Posts Tagged 'Fantum'

Die Fanaktionen nützen! Anders als zunächst gedacht

Wenn Menschen in der Öffentlichkeit für ihre Sache über einen längeren Zeitraum hinweg eintreten, kann sich manchmal die Bedeutung dieser Parteinahme verändern. Bei den Fans vom MSV Duisburg ist das so. Was als spontaner Protest gegen die Lizenzverweigerung begann, ist inzwischen eine den Verein unterstützende Bewegung geworden, die unabhängig vom Ausgang des Schiedsgerichtsverfahrens für das Weiterbestehen des MSV Duisburg als Ort für Identität, Heimat und natürlich auch ambitionierten Fußball eintritt.

Das muss erzählt werden, denn die lokalen Medien haben von dieser Veränderung noch nicht viel mitbekommen. Sie deuten wie etwa Artur Stein in seinem gestern schon von mir bewerteteten WAZ-Kommentar die andauernden Fankaktivitäten für den MSV Duisburg weiterhin alleine als Protest, als einen Versuch das Schiedsgericht in seinem Urteil zu beeinflussen. Doch Artur vom Stein hat nur die Oberfläche der Fanaktionen gesehen und für sie ein paar Worte gefunden, die hinter dem zurück bleiben, was unzählige MSV-Fans zum Thema zu sagen hätten.

Sicher, es gibt auch Fans, die mehr oder weniger hoffen, ihre Aktionen hätten direkten Einfluss auf das Frankfurter Verfahren. Doch immer klarer erkennen Fans, ob in Foren, im Gespräch oder wie am Samstag Armin Zelles in seiner kurzen Ansprache vor dem Stadion, das öffentliche Einstehen der Fans für den MSV Duisburg ist wichtig geworden für die Zukunft des Vereins. MSV-Fans wissen, in Frankfurt sitzen keine Politiker, die durch ihre Wähler von etwas überzeugt werden können. MSV-Fans wissen aber auch, die entstandene Stimmung rund um den MSV Duisburg wird den Verein, egal in welcher Liga, überleben lassen. Diese Stimmung kann lokale Sponsoren dazu bewegen, den MSV Duisburg zu unterstützen. Ohne sportlichen Erfolg wird auch solche Stimmung verebben. Doch zwei, drei Jahre Zeit für einen Anlauf zum neuerlichen Erfolg wird der MSV Duisburg durch so eine Stimmung erhalten.

Die symbolischen Aktionen in der Öffentlichkeit brauchen eine Deutung, die über den Schiedsgerichtentscheid hinaus geht. Wir müssen diese Deutung erzählen, überall, wo es irgend geht. Sonst setzt sich in der Öffentlichkeit jene andere Deutung durch, bei der die Fans des MSV Duisburg nach einem möglichen bestätigten Entzug der Zweitliga-Lizenz zu Verlieren werden. Steht der Protest gegen den Entzug im Zentrum der Berichterstattung, werden die MSV-Fans zu Menschen, die sich vergeblich für etwas eingesetzt haben und anschließend enttäuscht nach Hause gehen. Das wird so nicht sein, denn in der Gegenwart  sind längst andere Ziele der Fans wichtig geworden. MSV-Fans klären über den wirtschaftlichen Niedergang auf. MSV-Fans zeigen und erzählen, welche Bedeutung der Verein für die Stadtgemeinschaft hat. MSV-Fans werden Sieger des derzeitigen Geschehens seins, weil sie, die Fans, die Grundlage legen für jegliche Zukunft beim MSV Duisburg, egal in welcher Liga.

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Lesegenuss nicht nur für MSV-Fans: „So lonely“ von Michael Wildberg

Vor Beginn der neuen Saison wird es nun aber Zeit, endlich etwas über „So lonely“ zu schreiben, Michael Wildbergs bereits im Frühjahr erschienenem Buch über „Ein Leben mit dem MSV Duisburg“. Vielleicht ist der Zeitpunkt auch gar nicht so schlecht. Nachdem die erste Welle der Aufmerksamkeit vorübergeschwappt ist, wirkt so ein Text vielleicht als Kauferinnerung aus der zweiten Reihe.

