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Akzente inoffiziell: Wie Fußball Teil der Ruhrstadt-Heimat ist

Wenn ich an die Ruhrstadt denke, gilt für mich seit jeher, wer das Herz dieser Ruhrstadt sucht, wird unweigerlich auch den Fußball finden.  Ein ähnlicher Satz fand seinen Platz im Vorwort von „111 Fußballorten im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“. In dem Buch erzählen wir eher Geschichten, die man gehört haben muss. Doch als das Buch 2012 erschien, war der Verlag noch nicht dazu übergegangen, den Titel der Reihe zu variieren. Heute gibt es diese Titel-Variation, und keine falsche Erwartung wäre geweckt worden.

Natürlich ist etwa ein unscheinbares Haus mit Nagelstudio im Ergeschoss in Mülheim-Speldorf nicht unbedingt ein Ort, den man gesehen haben muss. Aber von dort aus ging nun einmal in den 1930ern Fritz Buchloh die noch unbefestigte Landstraße zur „Blötte“, dem Stadion am Blötter Weg, um im Tor des VfB Speldorf so gut zu halten, dass er es in die Nationalmannschaft schaffte. Mit so einer Geschichte ließ sich der Blick weiten auf grundlegende Lebensverhältnisse im Ruhrgebiet in den unterschiedlichen Zeiten.

Am Lehmbruck-Museum als sehenswertem Fußballort im Buch war weniger auszusetzen, obwohl  dieser Ort nicht im engen Sinn ein Fußballort ist. Mit der Geschichte über eine Werbekampagne für das Museum in den 1970er Jahren ließ sich aber erzählen, wie Fußball und Bildende Kunst gleichzeitig für die Identität der Stadt von Bedeutung sind. Damit ihr euch einen Eindruck machen könnt, stelle ich diesen einen von „111 Fußballorten, die man gesehen haben muss“ als heutigen Programmbeitrag der „Akzente Duisburg inoffiziell“ einmal online.

Kniebeugen für die Kunst

Unter kunstinteressierten Fußballfreunden sei für Duisburg folgender Vergleich erlaubt: Im Werk des 1881 in Meiderich geborenen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck ist die »Kniende« wie das Spiel der Spiele von Bernard Dietz, der 1977 fast im Alleingang für den 6:3-Sieg des MSV Duisburg gegen den FC Bayern München sorgte. Anstrengung, das Ringen um das Ergebnis und die Zweifel am Erfolg sieht man dem Endstand genauso wenig mehr an wie der lang gestreckten Skulptur in Überlebensgröße. 1911 entstand ein erster Bronzeguss, und ein weiterer präsentiert sich rechts vom Weg zum Museumseingang, während die Steinskulptur in dessen Räumen betrachtet werden kann.
Ein Werk von solcher Bedeutung für Künstler und Kunstgeschichte wird dann genutzt, wenn wie 1976 das Museum eine Werbekampagne startet. Beauftragt war der Fotograf Gerd Jansen, dem ein doppeldeutiger Slogan einfiel, Zustandsbeschreibung und selbstbewusstes Statement zugleich: »An der Knienden kommt keiner vorbei«. Für die Fotos zum Slogan ließ Gerd Jansen Duisburger aller Gesellschaftsbereiche sich niederknien. Eine Ballerina etwa gab sich anmutsvoll, ein Müllmann massig, und der damals 25-jährige Klaus Thies vom MSV Duisburg zeigte sich an der Seitenlinie im Wedaustadion fußballerisch.
Vielleicht waren es seine glatten, etwas längeren Haare und sein eher hagerer Körperbau, die ihn als Lookalike der »Knienden« geeignet machten. Die Zeit hat die Erinnerung verwischt. Deutlicher konturiert sie sich für MSV-Fans der älteren Jahrgänge beim Namen Thies, obwohl er in der Historie des MSV Duisburg kein bedeutender Spieler wurde. Ihnen fällt sofort das Pokalfinale 1974 1975 gegen Eintracht Frankfurt samt der einen großen Chance zum Führungstreffer ein, die Klaus Thies vergab. Vergessen ist dabei, dass sich der Spieler mit einem Sololauf über das halbe Spielfeld die Chance selbst erarbeitet hatte.

 

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Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 4

Unlängst habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig seine Erinnerungen genannt. Ein großer Packen Papier liegt bei mir zu Hause – Handschriftliches und Ausdrucke. Nur nach und nach werde ich diese Erinnerungen bearbeiten können und hier in loser Folge veröffentlichen.

