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Kurz erklärt: Die Choreo der 1860-Fans

Nebst drei Reiseberichten und einem ganz, ganz kurzen Spielbericht findet sich im Text von Löwenfan Phillip Rapp auch eine Erläuterung der Gäste-Choreografie vom Karnevalssamstag beim Spiel des MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München.

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Die Silhouette von Karl Valentin war ja aus der Ferne unverkennbar, und den Spruch „Jede Sache hat drei Seiten: Eine Positive, eine Negative und eine Komische“ hatten wir schon als ein Zitat von ihm vermutet. So eine Weisheit  passte zu ihm. Natürlich dachten wir bei dem Spruch an einen Kommentar zum Konflikt zwischen Investor Hasan Ismaik und den Vereinsverantwortlichen von 1860. Ein Konflikt, der mir vor Weihnachten ja ebenfalls zu denken gegeben hat. Phillip bestätigt nun die Deutung und beschreibt noch einmal, was wir aus der Entfernung nicht ganz genau haben erkennen können:

Zunächst zeigte es die Silhouette von Karl Valentin selbst, anschließend seinen Spruch „Jede Sache hat drei Seiten: Eine Positive, eine Negative und eine Komische“. Dieser Spruch wurde auf den TSV 1860 bezogen in dem bei „Positive“ ein Pfeil auf die Fans zeigte, bei „Negativ“ das Muster der Roten Arena eingebaut wurde und bei  „Komische“ das „o“ durch ein Konterfei von Hasan Ismaik ersetzt wurde.

Die letzte Frage zum Spiel wäre also geklärt. Was mich sehr beruhigt, weil wir zwar immer den Blick auf das nächste Spiel richten, aber doch nicht wissen, wie das Unbewusste wirkt. Vielleicht hat da im Kopf noch was gearbeitet, und ob ich dann am Sonntag auf dem Stehplatz so nervenstark gewesen wäre, um alles zu geben? Wer weiß.

Eine Fan-Choreo und die Kultur in Duisburg

Am Sonntag, vor dem Spiel des MSV Duisburg gegen den VfL Osnabrück,  erinnerte eine aufwändige Fan-Choreo wieder an das kreative Potential, das in der Duisburger Fan-Szene  vorhanden ist.  Wer sich ein Bild vom Geschehen auf der KöPi-Tribüne machen möchte, findet bei der Fotografin Gabriele Petrick  ein Foto neben anderen Fotos vom Spiel.  Es folgt hier außerdem ein Bewegtbild, von der Seite aufgenommen und deshalb nicht ganz klar in den Konturen des Motivs:

Schon einmal stieß  eine Fan-Choreo bei mir Gedanken an über die Menschen in Duisburg und das, was sie sind und können. Es fühlt sich an, als sei das Ewigkeiten her. Dabei war es vor nicht einmal einem Jahr, in der letzten Saison nach dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen, als die originelle Kritik an Walter Hellmich vom Verein aus der Öffentlichkeit herausgehalten wurde, und die Berichterstattung über die Fan-Choreo in den lokalen Medien nur schleppend in Gang kam. Heute stellt der Verein seinen Dank an die Fans auf die eigene Seite, und es scheint im Moment unvorstellbar, dass das Gefühl von Gemeinsamkeit zwischen Fans, Spielern und Verantwortlichen je einmal wieder verschwinden könnte. Selbstverständlich trägt der Erfolg der Mannschaft zu dieser Stimmung in Duisburg erheblich bei, und es bleibt abzuwarten, ob dieses Wir-Gefühl sich auf Dauer festigt.

So ein Engagement von Fans kann über das Stadion hinaus wirken in das öffentliche Bild von der Stadt Duisburg hinein. Es geht dabei um Identität, um das Selbstbild von Menschen und um die Vorstellungen, die sich die Menschen von dem Ort machen, an dem sie leben. Denn es geht bei diesem Engagement von Fans auch um Kultur. Nichts anderes als bodenständige Kultur, als Kultur von unten ist die Gestaltung und Fertigung solch einer großen Choreo. Nun gibt es mit einer Schriftbandaktion bei diesem Spiel noch einen anderen Bogen hin zu einer etwas etablierteren Kultur.  Trainer Baade hat den Banner „We  love djäzz. Kulturstätten erhalten“ auf einem Foto entdeckt, und der Banner war für ihn ein Anlass, sich interessante Gedanken zu machen – über das Publikum des MSV Duisburg, über das Kulturangebot in Duisburg und über die drohende Schließung des djäzz, dem rührigen Veranstaltungsort für unterschiedliche Live-Musik-Angebote.

