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Fundstück: Fußball lesen wie ein Gedicht

Für die Süddeutsche Zeitung haben Sebastian Fischer und Maik Rosner mit dem Trainer des FC Augsburg Manuel Baum gesprochen. Ohne Abo ist das interessante Interview online nicht zu lesen. Zwei Bemerkungen Manuel Baums will ich aber hervorholen. Zum einen vergleicht er die Bewertung eines Fußballspiel mit der Interpretation von Gedichten.

Seine Bemerkung erinnert daran, dass die immer umfassendere Beschreibung des Fußballs mit statistischen Daten das einzelne Spiel nicht eindeutig erklären wird. Irgendwann muss interpretiert werden, weil das Wissen über die Leistungswerte einzelner Spieler nicht genügt, um die Qualität des Zusammenspiels aller Spieler zu bestimmen. Es gibt keinen absolut wahren Schluss, den die Daten ermöglichen.

Davon ab könnt ihr vielleicht denken, dass es mir sehr gefällt, wie Manuel Baum die beiden unterschiedlichen Sphären der Kultur zusammenbringt. Schließlich geschieht das in diesen Räumen desöfteren ähnlich.

Zum anderen weist er auf eine Grundlage von Erfolg hin. Das Tagesgeschäft entwickelt er, nachdem sich der Verein zu einem grundsätzlichen Spielstil entschieden hat.

Hymnen auf Belek

Winterpausenlob

O Belek, in deutschkalten Wintern, du heilender Ort.
Wer deine so heiligen Rasen voll Glauben betritt,
dem fegst du die Hinrundenschuld und -fehler hinfort.

So viele gewannen durch dich ihren Glauben zurück.
Die Blinden erzielten die Tore  aus weiter Entfernung,
Die Lahmen erliefen sich Bälle und weinten vor Glück.

O Belek, wir werden dich immerzu  loben und preisen.
Du hilfst bei der Angst vor dem Abstieg und Meisterschaftssorgen.
O Belek, den Zweifelnden werden Siege im Spiel es beweisen.

 

Winterpausenlob (2015 dub remix)

O Belek, zuerst bei dir der SV Werder Bremen vom 6. bis 14. Januar.

Sonne, Tore  und  Erfolg.

O Belek, bei dir der VfL Borussia Mönchengladbach vom 8. bis 15. Januar.
O Belek, der DSC Arminia Bielefeld bei dir vom 9. bis 17. Januar.

Neuer Mann kommt gut. Neu ist gut, neu ist gut!

O Belek, der FC Augsburg bei dir vom 11. bis 19. Januar
O Belek, Hannover 96 bei dir vom 11. bis 20. Januar

Abstiegsangst. Abstiegsangst. Abstiegsangst.

O Belek, der 1. FC Kaiserslautern bei dir vom 12. bis 22. Januar.
O Belek, der FC St. Pauli bei dir vom 12. bis 22. Januar.

Der Geist im Team, der Trainingsspotter Muezzin.

O Belek, der SC Paderborn bei dir vom 13. bis 22. Januar.
O Belek, der BSC Freiberg bei dir vom 16. bis 23. Januar.

Über. Stark. Siege. Mut. Über. Stark.

O Belek, die SpVgg Greuther Fürth bei dir  vom 16. bis 24. Januar.
O Belek, Hertha BSC in Belek vom 18. bis 24. Januar.

Sonne, Tore  und  Erfolg.

O Belek, der 1. FC Nürnberg bei dir vom 19. bis 26. Januar.
O Belek, und auch die Offenbacher Kickers kommen vom 2. bis 9. Februar.

Alle kommen. Alle kommen. Alle hoffen. Alle hoffen.

Das besondere Sportfoto: Peter Langenhahn

Ein paar von euch kennen als Eltern wahrscheinlich Bilderbücher, in denen Vorschulkindern das Funktionieren unseres Alltags gezeigt werden soll. Die Bilderbuchillustratoren müssen in solchen Büchern immer das Problem lösen, mit einem ereignishaften Moment dieses Alltags möglichst viele Handlungen eines Geschehens auf einem einzigen Bild darzustellen. Deshalb wirken solche Bilder oft so, als seien unsere Städte zwar übervölkert, aber dennoch mit Vollbeschäftigung beglückt.

Mich erinnern die Sportfotos von Peter Langenhahn an solche Kinderbücher. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung wurde ich am Freitag auf den Fotografen aufmerksam. Für ein Foto fügt er etwa 300 digitale Bilder zusammen und schafft so eine faszinierende Gleichzeitigkeit von eigentlich nacheinander stattfindenden Ereignissen. Den Fußball hat er mit dem Relegationsspiel der vorletzten Saison 2009/2010 zwischen dem Zweitligisten FC Augsburg und dem Bundesligisten 1. FC Nürnberg vor die Kamera genommen. Das Foulspiel ist Grundmotiv dieses Fotos. Die Kopien der Fotos auf seiner eigenen Webseite sind noch etwas größer und lassen mehr Details erkennen, was unbedingt nötig ist, wenn er ein ganzes Sportgeschehen auf einem einzigen Foto anordnet. Am besten wäre es wahrscheinlich, sich die Fotos als Abzug ab August auf der Internationalen Ausstellung zeitgenössischer Künste in Dresden anzusehen.

 

 

Mehr als Erfüllung einer Zielvorgabe

Nicht nur Milan Sasic musste vor dem Auswärtsspiel des MSV Duisburg beim FC Augsburg sehr schnell umplanen, als Ivo Grlic sich beim Aufwärmen das Knie verletzte. Auch in Duisburg wurden zu Beginn des Wintergrillens im städtischen Jugendzentrum die Pläne für die Live-Übertragung des Spiels über den Haufen geworfen, weil der Mann mit dem Beamer erkrankt war und nicht kommen konnte. Der Kader eines städtischen Jugendzentrums ist ebenso wenig breit aufgestellt wie der des MSV Duisburg. Der Ausfall eines einzigen Mannes kann das gesetzte Ziel leicht gefährden. Doch hier wie dort war man mit den übrig bleibenden Möglichkeiten nach dem Standhalten in ein paar kritischen  Momenten erfolgreich. Die Live-Übertragung  gab es etwa ab der 20. Minute über den 17-Zoll-Bildschirm eines PCs, obwohl die Verbindung des PCs zum Router zunächst sehr instabil war. Und die Mannschaft des MSV Duisburg erspielte sich das torlose Unentschieden in der zweiten Halbzeit souverän, nachdem die Augsburger Spieler zum Ende der ersten Halbzeit ihre letzten größeren Chancen nur unzulänglich nutzten.

