Posts Tagged 'Eintracht Braunschweig'

Spieltagslyrik – No risc no fun

 

Nicht mehr Spektakelfußball sehen
und danach ohne Punkte gehen.
Nun gilt: die Null muss hinten stehen.

No risc no fun.
Doch Punkte dann und wann?

Das defensive trock’ne Brot
macht auf den Rängen Wangen rot,
da Unentschieden, torlos, droht.

No risc and only fun
wenn man den Heimsieg feiern kann.

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Auch 1989 gewann der aufgestiegene MSV gegen Eintracht Braunschweig

Unterhalb der Zweiten Liga gab es in den 1980er Jahren offiziell nur den Amateurfußball. Die Oberliga war die dritthöchste Spielklasse in Deutschland, und in dieser Oberliga spielte der MSV Duisburg für drei Jahre seit der Saison 1986/1987. So konnte der Aufstieg des MSV nach den Jahren in der Oberliga im Juni 1989  „Rückkehr in den bezahlten Fußball“ genannt werden. Das war eine Standardfloskel des Sportjournalismus, die schon damals nicht ganz der Amateuer-Wirklichkeit entsprach.

Mit Blick auf den kommenden Freitag findet sich bei YouTube aus der ersten Zweitligasaison nach den Oberligajahren ein Spielbericht von der Begegnung des MSV gegen Eintracht Braunschweig. Ein Klick, wer die Spieldaten vom 18. November bei Fussballdaten.de nachlesen will. Dieser Spielbericht stimmt passend auf den Freitag ein. Denn damals wie heute trifft der MSV als Aufsteiger auf Eintracht Braunschweig. Wenn ich am Freitagabend dasselbe Ergebnis sähe, wäre ich sehr zufrieden. Uwe Kober erzielte per Foulelfmeter in der 44. Minute das 1:0. Erst in der 86. Minute stellte Ference Schmidt mit dem zweiten Tor für den MSV den Sieg sicher.

Mir ist übrigens aufgefallen, wie sehr sich mein Blick auf den Fußball an die Athletik der Sportler von heute gewöhnt hat. Die Braunschweiger Spieler wirken sogar besonders schmächtig auf mich. Ob das am Schnitt der Trikots lag oder an der Vorliebe für bestimmte Spielertypen in Braunschweig, wo Uwe Reinders als Trainer wirkte. Auch das: Die Bewegtbilder wecken für Momente auch zwiespältige Erinnerungen. Uwe Reinders als Trainer in Duisburg in der Zweitliga-Saison 1992/1993 war kein schönes Kapitel der MSV-Geschichte. Trotz Einhalten des Wegs zum Wiederaufstieg entstand im und um den Verein eine sehr schlechte Stimmung. Die Entlassung von Reinders war die Folge. Halten wir uns lieber an die Saison des Spielberichts und hoffen auf Wiederholung am Freitag.

Schon wieder diese anderen Zeiten

Soll ich einfach meine ersten Sätze wiederholen, die ich nach dem Spiel gegen den FSV Frankfurt geschrieben habe? In anderen Zeiten, in anderen Zeiten – dann kann ich auch gleich zum guten Erinnerungsonkel werden und mal wieder eine rundum schöne Geschichte von unserem Lieblingsverein erzählen. In anderen Zeiten wären wir über dieses 1:1-Unentschieden bei Eintracht Braunschweig ganz zufrieden gewesen. Wir hätten uns vielleicht noch über die letzten zehn bis 15 Minuten des Spiels geärgert, in denen zu wenig Spieler der Mannschaft den möglichen Sieg noch wollten. Aber so ein Unentschieden beim Tabellensechsten hätte vollauf genügt. Zumal dieses Unentschieden durch eine solide Leistung fast über das gesamte Spiel hinweg erreicht wurde. Im Moment fehlen an diesem einen Punkt aber schon wieder zwei weitere Punkte, und ich frage mich tatsächlich, ob mir nicht eine Niederlage viel lieber gewesen wäre – damit für mich endlich dieses 3-Watt-Spieltagshoffnungsaufglimmen endlich mal aufhört.

