Posts Tagged 'Erziehung'

Ein Pixi-Buch als MSV-Überraschungs-Paket

Manchmal verbirgt sich eine große Überraschung hinter der Verpackung. Neulich habe ich ein Pixi-Buch als liebevoll gedachtes Mitbringsel geschenkt bekommen. Das kleine Pixi-Buch heißt Beste Fußballfreunde, und es erzählt eine Geschichte, die uns mit den Superfußballkräften einer der Vereinslegenden des MSV Duisburg bekannt macht. Was sage ich?! Nicht einer der Vereinslegenden, sondern der Vereinslegende.

Die Eltern unter euch wissen wahrscheinlich, ein Teil der Pixi-Bücher richtet sich an ein Zielpublikum, das nach medialer Unterstützung eigener Erziehungsziele sucht. Eltern kaufen sie in der heimlich Hoffnung, tolle Pixi-Buch-Figuren-Vorbilder schaffen unangestrengt das, woran sie selbst mühselig Tag für Tag mahnend erinnern müssen. So sind Zähneputzen, das Aufräumen von Zimmern oder das Verhalten auf der Straße beliebte Themen für Pixi-Bücher.

Auch „Beste Fußballfreunde“ bringt dieses pädagogische Gepäck in subtiler Form mit. Eine der  Botschaften dieses Buches bleibt unausgesprochen, was ein erfreulicher Hinweis auf gesellschaftlichen Fortschritt ist.  Denn Kinder unterschiedlicher kultureller Lebenswelten spielen hier selbstverständlich zusammen und sind die besten Freunde. Das vermittelt schon das Titelbild. Für Hamit und Niki ist das Fußballspiel zwischen den Wohnblocks das Größte.

Manchmal rollt der Ball allerdings vom Rasen auf die angrenzende Spielstraße. Was dann passiert, kann nur durch eine MSV-Legende gelöst werden. Der Ball rollt gegen ein Auto. Der Autofahrer hält an. Er schimpf und droht. Doch dann kommt Super-Ennatz im nachfolgenden Auto und bringt die Welt wieder in Ordnung. Denn der drohende Autofahrer ist MSV-Fan und verehrt natürlich die Legende des Vereins. Im weiteren aber erklärt Ennatz noch mit gütigen Worten, er habe das Fußballspiel auf der Straße gelernt.

Martin Klein, Beste Fußballfreunde. Mit Illustrationen von Markus Spang © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2019

Vielleicht sollte zum Ende der Geschichte nur eine Pointe her, doch unter der Hand verwandelt sich diese Pointe zum pädagogischen Hinweis. Und dieser Hinweis muss lesende Kinder in Verwirrung stürzen. Ennatz schickt sie zurück auf den Rasen, weil es Straßenfußball heute nicht mehr gibt. Dabei trifft der Ball das Auto ja unbeabsichtigt in einer Spielstraße, also dort, wo das Spielen erlaubt ist und sie im Recht waren.

Außerdem zeigt Ennatz sogar noch seine Fußballsuperkräfte, indem er von der Straße aus den Ball über 40 Meter im Winkel des nicht sichtbaren Tores auf dem Rasen versenkt. Solche Supertorschussqualitäten hat er doch auf der Straße erworben. Wenn ich als Kind so etwas lese, würde ich doch von da an diesen fantastischen Schuss von der Straße aus täglich üben wollen.

Wir sehen, von Zähneputzen ist deutlich einfacher zu erzählen als vom folgerichtigen Verhalten zwischen Wohnblocks und Spielstraßen, besonders dann wenn man dazu Ennatz mit Superfußballkräften wählt.

Martin Klein, Beste Fußballfreunde. Mit Illustrationen von Markus Spang, Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2019, Pixi-Serie 267, Nr. 2428, € 0,99

ISBN 978-3.551-04355-9

Meinolf Sprink und Frank Schaefer halten Verantwortung für völlig überbewertet

Ausschreitungen beim Derby zwischen dem 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen werden keine Folgen haben. Der Trainer des 1. FC Köln Frank Schaefer äußert Verständnis für Wutausbrüche und Ärger nach dem nicht gegebenen regulären Tor von Lukas Podolski. Er sagte, wenn da einer dann einen Gegenstand von Bayer 04 Leverkusen beschädige, werde er denjenigen nicht verurteilen. Da war er sich ganz einig mit dem Leiter Kommunikation und Marketing von Bayer 04 Leverkusen Meinolf Sprink: Bayer 04 Leverkusen werde die Täter nicht weiter behelligen und schon gar nicht Schadensersatzansprüche angesichts der Zerstörungen stellen.

So ähnlich hatte ich heute morgen einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger verstanden, konnte es aber im Nachhinein nicht mehr recht glauben. Vorhin erst fand ich Zeit, den Nachbericht zum Spiel von Bayer 04 Leverkusen gegen den 1. FC Köln noch einmal in Ruhe zu lesen. Ich hatte alles missverstanden. Es ging in dem Artikel gar nicht um Fans. Es ging um Lukas Podolski. Der hat nach dem Spiel am Sonntag aus Ärger über sein nicht gegebenes reguläres Tor die Plexiglasscheibe einer Tür eingetreten. Allerdings stimmt die launige Einigkeit in beiden Vereinen, dass alles nicht so schlimm sei. Frank Schaefer sagte tatsächlich:  „Wenn er [Lukas Podolski] nach dem Spiel hört, dass das Tor kein Abseits war und er daraufhin einen Gegenstand von Bayer 04 Leverkusen beschädigt, dann werde ich als FC-Trainer darüber bestimmt nicht mit ihm sprechen“. Und auch der Leiter Kommunikation und Marketing bei Bayer 04 Leverkusen Meinolf Sprink wird ihm „keine Rechnung schicken“.