Wenn man in einer Gruppe ein Fußballspiel auf einem kleinen PC-Bildschirm verfolgt, ist der Abstand zum Bildschirm doch beträchtlich und deshalb fallen detaillierte Urteile schwer. Ein Eindruck ergibt sich automatisch aus dem großen Ganzen und nicht aus der Bewertung einzelner Spieler. Vor allem fiel auf, wie entschlossen die Mannschaft des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit antrat, um im Spiel zu bleiben und frei nach dem Motto, Angriff ist die beste Verteidigung, den einzig möglichen Schluss aus den letzten zwanzig Minuten der ersten Halbzeit zu ziehen. Gefahr strahlte der FC Augsburg in dieser zweiten Halbzeit kaum mehr aus. Deutlich wurde das Bemühen des MSV Duisburg, durch die offensivere Spielweise Druck auf den FC Augsburg aufzubauen. Ebenso deutlich wurde aber auch, dass in der gegnerischen Hälfte bei vielen Angriffen ein Spieler in der Mitte gesucht wurde und natürlich nicht gefunden ward. Da stand niemand, der die Flankenläufe hätte verwerten können. Wirkliche Torgefahr ergab sich deshalb nur einmal überraschend. Ivica Banovic nahm einen aus dem Strafraum geschlagenen Ball auf und traf mit einem Schuss aus der Distanz den Pfosten. Zwei, drei Dribblings erreichten den Strafraum zwar, verebbten aber dort. Schließlich konnte kurz vor Spielschluss Srdjan Baljak nach einem Steilpass ebenfalls in den Strafraum dringen und wurde fast sofort von Gibril Sankoh von den Beinen geholt. Das war ein Foul im Strafraum und damit den Regeln gemäß ein Elfmeter. In vielen Spielen gibt es für den eigentlich fällig Elfmeterpfiff aber neben dem Foul auch atmosphärische Bedingungen. Die standen allesamt gegen den Elfmeterpfiff. Baljak hatte noch keinen Zug zum Tor, sondern war weiter in der Vorwärtsbewegung parallel zur Außenlinie. Bis zu dem Zeitpunkt fehlten zudem ganz deutliche Torchancen innerhalb des Strafraums vom MSV Duisburg. Das Spiel befand sich kurz vor Schluss mit dem Unentschieden in einem Gleichgewicht, das dem Spielverlauf entsprach. All das entschuldigt natürlich nicht den ausbleibenden Pfiff, sondern versucht ihn nur zu erklären.

Was mich aufgeregt hat, war auch gar nicht der ausgebliebene Elfmeterpfiff sondern die Geste von  Gibril Sankoh nach seinem Foul. Was geht in so einem Spieler vor, der den Körperkontakt gespürt haben muss und der Srjdan Baljak dennoch beschimpft? War Sankoh tatsächlich der Ansicht, Baljak habe sich fallen gelassen und er habe regelgerecht gegrätscht? Oder gehört das zu bewusster Stimmungsmache und zu den Versuchen den Schiedsrichter zu beeinflussen?  Diese Geste war mehr als das übliche Unschuldsgegreine nach dem Foulpfiff, weil Sankoh das Opfer Baljak für das Opfer-Sein auch noch angreift. Sankohs Geste entspricht dem Reden eines Jugendlichen, der auf der Straße vor anderen Jugendlichen dicke Hose macht und sie mit den Worten,  „du Opfer“ beschimpft. Sankoh überschreitet mit seiner Geste gegenüber Srdjan Baljak eine Grenze. Er zerstört Standards des kollegialen Umgangs. Wenn Jos Luhukay im Interview nach dem Spiel den Elfmeterpfiff als möglich beschreibt, arbeitet er auch gegen dieses Benehmen von Sankoh an. Hoffentlich mit Erfolg.

Das Unentschieden des MSV Duisburg gegen den FC Augsburg ist mehr als die Erfüllung einer Zielvorgabe. Schon ohne den Ausfall von Ivo Grlic hätten wir zufrieden sein können mit dem Unentschieden. Diese Mannschaft bewies aber mehr. Diese Mannschaft ist so in sich gefestigt, dass trotz kurzfristiger Umstellung  der Mannschaft und ungewohnter Positionen von Spielern im Mannschaftsgefüge als Notlösung sie zu einem strukturierten Spiel findet. Das Unentschieden ist zudem entgegen der Meinung Uwe Möhrles nach dem Spiel keineswegs durch eine Spielverhinderung erreicht worden. Diese Mannschaft des MSV Duisburg hat in der zweiten Halbzeit sehr wohl Zug nach vorne gehabt. Das waren nicht einzelne Konter, um Tore zu erzielen. Das war ein kontinuierliches Versuchen in den Strafraum des FC Augsburg zu gelangen. Dieser Punkt in Augsburg ist sehr verdient, und er hat sich vorhin, kurz vor halb vier, als ein noch wertvollerer Gewinn erwiesen. In dem Moment erzielte Arminia Bielefeld kurz vor Spielende im Spiel gegen den VfL Bochum den Ausgleich. Der MSV Duisburg ist oben sehr nah dran – auch an Platz 2. Bleibt mir mal wieder nur, mich weiterhin eine Woche lang am sorgfältigen Ausbalancieren von Hoffnung auf und Erwartung des Unaussprechlichen zu üben.