Bis zum Spieltagsmorgen plane ich momentan bereits den sofortigen Wiederaufstieg in der nächsten Saison. Am Spieltag selbst aber verwandel ich mich mit dem Aufwachen in einen Wenn-Dann-Spezialisten, der komplexe Bedingungsgefüge im Kopf erstellt, dabei  Variablen ändert und letztlich, die Welt macht, wie sie ihm gefällt. Falls in den Küstenstädten dieser Welt demnächst mal ein Klimaexperte für die gute Stimmung gebraucht wird, soll man sich mal vertrauensvoll an mich wenden. Irgendwie kriege ich das schon hin, dass der Meeresspiegel schon in den nächsten Jahren wahrscheinlich mehrere Dezimeter sinken wird.

Wir Zukunftsexperten können eben nichts dafür, dass manche Grundvariablen unserer Prognosen sich kontinuierlich anders entwickeln als es von ihrem Potential her möglich gewesen wäre. Der MSV Duisburg hätte dieses Auswärtsspiel gegen Eintracht Braunschweig tatsächlich gewinnen können, wenn die Mannschaft für eine kurze Zeit zum Spielende nur ein klein wenig besser besetzt gewesen wäre. Die Eintracht zeigte zwar die klarere Spielanlage und erarbeitete sich eine leichte optische Überlegenheit in der ersten Halbzeit, doch das beunruhigte mich kaum. Der MSV hielt recht souverän dagegen. Die Defensive stand meist gut. Nur wenige Chancen ergaben sich aus dem vermeintlich besseren Spiel der Eintracht. Unter kontinuierlichen Druck gerieten die Zebras gar nicht.

Immer wieder gelangen sogar Offensivaktionen, die allerdings öfter als bei der Eintracht vom Zufall abhingen und bei denen weniger der Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus zählte, als der Kampf in der Hälfte des Gegners um den weit oder halbweit geschlagenen Ball. War der aber einmal erobert, ging es im schnellen Kombinationsspiel Richtung Eintracht-Strafraum. Stanislav Iljutcenko zeichnete sich bei diesen Kämpfen um die hohen Bälle immer wieder aus, so wie Giogio Chanturia den Pass danach oft in eine dynamische Offensivaktion umsetzen konnte. Alles in allem war es also ein offenes Spiel, in dem sich kurz vor dem Halbzeitpfiff sogar durch einen Schuss knapp außerhalb des Strafraums die Chance zur Führung ergeben hatte. Knapp ging der Ball am Tor vorbei.

Anfang der zweiten Halbzeit war das Spiel im vollkommenen Gleichgewicht. Einer Mannschaft mit besserer Spielanlange standen nun Zebras gegenüber, die noch selbstbewusster wirkten. Es schien so, als hätten die Spieler vollständig erfasst, dass die etwas begrenzteren Möglichkeiten des eigenen Spiels dennoch zum Torerfolg führen könnten. War es ein Steilpass auf Giorgio Chanturia am rechten Flügel in der 60. Minute? Ich weiß das nicht mehr, ich weiß nur noch, wie schon durch den Pass die Hoffnung auf das Tor vorhanden war, sie wieder schwand, weil sich die Braunschweiger Defensive in der Mitte formierte, während Chanturia genau dorthin zog und dennoch die Lücke fand, um den Führungstreffer zu erzielen. Was für ein Jubel. Die entscheidende Grundvariable meines Tabellengefüges hielt, was ich vor dem Spiel prognostizierte.

Unterstützung für meine Prognose hatte ich seit der Anfahrt über den Braunschweiger Bahnhof durch einen Hamburger MSV-Fan, einen gebürtigen Norddeutschen, der seit den 90ern vom MSV nicht loskommt. Er hatte vier seiner Kumpel dazu verdonnert, ihn auf die Auswärtsfahrt zu begleiten. Alle diese Kumpel waren eigentlich mit dem Herzen bei anderen Vereinen, aber für diesen Tag war ihnen der MSV nahe. So war der Jubel über das Tor in unserer kleinen Schicksalsgemeinschaft genauso groß wie die Enttäuschung über den Ausgleich, der eine Minute später fiel.