Ohne viel Verlagswerbung und mit nur wenigen Hinweisen in den klassischen Medien fand „So lonely“ in den ersten Wochen nach dem Erscheinen zumindest in Duisburg zahlreiche Käufer. Unter Fans des MSV wirkte die Mundpropaganda. Schließlich ist es interessant zu sehen, wie ein anderer das erlebt, was auch für einen selbst von Bedeutung ist. Wenn das dann auch noch sehr unterhaltsam geschrieben ist, um so besser. Zumal wir Fans vom MSV Duisburg mit medialen Produkten über unseren Verein nicht gerade verwöhnt sind.

Der 1981 geborene Michael Wildberg besitzt eine klassische Fan-Biografie. Vater nimmt jungen Sohn mit zum Fußball, Sohn ist begeistert, kommt nicht mehr vom MSV Duisburg los und geht schon bald den eigenen Fan-Weg mit den Kumpels. Von diesem Weg erzählt Michael Wildberg mit Selbstironie und großer Pointensicherheit. Gerade der MSV Duisburg bietet als Erzählgegenstand auch genügend Anlässe, diesen ironischen Ton anzuschlagen. Denn wir wissen, ein Fan des MSV Duisburg macht einiges mit, und wer dennoch diesem Verein treu  bleibt, braucht Mittel, seine emotionale Grundbefindlichkeit einzupegeln. Besonders in den letzten Jahren der Ära Hellmich.

Nun könnte ich es dabei belassen und sagen, ein Anhänger des MSV Duisburg  wird an dieser biographisch inspirierten Geschichte  seinen Spaß haben. Michael Wildberg weiß lebendig zu schreiben, er arbeitet die wichtigsten Momente der jüngsten MSV-Vergangenheit ab und er kennt erzählenswerte, originelle Szenen aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz eines Fußballanhängers. Gerade so etwas wie Pointensicherheit und Selbstironie führt aber zu einer weiteren Fährte. Man kann nämlich dieses Buch auch ambitionierter besprechen als mit dem Hinweis auf den Gebrauchswert für den Leser, der seine Leidenschaft mit dem Autor teilt und diese einmal gespiegelt bekommen möchte.

An „So lonely“ lassen sich auch literarische Maßstäbe anlegen. Das Buch gehört zu einer Art Genreliteratur, deren Übervater und Begründer Nick Hornby mit dem 1991 erschienenen Fever Pitch ist. Michael Wildberg erzählt sein „Leben mit dem MSV Duisburg“ eben nicht als sachlichen Tatsachenbericht, er möchte in gestalteter Form von der Wirklichkeit erzählen. Er spitzt Szenen zu, sucht die Komik im Moment und findet in der ersten Hälfte seiner Geschichte Erzählenswertes, was über den Fußball hinausweist. Er holt Meiderich als den Ort seines Aufwachsens in die Geschichte hinein und bietet mit einer idealisierten, rauen Meidericher Wirklichkeit eine Deutung dieser Stadtteil-Welt an. Es lässt sich darüber streiten, ob er diese Meidericher Wirklichkeit nicht zu sehr romantisiert, wenn er der Arbeitslosigkeit im Stadtteil die Lebenstüchtigkeit der Menschen dort mit Schwarzarbeit und Grauzonen-Geschäften entgegenhält. Doch der Wert dieses individuellen Bilds der Meidericher Wirklichkeit besteht darin, dass sein Bild einen Platz in der Öffentlichkeit besetzt und Anlass bietet über diese Meidericher Wirklichkeit zu reden.

In der zweiten Hälfte des Buches habe ich diese literarischen Maßstäbe dann allmählich wieder beiseite gelegt. Nicht weil das Buch stilistisch abfällt, sondern weil in dieser zweiten Hälfte nichts anderes mehr Thema wurde als der Fußball selbst in der Ära Hellmich. Diese zweite Hälfte bleibt meist bei dem, was wir alle erlebt haben und wenn der Blick über den MSV Duisburg hinausgeht, handelt es sich um ein weiteres Fußballspiel ohne Beteiligung des MSV Duisburg. Michael Wildberg erzählt dann wenig, was Leser ohne Verbindung zum MSV interessant finden könnten. Andererseits ließe sich natürlich sagen, selber schuld, wenn da einer kein Interesse am MSV Duisburg hat. Demjenigen entgeht eben die Gelegenheit mit „So lonely“ eine unterhaltsame Zeit zu verbringen.

