Posts Tagged 'Ewald Lienen'

Ewald Lienen Fußballgott – einmal mehr

Starkem Gegenwind setze ich mich ja nicht mehr aus, wenn ich über Ewald Lienen mal wieder ins Schwärmen gerate. Welch ungebrochener Idealismus muss ihn bei seiner Arbeit im Fußball weiter antreiben. So engagiert wirkt er in der letzten Folge des von ihm zusammen mit Michael Born aufgenommenen Podcast Der Sechszehnerhier zur Facebook-Seite, als er darauf zu sprechen kommt, wofür die deutsche Nationalmannschaft und Joachim Löw stehen.

Da arbeitet er seit den 1970er Jahren in diesem Fußballgeschäft und nichts von dem, was er bis jetzt erlebt hat, konnte ihm die Bereitschaft nehmen, erst einmal an die guten Absichten von Menschen und an deren lautere Motiven zu glauben. Ich hätte ihm laut zujubeln können, als er über die T-Shirt-Aktion der deutschen Nationalspieler vor dem Länderspiel gegen Island sprach. Die Spieler waren ja mit T-Shirts aufgelaufen, auf denen nacheinander der Schriftzug „Human rights“ zu lesen war.

Dass er in all seinen beruflichen Rollen im Fußball immer auch über das große Ganze, die Gesellschaft, nachdachte, sollte jedem bekannt sein. Deshalb durfte seine Zustimmung erwartet werden, wenn sich Fußballer für Menschenrechte einsetzen. Mir geht es aber nicht um Beifall für eine Botschaft, sondern um Ewald Lienens deutlich spürbaren Glauben, dass diese Fußballer ihre Botschaft auch ernst meinten.

Er wusste nichts vom Making-of-Video des DFB und dem Marketing-Geschmäckle, den das Ganze dadurch angenommen hatte. Naiv sind seine anerkennenden Worte aber nicht. Sie zeigen nur, Ewald Lienen sucht innerhalb des Fußballbetriebs nach den Momenten, die eine gute Entwicklung voran treiben können. Dass er diese T-Shirts nicht überbewertet, versteht sich von selbst, und ohne die Abfederung durch Realismus hätte er nicht so lange in dieser Branche arbeiten können.

Ab Minute 22.35 spricht er zunächst grundsätzlich zu Bewertungen der deutschen Nationalmannschaft. Ab Minute 26.55 geht es konkret um deren und Joachim Löws Ausstrahlung. Für Ewald Lienen ist dabei eines klar, im Fußball geht es nicht nur ums Gewinnen. Es gehe auch um Werte und Prinzipien, für die eine Mannschaft steht.

Von unsinninger Droll-Frage hin zum Podcast-Fest für Fußballromantiker mit Hans-Günter Bruns

Was für eine unsinnige Droll-Frage war das wieder auf der Pressekonferenz vor dem Nachholspiel heute gegen Saarbrücken. Irgendwas mit Sieg und Anschluss ans Mittelfeld der Tabelle. Als ob wir in normalen Zeiten lebten und der Tabellenstand die Mannschaft sorgen müsste. Torsten Lieberknecht machte das einzig richtige. Er sprach der Tabelle nicht nur für den Moment sondern sofort für den weiteren Saisonverlauf die Bedeutung ab angesichts von erwartbaren coronabedingten Spielausfällen. Das ist wichtig, um Folgen von solchen Tabellenbilder zu begrenzen. Ohne Spiele sind zu wenig Punkte die selbstverständliche Folge. Da braucht es etwas anderes als den üblichen Blick von Sportjounalisten auf Tabellenstände.

Lasst mich zu den schönen Dingen des Tages kommen, die wir mehr in der Hand haben als den erhofften Erfolg gegen Saarbrücken. Ich feiere gerade Hans Günter Bruns mit seinem Auftritt im Sechszehner-Podcast. Momentan ist der ehemalige Spieler von Borussia Mönchengladbach Hans-Günter Bruns Sportlicher Leiter bei Hamborn 07. Als Trainer oder Sportlicher Leiter arbeitete er im westlichen Ruhrgebiet seit 2003 vor allem im Amateurbereich. Bei Rot-Weiß Oberhausen war es für fünf Jahre von 2006 bis 2011 auch das Profi-Geschäft.

