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Siegesfreude, die sich zum Lobgesang auf Kosta Runjaic wandelt

Jetzt, nachdem alles gut ausgegangen ist, werfe ich den  Blick auf das mögliche Unentschieden im Spiel vom MSV Duisburg beim FC Energie Cottbus und denke mit wohliger Angst-Lust, eine weitere Enttäuschung wäre bis zum nächsten Spiel nicht zu überwinden gewesen.  Ich bin da ziemlich sicher, und um so begeisterterter erlebe ich noch einmal den gestrigen Schlusspfiff, sehe wenige Minuten zuvor den Ball am hechtenden Felix Wiedwald vorbei gegen den Pfosten rollen, erschauer angesichts des nachsprintenden Cottbusser Boubacar Sanogo und jubel über den reaktionsschnell und mutig sich ihm entgegenwerfenden Wiedwald. Er hatte den Ball. Tief durchatmen.

Diese letzten Minuten des Spiels waren kaum auszuhalten, und als die fünf Minuten Nachspielzeit angezeigt wurden, dachte ich sofort wieder nur an die nächste Sekunde  und nicht an die zusätzliche gesamte Zeit für die möglichen Chancen von Energie. Verdrängen musste ich das Bild von hohen Bällen in den Strafraum, die irgendeinem Cottbusser hätten duselig vor die Füße fallen können. Wir alle wollten diesen Sieg als Lohn für eine über weite Strecken des Spiels ungeheuer kompakte Mannschaftssleistung. Wenn ich zudem einen Spieler besonders herausnehmen sollte, wäre das Srjdan Baljak, der mit Laufleistung, Schnelligkeit und Präsenz wieder dort anknüpft, wo er sich vor seiner langen Verletztungszeit befand. Natürlich wären auch andere Spieler zu nennen, doch wegen dieses ungeheuren Leistungsanstieg nach den ersten Einsätzen gebe ich ihm heute die Bühne alleine. Die Mannschaft wird es aushalten.

Der Sieg ist schon wunderbar, aber dass dieser Sieg die Folge einer so klar befolgten Taktik ist, gefällt mir noch viel besser.  Natürlich hat die Mannschaft noch eine weite Strecke Weg vor sich. Später in der Saison wird sie dann hoffentlich gar nicht mehr so unter Druck geraten wie in der zweiten Halbzeit. Die Spieler wollten nichts mehr riskieren, und ich nehme an, das liegt an weiter vorhandener Unsicherheit, weil die Passgenauigkeit beim schnellen Umschalten von der Defensive in die Offensvie einfach nicht gut genug ist. Deshalb aber wurde der Teufelskreis in Gang gesetzt, der einen Gegner mangels entschlossener Entlastungskonter immer sicherer werden lässt. Doch die Mannschaft hat die Nerven behalten. Sie hat, natürlich mit dem Glück in den letzten Minuten, standgehalten und befolgt, was Kosta Runjaic für sie als Mittel zum Sieg entworfen hat.

Das ist für mich die überdauernde Nachricht vom Sieg gegen den FC Energie Cottbus. Wenn all die Emotionen drumherum schon wieder verblassen, bleibt neben dem Ergebnis, die Mannschaft lebt nicht nur von Einsatz, Kampf und frischem Wind durch neuen Trainer, sondern von einem immer größeren Wissen der einzelnen Spieler, wie sie als Teil der Mannschaft besser werden, wie die Einheit sie zu besseren Spielern macht und ihre individuellen Fähigkeiten stärker zur Geltung bringt.

Milan Sasic etwa berief sich immer wieder vor allem auf die Emotionen in der Mannschaft, um Bedingungen für Erfolg zu umschreiben. Viel war seinerzeit die Rede vom Zusammenstehen füreinander. Natürlich ist die gute Stimmung innerhalb der Mannschaft Teil von Erfolg, aber unter Kosta Runjaic wird so viel deutlicher, dass sie nur Voraussetzung für alles andere ist. Neben der Stimmung entwickelte er in kürzester Zeit auch das Wissen der Spieler von ihrem Zusammenspiel weiter. So deutlich wird erkennbar, in dieser Mannschaft weiß gerade jeder einzelne Spieler immer genauer, wie er sich auf dem Platz verhalten muss, um zum Teil eines größeren Ganzen zu werden und damit besser zu werden als alleine. Milan Sasic hatte auch seine Vorstellungen vom Spiel der Mannschaft, ihm fehlten aber sowohl pädagogische Mittel im Umgang mit Erwachsenen als auch anscheinend wirksame Trainingsübungen, um all den Spielern, die nicht von selbst wussten, wie sie zusammen spielten sollten, zu verbessern. Deshalb ist er gescheitert. Kosta Runjaic hat ganz offensichtlich diese pädagogischen Fähigkeiten. Er hat sehr klare Vorstellungen von den Möglichkeiten der Mannschaft und weiß, wie er den Spielern diese Vorstellungen vermitteln kann.

Er wird das Umschalten vom Defensiv- auf das Offensivspiel weiter verbessern, so dass bei einem immer druckvolleren Gegner wie Cottbus in der zweiten Halbzeit die Momente der Balleroberung tatsächlich zu gefährlichen Kontern werden. Er wird André Hoffmann zur weiterer Raffinesse verhelfen, so dass er den erstrebten Aus- oder Eckball kurz vor einem Spielende nicht mehr nur vergeblich versucht. Und bei Ranisav Jovanović wird er diese Fähigkeit vielleicht auch wieder in Erinnerung rufen.

Für mich sind diese zwei Momente, als beide Spieler den Ball kurz vor dem Abpfiff Richtung Eckfahne trieben und die erhoffte Ballsicherung dort nicht gelang, geradezu symbolisch für das momentane Leistungsvermögen.  Beide entscheiden sich in dem Moment grundsätzlich richtig, die allerletzte Aktion aber scheitert und Cottbus kann erneut angreifen, auch wenn der Startpunkt des Angriffs sich möglichst weit entfernt vom Tor der Zebras befand. Die Grundlagen sind nun vorhanden, die aus einer Taktik sich ergebenden Fehler geschehen inzwischen meist so spät, dass sie nicht mehr sofort für die Mannschaft gefährlich werden.  Individuelle Aussetzer à la Berberovic in der ersten Halbzeit kommen allerdings hinzu. Deshalb agiert die Mannschaft noch nicht so selbstbewusst, dass sie dauerhaft auf ein zweites Tor spielen kann. Aber es gibt  Kosta Runjaic. Die Entwicklung geht weiter. Mit Sicherheit.

Das Spiel als Schleuder für Gefühle

Was für ein Wirbel der Gefühle, um mit so einem unbestimmten ich-weiß-nicht nach Hause zu gehen. Die Zufriedenheit mit dem Auftritt des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit wird immer wieder gestört durch die leise Enttäuschung über den Ausgleich zum 2:2. Manchmal pieckst sogar der Ärger, weil schon zuvor nach dem Vorpreschen von Dzemal Berberovic und der völlig offenen linken Seite für uns auf den Rängen so erkennbar war, dass da nur mit sehr viel Glück der zu erwartende Konter überstanden werden kann.