Michael Wildberg hat im Duisburger Bürgerhof sein Buch nach dem Erscheinen bei einer Lesung vorgestellt. Bei youtube findet sich in mehreren Teilen der Mitschnitt von dieser Lesung, bei der auch Joachim Hopp und Milan Sasic anwesend waren. Den vom eigenen Arbeiter-Pathos ergriffenen Joachim Hopp sollte sich niemand entgehen lassen.

Bei Facebook gibt es zum Buch eine Seite, die Michael Wildberg regelmäßig mit Fußballhinweisen befüllt. Und nun, da ich den Link zu Facebook gesucht habe, sehe ich errötend, dass er mich ebenfalls mit kürzlich hier erschienenen Beiträgen und großem Lob verlinkt hat. Für die Verschwörungstheoretiker unter den Lesern hier möchte ich betonen, Michael Wildberg und ich pflegen keine der im sonstigen Kulturbetrieb oft üblichen Gefälligkeitsbesprechungs-Freundschaft. Könnte natürlich noch kommen. Ich werde ihm gleich mal mailen.

Michael Wildberg: So lonely. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2001. 192 Seiten. € 9,90.

Zu wenig MSV-Fans? Gebt dem Verein die DDR zurück

Es war November, ein Freitagabend, und unser Bus aus Duisburg war trotz Megastau auf der A2 noch rechtzeitig vor dem Anpfiff in Wolfsburg angekommen. 1998 hatte das Wolfsburger Stadion auf der Gästefan-Seite noch eine richtige Kurve. Vielleicht hundert bis hundertfünfzig Duisburger Fans waren schon da. Begrüßung hier und Begrüßung dort. Doch noch geschafft! Und wie lange habt ihr gebraucht? Mann, was für eine Fahrt, und ich bekomme mit, wie einer der Busmitfahrer ganz selbstverständlich Einverständnis voraussetzt bei dem Blau-Weißen, auf den er gerade eingeredet hat. Der aber erwidert:  „Ich bin gar nicht aus Duisburg hier. Ich komm´ aus dem Osten. Aus Magdeburg.“ Sein Zungenschlag war eindeutig nicht Ruhrpott.

Danach hörte ich eine kuriose Geschichte des Fan-Werdens mit. Gleichzeitig erzählt diese Geschichte so viel Alltag aus der deutsch-deutschen Vergangenheit. So fern und für viele schon unvorstellbar klingt das, was da zum Nutzen des MSV Duisburg in Magdeburg geschah. Vielleicht liest dieser Mann selber mit oder jemand, der ihn kennt. Es wäre schön, seine besondere Geschichte in seinen eigenen Worten für das Fan-Gedächtnis geschrieben zu bekommen.

Dieser Mann in Wolfsburg war wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, denn seiner Erzählung nach war er Ende der 70er Jahre ein Kind oder ein Jugendlicher, jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs und sich für den Fußball in der BRD interessierte. Am meisten faszinierte ihn damals der Hamburger Sportverein, bei dem in der Saison 1978/79 der Engländer Kevin Keegan spielte. Der HSV wurde in dieser Saison das Maß der Dinge, und der Junge in Magdeburg wünschte sich nichts so sehr, wie noch mehr über diesen Verein zu erfahren. Zu seinem großen Glück gab es Verwandtschaft im Westen, die so manchen Wunsch im Osten erfüllen half. Etwas vom Lieblingsverein HSV zu besitzen, das war es gewesen für den Jungen. Der Wunsch des Jungen wurde weitergeleitet, und als die Verwandten aus dem Westen das nächste Mal in Magdeburg waren, durfte der Junge einige kostbare Mitbringsel auspacken. Was genau er dort dann auf dem Tisch liegen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, es war das 1976 erschienene Buch „Die Zebras kommen“, dazu vielleicht ein Wimpel vom MSV, ein Trikot. Von Fanartikeln konnte man in den 70ern jedenfalls noch nicht sprechen. Der Onkel oder welcher männliche Verwandte auch immer hatte sich verhört. Aus dem HSV war der MSV geworden. Und der Junge im Osten nahm die Dinge mit einer weisen Gelassenheit, die normalerweise nur Menschen mit langer Lebenserfahrung  aufbringen. Mit ein wenig System-Abstand bleibt es eben gleich, mit welchem Verein aus dem Westen man als Fan den Sinn seines Fußball-Daseins findet. Und so häufig kamen die Verwandten aus dem Westen nun auch nicht.