Das Leichte ist häufig das Schwerste

Das sind die Tage, an denen es nicht genug zu lesen gibt über das, was wir erlebt haben. Das sind die  Tage, an denen unser Hunger auf immer neue Bilder und O-Töne kaum zu stillen ist. Wir versuchen alle möglichen Wiederbelebungsmaßnahmen des Gesehenen, denn dieser Sieg gestern gegen den FC Augsburg will ausgekostet werden, so intensiv es geht. Lange klappt das in einer englischen Woche ohnehin nicht. In drei Tage steht das Auswärtsspiel beim FC Union Berlin auf dem Spielplan.

Dieser Sieg war begeisternd, und ihm wohnte gleichzeitig die Bedrohlichkeit einer großen Enttäuschung inne. Der MSV Duisburg ließ dem FC Augsburg nahezu keine Chance, so überlegen war sein Spiel. Schon in den ersten zwanzig Minuten schloss die Mannschaft mehrere ihrer Angriffe gefährlich ab. Srjdan Baljac wäre so früh fast die Führung gelungen, als er eine Hereingabe von der linken Seite kunstvoll Richtung Tor lenkte. Der Reflex des Augsburger Torhüters Mohamed Amsif verwandelte den Jubelschrei ins ungläubige Aufstöhnen.

Erst in der 56. Minute erzielte dann Srjdan Baljac das 1:0. Auch wenn der FC Augsburg keine deutliche, kontinuierliche Gegenwehr zeigte, gab es im Spiel immer wieder Einzelaktionen, in denen die Augsburger Stürmer ihr Potential erahnen ließen. Da blitzte an ungefährlichen, torferneren Orten des Spielfelds die Grundschnelligkeit dieser Stürmer auf, und so blieb die Sorge, dass erneut wie gegen den TSV 1860 München ein kleiner Fehler in den Reihen des MSV Duisburg dem FC Augsburg die Chance auf ein Tor aus dem Nichts ermöglichen könnte.

Der MSV Duisburg störte jeden Spielaufbau der Augsburger auch nach der Führung schon früh. So kam es in der letzten Viertelstunde zu Kontern mit Chancen auf ein zweites Tor im Drei-Minuten-Takt. Doch Konter um Konter wurde vergeben, und dabei hatte ich den Eindruck, die Chancen wurden immer klarer. Sah man in die Gesichter der Duisburger Spieler nach dem dritten oder vierten dieser vergebenen Konter, konnte einem angst und bange werden. Für einen Moment wirkten sie fast traumatisiert darüber, dass ihnen selbst im Spiel mit drei gegen eins kein zweites Tor gelang. Für einen Moment durchzuckte mich die Furcht, die Enttäuschung könne zu groß sein, um konzentriert weiter zu spielen. Dem war nicht so. Der MSV Duisburg ließ in seinen Bemühungen nicht nach. Es blieb in diesen letzten Minuten weniger Bangen als im Spiel gegen München, doch noch genug, um diesen so verdienten Sieg bedroht zu sehen. Das spürte das gesamte Publikum und wollte seinen Teil zum Sieg in diesen letzten Minuten mit anhaltendem Anfeuern auf allen Plätzen beitragen.

Diese Mannschaft des MSV Duisburg erwirbt sich gerade Sympathie und Vertrauen der Zuschauer. Mit dieser Spielweise werden sich die Ränge allmählich füllen. Was zu sehen war, wird weiter erzählt. Auf diese emotionalen Momente wie gestern und im Spiel gegen 1860 München haben wir in Duisburg lange verzichten müssen. Diese Momente sind wieder erlebbar im Stadion, und diese Mannschaft hat es verdient, dass die Zuschauerzahl im Laufe der Saison zu Spielen gegen Spitzenmannschaften auch gerne mal an der 25.000er- Marke kratzen kann.

Nun stehen wir jenen Spielverläufen gegenüber, bei denen Feinanalysen notwendig werden, damit die Mannschaft sich weiter verbessert. Es reicht nicht mehr aus, pauschal mangelnde Laufbereitschaft oder zu geringes Durchsetzungsvermögen zu bemängeln. Letzteres mag es auch in einzelnen Momenten beim Spiel nach vorne geben, aber die Mannschaft spielte so stark, dass solche kleinen Mängel nicht ins Gewicht fielen. Im Gegenteil, es ließe sich sogar als psychische Stärke deuten, dass etwa Sefa Yilmaz unermüdlich seine Gegenspieler zu überspielen versuchte, auch wenn er nicht so erfolgreich war wie noch im Spiel gegen München. Diese innere Stärke führt schließlich zu einem Durchsetzungsvermögen, wie er es bei der Vorarbeit zum Führungstreffer zeigte. Er kam ins Stolpern und es schien schon so, als ob sein Gegenspieler ihn gestoppt hätte. Doch beim Stolpern mit anschließenden Kniefall versuchte er, den Ball weiterhin zu kontrollieren. Dann reaktionsschnell aus dem Sturz auf die Knie wieder auf die Beine kommen und aus dem erneut drohenden Vornüberfallen den Sprint mit Ball schaffen, das braucht nicht nur unbedingten Willen diesen Ball nach vorne zu treiben, sondern auch den Glauben, dass etwas glücken wird in einer Spielsituation, die zunächst nicht klar erkennbar ist.

Dieser Energieleistung von Yilmaz gleicht auch ein Solo-Lauf von Julian Koch, der ungefähr von der Mittellinie aus in eine Lücke gestartet war und eigentlich darauf aus war, abzuspielen. Allerdings stand ihm unablässig ein Augsburger Gegenspieler im Weg, so dass er geradezu gezwungen wurde, den nächsten Spieler zu umkurven. Das geschah insgesamt viermal, oder fünfmal sogar?, so dass er sich schließlich im Strafraum befand und kurz vor der Torauslinie in den Rückraum spielen konnte. Leider wurde dieser Pass abgefangen, und es war beeindruckend, wie Julian Koch augenblicklich zurücksprintete, um die notwendig werdende Defensivarbeit wieder aufnehmen zu können.