Ich sehe mir das Tor nicht im Bewegtbild an. Ich will nicht noch schlechtere Laune bekommen. Richtig habe ich dieses Tor hinter den schwenkenden Fahnen im Block nämlich nicht sehen können. Durch die wenigen klaren Blicke aufs Spielfeld weiß ich aber eins. Für dieses Tor musste sich der Gegner einmal mehr nicht sonderlich anstrengen. Manchmal schärft der Blick auf wenige Momente eines Geschehens die Wahrheit. Dieser Spielzug der Eintracht über den rechten Flügel kam mir vor wie in einem Trainingsspiel. Der Eintracht wurde es zu leicht gemacht. Das Spiel befand sich wieder im Gleichgewicht. Die Hoffnung auf den Sieg blieb.

Sie blieb, selbst als Zlatko Janjic für Tomané eingewechselt wurde. Ein unauffälliger Spieler kommt für den anderen. Die Hoffnung endete, als Dennis Grote in der 78. Minute für Giorgio Chanturia kam. Von dem Moment an war dem Spiel nach vorne jegliche Dynamik genommen. Zwei Spielszenen stehen dafür exemplarisch, der Ansatz eines Konters versandete schon durch den unpräzisen Pass auf den rechten Flügel, dem Dennis Grote hinterher-  tja, wie soll man sagen? – joggte. Ein Spieler, der kurz zuvor eingewechselt worden war, stand zwei, drei Meter näher am steil gespielten Ball als ein Defensivspieler, der die ganze Zeit auf dem Platz gestanden hatte, und dennoch erreichte der Defensivspieler den Ball eher als Dennis Grote. Ich war fassungslos.

In der anderen Szene werden die beiden Vorderspieler von der Restmannschaft allein gelassen. Wieder war steil gespielt worden, doch die Mannschaft rückte nicht mehr auf. Das gesamte Mittelfeld war unbesetzt geblieben. Das war ein klares Signal. Diese Mannschaft wollte nicht mehr auf Sieg spielen. Diese letzten zehn, fünfzehn Minuten mit der Nachspielzeit haben den Gesamteindruck des Spiels kaputt gemacht. Diese letzten Minuten führten zu dem Unmut im Block, zum Sarkasmus mit den Niederrheinpokal-Gesängen und den einzelnen Absteiger-Rufen, die die Mannschaft eigentlich nicht verdient hatte.

2016-03-06_ennatz_unscharfMir hat den Tag die Zufallsbegegnung mit den Hamburgern gerettet. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und der Spaß unabhängig vom Fußball wirkt doppelt. Ennatz vor dem Spiel bei der Parkplatz-Suche getroffen zu haben, hätte für uns ein weiteres Trostpflaster sein können. Doch auch uns im Umfeld des MSV fehlt momentan manchmal die spielerische Qualität für den Erfolg. Weder habe ich die Technik meines Fotoapparats im Griff noch der Hamburger Jung die seines Smartphones. Wenigstens schaffte ich ein unscharfes Foto, das Selfie als Erinnerung an den Tag für Hamburg war trotz zweimaligen Auslösens vollkommen gescheitert. Wir alle beim MSV müssen an uns arbeiten, und das ein oder andere zukünftig auch ändern.

Alles Gute für 2016 mit Big Data von 2015!

Der Zebrastreifenblog mit seiner ganzen Belegschaft wünscht euch alles Gute für das Jahr 2016! Stig ist wie jedes in Aarhus und feiert Silvester mit alten Freunden. Ralf als spiritus rector im Hintergrund braselt weiter mit dem MSV-Buch rum. Auch zwischen den Jahren führt er  seine Interviews und ist in den Tagen selbst zum Ruhrgebietsfußball gefragt. So bleibt das Schreiben wieder an mir hängen.

Wie im letzten Jahr sind unsere Wünsche nicht uneigennützig. Wie im letzten Jahr hoffen wir mit euch allen auf durchschlagende Wunschwirkung auch bei der Mannschaft und den Verantwortlichen vom MSV Duisburg. Ein Paket also auch dorthin geschickt. Allerdings wird es in diesem Jahr schwieriger für den großen Wunschverwalter etwas zu bewirken. Aber man wächst ja an seinen Aufgaben. Gelobt sei die Zuversicht. Gelobt seien die Geschichten mit gutem Ausgang. Gelobt sei der große Wunschverwalter – aber nur wenn er es wieder so hinbiegt, dass auch im Rückblick des nächsten Jahres ein Text rund um eine Erfolgserzählung vom MSV Duisburg einer der fünf meistgeklickten Texte des Jahres ist.