Das Spiel endete mit einem 2:0-Sieg für den MSV Duisburg. Das 1:0 war ein Selbsttor des Wolfsburger Peter Kleeschätzky und das 2:0 erzielte Uwe Spies, der bei den Heimspielen in Duisburg ja immer einen schweren Stand beim Publikum hatte.  Nach dem Spiel bin ich in Wolfsburg geblieben, um mit dem Linienbus zum angeheirateten Neffen nach Braunschweig zu fahren. Ich ging vom Stadion aus zu Fuß Richtung Innenstadt und wartete bei einer Schale Pommes auf meinen Bus. Am Nebentisch saßen drei jugendliche Wolfsburger Fans. Sie hatten die Niederlage schon weggesteckt und unterhielten sich über ihre Fahrten zu Auswärtsspielen ins Ruhrgebiet. Sie waren sich einig, dort niemals leben zu können. So verödet war ihnen die Gegend zwischen Dortmund und Bochum vorgekommen. Fünfzehn Minuten vorher hatte ich beim Anblick von fünfzig Meter Fußgängerzone mit Sonnenstudio oder Spielhalle oder Jeans-Shop noch gedacht, das wirkt ja sogar noch trostloser als in Duisburg. Und in den 90ern war die Königstraße sehr trostlos am Abend. Heimat kann überall sein.

Sechs Tage im Anderen und zurück

Es ist ein Klischee, und doch gibt es solch ein Geschehen immer wieder auch in der Wirklichkeit. Jemand geht für eine Erledigung aus dem Haus und kehrt nie wieder zurück, weil er irgendwo ein anderes Leben beginnt. Ich weiß jetzt ein wenig, warum so jemand ohne Abschied geht.

Sechs Tage gab es den MSV Duisburg nicht mehr in meinem Leben, ich war sechs Tage Anhänger von Girodins de Bordeaux, dem Verein, dem in Deutschland bei der Nennung des Namens das „de“ abhanden kommt. Ich ärgerte mich über dessen 3:1-Niederlage im Champions-League-Viertelfinale gegen Olympique Lyonnais, dem Verein, der in Deutschland immer Olympique Lyon heißt. Ich las zudem in einer kostenlosen Tageszeitung während einer Fahrt mit der Pariser Metro beeindruckt von Frank Ribery, der anscheinend für den FC Bayern München im Alleingang Manchester United mit 2:1 bezwang und meine Hoffnungen für „Les Bleus“ bei der WM in Südafrika stiegen. Ich ging jeden Morgen in meinem Pariser Vorort mit einem Baguette in der Hand über die Straße und fühlte mich dabei sehr französisch. Letzten Dienstag hatte ich kurz überlegt, ob ich die Auszeit bis Ostern ankündigen sollte. Schließlich drängte die Familie zum Aufbruch, und ich fuhr ohne weitere Worte des Abschieds. Ich bin sicher, deshalb verschwand der MSV Duisburg aus meinem Pariser Leben. Ich wurde auf Zeit ein anderer.

Ich erzähle das, weil es etwas über menschliche Identität verrät. Seit einiger Zeit nehme ich bei vielen Anhängern von Fußballvereinen etwas wahr, was ich aus dem Geschichtsunterricht kenne. Da wird über den eigenen Verein und dessen Bedeutung für das eigenen Leben mit solchen Worten geredet, die ich aus frühren Reden über die eigene Nation kenne. Da geht es dann um Stolz und um das wahre Bekenntnis zu besonderen Werten, die es nur in diesem einen Zusammenhang gibt, dem eigenen Verein. Es handelt sich dabei um einen kleinen Teil der Fußballzuschauer, auf die sich die öffentliche Aufmerksamkeit dennoch richtet.

