Posts Tagged 'Dortmund'

Habzeitpausengespräch: Weitwinkel – Die Bibliothek im Dortmunder U

Neulich war ich im Dortmunder U und bin den Hinweisen auf eine mir unbekannte Bibliothek gefolgt. Schließlich stand ich in einem warm anmutendem Raum voller Bücher, mit einer Galerie, einem Schreibtisch für den Bibliothekar und einem fantastischen Ausblick. Die Bibliothek Weitwinkel umfasst laut eigenen Angaben „rund 20.000 Bücher und Kataloge aus allen Richtungen der modernen und zeitgenössischen Kunst. Er ist zum einen nach Monographien über Künstlerinnen und Künstler, zum anderen nach Orten und Museen geordnet, aufgestellt.“

Der Bestand fußt auf dem Katalog-Archiv des Museums Ostwall, das durch den Katalogtausch zwischen den Kunstmuseen aufgebaut worden ist. Mit den Planungen für das Dortmunder U war beschlossen, dass dieses Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. So gibt es im Ruhrstadt-Stadtteil Dortmun nun dieses Bibliotheken-Kleinod, das mit seiner besonderen Atmosphäre nicht nur Kunstinteressierte zum Arbeiten einlädt.

 

Kontakt

Telefon: (0231) 502 96 47
E-Mail: weitwinkel[at]stadtdo.de

Öffnungszeiten
Di + Mi:  13:00 — 17:00 Uhr
Do:  13:00 — 18:00 Uhr
Mo, Fr, Sa und So: geschlossen

Halbzeitpausengespräch: Junges Licht – Die Ruhrstadt der 60er im Kino

Gestern hat für Junges Licht von Adolf Winkelmann die dritte Kinowoche begonnen. Den Film über eine Bergarbeiterfamilie zu Beginn der 1960er Jahre in der Ruhrstadt sahen in den bisheringen 14 Tagen Laufzeit laut Produzentenallianz.de 24.000 Kinobesucher, davon 5.100 in der zweiten Woche. Das könnten ruhig noch ein paar mehr Kinobesucher werden. Zeit für ein paar weitere hinweisende Worte nach den sehr guten Kritiken zum Filmstart, die Google News mit einem weiteren Klick auflistet.

Als Vorlage für Junges Licht hat Adolf Winkelmann der gleichnamige Roman von Ralf Rothmann gedient. Ein Autor der Geschichten des Ruhrgebiets hat für seine Worte jenen Filmemacher des Ruhrgebiets bekommen, der für diese Worte berührende und ausdrucksstarke Bilder fand, der ein bis in die Nebenrollen großartig besetztes Schauspielerensemble zusammenstellte und der  atmosphärisch dicht die Wirklichkeit um 1960 herum wieder erweckte.

Eine starke, vorwärtstreibende Handlung darf man nicht erwarten, wenn man sich diesen Film ansieht.  Junges Licht erzählt nicht mehr als den Alltag der Ruhrstadt jener Zeit vor allem aus der Perspektive des zwölfjährigen Julian Collien, und das ist vollauf genug. Sein Vater arbeitet unter Tage, die Mutter ist in ihrer Ehe frustiert. Für seine kleine Schwester ist er öfter verantwortlich als ihm lieb ist. Kinder sind damals meist sich selbst überlassen und erhalten Aufmerksamkeit dann, wenn sie den Ablauf des Alltags stören. Aufmerksamkeit bedeutet die Tracht Prügel von der Mutter mit dem Kochlöffel, bis der zerbricht.

Wir erleben mit Julian Collien seine in Teilen schmerzhafte Emanzipationsgeschichte. Einige Sehnsüchte bestimmen sein Leben, vielem ist er einfach ausgesetzt. Für Erwachsene hat er kaum Mitspracherecht. Das 15-jährige Nachbarsmädchen spielt mit seinem erwachenden Interesse für das andere Geschlecht. Einer „Bande“ möchte der empfindsame Julian angehören, einer Welt, die ihm eigentlich fremd ist und in der er ausgenutzt wird. Der Hausbesitzer sucht auf verstörende Weise seine Nähe. Viel wird in Junges Licht nur angedeutet. Manche Nebenlinie bleibt offen. So schafft Adolf Winkelmann Raum für Atmophäre. Wer die direkte Sprache und den trockenen Humor des Ruhrgebiets liebt, wird an den Dialogen seine helle Freude haben. Allein das musikalische Leitmotiv dieses Films riss mich aus der dichten Atmosphäre des Films kurz hinaus, sobald es erklang. Es wirkt auf mich zu modern, zu schnell und nicht stimmig.

