Posts Tagged 'Enis Hajri'

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

Das Duisburger Fauna-Wunder: Aus Schwan wird Eichhörnchen

Warum hätte das Spiel gegen die Sportfreunde Lotte anders werden sollen als die Spiele der letzen Wochen? Weil es jetzt aber wirklich um den Aufstieg ging? Es geht die ganze Zeit wirklich um den Aufstieg. Sehr wirklich, ganz ganz wirklich. Das wissen alle. Deshalb wählt Ilia Gruev seine Taktik. Deshalb spielt die Mannschaft, wie sie spielt. Die gesamte Saison gibt es diesen Druck aufsteigen zu müssen für die Mannschaft und die sportlich Verantwortlichen. Es gab keinen realistischen Grund anzunehmen, wir könnten etwas anderes erleben als in den Wochen zuvor. Es gab nur die Hoffnung, dass jedes Fußballspiel seine eigene Geschichte haben kann. Es gab nur die Hoffnung, wir könnnten begeistert werden.

Aber um Begeisterung geht es nicht als erstes, es geht darum ein Spiel zu gewinnen. Es geht um das profane Ziel Aufstieg. Wir haben eine erste Halbzeit gesehen, in der der MSV das Spiel komplett unter Kontrolle hatte, eine Halbzeit, in der die Sportfreunde Lotte ihr eigenes Tor so dicht machten, wie es irgend geht. Der MSV hatte dennoch zu Beginn eine Chance durch Tim Albutat, dessen freier Schuss von der Strafraumgrenze aus den Lotter Torwart vor keine Probleme stellte. Nach etwa 20 Minuten verlor sich der Druck im Spiel des MSV. Blieb noch Zlatko Janjics Weitschuss über den weit vor seinem Tor stehenden Torwart, der ein Versuch wert war. Wirklich gefährlich war er dennoch nicht.

Das Offensivspiel war wie immer durch gleichmäßigen Rhythmus geprägt. Geduldiger Aufbau, Tempoaufnahme im Dribbling. Ahmet Engin unermüdlich am Flügel gegen zwei, drei Lotter Spieler. Ihm fehlte oft ein Mitspieler in der Nähe gegen diese Übermacht. Neben diesen Dribblings mit Zug zum Tor flog der Ball immer wieder auf verschiedene Weise in den Strafraum, wo Kingsley Onuegbu ebenfalls meist alleine auf sich gestellt war. Zwei, drei Lotter Defensivspieler standen bei ihm. Es wurde auf ihn von den Außenbahnen geflankt, oder es wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld gespielt. Das Ergebnis: Keine Torgefahr.

Die Versuche der Lotter zu kontern endeten kläglich. Doch wer das Hinspiel gesehen hatte, erinnerte sich bei den Flügelläufen, wie gefährlich sie hätten sein können. Auf der Außenbahn geht es für die Lotter besonders über links sehr schnell. Um die Abschlüsse und Flanken musste sich niemand in der ersten Halbzeit sorgen.

In der Halbzeitpause war also offensichtlich, der Aufstieg sollte auch in diesem Spiel so kontrolliert geschehen, wie die gesamte Saison über dieses Ziel verfolgt wurde. Dennoch kann ein Gegentor ohne dauerhaften Druck auf das gegnerische Tor durch den eigenen Ballbesitz immer geschehen. Das war die Gefahr, und nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde, war zu merken, die Lotter kamen mit mehr Mut aus ihrer Kabine. Sie hatten auf einmal mehr Zugriff auf ihr eigene Spielweise. Die Konter wurden gefährlicher. Die Zebras mühten sich dagegen zu halten. Sie hatten nach einem Eckball sogar die große Chance mit dem gleichen Haijri-Kopfball wie gegen Frankfurt in Führung zu gehen. Der wuchtige Kopfball ging knapp am Tor vorbei.

Stattdessen fiel nach einem dieser immer besser vorgetragenen Konter das Lotter Führungstor. Dieses Tor ließ die Zebras für Minuten geradezu verzweifeln. In der Körpersprache fast aller drückte sich eine große Enttäuschung aus. Vielleicht kam Angst zu versagen hinzu. Die Mannschaft geriet ins Schwimmen und Mark Flecken war derjenige, der den MSV im Spiel hielt. Schon vor dem Führungstor hatte er zweimal großartig reagiert. Wenn es einen Sieger dieses Spiels gibt, ist es Mark Flekken.

Für zehn Minuten bestimmt drohte ein Totalversagen. Dann hatten sich alle gefangen. Ab der 80. Minute begann das Dauerspiel auf das Lotter Tor. Immer wieder wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld geschlagen. Präzise war das immer noch nicht, aber es reichte, um die Lotter Defensive in Unordnung zu bringen.

Was für ein unsympathische Mannschaft im Übrigen. Jeder Spieler geht zu Boden, wenn er gefoult wird. Trashtalk ist anscheinend üblich, wenn ein Duisburger gefoult wurde. Zuminest lässt sich so die Körpersprache der Lotter oft deuten. Dazu Nickligkeiten im Zweikampf immer wieder. Für die stoische Ruhe vom „King“ in den letzten Minuten dürfen wir ruhig einmal besonderen Applaus geben. Wie er angegangen wurde, das war nicht feierlich. So war sein Ausgleichstor in der Nachspielzeit auch der Lohn für diese Kärnerarbeit im gesamten Spiel. Wer zwei Drittel des Spiels alleine auf sich gestellt im Sturmzentrum steht, kommt immer wieder in Situationen, in denen die eigene Leistung nicht gut aussieht. Dennoch immer weiter zu machen, das ist seine Qualität in diesem Spiel gewesen. Nur deshalb stand er an der richtigen Stelle. Nur deshalb konnte er die gar nicht einfach zu verarbeitende Flanke ins Tor bringen.