Das war meine große Hoffnung vor einem Jahr, die sich erfüllt hat. Deshalb beginne ich auch mit Platz 4 der meistgeklickten Texte des letzten Jahres, der eine kleine Überraschung für mich ist. Diese Platzierung ist aber gleichzeitig sehr symbolhaft für die Aufstiegssaison. „Was einem 4:1-Sieg nicht alles folgt“ ist der Spielbericht über den Auswärtssieg gegen BVB II, jener Sieg, der in einer besonderen Diss-Erfahrung für mich am Köln-Mülheimer Bahnhof endete. Es war jener Sieg, bei dem zum ersten Mal der Siegeswille der Mannschaft als Aufstiegswille deutlich spürbar war. Es gab noch Rückschläge, doch in Dortmund war eine Mannschaft erkennbar geworden, die kompromissloser war, die Siege erzwingen wollte.

Auf Platz 3  steht Wie man aus aufgeblasenen Skandal-Bannern die Luft rauslässt“. Mit dem Text kommentierte ich die zum wohlfeilen Skandal aufgeblasene Berichterstattung über das Banner im Spiel gegen den FC Schalke 04, mit dem auf die Demenz-Erkrankung von Rudi Assauer angespielt wurde. Noch immer halte ich meine Kritik an der Berichterstattung aufrecht. Noch immer glaube ich, dass solche vom Boulevard inspirierten Geschichte die Seriösität des jeweiligen Mediums untergräbt.

Und nun zum Dauerbrenner dieses Blogs, die Fußballtorten. Die Älteren unter uns werden sich vielleicht an die Schlagerralley bei WDR 2 erinnern. In dieser Radiosendung habe ich zum ersten Mal das Dauerabonnement auf einen ersten Platz erlebt. Zumindest erinnere ich das so. In dieser Hörerhitparade besetzte Bohemian Rapsody von Queen über ein Jahr lang den ersten Platz. Den Jüngeren ist das Phänomen vielleicht von den O-Ton-Charts bei 1live bekannt, wo der Steinflüsterer seit fast zwei Jahren nicht aus den Top 5 verdrängt wird. Als Give-away bekommt ihr hier den Originalauschnitt der TV-Sendung.

Bohemian Rhapsody und Steinflüsterer dieses Blogs sind auf Platz 1 der meistgelesenen Texte im Zebrastreifenblog wie im Vorjahr „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund“, knapp gefolgt auf Platz 2 von „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge XXV – Borussia Dortmund Teil 2″. Jeden Tag kommen per Google und anderen Suchmaschinen die Tortenbäcker zu mir. Überall in der Welt müssen ununterbrochen Borussia-Kuchen gebacken werden. Unabhängig vom sportlichen Erfolg der Mannschaft wird Süßkram gegessen, was das Zeug hält. Warum das in Braunschweig in diesem Jahr ebenfalls so gewesen ist, ist mir ein Rätsel. Den 5. Platz nimmt jedenfalls „Die schönsten Fußballtorten der Welt – XI: Eintracht Braunschweig – Anlässlich des Aufstiegs“ ein. Erneut wird an dieser Platzierung klar, warum jemand auf den Long Tail als Theorie der Internet-Ökonomie gekommen ist.

Auch 2016 werde ich mich nicht auf Backwerke spezialisieren. Auch 2016 werden meine Themen breit gefächert sein. Auch 2016 gucke ich über den Tellerrand des Fußballs und des MSV Duisburg hinaus. Aber wenn ich an die Top 5 des Jahres denke, sollte wieder ein Text über den Fußball des MSV dabei sein. Dann wäre alles gut geworden. Wir werden sehen. Guten Rutsch!

Das war dann noch mal eine andere Qual

Als kurz nach Anpfiff ein Freistoß für Eintracht Braunschweig gepfiffen wurde und Hendrick Zuck ihn zielgenau an die Latte des Duisburger Tores knallte, schrie der abergläubische Jaratz in mir sofort auf: „Nein, nicht schon wieder“. Für den abergläubischen Jaratz war das Spiel in dem Moment verloren. Auch der FSV Frankfurt hatte am Sonntag, früh im Spiel, die Latte des Duisburger Tores getroffen. 0:1, das Endergebnis, werden noch nicht viele Zuschauer des Spiels vergessen haben. Dummerweise hat der abergläubische Jaratz recht behalten, und doch lag er auf zweifache Weise zugleich falsch.