Es ist nichts Neues, welch großartiger Schauspieler Charly Hübner ist, aber wie ihm das Sprechen des Ruhrgebiets als Julians Vater, Walter Collien, über die Lippen kommt, ist erstaunlich. Man kann es kaum glauben, dass solch eine selbstverständliche Ruhrpott-Färbung jemand spricht, der in Neustrelitz, im Nordosten Deutschlands, aufgewachsen ist. Lina Beckmann als dauerrauchende Mutter Liesel Collien beindruckt so sehr wie der junge Oscar Brose in der Rolle Julians. Man müsste sie alle bis in die Nebenrollen erwähnen diese Schauspieler, weil sie jede Szene für sich genommen so berührend, manchmal komisch, immer kraftvoll und lebendig haben werden lassen. Egal ob Greta Sophie Schmidt, die die 15-jährige Marusha auf der Grenze zwischen mädchenhafter Naivität und weiblicher Verführung spielt; ob Peter Lohmeyer,  der die pädophile Neigung des Hausbesitzers so subtil in der Schwebe hält oder Ludger Pistor als polternder Pfarrer, dem seine Berufung manchmal auch nicht mehr ist als lästiger Berufsalltag.

Doch wie gesagt, zunächst muss man sich auf das langsame Erzählen und das Fehlen eines starken Plots einlassen. Wäre der Film in Frankreich produziert worden, würde man solch ein Erzählen auch unabhängig von der Kritik als ureigene Qualität des Films wahrnehmen. Ohne Frage hätte das Gütesiegel Frankreich schon für mehr Zuschauer gesorgt. Noch läuft der Film in den Kinos – Junges Licht eigentlich ein Pflichtprogramm für Ruhrstadt-Kinogänger.

Im Wikipedia-Artikel zu Junges Licht ließe sich vorab noch weitere Eindrücke von Handlung und Kritik gewinnen.

Zudem der Trailer zum Film

 

Und eine der berührendsten Szenen des Films – das Vater-Sohn-Gespräch über die Zukunftsvorstellungen von Julian

 

 

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 28-B: Boris Gott mit Bukowskiland

Beim Zappen durch die Songs von Boris Gott habe ich noch ein Heimatlied gefunden, in dem er die Ruhrstadt insgesamt besingt und nicht nur seinen Heimatstadtteil Dortmund. Mache ich eben eine zeitgenössische B-Seite der 28er-Folge Heimatlied draus, habe ich gedacht. Falls ihr Jüngeren euch fragt, was eine B-Seite ist, fragt eure Eltern. Gerne fördere ich doch das Gespräch zwischen den Generationen.

Gestern gab es die Gute-Laune-Musik mit einem nicht sehr ernst gemeinten Text über die Ruhrstadt, in der Pommesbuden Anlass waren, ein paar Ruhrstadt-Stadtteilnamen zusammen zu bringen. In „Bukowskiland“ dagegen nimmt er die Ruhrstadt-Wirklichkeit näher in den Blick. Zu ähnlich beschwingter Melodie besingt Boris Gott den Verlust des Heimatlandes, das „abgebrannt“ ist. Dort regiert“Hartz-IV“. Bohnekamp, Bommerlunder oder Wein bringen einen durch den Tag. Boris Gott ist weit weg von einem anklagenden Ton. Es ist, wie es ist, und wie das zu bewerten ist, sagt der Hörer.

Immer noch stammt  der letzte Eintrag auf seiner Seite aus dem November 2013. Anscheinend ist er zumindest als Solokünstler nicht mehr aktiv. Und immer noch finde ich das schade.