Heute geht es in den Erinnerungen hauptsächlich um das sehr spezielle Thema Schiedsrichterbetreuer, das im letzten Drittel mit kurzen Erzählungen über – sagen wir – ungewöhnliches Linienrichterverhalten einen unterhaltsamen Einschub erhält. Ich habe etwas länger überlegt, ob ich diese in ihrer Art sehr spezielle Würdigung der ehrenamtlichen Helfer auch in dieser Länge veröffentlichen soll. Bis mir klar wurde, dass diese persönlichen Worte Gerd Hennigs die Unterschiede des Bundesligafußballs der 1960er bis Anfang 1980er Jahre gegenüber dem von heute auf eine ganz eigene und besondere Weise deutlich machen.

Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 4
Von Gerd Hennig

Insgesamt habe ich 161 Spiele in der 1. Bundesliga geleitet. In Verbindung mit diesen zahlreichen gepfiffenen Begegnungen  dürfen natürlich auch die lebhaften Erinnerungen an die damals fungierenden Schiedsrichterbetreuer, Vereinsbeauftragten oder Kontaktpersonen für uns Schiedsrichter-Teams nicht vergessen werden. Sie waren für die möglicherweise am Spielort vorhandenen Probleme und deren Behebung zuständig.

Die genannten Vereine ordne ich ungefähr von Nord nach Süd. Da waren die besonders erwähnenswerten Vertreter bei Hertha BSC Lothar Pötschke und der inzwischen verstorbene, allseits bekannte Wolfgang Holst. Beide kümmenerten sich bestens um unsere Belange. Beim Hamburger Sportverein empfingen uns die echten Hanseaten und „Malteser-Freunde“ Werner Otto und Kurt Petersen, während der SV Werder Bremen damals das „Urgestein“ Richard Ackerschott mit seiner leider oftmals etwas zu fanatischen Frau Lilly aufbot. Bei Hannover 96 begrüßte uns das Lehrer-Ehepaar Seide mit ihrem drolligen Dackel Piefke.

Im großen, glorreichen Westen hatte mein langjähriger Teamgefährte und Linienrichter Manfred Uhlig mit objektiver Ehefrau beim BV 09 Borussia Dortmund das große Sagen, und beim FC Schalke 04 hielt der bekannte Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Wichmann das „Zepter“ fest im Griff. Der Vfl 48 Bochum hatte mit Dieter Hagen – dessen Sohn auch aktiver Linienrichter im Oberhaus war – einen emsigen Vertreter, der oft von seinem Präsidenten, dem geselligen Ottokar Wüst, unterstützt wurde.

Bei der Schilderung müsste nunmehr der Niederrhein folgen, von dem ich leider nicht berichten kann, da ich selbst diesem Verband angehöre und zu Spielen der Gladbacher Borussia, von Fortuna Düsseldorf sowie von Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen, geschweige denn als Duisburger beim damaligen Meidericher SV und heutigen MSV Duisburg nach den Statuten keine Ansetzung erwarten konnte. Obschon mich die Niederrhein-Derbys Mönchengladbach gegen Düsseldorf oder Essen gegen Oberhausen schon gereizt hätten.

Am Mittelrhein hatte „Mattes“ Valentin für Bayer 04 Leverkusen stets im Ramada-Hotel sein Domizil. Dagegen setzte der 1. FC Köln unterschiedliche Betreuer ein, wobei sie meist nur vor dem Spiel zu sehen waren. Während man in Leverkusen mit „Mattes“ nach der Begegnung noch in gemütlicher Runde beisammen saß, musste man sich beim Nachbarn in Köln zumeist mit den spärlichen Räumlichkeiten des Müngersdorfer Stadions begnügen. Was keine Kritik sein soll, sondern nur eine sachliche Feststellung.

Wenn wir nun weiter südlich wandern, stoßen wir auf den 1. FC Kaiserslautern, wo ich laut meiner Einsatzstatistik am häufigsten zu Gast war. Hier hatte der leider viel zu früh verstorbene Rudi Merk, der Vater von Dr. Markus Merk, mit dem „blonden Karl“ aus Frankenthal das absolute Kommando. Ich erinnere mich, dass ich am Tage der Premiere von Markus Merk als Schiedsrichter in der Bundesliga rein zufällig dort verweilte. „Heut’ peift der Ma´kus sein 1. Spiel in der Bundesliga!“ waren pfälzisch-originalgetreu seine Worte und sein Stolz war unübersehbar.