Am Ende war die Niederlage das, was gemeinhin eine Klatsche genannt wird, 0:5 verlor der MSV, und im Stadion war auf Duisburger Seite die totale Akutdepression ausgebrochen. Vielleicht ein Drittel der Zuschauer war nach dem dritten Tor der Braunschweiger gegangen. Der Rest erledigte zusammen mit den Spielern des MSV die Pflicht, das Spiel bis zum Ende durchzustehen, die Pein auszuhalten, nicht genau zu wissen, ob gerade jemand dabei ist, einen zu demütigen. Die Braunschweiger taten den Spielern und uns keinen Gefallen. Sie spielten das Spiel mit derselben Intensität zu Ende, wie sie die zweite Halbzeit begonnen hatten. Sie konnten ihr Torverhältnis verbessern. Sie wollten ihr Torverhältnis verbessern. Eine solche Überlegenheit hatte der abergläubische Jaratz sich nicht vorgestellt. Das war keine Wiederholung des Spiels gegen Frankfurt. Die Eintracht war um Klassen besser als der FSV. Die Eintracht spielte präzise, mit variablem Tempo und bei Ballbesitz explodierte die Mannschaft geradezu immer wieder einmal. So schnell wurde der Ball in die Spitze gespielt. So schnell ging es steil über die Flügel. Wie schnell Phil Ofosu-Ayeh sein kann, hat er in Duisburg vor über einem Jahr als Verteidiger bewiesen. Gestern spielte er in der Offensive und brachte die linke Duisburger Defensivseite ein ums andere Mal in Schwierigkeiten.

Außerdem lag der abergläubische Jaratz völlig falsch bei seiner Einschätzung des MSV. Auch die Zebras spielten nach dem ersten Tor der Braunschweiger bis zu dem Moment, in dem Rolf Feltscher die gelb-rote Karte erhielt, um Klassen besser als in dem Spiel gegen Frankfurt. Sie drängten die Braunschweiger in deren Hälfte und schafften es dort immer wieder in den Strafraum. Chancen ergaben sich, obwohl der bessere spielerische Ansatz der Eintracht erkennbar war. Victor Obinnas Spielberechtigung hatte endlich vorgelegen, und er spielte von Anfang an. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase bewegte er sich immer sicherer über das Feld, wurde mutiger in den Einzelaktionen und konnte zeigen, warum er sich zeigen will. Seine größte Chance, ein trockener, harter Schuss von knapp außerhalb des Strafraums blockte der liegende Kingsley Onuegbu mit seinen Beinen ab. Das ist der MSV im Moment: Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es schief. So wie Rolf Feltschers Grätsche, mit der er kurz der Halbzeitpause statt den Ball den Gegenspieler traf und für die er gelb erhielt. Er hatte ja schon eine gelbe Karte, die Summe hieß gelb-rot.

Diese Grätsche gehört zu einem Bild, das ich mir kaum ansehen mag, an dem ich aber nicht vorbei komme. Diese Mannschaft des MSV will ans Limit gehen. Wahrscheinlich muss sie ans Limit gehen, um überhaupt eine Chance im Spiel zu besitzen. Die Folge sind rote Karten und vielleicht auch die ein oder andere schwere Verletzung. Spieler überschreiten Grenzen bei anderen und bei sich selbst. Erfolg steht nicht als Titel über so einem Bild. Dazu kommen an einer anderen Stelle der Leinwand die meisten Gegentore der Liga. Dazu kommt der ungeheure Einsatz, der keinen zählbaren Erfolg bringt. Dazu zählen diese enttäuschten Gesichter der Spieler. Dieses Bild ist ein Faszinosum der Angst. Ich will das nicht so zusammen sehen. Es taucht einfach vor mir auf.