Die Enttäuschung der Spieler hielt nach dem Schlusspfiff an. Auf den Rängen herrschte eine gemischte Stimmung. Doch schnell war an allen Ecken von Köln zu hören. An diesen letzten Spieltagen geht es tatsächlich schnell wieder um das nach vorne Sehen. Das hässliche Entlein ist kein Schwan geworden sondern Eichhörnchen. In Duisburg schaffen wir solche besonderen Verwandlungen der Tierwelt. Punkt für Punkt sammeln wir uns dem Aufstieg entgegen. In Köln wird die Mannschaft dann hoffentlich das vollenden, was vom ersten Spieltag dieser Saison an von Bedeutung war – der Aufstieg.

Wenn Fußball doch nur ein Ergebnissport wäre

Es gab mal eine Zeit, in der in deutschen Wohnzimmern millionenfach die Eheratgeber des Bertelmann Leserings standen. Männer und Frauen wussten noch, wohin sie gehörten. Er ging in die feindliche Welt hinaus, um mit harter Arbeit das Geld zu verdienen. Sie kümmerte sich um den Haushalt und sorgte für die Kinder. Der Eheratgeber dieser Zeit verrät, auch diese Paare hatten es schwer.

Wenn er erschöpft von der Arbeit nach Hause kam und sich nach Ruhe sehnte, brauchte sie Zuwendung nach einem Tag, an dem sie außer mit den Kindern mit niemandem sonst gesprochen hatte. Er verstand nicht, wieso sie unzufrieden war. Sie hatte doch alle Zeit der Welt, konnte machen, was sie wollte. Er dagegen schuftete, um den Wohlstand der Familie zu sichern. Dort, wo sie jetzt waren, wären sie ohne seine Arbeit niemals hingekommen. Sie dagegen vermisste nicht mehr als ein kleines Zeichen, dass auch er etwas fühlte in dem gemeinsamen Leben. Sie wollte mit ihm zusammen lachen, liebevoll sein, vielleicht auch weinen, all das spüren, was ihr wichtig war.

Vielleicht sollten wir alle beim MSV uns die alten Eheratgeber des Bertelsmann Leserings ansehen. Wir erleben gerade eine Saison, die mich an eine Ehe der 50er Jahre erinnert. Wir auf den Rängen sehnen uns nach Gefühl. Dort auf dem Spielfeld und auf der Trainerbank geht es um das Ergebnis. Wir auf den Rängen sehen den Moment des Spiels. Dort auf dem Rasen und auf der Trainerbank steht das Ziel für die gesamte Saison im Mittelpunkt.

Was für eine widerspruchsreiche Saison erleben wir gerade. Fünf Spieltage vor Saisonende kommen nur etwa 12.800 Zuschauer ins Stadion, um einen weiteren wichtigen Schritt Richtung Aufstieg zu erleben. Dann gewinnt der MSV Duisburg das Spiel gegen den FSV Frankfurt nach 0:2-Rücksstand mit 3:2. Zudem führt der MSV Duisburg mit 6 Punkten Abstand auf den Relegationsplatz weiter die Tabelle an. Diese Tabellenführung gibt es seit dem 9. Spieltag. Die Stimmung rund um den Verein ist dennoch so, als würden wir seit Wochen vergeblich auf den Relegationsplatz schielen.

Das liegt natürlich auch an den gezeigten Leistungen der Mannschaft, und dass der Fußball nicht ausschließlich eine rationale Sache ist. Es geht eben nicht immer nur um das Ergebnis. Auch ich konnte mich nach dem Spiel gestern nicht richtig freuen. Die erste Halbzeit hatte meine Stimmung auf eine Weise in den Keller gebracht, dass dazu mehr als ein in acht Minuten heraus gespielter Sieg nötig gewesen wäre. Hätte die Mannschaft so einen Eheratgeber mal gelesen, hätte sie nach dem Führungstor noch ernsthaft versucht, ein weiteres Tor zu erzielen. Damit erst wäre die erste Halbzeit halbwegs in Vergessenheit geraten. Doch mit dem weiteren Verlauf bis zum Schlusspfiff machte sich die Sicherheit als notwendiges Spielkonzept wieder deutlicher bemerkbar und brachte die erste Halbzeit sogar wieder in Erinnerung.

Hätten allerdings auch wir auf den Rängen den Eheratgeber schon gelesen, könnten wir vielleicht besser verstehen, dass ohne das erfolgreiche Erledigen der Arbeit, sprich das Erreichen des Saisonziels, unser Ärger über das Ausbleiben eines emotionalen Spiels ganz von selbst verschwinden wird, weil auch dem MSV das Verschwinden in die sportliche Bedeutungslosigkeit droht. Sicherheit ist womöglich für diese Saison kein schlechter Gedanke.

Natürlich passt das Bild der 50er-Jahre-Ehe nicht vollkommen. Sobald die sportliche Leistung in den Blick gerät, geht es nicht mehr um gegenseitiges Verstehen sondern nur noch um die Leistung. In der ersten Halbzeit mangelte es dem MSV an allem, was für den Sieg eines Fußballspiels nötig ist. Wenn fast bei jeder Ballberührung eines Zebras die Sicherheit als erklärtes Spielprinzip im Kopf vorhanden zu sein scheint, entsteht kein Offensivdruck. Wie soll die Mannschaft so ein Tor erzielen? Hinzu kamen zwei Gegentore, bei denen die Defensive der Zebras so gut wie nicht vorhanden war. Bei so einem Spielstand ist Sicherheit als Spielkonzept nicht ganz gelungen gewesen.