Bei diesem ständigen Anwehen  der Enttäuschung hilft auch der Rückblick auf die erste Halbzeit nicht. In der habe ich mir zum Ende nicht mehr vorstellen können, dass die Zebras ein Tor erzielen werden. So viel Einsatz wieder und so wenig Gefahr im Strafraum. Wie sollte ein Tor gelingen, wenn die  wenigen Gelegenheiten beim Eindringen im Strafraum ohne Druck zu Ende gespielt werden? Valeri Domochiyski wirkt im entscheidenden Moment schon wieder zu zögerlich. Der Strafraum scheint ein schwarzes Loch für sein Selbstvertrauen zu sein. Dort wird es weggesogen, so dass er schon wieder auf auf die Hilfe des Schiedsrichters hoffte.

Allerdings wirkte auch der Schiedsrichter in der ersten Halbzeit schwer gehandicapt, fehlte ihm doch kurz hintereinander die Hilfe seines Linienrichters bei Entscheidungen an der Torauslinie.  Zwei Eckstöße für den MSV Duisburg wurden nicht gegeben. Diese Eckstöße hätte der MSV aber für besagte Torgefahr unbedingt gebraucht. Deshalb waren diese Fehlentscheidungen besonders ärgerlich.

Zunächst zeigte die Hertha das reifere Spiel, dem der MSV Duisburg mit Kampf entgegen halten wollte. Die Berliner schlagen etwa Flanken jedes Mal scharf und relativ flach an die vordere Ecke des Fünfmeterraums. Dorthin kann der Torwart niemals kommen, zudem ist das Timing der Stürmer so aufeinander abgestimmt, dass aus dem Rückraum der Kopfballspieler noch hineinlaufen kann. In dieser Weise kann der MSV Duisburg keinen Angriff über Außen gestalten. Damit gilt es sich abzufinden. Die Flanken des MSV machen höhere Bögen, bleiben länger in der Luft, sind sehr viel ungenauer und bieten so den Abwehrspielern mehr Gelegenheit, sich auf sie einzustellen. Um so bemerkenswerter ist es, dass Goran Sukalo dennoch, nach einem Standard zwar, zum Kopfball kommt, so wie es dem Tor von Srjdan Baljak zum Ausgleich voranging.

In der zweiten Halbzeit aber entwickelte der MSV Duisburg seine eigenen Mittel um die Hertha unter Druck zu setzen. Das Kurzpassspiel mit dem überraschenden Pass in die Tiefe funktioniert inzwischen sehr gut. So schafft die Mannschaft ihre Chancen, und Sören Brandy seine Erfolgserlebnisse. Was ihm in der ersten Halbzeit alles misslang, klappte in Halbzeit zwei. Es war ein mitreißendes Spiel in dieser zweiten Hälfte, nachdem der Ausgleich gefallen war. Der MSV setzte die Hertha weiter unter Druck, und natürlich wuchs die Gefahr eines Konters durch die Berliner.  Doch zunächst gelang es dem MSV gut, diese Konter im Keim zu ersticken, oder sie endeten im Aus oder Abseits. Die 2:1-Führung entstand dann sogar aus dem Spiel heraus, was Hoffnung für die Zukunft gibt. Die Mannschaft erspielte sich nun auch Möglichkeiten. Standards blieben nicht ihr einziges Mittel.

Wenn dann noch endlich in der Defensive die Spieler hohe Bälle des Gegners nicht mehr per Kopf in die zentrale Position vor den 16-Meter-Raum abwehren, erzielen die Gegner auch mal weniger Tore. Der frühe Rückstand ist wieder die Konsequenz solch einer  Kopfballabwehr und auch später gab es noch zwei, drei unangenehme Situationen zu überstehen, weil der Ball zum Gegner dorthin gespielt wurde, wo die Hertha sofort wieder torgefährlich werden konnte.

Das Bangen um den Sieg dauerte nicht lange an, weil Sandro Wagner recht schnell den Ausgleich zum 2:2 erzielte. Mit den den Gefühlen ging es danach ebenso rauf und runter wie das Spiel hin und her. Sieg oder Niederlage, hieß die Devise für beide Mannschaften bis kurz vor Ende, so dass der Schlusspfiff in der Nachspielzeit von jeweils der Mannschaft ersehnt wurde, die gerade nicht den Ball hatte. Zum Spatz in der Hand seufzend gelugt, die verführerische Taube auf dem Dach sehnsüchtig angestarrt. So richtig wusste keiner mehr, ob er sich freuen sollte und wie gerade die Gefühlslage so war.

Nur einer wird da sicher keine Schwierigkeiten gehabt haben. Änis Ben-Hatira war mit Sicherheit mit sich selbst hoch zufrieden und wird wahrscheinlich selbst eine Umarmung von Maskottchen Hoppelhase als Bad in der Menge empfunden haben. Gesehen habe ich ihn am Ende nicht mehr, und schon wieder war es wie früher, als ich zu seinen Zeiten beim MSV keine Chance hatte, ihn so richtig als Publikumsliebling abzufeiern. Dabei musste ich ihm während des Spiels zu seiner Einschätzung seines Verhältnisses zu den Duisburger Fans gegenüber den Berliner Medien tatsächlich recht geben. In der zweiten Halbzeit wurde er von unserer Kurve so hochfrequent anhaltend bejubelt, dass es sogar wie Pfeifen klang. So einen tollen Publikumsliebling hatte der deutsche Fußball noch nie. Änis, wir wollen ein Kind von dir.  Den Spielbericht bei Sky gibt es mit einem Klick weiter.

Vom schönsten Tor der Saison und, ach ja, dem Ende des Rechnens

Recht schnell war das mit der Rechnerei vorbei beim Spiel des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue. Um uns herum hatte es sogar Kontakt zu Radiostationen gegeben, und Ergebnisse wurden per Knopf im Ohr mitgehört, aber auf dem Spielfeld ließ die Mannschaft vom MSV Duisburg keinerlei Zweifel daran, dass ein Sieg hersollte. Die Auer ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Qualitäten eher im Verteidigungsspiel vermuteten als im konzentrierten Abschluss. Da brauchte es keine Ergebnisse aus anderen Stadien. Das Thema Klassenerhalt war für mich durch, nachdem die Auer es nicht geschafft hatten aus der einzigen Chance, die ihnen der MSV Duisburg schenkte, ein Tor zu erzielen.

Nebenbei: Verpflichten sich Spieler in Aue eigentlich mit ihrem Vertrag zu verstärktem Oberkörper-Muskelaufbau? Oder gibt es – umgekehrt – im Auer Scouting besondere Pluspunkte für stämmigen Körper und breite Schultern?  Das war mir schon in der letzten Spielzeit aufgefallen. Da gibt es doch einige Spieler beim FC Erzgebirge Aue, die man in Freizeitkleidung vom Ansehen her eher in Kraftsportarten vermuten würde. Dann ziehen sie sich aber Fußball-Klamotten an und los geht´s. In Duisburg zunächst nur nicht so erfolgreich.