Zweimal war in Kaiserslautern das Organisationsgeschick von Rudi Merk besonders gefragt. Vor einer Ansetzung waren einmal meine zwei Linienrichter und ich zu einem kleinen Imbiss ins Kaiserslauterner Rathaus geladen. Dieser Imbiss fand in einer der oberen Etagen des Rathauses statt. Danach wollten wir mit dem Aufzug nach unten fahren. Dabei drückte mein stets zu Unfug aufgelegter Linienrichter Wolfgang Krutzke auf den roten Alarmknopf, und wir saßen in der Mitte der Abfahrt  fest. Unserem Schiedsrichter-Betreuer Rudi Merk trieb das natürlich den Schweiß auf die Stirn. An einem Samstag dauerte es zwangsläufig sehr lange, bis wir befreit werden konnten. Um noch frühzeitig im Stadion zu sein, bestellte Rudi sofort die Polizei, welche uns nach einem Zwischenstopp im Hotel mit Blaulicht noch so eben zur Anstoßzeit am „Betze“ ablieferte. Bei einer weiteren Ansetzung musste die Polizei noch einmal helfen. Eine morgendliche Weinprobe in Bad Dürkheim war etwas zu lang ausgefallen, so dass wir verspätet zum vereinbarten Treffpunkt vor dem Hotel erschienen. Erneut chauffierte uns die von Rudi benachrichtigte Polizei mit Blaulicht ins Stadion. Es blieb vor dem Spiel sogar noch Zeit für eine kalte Dusche.

Mein Linienrichter Wolfgang Krutzke war stets zu Streichen und Späßen aufgelegt. Im edlen Frankfurter Hof hatte er zum Beispiel während einer kurzen Mittagspause meine Zimmertür mit einer Blumenbank blockiert. Erst das Hotelpersonal mit großem Auftrieb konnte mich befreien. Vor dem Spiel von Kickers Offenbach gegen den Hamburger SV hatte dieses Unikum sogar einmal in einem unbeobachteten Moment aus dem Spielball die Luft herausgelassen. Erst der Hamburger Torwart Rudi Kargus stellte das fest, als er sich vor dem Einlaufen kurz den Ball zur Prüfung geben ließ. So musste der Heimverein, die Offenbacher Kickers, in aller Schnelle einen neuen Ball beschaffen, und das Spiel konnte erst mit 10 Minuten Verspätung beginnen. Seitdem habe ich den Spielball nach Betreten der Umkleidekabine sofort in meiner Sporttasche  sicher unter Kontrolle behalten.

Zurück zur Schiedsrichterbetreuung. Wechseln wir weiter in den Süden, wo Lutz Combe beim 1. FC Nürnberg eine gute Regie führte. Daran reichte nur noch der unverwüstliche Addy Weber beim FC Bayern München heran, der mit dem seinerzeitigen Geschäftsführer Walter Fembeck ein vorbildlicher und echter Freund der Schiedsrichter war. Beim zweiten Münchener Verein, dem TSV 1860, wechselten sich Jürgen Kamann und Franz-Xaver Wengernmayer in der Betreuung ab.

Die Verdienste der namentlich nicht aufgeführten Schiedsrichterbetreuer sind sicher nicht geringer, haben wir Teams uns doch überall sehr wohl gefühlt. Ich möchte betonen, dass meine Worte nur für alle schon tätigen oder noch interessierten neuen Kollegen Anregung und Motivation sein mögen.

 

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Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 2

Unlängst habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig seine Erinnerungen genannt. Ein großer Packen Papier liegt nun bei mir zu Hause – Handschriftliches und Ausdrucke. Nur nach und nach werde ich diese Erinnerungen bearbeiten können und hier in loser Folge veröffentlichen. Heute geht es um Bundesligaalltag der 1970er Jahre aus Sicht des Schiedsrichters.

Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 2
Von Gerd Hennig

Wenn ich heute die Art und Weise meiner Spielleitung charakterisieren müsste, würde ich mich als äußerst konsequenten, aber großzügigen Unparteiischen bezeichnen. Ich ließ das Spiel gerne laufen, bevorzugte die Vorteilsregelung, um dadurch den Ablauf flüssiger zu gestalten. Sowohl bei den Spielern als auch bei den Zuschauern kam das gut an. Niemand möchte ein Spiel ständig unterbrochen sehen. Meine Stärke war mein Laufvermögen, denn selbst falsche Entscheidungen werden aus unmittelbare Nähe eher akzeptiert als richtige Entscheidungen, die aus der Distanz getroffen werden. Ein Pfiff auf große Entfernung stößt meist auf Kritik. Oft wird gesagt: „Wie will der das aus der Ferne überhaupt gesehen haben.“ Deshalb werden die Wahrnehmungen in der Nähe von Spielern und Zuschauern besser aufgenommen.