Mir war nicht klar, wie gut er und all diese Vereine im Ruhrgebietswesten zusammen passen. Nach dem Podcast-Gespräch von Hans-Günter „Bruno“ Bruns mit seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Ewald Lienen und dem Sportjournalisten Michael Born weiß ich es besser. Diese knappe Stunde vom Podcast Der Sechszehner ist ein Fest für Fußballromantiker und eine Feier der Ruhrpottmentalität dazu.

Anekdote auf Anekdote erzählt „Bruno“. Ob das nun ein nächtlicher Ausflug mit Lothar Matthäus während einer Länderspielvorbereitung war oder sein Verhältnis zu Jupp Heynkes als Trainer. Er brauchte kurz, um etwas aufzutauen, aber dann redete er wie unter Freunden. Vor allem Ewald Lienen regte ihn durchs eigene Erinnern an gemeinsame Zeit zum Erzählen an. Auch wenn „Bruno“ den größten Teil seiner Karriere als Spieler in Mönchengladbach verbrachte, kann er den Pott in seinem Wesen nicht verleugnen. So klingt das Ruhrgebiet an der Basis heute immer noch, wenn über Fußball gesprochen wird.

Den Sechszehner gibt es auf sämtlichen Podcast-Plattformen. Hier kommt ihr mit einem Klick zu Soundcloud, wo man ihn auch ohne Podcastplayer hören kann.

Tabellensprung und ein Arzt im Lienen-Podcast

Der MSV hat an diesem Spieltag nicht gespielt und sich in der Tabelle um einen Platz verbessert. Der Abstieg ist kein Thema mehr. Sicher bin ich mir nicht, ob diese Form des Erfolgs mir dauerhaft gefallen würde. Andererseits wären viele Probleme für den MSV einfacher zu lösen, wenn die Mannschaft ohne zu spielen langfristig den Aufstieg schaffen könnte. Bis dahin wäre ich schon auch geduldig, wenn ich danach dann wieder zu Spielen eines wirtschaftlich gefestigten Vereins ins Stadion könnte.

Wie in der letzten Saison bin ich schon wieder weniger mit dem Sport als mit der wirtschaftlichen Not des MSV Duisburg beschäftigt. Der Fußball selbst hat sich für mich zu einem Mittel für den wirtschaftlichen Zweck verwandelt. Natürlich ist das auch sonst immer der Fall, aber momentan kriege ich die immer notwendige Verdrängung der Widersprüchlichkeiten dieses Fußballsystems nicht mehr hin. Spaß macht das nicht.

Die Voraussetzungen für Erfolg sind nun mal die finanziellen Möglichkeiten des Vereins. Diese Bedingungen am laufenden Spieltag immer wieder auszublenden gehört zu den Widersprüchen eines Zuschauerlebens. Wie gesagt, dieses Ausblenden gelingt mir gerade nicht gut. Zumal ich mal wieder gelesen habe, wieviele hoch spezialisierte unterschiedliche Funktionsstellen beim FC Bayern München in den letzten zehn Jahren geschaffen wurden, um sportlichen Erfolg zu festigen. So ein Trainerteam ist ja nur das eine. Dahinter steht ein fest angestellter Stab von mehreren Video- und Datenanalysten. Dieser riesige Verwaltungsapparat. Dann arbeiten natürlich unzählige Physiotherapeuten zu bis hin zur Ärzteschaft.