Ich war entspannt und konnte deshalb das schönste Tor dieser Saison um so mehr genießen. Das 1:0 war ein wunderbares Teil-Ensemblestück, zunächst vorgetragen über den rechten Flügel durch Dzemal Berberovic, der  an den Rand des Sechszehnmeter-Raums flankt, wo Maurice Exslager mit dem Kopf hinter seinen Rücken in die Mitte zu Kevin Wolze verlängert. Der lässt den Ball von der Brust in den Rückraum abtropfen, wo Goran Sukalo wartet, um mit einem Volley-Schuss den Ball neben den rechten Pfosten ins Tor zu schießen. In der Gesamtheit von Vorbereitung und Abschluss das schönste Tor der Saison. Großartig!

Von Aue kam nicht mehr viel zu diesem Zeitpunkt. Nach vorne ging gar nichts. Dagegen waren vom MSV konstruktive Angriffe zu sehen, sowie zwei Freistöße, denen anzusehen war, dass da mit Verstand und Plan Varianten eingeübt waren, die den Gegner überraschen konnten. Einen dieser Freistöße brachte Kevin Wolze zum 2:0 im Tor unter.

Nach der Halbzeitpause war die Mannschaft vom MSV Duisburg allerdings dann überrascht, dass es sich die Auer doch anders überlegt hatten. Sie wollten sich gegen die Niederlage wehren. Das war so in der ersten Halbzeit nicht vereinbart gewesen. Deshalb schien es so, als begännen die Zebras zu schwimmen. Sie waren im Kopf auf diese starke Gegenwehr nicht mehr eingerichtet. Der Gegentreffer war nur eine Frage der Zeit. Erst von da an hielten sie einigermaßen dagegen, und das Spiel wurde ein zähes Ringen und sich Stemmen gegen den Ausgleich. Letztlich war diesem Ringen Erfolg beschieden, weil die Auer im Spiel nach vorne zu harmlos waren und Felix Wiedwald einen scharf geschossenen Freistoß, den ich schon im Tor sah, doch noch abwehren konnte. Daniel Brosinski hatte zwei-, dreimal die Gelegenheit dieses Ringen vorzeitig mit einem weiteren Tor zu beeenden. Doch dieses Mal zeigte er mit seinen Abschlüssen, was er neben dem Flanken in der Saisonvorbereitung  besonders üben sollte.

So war nach dieser zweiten Halbzeit die Stimmung auch nicht sonderlich ausgelassen, als der Klassenerhalt gefeiert werden konnte. Viele Zuschauer dachten schon an das Spiel gegen Düsseldorf. Vier von sechs zu verabschiedenden Spielern waren anwesend. Bruno Soares wurde dabei am meisten gefeiert. Anschließend ließ man Oliver Reck noch einmal hochleben, der zwar nicht auf den Zaun ging, aber noch ein paar Worte sprach. Erneut waren das hoffnungsfrohe Worte für die nächste Saison. Da könnte tatsächlich etwas wachsen. Ein wenig scheue ich mich von vorhandener Stabilität zu sprechen, auf die aufgebaut werden kann. Das sind die Zweifel, die uns als dem MSV Duisburg zugeneigte Menschen fast alle immer wieder überkommen, wenn wir von der Zukunft dieses Vereins reden sollen. Dennoch überwiegt bei mir die Vorfreude auf das, was kommt.

Für einen Verein wie dem MSV Duisburg ist es ungemein schwierig, sich im Mittelbau des professionellen Fußballbetriebs dauerhaft und ohne finanzielle Schwierigkeiten zu positionieren. Im Moment, so scheint es, kriegen wir gerade noch einmal die Kurve. Und um mit weiteren Gedankenspielen zur nächsten Saison zu enden. Wie im MSVPortal zu lesen ist, war Julian Koch am Sonntag im Stadion. Selbst wenn der MSV Duisburg sein Verein zur Ausleihe in der nächsten Saison dann doch nicht werden sollte. Es ist ein Zeichen für die gute Arbeit beim MSV Duisburg im Moment, dass bei der anstehenden Entscheidung für Julian Koch der Verein unserer Zuneigung als einer von zwei Vereinen mit im Rennen ist.

Nun bleibt noch, am nächsten Spieltag den zehnten Platz zu sichern, und  St. Pauli oder Paderborn die Chance auf das Relegationsspiel zu geben.  Womöglich gelänge dann sogar zum ersten Mal einem Zweitligist in der Relegation der Aufstieg. Weder der 1. FC Köln noch Hertha BSC machen ja im Moment den Eindruck, als könnten sie jemals wieder ein Spiel gewinnen.

Auf neuem Rasen Auswärtssieg

Das brauche ich auch nicht jedes Mal. Mein Auswärtssieg-Fieber wollte wenigstens einmal im Leben so ein richtiges Fieber sein, und was so ein richtiges Fieber ist, das will auf keinen Fall jemanden mit Tastaturen teilen, geschweige denn mit lobenden Worten über die Mannschaft vom MSV Duisburg. Nun hat es das alles mal 36 Stunden ausprobiert, und allmählich habe ich den Eindruck, das Auswärtssieg-Fieber ist mit seinem Dasein als euphorisches Gefühl vollauf zufrieden.

Für euch und mich hat das Ganze aber nun den Vorteil, einen Tag später und damit länger den 2:1-Sieg des MSV Duisburg beim SC Paderborn noch einmal lebendig werden zu lassen. Die Energieteam Arena vulgo das Paderborner Stadion war vor dem Spiel gegen den MSV Duisburg mit einem neuen Rasen versehen worden. Das war kein Nachteil für den MSV Duisburg, auch wenn die Spieler vom SC Paderborn in der ersten Halbzeit nicht nur ballsicherer waren, sondern auch mit ihrem beeindruckenden Flügelspiel einen überlegeneren Spielaufbau zeigten. Doch die Spielweise vom MSV Duisburg verlangt im Moment ebenfalls einen möglichst ebenen Rasen. Diese Mannschaft merkt in diesen Wochen, was sie im Offensivspiel alles kann. Die technisch versierteren Spieler der Mannschaft probieren, was sonst nur im Training geht. Kurzpassspiel wird immer versucht, der Ball wird kontrolliert. Manchmal rumpelt und knirscht es, doch das wird in Kauf genommen. Nur zum Ende des Spiels hin kam es wieder zu altbekannter Gjasula- und Brosinski-Stimmungstöter-Körpersprache, die zum Glück keinen Schaden anrichtete. So etwas liegt tief in der Persönlichkeit und hindert Jürgen Gjasula etwa noch ein großartiger Spieler zu werden. Gegen den SC Paderborn war er das spielerische Zentrum dieser Mannschaft. In der entscheidenden Szene vor dem 1:0 behauptete er den Ball an der Strafraumgrenze gegen drei Paderborner Gegenspieler, dann spielte er noch einmal raus auf den Flügel zu Dzemal Berberovic, ist sofort wieder anspielbereit und gibt den Pass in die Mitte zum vollstreckenden Kevin Wolze. Allmählich gibt es auch das mannschaftliche Verständnis, das seine Pässe überhaupt erst zur Gefahr werden lässt. Pässe in den Raum wie vor dem Siegtor sind nur möglich, wenn Spieler aufeinander eingestimmt sind.