In der zweiten Halbzeit sah man, wie das gelingen kann. Der vornehmliche Gedanke der Spieler schien nun nicht mehr die Sicherheit zu sein, sondern die Bewegung Richtung gegnerisches Tor. Die Offensivaktionen selbst unterschieden sich gar nicht so sehr von denen in der ersten Halbzeit. Alles geschah nun nur schneller und damit wurden die Frankfurter vor Probleme gestellt. Der FSV hatte nicht mehr jedes Mal die Zeit, die Defensive zu formieren, und nur dann macht so eine Defensive Fehler. Enis Hajri hatte schon in der ersten Halbzeit einige Flanken in den Frankfurter Strafraum geschlagen. Sie blieben ungefährlich. In der zweiten Halbzeit war das anders. So eine Flanke aus dem Halbfeld schlug er erneut. Vergeblich kam der Torwart aus seinem Tor heraus, und so fiel ein Kopfballtor fast ähnlich dem von Zlatko Janjic in Halle. Ein Tor, was in der 2. Liga eher selten fällt, weil die Flanke so lange in der Luft ist, und die Defensivspieler samt Torwart sicherer spielen.

Auch beim zweiten Tor zwang der Offensivdruck des MSV zu einem noch gewichtigeren Fehler. Tugrul Erat setzte sich am rechten Flügel mit rasantem Sprint durch. Die scharfe Flanke  in den Rücken der Defensive halbhoch vor das Tor folgte. Diese Art Flanken sind immer gefährlich. Wenn ein gegnerischer Verteidiger den Ball ins eigene Tor bringt, nehmen wir das ohne Murren, aber mit zwiespältigem Gefühl, weil auch damit die Leistung des MSV nicht alleine dasteht. Im Grunde war dieses Spiel ein Sinnbild für die Saison, bei der wir uns immer auch auf die Misserfolge der Gegner verlassen können. Das Führungstor durch Enis Hajri per Kopf nach einer Ecke war dagegen ein deutliches Zeichen für den Willen zum Sieg. So wuchtig ging er zum Ball, so sehr rannte er seine Freude aus sich heraus.

Die Frankfurter waren schockiert. Sie hätten weiterem Druck nicht stand gehalten. Dazu kam es nicht. Der Fußball war nach der Führung wieder zur rationalen Sache geworden. Wenn Fußball nur ein Ergebnissport wäre, hätten wir alle zusammen den Sieg nach dem Schlusspfiff unbändig gefeiert. Doch Emotionen spielen im Fußball eine ebenso große Rolle. Das haben schon die Eheratgeber des Bertelmann Leserings Ende der 50er Jahre gewusst.

Ein früher Prüfstein für das „Top“ des Favoritendaseins

Wie schön, wenn ganz früh in der Saison eine erste etwas anspruchsvollere Prüfung für den MSV Duisburg ansteht. Wie schön, wenn diese Prüfung zudem zwar knapp, doch erfolgreich bewältigt wird. Wie schön, dass dieses knappe Bewältigen in einer so zugespitzten Weise geschieht, dass daraus nicht Erschöpfung folgt sondern zusätzliche Kraft. Der MSV Duisburg und der VfL Osnabrück trennen sich 1:1-Unentschieden. Hinter dem unspektakulären Ergebnis verbergen sich die Euphorie eines Ausgleichs durch den Torwart des MSV, Mark Flekken, in der allerletzten Spielaktion und ein paar Einsichten.

Lange Zeit sah es so aus, als werde der MSV Duisburg das Spiel gewinnen. In der ersten Halbzeit bestimmte die Mannschaft die Begegnung. Angriff um Angriff wurde ruhig aufgebaut und die wenigen Bemühungen der Osnabrücker in der Offensive wurden im Keim erstickt. Die Osnabrücker mussten auf Fehler des MSV hoffen. Zwei-, dreimal hielt ich den Atem an, weil der ruhige Aufbau im letzten Drittel der eigenen Hälfte misslang. Die kurzen Pässe wurden in die Füße des Gegners gespielt. Wenn das tornah geschieht, kann das auch torgefährlich werden. Die Osnabrücker konnten mit den  Geschenken von Tim Albutat, Kevin Wolze oder Branimir Bajic aber nichts anfangen.

Wieder bewies sich die neue Qualität des Aufbauspiels. Kontrolliertes Spiel war in den letzten Spielzeiten immer auch mit zu wenig Bewegung verbunden. Kontrolliertes Spiel bedeutete immer auch ein sehr statisches Spiel. Das ist Vergangenheit. Wieder ergaben sich aus der kontrollierten Spielweise heraus dynamische Angriffszüge. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die dynamischen Angriffszüge auch in Torgefahr mündeten. Zweimal hatte ich den Torschrei auf den Lippen. Ein drittes Mal holte ich tief Luft. Der Osnabrücker Torwart hielt großartig.

In dieser ersten Halbzeit wurde erkennbar, was uns diese Saison erwartet. Dichte Abwehrreihen,  viel Laufarbeit für die Offensive, viele vergebliche Sprints von Spielern abseits des Balls, um Anspielstationen zu schaffen. Eine schwierige Balance, die Defensive stabil zu halten, wenn aufgerückt werden muss. Denn anscheinend lassen sich die Gegner kaum aus der Defensive herauslocken. Immer wieder gibt es Kontergefahr. Nehmen wir das zusammen, muss die Verwertung der Torchancen besser werden. Sehr gute Chancen werden nur mit viel Arbeit zu erspielen sein. Das kostet Kraft. Sehr gute Chancen müssen genutzt werden.