In der Studiofassung hört sich das Lied so an:

Live vor der „auffangenden2 Fangemeinde gefällt das Stück mir noch besser.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Halbzeitpausengespräch: So zärtlich war das Ruhrgebiet von Laabs Kowalski – Besprechung

Natürlich gehörte Dortmund in den 1970ern für mich zum Ruhrgebiet, doch mit Dortmund fühlte ich mich nicht identisch. Denn die Einheit dieses Ruhrgebiets war noch weniger eine ihrer Städte als heute. Die Ruhrstadt wurde im Alltag nicht gelebt. Zumindest nicht von irgendjemandem um mich herum, weder von Jugendlichen noch von Erwachsenen. Wenn ich heute nun „So zärtlich war das Ruhrgebiet“ von Laabs Kowalski lese, so weiß ich, warum diese Ruhrstadt keine Schimäre ist.

Laabs Kowalski erzählt vom Aufwachsen im Dortmunder Norden während der 1970er Jahre, und was er erzählt, ist mir vertraut. Er variiert einen Mythos der Ruhrstadt, die raue, meist einfache, aber immer im Inneren herzliche Wirklichkeit der Arbeitergroßfamilie und ihrer Freunde, die in dieser Zeit für die Kinder immer zu den Familien gehörten als „Onkel“ und „Tante“. Dem folgte manchmal der Nachname, manchmal der Vorname, ein Ausdruck dessen, wie nah diese „Onkel“ und „Tanten“ sich uns Kindern gaben.

Laabs Kowalski folgt also der eigenen Biografie. Er erzählt von seinem jungen Leben, seinen Erfahrungen und wirft dabei zugleich einen Blick auf seine Familie. Unterstrichen wird dieser biografische Zugang durch private Fotos. Doch Laabs Kowalski nutzt literarisches Handwerkszeug. Er erzählt verdichtet, pointiert, karikierend und manchmal wirkt es so, als habe er um der Pointe Willen die erlebte Wirklichkeit leicht zurechtgebogen. Was nur beschreibend gemeint ist und keineswegs kritisch. Die Menschen, die Laabs Kowalski beschreibt, seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, die Sprache, die er in den Dialogen einfängt, all das erkenne ich wieder, wenn nicht aus direkter Erfahrung, so doch als immer wieder erzählten Alltag. Auch Frank Goosen bewegt sich in diesen Gefilden der Ruhrgebietsvergangenheit. Doch Laabs Kowalskis verdichtete Wirklichkeit der Ruhrstadtvergangenheit ist oft härter, wenn man genauer drüber nachdenkt, und nur im Erzählen wird diese Härte gemildert durch Komik und den lakonischen Ton des Erzählten.

Von 1965 bis 1980 erhalten die Jahre jeweils ein Kapitel. In jedem Kapitel erzählt Laabs Kowalski eine oder mehrere Alltagsminiaturen. Mit schnellen Stichworten zu Mode und Pop-Kultur, zur sich ändernden technischen Grundausstattung des Haushalts ruft er das Lebensgefühl der Zeit hervor und kann sich dann einer beispielhaften Erfahrung jenes Jahres zuwenden. Leitmotivisch tauchen dabei das Kartenspiel der Verwandten, der Fäuste schwingende Onkel „Catcher“ und die Erkenntnis des jungen Laabs auf, dass manche Erfahrungen des Lebens einfach nur „So ein Betrug“ sind.

Das Buch ist schnell gelesen, und es wird um so komischer, je weiter es voranschreitet. Der Grund liegt auf der Hand, Laabs Kowalskis Erzählperspektive ist zwar die des rückblickenden Erwachsenen, doch beschränkt er sich bei der Wirklichkeit des Geschehens auf den Erfahrungshorizont des aufwachsenden Kindes und Jugendlichen. So lange dieses Kind aber eine Nebenfigur des Geschehens ist, kann er dem Handeln des Ich-Erzählers keinen Witz abgewinnen. Das kleine Kind Laabs Kowalski ist nicht komikfähig. Dessen erwachsene Verwandte bleiben nur, und so wiederholt sich zu Beginn einiges, weil es so viel Erzählenswertes in dieser naiven Kinderwirklichkeit nun einmal nicht gibt.