Pässe in den Raum bestimmten auch das Paderborner Spiel. Die erste große Chance in der 2. Minute bildete die Blaupause für alle gefährlichen Angriffe. Entweder kam ein weiter Ball auf die Flügel oder der Pass kam aus dem Mittelfeld zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger steil gespielt. Die Bälle erreichten die Flügelspieler in dieser ersten Halbzeit fast immer. Diese Präzision beeindruckte gerade bei den weiten Bällen. Das waren keine Verlegenheitspässe. Das war so gewollt und auf den Punkt genau ausgeführt. Nach zehn Minuten wünschte ich mir so etwas wie eine Auszeit des Basketballs, damit vor allem beiden Außenverteidigern Hinweise zum Verteidigungsverhalten für genau diese Angriffe hätten gegeben werden können. Sie hätten solche Anweisungen auch nach dem Führungstreffer für den MSV Duisburg gut gebrauchen können. Die Paderborner blieben weiter sehr gefährlich, und Felix Wiedwald erhielt Gelegenheiten genug zu zeigen, dass seine Großtat in der zweiten Minute kein Zufall gewesen ist.

Aber schon in der ersten Halbzeit wurde offensichtlich, dass die Mannschaft vom MSV Duisburg durch die gefährlichen Angriffe der Paderborner wenig beeindruckt war. Die Mannschaft suchte weiter den Weg nach vorne und zwar als geschlossene Einheit. Weites Aufrücken barg gegen die schnellen Paderborner zwar Risiken, doch auch weil der MSV Duisburg mitSPIELEN wollte, war das Niveau der Begegnung hoch. Dieses weite Aufrücken führte schließlich zum Ausgleichstreffer zu Beginn der zweiten Halbzeit. Bei einer Mannschaft, die so weit aufrückt, darf es in der letzten Reihe zu keiner unkontrollierten Spielaktion kommen. Ein Schussversuch ohne ausreichende Abdeckung nach hinten ist dann ein Fehler. War es Vasileios Pliatsikas, der einen aus der Paderborner Abwehr kommenden Ball direkt zu schießen versuchte? Im Ansatz war zu sehen, wenn das schief geht, ist der Weg frei zum Tor des MSV Duisburg. Und es ging schief.

Beeindruckend war der dann weiterhin vorhandene Wille, dieses Spiel zu gewinnen. Diese Mannschaft besitzt wieder Selbstbewusstsein. Die Einwechslungen von Valeri Domovchiysk und später Srdjan Baljak waren Zeichen der Stärke. Nun kamen die Pässe der Paderborner auch nicht mehr ganz so präzise. Der Ausgleich war keineswegs ein Signal für die Heimmannschaft, weiter aufzudrehen. Der MSV Duisburg hielt dagegen und erspielte sich seine Möglichkeiten. Deshalb empfinde ich die Kategorien verdient und unverdient für dieses Spiel als unpassend. Natürlich hatte Paderborn mehr Torchancen, aber sie haben sie nicht verwandelt. Und das unverdient käme für mich nur in Betracht, hätte sich der MSV hinten reingestellt und per Zufall wäre ein Kontertor möglich geworden. Dem war nicht so. Die Mannschaft vom MSV Duisburg versuchte das gesamte Spiel über, in den zweiten Halbzeit allerdings erfolgreicher, durch eigene Kreativität im Spiel Chancen zu schaffen.

Das ist neben dem Sieg, der uns alle begeistert, die entscheidende Nachricht über dieses Spiel, selbst wenn die Mannschaft ihre Qualitäten nicht ganz stabil über 90 Minuten zeigen kann. So kam es in den letzten fünf Minuten wieder zum einfachen Hergeben des Balles. Das kannten wir schon aus dem Spiel gegen Bochum. Die Mannschaft bekam plötzlich Angst vor dem Siegen. Noch einmal Bangen und Zittern, obwohl in meinem Tabellenrechner-Endstand nicht einmal ein Unentschieden in Paderborn vorgesehen war. Aber echt ist echt, und Planspiele sind Planspiele. Jedes Mal Gewinnen ist einfach schöner, als im Plan zu bleiben. Klassenerhalt gibt es in beiden Fällen. Und zu dem von der örtlichen Polizei gewollten Viehtrieb-Ambiente für die Bahnreisenden MSV-Fans schreibe ich noch gesondert was. Die gute Laune will ich mir heute nicht mehr verderben.

Alles war möglich – Wirklich wurde Überschwang und Erleichterung

In den letzten Minuten des Spiels vom MSV Duisburg gegen den VfL Bochum habe ich über zwei Einwürfe für die Zebras so gejubelt, als hätte die Mannschaft gerade das entscheidende Tor zum Klassenerhalt im allerletzten Spiel geschafft. Genauso sicher wie ich mir vor dem Spiel war, die Mannschaft wird nicht absteigen. Genauso sicher war ich mir in den letzten Minuten, würde der Ausgleich fallen, würde der Klassenerhalt nicht zu schaffen sein. Dieser 2:1-Sieg war nicht wichtig, er war unbedingt notwendig. Er gelang.

Was für eine Erleichterung im Stadion beim Abpfiff. Was haben wir gezittert. Wie unendlich lang wurden diese letzten zehn Minuten. Sie wurden deshalb so lang, weil es fünf Minuten Nachspielzeit gab und die Angriffe der Bochumer zwar abgefangen wurden, die Mannschaft es aber nicht mehr schaffte, den Ball sicher in den eigenen Reihen zu halten. Die Spieler kämpften und kämpften, kamen in Ballbesitz und die Erleichterung schwand sofort wieder, weil ein Fehler passierte. Ein Freistoß aus dem Mittelfeld auf den rechten Flügel geht zu weit, ins Aus. Vasileios Pliatsikas kann nach einem Sololauf über den linken Flügel nicht rechtzeitig flanken, wählt die richtige Option und zieht mit dem Ball zur Eckfahne. Sechs Beine von Gegenspielern stehen zum Abprallen ins Aus bereit. Doch ehe „Billy“ schießen kann, springt ihm der Ball schon selbst ins Aus. In dieser Weise verliefen die letzten Minuten, und deshalb jubelte ich, wenn ein Verteidiger den Ball ins Aus spielte und der Ball auf dem Weg dorthin noch einen Bochumer Spieler berührte.