In der zweiten Halbzeit schien die Mannschaft nahtlos an die Leistung der ersten anknüpfen zu wollen. Der Druck auf das Osnabrücker Tor wurde hoch gehalten. Zlatko Janjic kam nach einer schönen Kombination frei zum Kopfball. Wieder verhinderte der Osnabrücker Torwart mit einem großartigen Reflex die Führung. Nach dem Eckball brachten die Osnabrücker ihren ersten Konter des Spiels wirklich gefährlich in den Strafraum. Fast hätte der Querpass noch geklärt werden können. Doch der Osnabrücker Halil Savran lief in den zur Seite weggeschlagenen Ball und wehrte sich nicht dagegen, als Torschütze wahrgenommen zu werden.

Die Enttäuschung war zu spüren bei uns im Gästeblock und auf dem Spielfeld. Die Zebras waren zu überlegen gewesen, um dieses Tor in der 48. Minute einfach wegstecken zu können. Sie hatten zu viele Chancen vergeben. Es kitzelte die Befürchtung, der Ausgleich könne nicht mehr gelingen, obwohl noch so lange zu spielen war. Nach diesem Tor dauerte es einige Zeit, bis die Angriffe des MSV wieder die Klarheit besaßen, um Torgefahr zu entwickeln. Die Mannschaft bemühte sich zwar, doch die Osnabrücker Defensive konnte nicht stark genug unter Druck gesetzt werden. Stattdessen wurde aus der Kontergefahr die Konterwirklichkeit. Die Osnabrücker besaßen zwei Chancen auf ein zweites Tor, ehe der Druck des MSV in den letzten 15 Minuten wieder so groß war, dass die Osnabrücker nichts mehr riskieren wollten.

In diesen letzten 15 Minuten wurde alles von den Zebras versucht. Immer wieder drangen sie in den Strafraum. Ich erinnere mich allerdings nur an eine einzige halbwegs gute Chance. Gefährlich zum Abschluss kam die Mannschaft nicht. Dann aber folgte der Eckball, bei dem Mark Flekken mit in den Strafraum der Osnabrücker kam. Branimir Bajic köpfte Richtung Toreck, und Mark Flekken, mit dem Rücken zum Tor stehend, verlängerte den Ball mit der Hacke entscheidend ins Tor hinein. Der Jubel explodierte. Was wir in der letzten Saison erst im Saisonfinale erleben konnten, gibt es nun bereits am zweiten Spieltag. Lieblingsauswärtsgegner VfL Osnabrück, die Fahrt hat sich einmal mehr gelohnt.

Als Nebeneffekt des Spiels hat nun die Fußballwelt den Beleg dafür, René Müller, der Trainer des SC Paderborn, verfügt über einen großen Vorrat an Nebelkerzen auf seinem Trainingsgelände. Die braucht er um die Podeste unsichtbar werden zu lassen, auf die er Gegner und eigene Mannschaft je nach Wunsch vor und nach dem Spiel stellt. In Osnabrück hat Fußballdeutschland jedenfalls sehen können, der Müllersche „Topfavorit“ der Liga ist der MSV nicht. Für solch eine herausragende Rolle fehlte der Mannschaft Souveränität nach dem Rückstand. Sie schien doch einige Zeit verunsichert. Einige Spieler waren mehr mit der Enttäuschung beschäftigt als dass sie auf das Gelingen dank eigener Fähigkeiten vertrauten. Ich bin ohnehin zufrieden mit dem Aufstiegsfavoriten in einer Reihe mit ein paar anderen Mannschaften. Wieviel „Top“ dann noch hinzu kommt, wird sich die Mannschaft erarbeiten müssen.

Als ab Mitte der zweiten Halbzeit die Mannschaft sich gegen die drohende Niederlage stemmte, entwickelte sich im Gästeblock ein Dauersupport mit immer größerer Dynamik, der trotz Rückstand immer euphorischer wirkte und nach dem Schlusspfiff Feierhymne wurde: Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein. Die einzige ganz große Liebe. Mein Herz schlägt für dich, Spielverein. Kann man mal eine halbe Halbzeit singen.

 

 

Und nun bin ich auch fast schon in Münster. Das geht schnell diese Woche. Nach dem Spielverlauf kommt das der Mannschaft nur zugute. So lässt sich vielleicht noch etwas mehr von diesem selbstbegeisternden Gefühl des Last-Second-Tores mitnehmen.

Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein….

Auch erwartete Niederlagen vermiesen die Laune – nur kürzer

Die Niederlage gegen den SC Freiburg ist in meinem Klassenerhaltsszenario einkalkuliert gewesen. Was mich natürlich nicht daran hinderte, auf einen anderen Ausgang des Auswärtsspiels zu hoffen. Verstohlen hatte ich auf die zu vergebenden Punkte geschielt und zugleich an das 2:2-Unentschieden der Freiburger in Braunschweig gedacht, nach einem Rückstand von 0:2. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die spielstarken Freiburger sich ein zweites Mal die Aufstiegsstimmung trüben lassen wollten. Ich hoffte dennoch und mit mir das überfüllte „Ostende“ in Duisburg.

Schon die ersten Spielminuten dämpften allerdings meine Erwartungen. Der SC Freiburg wirkte weitaus stabiler in allen Mannschaftsteilen als die Nürnberger vor 14 Tagen. Nach etwa fünfzehn Minuten Spielzeit war für mich ein Unentschieden das Glück verheißende Ziel, für das der MSV aber auch eben viel Glück gebraucht hätte. Sicher, die Defensive der Zebras stand bis dahin sicher, doch die Freiburger gaben sich keinerlei Blöße. Souverän und früh wurde jede offensiv gemeinte Spielaktion des MSV unterbunden. Ruhig, zugleich im Tempo variierend wurde das eigene Offensivspiel aufgezogen. Noch wurde es vor dem Tor des MSV nicht wirklich brenzlig, doch wie oft der Ball in halbgefährliche Zonen der MSV-Defensive gebracht werden konnte, machte mir keine Freude. Nur durch große gemeinsame Anstrengung der MSV-Defensive konnten etwa Angriffe durch die Mitte aufgehalten werden. Zwei, drei Defensivspieler brauchte es manchmal um einen einzigen technisch starken Angreifer der Freiburger aufzuhalten. Der alternative Weg über die Flügel wurde ebenso versucht. Zwingend wurden die einzelnen Aktionen weiterhin nicht.