Die Worte des Trainers sind die eines Fürsprechers der freien Kulturszene. Überall in der Welt gibt es das gespannte Verhältnis einer freien Kulturszene  zu den Kommunen und Institutionen. Im Ruhrgebiet erhält dieses gespannte Verhältnis eine besondere Note, weil das alte Bild der Kulturlosigkeit der Region neu belebt werden kann. Das Selbstbild der einzelnen Stadt steht in einem solchen Moment grundsätzlich auf dem Prüfstand. Auch für Trainer Baade fügt sich die Schließung des Lokals in das Bild einer Stadt, in der Kultur zu wenig Beachtung findet. Von außen betrachtet stelle ich aber eine Entwicklung hin zu mehr Kultur fest. Wenn ich in Duisburg Menschen meines Milieus begegne, gibt es in deren Leben so viel mehr Kultur im weitesten Sinn als Anfang der 80er Jahre in der Generation unserer Eltern – auch innerhalb Duisburgs, was meiner Meinung nach aber gar nicht unbedingt notwendig ist. Dasselbe gilt für unsere Kinder. Soziale Fragen lasse ich dabei für heute außer Acht. Von außen betrachtet spräche ich auch lieber nur von der Region Ruhrgebiet. Damit wird aber auch die Frage einer Ruhrgebiets-Identät berührt.

Paradoxerweise ist ein kritischer Text wie der von Trainer Baade einerseits Zeugnis des Wandels – Kultur wird in der Stadt für bedeutsam gehalten -, andererseits ist er natürlich gleichzeitig Zeugnis für die Zerbrechlichkeit dieses Kulturverständnisses. Hochkultur wird im Ruhrgebiet seit Jahren gefördert, um den Strukturwandel zu begünstigen, und das gerade zu Ende gegangene Jahr der Kulturhauptstadt war auch eine Imagekampagne für den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet. Hochqualifizierte Arbeitskräfte wünschen eben ihrem Status entsprechende Freizeitangebote. Diesen Zweck von Kultur halte ich nicht für verwerflich. Dieser Zweckgedanke Hochkultur alleine verändert nur nicht das öffentliche Bild der Region. Dieses Bild verändert sich erst, wenn die Bewohner dieser Region ihr eigenes Wirken als gemeinschaftliche Kultur begreifen und nicht als vereinzeltes Arbeiten an irgendeinem Projekt. Eine Kultur von unten, wie sie am Sonntag auf den Zuschauerrängen beim MSV Duisburg zu sehen war, ist die Basis jeglicher Hochkultur und solche Kultur von unten habe ich in den letzten Jahren immer wieder wahrgenommen. Das vergeht nicht mehr. Das ist inzwischen auch das Ruhrgebiet.

Witzige und originelle „Fan-Choreo“ zu Walter Hellmich

Nachdem  in der vorletzten Woche die Geschäfte von Walter Hellmich beim und mit dem MSV Duisburg in die Medienöffentlichkeit gerieten, reagierte der Vorstandsvorsitzende des MSV Duisburg mit einigen Interviews. Hier, bei der Fußballpresseschau Indirekter Freistoß, findet sich eine gute Zusammenfassung der öffentlich gewordenen Stimmen. Walter Hellmichs Interview mit dem Reviersport vom 18.2. wird dort nicht erwähnt. Dort sagt er zwar nichts anderes als im Interview bei der Westen vom 19.2., doch nennt er die Kritiker zudem flapsig „doof“.

Manchmal bin ich ein Träumer, dann denke ich mir die Welt als eine der besten und kann dann glauben, mit dieser flapsigen Bemerkung hat Walter Hellmich den Grundstein für eine bislang nicht zu erhoffende Entwicklung gelegt. Diese flapsige Bemerkung wurde nämlich von Fans in einer Choreografie aufgegriffen. Als Stehplatzzuschauer war mir natürlich klar, da gibt es einen Kommentar zu Walter Hellmich auf der linken Stehplatzseite. Doch natürlich zeigte weder die Stadionregie diese Pappschilder auf der großen Leinwand, noch habe ich bislang irgendetwas in den Medien dazu gelesen. Walter Hellmich gehört einfach zu sehr ins Ruhrgebiet-Establishement als dass die Auseinandersetzung mit ihm von den Medien vor Ort weiter am Köcheln gehalten wird. So habe ich erst gestern, spät abends die Choreografie hier, im MSVPortal, entdeckt. Man muss auf der Seite runterscrollen, bis man zu dem Foto kommt. (Am Ende dieses Textes gibt es nun zwei Links direkt zu Fotos.)