Ein Arzt aber half mir schließlich bei der Ablenkung. Ewald Lienen und Michael Born machen schon seit längerem zusammen den Podcast Der Sechszehnerhier bei Facebook. Meist sprechen sie zunächst zu zweit über das aktuelle Geschehen. Dann kommt nach etwa einer halben Stunde ein Gast dazu. In der letzten Folge war das der Sportmediziner Prof. Dr. Hauke Mommsen. Momentan ist er Mannschaftsarzt der U21. Zuvor war er im Handball beim THW Kiel und in Flensburg Mannschaftsartz. Mit Ewald Lienen hat er beim FC St. Pauli zusammengearbeitet.

Das Gespräch mit ihm beginnt ab Minute 33’29. In dem Gespräch erfährt man, welche komplexen Ursachen Sportverletzungen haben. Wieso Fußballer heute sehr viel individueller trainieren müssten, um Sportverletzungen vorzubeugen und wie das mit Interessen eines Trainers kollidieren kann. Oder wie die Verletzung eines Spielers die Verletzung eines anderen derselben Mannschaft wahrscheinlicher macht. Ein sehr interessantes Gespräch.

Vorwärts und nicht vergessen

Traditionalisten mal eben kurz weghören, wenn Misuk unten das Solidariätslied spielen. Später könnt ihr dann gerne die klassische Eisler-Melodie bei Ernst Busch oder Hannes Wader mitsummen. Hier hat die Gegenwart Einzug gehalten. Die Grundbotschaft bleibt dieselbe: Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht. Aber ein Relaunch erhält die Tugend. Geschlossenheit ist die neue Solidariät, was sich allerdings viel besser reimte.

Geschlossenheit heißt das bei DFL, DFB und in den Fußballmannschaften. Vor geraumer Zeit hatte ich mir mal herbeifantasiert, wie so ein Fußballtrainer im Ruhrgebiet diese alte Arbeitertradition das Solidaritätslied gemeinschaftlich zu singen, in einer speziellen Fußballfassung für das Training nutzen könnte. Jürgen Klopp war nur einer von allen, die vor ein paar Jahren begannen, in Interviews die Bedeutung des Zusammenhalts ihrer Mannschaften zu betonen. Schon damals hatte ich aber die hierarschische Ordnung im Fußballbetrieb nicht vergessen.

Diese hierarchische Ordnung ging mir heute am Maifeiertag durch den Kopf, weil ich bei der Diskussion um das Weiterspielen des professionellen Fußballs mich an gar keine Stellungnahmen von Spielern erinnern kann. Oder ist mir was durchgegangen? Die Vereine sprechen also für ihre Spieler in Deutschland. In Spanien scheint das anders zu sein. Spieler dort machen kritische Anmerkungen, wenn es darum geht, die Saison weiter zu spielen. Anscheinend verstehen spanische und deutsche Fußballer ihr Arbeitsverhältnis auf unterschiedliche Weise.

Das passt zu dem, was ich neulich im Podcast Der Sechszehner beim Gespräch zwischen Ewald Lienen, dem sky-Kommentar Michael Born und Carsten Ramelow gehört habe. Dabei ging es auch um die Spielergewerkschaft VDV, die Ewald Lienen mit gegründet hatte und dessen unterschiedliche Erfahrungen in Spanien und Deutschland beim Versuch, Interessengruppen im Fußballbetrieb zu organisieren. Ihr findet das Gespräch bei allen einschlägigen Plattformen unter anderem auch hier. Ewald Lienen gelangte mit der Erinnerung an 70er-Jahre-Visionen von gesellschaftlichem Engagement zu einem beschwörenden Sprechen über Solidarität und Zusammenhalt.

Trotz ihres Angestellten-Daseins betrachten sich deutsche Fußballer offensichtlich eher als Einzelselbständige und Konkurrenten als spanische Fußballer. In Spanien wird deutlich, dass die unterschiedlich hohen Verdienste nicht unbedingt zu diesem Denken führen müssen. Dort sind auch große Namen der Liga in der Spielergewerkschaft vertreten. In dem Fall bestimmt das Denken also das Bewusstsein das Sein. Was ja ganz gemäß der Wirkungshoffnung von Arbeiterlieder-Textdichtern ist.