Wenn dann aber zum individuellen Können schnelles Passspiel hinzu kommt, reicht auch die konzertierte Defensivaktion nicht mehr. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass jemand zu spät für das Grätschen ohne Foul kommt. Gegen diese MSV-Defensive ging es in der Spielphase für die Freiburger gar nicht darum, aus dem Spiel heraus ein Tor zu erzielen. Aussichtsreiche Standardsituationen als Ende einer Spielaktion waren auch ein Mittel für Torgefahr. Das 1:0 fiel nach einem Freistoß aus einer Distanz, die für eine Mannschaft wie den MSV gar nicht so vielversprechend gewesen wäre. Die Freiburger haben aber einen Freistoßschützen wie Vincenco Grifo. Für ihn hätten in der Mauer mindestens zwei Spieler mehr stehen müssen. Dann hätten allerdings im Strafraum Defensivspieler gefehlt. Die Aufstellung der Spieler des MSV war eine schwierige Entscheidung bei dieser Freistoßdistanz. In dem Fall blieb Grifo für den Freistoß genügend Raum neben der Mauer. Das 1:0 fiel.

Nun hätte das Schicksal nicht nur eine Tür dem MSV für den Erfolg im Spiel öffnen müssen. Ein großes Einfallstor hätte es nun gebraucht und dazu am besten noch zwei, drei Hintertüren. An eine Torchance erinnere ich mich, knapp ging ein Schuss von Hajri (?) aus dem Getümmel im Strafraum heraus am Pfosten vorbei. Es ist bezeichnend für meine aufgekommene Resignation, dass ich nicht mal mehr weiß, ob das der Ausgleich hätte sein können oder später der Anschlusstreffer nach dem 2:0. Bezeichnend für das Gefühl der Unterlegenheit ist auch, wie unaufgeregt die meisten im „Ostende“ und die Mannschaft dieses 2:0 nach einem Eckstoß haben hingenommen. Schließlich stand ein Freiburger Stürmer im Abseits versetzt neben Michael Ratajczak. So etwas wird auch schon mal als Sichtbehinderung und aktives Abseits ausgelegt. Darüber aufregen, dass das nicht geschah? Fehlanzeige.

Ich hatte den Eindruck, die Mannschaft und wir vor dem Bildschirm begannen uns mit der Niederlage anzufreunden. Sie war uns als Wahrscheinlichkeit vor dem Spiel vertraut.  Bei mir rief sie eine Mischung aus Enttäuschung und Schicksalsergebenheit hervor, die nach der Halbzeitpause mit irrationalem Hoffnungsschimmer garniert wurde. Die Spieler versuchten noch einmal alles zu geben, doch dieser große Einsatz brachte der Mannschaft und uns keine Ahnung, wie ein Unentschieden noch erreichbar hätte sein können.

Wir befinden uns nun in jener Saisonphase, in der Tore in anderen Stadien manchmal genauso gefeiert werden wie die eigenen. So blieb der MSV zwar chancenlos nach dem Wiederanpfiff, gejubelt wurde dennoch. In Düsseldorf hatte die Fortuna 1:0 geführt. Nun fiel endlich der Ausgleich für St. Pauli. Auch dieses Unentschieden hatte ich im Abstiegsszenario einkalkuliert. Läuft doch alles nach Plan, dachte ich.

Bleibt noch die rote Karte für Enis Hajri zu erwähnen. Auch diese rote Karte nahm ich nur halbwegs verärgert hin. Der einzig wichtige Gedanke dabei schien mir, am Freitag ist Branimir Bajic wieder fit für 90 Minuten. Hajri hatte im Strafraum am Trikot des an ihm vorbeiziehenden Freiburgers allenfalls etwas gezuppelt. Das war mehr eine freundschaftliche Geste, die Bewegung des Arms von Hajri war dennoch offensichtlich und die Reaktion des Schiedsrichters entsprechend. Der Elfmeter war obligatorisch. Danach stand es 3:0. Zwei Tore weniger wären mir lieber gewesen.

Die Enttäuschung hielt nur kurz an. Lasst mich aber lieber nicht länger darüber nachdenken warum. Sonst könnte ich womöglich an der Wirksamkeit meines Tabellenrechners zweifeln. Eine halbe Stunde nach Abpfiff schien es mir nämlich so, als passe sich die Wirklichkeit meinem geplanten Saisonverlauf an. In meinem Kopf sind die jeweiligen Spieltagsprognosen momentan schon das Geschehen der Vergangenheit, eine unveränderbare Wirklichkeit, die für den MSV Duisburg und uns keine unangenehmen Erfahrungen an den letzten drei Spieltagen mehr bereit hält. Wir befinden uns in einer Phase der Saison, in der magisches Denken immer mächtiger wird. Zumindestens mir hilft es, die Zeit bis zum nächsten Spiel auszuhalten.

Saisonabschluss Teil 2 – Das Heimspiel mit der langen Anreise

Leicht fällt 2015-05_einlaufes, von anderen etwas zu fordern, was einem selbst schwer von der Hand geht. Noch einmal etwas Gutes schaffen, wenn das eigentliche Ziel schon erreicht ist, ist ein Beispiel dafür. Die einen sollten Fußball spielen und gewinnen, was nur teilweise gelang. Nun will ich noch schreiben über diese Auswärtsniederlage, die wenig Gewicht hat, bei all der Freude über den Aufstieg. Es geht um Konzentration, um eine Aufgabe gut zu erledigen, deren Bedeutung sich bei genauem Hinsehen auflöst.

