doch schließlich zum Guten wendete, desto mächtiger konnte mich die Freude erfüllen. Man sieht, es gibt dieses Gefühl der großen Begeisterung nicht ohne das Risiko ebensolch großer emotionaler Gefahren.

Ohne journalistische Stimmen zum Spiel gehen mir nun nur einzelne Momentaufnahmen durch den Kopf, die höchstens Ansätze bilden für Urteile. Wann habe ich mich etwa das letzte Mal so einig im Urteil mit dem Trainer meiner Mannschaft gefühlt wie in dem Moment, als Sandro Wagner schon zu Beginn der zweiten Hälfte tatsächlich für Dorge Kouemaha eingewechselt wurde?  Kouemahas Spiel erinnerte an die Leistungen der Hinrunde. Da sah man ein paar altbekannte Stockfehler und die fehlende Schnelligkeit, um dem dann wegspringenden Ball hinterherzujagen. Wagner zeigte zunächst ebensolche Stockfehler, aber war im Antritt so schnell, dass er dem dazwischengehenden Verteidiger den Ball wieder abnehmen konnte. Eine sehr gute Auswechslung, zumal die hohen Bälle auf Kouemaha nicht wirklich Gefahr brachten. Dazu stand die Freiburger Abwehr zu gut. Diese Abwehr war nur mit schnellem flachen Spiel zu überwinden, und das erste Tor lieferte den Beweis dazu. Dennoch ergaben sich für den MSV wie Freiburg schon auch in der ersten Hälfte Chancen auf ein Tor. Zwar war Kouemaha daran beteiligt, hatte aber zu wenig Spielübersicht, um den völlig frei stehenden Mitspieler zu sehen. Stattdessen schloss er selbst ab, ohne wirklich gefährlich zu werden.

Tom Starke war ja schon in der Erstliga-Saison auf der Linie sehr gut. Diese Klasse hat sich gestern wieder gezeigt. Zudem ist seine Strafraumbeherrschung besser geworden. Er läuft entschlossener raus, auch wenn immer wieder mal die alte Schwäche aufblitzt.

Dann fällt mir Adam Bodzek ein, der immer besser wird. Unzählige Bälle im schnellen Spiel der Freiburger hat er ungefährlich gemacht und kontrollierte danach den Ball. Das war kein Retten, sondern konzentriertes Erobern, sein Stellungsspiel wird von Spiel zu Spiel besser und der anschließende Pass findet den Mitspieler. Manchmal geht das dann sofort in den Angriff über, auf jeden Fall wird aber nahezu immer ein sicherer Pass gespielt und sogar nur das wäre bereits ein großer Fortschritt. War es bislang im Spiel des MSV doch häufig so, der Angriff des Gegners wird zwar zerstört, aber die Anschlusshandlung bringt den Ball nahezu augenblicklich wieder in die Reihen des Gegners.

Auch die Einwechslung von Marcel Heller ergab sich zwangsläufig aus dem Versuch, das Spiel nach vorne weiter zu beschleunigen. Änis Ben-Hatira war mit seiner am Dribbling orientierten Spielweise nicht sehr erfolgreich und wie sich das Spiel entwickelte, wurde er immer wirkungsloser. Das zweite Tor war übrigens jenes Wagner-Tor, das er in der Hinrunde gegen St. Pauli bereits hätte machen können. Wie vor ein paar Monaten erkämpft er sich den Ball und macht dieses Mal alles richtig. Ich bin mir jetzt nicht mal sicher, ob Makiadis Einsatz noch nötig gewesen wäre.

Dass ich andere Namen nicht erwähne, liegt nicht an mangelnder Leistung sondern an mangelndem Ausdrucksvermögen, ach Quatsch, Phrasen her, ich will keinen Spieler mehr herausheben, weil die Mannschaft gewonnen hat. Das hat den Eindruck einer funktionierenden Gemeinschaft gemacht, in der jeder deshalb so gut spielen konnte, wie er spielte, weil er sich der Mitspieler sicher war. So soll es weiter gehen, und dann wäre es natürlich enttäuschend, wenn es am Ende doch nicht klappt, aber Fußball ist eben nicht bis ins Letzte planbar. Zufrieden wäre ich nach einer auf diese Weise gespielten Saison dennoch.