Selbstvertrauen stärken mit dem Hamburger Blick

Manchmal kann der Blick von außen Selbstvertrauen stärken. Schon Ewald Lienens Worte auf der Pressekonferenz nach der 2:0-Niederlage des MSV gegen den FC St. Pauli halfen, neuen Mut zu schöpfen. Bei WAZ/NRZ wird er in der Nachberichterstattung zitiert:

Wenn ihr so weiterspielt, wird das auch irgendwann belohnt

Darin steckt natürlich die Botschaft, Ruhe bewahren. Was man nicht selten von gegnerischen Trainern hört, die sich der anderen unterlegenen Mannschaft verbunden fühlen. Ob diese Prognosen dann auch eintreffen, müsste allerdings mal jemand nachprüfen. Dieser Satz aber war es ja nicht alleine. Hinzu kam Ewald Lienens Bemerkung, dass das Spiel auch anders hätte ausgehen können.

Wichtig ist der Zeitpunkt dieser Botschaft. Wir befinden uns am Anfang der Saison. Kurz vor der Winterpause hätten solche Worte weniger Gewicht. Nicht nur die Mannschaft kann ihr Selbstvertrauen mit Ewald Lienens Worten stärken, einige enttäuschte Anhänger des Vereins sollten sich seine Worte ebenfalls zur Brust nehmen. Schaut man sich im Netz um, gibt es viele Anhänger vom MSV, bei denen die Enttäuschung nach dem Spiel ihre großen Zweifel an der Mannschaft füttert.

Für alle mit diesen Zweifeln habe ich mal beim Online-Fanzine des FC St. Pauli, dem Übersteiger-Blog, nachgeschaut, wie dort das Spiel betrachtet wird. In Hamburg erinnert man sich noch an die letzte Saison, als St. Pauli lange Zeit in der Tabelle unten mit dabei war. Im Spielverlauf für den MSV erkennen sie einiges wieder. Die Wertung aus Hamburger Sicht bringt deshalb gegen die weiter starken Zweifel in Duisburg ebenfalls ein paar Argumente auf.

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Zum gesamten Text weiter mit einem Klick. Also, weiter daran arbeiten: Positives mitnehmen. Enttäuschung vergessen.

Klickhinweis: Ewald Lienen erklärt sich und Wirklichkeit

Blog trifft Ball kümmert sich um Fußball im Norden Deutschlands. So ist das Interview von Hannes Hilbrecht mit Ewald Linien auch eine kurze Reise in die erfolgreiche Vergangenheit von Hansa Rostock. Zudem macht dieses Interview die 1980er Jahre und die seinerzeit politisierte Jugendkultur sehr lebendig. Ewald Lienen kommt auf sein friedenspolitisches Engagement sowie politischen Extremismus zu sprechen. Er redet über Mitmenschlichkeit, ermattetes Sendungsbewusstsein und seine Versuche dem Personenkult um Fußballspieler entgegenzuwirken.  Als er schließlich den Interviewer mit „junger Mann“ anredet, weiß ich nicht nur, wie alt ich selbst inzwischen bin, kurz blitzte auch der verführerische Gedanke auf, wie es in ein paar Jahrzehnten mit ihm als einem Helmut Schmidt der Fußballszene wäre. Das Spiel mit dem Kugelschreiber könnte problemlos den bedeutungsverstärkenden Zug an der Zigarette ersetzen. Ein sehr schönes Interview.

Hoffen wir mit dem „Dicken“ auf einen neuen Tag, an dem einfach alles passt

Auch wenn es schwer fällt. Schiebt Julian Koch und Fortuna Düsseldorf mal eben kurz zur Seite. Einfach nur, um sich an den kommenden Dienstag, den 8. Mai, zu erinnern. Zwar endet die Liga-Saison am Sonntag, doch am Dienstag findet in der Arena das „Benefizspiel anlässlich Präsentation und Vorstellung des Bundesverband der Organtransplantierten“ (BDO) statt – den einen Klick weiter findet ihr die Seite zu diesem Spiel. 

