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Meidericher SV, 100 Jahre Ruhrgebiet und die Leiden von RWE-Fans

Noch immer bin ich nicht ganz in der Gegenwart dieser Saison angekommen, geschweige denn, dass ich eines der zwei Punktespiele bislang habe sehen können. Die Spielergebnisse des MSV bewegen mich zwar, aber die hoffentlich bald vorübergehende Normalität des hygienischen Stadionbesuchs fühlt sich weiter unwirklich an. Ich schaffe meinen eigenen freiberuflichen Alltag und mein nahes privates Leben unter den besonderen Corona-Bedingungen hinzubekommen. Dafür braucht es mehr Planung als in früheren Zeiten. Es gibt weiter mehr Ungewissheit und weniger Möglichkeiten zu Lesungen und Auftritten. Da bleibt weiter nicht viel Raum, mich an einen Fußball unter Corona-Bedingungen zu gewöhnen.

Statt der Gegenwart bringt deshalb die Vergangenheit, mir den Fußball sehr viel häufiger nahe. Ich beschäftige mich für zwei Projekte mit dem Fußball als Kulturphänomen, und dann gibt es noch die Zufallsbegegnungen wie neulich bei der Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet – Die andere Metropole“ im Ruhrmuseum auf Zeche Zollverein. In der überschaubaren Ausstellung wird das Ruhrgebiet in sieben Segmenten vorgestellt, eines davon nennt sich „Sport- und Veranstaltungsmetropole“. Lassen wir mal die Metropole als wieder einmal viel zu großes Wort für die Gegebenheiten des Ruhrgebiets beiseite.

Beiseite lassen, das möchte ich gerade, aber dieser kleine Ausstellungs-Nebenraum mit ein paar Plakaten, gröhlt mir gerade noch einmal lachend ins Ohr. „Metropole“, höre ich und dieses irre Lachen. Egal, in dem Metropolen-Tempel der Konzerte und des Sports, der Gruga-Halle, fand jedenfalls im Januar 1964 ein wahrhaftiges Metropolen-Ereignis statt, an dem der Meidericher SV teilnahm. Das Teilnehmerfeld mit den anderen hochkarätigen Vereinen der Metropole muss die Fußballfans in aller Welt begeistert haben. Mir ist das Ergebnis dieses Turniers nicht bekannt. Sehr viel älter als ich, muss man nicht sein, um sich daran zu erinnern. Vielleicht liest ja jemand mit, der dort war, und was erzählen kann.

Die traditionsbewussten Anhängern von Rot-Weiss Essen drehen wahrscheinlich am Rad beim Blick auf das Plakat. Selbst in der Heimatstadt des Vereins hielt es die Gruga-Verwaltung 1964 schon mehr mit der Rechtschreibung als mit der Vereinstradition. Wer einem RWE-Fan das  Doppel-S im Farbwort nimmt, greift dessen Identität an. Mancheiner nimmt das gar als Beleidigung. Vielleicht liegt da der tiefe Grund für den Niedergang von RWE, diese Ignoranz der eigenen Stadt gegenüber den Werten bei RWE.

Deshalb schnell das Beruhigungsmittel für alle mitlesenden RWE-Fans: weiss weiss weiss weiss weiss. Zu Risiken und Nebenwirkungen der täglichen Doppel-S-Zufuhr fragen sie ihre Blogger und Vereinshistoriker. Offensichtlich hat es ein RWE-Fan in Essen schwer. Zeche Zollverein, der Ausstellungsort, liegt ja bekanntlich in besagtem Essen. Als ich die eine einordnende Texttafel zum Stadionbau in der Rubrik Sportereignisse las, hatte ich verzweifelte RWE-Fans wohl gerade verpasst. Es war Hand angelegt worden an die Kürzest-Geschichtsschreibung der Ausstellung. Die RWE-Geschichte der 60er fehlte RWE-Fans jedenfalls dort.

Ich kann die Enttäuschung dieser Fans verstehen. Wenn Bochum dort steht, obwohl der VfL erst 1971 in die Bundesliga aufstieg, kann RWE zurecht auf Gleichberechtigung pochen. Zwar war das in den 1960ern  vorhandene Georg-Melches-Stadion erst wenige Jahre zuvor gebaut worden, doch profitierte RWE damals von einem der modernsten Stadien seiner Zeit.