Saison 2008/2009 – 19. Spieltag SV Wehen Wiesbaden (H)

Nun wird sicher überall vom glücklichen Sieg des MSVs geschrieben nach dem  Spiel gegen SV Wehen Wiesbaden. Was war das in der zweiten Halbzeit eine Zitterpartie! Das hat mich wieder die Nerven gekostet, die sich seit der letzten Saison gerade regeneriert hatten. Aber da war sie wieder, diese Angst vor dem so enttäuschenden Gegentor in der Schlussminute. Vielleicht drei, vier Minuten vor dem Schlusspfiff erst war ein wenig Resignation zu spüren bei den Gästen. Bis dahin aber spielte Wehen Wiesbaden nach dem zweiten Tor des MSVs, wie wir es vom Verein aller Vereine nach der erneuten Führung eigentlich erhofft hatten. Schnell, direkt und präzise ging es immer wieder ein ums andere Mal Richtung Duisburger Strafraum. An gefährliche Entlastungsangriffe der Duisburger kann ich mich bis auf zwei in den letzten zehn Minuten nicht erinnern. Die Regel waren eher Befreiungsschläge, die beim Gegner landeten oder gestolperte Angriffsversuche, die kurz hinter der Mittellinie endeten. Ergebnis war dasselbe, der nächste Angriff der Wehener als Vorbild für rasantes Passspiel mit – Gott sei Dank – nicht ganz so vorbildhaftem Abschluss. Denn „glücklich“ halte ich für nicht alleine zutreffend als Erklärung für den Sieg. Dieser Sieg ist also mindestens genauso sehr der mangelhaften Verwertung der erarbeiteten Chancen zu verdanken wie dem Glück bei vielleicht zwei, drei Schüssen. Ich erinner mich da etwa an einen Kopfball eines Wehener Stürmers freistehend, im Fünfmeterraum. Dieser Kopfball war eher die Rückgabe eines Verteidigers und Tom Starke nahm ihn dankbar auf.

Tom Starke im übrigen ein guter Rückhalt, rettete zwei, dreimal mit sehr guten Reflexen. Ein einziges Mal nur die altbekannte Unsicherheit beim Rauslaufen, ansonsten hat er am Rauslaufen anscheinend gearbeitet. Da traut er sich jetzt mehr zu.

Dabei hat das Spiel großartig begonnen. Der MSV war ungeheuer druckvoll, und dann gelingt Dorge Kouemaha nach einer Ecke in der sechsten Minute per Fallrückzieher im Fünfmeterraum der Führungstreffer. Wann erhält schon mal ein Stürmer die Gelegenheit zum Fallrückzieher im sonst dicht gestellten Fünfmeterraum? Da droht doch fast immer der Abpfiff wegen gefährlichen Spiels. Ein Klassetor!  Eine Minute später erobert sich der MSV durch sehr gutes Pressing den Ball, den Tiffert halblinks erhält. Sein um den Torwart gezirkelter Schuss aus etwas ungünstigem Winkel geht leider nur an den Pfosten und anschließend in die Arme von Walke.

Danach überlässt der MSV den Wehener zu sehr das Mittelfeld, die kommen ins Spiel und nach misslungener Abseitsfalle erzielen sie den Ausgleich. Der Abseitsfalle werden wir bestimmt noch öfter begegnen. Ich erinner mich da an Peter Neururers Bochumer Zeiten, als der Vfl damit über lange Zeit überaus erfolgreich war. In der Abstiegssaison war dann der Wurm drin, ein paar Tore haben sie damals wegen misslungener Abseitsfallen bekommen und diese Abseitsfalle wurde für ein Teil des Publikums zum roten Tuch.

Zurück zum Spiel, das ging dann in der ersten Halbzeit hin und her. Ein wenig konnte man schon vom Wehener Kombinationsspiel erkennen. Doch da der MSV zumindest etwas dagegen hielt, konnte man zufrieden sein. Zumal in der 39. Minute der erneute Führungstreffer fiel. Doch Wehen wollte einen Punkt und nach der Halbzeitpause erhöhten sie den Druck. Die Abwehr begann zu schwimmen und die Zitterpartie nahm Formen an.

Zum Fazit fallen mir vor allem Angriff und Verteidigung ein: Der Angriff war in der ersten Halbzeit gegenüber der Hinrunde stark verbessert. Vor allem Dorge Kouemaha verbreitete mehr Gefahr. Einer der schnellsten ist er zwar immer noch nicht, aber durch seine körperliche Präsenz zusammen mit einem sehr viel schneller gewordenen Antritt, der Fähigkeit zu längeren Sprints und einer feineren Technik hat er es den Wehener schwer gemacht, ihn zu kontrollieren. Die Verteidigung war dieses Mal eher etwas mau. Da gab es immer wieder mal leichte Abstimmungsprobleme und Schwierigkeiten die ballfernen Außenstürmer der Wehener im Blick zu halten, wenn der Angriff über die andere Seite kam und prompt sorgten diese freien Außenstürmer nach langen Pässen für die Gefahr. Zudem machte das frühe Pressing der Wehener der Abwehr Schwierigkeiten beim Spielaufbau. Da gab es ein paar heikle Situationen, nachdem sie den Ball erorbert hatten und ihn in der Vorwärtsbewegung fast augenblicklich wieder zum Gegner spielten.

Große Erleichterung nach dem Schlusspfiff und die Gewissheit, gegen eine der drei ersten Mannschaften hätte das nicht gereicht. Aber das kann ja noch kommen.


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