Posts Tagged 'Fangesang'

Stillstand wäre so schlecht in Wiesbaden nicht gewesen

Daraus lässt sich etwas lernen. Das ging mir nicht nach der 3:0-Auswärtsniederlage des MSV Duisburg gegen den SV Wehen Wiesbaden durch den Kopf. Das dachte ich schon Freitagmorgen, als ich Ilia Gruev im Vorbericht zu diesem Spiel hörte. Er wollte die Stimmung in der Mannschaft beschreiben. Dazu berichtete er, dass Nico Klotz eines der zentralen Motivationsrezepte unserer Leistungsgesellschaft ins Mannschaftsgespräch gebracht hatte. Keine Bühnenshow der Gurus der Motivationsbranche ohne diese Worte, kein Lebenshilferatgeber á la Lebe deinen Traum verzichtet auf diesen scheinlogischen Zusammenhang, für den Nico Klotz einen Dreisprung des Syllogismus noch zuspitzte: Zufriedenheit ist Stillstand. Stillstand ist Rückschritt. Zufriedenheit ist dann was? Auf jeden Fall schlecht. Denn folgen wir der Logik, heißt Zufriedenheit Rückschritt. Wo der Denkfehler steckt, schauen wir uns später an.

2016_svww_msv_4In Wiesbaden hätte ich nämlich gerne nach dem Schlusspfiff etwas weniger Rückschritt und etwas mehr Zufriedenheit gesehen. Ein Punkt wäre dann im Gepäck gewesen. Jemand, der nur die erste halbe Stunde vom Spiel mitbekommen hat, wird bei dem Ergebnis von 0:3 den Kopf schütteln. Wie konnte das geschehen, nachdem der MSV Duisburg in gewohnt souveräner Weise das Spiel begonnen hatte? Die Mannschaft hatte mehr Spielanteile, kombinierte sicher und konnte die wenigen Nadelstich-Versuche der Wiesbadener jeweils unschädlich machen. Die Wiesbadener versuchten mit Härte und viel Einsatz, den Zebras den Schneid abzukaufen. Lange Bälle waren vergebliche Versuche, sich in der Offensive zu behaupten. Da die Wiesbadener so zurückgezogen und sehr konzentriert in der Defensive arbeiteten, blieb dem MSV nicht viel Raum, um in den Strafraum zu gelangen. Und schon ziehe ich die Schublade Chancenverwertung hervor. Dieses Wort wird uns weiter begleiten, ob nun viele Chancen zu wenig Toren führen, oder wenig Chancen zu keinem Tor.

Wenn eine gut aufgestellte Defensive wenig Chancen zulässt, muss ein frei gespielter Tugrut Erat aus halbrechter Position im Strafraum den gegnerischen Torwart zumindest zu einer Glanzleistung zwingen, damit er und wir zufrieden sein können. Zugegeben, er hatte nur wenig Zeit zu diesem völlig freien Schuss, um den Ball in eine der Ecken zu zirkeln. Für ihn nicht genügend, er schoss zwar kräftig, aber zentral auf das Tor, wo normalerweise ein Mann steht, der solche Schüsse dann problemlos aufnehmen kann.

2016_svww_msv_1Da der Raum um den Strafraum herum von den Wiesbadenern erfolgreich abgedeckt war, wurde das bevorzugte Mittel der Zebra-Offensive in diesem Spiel die Flanke. Doch auch diese Flanken wurden gut verteidigt. Der MSV brauchte also Geduld und durfte keine Fehler machen. Kevin Wolze aber verschätzte sich bei einer Flanke in den Strafraum. Sein Gegenspieler hinter ihm stoppte den Ball. Seine Chance aufs Tor war groß. Wolze stocherte nach und traf den Stürmer statt den Ball. Aus dem fälligen Elfmeter wurde das Tor zur Wiesbadener Führung.

Zum ersten Mal in dieser Saison spielte die Mannschaft nach einem Gegentreffer nicht ungerührt weiter. Das Tor führte zu Verunsicherung und zum Bruch im Spiel des MSV. Beide Mannschaften waren nun gleichwertig. Beide Mannschaften hatten noch jeweils eine Chance auf ein Tor, beide Male eine gute Gelegenheit für die beiden Torhüter, sich auszuzeichnen.