Das zweite Tor der Braunschweiger fiel früh in der zweiten Halbzeit. Wahrscheinlich versuchten die Zebras noch einmal gegen die vollkommene Resignation anzugehen. Sie konnten es nicht mehr, auch wenn sie es vielleicht noch gar nicht merkten. Bewusst wurde es ihnen aber spätestens, als die Braunschweiger ihr drittes Tor machten. Doch das Spiel war noch nicht vorbei. Zwei weitere Tore mussten wir erleben. Das Spiel wurde zur Qual bis zum Schlusspfiff. Es war eine andere Qual als im Spiel gegen Frankfurt. Welche dieser beiden Qualen verheerendere Folgen für die Mannschaft hat, bleibt abzuwarten. Das Publikum des MSV hat sein Urteil mit den Füßen entschieden. Dieses Mal war es für mehr Zuschauer als gegen Frankfurt schlimmer.

Alles Gute für 2015 mit Big Data von 2014!

Der Zebrastreifenblog mit all seinen nunmehr zwei Mitarbeitern wünscht euch alles Gute für dieses Jahr! Der Stig ist gerade ein paar Tage in Aarhus bei alten Freunden. Er grüßt euch herzlich, was aus seinem mürrischen Mund am Telefon vorhin ganz komisch klang. Unsere Wünsche sind nicht uneigennützig. Sollen sie doch dazu beitragen, dass wir Anhänger des MSV Duisburg das Unaussprechliche in diesem neuen Jahr ungefähr Ende April bis Mitte Mai erleben werden. Die Wünsche fliegen deshalb auch rüber zur Mannschaft und den Verantwortlichen beim MSV Duisburg. Hoffen wir also auf ein besonderes Jahr für den MSV und für uns.

Bislang sieht es gut aus mit dem Gelingen, habe ich stellvertretend für uns alle doch die erste große Prüfung dieses Jahres mit Erfolg geschafft. In der Nacht habe ich nach Hause gefunden, obwohl ich in diesem grauweißen Gemisch aus Bodennebel und Pulverdampf über Kilometer nur etwa zwei Meter weit habe sehen können. Im Schritttempo fahrend verlor ich die Orientierung auf einer Straße, die ich seit dreizehn Jahre nahezu täglich befahre. Ich kenne das aus Filmen. Wer in den ersten Minuten der Handlung solche kleinen Abenteuer wie so eine undurchsichtige Nachtfahrt bewältigt, der wird im weiteren Verlauf der Geschichte noch Größeres erleben. Gelobt sei die Zuversicht! Gelobt seien Filme, die gut ausgehen.

Mich beschäftigt das Ende der Saison schon sehr. Regelmäßig tauchen seit einiger Zeit in meinem Kopf Sätze der Freude auf. Ich sehe für Bruchteile von Sekunden Erfolgsschlagszeilen, und ich kann mich nicht dagegen wehren. Hätte die Geschichte des MSV Duisburg nicht die zunächst so bedrohliche Wendung im Jahr 2013 genommen, schwiege ich darüber. Doch seitdem nehme ich den Alltag des MSV immer noch wieder als Ausnahmezustand wahr, in dem alles noch nach Normalität strebt. Ich selbst bin in diesem Ausnahmezustand und schmecke die Hybris.

Beruhigend könnte ich deshalb den Rückblick auf die fünf meist gelesenen Beiträge des letzten Jahres auf mich wirken lassen. Zeitlos sind drei dieser Texte. Abseits aller Aufregung des wöchendlichen Ringens um Sieg oder Niederlage strömen sie die wohltuende Ruhe sinnlichen Genießens aus. Sie sind die ewig gültigen Tröstungen aller verzweifelnden Vereinsanhänger. Ginge es nach den Klickzahlen stellte ich das Schreiben weitgehend ein und veröffentlichte Fotos von Backwaren mit Unterzeilen. Doch die Zukunft als Superspecial-Special-Interest-Blogger klingt für mich nicht ausfüllend, auch wenn mir hin und wieder der Blick auf Fußballtorten Spaß macht.