Laabs Kowalski stilisiert die Wiederholung zum running gag. Für mich kaschiert er damit aber eine kleine Schwäche des Buchs, über die man zunächst hinweglesen muss, um mit dem Erzählen aus der Jugendzeit auch den Ich-Erzähler selbst im Zentrum des Geschehens zu erhalten. In dem Moment kann Laabs Kowalski seine erzählerischen Stärken an jeweils neuen Lebensituationen ausprobieren. Die Unsicherheiten der Jugend bieten viel Raum für Komik, Ironie und Witz. Das Heimatgefühl Ruhrstadt gibt es dazu inklusive. Ein schönes Buch.


Laabs Kowalski
So zärtlich war das Ruhrgebiet.
Satyr Verlag, Berlin 2015
Klappenbroschur, 144 S., inkl. zahlreicher Abbildungen
ISBN 978-3-944035-53-6 (Print), € 12,90
ISBN 978-3-944035-64-2 (E-Book), € 7,99

Akzente inoffiziell: Was verrät Dortmunds Fußballoperette über die Ruhrstadt?

Einmal ist „Roxy und ihr Wunderteam“ in dieser Spielzeit noch auf der Dortmunder Opernbühne zu sehen. Einmal noch gibt es übermorgen, am 15. März, die Gelegenheit, sich selbst ein Bild davon zu machen, mit welch großartiger Leistung die Dortmunder Oper in die Bresche spang, als der BVB noch nicht die erhofften Resultate auf dem Rasen zustande brachte. Wenigstens dort konnte das Publikum über eine Fußballwelt in Begeisterung ausbrechen, wenn der BVB mal wieder verlor.

Wer die Chance am Sonntag nicht ergreift, verpasst mitreißende Musik, wunderbare Choreografien, große Stimmen und ein Ensemble voller Spielfreude, das boulevardeske  Komik zu nutzen weiß. Der Fußball als Milieu trägt die Handlung, und eine grundsätzliche Frage aller Fußballtrainer treibt diese Handlung voran: Schadet die Liebe der sportlichen Leistung? Roxy ist nämlich die Braut, die sich nicht traute. Aus der Hochzeitsmesse heraus flüchtet sie kurz vor dem Jawort in das Hotelzimmer eines Fußballers. Der hat als Kapitän seiner Mannschaft gerade vom Trainer den Auftrag erhalten, die Vorbereitung auf das nächste Spiel ohne Alkohol und Frauen bei einem Trainingslager in der ungarischen Provinz zu gewährleisten. Nur so könne eine erneute desaströse Niederlage verhindert werden. Klar, dass die Mannschaftskollegen ganz anderer Meinung sind, und ebenso klar, dass der Vormund von Roxy, der schottische Mixed-Pickles-Produzent Cheswick, und ihr an Liebeskummer leidender Bräutigam ihr hinterher kommen.

1937 hatte das Stück seine gefeierte Premiere in Budapest. Ein Jahr später erlebte es in Wien noch einmal eine längere Aufführungsdauer. Für den Komponisten jüdischer Herkunft Paul Abraham sind diese Aufführungsorte gleichzeitig Fluchtorte. Die großen Erfolge im Berlin der Weimarer Republik waren für ihn mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten vorbei. Paul Abraham verbindet in seiner Musik die unterschiedliche Traditionslinien der klassischen Operette, des Schlagers und des Jazz. Seine Lieder werden zur Popmusik seiner Zeit, die heute nichts an Frische verloren hat. Roxy und ihr Wunderteam ist lebendige, großartige Ruhrgebietskultur.