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es in Duisburg noch jemanden gibt, der den Hintergrund dieses Fußballspiels nicht kennt. Den anderen sei erzählt:  die lebensbedrohliche Lungenerkrankung des Rekordtorschützen vom MSV Duisburg Michael Tönnies macht für ihn eine Lungentransplantation notwendig. In so einem Zustand des Wartens auf das passende Spenderorgan braucht ein Mensch nicht nur die ärztliche Versorgung, er braucht auch emotionale Unterstützung und psychische Kraft.

Michael Tönnies hat diese Unterstützung sowohl beim BDO als auch bei den Anhängern des MSV Duisburg gefunden. So ist für Michael Tönnies das Benefizspiel schon jetzt ein Erfolg, weil ihm die Anteilnahme an seinem Schicksal Hoffnung zurück gab. Am Dienstag nun tritt die Traditionsmannschaft des MSV Duisburg in der Schauinsland-Reisen-Arena gegen eine Auswahl ehemaliger Bundesligaprofis und Nationalspieler an.  Die  Namensliste ist lang: Klaus Fischer, Rüdiger Abramczik, Olaf Thon, Dieter Hecking, Andreas Rettig, Ivo Grlic, Uwe Weidemann, Ewald Lienen werden dabei sein, Bachirou Salou, Peter Neururer, Thomas Helmer und Thomas Strunz. Moderiert wird die Veranstaltung von Ulli Potofski, der seinerzeit auch das denkwürdige 6:2 gegen den KSC kommentierte bei dem Michael Tönnies den schnellsten Hattrick der Bundesliga-Geschichte erzielte.

Der Anstoss des Spiels findet um 19:02 Uhr statt. Karten zu Preisen zwischen 6 und 8 Euro sind an den bekannten Vorverkaufsstellen zu haben. Der Veranstalter bittet darum, diesen Vorverkauf auch zu nutzen, weil am Spielabend selbst nur drei Kassen geöffnet werden können. Der Aufwand soll so gering wie möglich gehalten werden, damit die Unkosten möglichst gering sind und der Gewinn möglichst groß. Der Überschuss kommt dem BDO zugute.

Im Spiel gegen den Karlsruher SC am 27. August 1991 passte für den von MSV-Fans „Dicken“ genannten Michael Tönnies alles. Fünf Tore insgesamt erzielte er, drei davon nacheinander innerhalb der ersten fünfzehn Minuten.

Hoffen wir mit Michael Tönnies auf den schnell kommenden nächsten Tag, an dem in seinem Leben wieder alles so gut wird wie damals.

Mitten in Meiderich – Folge 7

Sieben Folgen „Mitten in Meiderich“, zum siebten Mal schreibe ich meine Anmerkungen und nun stehe ich selbst allmählich vor einem Problem, das jenem ähnelt, über das sich die Kollegen der Doku nicht genügend Gedanken gemacht haben. Es ist das Grundproblem jeglichen seriellen Arbeitens in kulturellen Zusammenhängen. Wo finden neu hinzukommende Leser oder Zuschauer den Anschluss? Wo wiederhole ich mich deshalb und langweile das Stammpublikum? Für die Macher hieße das ins Positive gewendet, was sind die Momente meiner Produktion, die das Serielle verdeutlichen? „Mitten in Meiderich“ besitzt für diese Frage nur eine unzureichende Antwort. Es gibt keine starke Grundidee für diese Produktion. Was diese Grundidee hätte sein können, wurde in der ersten Folge formuliert: Wir begleiten den MSV Duisburg beim Versuch, das Unmögliche doch noch zu schaffen. Die einzelnen Folgen sind auf dieses Grundthema hin nicht ausgerichtet. Das Serielle der Doku baut nahezu ausschließlich auf die äußere Form der Präsentation und dem unkonkreten Thema „MSV Duisburg“.