Zwar lässt die sportliche Lage von Borussia Dortmund sehr zu wünschen übrig, in diesen Räumen hier aber rüttelt kein anderer Verein an der Spitzenposition der Borussia. Auf Platz 1 der meistgelesenen Texte im Zebrastreifenblog  steht wie im Vorjahr „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund“. Im Laufe des Jahres konnte ich das schon ahnen. Überraschend für mich sind aber der 3. Platz für „Die schönsten Fußballtorten der Welt – XI: Eintracht Braunschweig – Anlässlich des Aufstiegs“ und Platz 5 für „Die schönsten Fußballtorten der Welt III – MSV Duisburg“. Stetige Klickzahlen, knapp unterhalb meiner Wahrnehmung – bei so was wird schnell einsichtig, warum jemand auf den Long Tail als Theorie der Internet-Ökonomie gekommen ist.

Beruhigend könnte dieser Blick auf die drei Platzierungen wirken, doch angesichts des großen überdauernden Fußballtorten-Interesses gebe ich gerne zu, dass mich erst der Platz 2  für „Chaos, Platzsturm und Skandalspiel – Wörter schaffen Wirklichkeit“ sehr zufrieden macht. Bestätigt mir diese Platzierung doch ein Interesse der Leser an Themen rund um den Fußball, die über das Bunte hinausgehen. In dem Text habe ich mir die sensationsheischende Berichterstattung zum Fanverhalten im Halbfinale des Niederrheinpokal vorgenommen. Platz 4 belegt meine Besprechung des Dokumentarfilms über die Zebras der ersten Bundesligasaison „Von Anfang bis Westende – Ein wunderbarer Dokumentarfilm über die ‚Meidericher Vizemeister’”.

Was mich zurückbringt an den Anfang. Eigentlich wollte ich mich mit dem Rückblick ja ablenken von den plötzlich auftauchenden Erfolgsschlagzeilen. Doch kaum tauchen Erfolge der Vergangenheit auf, denke ich, wenn im Rückblick des nächsten Jahres ein Text aus dem Mai bestplatziert wäre, ließe sich mit 2015 wahrscheinlich ganz zufrieden sein. Wir werden sehen!

Der vergessene Torjäger Heinz Bohnes – Teil 1

Manchmal gleicht städtisches Leben der Gegenwart doch immer wieder mal noch dem dörflichen der Vergangenheit. Lebenswege dieses Dorfes sind auseinander gegangen, doch die nächste Generation führt sie wieder zusammen. So war es, als Bernd Bohnes Ende letzten Jahres mir eine E-Mail schrieb, nachdem ich kurz zuvor an den MSV-Stürmer „Burger“ Hetzel erinnert hatte. Das Privatarchiv seines Vaters bot ebenfalls unzählige Erinnerungen an vergangene Zeiten des MSV Duisburg. Sein Vater war der Fußballer Heinz Bohnes, erfolgreicher Stürmer der Zebras Ende der 1950er Jahre, später beim Duisburger SV aktiv, dann Trainer bei verschiedenen Vereinen, vornehmlich am Niederrhein.

Wer schon wie meine Mutter zu Zeiten der Oberliga West ins Stadion an der Westender Straße ging, musste Heinz Bohnes also kennen. Für meine Mutter stieß der Name zudem weitere Erinnerungen an. Heinz Bohnes und sein Zwillingsbruder Paul hatten als Kinder in Meiderich-Berg auf derselben Straße wie meine Mutter gewohnt. Die Bergstraße rund um St. Matthias,  der längst profanierten katholischen Kirche von Berg, war damals Spielplatz für alle. Man lief sich über den Weg. Man kannte sich.

bohnes_PortraitIch hingegen kannte Heinz Bohnes nicht. Von ihm hatte ich noch keine romantische Oberliga-West-Anekdote gehört, und nun schickte mir sein Sohn Bernd Fotos über Fotos. Das Dorf fand wieder zusammen. Ich sah Heinz Bohnes im Trikot der deutschen Nationalmannschaft, und dachte, über den Mann lässt sich eine größere Geschichte erzählen. Wieso weiß ich nichts über einen Nationalspieler Heinz Bohnes? Darüber hinaus machten diese Fotos die 1950er Jahre auf wunderbare Weise lebendig. Wie konnte ich diesen Archivschatz zumindest mit den notwendigsten Hinweisen versehen?