Dieser Solo-Lauf kam unerwartet, wahrscheinlich sogar für Julian Koch selbst, aber es macht diese Mannschaft aus, dass ihr planvolles und disziplinierte Spiel immer wieder überraschende Momente zeigt. Es gibt in dieser Mannschaft mehrere Spieler, die machmal etwas anderes machen, als es der Gegner erwartet.

Der MSV Duisburg hat den Druck auf den FC Augsburg nahezu das gesamte Spiel über kontrolliert aufgebaut. Wie oft haben wir eine Mannschaft in den letzten Jahren erlebt, der das nur in Ansätzen gelang. Im Spiel gegen den TSV 1860 München war dieser Mannschaft bereits der unbedingte Wille anzumerken, den Gegner möglichst früh anzugreifen. Doch wirkte dieser frühe Angriff ungestümer als gestern und damit auch abhängiger von der Grundemotion, die sich auf dem Platz entwickelt. Im Spiel gegen den FC Augsburg war dieser Wille zum frühen Angriff ebenfalls jederzeit spürbar, doch das Agieren auf dem Platz schien mir überlegter und weniger abhängig von einer sich notwendiger Weise entfaltenden kämpferischen Energie.

Durch das notwendig gewordene Ersetzen beider Innenverteidiger wurde gestern aber auch deutlich, Milan Sasic hat durch die Zusammenstellung des Kaders Möglichkeiten gewonnen, die Mannschaft unterschiedlich ohne Qualitätsverlust aufzustellen. Auch diese Erkenntnis vermittelt der Mannschaft Sicherheit. Wenn ich an dieser Stelle nun nicht weiter auf die Leistungen der anderen  Spieler der Mannschaft eingehe, bedeutet das keineswegs, deren Leistungen wären nicht erwähnenswert gewesen. Mir geht nur im Gegensatz zu den Spielern gestern die Luft aus. Sie haben wirklich gut gespielt. Alle!

Gleich geht´s los

Wäre ich mein Trainer, wahrscheinlich würde ich mich erst in der zweiten Halbzeit einwechseln. Ich erklärte dann auf einer Pressekonferenz vor dem Spiel, nach der langen Schreibpause habe Kees Jaratz seinen Rhyhtmus noch nicht ganz wiedergefunden, um einen Text in gesamter Länge zu bewältigen. Er müsse langsam wieder an die Mannschaft herangeführt werden. Als Trainer wüsste ich natürlich, wie sehr Kees Jaratz das Spiel mit den Worten vermisst und wie schwer es ihm fällt, erst einmal auf der Ersatzbank Platz zu nehmen. Ich lobte Kees Jaratz für sein Verständnis und versicherte der Presse und aller Welt, wie sehr der Verein in Zukunft noch Kees Jaratz für ganze Text brauchen wird. Dann schwiege ich und überließ es dem Pressesprecher meines Vereins, nach Fragen zu fragen.

Mein Trainer hätte recht, nach der längeren Pause fehlt mir die Leichtigkeit und mein Instinkt. Ich denke zu viel. Wie der Fußballspieler nach einer Verletzungspause, frei vor dem Tor stehend, zu viele Optionen erkennt und die Chance vergibt, so taucht Gedanke um Gedanke auf und drängt darauf in Worte gefasst zu werden. Dabei vergebe ich überhastet Sinn und Bedeutung. Andererseits muss auch mal jemand Verantwortung übernehmen, gerade in einer Einzeldisziplin bleiben da nicht viele übrig. Denn um so eine Einzeldisziplin handelt es sich ja eigentlich hier, und bei so einem ersten Auftritt nach längerer Schreibunterbrechung kann ich auf den harmonischen Wortfluss nicht immer Rücksicht nehmen. Da muss auch mal ein Satz unvermittelt rausgehauen werden – als Duftmarke, wie unsere Sportreporter gerne sagen. Gleich geht´s nach Osnabrück. Das ist so ein Satz, der in seiner brachialen Durchsetzungskraft an Günter Netzers Sololauf mit anschließendem Torerfolg im DFB-Pokalfinale der Saison 1972/73 gegen den 1. FC Köln erinnert. Zumal er damals dem Trainer Hennes Weisweiler mit seiner eigenen Einwechslung während der Verlängerung vorgegriffen hat. In der Anekdote wird es zugespitzt erzählt, Netzer habe sich über ihn hinweggesetzt. So wird mir Günter Netzer zum Vorbild.

Antreten und losschreiben, egal was kommt. Irgendwie wird das Wort schon verwandelt – in Sinn. Denn Schreiben hat auch etwas von Mannschaftssport, weil erst im Vorgang des Lesens, das heißt mit Hilfe von Mitspielern, sich dieser Sinn ergibt. Leser machen mit Texten, was sie wollen.  Der Schreibende bleibt am Ende des Ganzen nicht mehr allein. Das beruhigt ein wenig und so stellt sich allmählich ein ansehnlicher Schreibfluss ein. All die vorbeigezogenen Einzelheiten der letzten Wochen muss ich dabei allerdings vernachlässigen. Mannschaftskapitän, Neuzugänge, Verwaltungsarbeit und Präsidentenfragen, all das wird erst nach und nach wieder Thema sein. Dann kümmer ich mich auch um die mir so lieben Kultur- und Strukturdebatten des Fußballs, wie sie gerade beim FC Schalke 04 und beim Hamburger SV mit unterschiedlichen Schwerpunkten geführt werden.