Geschichtsschreibung ist schwierig. Der Anfang des Textes passt wegen der sehr viel späteren Bundesligazugehörigkeit des VfL argumentativ nicht zum Ende. Da hätte dann RWE auch nicht mehr gestört.

Insgesamt hat mich die Ausstellung übrigens etwas enttäuscht, weil die Ausstellungsinhalte sich zu gut der Hälfte nicht von der Dauerausstellung unterschieden. Dieser Sportbereich findet sich in der Dauerausstellung ebenso in ähnlicher Form wie der andere Kulturbereich. Ich hätte eine engere thematische Bindung an den Regionalverband Ruhr und die Gemeinschaftsbemühungen besser gefunden. Schließlich ist das RVR-Jubiläum Anlass der Ausstellung. Andererseits erhalten Erinnerungen an eigene Lebensgeschichte Futter. Was natürlich auch einen Wert hat.

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 14: Himmelmann

Ohne die Algorithmen von youtube wäre ich niemals auf die Essener Drei-Mann-Band Himmelmann gestoßen. Wer aber Lieder übers Ruhrgebiet sucht und die passenden Stücke von Ährwin gerade zusammenstellt, erhält in der Seitenleiste den Hinweis auf den Gitarrensong Ruhrgebiet von Himmelmann. Das Trio macht offensichtlich schon längere Zeit Musik, deutschsprachigen Akustikrock nach eigenen Worten. Mit einer Seite im Netz und bei Facebook bieten sie zwei Anlaufstellen für weitere Information. Ruhrgebiet besitzt zwar einen etwas sperrigen Refrain,  die meisten im Pott werden ihm aber wohl zustimmen: „Mensch, was bin ich froh, sagen zu können, dass ich ein Kind vom Ruhrgebiet bin“.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 2: Yark

Eine Sammlung mit nur einem Inventarstück macht wenig Arbeit mit der Ordnung, wird aber schnell langweilig. Damit ein gewisser Grundstock in dieser Heimatliedsammlung der Ruhrstadt vorhanden ist, und auch damit ich meinen berühmten Schlusssatz unter die Clips setzen kann, mit dem ich euch auffordere weiterzuklicken zu allen Folgen der Sammlung, deshalb schicke ich heute schnell nacheinander noch eine Mischung aus Fundstücken und Pottlied-Klassikern unter die Leute.

Kinder des Potts heißt der Rap-Song von Yark, der auch bei Facebook zu finden ist.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Die neue Reihe: Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 1: Das Spardosen-Terzett

Nachdem ich mir neulich in diesen Räumen hier über Identität im und des Ruhrgebiets Gedanken gemacht habe, greife ich ab heute das Wissen und Fühlen der Menschen dieses Ruhrgebiets von Gemeinsamkeit auf. Neben der Liedsammlung des Ruhrstadt-Stadtteils Duisburg beginne ich also meine Serie “Heimatlied – Sektion Ruhrstadt“. Da meine Absicht sich gegenüber meiner Beschäftigung mit Duisburgs Liedgut nicht verändert hat, kann ich mich nur wiederholen. „Heimatlied – Sektion Ruhrstadt“ verstehe ich als dokumentierende Sammlung. Nicht immer entspricht, was zu hören ist, meinem musikalischen Geschmack. Auch nicht jeder Text findet meine inhaltliche Zustimmung. Doch gute Heimatlieder entstehen nur, wenn eine breite Basis regelmäßigen Schaffens vorhanden ist. Das sagt der Kölner in mir. Es gibt wahrscheinlich keine Stadt in Deutschland, die derart oft besungen wird – nur zu häufig mit den simpelsten Melodien und den entsprechend simpelsten Worten über das Kölsch, den Dom und das lecker Mädche. Doch das macht nichts, denn die sehr guten, überdauernden Lieder entstehen nur, wenn das Besingen der Heimatstadt selbstverständlicher Teil der Alltagskultur ist.

Vom Spardosen-Terzett gibt es mit „Glück auf, Ruhrgebiet“ eine Ruhrgebiets-Hymne im unverkennbaren Sound der Combo. Das Kulturhauptstadtjahr 2010 hatte auch die Essener Musiker inspiriert. Das Ganze klingt dann doch gleich bodenständiger als das seinerzeit von Herbert Grönemeyer vorgestellte Auftragswerk.

Auch wenn ich meinen einleitenden Worten sofort widerspreche und hier nun mehr als das Dokumentarische erkennbar wird, sobald ich Herbert Grönemeyers Auftragswerk erwähne, kann ich nicht anders als René Steinberg mit seinen witzigen Anmerkungen zu „Komm zur Ruhr“ zu Wort kommen zu lassen.