Natürlich ist der Fußball zumindest in Deutschland ein weitaus unproblematischeres Terrain, um solche Gefühle von Identität auszuleben, als es früher in nationalen Zusammenhängen der Fall war. Dennoch frage ich mich, was es uns allen zeigt, wenn ein Teil der Fußballzuschauer ihren Stolz auf „wahres“ Fantum ausleben und daraus das Recht ableiten, eigene Regeln zu etablieren und zu versuchen, andere diesen Regeln zu unterwerfen. Den Einfluss der Vereine, der DFL und des DFB, die alle zusammen diesem Ausleben von Identität den Rahmen geben, vernachlässige ich jetzt hier. Offensichtlich handelt es sich bei dem, was ich da beschreibe um fundamentalistisches Denken, das anscheinend sehr verschiedene Menschen in unserer Gegenwart als anziehend empfinden.

Was macht so ein Fundamentalismus aber damit, dass es mir gelingt, meinen Verein, den MSV Duisburg, in einem anderen Leben zurück zu lassen. Ich werde in diesem anderen Leben kein ganz anderer Mensch, ich interessiere mich weiterhin für Fußball und finde mit Bordeaux meinen Verein. Warum mir sechs Tage lang Bordeaux von Bedeutung war und nicht Lyon, das weiß ich aber nicht. Die Entscheidung hatte nichts mit dem Spiel vom Dienstag zu tun, sie stand sofort fest als ich die erste Schlagzeile von diesem Spiel vor Augen hatte. Es gibt keinen mir erkennbaren, eindeutigen biografischen Zusammenhang. In beiden Städten war ich vor langer Zeit für einen Tag. Bordeaux wurde einmal von Sportjournalisten sehr oft als Beispiel für die gute Nachwuchsarbeit im französischen Fußball genommen. Vielleicht war das der Grund? Bei allen bewussten Entscheidungen unseres Lebens gibt es Momente des Zufalls durch die unsere so intensiven Gefühle von Identität entstehen, und dieses Zufällige dessen, was uns wichtig ist, hat nichts dauerhaft Erhebendes.

Allerdings gebe ich gerne zu, dass beim allmählichen Zurückschlittern in den gewohnten Alltag meine Laune recht gut ist, seitdem ich die Zweitligaergebnisse vom Wochenende kenne. Die Vereine halten sich an meinen Tabellenrechner-Plan. Die wenigen Zeilen Spielbericht bei Der Westen, im Kicker, im RevierSport oder eben die  Kommentare im MSVportal zum 1:0-Sieg des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Ahlen nehme ich deshalb nicht ganz ernst. Ein schwaches Spiel soll der MSV gezeigt haben. Da denke ich, na und. Ich lasse mir doch meine Laune nicht verderben. Alltag kommt in den nächsten Tagen sowieso schon genug.  Doch mit Siegerlaune lebt es sich bis dahin einfach besser.

Mitten in Meiderich – Folge 16

Was bisher geschah … „Mitten in Meiderich“ ist die Mini-Doku über den MSV Duisburg. In der ersten Folge hieß es noch, wir begleiten den MSV bei dem Versuch, doch noch aufzusteigen. Die einzelnen Folgen aber sind bislang nicht mehr auf diese starke Grundidee hin ausgerichtet. Einen längeren Erzählfaden gibt es nicht. Das Serielle der Doku baut fast ausschließlich auf die äußere Form der Präsentation und dem unkonkreten Thema „MSV Duisburg“. Deshalb braucht eine jede Folge eigentlich eine einzelne starke Geschichte mit Anfang und Ende.  Wirklich gefunden werden diese Geschichten bislang nur im Ansatz. Deshalb bieten die Folgen ein kunterbuntes Allerlei, das manchmal etwas beliebig wirkt. In diesen Grenzen gewährt „Mitten in Meiderich“ in den besseren Momenten den Blick aufs Tagesgeschäft, der angesichts des Formats natürlich immer etwas flüchtig ist. Doch Anfang April hat die Niederlage des MSV Duisburg gegen Mainz 05 Spuren in der Doku hinterlassen. Flüchtige Blicke auf das Tagesgeschäft sind offensichtlich nur möglich, wenn Zuversicht im Verein und bei den Machern vorhanden ist …

Wie wir wissen, hatte „Mitten in Meiderich“ am Dienstag zum Zeitpunkt des ersten Netzauftritts der Folge 16 starke Konkurrenz. Das Spiel in der MSV-Arena ließ die Klick-Zahlen für diese Folge sicher später als sonst die gewohnten Höhen aufweisen. Denn wahrscheinlich machten es die meisten Zuschauer der Doku doch wie ich, die real erfahrbare Wirklichkeit ging vor. Eine Entscheidung, die ich im übrigen trotz aller im Nachhinein damit verbundenen ärgerlichen Gefühle nie in Zweifel zöge.