Heute geht es um den Saisonauftakt und Erwartungen. In dieser Saison kommt der MSV Duisburg als Antwort auf die Aufstiegsfrage nicht vor. Was die meisten von uns nach den Erfahrungen der letzten zwei Jahre doch sehr erleichtert. Mit Abstand wird Hertha BSC  als Favorit für den Aufstieg gehandelt. Da gibt es schon mal die eine Freude in dieser Saison namens, wenn Favoriten straucheln. Das tut mir leid für die Anhänger des Vereins, und ich habe überhaupt nichts gegen ambitionierte Hauptstadtvereine, die Freude ergäbe sich einzig aus dem Impuls der Überraschung. Bochum wird natürlich allein durch die Kraft des Aufstiegsroutiniers Friedhelm Funkel oben mit dabei sein. Einen beträchtlichen Vorteil hat ebenfalls der FC Augsburg mit seiner nahezu unveränderten Mannschaft. Auch der FC Augsburg wird oben mitspielen. Bei Fortuna Düsseldorf bin ich mir schon nicht mehr so sicher. Ich habe nun aber nicht mehr die Geduld, mich um weitere Vereine zu kümmern. Ich denke gerade nämlich an die eine Überraschungsmannschaft der Saison. Die gibt es fast in jeder Spielzeit der 2. Liag. Und der Platz ist per definitionem am Anfang der Saison unbesetzt. Ihr kennt mein unverbesserliches Wesen inzwischen und werdet ahnen, welcher Mannschaft ich liebend gerne diesen noch zu vergebenden  Beinamen verleihen möchte. Denn es wäre eine Überraschung, könnte die neu zusammen gestellte Mannschaft des MSV Duisburg oben mithalten. Ich erwarte das aber überhaupt nicht und werde mal sehen, was da zu sehen ist. Dauerkarte ist ebenso im Haus, wie die Fahrkarte nach Berlin mit Zwischenstation in Osnabrück. Denn wenn ich schon die ersten beiden Heimspiele verpassen werde, muss ich doch wenigstens beim allerersten Punktespiel der Saison dabei sein.

Trauerworte

Gestern war „zuletzt„. Die Hoffnung ist tot, und wie es sich bei einem Todesfall gehört, erlebe ich seit gestern Abend immer wieder kurze Momente, in denen etwas in mir sich sträubt, das Geschehene als wirklich anzuerkennen. Dann erweist sich die menschliche Vorstellungskraft als leer laufender Motor zur Rettung des ewigen Lebens. In diesen Momenten scheint die auf das Leben ausgerichtete Energie in uns jeglichen Tod verhindern zu können. Die menschliche Vorstellungskraft ist dann der Wirklichkeit überlegen. Dann spüre ich mit aller Deutlichkeit den völlig offenen Ausgang der Saison. Dann habe ich Frühlingsduft meiner Kindheit in der Nase von all jenen Spieltagen, an denen ich erwartungsfroh auf das Wedau-Stadion zugelaufen bin. Dann sehe ich mich auf den Stehplätzen der heutigen MSV-Arena, wie ich eine Mannschaft beobachte, die sich aufwärmt und aufsteigen kann. Bilder von jubelnden Spielern habe ich plötzlich im Kopf und der eigene Torjubel, in unterschiedlicher Intensität, durchfährt für andere nicht sichtbar meinen Körper. Das zufriedene Hochreißen der Arme bei einem Tor, wenn die Mannschaft überlegen spielt und schon geführt hat. Die ekstatische Begeisterung, wenn in einem ausgeglichenen Spiel der ersehnte Treffer fällt. Ich sehe in freudige Gesichter von Menschen, deren Namen ich nicht kenne, denen ich aber seit Jahren auf dem Stehplatz im Stadion um mich herum begegne. Das alles geschieht innerhalb von Sekunden. Ich trauere, und der der Abschied tröpfelt sich derweil in mein Leben.

Beim Spiel selbst gab es für mich ausschließlich bedrückte Gefühle. Ich hatte vor der Frage gestanden, wie bringe ich Geburtstagsfeier in Duisburg, Anfahrt aus Köln und das Spiel sehen zusammen? Es kam zur Anfahrt während der ersten Halbzeit und bis zum Breitscheider Kreuz kannte ich das Spielergebnis nicht. Dort kamen wir schließlich in die Reichweite von Radio Duisburg und zwischen Knacken und Knistern konnte ich mit großer Anstrengung einen Halbsatz von Marco Röhling zu einem Angriff des MSV Duisburg hören, ehe für Minuten das Radio wieder nur noch rauschte. Erkenne den Spielstand am Tonfall von Marco Röhling, hieß das Rätsel und ohne unbescheiden sein zu wollen, kann ich sagen, darin bin ich gut. Denn augenblicklich hatte ich ein flaues Gefühl im Bauch und beim Zetern und Katastrophen-Aushalten Glück, dass der Autobahnwechsel Richtung Krefeld nicht allzu viel Aufmerksamkeit benötigte.

Ich war mir sicher, der MSV liegt zurück, und als wir auf die A59 auffuhren, war der Empfang von Radio Duisburg nicht mehr gestört und das Popsong-Gedudel beendete Guido Jansen mit dem Aussprechen des befürchteten Spielstands. Ich wollte es nicht wahr haben, doch im Grunde war ich mir sicher, die Niederlage stand fest. Dafür sprach die psychische Dynamik des Geschehens: Die immer wieder kehrende Chance wurde nicht selbst erarbeitet, sondern war Geschenk. Zudem fehlte es in diesem gesamten Bedeutungsraum MSV Duisburg an Geschlossenheit. An zu vielen Stellen brach die Einheit dieses Vereins immer wieder auf. Ob das nun zwischen Trainer und irgendwem war, ob das nun zwischen Spieler und Fans oder Fans und Vereinsverantwortlichen war. All diese Brüche haben Auswirkungen, und das hat nichts Esoterisches, sondern das sind komplexe psychische Prozesse. Geschlossenheit ist aber nötig, einen mindestens gleichwertigen, wenn nicht besseren Gegner zu bezwingen.