 

In eigener Sache: 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen

Immer mal wieder blicke ich hier auch über den Fußball-Tellerrand. Heute mache ich das in eigener Sache. Der ein oder andere wird es schon mitbekommen haben, seit einer Woche ist 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen im Buchhandel erhältlich. Inzwischen weiß ich manchmal nicht mehr, wer zunächst das Alter Ego des anderen war, jedenfalls hat dieses Buch nicht Kees Jaratz geschrieben sondern Ralf Koss.

Als Der Stig mich neulich beim Erscheinen fragte, was es denn mit diesen 111 Orten auf sich habe, erzählte ich ihm, mit diesen 111 über das Ruhrgebiet verteilten Orten wollte ich die gesamte Geschichte des Ruhrgebiets von der Antike bis in die jüngste Vergangenheit auf unterhaltsame Weise erzählen. Ich wollte die unbekannteren Geschichten an manchen bekannten, klassischen Orten dieser Region erzählen. Ich wollte an überraschenden Orten Bedeutsames für die Region vorstellen und den Bogen schlagen – wenn möglich oder nötig –  zur allgemeinen deutschen Geschichte. Ich wollte den Lesern des Ruhrgebiets zeigen, da kommt ihr her und  ihr habt eine gemeinsame Geschichte. Außerdem sollten historische Bilder der Orte zu sehen sein und mit einem aktuellen Bild sollte gezeigt werden, wie es heute dort aussieht. Ich hatte mir also viel vorgenommen.

Anschließend habe ich Dem Stig das Vorwort des Buchs zu lesen gegeben. Vielleicht hilft es euch ebenfalls einen Eindruck zu gewinnen, worum es mir bei der Arbeit an dem Buch ging.

Das Ruhrgebiet in der Vergangenheit, das sind Kohle und Stahl. So wird es meist erzählt. Tatsächlich führte erst die Industrialisierung in den Städten der Region zu dem Bewusstsein, eine gemeinsame Geschichte zu besitzen. Tatsächlich richtete sich die Aufmerksamkeit meist auf das Geschehen in der Montanindustrie. Hoffnung, Auseinandersetzungen und Sorgen brachte sie mit sich, oft stellvertretend für ganz Deutschland, sei es im Deutschen Reich oder nach dem Zweiten Weltkrieg, sei es im Zuge des so genannten Strukturwandels.
Doch so sehr die Industrie noch das gegenwärtige Bild des Ruhrgebiets prägt, diese Stadtlandschaft bietet selbstverständlich auch andere Geschichte(n). Ob es Ereignisse in den Hanse- oder Ackerbürgerstädten fernerer Zeiten sind oder Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit, die im Ruhrgebiet nicht vermutet werden, weil sie selten erzählt sind. In Kultur und Sport geschah Bemerkenswertes. Was gibt es zur Identität des Ruhrgebiets zu sagen?
Bestimmte Plätze, Häuser, manchmal auch Schächte, einzelne Orte des Ruhrgebiets bestimmen diese Geschichten. Etwas geschah und wirkt weiter, auch jetzt, wo die Bevölkerung sich nicht mehr zu großen Teilen aus Bergleuten und Stahlarbeitern sowie ihren Familien zusammensetzt. Mit den erzählenswerten Geschichten der Vergangenheit geht es eben auch um die Frage, was diese Region für wichtig nimmt, und wohin sie vielleicht gehen wird.
Mit unseren Geschichten wollen wir auch Alltag und Lebenswirklichkeit des Ruhrgebiets durch die Zeitläufte einfangen. Wir wollen zum Weiterlesen anregen, zum Nachdenken darüber, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Wo sie bestimmend ist, ohne wahrgenommen zu werden. Wo sie hilfreich sein kann, weil mit ihr Stärken dieser Region aufscheinen.

Wer einen Blick ins Inhaltsverzeichnis werfen will, klickt einmal weiter zu der Seite im Netz, auf der nicht nur zusätzliche Informationen rund um das Buch online gestellt werden, in Zukunft wird es dort regelmäßig um weitere Orte im Ruhrgebiet gehen, die Geschichte erzählen. 