In diesem Spiel war alles möglich. Es hätte den endgültigen Absturz bedeuten können, weil in ersten Halbzeit die Mannschaft so wirkte, als drohte sie psychisch zusammenzubrechen. Diese Mannschaft ist anfällig. Der Zusammenbruch drohte kurioser Weise nicht nach dem Rückstand. Den steckte die Mannschaft nach kurzer Enttäuschung weg, wenn auch noch nicht deutlich wurde, wie ihr ohne Hilfe des Bochumers Nikoloz Gelashvili ein Tor hätte gelingen können. Der Ausgleich kam, alle Zeichen standen wieder auf Anfang und dann kam diese Spielsitutation um die 33. oder 34. Minute herum. Ein Angriff der Bochumer offenbart Abstimmungsprobleme in der Duisburger Abwehr. Ich weiß nicht mehr, wer danach mit wem etwas deutlicher redete. Felix Wiedwald hatte den Ball, irgendjemanden möchte er anspielen, doch Abwehr und Mittelfeld rücken zwar nach vorne, aber niemand bietet sich für das Anspiel an. Alle gucken angestrengt auf den Boden. Für einen Moment habe ich geglaubt, der Schiedsrichter hätte gepfiffen und ich hätte es überhört, weil diese Mannschaft so aussah, als wolle sie nicht weiterspielen. Natürlich ging es dann weiter, aber für einen Moment war aufgeblitzt, warum es Niederlagen gegen Dresden und Rostock gegeben hat. Es gibt unter Druck jederzeit die Gefahr, dass diese Mannschaft sich überfordert fühlt und aufgibt. Sie strengt sich an und anscheinend wächst das Gefühl der Vergeblichkeit. Es sind Momente der psychischen Instabilität, die sie ohne Gegentor überwinden muss.  Der Halbzeitpfiff half dabei. Aber es sind auch die jungen Spieler wie Maurice Exslager, Felix Wiedwald oder André Hoffmann, die bei allen spielerischen Fehlern, den Willen im Spiel zu bleiben über die gesamte Zeit hin ausstrahlen. Das ist so wichtig für diese Mannschaft.

In der zweiten Halbzeit war dieses Zwischentief vergessen. Spielerisch kam da immer noch nicht viel. Aber der Wille unbedingt zu gewinnen war wieder da. Jürgen Gjasula zeigte vor allem in dieser zweiten Halbzeit neben spielerischer Klasse auch den Einsatz bei Ballverlusten, den ich zu Beginn der Saison von ihm erwartet hatte. Wer ihn für Fehlpässe kritisiert, sollte sich vor Augen führen, dass nicht alle seine Mitspieler die Freiräume auf dem Spielfeld sehen, die er sieht. Es sind immer zwei Spieler für das Gelingen eines Passes verantwortlich.

Zwei Spielsituationen habe ich beispielhaft vor Augen. Bei schnellen Gegenangriffen trieb Jürgen Gjasula den Ball aus dem Mittelfeld heraus in halbrechter Position. Er zieht zwei Gegenspieler auf sich, behauptet den Ball und ein dritter Gegenspieler kommt hinzu. Drei, vier Meter vor ihm läuft die ganze Zeit in nahezu derselben Laufbahn Daniel Brosinski mit. Er macht Jürgen Gjasula als eine Art vierter Bochumer den Weg zu. Nun kann man zu seiner Verteidigung sagen, er erwartet den Steilpass. Der war aber für Gjasula wegen der möglichen Abseitsposition von Brosinski viel zu risikohaft. Zumal er selbst sehr schnell war. Effektiver wäre Brosinkis Schritt raus Richtung Flügel gewesen, Anspielstation sein für den Doppelpass. Solche Momente gibt es im Spiel des MSV Duisburg häufiger.

Die Duisburger Abwehr stand in der zweiten Halbzeit sicherer, vermutlich auch weil Mimoun Azaouagh mit schwerer Verletzung ausgewechselt wurde. Vasileios Pliatsikas hatte einen schweren Stand gegen ihn. Ein ums andere Mal wurde er in der ersten Halbzeit von ihm ausgespielt. Auch Dzemal Berberovic macht mich im Moment gerade dann nervös, wenn er den Ball erobert hat. Gefährlich wurde es für den MSV Duisburg dann, wenn er in der eigenen Hälfte den Ball irgendwie nach vorne bringen musste. Dann ist er im Moment jederzeit für einen Raum öffnenden Pass zum Gegner gut.

Warum Maurice Exslager einen Stammplatz in dieser Mannschaft hat, wurde in diesem Spiel mehr als deutlich. Er gibt nie auf, trotz persönlicher Fehler. Er wird trotz dieser Fehler immer mutiger im Spiel eins gegen eins, und es gelingt ihm immer häufiger Anspiele zu behaupten.  Hoffen wir, dass sein Tor ihn weiter beflügelt. Er ist im Moment der Garant für Torgefährlichkeit überhaupt, es sei denn Valeri Domovchiyski kann die Leistung nach seiner Einwechslung stabilisieren. Was war das für ein technisches Kabinettstückchen, mit dem er fast das 3:1 erzielt hätte. Wieviele Bochumer hat er da ausgespielt? Vier? Fünf? Oder übertreibe ich? Schade. Dieses Tor hätte uns alle sehr entspannt. Andererseits suchen wir Gegenwartsmenschen nicht immer die intensiven Gefühle? Suchen wir alle nicht die Momente der Flucht aus dem alltäglichen Dahingehen der Zeit? Spart euch Bungee Jumping und Extremsport. Kommt zum MSV Duisburg, da bekommt ihr sie, eure gesuchten intensiven Gefühle zwischen Angst und überschwänglicher Freude.

Enttäuschung überwunden, Soll erfüllt

Der Berliner Freund hatte Karten für die Gerade erstanden. Wir sollten dort ein anderes Mal noch einmal hingehen in die Alte Försterei. Wenn der Gegner vom 1. FC Union Berlin nicht MSV Duisburg heißt. Dann ließe sich die Atmosphäre dort uneingeschränkt genießen. Kein Bangen und Hoffen, keine Enttäuschung, nur Eintauchen ins schöne Liedgut und federleichtes Mitschwingen in der Berliner Stimmung. Dieses Publikum hat den Ausgleich miterzielt. Das muss man neidlos anerkennen. Sie haben wie die Mannschaft die Chance gewittert und mitgeholfen, die letzte Ordung aus dem Spiel des MSV Duisburg hinaus zu treiben. In diesem Tohuwabohu zum Schluss wäre bei ein, zwei Minuten mehr Spielzeit sogar noch ein Siegtreffer der Berliner möglich gewesen, so sehr war die Angst der Spieler vom MSV Duisburg zu spüren. Aber es blieb eben nur noch Zeit für einen einzigen Angriff, der, im Ansatz überhastet, zu meiner Erleichterung am Flügel abgewehrt wurde. Und ehe der von den Zebras sofort wieder hergegebene Ball endlich in den Duisburger Strafraum geschlagen werden konnte, ertönte der Schlusspfiff.