So wiederhole ich mich, wenn ich erneut diese Grenzen der siebten Folge von „Mitten in Meiderich“ festhalte. Wie ich das in Zukunft löse, weil es ja zwangsweise mein serielles Grundthema ist, weiß ich noch nicht. Vielleicht ein Standardabsatz in Kursiv, nach dem Motto, das ist bisher geschehen? Mal sehen. In diesen Grenzen sehen wir dieses Mal jedenfalls ein buntes Allerlei, bei dem es zunächst mit dem Blick auf Ivica Grlic und seinen Sohn beim Kegeln im „Zebrastall“ etwas menschelt. Da erhält das Ganze den Hauch einer Home-Story, wobei das als Sequenz genommen sympathisch wirkt und keineswegs ins Boulevardeske umkippt. Zumal Ivica Grlic in seinen Statements sowohl seine Rolle als Kapitän der Mannschaft beschreibt als auch seine Einschätzung dessen, was die Duisburger Fans von einem Fußballspieler vor Ort erwarten. Natürlich sind diese Erkenntnisse nicht überraschend, doch manchmal sind Wahrheiten nun mal nicht überraschend und originell. Es ist ein beliebiges Mosaiksteinchen aus der Welt des MSV Duisburg.

Dann nähern wir uns wieder dem Fußball und sehen, wie sich vor dem Spiel gegen Nürnberg Peter Neururer und Ewald Lienen begegnen. Wobei die Ausführungen von Ewald Lienen, weil aus dem Zusammenhang gerissen, etwas rätselhaft bleiben. Er spricht von „Chaos“, das hier getrieben wird, das Wort „Verpflichtungen“ fällt, und er redet von öffentlichem Druck. Hatte er da etwa kritische Gedanken im Kopf zur Situation beim MSV?

Jedenfalls sind das Bilder, die uns Atmosphärisches unter Berufskollegen zeigen. So etwas sieht man auch, wenn sich das Führungspersonal anderer Branchen auf Kongressen trifft. Man flachst, erzählt in die Kamera Gutes über die, mit denen man es kann und streift dabei ein wenig die Inhalte seiner Branche. In diesem Fall ist Peter Neururer für Ewald Lienen „ein alter Fahrensmann“, der „es wirklich gut macht“.

Abgerundet wird das Ganze durch die Stimmung nach dem Spiel. Erneut die Trainerrunde im halböffentlichen Raum, in der es ohne Interviewaura ebenso zugeht wie überall unter Fußballzuschauern. Vor allem bleibt aber ein anderes Bild bei mir hängen. Wir sehen eine Gruppe Männer in den Gängen der Tribüne beim Blick auf den Fernseher, während der Ausgleich für den MSV fällt. Dieses Bild hat mich einige dieser Menschen doch etwas bedauern lassen, weil deutlich wird, wie sehr der zum Teil sicher auch berufliche Zusammenhang, in dem sie sich dort befinden, das emotionale Erleben ausbremst. Frei Jubeln können sie dort unten in den Gängen der Tribüne nicht. Ganz im Gegensatz zu allen draußen. Was man nicht sieht, was ich als Zuschauer des Spiels im Stadion aber natürlich im Kopf habe. Für weiteres Nachdenken über alte Fragen von Arbeit und Entfremdung ist das hier aber jetzt nicht der richtige Ort.

Ist das ein Zeichen?

Heute morgen lese ich die Kurznotiz: „Panionios Athen hat Trainer Ewald Lienen entlassen.“ Zur rechten Zeit? Damit ich mich bald um Jahre jünger fühle? Einen Vorgeschmack hatte ich gerade schon beim Googeln.  Focus-online oder der Sportinformationsdienst, von dem sie die Meldung übernommen haben, verbreiten Nostalgie und holen das alte Medienkosewort „Zettel-Ewald“ aus der hintersten Originalitätsschublade hervor. Das waren noch Zeiten.

Nachtrag: Im detaillierteren Artikel des Kickers klingt es etwas anders. Ich würde das dann auch in einer Kurzmeldung nicht Entlassung nennen.


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