Um in der Nähe zu sein, bedarf es einer vorzüglichen Kondition, die man sich selbst erarbeiten muss. Wer mich näher kennt, weiß, dass ich nie einen Trainingsabend der Schiedsrichter versäumt habe und dazu noch zwei- bis dreimal in der Woche bei Wind und Wetter ein intensives Lauftraining absolviert habe. Der innere „Schweinehund“ musste halt besiegt werden. Das wirkte sich sowohl bei der Spielleitung als auch bei den jährlichen Leistungsüberprüfungen äußerst positiv aus.

In diesen Zusammenhang passt auch, dass ich sehr wenige persönliche Strafen ausgesprochen habe. In 161 Spielen der Bundesliga habe ich nur drei Platzverweise aussprechen müssen. Die betroffenen Spieler waren Gerd Regitz von Borussia Neukirchen, Gert Trinklein von Eintracht Frankfurt und Jupp Kapellmann vom FC Bayern München. Während bei den ersten beiden Feldverweisen Foulspiel der Grund war, lag bei Jupp Kapellmann klares Nachtreten im mittleren Bereich des Spielfelds vor. So kam es zu einer Sportgerichtsverhandlung beim DFB in Frankfurt, wo Robert Schwan und Uli Hoeneß als Vertreter der Münchner zugegen waren.

Bei der geschätzten Zahl von etwa 200 Verwarnungen und späteren gelben Karten sind mir ein paar Spieler besonders in Erinnerung geblieben. Zunächst fällt mir Horst-Dieter Höttges von Werder Bremen ein, der sich zu Beginn eines jeden Spiels durch übermäßiges Foulspiel beim jeweiligen Gegenspieler Respekt verschaffen wollte. Nach der erfolgten Verwarnung spielte er dann lammfromm weiter und ließ sich nichts mehr zuschulden kommen, so dass wir nach dem Spiel gemeinsam ein Bier mit  Aquavit trinken konnten und uns friedlich voneinander trennten. Jürgen Grabowski von Eintracht Frankfurt und Paul Breitner vom FC Bayern München gehörten zu den Spielern, die ständig neben oder hinter einem herliefen, um durch Meckereien und Kritisieren den normalen Ablauf zu stören. Erst nach einer gelben Karte herrschte Ruhe, aber ohne diese unliebsamen Gegebenheiten ging es bei diesen Akteuren nicht.

Der BVB-Pokalsieg 1989 nebst dem Mantra vom eigenen Weg des MSV

Das erste Mal habe ich 1998 in Berlin vor dem DFB-Pokalendspiel des MSV gegen die Bayern kurz gedacht, für Borussia Dortmund begann die erfolgreichere Fußballgegenwart mit dem DFB-Pokalsieg 1989 gegen den SV Werder Bremen. Für wenige Stunden sah ich einen MSV Duisburg, der seine Chance ergriff, es diesem Vorbild nachzumachen. Es sollte nicht sein. Details erspare ich uns heute. Der Groll gegen den Unaussprechlichen dieser Bayernmannschaft jener Saison sitzt tief. Über die Jahre  musste ich danach immer mal wieder an diesen Initialerfolg des BVB denken, wenn der MSV Duisburg sich im Pokal auf den Weg machte. Nicht mehr so ernsthaft wie seinerzeit, eigentlich wurde daraus eine Art Mantra des eigenen Weges. Nicht mal das Pokalendpiel 2011 gegen den FC Schalke 04 hat mich für die Zukunft ernsthaft eine Duisburger Variante der Dortmunder Geschichte erkennen lassen. Irgendwas müssen wir als Anhänger der Zebras ja für unser emotionales Gleichgewicht immer mal wieder selber tun.

Dieser eigene Weg führte bekanntermaßen vor einiger Zeit ins Unterholz, wo an einigen Stellen nicht einmal mehr ein Trampelpfad erkennbar war. Nur die Richtung war zu erahnen und: dass nur noch das schwere Gerät des Schuldenschnitts weiterhelfen könnte. Im Moment geht es immer noch nur meterweise vorwärts. Andere Maschinen sind an dieser Stelle nötig, aber die müssen erstmal vor Ort gebracht werden. Wollen wir hoffen, dass das rechtzeitig gelingt. Endlich wieder einmal freie Wegstrecke vor sich zu sehen auf einer winzig kleinen Landstraße würde mir völlig reichen. Die Reststrecke zum überregionalen Straßennetz kriegen wir dann auch noch hin.