Wenn ich das machen wollte, wie ich es mir vorstellte, würde darüber ein Jahr vergehen. Ich hatte für den Moment einfach keine Zeit für die Recherche, die noch nötig war, obwohl mir Bernd Bohnes schon einige Informationen über seinen Vater schickte. Deshalb entschloss ich mich zu einem anderen Weg. Dieser Beitrag heute und der morgige werden zu einer Art Mini-Wiki. Ich veröffentliche die Fotos und bitte euch, die ihr die Spieler der MSV-Geschichte in- und auswendig kennt, mir Hinweise zu den betreffenden Personen auf den Fotos zu geben. Dann ließen sich nach und nach Leerstellen füllen.

Außerdem fehlen mir Hinweise auf die Fotografen. Natürlich hätte ich diese Fotografen gerne angeschrieben, um die Erlaubnis zur Veröffentlichung einzuholen. Wenn es also von den jeweiligen Urhebern der Fotos Einwände gegen die Veröffentlichung gibt, so bitte ich darum, mit mir Kontakt aufzunehmen. Mit Hilfe der Erinnerungen von Margret Bohnes, der Ehefrau des Fußballers, kann ich zumindest ein paar kurze biografische Anmerkungen zu Heinz Bohnes Fußballerleben machen. Großer Dank deshalb nochmals an sie und Bernd Bohnes.

Heinz Bohnes wurde am 6. Juni 1935 in Duisburg-Meiderich geboren. Die Jungen seiner Generation spielten Fußball zunächst lange nur auf der Straße. Mit zwölf Jahren schließlich schloss er sich Wacker Meiderich an, dem Fußballverein, der an der Bergstraße seine Fußballspiele bestritt. Mit 14 Jahren gewann er mit seiner Schülermannschaft die Stadtmeisterschaft. Von Wacker Meiderich aus wechselte er 1953 mit seinem Zwillingsbruder Paul Bohnes zu Meiderich 06. Für Paul blieb der Verein bis ins hohe Alter die sportliche Heimat.

bohnes_sturmszene9Heinz Bohnes hingegen wurde 1955 vom Meidericher SV für die Regionalliga abgeworben, der damals zweithöchsten Spielklasse, in der der MSV Duisburg für diese Saison ein einjähriges Intermezzo gab. Unter Hermann Lindemann gelang der direkte Wiederaufstieg in die Oberliga West, in der Heinz Bohnes von nun an spielen sollte. „Heini“ wurde Heinz Bohnes gerufen, der auf dem Spielfeld durch seinen Laufstil mit weit ausholenden, rudernden Armbewegungen unverkennbar war. In der Saison 1957/58 gehörte er mit 17 erzielten Treffern zu den erfolgreichsten Torschützen der Liga. Was ihm nicht nur 1958 das Vertragsangebot  des damaligen türkischen Meisters Fenerbahce Istanbul bescherte, sondern auch Einladungen zur Nationalmannschaft. Bei einem A-Länderspiel eingesetzt wurde er allerdings nicht. In jener Zeit spielte er mit dem MSV  mehrmals im Ausland. So gab es Freundschaftsspiele in Spanien gegen  FC Real Saragossa, Valencia und in Barcelona. In Algerien wurde in Algier gespielt. Für den MSV bestritt er 100 Spiele in der Oberliga West und erzielte dabei 37 Tore.

In der Saison 1959/1960 wechselte er zu Eintracht Braunschweig in die Oberliga Nord. Die Normalität für einen Fußballer heute bedeutete damals einen tiefen Einschnitt in das Leben der Familie. Die gesamte Familie zog nach Niedersachsen um, ohne dort wirklich heimisch zu werden. Margret Bohnes wollte zurück nach Duisburg, und so wurde der Aufenthalt in Braunschweig zum einjährigen Gastspiel. Heinz Bohnes wechselte zurück in die Heimatstadt und spielte ab der Saison 1961/62 beim Duisburger SV, der später mit TuS Duisburg 48/99 zu Eintracht Duisburg fusionierte. Der Stürmer wurde nun als Defensivspieler eingesetzt. Er machte noch 59 Spiele für den DSV und erzielte zwei Tore. Nach der Saison 1965/66 ließ Heinz Bohnes seine Karriere als Spielertrainer bei unterschiedlichen Vereinen am Niederrhein ausklingen. Er erwarb die Trainer A-Lizenz und trainierte unter anderem den SC Kleve und den TV Voerde.


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