 

Ralf Koss und Stefanie Kuhne
111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen
240 Seiten
Emons Verlag
€ 14,95

Versteigerung eines Original-Trikots von Gintaras Staučė aus der Jens Lehmann-Sammlung

Der Fußball in Essen kann seit vielen Jahren auch als eine Geschichte des fortwährenden Messerritts Finanzierung erzählt werden. Rot-Weiß ist aus der letzten Insolvenz gestärkt hervorgegangen. Der Erzrivale aus dem Süden der Stadt, Schwarz-Weiß Essen, hatte unlängst den Insolvenzantrag schon abgegeben und konnte ihn im letzten Moment zurück ziehen. So eine Rettung in letzter Sekunde mindert natürlich nicht die Schwierigkeiten, die zukünftige Finanzplanung in den Griff zu bekommen. Wer wüsste das nicht besser als wir in Duisburg angesichts des Geschehens im Dezember letzten Jahres.

So nimmt ETB Schwarz-Weiß Essen jede weitere Unterstützung gerne an. Jens Lehmann besitzt eine Bindung an den Verein, weil er den größten Teil seiner Zeit als Jugendspieler bei Schwarz-Weiß verbrachte. Nun stiftet er einen Teil seiner Sammlung von Original-Trikots für eine Versteigerung, deren Erlös Schwarz-Weiß zugute kommt.

Für uns in Duisburg ist es deshalb interessant, weil unter anderem auch ein Trikot von Gintaras Staučė versteigert wird. Staučė spielte von 1997 bis 2001 bei den Zebras, zunächst als zweiter Torwart hinter Thomas Gill, bis er ihn in der Saison 1998/99 am 13. Spieltag im Heimspiel gegen den VfL Bochum als Nummer 1 verdrängte.

Wer also seiner Sammelleidenschaft nachgeben will und die freundschaftliche Gabe in die Kasse des Essener Südstadtvereins nicht scheut, kann bis zum 3. März, 15.13 Uhr bei Ebay mitsteigern. Andererseits weiß ich nicht genau, ob bei der Finanzsituation des MSV nicht immer noch das Zebra-Hemd näher sein müsste als die ETB-Jacke. In Merchandising-Artikel investieren statt ins Original-Trikot oder gleich spenden? Eine schwierige Frage der Moral!

Leichter fällt es zu sagen, dass Lemonhaus e.V., der Förderverein des Obermarxloher Jugendzentrums Zitrone, eine gute Adresse für Erlöse von Versteigerungen ist. Ein riesiger Plüscheisbär wird – ebenfalls bei Ebay bis zum 4. März 18.38 Uhr – versteigert, und der Förderverein unterstützt mit dem Erlös die Sommerferienfahrt des Jugendzentrums für Kinder, die sonst keinen Urlaub machen können. Wo wir schon mal bei Versteigerungen für gute Zwecke sind.

 

 

Der Liveticker neben der Helmut-Rahn-Gedenkwand

Die anderen Gäste in der Frohnhausener „Friesenstube“ verfolgten mit dem Reporter von Radio Essen das Auswärtsspiel von Rot Weiß bei der Kölner Viktoria. Die Leitung war gut, entsprechend  auch das Spiel. Die Anhänger der Mannschaft aus dem Pott konnten zufrieden sein. Rot Weiß führte. Den Gästen der Friesenstube war das  nicht anzumerken. Für den FC Kray in derselben Liga lief es gegen die zweite Mannschaft vom 1. FC Köln anders. Die Telefonverbindung passte zur skeptischen Reporterstimme angesichts des Spielverlaufs. Sie passte aber auch zu unserem Helmut-Rahn-Gedächtnistag. Diese Radio-Momente klangen nach Vergangenheit.

Mit dieser Telefon–Stimme im Hintergrund war es leicht vorstellbar, dass Helmut Rahn zur Tür reinkommt, sich an den Tresen setzt und kurz zu uns rüberguckt, ob auch wir in der Kneipe unbekannten Gesichter mal wieder die Geschichte von seinem Tor erzählt bekommen wollten. Wir hätten ihn überrascht. Was interessierte uns ein Wunder von Bern, wenn die erfolgreichste Bundesliga-Saison des MSV Duisburg zu besprechen gewesen wäre. Mit Freunden war ich nach Essen gefahren, erst zur Helmut-Rahn-Sportanlage, dem 60. der „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss„, danach ging es zur Friesenstube, der einstigen Stammkneipe Helmut Rahns, die als Ziel auf der Deutsche Fußballroute NRW sogar touristisch erschlossen ist. Doch nur das Routenschild vor der Kneipe weist darauf hin. Reisebusse fahren nicht vor.