Diese Choreografie ist so überaus witzig und originell, dass ich hoffe, sie kann über die Hellmich-Angelegenheit hinaus ein Maßstab für das Umfeld des Vereins werden. Diese Choreografie war ein Mittel der Kritik auf einem Niveau, das ich aus Fankurven kaum kenne. Diese Kritik ging nicht unter die Gürtellinie. Sie gab Anstoß nachzudenken und durch ihren Humor ließ sie die Kritiker in einem guten Licht erscheinen.

In der besten aller Welten gibt es einen Vertrauten von Walter Hellmich der ihm rät, das Gespräch zu suchen mit Menschen, die für solch eine Kritik verantwortlich sind. In der besten aller Welten würde dieser Mensch Walter Hellmich sagen: „Walter, ich weiß dir fällt das schwer, aber sieh das mal so, du hast mit deiner flapsigen Bemerkung in diesem einen Interview überhaupt erst diesen Ton möglich gemacht. Du warst nicht zu aggressiv. Du hast deine Sicht deutlich gemacht. Du bist letztlich doch dafür verantwortlich, dass die Sache so gut werden kann. Du verlierst dein Gesicht nicht, wenn du auf diese Leute zugehst. Wir wollen doch alle nur das Beste für den Verein. Und Leute, die so kreativ und originell sind, solche Leute kann dieser Verein gut gebrauchen. Mit diesen Leuten haben wir eine Chance im Revierfußball so einzigartig dazustehen, wie du es dir immer erträumt hast. Alle werden dich bewundern, dass du, Walter Hellmich, trotz der zum Teil so deutlichen Kritik das Gespräch gesucht hast.“

Ich weiß, einer der großen Fehler aller Menschen ist die Annahme, das Gegenüber denke genau wie man selbst. Aber ich rede ja nur von der besten aller Welten. Mit dieser Choreografie erkenne ich tatsächlich einen Kern dessen, was den MSV Duisburg zu einem besonderen Verein machen kann. Und da denke ich auch in Marketing-Dimensionen, und schlage mit dem wirtschaftlichen Ertrag damit doch den Bogen auch wieder zurück zum sportlichen Erfolg.  Warum ist es schick geworden, Fan vom FC St. Pauli zu sein? Im Kölner Kneipenkarneval war eine gern genommene „Verkleidung“ von Menschen im Alter um die 30 eine St.Pauli-Fanausstattung. Da steht eine lange Entwicklung hinter, die ihren Ausgang in der besonderen Fan-Kultur dieses Vereins hatte. In der besten aller Welten unterstützen die Verantwortlichen des MSV Duisburg die Entwicklung einer Fan-Kultur, in der Kritik auf die oben angesprochene Weise geäußert wird.

Ich glaube, im heutigen Fußballgeschäft müssen Vereine wie der MSV Duisburg daran arbeiten, Zuschauer unabhängig vom sportlichen Erfolg an den Verein zu binden. So eine Zuschauerbindung fördert man, indem die Menschen, die sich zum MSV bekennen, für ihre Identität etwas erhalten, was über den Fußball hinaus geht. Kreativität, Witz und Humor scheinen mir da keine schlechten Eigenschaften zu sein. Auch Vereine haben Identitäten, und Vereinsverantwortliche müssten sich Gedanken über solche Identitäten machen, sie entwickeln und jede unter den Zuschauer gemachte Bewegung hin zu einer besonderen Identität unterstützen. So etwas geschieht nur auf lange Frist, und es entsteht nicht per Verordnung, sondern nur durch die Zuschauer selbst. Die Vereinsverantwortlichen können nur die Bedingungen verbessern, unter denen solche Zuschaueraktivitäten stattfinden. In der besten aller Welten hätte ich im Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen den Anfang einer neuen Entwicklung beim MSV Duisburg gesehen.

Eine Bitte noch: Wenn irgend ein Leser einen direkten Link zu dem Foto kennt – vielleicht ist das Foto ja bei Flickr, oder wo auch immer. ebenfalls eingestellt – so maile er ihn mir doch bitte. Ist zum Weiterklicken einfacher.

Und MSV-Fans sei Dank, ich kann zwei Foto-Quellen direkt verlinken: Nochmals Danke schön für die beiden Mails!!! Zum einen hier das Foto auf der Seite der Fotografin Gabriele Petrick und zum anderen das Foto aus dem Fotoalbum vom RWO-Fanblock.


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