Der MSV Duisburg hat am Donnerstagabend den Niederrheinpokal gewonnen. Es ist der erste Titel des Vereins nach dem Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft 1987. Wenn das nicht ein gelungener Rahmen für eine Erzählung über den eigenen Weg ist, weiß ich es auch nicht. Beim MSV Duisburg gibt es momentan die Möglichkeit, die Zukunft realistisch zu gestalten. Ich denke weniger an den sportlichen Erfolg, den wird es auch geben, ich denke, vor allem an die Vereinsstruktur und die des Wirtschaftsunternehmens MSV Duisburg. Wenn der MSV Duisburg sich momentan an die Öffentlichkeit wendet, sehen wir den gelingenden Balanceakt, konkrete Informationen und immer auch notwendiges nichtöffentliches Arbeiten in den informativen Gleichklang zu bringen. Als letzter Beweis für die Qualität dieser Arbeit bleibt das Schließen der Finanzlücke von 2.7 Millionen Euro bis zum 27. Mai. Wenn das gelingt, ist der MSV Duisburg tatsächlich auf einem eigenen Weg in diesem Unterhaltungsbetrieb Fußball. Noch muss sich der Verein Vertrauen von Geldgebern hart erarbeiten. Doch letztlich muss sich jeder einzelne Geldgeber zu Vertrauen entschließen. Es gibt keinen letztgültigen Beweis, der einem Vertrauen erleichtert. Es muss trotz Unsicherheit der Zukunft gehandelt werden.

Wenn Zuschauer des MSV Duisburg und Anhänger dieses Vereins irgendetwas zu solch einem Entschluss von Geldgebern haben beitragen können, so ist das geschehen. Es gibt ein wachsendes Umfeld des MSV Duisburg voller Kreativität, Engagement und sozialem Bewusstsein. All das ist auch der MSV Duisburg. All das gehört zum positiven Bild dieses Vereins. Ich hoffe sehr, dass mit der Strahlkraft dieses Bildes Menschen vom MSV Duisburg überzeugt werden können, die diesem Fußballunternehmen noch nicht nahe stehen. Denn nur diese Menschen werden das noch fehlende Geld aufwenden und damit in Teilen eigene öffentlichkeitswirksame Zwecke verfolgen. Mit dem MSV Duisburg der Gegenwart werden sie diese Ziele ihrer Öffentlichkeitsarbeit erreichen können.

All das geht mir heute morgen durch den Kopf, weil der BVB heute, 25 Jahre nach diesem DFB-Pokalsieg, erneut im Endspiel steht. Damals hat der WDR in der Aktuellen Stunde am Tag nach dem Pokalsieg eine Reportage über den Tag zuvor gezeigt. Diese Reportage ist von beeindruckender Qualität, wenn ihr euch vorstellt, wie schnell diese Reportage entstanden ist. Heute wird so etwas, nur wenig länger im 45-Minuten-Format, als abendfüllende Doku gezeigt. Die Fakten zum Spiel, Atmo, das Mitfiebern der Fans und der Rückblick in die Vergangenheit des BVB, alles ist dabei. Respekt! Und nun viel Spaß bei diesem Clip als Vorspiel für heute Abend, mit schönen Momenten neben dem eigentlichen Thema Pokalgewinn, die immer wieder zeigen, wie sehr sich der Fußball als Unterhaltungskultur in diesen 25 Jahren verändert hat. Ein Stichwort etwa: die Einlasskontrolle.

In Duisburg spielt der Referenzverein Real Madrids

Lieber Oliver Fritsch,

eigentlich brauchen Sie sich gar nicht entschuldigen, wenn Sie in Ihrem Spielbericht bei zeitonline über das gestrige Halbfinale der Champions League Real Madrid gegen den FC Bayern München den MSV Duisburg als Referenz erwähnen, um Ihren Lesern die Spielweise Real Madrids anschaulicher zu machen.

Bayern ließ das königliche Real an dessen Heimstätte ordinär aussehen. Abwehrspieler kloppten den Ball nicht erst in der Schlussphase auf die Ränge, als trügen sie die Trikots von (pardon) MSV Duisburg oder Eintracht Trier. Spieler blieben nach Zweikämpfen am Boden liegen, hielten sich vor Scheinschmerz die Schienbeine, um Luft zu holen und Zeit zu schinden.