Die innere Einstellung lässt sich nicht leicht so hinbiegen, wie man sie haben will, so sehr wir uns alle anstrengen – die Fußballer des MSV Duisburg und ich. Das Auswärtsspiel beim SV Wehen Wiesbaden war ein Heimspiel mit langer Anreise. Von 9000 Zuschauern im Stadion kamen 8000, um den Aufsteiger MSV Duisburg zu feiern. Blau-weiß war nicht nur der Gästeblock hinter dem Tor, auch die Geraden, die eine zur Hälfte und die andere komplett, gehörten dem MSV Duisburg. Die Stimmung auf den Rängen war ausgelassen. Sie wurde befeuert durch Spieler in Aufstiegslaune, die mit mehr blau als blauweiß gefärbten Haaren zum Aufwärmen aufliefen. Nur die Bärte von Zlatko Janjic und Sascha Dum kamen farblich perfekt in weiß und blau zur Geltung. Ich wollte mich überraschen lassen, welche Auswirkungen das Feiern zu Beginn der Woche auf das Spiel haben würde.

2015-05_janjicNachteile im Fernduell mit Armina Bielefeld um die Meisterschaft waren nicht zu erwarten, feierten beide Mannschaften doch auf Mallorca sogar gemeinsam den fest stehenden Aufstieg. Doch als ich die Mannschaftsaufstellung sah, vermutete ich bestimmt nicht als einziger, mit dieser bis auf Branimir Bajic neu zusammengestellten Defensive würde ein Tor für einen Sieg nicht reichen. Außerdem erwartete ich ohne Martin Dausch wenig Dynamik beim Spiel nach vorne. Deshalb überraschte mich, wie druckvoll der MSV  die ersten zehn Minuten des Spiels anging. Die Mannschaft verkörpert inzwischen in jeder Besetzung den Geist des Aufstiegs. Wer so auftritt, weiß um die eigene Stärke. Nach vorne ging es schnell. Der Ball sollte rein in dieses Tor vom SV Wehen Wiesbaden. Die Wiesbadener Offensivversuche waren mit einer Ausnahme kurz nach Spielbeginn souverän unterbunden worden.

2015-05_bajicDu warst zu vorschnell, das sieht gut aus“,  so was Ähnliches ging mir durch den Kopf, als etwa in der zehnten Minute ein langer Wiesbadener Ball erneut abgefangen wurde. Halbherzig liefen die Wiesbadener die Duisburger Defensivspieler an, und gerade holte Christopher Schorch aus, um den Ball nach vorne zu schlagen. Stattdessen aber spielte er ihn punktgenau als etwas schwierig zu kontrollierenden Pass auf einen Wiesbadener Mittelfeldspieler. Besser hätten viele Stürmer als klassische Wandspieler den Konter auch nicht eingeleitet. Ich weiß nicht mehr, ob der Wiesbadener Spieler selbst am Flügel entlang marschierte oder einen Mitspieler schickte. Bilderbuchmäßig, sagt der Sportreporter gerne, wenn er von solch einem Konter spricht. Die Flanke kam, und weil Christopher Schorch den Wiesbadener Spieler im Sturmzentrum gut begleitete, übernahm er für ihn höflicherweise den Torschuss. Gelungenes Dreiecksspiel. Es stand 1:0, und ich merkte, ganz so egal war mir das Ergebnis doch nicht.

Ich kann dagegen nichts machen. Egal in welcher Sportart bei welchem Wettbewerb ich gerade unterwegs bin, egal ob ich selbst aktiv bin oder ob ich nur zuschaue, ich will, dass „meine“ Mannschaft gewinnt. Ich beginne mich zu ärgern, wenn Pässe nicht ankommen. Mich beschleicht Missmut, wenn ein Torschuss wieder daneben geht. Ich begann um meine Aufstiegsparty-Stimmung zu kämpfen. Dabei kam es mir zugute, dass neben mir zufällig ein alter Schulfreund saß. Vor dem Spiel gegen Kiel sind wir uns das erste Mal nach mehr als  30 Jahren über den Weg gelaufen, beim Auswärtsspiel gegen Wiesbaden schon wieder. Ein Zufall, der viel über die Zeit seit der Lizenzverweigerung erzählt. Denn im Netz tauschten wir uns schon seit dem Sommer 2013 wieder aus. So viele Anhänger des MSV Duisburg haben sich in den letzten zwei Jahren näher kennen gelernt, sind sich nach langer Zeit wieder begegnet und sind durch den Fußball beim MSV Duisburg in einem Kontakt, der über den Fußball hinaus wirkt.

2015-05_nach_1Mit der Führung der Wiesbadener verlor das Spiel des MSV Duisburg den kontinuierlichen Druck. Es gab noch zwei, drei Chancen zum Ausgleich. Die größte Chance in der ersten Halbzeit vergab Zlatko Janjic, der schön frei gespielt, halblinks alleine aufs Wiesbadener Tor zulief und sich anscheinend nicht recht entscheiden konnte, ob er schlenzen oder hart schießen sollte. Die Mischung macht´s, heißt es ja gern; in dem Fall machte sie es dem Torwart einfach, den Schuss zu halten.

2015-05_nach_2Die Chancen der Wiesbadener waren klarer, und nach meinem Gefühl waren es auch mehr. Gezählt habe ich sie nicht, und Gefühle können trügen. Sicher bin ich mir aber, dass sich zu Beginn der zweiten Halbzeit an meiner kaum vorhandenen Zuversicht auf den Ausgleichstreffer nichts änderte. Erst als als um die 55. Minute herum Kevin Scheidhauer, Martin Dausch und etwas später Michael Gardawski eingewechselt wurden, entwickelte die Mannschaft noch einmal Zug zum Wiesbadener Tor. Die klare Chance gab es nicht mehr. Kevin Scheidhauer verzog einen recht offenen Schuss  an der Strafraumgrenze. Das war es aber auch.