Während die wortkargen Gäste dem Radio lauschten, hatten wir unseren Live-Ticker und wussten um die 1:0-Führung des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen. Was dort im Süden geschah, schien selbst nach der Halbzeitpause nicht weiter bedrohlich zu werden. Die Nachricht vom zweiten Brandy-Tor machte die Friesenstube dann zum Zebrastall. Die einsamen Herren am Tresen bedachten uns ebenso mit freundlichen Blicken wie Bedienung Chrissi. Auch mal eine schöne Erfahrung mit Fußball in Essen.

Dieser Sieg war notwendig, wichtig und nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Als ich den Vorbericht aus der Region mit o-Tönen von Nicky Adler las, wusste ich, im Grunde wird es dassselbe Spiel wie gegen Ingolstadt, nur dass der Gegner dieses Mal weniger fußballerische Qualität aufweist. Der SV Sandhausen machte die Zebras zum Favoriten, sie würden deshalb tief stehen und wieder einmal bekäme der MSV Duisburg Probleme gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Doch Kosta Runjaic hatte aus dem Spiel gegen den FC Ingolstadt einen nahe liegenden Schluss gezogen, über den viele von uns Zuschauern auch schon oft nachgedacht hatten. Er nahm Antonio da Silva von Beginn an in die Mannschaft.

So kamen viele Dinge zusammen. Wahrscheinlich war der SV Sandhausen nicht nur im Spiel nach vorne schlechter als der FC Ingolstadt. Auch die Defensive bot mehr Lücken. Diese zu nutzen, dazu musste die Mannschaft des MSV Duisburg aber erst einmal in der Lage sein. Nach dem, was ich hörte, las und gesehen habe, war die Leistung aller einzelnen Spieler deutlich besser als vor einer Woche. Aber auch das durch die Hereinnahme von da Silva variablere Spiel schuf für den MSV Duisburg Vorteile.  Das Problem zwei kurz nacheinander aufgestellte Vierer-Ketten überspielen zu müssen konnte so gelöst werden. Wenn ich zudem das zweite Tor von Sören Brandy sehe, weiß ich auch, dem Mann gelang an diesem Tag mehr, als wir bislang von ihm gesehen haben. Wie Brandy sich im Strafraum mit dem Rücken zum Tor samt Ball vom Gegenspieler löst und sofort erfolgreich den Abschluss sucht, das hat Klasse. Es zeugt von seinem Selbstbewusstsein an diesem Tag. Wollen wir hoffen, diese Erfahrung trägt in die nächsten Wochen hinein. Kämpferisch konnte er bislang ja stets überzeugen. Es fehlten genau solche spielerischen Momente wie gegen Sandhausen, die ihn in Paderborn regelmäßig ausgezeichnet hatten.

Den Ausblick auf die nächsten zwei Spiele wage ich nur zögerlich. Wir wissen einfach nicht, wie gefestigt das spielerische Niveau dieser Mannschaft ist. Sehr viel mehr aus  wirtschaftlicher denn aus sportlicher Perspektive wäre ein Auswärtssieg im Pokalspiel gegen den Karlsruher SC wichtig. Aber Pokal ist Pokal. Wir werden sehen und hoffen. Und wenn am nächsten Samstag der Auswärtssieg gegen Sandhausen mit einem ebenso nicht selbstverständlichen Heimsieg unterfüttert würde, sähe unsere Zebrawelt schon wieder etwas rosiger aus.

Ich bin übrigens mal gespannt, welchen Nachfolger der VfL Bochum für Andreas Bergmann findet. Doch egal, wer in Bochum jetzt Trainer wird, die Veränderung dort wird keinen so großen Unterschied machen wie der Trainerwechsel in Duisburg. Zumal die Saison inzwischen voran geschritten ist. Da ist der MSV Duisburg sehr viel weiter in der Entwicklung und besitzt gegenüber diesem Konkurrenten aus dem Pott eindeutige Vorteile. Davon ab begrüßte ich es natürlich, wenn auch der VfL die Klasse hielte – trotz der komischen gelb-roten Embleme auf den Trikots.