Auf einem anderen Blatt stehen die spielerischen Möglichkeiten der Mannschaft. Ein Sieg hätte nur glücken können, wenn die Mannschaft das Spiel erfolgreich zerstört hätte. Ich hatte vor dem Spiel nie an ein Tor aus kontinuierlichem Spielaufbau heraus gedacht. Ein Konter. Ja! Ein Tor nach einer Ecke. Ja! Ein Schuss, abgefälscht und mit sehr viel Glück ins Tor trudelnd! Ja. Aber zwei solcher Tore? Nein. Mit keiner der drei nun oben platzierten Mannschaften hatte der MSV im direkten Vergleich über längere Zeit spielerisch mithalten können. Deshalb war ich mir sicher, das war das Ende der Aufstiegshoffnungen. Natürlich habe ich dennoch in der zweiten Halbzeit vor dem Bildschirm bei jeder Bewegung in die Hälfte der Augsburger gehofft, ein Glückstor könne fallen und dann vielleicht noch eins. Aber es war so deutlich, dass der MSV Duisburg keine spielerischen Mittel fand, gefährlich vor das Tor der Augsburger zu kommen.

Inzwischen ist die Trauer milder geworden. Manchmal kommt mir der Gedanke an die nächste Saison, dann beginnen Sorgen und ich denke lieber erst einmal an etwas anderes. Manchmal erinnere ich mich auch an die Jahreshauptversammlung am letzten Mittwoch und mache mir immer noch Gedanken, was Dr. Gerd Görtz mit seinem Verhalten zu den Fragen der Beteiligung der MSV KGaA am „Seehaus“ verhüllen wollte. Dann wiederum rücke ich ab vom sportlichen Tagesgeschehen und mache mir ablenkende Gedanken zur Neuorientierung des mittelständischen Unternehmens MSV Duisburg in der Unterhaltungsbranche Fußball, an der dieser Verein nicht vorbei kommt. Die neu zusammengestellte Mannschaft ist nur ein Teil dieser Neuorientierung. Diese Neuorientierung aber ist einen eigenen Text wert.

So wird Hoffnung wachsen: „Wir schauen nur auf uns“

Am Freitag verlor bereits Arminia Bielefeld, und am Samstag fuhren Fortuna Düsseldorf und der FC Augsburg mit Niederlagen von ihren Auswärtsspielen nach Hause. Ist es deshalb nicht gut, dass wenigstens der FC St. Pauli am Sonntag gewonnen hat? Der MSV Duisburg braucht zwar noch weitere Niederlagen der Hamburger, doch frage ich mich, können die Spieler des MSV Duisburg drei Tage hintereinander Aufstiegshoffnungen ignorieren und dadurch so konzentriert bleiben, wie es für ein siegreiches Spiel gegen den TSV 1860 München heute Abend notwendig ist? Vielleicht kommt der Sieg vom FC St. Pauli gerade recht, so dass diese Aufstiegshoffnungen im Verein wieder ein wenig gedämpft werden? Für Niederlagen vom FC. St. Pauli bleibt noch Zeit.

War die Mannschaft des MSV Duisburg einen Spieltag erfolgreich, desto entschiedener muss sich das Trainerteam darum kümmern, die Aufmerksamkeit der Spieler von den Spielergebnissen der vier Vereine auf den Plätzen 2 bis 5 wegzunehmen. So einfach ist das nämlich nicht mit der alten Fußballermaxime, wir schauen nur auf uns.  Sollte dieser Satz nämlich nicht Zustandsbeschreibung sondern ein Vorsatz sein, wird es schon schwierig. Nur mit Vorsätzen lässt sich unsere Psyche nämlich nicht beeinflussen.  Das muss auf Umwegen geschehen und braucht Unterstützung, die Verwirklichung so eines  Vorsatzes. Denn mit dem Vorsatz rückt genau das ins Bewusstsein, woran wir eigentlich nicht denken wollen. Wir können es nicht aussprechen: Heute Abend denken wir nicht an die Niederlagen der anderen Vereine. Im selben Moment haben wir schon daran gedacht und dieses Denken wird Wirkung zeigen. Manche wird es antreiben, andere wird es hemmen. So verschieden sind wir Menschen, und deshalb ist das nicht so einfach mit dem „Wir schauen nur auf uns“.

Deshalb kennen wir Fans vom MSV Duisburg seit einiger Zeit diese besonders unangenehme Erfahrung: Die Möglichkeit, dass sich unsere Hoffnungen rund um den MSV Duisburg noch erfüllen, wird wieder größer. Genau dann aber, genau dann, wenn die Hoffnung am größten ist und die Enttäuschung wieder besonders tief treffen kann, dann begegnen wir ihr auch, dieser Enttäuschung. So soll es heute Abend hoffentlich nicht werden. Aber es wäre schon schön gewesen, wenn der MSV Duisburg gerade an diesem Spieltag schon Samstag hätte antreten dürfen. Dann hätte es die Mannschaft etwas einfacher gehabt nur auf sich schauen.

Aufstieg? Karneval? Wie geht denn dann das?

Weil ich mich letztes Jahr während der Karnevalszeit ein wenig für die Städteverständigung zwischen Köln und Duisburg eingesetzt habe und mein sehr persönliches Wissen über den Fastelovend hier verbreitete, sieht Google anscheinend in mir schon den Karnevalsfachmann. Wahrscheinlich sollte ich mein Dienstleistungsportfolio erweitern und demnächst in Talk-Shows bei gutem Stundenhonorar als Brauchtumsexperte sitzen.

Hier kommen jedenfalls seit einigen Tagen immer wieder Menschen mit Fragen vorbei. Ratlos sitzen sie irgendwo vor ihren Kostümen und denken bange, was wird mich in Köln bei meinem ersten Karneval am Rhein erwarten? Verrate mir doch einer nur die Regeln dieses undurchsichtigen Feierns dort. Google hilf!