Die Choreo zum Spieltag - FankulturDie Enttäuschung über entgangene drei zwei Punkte schwand noch am Abend. Der MSV Duisburg ist im Soll. Ein Unentschieden hatte ich einkalkuliert. Der Sieg sollte im Spiel gegen den VfL Bochum geschehen. Es war ein mäßiges Spiel. Es fehlte der unbedingte Wille, den die Mannschaft gegen die SpVg Greuther Fürth deutlich gemacht hatte. Offensichtlich kann diese Mannschaft ihr spielerisches Niveau nicht konstant halten. Vielleicht haben sich beide Mannschaften aber auch ihrem freitäglichen Leistungsniveau entsprechend eingepegelt. Union war keineswegs deutlich besser als der MSV Duisburg. Auch in der ersten Halbzeit nicht. Beide Mannschaften überboten sich in ihren Fehlern. Es war ein Spiel geprägt von Ballverlusten und Abwehrfehlern. Wobei die größeren Fehler in der Abwehr auf Berliner Seite geschahen. Die größeren Fehler im Mittelfeld beim Spielaufbau geschahen auf Duisburger Seite. Da darf jeder wählen, was er lieber sehen möchte.

Die Duisburger Spieler im Mittelfeld gerieten immer wieder unter Druck und passten den Ball ins Leere. Sie versuchen es aber, erst mit zunehmender Spieldauer kamen die längeren Bälle hinzu. Vor Ort war ich über lang gespielte Bälle aber auch immer mal erleichtert, weil die im Mittelfeld von den Berlinern aufgenommenen Pässe ins Nichts doch zu gefährlichem Angriff einluden. Für mich bleibt es ein gutes Zeichen, dass trotz dieser Vielzahl von Fehlern, die Mannschaft im Spiel blieb. Es ging immer weiter. Es war nicht so, wie so häufig gesehen, dass die Fehler zu Frustration führten. Die Psyche der Mannschaft blieb stabil. Deshalb auch fiel das Führungstor. So oft zuvor war der Ball ins Leere gepasst worden, und dennoch suchte Jürgen Gjasula nicht den alleinige Abschluss, als er in Strafraumhöhe den Ball erhielt. Er zog bis zur Grundlinie und versuchte erneut den Pass in die Mitte, wo ich zu dem Zeitpunkt Maurice Exslager nicht erwartet hatte. Zu viel war bis dahin schief gelaufen. Doch er war da und schoss das 1:0.

Lese ich ein wenig herum im MSVPortal, überwiegt die Kritik am mäßigen Spiel der Mannschaft. Aber dieser Mannschaft gelingt nun einmal ein ansprechendes Niveau nur selten. Es gibt keine Alternative. In dieser Situation heißt es realistisch sein. Nehmen wir die Einwechselung von Emil Jula, die von vielen als Fehler von Oliver Reck empfunden wurde. Was wäre die Alternative gewesen? Oliver Recks Absicht scheint mir auf der Hand zu liegen. Anscheinend musste Goran Sukalo ausgewechselt werden. Angesichts der zu erwartenden Ecken in den letzten Spielminuten sollte ein großer Spieler den anderen großen Spieler ersetzen. Ich kann jetzt nicht beurteilen, wie weit er sich als Stürmer zudem zurück ziehen sollte. Das habe ich nicht mehr im Blick gehabt. Was wäre die Alternative gewesen? Der Druck wurde größer und größer. Vielleicht hätte ein anderer Stürmer den Ball im Spiel nach vorne besser behauptet? Vielleicht. Es hilft nichts, im Detail nach Fehlern zu suchen und zu glauben, ein anderer Trainer könne die vermeiden. Diese Mannschaft wird Fehler machen, egal, wer da spielt.

Wichtig ist etwas anderes. Ich habe den Eindruck, die Mannschaft hat ihre Stabilität zurück gewonnen. In ihren Grenzen. Noch ein Beispiel: Wenn Dzemal Berberovic zu Beginn des Spiels auf seiner Seite mitunter desorientiert wirkte, heißt die Alternative Benjamin Kern, der aber – in welchen Spielen war es nochmal? –  Flanken zuließ, die zu Toren führten. Was soll ein Trainer da machen? Das Abwehrverhalten trainieren und trainieren. Dummerweise gibt es auch große Schwierigkeiten im Sturm. Es muss also ein Kompromiss her. Die eine Zeit für die geschlossene Bewegung hinten, die andere für Automatismen nach vorne. Ihr seht, ich halte das Nachdenken über Oliver Reck im Moment für unnötig. Es bringt unnötige Unruhe. Wie das nach dem Klassenerhalt weiter geht, ist eine andere Frage. Ich bin sicher, die Mannschaft steigt nicht ab. Warum, schreibe ich ein anderes Mal.

Kevin Wolze hat mir wirklich gut gefallen. Und es wäre wunderbar gewesen, wenn Maurice Exslager das Geschenk des Berliner Abwehrspielers zum 2:0 angenommen hätte. Dessen Rückpassversuch erlief sich der Duisburger Stürmer. Doch auch in dem Fall lassen sich die momentanen Grenzen aufweisen. Als Maurice Exslager den Ball ersprintete, gelang es ihm nicht, den Ball gerade nach vorne zu treiben. Er trieb den Ball etwas  zu weit nach rechts, weg vom direkten Weg zum Tor, so dass der Abwehrspieler ihn einholen konnte. So ist es im Moment. Noch einmal: was mich zuversichtlich stimmt, ist die Tatsache, dass solche Fehler die Mannschaft nicht von ihrem Vorhaben mitzuspielen abhielten. Das war gegen Dresden und Rostock anders.

Die Ausführung des Elfmeters habe ich übrigens nur deshalb einigermaßen nervlich ausgehalten, weil der Blick durch meine Kamera mir erlaubte, Distanz herzustellen zwischen dem Geschehen und meiner Wahrnehmung. Mir gelingt es im Moment nicht die Fotos hochzuladen. Jetzt muss ich erstmal den Fehler suchen. Auch dabei gilt, vielleicht gibt es nicht genügend Zeit zur Fehlerkorrektur bis zum nächsten Beitrag hier. Wenn doch, liefer ich die Fotos nach. Felix Wiedwald  im Daumenkino. Neuauflage vom Fußballklassiker „Der Tod eines Elfmeters“.

Tausche Elfmetergeschenk gegen Abseitstor

Zum Glück lese ich heute Morgen deutliche Worte, die Emil Jula und Florian Fromlowitz  nach dem Spiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Union Berlin gesprochen haben. Schon im Stadion fürchtete ich am Samstag, der Verlauf der letzten zehn Minuten könnte den klaren Blick auf die indiskutable Leistung der Mannschaft vernebeln. Auf der Seite des MSV Duisburg geschieht das auch in Teilen. Da klingt es nach unglücklichem Spielverlauf, wenn im Vordergrund steht, wie schön es wäre, wenn solche Spiele einmal gewonnen werden  könnten. Und ein Sieg wird da auch „geklaut“.  Doch wenn ich die Moral bemühe, dann denke ich, ein geschenkter Elfmeter und ein nicht gegebenes Abseitstor heben sich punkto Gerechtigkeit einigermaßen auf.