Nach der Halbzeitpause schien diese Viertelstunde vergessen zu sein. Der MSV trat wieder sicher auf und versuchte sich am Ausgleich. Geduld war wieder gefragt und das Vermeiden von Fehlern. Vor einem Eckstoß von Wehen Wiesbaden aber bahnte sich schon bei der Aufstellung der MSV-Defensive dieser Fehler an. Ein Wiesbadener Spieler im Rückraum wurde vollkommen frei gelassen. Ein zweiter Ball war dessen sichere Beute. Was zu befürchten war, geschah. Der Eckball konnte nur kurz geklärt werden. Sofort erfolgte der nächste Angriff mit einem weiteren Fehler. Die Flanke wurde zu kurz abgewehrt und erneut war der zweite Ball einer der Wiesbadener. Es  folgte Zug zum Tor, Abspiel und die 2:0-Führung.

Noch blieben 27 Minuten für Tore des MSV. Doch dazu wären klare Gelegenheiten nötig gewesen. Flanken führten nicht zum Ziel, und hatte sich die Mannschaft einmal in Strafraumnähe durchgespielt, stand dieser Strafraum voller Beine, so dass nur bei großem Glück ein Schuss die Richtung zum Tor hätte nehmen können. Das war nicht der Fall. Es war absehbar, an diesem Tag waren die Anstrengugen des MSV fruchtlos. Im Gegenteil, bei der entblößten Defensive konnten die Wiesbadener kurz vor dem Schlusspfiff einen Konter mit dem dritten Tor abschließen. Selbst auf den Ehrentreffer hoffte ich nicht mehr.

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel dankte Ilia Gruev für die besondere Unterstützung der Fans. Tatsächlich war der Support in diesem Spiel sehr eindrucksvoll. Die Mannschaft hat sich einen Kredit erspielt. Das wurde deutlich. Die Stimmhoheit in der Wiesbadener Arena war auf Seiten des MSV. Wenn am Dienstag den Worten der Spieler zum Spiel gegen Kiel Taten folgen, wird diese Unterstützung weiter vorhanden sein. Auch unter den Anhängern des MSV  hat sich etwas Besonderes entwickelt, Stichwort: „Du bist es schon immer gewesen.“ Sollte die Stimmung einmal mit entscheiden in dieser Saison, bin ich sicher, wir auf den Rängen sind bereit.

Und die Klotzsche Logik? Die erinnert daran, dass nicht alles, was sich logisch anhört, auch wahr ist. Ob Zufriedenheit nicht auch etwas anderes als Stillstand bedeuten kann, ist nicht ausgemacht; ganz zu schweigen davon, ob Stillstand nicht tatsächlich nichts anderes bedeutet als auf der Stelle zu bleiben. Was ja auch mal nötig ist, um in Ruhe zu schauen, was gerade geschieht. Vielleicht kommt die Bewegung rückwärts ganz woanders her. Also, aufgepasst bei Wirklichkeitsbeschreibungen, die sich logisch geben, wenn es um Einstellungen und Gefühle geht. Das gilt nicht nur für den Fußball.

Ajax-Fans singen uns das Mottolied für die nächsten Spiele

In wenigen Stunden ist Anstoß in Halle. Nehmen wir uns beim MSV Duisburg also die Fans von Ajax Amsterdam zum Vorbild und setzen auf die Botschaft des in Amsterdam zum Stadionsong gewordenen Bob-Marley-Klassikers Three little Birds: „Don’t worry about a thing, ‚cause every little thing gonna be alright“. Wer schon mal fürs Mitsingen üben will, mit einem Klick geht es weiter zum gesamten Text:

Legendär werdend: Die zehn Minuten in Berlin

Bilder von der Fankurve des MSV Duisburg in den  letzten zehn Minuten vom DFB-Pokalfinale in Berlin werden schon seit dem Sonntag  gesucht. Die Erzählung von diesen letzten zehn Minuten hatte sich schnell verbreitet. Immer mehr Menschen schickt Google nun auf der Suche nach Bildern von diesen Momenten hierher. Diese Bilder gibt es. Zwei Clips möchte ich hier noch einstellen – dank Matze, der für seinen youtube-Kanal ZebraMoviez die Kamera hält.