Komisch, warum eigentlich nicht? Manchmal lese ich etwas, was mich so ärgert, dass ich kaum wohl klingende Worte finde, sondern in einem fort nur noch schimpfen könnte. Was glauben Meinolf Sprink und Frank Schaefer eigentlich, wie ihre Worte in der Öffentlichkeit auf Jugendliche wirken? Dass Lukas Podolski da eine Scheibe eintritt, geschenkt,  aber wieso soll das als normal durchgehen? Was sind das für hohle Worte, wenn es um den Nutzen des Fußballs für unsere Gesellschaft geht und diese Worte von Offiziellen des Fußballs gesprochen werden? In solchen Momenten des Alltags könnte es sich zeigen, ob im Fußball  Verantwortung für diese Gesellschaft wirklich gelebt werden soll. Im Alltag müsste sich das beweisen und nicht bei der nächsten Rede auf einer offiziellen Feier.

Der Vorfall muss gar nicht hochgespielt werden, aber er muss doch so behandelt werden, wie es in so vielen anderen Zusammenhängen von den Bewohnern dieses Landes immer wieder gefordert wird. Bitte schön, tragt Verantwortung für euer Handeln. Und das bedeutet sehr wohl, Herr Sprink, eine Rechnung auszustellen über die Reparatur einer Tür und das bedeutet sehr wohl, Herr Schaefer, ihrem Spieler zu sagen, ich verstehe deinen Ärger, doch das geht nicht, was du da machst.

Was nun den Fußballinteressierten und vor allem den für diese Art Aggressionsbewältigung doch sehr empfänglichen jungen, männlichen Jugendlichen als normal hingestellt wird, ist ein Angriff auf jedwedes zivilisiertes Zusammenleben. Vielleicht versteht ihr meinen Ärger besser, wenn ihr wisst, dass ich seit über zwanzig Jahren im Berufsalltag meiner Frau mitbekomme, welch schwieriges Geschäft es ist, Jugendlichen zu verdeutlichen, dass sie Verantwortung für all ihr Verhalten tragen und es nicht auf den nächstbesten abladen können. Vielleicht versteht ihr meinen Ärger besser, wenn ihr zudem wisst, dass auch ich seit ein paar Jahren in Schreibprojekten immer wieder jenen Kindern und Jugendlichen begegne, deren Eltern sich genauso wie Meinolf Sprink und Frank Schaefer verhalten. Mal verhätscheln Sie ihre Kinder, wenn die gerade dem Mitschüler das Nasenbein gebrochen haben; dann hat der andere bestimmt irgendwas gemacht, warum er zurecht die Faust ins Gesicht bekam. Mal strafen sie ihre Kinder wegen nichtigster Anlässe und wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Sie verhalten sich unberechenbar und inkonsequent, und ihre Kinder beginnen viel zu früh, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Denn von den eigenen Gefühle wissen sie wenigstens, dass sie echt sind; und jedes dieser eigenen Gefühle wollen sie alleine deshalb ausleben. Mit den Folgen dieses Auslebens haben dann Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten und Richter zu tun. Und vielleicht versteht ihr meinen Ärger besser, wenn ihr wisst, dass mir diese Zeigefinger- und Abgrenzungsrhetorik abseits dieser prekären sozialen Lagen ungemein auf die Nerven geht. Es ist so einfach, was schiefläuft dort, in den sozialen Brennpunkten unserer Gesellschaft zu erkennen und jene Verantwortung nur dort einzufordern, wo es einem selbst nicht weh tut.

All das haben Frank Schaefer und Meinolf Sprink sicher nicht bedacht. Sie haben sich verhalten, wie man sich eben so verhält, wenn man keinen zusätzlichen Ärger will und nachbarschaftliche Beziehungen nicht übermäßig strapazieren möchte. Wie gesagt, Verantwortung verbal einfordern lässt sich leicht. Verantwortung tatsächlich zu tragen, das ist anstrengend, weil oft konfliktvoll. Beide sollten sich daran erinnern, dass Verständnis zu haben nicht gleichzeitig bedeutet, jede Regelübertretung zu tolerieren.

Aber vielleicht unterschätze ich Frank Schaefer und Meinolf Sprink auch. Vielleicht denken beide sehr intensiv über unsere Gesellschaft nach und möchten die BayArena zu einem Zentrum des Aggressionsabbaus machen. Dann lautet die Botschaft ihrer Worte: Besucht die Heimspiele von Bayer Leverkusen, wenn ihr euch über irgendetwas geärgert habt. Reißt Sitzplätze aus der Verankerung, tretet Türen ein und schmeißt Bierbecher in die grün gewordene Imbissbude. Danach geht es euch besser, und die entstehenden Kosten teilen sich Bayer-Stiftung, Bayer AG und Bayer Leverkusen. Deutschland dankt für dieses einzigartige Anti-Gewalt-Projekt!


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