Ich glaube, weder in Madrid noch in Duisburg hätte jemand Einwände gegen diesen Vergleich vorgebracht. In Madrid wird man hoffentlich realistisch genug sein, die eigene Spielweise korrekt einzuschätzen und wir in Duisburg nehmen diesen Vergleich mit unserem eigenen Humor als Ansporn und als Hinweis darauf, in welchen Ligen wir jederzeit und ohne Anpassungsschwierigkeiten mitspielen können. Ich würde nur das Zeitschinden nicht als Zebra-typisch ansehen. Das ist doch in jedem Stadion ein fußballgesellschaftlich akzeptiertes Mittel. Was natürlich dennoch nur bei eigenem Vorteil gutzuheißen ist.

Aber wenn ich recht überlege, entschuldigen Sie sich wahrscheinlich bei uns in Duisburg für die vorschnelle Reihung des MSV Duisburg mit Eintracht Trier. Und dafür tuen Sie es sicher recht. Allein um des Effektes Willen zwei so unterschiedliche Vereine auf Linie zu bringen, das könnte den ein oder anderen in Duisburg ärgern. Was keineswegs dadurch aufgehoben wird, wenn es in Trier irgendjemandem schmeicheln sollte. Ich nehme die Entschuldigung aber an, weil ich aus langer Stadionerfahrung weiß, wie gut es sich anfühlt, mit jenen von Ihnen angesprochenen Mitteln einen überlegenen Gegner besiegt zu haben. Mit Ihrem insgesamt schönen Spielbericht haben Sie mich daran erinnert. In dem Sinne, nehmen Sie den MSV Duisburg immer wieder gerne als Referenzverein für Siege.

Viele Grüße
Ihr Kees Jaratz

 

Alles Gute für 2014 mit Big Data von 2013!

Der Zebrastreifenblog mit all seinem Mitarbeiter wünscht euch alles Gute für dieses Jahr, nicht nur deshalb, weil ihr dann hier einfach entspannter mitlesen könnt. Für andere Belange sind so Wünsche ebenfalls gut brauchbar. In dem Zusammenhang fällt mir ein, dem Verein unserer Zuneigung und seinen Verantwortlichen auf allen Ebenen sollte ich besser auch alles Gute wünschen. Es steht ja noch die Antwort auf eine überlebenswichtige Frage aus. In Sachen Finanzen kann jede zusätzliche, selbst esoterisch angehaute Energie nicht schaden.  Auch wenn wir es als hoffnungsfrohes Zeichen für die Geschicke des MSV Duisburg in diesem Jahr ansehen sollten, dass über Nacht dem Männerfußball der Erstligafrauenfußball zugeflogen kam.

Schauen wir also nach vorne, indem wir erst einmal zurückblicken. Denn mit dem Wissen über das alte Jahr lässt sich oft die ein und andere Einsicht gewinnen. Pläne für die Zukunft werden ja besser mit einiger Bindung an die Realität gemacht. Wenn ich für den Zebrastreifenblog aber überlege, womit hier Leser besonders erfreut werden können, zählt das Jahr 2013 als Maßstab nur in eingeschränkter Hinsicht.  Ohne Blick auf  Statistiken hätte ich schon sagen können, die meist gelesenen Artikel des letzten Jahres im Zebrastreifenblog kommentierten die Entwicklungen rund um den MSV Duisburg im Juni und Juli. Einmal mehr galt die alte Weisheit, Krisenzeiten sind journalistisch gute Zeiten. Brauche ich nicht unbedingt wieder. Nach meinem Geschmack kämen noch bessere journalistische Zeiten für den Zebrastreifenblog etwa mit einer überraschenden  Übernahme des  Drittliga-Aufstiegsmandats. Auch die Feierlichkeiten rund um die Thronbesteigung des Torschützenkönigs aus der Zebra-Dynastie stelle ich mir schön vor, wenn ich zusammen mit Rolf Seelmann-Eggebrecht per Live-Ticker berichte.

Trotzdem gucken wir nun mal, was es da gab. Auf Platz 5 der meistgelesenen Texte des letzten Jahres steht mit „Darauf kann Duisburg stolz sein – Überregional erzählt“ ein Interview, das ich der Süddeutschen Zeitung über die Bedeutung der Fanaktionen gegeben habe. Das geschah in der Absicht, Duisburg in all seiner Bodenständigkeit etwas mehr von dem zu geben, was in Köln über die Maßen vorhanden ist: Selbstbewusstsein.