Unschwer ist zu erkennen, beschwingt und begeistert habe ich im Dezember das Dortmunder Theater nach meinem Besuch von „Roxy“  verlassen.  Jedes Mal hätten die Aufführungen bis jetzt ausverkauft sein müssen. Sie waren es nicht. Was uns weniger etwas über das Interesse der Dortmunder am Stück mitteilt als über den Zustand jener gemeinsamen Ruhrstadtkultur, die von den wirtschaftsfördernden Meinungsmachern der Region gerne als großer Standortvorteil angepriesen wird. Immer wieder wird in den Imagebroschüren dieses Bild von der vielfältigen Kulturlandschaft bemüht. Dennoch merkt man ihm die Werbebotschaft zu sehr an, weil sich diese Vielfalt nicht zu einer gemeinsamen kulturellen Öffentlichkeit bündelt. Die Botschaft soll ja in zwei Richtungen wirken. Einerseits soll damit der Scheinwerfer auf einen weichen Standortfaktor gerichtet werden, um das Ruhrgebiet für Unternehmer und gut ausgebildete Arbeitskräfte attraktiv zu machen. Andererseits soll sie aber auch das Selbstverständnis der Region stärken. Kreative sollen in der Ruhrstadt gehalten werden, und gerade daran hapert es nur allzu oft.

Wer tatsächlich die Kreativwirtschaft befördern und die Ruhrstadtkultur stärken will, muss ein besonderes kulturelles Ereignis dieser Ruhrstadt wie „Roxy und ihr Wunderteam“ besonders wahrnehmen. Kultur als Konsumangebot für ansiedlungsbereite Arbeitskräfte klingt attraktiv, Strahlkraft erhält diese Kultur aber nur, wenn sie zudem als Milieu wahrgenommen wird, als lebendige, produktive Szene. Diese Geschichte von der lebendigen, originellen Ruhrstadtkultur wäre über „Roxy und ihr Wunderteam“ zu erzählen. Denn an der Dortmunder Oper war man sich bewusst, dass die Aufführung einer unbekannten Vaudeville-Operette mit der Musik von Paul Abraham kein Selbstläufer beim Publikum sein wird. In einer gut funktionierenden kulturellen Öffentlichkeit der Ruhrstadt hielten es die Meinungsmacher der Region für ihre Pflicht, sich diese Aufführung anzusehen. Sie wäre wegen der besonderen Geschichte ihrer Wiederentdeckung zusammen mit dem Fußball-Thema als einem beliebten Ruhrstadtsujet ein gesellschaftliches Ereignis. All das ist nicht geschehen. Das erklärt, warum trotz der in den Ruhrstadt-Stadtteilen so vielfältig vorhandenen kulturellen Aktivitäten, so viele kulturell interessierte Ruhrstädter das Gefühl haben, in anderen Städten sei es um die Kultur besser bestellt.

Die Wiederentdeckung von „Roxy und ihr Wunderteam“ ist auf allen Ebenen ein Ergebnis ureigener Ruhrstadtkultur. Die Dramaturgin der Oper, Wiebke Hetmanek, hat für die Vaudeville-Operette eine aufführbare Bühnenfassung aus unterschiedlichen Quellen rekonstruiert. Auch die Partitur wurde in Dortmund von Henning Hagedorn und Matthias Grimminger neu erarbeitet. Die Dortmunder Oper hat nicht nur die Grundlage für ihre beeindruckende Aufführung geschaffen, sie hat ein fehlendes Stück Musikgeschichte wieder hergestellt und eine von den Nationalsozialisten gerissene Lücke wieder gefüllt. Sie hat sich die Aufgabe selbst auferlegt, einem Werk dieses geschändeten Teils deutscher Kultur wieder zu Wirken und Würde zu verhelfen.

All das erschließt sich nicht von selbst. Die Aufführung ist Alltag des Dortmunder Opernbetriebs. Ihr fehlt der Event-Charakter wie ihn etwa die Ruhrtriennale mit sich bringt. Standortwerbung ist das eine, gelebte Kultur das andere. Die Vielfalt ist da, für das wirksame Selbstbild fehlt auch bei der Kultur wieder das auf die gesamte Region bezogene öffentliche Gespräch. Wer die Kulturlandschaft als Standortfaktor für wichtig erachtet, kommt nicht umhin, sich auch um dieses Gespräch über das ganz normale Geschehen eines Ruhrstadtkulturjahres zu kümmern. Nur dann nimmt das Ruhrgebiet selbst das eigene kulturelle Wirken auch wahr. Zwangsläufig ergibt sich die Frage, wo ist der Ort für dieses Gespräch?