Für all die ratlosen Menschen habe ich ein ganz einfaches Rezept. Wer sich in den Kölner Karneval begibt, sollte sich wie bei jeder ersten Begegnung mit einer fremden Kultur verhalten. Freundlich sein, und damit rechnen, Fehler zu begehen. Dann den Kontakt zu ebenfalls freundlichen Feiernden suchen und sich nicht scheuen, um Rat zu fragen. Fremde Getränke und Speisen sollte man nur in vorsichtigen Mengen genießen, und schließlich sollte man auf sein Glück hoffen, jemandem zu begegnen, der einen dorthin führt, wo ein ausgewogenes Verhältnis herrscht zwischen Einheimischen und Karnevalstouristen. Mehr braucht man nicht. Auf jeden Fall sollte alles vergessen werden, was man jemals über den Kölner Karneval gelesen hat. Wer mit dem unbedingten Willen anreist, auf jeden Fall den einzigartigen Sujet-jibbet-nur-in-Kölle-Spass-an-der-Freud  zu erleben, kann nur enttäuscht werden. Man kann zum „Spass an der Freud“ bereit sein, aber irgendetwas, was man nicht in der Hand hat, wird dazu kommen. Ävver et hät noch immer jot jejange. Dieses rheinische Lebensmotto kennt man wie den Karneval wahrscheinlich inzwischen auch schon überall in Deutschland, und wer das als Mantra bei der Anreise vor sich hinmurmelt, fühlt sich schon mal ein wenig in die kölsche Mentalität ein.  Denn oft tut es das dann auch. Im Karneval!

Beim Fußball kommt diesem kölschen Lebensgefühl allerdings die gegnerische Mannschaft nur allzu oft dazwischen. So musste ich nicht nur nach den letzten zwei Punktespielen des MSV Duisburg mein Päckchen tragen, auch die Kölner Freunde traf in der letzten Woche die Wirklichkeit hart. Der 1. FC Köln ist wie der MSV Duisburg gegen Augsburg aus dem DFB-Pokal ausgeschieden, und vorher waren die Spieler der Mannschaft zum ersten Mal seit Jahren nicht einmal auf der FC-Sitzung. Die Karnevalsfeier des Vereins fand ohne diejenigen statt, die Wohl und Wehe der Fans maßgeblich mitbestimmen. Was für eine Woche! Mit der Niederlage gegen Augsburg war ja zudem das Ausscheiden aus dem Europapokal verbunden. In diesem Große-Hoffnungswettbewerb nimmt der FC regelmäßig teil, sobald die Mannschaft zwei Spiele hintereinander gewinnt. Für den Verein ist dieser Europapokal ein sehr zwiespältiger Wettbewerb. Denn was heute stimmungsaufhellend und begeisternd wirkt, ist morgen Anlass zu großer Enttäuschung.

Ob der Europapokal beim MSV Duisburg Aufstieg heißt? Ich möchte Bruno Hübner so gerne bei seinem Versuch der Stimmungsaufhellung folgen. Ich weiß es auch sehr zu schätzen, wie er im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht auf die Psyche der Mannschaft einzuwirken. Wer nach den letzten zwei Spielen von der Möglichkeit spricht, den dritten Platz noch zu erreichen, macht sich angreifbar. Denn in Duisburg schlägt Enttäuschung niemals in Depression um. Dort hat man für die Psychohygiene Wut und Ärger, und es besteht bei einer Meinungsäußerung zum MSV immer die Gefahr, davon eine Menge abzubekommen.

Ihr wisst, auch ich hänge an hohen Zielen – manchmal wider besseren Wissens. Denn „Kopfprobleme“ habe ich in den letzten Jahren viel zu oft erlebt. Höre ich dieses Wort, macht mir das keinen Mut. Allerdings muss ein Sportdirektor einen rationalen Umgang mit dem Geschehen finden. Ich als Fan kann mir etwas Esoterik leisten. Meine Hoffnung auf den dritten Platz nährt das Wissen darum, dass im Fußball gegen alle Wahrscheinlichkeit Unmögliches geschehen kann. Griechenland wird Europameister, der 1. FC Nürnberg steigt in der letzten Saison auf und der MSV …?

Am Rosenmontag werden wir mehr erfahren. Bis dahin feier ich noch ein wenig Karneval. Süddeutschen Google-Nutzern sei noch ans Herz gelegt, wer Köln eingibt und Karneval meint, darf auf keinen Fall Fasching sagen. Vielleicht ist das auch die erste Regel, an die sich Karnevalstouristen halten sollten, auf jeden Fall in Erfahrung bringen, wie das Ganze heißt, wo man hin will.

Es heißt übrigens auch nur in Teilen Ballermann, obgleich die Stadt Köln vor den Auswüchsen während des Straßenkarnevals anscheinend schon kapituliert hat. Der „Karnevals-Knigge“ kommt jedenfalls sofort auf das Wesentliche zu sprechen: „Sex, Anmache und Saufen“ gebe es tatsächlich im Kölner Karneval, heißt es dort. Da hat ein Realist den Text geschrieben. Natürlich gibt es auch einen anderen Karneval, ich schrieb hier schon einmal, der ist vor allem in den Veedeln zu finden. Wenn ich dann aber weiter in den Benimmregeln lese und mir genau erklärt wird, wie denn nun ein Küsschen zu verstehen ist, fühle ich mich plötzlich wie ein grantelnder alter Mann, der vor sich hinmeckert: „Dass die nicht mal das mehr für sich klären können, wenn sie schon unbedingt ihren Spass haben wollen.“ Da sollte man vielleicht allen Anreisenden mit einem Klassiker von Köbes Underground, der Hausband der Stunksitzung, vor allem das hier mit auf den Weg geben: „Der Geschlechtsverkehr wird im allgemeinen völlig überbewertet“.

In dem Sinne: Weiter schöne Karnevalstage!

… das Wort ward nicht gebrochen

Einige Zeit ist es schon her, als das Studium der Soziologie einen Erstsemester während der Einführung in die Methodik der Sozialforschung auf direktem Weg zu gesellschaftspolitischen Debatten leitete. Damals, das war Anfang der 80er Jahre, begegnete man an den Universitäten immer mal wieder noch Frontverläufen aus der Zeit der Studentenbewegung. Dann ging es in Seminarräumen plötzlich darum, ob statistische Erhebungen nicht Machtinteressen dienten und ob uns die Erzählung vom Einzelfall im Gegensatz zur Statistik nicht sehr viel mehr über Probleme der Gesellschaft sagt.