Zum Ende der Saison hin scheinen die Macher das Dokumentarische völlig aufgegeben zu haben. Womöglich ist sowohl ihnen als auch dem Verein als Akteur nicht klar gewesen, was es wirklich bedeutet, einen dokumentarischen Blick auf den Alltag beim MSV zu gewähren. So bleiben Macher und MSV Duisburg auf der sicheren Seite, und auch diese Folge lehnt sich in ihrer Machart jetzt deutlich an die Standardbeiträge der Sportsendungen öffentlich-rechtlicher Anbieter an.

Den thematischen Schwerpunkt der Folge finden die Macher mit dem Blick auf einen Fan. Über den MSV selbst wird so gut wie nichts mehr erzählt. Hier gibt es Versatzstücke aus der TV-Berichterstattung  über einen Fußballverein, der sich in enttäuschter Stimmung befindet. Das sind Standardbilder und -O-Töne vom ärgerlichen Trainer, von ratlosen Spielern und ein resumierender zweiter Fan als Stimme des Volkes.

Dennoch ist die Folge nicht belanglos, weil der im Zentrum stehende Willy B. – ich kürze seinen Namen mal im naiven Aufbegehren gegen Datensammelei ab – Willy B., also, ist in seinem sehr speziellen Sammelfieber und der aufscheinenden akribischen Ordung seines Fantums ein besonderer Fan. Nicht jeder Fan hat einen Archiv- und Reliquienraum für sein Interesse. Und nicht jeder Fan kauft sich Panini-Bilder in vierfacher Ausführung, weil er vier verschiedene Möglichkeiten sieht, sie zu sammeln. Mit und ohne Unterschrift, einmal ins Sammelheft eingeklebt und einmal nicht eingeklebt. Die Macher erzählen also weniger eine Geschichte über den MSV Duisburg als dass sie einen Ausschnitt des Menschseins vorstellen.

Am Rande dieser Geschichte über den Fan Willy B. erfährt man aber indirekt dennoch auch etwas über die Wirklichkeit beim MSV. Denn zum Gespräch mit dem Fan hatte sich Tobias Willi bereit erklärt. Das ist kein Zufall und hat mit seiner Persönlichkeit zu tun, die wiederum Einfluss auf seine Berufsauffassung hat. Auf eine andere Weise als Peter Neururer kann Tobias Willi den Machern der Doku jede Folge retten. Stellt ihn vor die Kamera, lasst ihn reden, egal über was,  und ihr bekommt mit Sicherheit sendefähige Bilder. Ohne dass irgendetwas über den MSV erzählt wird, hält er durch sein Auftreten im Clip den MSV-Alltag präsent. Denn tatsächlich ist er einer der wenigen Spieler, die beim öffentlichen Auftritt nicht alleine als Repräsentanten ihrer selbst wirken, sondern auch als Repräsentanten des Vereins. In Tobias Willis Haltung spürt man die Verantwortung des Profifußballers gegenüber den Fans und den Zuschauern, gegenüber denjenigen, ohne die das Berufsfeld Profifußball nicht existieren würde.

Eins muss ich noch zugeben, allmählich überkommt mich nach dem Ansehen einer Folge eine gewisse Lustlosigkeit, mich ans Schreiben zu begeben. Unbegründete Pauschalurteile sind ganz schön verführerisch. Anscheinend sitzen die Fußballer des MSV Duisburg, die Macher von „Mitten in Meiderich“ und ich alle in einem Boot. Serienarbeit ist nämlich schwer. Besonders wenn man meint, schon alles einmal durchlebt zu haben und nun nicht mehr genau weiß, wo es noch hingehen soll. Das als Trost vor allem an die Macher von „Mitten in Meiderich“.


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