Und vor dem Spiel noch etwas ganz anderes: Ruhrtriennale 2012

Die erste Spielzeit von Heiner Goebbels als künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale verspricht dem Publikum Erfahrungen, die uns Zuschauern des MSV Duisburg oft nicht fremd sind. Heiner Goebbels möchte mit dem zusammengestellten Programm Begegnungen bieten „mit etwas, das wir noch nicht kennen: ein ungesehenes Bild, ein ungehörter Klang, eine nicht für möglich gehaltene Bewegung.“ Im Stadion ist so etwas in dieser Saison für uns lange Zeit normal gewesen. Wir wussten nicht, was uns erwartet, welche Qualität die Mannschaft im Spiel zeigen konnte, und so standen wir oft genug verständnislos vor der Leistung der Mannschaft. Dieses Risiko der Verständnislosigkeit geht Heiner Goebbels mit dem Programm der Ruhrtriennale ein. Überfliegt man das Programm findet sich auf den ersten Blick kaum etwas, was einem Publikumsbedürfnis nach erzählerischen Formen von Kulturerfahrungen entspricht. Nachvollziehen von Handlung tritt in diesem Programm zurück hinter die reine Wahrnehmung von Geschehen. Heiner Goebbels interessiert „Theater als eigene Realität“. In den Räumen der Industriekultur soll auf kein Draußen verwiesen werden, und die Zuschauer sollen ihre eigenen Verbindungen zwischen ihrem Erleben im Theater und der Realität ziehen.

Wenn Heiner Goebbels im folgenden mit Holger Noltze über das Eröffnungswerk der Ruhrtriennale, Europeras 1&2 von John Cage, spricht, werden auch seine Vorstellungen von Kunst noch einmal deutlich.

Nun wissen wir Zuschauer des MSV Duisburg aus dieser Saison, nicht immer möchte man als Zuschauer ein Spiel voller Überraschungen und ungeahnten Spielmöglichkeiten, die nicht auf einen Zweck verweisen. Manchmal möchte man einfach auch nur einen ungefährdeten Anpfiff-Abpfiff-Sieg sehen. Man möchte manchmal auch nur ein schönes Spiel sehen mit dem ein oder anderen technischen Kabinettstückchen. Erst danach ist man auch wieder für die Wundertüte MSV Duisburg bereit. Deshalb bin ich ein wenig skeptisch, ob das Ruhrgebiet der richtige Ort für das künstlerische Konzept von Heiner Goebbels ist. Mir fehlen Programmteile, bei denen ich etwas genauer weiß, was mich erwartet. Es war ja in den vorherigen Spielzeiten keineswegs so, dass jeder Programmteil Boulevard für das Bildungsbürgertum des Ruhrgebiets bot. Auch zuvor gab es Kunst, deren Bezüge zur Realität, das Publikum selbst herstellen musste; Kunst, die sehr auf das Ereignis des Abends bezogen war, die nicht eingängig war und die manchmal ratlos zurückließ. Die Mischung war aber da, die ein Publikum dazu bereit machte, sich auf das ganz andere einzulassen. Ich bin gespannt, welche Folgen diese Programmgestaltung für die Zuschauerzahlen haben wird.

Für den schnellen Programmüberblick sei hier auch noch einmal die Pressemitteilung der Ruhrtriennale zitiert: „Zu den Höhepunkten des Festivals zählen die Opern Europeras 1&2 von John Cage in der Jahrhunderthalle, inszeniert von Heiner Goebbels und seinem Team, und Carl Orffs Prometheus in der Kraftzentrale – in der Regie des samoanischen Choreografen Lemi Ponifasio, sowie die Live Art-Ausstellung 12 Rooms im Essener Museum Folkwang. Die Jahrhunderthalle Bochum wird mit En Atendant und Cesena von Anne Teresa de Keersmaeker außerdem Schauplatz einer einzigartigen Doppelinszenierung bei Sonnen-untergang und Sonnenaufgang. Erstmalig Gäste der Ruhrtriennale sind die Theatermacher Robert Lepage, der im Salzlager auf Zollverein, Essen, seinen neuen Theaterzyklus Playing Cards eröffnet und Romeo Castellucci, der mit FOLK. im Duisburger Landschaftspark die Grenzen des Theaters in Bewegung bringt. Ein Open Air-Konzert der japanischen Gruppe Boredoms sorgt für Schlagzeug-Power in der Bergarena der Halde Haniel in Bottrop.“