Es ist auch überhaupt nicht wichtig, ob der MSV Duisburg am Samstag um den Sieg gebracht wurde oder nicht. Es ist wichtig, wie große Teile dieser Mannschaft auf dem Spielfeld auftreten. Es ist wichtig zu wissen, dass man auch als verunsicherter Spieler einem Gegner aus der zweiten Liga Sorgen bereiten kann. Denn wenn es eines gibt, was Zweitligaspieler können sollten, ist es zu verteidigen. Ohne den Ball im Besitz zu haben, muss ich mir nämlich um den Ball als einer Hauptfehlerquelle eines Fußballspiels keine Gedanken machen. Ich muss nur daran denken, da ist mein Gegner, der hat gerade den Ball und es damit schwieriger als ich. Diesen Ball will ich jetzt wiederhaben. Ich muss mir nicht darum Gedanken machen, dass ich gleich wieder den Ball wegspringen lasse, wenn ich angepasst werde. Ich muss mir nicht Gedanken darum machen, wie ich diesen verdammten Gegenspieler umspielen soll, obwohl ich es nicht kann. Ich muss einfach nur rennen, am besten natürlich in mannschaftlicher Geschlossenheit. Manchmal reicht es sogar, wenn ich alleine bedrohlich auf einen Gegenspieler zulaufe. Kein Ball an meinen Füßen stört mich dabei. Ich mache einfach nur dem Gegenspieler Angst, indem ich möglichst überzeugend den Ball zurückerobern will.

Im Abstand von zwei, drei Metern überzeuge ich den Gegenspieler nicht. Da kriegt kein Spieler von Union Berlin Angst. Da kann jeder Spieler sich in Ruhe überlegen, ob er den Ball zur Sicherheit noch einmal hinten rumspielt. Ob er den Ball halblang passt oder gar hoch in den Strafraum spielt. Der 1. FC Union Berlin brauchte zudem gar nicht hoch in den Strafraum spielen. Die Mannschaft zeigte ein beeindruckend schnelles Passspiel. Jede Balleroberung der Berliner Mannschaft bedeutete die Möglichkeit mit drei vier Spielzügen vor dem Strafraum des MSV Duisburg aufzutauchen.

Das Standardspiel vom MSV Duisburg sah ungefähr so aus: Pässe werden ohne viel Kraft als halbhohe oder hohe Bälle geschlagen. Diese Pässe sind so lange unterwegs, dass alle Gegenspieler sich positionieren können. Alternativ dazu versucht ein einzelner Spieler den Ball nach vorne zu treiben, aber erst nachdem er kurz überlegt hat und dadurch seine Ausgangschance verschlechterte. Dennoch gelangen Spielaktionen. Sie blieben vereinzelt und wirkten deshalb als Zufallsprodukt. Gerade der neu verpflichtete Stürmer Janos Lazok arbeitete viel, wirkt ballsicher, hat Überblick und setzte sich immer wieder durch. Wenn er dieses Niveau halten kann, ist die Verpflichtung ein Glücksfall gewesen.

Das frühe Gegentor durch die Berliner habe die Mannschaft verunsichert, heißt es. In meinen Augen war das frühe Gegentor das Ergebnis der grundsätzlichen Spielweise der Mannschaft. Das schnelle Passspiel der Berliner, nicht nur bei diesem Tor sondern während der gesamten ersten Halbzeit, ermöglichte ein MSV Duisburg, der dem Gegner grundsätzlich den Raum für dieses Spiel ließ. Und dabei geht es aus meiner Sicht, vor allen Dingen um die Laufbereitschaft.

Diese Mannschaft strahlt einfach nicht den Willen aus, den Ball in Besitz haben zu wollen. Wenn Jürgen Gjasula beim Rückstand irgendwann um die 77. Minute herum einen Fehlpass am Strafraumrand spielt, bin ich nicht ärgerlich über den Fehlpass, sondern über die Reaktion auf diesen Fehlpass von Jürgen Gjasula. Er spielt den Pass, sieht, wie der Abwehrspieler den Ball abfängt und fällt in sich zusammen. Jürgen Gjasula schaut auf den Boden, bewegt sich in Zeitlupe weiter Richtung Torauslinie und nimmt nichts mehr vom Spiel wahr. Obwohl sich der Ball noch immer in der Nähe des gegnerischen Tores befindet. Owohl mit ihm zwei weitere Mannschaftskollegen dazu bereit sein könnten, den Ball sofort zurück zu erobern. Jürgen Gjasulas Verhalten repräsentiert die Einstellung eines großen Teils der Mannschaft. Obwohl er 75 Minuten lang Zeit genug hatte zu merken, wie schnell Union Berlin die Konter spielt, wenn es ihnen erlaubt wird, scheint er nur den eigenen Fehler wahrzunehmen und nichts dafür zu tun, diesen Fehler wieder auszubügeln.

Ich überlege gerade, ob entscheidend für diesen Eindruck der mangelhaften Aggressivität im Spiel des MSV Duisburg vor allem das Verhalten der Spieler im offensiven Mittelfeld und im Sturm ist. Vielleicht gibt es nicht zu wenige Spieler in der Mannschaft des MSV Duisburg mit dieser Ausstrahlung, den Ball haben zu wollen. Es gibt einfach zu wenige Spieler an entscheidenden Stellen im Mannschaftsgefüge. Es wirkt so, als spiele diese Mannschaft nahezu immer im leichten Trab, selbst dann wenn Schnelligkeit gefordert ist. Ständig wird irgendwohin getrabt, wohin gesprintet werden müsste. Das ist weniger gefährlich, wenn es um den schnellen Einwurf geht. Da wird einfach eine Chance verpasst. Das ist aber gefährlich, wenn der Gegner seinen Angriff aufbaut und die ballführenden Spieler energisch angegriffen werden müssten. Das ist aber sogar gefährlich, wenn die Mannschaft des MSV Duisburg in Ballbesitz ist. Dann wird der Ball etwa auf den rechten Flügel gespielt und kommt offensichtlich nicht an. Die Mannschaft bewegt sich dennoch weiter etwas in Richtung Gegentor, während im Normalfall Daniel Brosinski dem Ball in einem Tempo nachgeht, als laufe er nach einer intensiven Trainingseinheit etwas aus. Schnelligkeit ist aber die eigentliche Qualität dieses Spielers. Er braucht den Ball ab der Mittellinie und er braucht Raum vor sich. In allen anderen Momenten wirkte er gegen Union Berlin überfordert und eben verunsichert. Dann nutzte er nicht mal mehr seine Schnelligkeit, um die Verteidiger unter Druck zu setzen, wenn diese den Ball abgefangen hatten. Sie wussten, sie hatten alle Zeit der Welt, um noch jede größere technische Schwierigkeit auszugleichen. Einem Berliner hätte der Ball fünf Meter vom Fuß springen können, und er hätte immer noch das Gefühl gehabt, das Spiel zu kontrollieren. So lässt sich dann der MSV Duisburg leicht auskontern, wenn die Mannschaft dem Gegner eine derart große Sicherheit im Spiel gewinnen lässt.  Wie es anders geht, war vor allem in den letzten zehn Minuten zu erkennen. Noch einmal: Verunsicherung durch das frühe Gegentor reicht mir als Erklärung für die sonstige Spielweise der Mannschaft in diesem Spiel nicht aus.