Der Text auf Platz 4 zeigt noch einmal, wie zerrissen die Gefühle im Sommer auf allen Seiten manchmal waren. Maurice Exslager war trotz Treuebekenntnis zum 1. FC Köln gewechselt. Mir gefiel, wie er sich im Kölner Stadt-Anzeiger über Vergangenheit und Zukunft äußerte. Daraus wurde „Zurück und nach vorne sehen„.  Dieser Text ist durch den Lauf der Zeit überholt. So gute Spiele machte Exe bei der U23 des FC in der Regionaliga, so viel Patrick Helmes, Anthony Ujah sah er in Liga 2. Welche Liga kommt noch mal nach der Regionalliga?

Zum Genre Medienkritik gehört auf Platz 3 „Nun dürfen auch schlechte Nachrichten über Walter Hellmich verbreitet werden“. Dass der Text so oft gelesen wurde, überrascht nicht angesichts der Unzufriedenheit von so vielen MSV-Interessierten über die lokale Hintergrundberichterstattung beim MSV Duisburg abseits des Sports.

Auch wenn der Text auf Platz 2 ein Standardbeispiel für virale Verbreitung im Netz ist und die Klickzahlen innerhalb von Stunden boomten, noch einmal möchte ich mich nicht wehren müssen gegen Opfer-Rollen, die uns Fans zugedacht wurden. Ganz zu Beginn dieser Sommerwochen traf ich mit „Die Fanaktionen nützen! Anders als zunächst gedacht“ offensichtlich einen Nerv, als mich der mitleidsvolle Ton in einem Kommentar der WAZ-Hauptredaktion – na, was? – natürlich nervte.

Klickzahlen gehören ja als eine Quelle zu den Big Data, die uns manchmal verblüffende Einsichten über die Wirklichkeit bringen.  Platz 1 birgt so eine Überraschung. Über das Jahr hinweg brachten regelmäßige wenige Aufrufe  diesen Erfolg, der uns zudem die Einsicht bringt: Die Fans von Borussia Dortmund sind Deutschlands eifrigste Fußballkuchenbackkünstler. Schon im September 2012 hatte ich „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund“ veröffentlicht und auch 2013 wurde der Beitrag regelmäßig aufgerufen. Kein anderer Fußballverein hat derart viele Anhänger, die anscheinend nicht nur Bier und Bratwurst mögen, sondern auch Süßes für sich entdeckt haben. Selber Machen heißt die Devise, Rezepte suchen und Vorbildern nachahmen. Dieser Angriff von Borussia Dortmund auf die Vormachtstellung vom FC Bayern München war erfolgreich. Der Vorsprung zu den Aufrufen für die Bayern-Folge der schönsten Fußballtorten ist auf Jahre uneinholbar.

Wenn eine solche Nachricht über das Ruhrgebiet am Anfang des Jahres steht, wird 2014 für mich noch vielversprechender. Wir werden sehen.

Die schönsten Fußballtorten der Welt X – FC Bayern München

Mit freundlicher Unterstützung von „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben musspräsentiert der Zebrastreifenblog in loser Reihe die schönsten Fußballtorten der Welt.

Gerade weil wir uns in dieser Rubrik mit den schönsten Fußballtorten der Welt beschäftigen, dürfen wir den Blick vor den Folgen der Kommerzialisierung der einst so selbstlosen Tortenbackwelt nicht verschließen. Es überrascht nicht, dass gerade der FC Bayern München von diesem Phänomen betroffen ist. Bei diesem Verein versuchen die Goldgräber des Fanartikelgeschäfts auch in der Sparte Fußballtorte sich als Dienstleister für Originalität anzubiedern. Vermeintliche Originalität. Wer bei solchen Anbietern zugreift, folgt einer alten Geschäftsstrategie des FC Bayern München, die heute nur noch in Ausnahmefällen wie der Causa Götze zur Anwendung kommt. Vereinsinsignien werden irgendwo zusammengekauft und als Verzierung auf eine gesichtslose Sahnetorte gesetzt.

Der FC Bayern München entwickelt seine Mannschaft inzwischen in Teilen auch aus der eigenen Jugend heraus. Diesem Konzept sollte die dem FC Bayern gewidmete Fußballtorte ebenbürtig sein. Nicht zuletzt, weil nur wahres Kunsthandwerk des Tortenbackens den Erfolgen dieser Saison gerecht wird. Gerade nach einem berauschenden 4:0-Sieg gegen den FC Barcelona hat der FC Bayern etwas besonderes verdient. Mia backt Fußballtorten auch professionell, und ihre Torte wirkt doch eigenständiger und als geschlossenes Backkunstwerk. Ihr Backkunst durften wir übrigens schon für die SG Dynamo Dresden und den VfB Stuttgart vorstellen.