Den Ruhrschnellweg mit Fußball entlanggebloggt

Wenn ich zwischen dem Blick auf eine Landkarte und dem auf die entsprechende Landschaft wählen muss, gewinnt die Landkarte. Der Blick von oben erschließt Zusammenhänge und bildet Identitäten. Wenn ich die A 40 als Ort des Still-Leben Ruhrschnellweg im Netz entlang surfe, um mir anzusehen, wer am Sonntag so dabei ist, sehe ich Stadtteile eines größeren Verbundes. Wir wissen alle, im Alltag dieser Städtelandschaft ist das keineswegs so eindeutig, und egal wieviel Kultur und Symbolik als Gemeinschaftswerk produziert wird, das alles bleibt sinnlos, ohne entsprechendes Handeln auf politischer Ebene.  Zudem frage ich mich mit meinem Blick von außen, ob es überhaupt genügend Bürger dieser Region gibt, die ein wirkliches Interesse an so einer Einheit haben.

Was mich nun nicht daran hindert, in mir selbst diese Einheit immer mal wieder intensiv wahrzunehmen. Als ich heute die A 40 entlang surfte, kamen mir bei den entsprechenden Städten auch die dazu gehörigen Blogger in Sachen Fußball in den Sinn. Als Karte habe ich so eine Ruhrgebiets-Landschaft des Fußball-Bloggens noch nicht hinbekommen. Aber anlässlich des Still-Leben Ruhrschnellweg wollte ich die Blogger doch zumindest auflisten und zur Orientierung die A-40-Still-Leben-Segemente zuordnen.

Die Zielsetzung des Literaturbüros  Ruhrgebiet aufgreifend habe ich Fußball-Blogger aufgelistet, die entweder im Ruhrgebiet leben oder Blogger, die sich dem Ruhrgebiets-Fußball thematisch widmen. Thema ging bei der Einordnung vor Wohnort. Der letzte Beitrag sollte nicht länger als zwei Monate zurück gelegen haben – Ausnahme: RWO qua Alleinstellung und Versprechen für die kommende Saison. Wer auch immer sein Fehlen beklagt, mache sich bemerkbar. Wer mehr weiß, ergänze, so er mag.

Von West nach Ost sieht das folgendermaßen aus:

Duisburg Häfen – Autobahnkreuz Kaiserberg

Ein Zebra in der Achterbahn – Der MSV Blog

Rolf das Zebra schreibt (MSV Duisburg)

Zebrastreifenblog – Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus (MSV Duisburg)

Trainer Baade

OberhausenMülheim Heimaterde

RWO-Fanblock (Rot-Weiß Oberhausen – unregelmäßig und in Verantwortung des Vereins?)

Essen Frohnhausen – Essen Kray

Im Schatten der Tribüne (Rot-Weiß Essen)

Gelsenkirchen Süd

Auswärtssieg. … is wie wennze fliechs … (FC Schalke 04)

Königsblog. Über König Fußball im Allgemeinen und Königsblau im Besonderen (FC Schalke 04)

Turnhallengeruch. Kalter Schweiß, Gummifußboden (FC Schalke 04)

Web.04. Blog (FC Schalke 04)

Schalkefan – Am Samstag um halb vier war die Welt noch in Ordnung

Bochum Wattenscheid – Bochum Werne

18:48 – Mein Blick auf den VfL Bochum und darüber hinaus

Der freie Blog der Fantastic Supporters (VfL Bochum)

Der blaue Kanal (VfL Bochum)

Scudetto – Fußball und das Leben. Ben Redelings

Dortmund Lütgendortmund – Dortmund Märkische Straße

Any given weekend (Borussia Dortmund)

Boisseree’scher Blog (Borussia Dortmund)

Hamburg Schwartz Gelb –  Über den Versuch eines Hamburger BVB-Fans Job, Fußball und Frau in Einklang zu bringen (Borussia Dortmund)

Am Sonntag dann strafe ich meinen Einleitungssatz Lügen und bevorzuge die Wirklichkeit der A 40. Am Tisch 34 im Block 8 bei km 42,2 werde ich hoffentlich viele Stimmen sammeln, die das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg anwachsen lassen. Der Tisch steht zu Beginn des Kreuzes Kaiserberg, und Zebra-Maskottchen Ennatz wird ebenfalls vor Ort sein. Der MSV Duisburg möchte das Projekt auf diese Weise unterstützen. Damit Besucher der A 40 ihre MSV-Erinnerung mir erzählen können, müssen sie mich schließlich erst einmal an der „längsten Tafel der Welt“ wahrnehmen.


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