Von der Karl-Liebknecht-Straße zum Sieg in der Karl-Liebknecht-Straße

Kevin Wolze setzte sich am linken Flügel immer wieder durch.

Sagen wir mal so:  Karl Liebknecht war ein Friedrich Ebert der DDR, und Golm ist das Walsum oder Rheinhausen von Potsdam, wahlweise auch das Porz von Köln oder Spandau von Berlin. Wo immer auch während der 50er Jahre in Ostdeutschland eine Straße um- oder neubenannt werden sollte, stand Karl Liebknecht ganz oben auf der Auswahlliste für mögliche Straßennamen. Dementsprechend gibt es seit der Eingemeindung von Golm die Karl-Liebknecht-Straße in Potsdam zweimal, und flüchtiges Bedienen von Navigationsgeräten führte mich am Samstag erst einmal aufs flache Land, wo ich auf einer recht kurzen Karl-Liebknecht-Straße mit einer sehr überschaubaren Bebauung schon beim Einbiegen sofort ein schlechtes Gefühl bekam. Zwischen den kastenartigen Büro-Neubauten war selbst für ein kleines Karl-Liebknecht-Stadion einfach zu wenig Platz. Der zweite Blick bestätigte meinen Verdacht. Kein Stadion, nirgends. So fuhr ich am kleinen Bahnhof von Golm vor, ließ mir in althergebrachter Art von richtigen Menschen den Weg erklären und fuhr mit leichter Unsicherheit über den richtigen Weg, aber ohne weitere Umwege zum Ziel. Das Navigationsgerät hatte ich vorsorglich ausgeschaltet.

Meinem Sohn hat das nicht gefallen. Er meinte, ich hätte mich um die Anfahrt früher kümmern müssen. Im Nachhinein finde ich das auch, kann aber nun verstehen, wie es zu Zeitungsmeldungen über Autofahrer kommt, die ihrem Navigationsgerät bis zum Überfahren von Uferböschungen folgen. Allerdings macht so eine mühevolle Anfahrt auch die Wirkkraft des Stadionbesuchs meines sonst fußballabstinenten Sohnes größer. Hinzu kommen als Gute-Laune-Killer desweiteren: die eineinhalbstündige Anfahrt für die knapp dreißig Kilometer von Berlin aus wegen innerstädtischer Autobahnzufahrtsstraßenstaus sowie der etwa vier Kilometer Fahrt in Schrittgeschwindigkeit auf der AVUS, aber auch der Dauerregen ab etwa der 30. Spielminute, von uns verbracht ohne Überdachung im Gästebereich. Ich denke, seit Samstag sieht es damit gut aus für den MSV in dieser Saison. Mein sonst fußballabstinenter Sohn und ich haben meinen Plan übererfüllt, mit ein wenig Verspätung das zukunftsweisende Spiel des letzten Jahres zu wiederholen. Die Mannschaft hat mit leichten Einschränkungen das ihrige getan.

Noch ist der Ball nicht über der Linie. Doch am Rand des Strafraums herrscht schon Gewissheit über die frühe 1:0-Führung

Es war zwar kein 2:o-Sieg im Liga-Betrieb, doch es geht um das Gefühl, dass diese Mannschaft eine Einheit werden kann. Es geht um gelungene Kombinationen, um die Andeutung von Struktur. Diese Struktur ließ sich immer wieder entdecken. Es gab planvolles Spiel, wenn auch im Mittelfeld gelegentlich der Notausstieg mit dem langen Ball versucht wurde. Was verständlich war angesichts eines SV Babelsberg, der sich immer schnell zurück zog und dann nicht aus der eigenen Hälfte herauslockbar war. So war der lange Pass die sichere Variante gegenüber dem Dribbling mit dem möglichen Ballverlust an der falschen Stelle auf dem Spielfeld. Der Sieg war nicht gefährdet, weil die Tore für den MSV Duisburg sehr früh fielen und der SV Babelsberg 03 im Sturm bei allen Bemühungen in der zweiten Halbzeit vollkommen harmlos war. Gegen eine Mannschaft mit entschlosseneren Stürmern hätte der MSV Duisburg sicher Schwierigkeiten bekommen. Pässe in die Spitze schienen immer wieder möglich zu sein. Vielleicht rührt der Eindruck aber auch daher, weil sich die Spieler des MSV Duisburg ihrer Qualitäten sicher waren. Offensichtlicher sind unpräzise Pässe im Spiel nach vorne oder lange Bälle, die ins Aus geschlagen werden statt auf den Mitspieler. Davor verschließt Milan Sasic keinesfalls die Augen. Wäre ich schon gestern zum Schreiben gekommen, ich hätte ähnliche Worte für die Wertung des Spiels gefunden. „Präzision“ und „Timing“ hätten mitunter gefehlt, meint er und erkennt eine zu große Spannbreite zwischen sehr guten und misslungenen Spielaktionen. Ich denke aber eben auch an die Defensive. Gerade in der zweiten Halbzeit sah man wieder viele gelingende Pässe der Babelsberger in die Spitze hinein.

Nass und siegreich!

Milan Sasic hält es für möglich, dass die Entwicklung dieser Mannschaft noch bis in die Winterpause andauert. Ein ganz klein wenig kitzelt mich da eine Sorge. Einerseits bin ich sehr erfreut über den Realismus, der in Milan Sasics Worten anklingt. Da wird nichts schön geredet. Andererseits bin ich schon nach dem Spiel gegen den FC Energie Cottbus immer wieder über Kommentare gestolpert, die ich von anderen Vereinen auch aus späteren Phasen der Saison kenne. Sie kamen nicht von Milan Sasic sondern von neutralen Beobachtern, und solche Kommentare möchte ich möglichst nicht mehr so oft hören – dass etwa darauf hingewiesen wies, wie gut die Mannschaft eigentlich sein könnte. Am Anfang einer Saison klingt da ja noch nach Potenzial, irgendwann dann nicht mehr. Schluss jetzt und sich freuen auf die nächste Runde im DFB-Pokal. Da denke ich jetzt weiter und halte mich fest an dem Bild von zwei Sololäufen des neu verpflichteten Dzemal Berberovic. Das war sehr dynamisch und erinnerte neben seiner guten Abwehrleistung an ein Element, das dem Spiel des MSV Duisburg schon zu Ende der letzten Saison gefehlt hat. Und dabei ist Berberovic gar kein Nachwuchsspieler mit Zug zum Tor. Hoffen wir, er kann solche Leistungen dauerhaft zeigen.


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