 

Mit einem Klick weiter zu den Informationen beim Theater Dortmund über das Stück.

Mit diesem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

 

 

Halbzeitpausengespräch: Roxy und ihr Wunderteam – Eine begeisternde Fußballoperette

Nach dem Blick auf die Auslastung der  morgigen Nachmittagsvorstellung von Roxy und ihr Wunderteam an der Dortmunder Oper, will ich meiner ausführlicheren Besprechung einen schnellen, kurzen Hinweis vorangehen lassen. Schließlich gibt es wahrscheinlich genügend Menschen in der Ruhrstadt, denen der Silvesternachmittag zu lang vorkommen könnte, ehe sie die Party ihrer Wahl besuchen. Denen sei geraten, nichts wie hin nach Dortmund, um sich die gute Laune für den Abend bei einem begeisternden Bühnenstück zu holen. Karten sind mit einem Klick weiter beim Theater Dortmund erhältlich.

Zu erleben sind mitreißende Musik, wunderbare Choreografien, große Stimmen, ein Ensemble voller Spielfreude, das boulevardeske  Komik zu nutzen weiß. Henning Hagedorn und Matthias Grimminger haben die Vaudeville-Operette mit der Musik von Paul Abraham der Vergessenheit entrissen. 1937 hatte das Stück seine gefeierte Premiere in Budapest. Ein Jahr später erlebte es in Wien noch einmal eine längere Aufführungsdauer. Für Paul Abraham sind diese Aufführungsorte gleichzeitig Fluchtorte. Die großen Erfolge im Berlin der Weimarer Republik waren für den Komponisten jüdischer Herkunft mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten vorbei. Paul Abraham verbindet in seiner Musik die unterschiedliche Traditionslinien der klassischen Operette, des Schlagers und des Jazz. . Seine Lieder werden zur Popmusik seiner Zeit, die heute nichts an Frische verloren hat.

Der Fußball als Milieu trägt die Handlung, und eine grundsätzliche Frage aller Fußballtrainer treibt diese Handlung voran: Schadet die Liebe der sportlichen Leistung? Roxy ist nämlich die Braut, die sich nicht traute. Aus der Hochzeitsmesse heraus flüchtet sie kurz vor dem Jawort in das Hotelzimmer eines Fußballers. Der hat als Kapitän seiner Mannschaft gerade vom Trainer den Auftrag erhalten, die Vorbereitung auf das nächste Spiel ohne Alkohol und Frauen bei einem Trainingslager in der ungarischen Provinz zu gewährleisten. Nur so könne eine erneute desaströse Niederlage verhindert werden. Klar, dass die Mannschaftskollegen ganz anderer Meinung sind, und ebenso klar, dass der Vormund von Roxy, der schottische Mixed-Pickles-Produzent Cheswick, und ihr an Liebeskummer leidender Bräutigam ihr hinterher kommen.

Der Fußball der Gegenwart ist mit einigen ins Libretto aufgenommenen Spielerzitaten präsent und auch die Borussia erhält ihren aufmunternden Gesang. Roxy und ihr Wunderteam ist lebendige, großartige Ruhrgebietskultur. Beschwingt und begeistert wird man das Dortmunder Theater verlassen.

Bei den Ruhrbaronen gibt es eine weitere Besprechung von Honke Rambow.

Eindrück geben zwei Trailer:

Die Informationen beim Theater Dortmund gibt es mit einem Klick weiter

Wer Silvester nicht ins Theater will, für den gibt es genügend andere Termine:

Sa, 17. Januar 2015
Do, 29. Januar 2015
Sa, 07. Februar 2015
Fr, 13. Februar 2015
Mi, 18. Februar 2015
Fr, 27. Februar 2015
So, 15. März 2015

 

In eigener Sache: 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen

Immer mal wieder blicke ich hier auch über den Fußball-Tellerrand. Heute mache ich das in eigener Sache. Der ein oder andere wird es schon mitbekommen haben, seit einer Woche ist 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen im Buchhandel erhältlich. Inzwischen weiß ich manchmal nicht mehr, wer zunächst das Alter Ego des anderen war, jedenfalls hat dieses Buch nicht Kees Jaratz geschrieben sondern Ralf Koss.