Als Fußballzuschauer wissen wir natürlich schon immer, was in der Soziologie erst später wieder zur allgemeinen Lehre wurde, die eine Betrachtung der Wirklichkeit schließt die andere nicht aus. Die Zahlen der Tabelle spiegeln Wahrheit wider, und durch ein 2:2-Unentschieden erhält der MSV Duisburg den immer gleichen einzigen Punkt. Vor 14 Tagen war das so gegen RW Ahlen, an diesem Wochenende war es erneut so gegen den FC Augsburg. Die Qualität des 2:2-Unentschiedens spiegelt sich in den Zahlen aber nicht wieder. Diese Qualität lässt sich nur durch das Erzählen vom Spiel selbst ermitteln.

War das 2:2-Unentschieden vor 14 Tagen eine gefühlte Niederlage, so war das Spiel am Samstag ein gefühlter Sieg. In den ersten zehn Minuten war noch zu merken, wie auf dem Spielfeld um die grundsätzliche Ausrichtung des Spiels gerungen wurde. Die Augsburger wollten ins Spiel kommen, der MSV Duisburg ließ sie aber nicht. Entschlossen und früh wurde verteidigt. Es gelang, schnell auf den Angriff umzuschalten. Die Augsburger waren gezwungen, sich immer weiter in ihre Hälfte zurück zu ziehen. Allerdings stand die Augsburger Abwehr innerhalb des Strafraums ebenfalls recht sicher – bis auf den Patzer  von Uwe Möhrle, der zur Großchance mit dem Lattentreffer von Änis Ben-Hatira führte.

Auch wenn sich diese große Torchance von Änis Ben-Hatira nach einem Ballvortrag auf dem linken Flügel ergab, gefährlich wurde es immer wieder vor allem auf der rechten Seite. Zunächst zeigte Olcay Sahan dort ein großes Spiel, bis er nach der Auswechslung von Caiuby ab der 60. Minute auf dem linken Flügel damit weiter machte. Er war sicher im Dribbling, fand fast immer den rechten Moment, um abzuspielen und kam alleine oder im schnellen Passspiel immer wieder an den Rand des Augsburger Strafraums. Für die dauerhafte Torgefahr fehlte dann aber einer der verletzten Stürmer.

Selbst die 1:0-Führung der Augsburger durch ihre erste Chance per Sonntagsschuss brachte den MSV nicht aus dem Tritt. Sogar nach dem 2:0 in der 64. Minute war nur kurz die Enttäuschung bemerkbar. Die Mannschaft wollte nicht aufgeben. Trotz des ersten Elfmetertores konnte ich noch nicht an den guten Ausgang des Spiels glauben, weil es zu wenig wirklich gefährliche Chancen gab. Da kam der zweite Elfmeter natürlich zupass. Als Christian Tiffert antrat, konnte ich erst nicht hinsehen. Nur aus dem Augenwinkel sah ich den Schuss und war sofort erleichtert, weil der Ball eine halbhohe Flugbahn nahm. So sehen sicher verwandelte Elfmeter aus, das habe ich in Worten natürlich nicht gedacht, aber gefühlt. Der Ausgleich war so gerecht, so sehr hatte die Mannschaft das Spiel bestimmt, so viel hatten sie für das Spiel gegeben.

Die beiden Energiequellen des Spiels zeigten sich für mich im unterschiedlichen Jubel von Sahan und Tiffert. Da gab es den Überschwang der Freude bei Sahan und die konzentriertere, stillere Freude bei Tiffert, in der eher Bestätigung zum Ausdruck kam. Konzentrierte Arbeit bei gleichzeitiger Spielfreude waren die Schlüssel für diesen noch gelingenden Ausgleich.

Als Stichworte zu einzelnen Spielern fällt mir noch ein: Olivier Veigneau knüpft an seine starke letzte Saison an. Ivica Grlic wirkt als unverzichtbarer Ruhepol in dieser Mannschaft. Für Caiubys so häufig kraftlos wirkende Spielweise gelingt ihm zu wenig. In einer so engagiert wirkenden Mannschaft kann er von seinen Mitspielern nur mitgetragen werden, wenn er bei dieser Spielweise punktuell wirkungsvoll ist und das heißt Vorlagen geben oder Tore erzielen.  Überhaupt nicht nachvollziehbar ist für mich die  Bewertung von Kristoffer Andersen im RevierSport. Meiner Meinung nach gehörte er zu den besten Spielern des Spiels. Hinten war er als Außenverteidiger schnell und sicher am Mann, nach vorne machte er das ganze Spiel über immer wieder Druck über die rechte Seite, wenn er entweder im Direktpassspiel mit Sahan bis an die Grundlinie ging oder im Eins-gegen-Eins-Dribbling gerade zum Ende des Spiels hin alleine zwei, manchmal drei Gegner ausspielte und ihm dann noch eine vernünftige Anschlussaktion gelang.

Das Geschehen nach dem Spiel auf den Stehplätzen wird angesichts der Mannschaftsleistung zur Randnotiz.  Eins nur scheint mir so offensichtlich zu sein –  der Rest dessen, was mir zum Thema Fans durch den Kopf geht, wird einmal mehr auf einen eigenen Beitrag verschoben –  also, Konflikte entwickeln häufig eine eigene Dynamik, die die Konfliktpartner dann immer ähnlicher werden lassen. Der eigentliche Anstoß des Konflikts gerät dabei allmählich in Vergessenheit. Es ist interessant, dass das selbst in Fußballstadien bei der Auseinandersetzung zwischen einer Fangruppierung und den Vereinsverantwortlichen so ist. Die im Konflikt angewendeten Mittel dienen dann nur noch der Aufrechterhaltung des Konflikts, und der Konflikt selbst wird zum Sinn des Daseins. Auch bei Tina ist zu lesen – gerade in den Kommentaren – andere Fans haben für diese Art Auseinandersetzung mit dem Verein wenig Verständnis. Diese Fans sind nach dem Spiel zufrieden gewesen, so wie es Milan Sasic versprochen hatte.  Sein Wort ward nicht gebrochen. Es brauchte dazu nur ein Spiel Anlauf.



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