Mit der Hymne fing es etwa in der 80. Minute an:

Von den folgenden Minuten hat Matze dann einen Clip zusammen gestellt.

Wer immer noch nicht genug hat: Von der Stimmung vorher und vom Anfang des Spiels gibt es noch einen Clip von ihm. Und morgen schaffe ich es dann, auch endlich was zum eigentlichen Anlass dieses Spektakels zu schreiben: dem Fußballspiel.

Das ist kein Trost! Dafür stehen wir „hier“ – und manchmal auch in Berlin

Bei der Wiederöffnung dieser Räume hier komme ich vor lauter Eindrücke Ordnen erstmal nicht zu vielen Sätzen. Ich bin noch zu nah dran an der Aufregung vor dem Spiel, an dem Zuspruch für den MSV, wo immer wir gingen oder saßen. Ich bin zu nah dran an dem Anblick dieser blau-weißen Kurve und dem knallenden EM-ES-VAU beim Zebratwist vor dem DFB-Pokalfinale. Vielleicht könnte ich sogar schon ein paar Sätze zum Spiel selbst schreiben, aber darum geht es dieses Mal eben nicht nur. Es geht um mehr als um dieses Fußballspiel. Es geht um all die Energie, die am Samstag mit und für den MSV Duisburg gelebt wurde. Es geht um Identität. Es geht um Werte. Es geht um Zusammengehörigkeit. Es geht um die letzten zehn Minuten des Spiels, die bei jedem noch so kurzen Erinnern bei mir zu Gänsehaut führt. „Wir sind Zebras, weiß blau„. So fing es an, und wenn da vielleicht auch ein Impuls des Trotzes dabei gewesen ist, dieses „nun erst recht“, es war etwas anderes. Dieser Fangesang war auch etwas anderes als Trost, den wir uns gegenseitig spendeten. Wer so singt, braucht keinen Trost. Das Anstimmen der der Hymne etwa zehn Minuten vor Spielende und das nicht enden wollende „Meidericher SV“ hieß einfach, wir fühlen uns mit uns selbst, der Mannschaft dort unten auf dem Feld und dem Verein MSV Duisburg richtig. Dieses Bewusstsein der Stärke kam aus uns selbst. Kein Gegner war notwendig, der als Feind die Masse einte und niedergemacht werden musste. Es waren zehn Minuten, die von einer Utopie des Menschlichen berührt waren. Noch etwas anderes war in diesem Gesang zu spüren, handfester, alltagsnäher und genauso wahr: Das Spiel endete mit einer Niederlage, aber Niederlagen sind Momente, unser Leben mit diesem MSV Duisburg dauert an.

In diesen zehn Minuten bündelten sich noch einmal die zurück liegenden Tage all dieser Menschen in der Kurve. In dem Singen klang mit der nächtliche Zebratwist im Beach in the Box zwischen Disco-Fox und Clubdance-Sound. Da steckte der ausgelassene Tanz selbst drin, die zufällige Begegnung mit Bekannten, die schon Jahre nicht mehr gesehen waren. Darin lebte die ausgelassene Stimmung bei der Anreise in Gruppen per Zug oder Auto wieder auf. Dieser Gesang erinnerte an die Zebraherde unter und vor dem Brandenburger Tor, die nun auf Erinnerungsfotos  von Touristen in alle Welt mitgenommen wird.

Nach und nach werden bei youtube wahrscheinlich die Bilder dieses Wochenendes auftauchen. Ich werde das im Blick halten. Nach und nach werden aber auch mir weitere Sätze zu den Tagen in Berlin einfallen. Ich werde sie hier veröffentlichen. Doch jetzt erst einmal sagen dank der der Unterstützung von youtube und der emsigen Filmer hier Bild und Ton mehr als geschriebene Worte.


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