2015-05_nach_3Die Spieler hatten sich ohne Zweifel angestrengt. Während des Spiels war zu sehen, wie sie sich ärgerten über vergebene Chancen, über Fehler im Zusammenspiel, über slapstickartiges Zusammenprallen, wenn sie sich gegenseitig in den Weg liefen. Dann war die Pflicht erfüllt. Das letzte Spiel der Saison endete mit einer 1:0-Niederlage. An der guten Stimmung auf den Rängen hatte der Rückstand ohnehin nichts geändert. Das Spielfeld war in kurzer Zeit ins Blau der Aufstiegsshirts und in das Blau-Weiß von Schals und Trikots getaucht. Begeisterung gab es letzte Woche. Dieses Mal sah es mehr nach Spaß und Freude aus.

Noch einmal stieg die Mannschaft auf die Tribüne und feierte gemeinsam mit all denen, die ihren Platz auf dem Spielfeld eingenommen hatten. Noch einmal wurde versucht, die Ordnung aufrecht zu erhalten, indem die Anhänger der Zebras zurück auf ihre Plätze gebeten wurden. Noch einmal war das ein vergebliches Unterfangen. Und dieses Mal wurde gemeinsam gefeiert – ein Bild, das wir auch letzte Woche in Duisburg gern gesehen hätten. 2015-05_nach_4Die Wiesbadener Anhänger brauchten den Schutz der Polizeikette nicht. Wer immer auch vor den Wiesbadener Block lief, wollte ein Zeichen setzen – am Ende einer Saison sind wir alle eins, Menschen mit Spaß am Fußball und mit Einsatz für ihren Verein.

In Worten, Bild und Ton – Der MSV ist wieder da

auto_aufstiegVerdrängen oder intensiv bearbeiten – zwei Möglichkeiten, die das Leben bietet, um mit belastenden Erfahrungen umzugehen. Dabei hat das Verdängen nicht den besten Ruf bei den Lebenshilfe-Profis. Doch seitdem am Samstag das Spiel des MSV Duisburg gegen Holstein Kiel abgepfiffen wurde, arbeitet in mir anscheinend einiges daran, die Vergangenheit zu verdrängen. Anscheinend möchte ich mit einem Schlag jeden Fußball der 3. Liga vergesssen. Vielleicht habe ich auch mit dem Schreiben hier in den letzten zwei Jahren  genug bearbeitet von dem, was die Meldung vom Zwangsabstieg und dessen Folgen uns an unangenehmen Gefühlen bereitet hat. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, seitdem mit dem 3:1-Sieg des MSV der Aufstieg der Mannschaft in die Zweite Liga feststeht, fällt es mir schwer, mich an etwas anderes als an Jubeln und Begeisterung zu erinnern, geschweige denn dass ich über etwas anderes schreiben möchte. Denn dieses Schreiben hieße die Vergangenheit der 3. Liga noch einmal zum Leben erwecken.

Ich sehe einen leeren Rasen im ausverkauften Stadion. Das Spiel findet auf den Rängen statt. Dreimal wissen wir alle nicht wohin mit unserer Freude. Schemenhaft tauchen in diesen Momenten sogar blauweiß gestreifte Fußballspieler auf, die mitjubeln. Die erzielten Tore sind uns so selbstverständlich wie das Atmen. Auch darüber verlieren wir nur selten Worte. Dann wieder sehe ich sofort den Strom der Menschen auf das Spielfeld nach dem Abpfiff. Ich sehe irrwitziges Mienenspiel, ungelenkes Hüpfen und glücksvergessenes Tanzen. Ich höre unverständliches Stammeln und gegrölte Sätze, die Liedtexte sein sollen. Ich sehe Umarmungen, gezückte Handys, die ununterbrochen mitfilmen und mitfotografieren, was gerade geschieht. Sie nehmen Jauchzen und Schreien auf, komische Laute, die pures Glück sind. Raus, raus, raus, immerzu nur raus mit diesen ganzen überschwänglichen Gefühlen. Raus mit diesem Glück. Der MSV Duisburg ist der Grund. Der MSV ist wieder da, von der Elbe bis zur Isar, 2. Liga, wunderbar.

geschaeft_geschlossenAll das ist die Gegenwart meines Erinnerns. Alles andere ist in dieser Gegenwart schon die Vergangenheit der 3. Liga. Unwichtig geworden. Durchgangsstation. Allenfalls möchte mich ich noch an die erwartungsvolle Stimmung vor dem Spiel erinnern. In der Stadt machte sich wie im Juni 2013 die Bedeutung des Vereins bemerkbar. Nach zwei Jahren geschah das unter ganz anderen Vorzeichen. Wieviel Arbeit auf allen Ebenen steckte dahinter. Welche anders gelagerte Hoffnung konnte sich an diesem Tag zeigen. So früh waren die meisten von uns am Stadion. So früh waren die Stehplätze voll. So laut wie schon lange nicht mehr in diesem Stadion walzte ein Lied schon eine Stunde vor dem Anpfiff über den Rasen: „Werdet zur Legende, kämpfen ohne Ende für die Zweite Liga. EM – ES – VAU!“