Als Der Stig mich neulich beim Erscheinen fragte, was es denn mit diesen 111 Orten auf sich habe, erzählte ich ihm, mit diesen 111 über das Ruhrgebiet verteilten Orten wollte ich die gesamte Geschichte des Ruhrgebiets von der Antike bis in die jüngste Vergangenheit auf unterhaltsame Weise erzählen. Ich wollte die unbekannteren Geschichten an manchen bekannten, klassischen Orten dieser Region erzählen. Ich wollte an überraschenden Orten Bedeutsames für die Region vorstellen und den Bogen schlagen – wenn möglich oder nötig –  zur allgemeinen deutschen Geschichte. Ich wollte den Lesern des Ruhrgebiets zeigen, da kommt ihr her und  ihr habt eine gemeinsame Geschichte. Außerdem sollten historische Bilder der Orte zu sehen sein und mit einem aktuellen Bild sollte gezeigt werden, wie es heute dort aussieht. Ich hatte mir also viel vorgenommen.

Anschließend habe ich Dem Stig das Vorwort des Buchs zu lesen gegeben. Vielleicht hilft es euch ebenfalls einen Eindruck zu gewinnen, worum es mir bei der Arbeit an dem Buch ging.

Das Ruhrgebiet in der Vergangenheit, das sind Kohle und Stahl. So wird es meist erzählt. Tatsächlich führte erst die Industrialisierung in den Städten der Region zu dem Bewusstsein, eine gemeinsame Geschichte zu besitzen. Tatsächlich richtete sich die Aufmerksamkeit meist auf das Geschehen in der Montanindustrie. Hoffnung, Auseinandersetzungen und Sorgen brachte sie mit sich, oft stellvertretend für ganz Deutschland, sei es im Deutschen Reich oder nach dem Zweiten Weltkrieg, sei es im Zuge des so genannten Strukturwandels.
Doch so sehr die Industrie noch das gegenwärtige Bild des Ruhrgebiets prägt, diese Stadtlandschaft bietet selbstverständlich auch andere Geschichte(n). Ob es Ereignisse in den Hanse- oder Ackerbürgerstädten fernerer Zeiten sind oder Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit, die im Ruhrgebiet nicht vermutet werden, weil sie selten erzählt sind. In Kultur und Sport geschah Bemerkenswertes. Was gibt es zur Identität des Ruhrgebiets zu sagen?
Bestimmte Plätze, Häuser, manchmal auch Schächte, einzelne Orte des Ruhrgebiets bestimmen diese Geschichten. Etwas geschah und wirkt weiter, auch jetzt, wo die Bevölkerung sich nicht mehr zu großen Teilen aus Bergleuten und Stahlarbeitern sowie ihren Familien zusammensetzt. Mit den erzählenswerten Geschichten der Vergangenheit geht es eben auch um die Frage, was diese Region für wichtig nimmt, und wohin sie vielleicht gehen wird.
Mit unseren Geschichten wollen wir auch Alltag und Lebenswirklichkeit des Ruhrgebiets durch die Zeitläufte einfangen. Wir wollen zum Weiterlesen anregen, zum Nachdenken darüber, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Wo sie bestimmend ist, ohne wahrgenommen zu werden. Wo sie hilfreich sein kann, weil mit ihr Stärken dieser Region aufscheinen.

Wer einen Blick ins Inhaltsverzeichnis werfen will, klickt einmal weiter zu der Seite im Netz, auf der nicht nur zusätzliche Informationen rund um das Buch online gestellt werden, in Zukunft wird es dort regelmäßig um weitere Orte im Ruhrgebiet gehen, die Geschichte erzählen. 

 

Ralf Koss und Stefanie Kuhne
111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen
240 Seiten
Emons Verlag
€ 14,95


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Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

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