Vielleicht ist dieses Fußballspiel aber auch verblasst, weil ich mir des Sieges so sicher war. Wenn ich vom Spiel sprach, erwahnte ich der Pflicht halber noch das Unentschieden als mögliches Ergebnis, das dem MSV auch noch alles offen hielt. Aber das Auftreten der Mannschaft in den letzten Spielen versprach etwas anderes. Diese Spieler hatten sich zu einem Spitzenteam gefunden. Wann haben wir in Duisburg, dieses Wort „Spitzenteam“ einmal ausgesprochen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Mannschaften der Zweitligaaufstiegsjahre ein derart großes Selbstbewusstsein ausgestrahlt haben. Wie sehr haben meine Freunde und ich uns in den letzten Jahren eine Mannschaft gewünscht, die das Spiel bestimmt und die ein Rückstand nicht aus der Bahn wirft.

traktor_fansIn den letzten Wochen der Saison konnten wir so eine Mannschaft erleben. Als ob es eines letzten Beweises bedurft hätte, geriet diese Mannschaft in dem entscheidenden Spiel gegen Holstein Kiel tatsächlich nach zehn Minuten in Rückstand. Michael Ratajczak hätte den scharf geschossenen Freistoß normalerweise halten können. Leicht war das nicht, aber auch nicht zu schwierig. Mannschaft und Zuschauer hatten etwas zu verdauen. Für meine Siegesgewissheit kam das Tor früh genug. Viel Zeit blieb, um das Spiel zu drehen. Denn eigentlich bestimmte der MSV in dem Moment dieses Spiel vollkommen. Von Anfang an drang die Mannschaft energisch auf ein Tor. Früh wurden die Kieler angegangen. Aggressiv gingen die Zebras in die Zweikämpfe. Um jeden Ball wurde intensiv gerungen. Jedem Ball wurde nachgegangen, selbst wenn die Chance ihn vor dem Aus zu retten noch so klein war.

Etwa zehn Minuten später war zu merken, der Druck des Anfangs auf das Kieler Tor war wieder vorhanden. Dieses Mal trieb Martin Dausch den Ball nach vorne. Die ganze Kieler Defensive zog er bei diesem beeindruckenden Antritt auf sich, um im perfekten Moment auf den frei gewordenen rechten Flügel zu spielen, wo Enis Hajri nachgerückt war und nun alleine auf das Kieler Tor zumaschieren konnte. Wer im Fußball gerne „ausgerechnet“ sagt, durfte das wieder machen. Ausgerechnet Hajri, den wir in Duisburg nicht als einen der ballsichersten Spieler kennengelernt hatten. Doch alleine aufs Tor zugehen ist etwas anderes als im defensiven Mittelfeld früh gepresst zu werden. Alleine behielt er die Nerven und verwandelte zum Ausgleich.

Begeisterung, die erste. Viel Zeit sich zu beruhigen blieb nicht. Der MSV fing den Angriffsversuch nach dem Wiederanstoß ab. Kingsley Onuegbu erhielt den Ball auf dem linken Flügel und trieb ihn nicht allzu schnell, aber wie in einem Hochsicherheitstrakt abgeschirmt Richtung Torauslinie der Kieler. Waren es vier, fünf, sechs Kieler, die er stehen ließ? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls erwarteten wir zweimal den Pass in die Mitte, und er ging einfach immer weiter unbeirrt Richtung Kieler Torauslinie. Dort zog er leicht nach innen, flankte genau, und der völlig frei stehende Michael Gardawski nickte per Kopf ein.

Begeisterung, die zweite. Viel Zeit sich zu beruhigen blieb nicht – wenn auch etwas mehr als nach dem Ausgleich. Wir alle spürten, nicht nur auf den Rängen wollte jeder die noch sicherere Führung. Auch die Mannschaft drängte weiter, als ob die Kieler Sparringspartner waren. Doch es war ernst. Es ging um den direkten Aufstieg. Der MSV spielte gegen eine Mannschaft, die in diesem Jahr noch nicht verloren hatte, eine Mannschaft, die viele ihrer Tore in den letzten Minuten erzielte, eine Mannschaft, die sich nicht aufgab. Deshalb war ein drittes Tor kein so schlechter Gedanke. Sechs Minuten dauerte es dieses Mal. Einwurf am linken Flügel durch Kevin Wolze, schneller Rückpass auf ihn, Flanke und dieses Mal macht Michael Gardawski das Tor mit dem Fuß.

12_mannAus Begeisterung wird Ekstase. So ließ sich der Rest des Spiels beruhigt angehen. Der Siegeswille der Kieler war zerbröselt. Kurz lebte er zu Beginn der zweiten Halbzeit noch einmal auf. Was auch daran lag, dass sich der MSV wie gewohnt zu sehr zurückzog und den Kielern die Initiative überließ. Doch in dem Spiel verließ sich der MSV nicht alleine darauf, dass aus dieser tiefer stehenden Defensive irgendwann mal ein Konter gelingt. In dem Spiel begann die Mannschaft nach etwa zehn Minuten der zweiten Halbzeit wieder höher zu verteidigen und vorbei war es mit dem Kieler Druck. Harmlos blieb die Mannschaft. Souverän sicherte der MSV bis zum Abpfiff den Vorsprung. Die bekannte Stärke der Kieler in der Schlussphase kam in Duisburg nicht zum Tragen.

Na, ein paar Erinnerungen an das eigentliche Spiel habe ich ja doch noch hervorkramen können. Manchmal muss man sich selbst ein wenig überlisten, dann klappt das auch mit den Bildern der Vergangenheit. Die Lebenshilfe-Profis nennen das dann Erinnerungsarbeit. Je intensiver diese Arbeit, desto freier für das Neue, Unbelastete, für die Begeisterung, für den Jubel, für die Zweite Liga. Der MSV ist wieder da.

Und nun wieder Begeisterung pur: Die sieben Minuten Übermacht MSV Duisburg mit dem sich überschlagenden Kommentar von ZebraFM – Großartig.


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