Ob folgende Torte aus ihrem Haus stammt oder nur inspiriert wurde, ließ sich leider nicht feststellen. Ebenso muss die Frage offen bleiben, ob die ins rosa gewechselte Vereinsfarbe der künstlerischen Freiheit oder technischer Probleme bei der Filmaufnahme geschuldet ist.

Bewegte Bilder von Eintracht Braunschweig aus dem Jahr 1981 lohnen auch wegen des Voodoo-Zaubers

Jedes Mal, wenn Eintracht Braunschweig als nächster Gegner des MSV Duisburg ansteht, denke ich eigentlich fast immer sofort auch kurz an Ronald Worm. Das wird vielen Fans des MSV so gehen, die ihn in den 1970er Jahren in Duisburg erlebt haben. Für zwei Vereine hat „Ronnie“ Worm gespielt, für den MSV Duisburg und für Eintracht Braunschweig. Im Netz sind nicht viele Bilder von ihm in Aktion zu finden.

Da müssen wir statt der blau-weißen Streifen mit dem Jägermeister-Emblem Vorlieb nehmen, wenn wir eins seiner Tore sehen wollen. Ab Minute 2.06 steht Ronald Worm für kurze Zeit im Blickpunkt. Vor der Saison 1979/1980 war er für die damals sehr hohe Ablösesumme von 1 Millionen D-Mark zu Eintracht Braunschweig gewechselt.

Eigentlich müsste jetzt ein Portrait her von dem Spieler, der zu den besten Stürmern zählt, die der MSV Duisburg hatte. Dieses Portrait wird heute nicht geschrieben, stattdessen nur ein paar Stichworte zu seiner Spielerkarriere: Er wuchs in Meiderich auf, wurde mit dem MSV Duisburg  Deutscher A-Jugend-Meister und debütierte als 19jähriger während der Saison 1971/72 im Februar in der Bundesligamannschaft des MSV. Zum Ende der Saison war er Stammspieler. Was in den folgenden Spielzeiten höchstens verletzungsbedingt  gefährdet war. Wahrscheinlich gehört er zu den deutschen Fußballspielern mit der umfangreichsten Nationalmannschaftskarriere, wenn die Berufung in möglichst viele der vorhandenen Mannschaften der Maßstab ist. In drei Jugendnationalmannschaften, in den damals noch vorhandenen Amateur- und B-Nationalmannschaften sowie in der A-Nationalmannschaft kam er zum Einsatz.

Es versteht sich beim Blick auf das kommende Spiel gegen Eintracht Braunschweig, dass für die Bewegtbilder von Ronald Wom heute nur ein Spiel in Frage kommt, das trotz des einen Tores von ihm mit 1:3 verloren ging. Ein wenig Voodoo muß heute sein. Bayern München dient mir da als Nadel für den Plüschlöwen der Eintracht. Und die Randgeschichte über den bei Bayern München unzufriedenen Kalle del Haye gibt es als Bonus dazu. Wir sehen die Schwierigkeiten der Trainer in München ändern sich über die Zeiten nicht sehr.

Beşiktaş Müzesi, Olcay Sahan und vermutete Wünsche

In Istanbul heißt die jüngste Vergangenheit des MSV Duisburg Olcay Sahan. Für seinen Verein Beşiktaş Istanbul verläuft die Saison bislang durchwachsen. Für Olcay Sahan alleine fiele das Urteil besser aus. Zwei Tore erzielte er schon.

Das Siegtor beim 1:0 gegen Gaziantespor:

Und den Ausgleich zum 1:1-Endstan gegen Kayserispor:

Die Länderspielpause nutzte Beşiktaş für ein viertägiges Trainingslager in Antalya, so dass mir aus alter Verbundenheit zu Olcay Sahan in Istanbul nichts anderes übrig blieb, als einen Blick aufs Stadion und ins Museum des Vereins zu werfen.

Für das Museum hätte ich mich vorher ein wenig mehr mit der Geschichte des Vereins beschäftigten müssen, um die einzelnen Trophäen besser wertschätzen zu können. Denn dieses Museum ist ganz alte Schule. Vornehmlich ist es in einem halb geschwungenem Raum unterhalb der Stadionkurve eine Pokalsammlung nebst ganz wenigen Dokumenten der Vereinsgeschichte, die ich, des Türkischen nicht mächtig, nicht habe einordnen können. Dazu gibt es einen Flur mit Trikots und anderen Reliquien verdienter Spieler des Vereins. Das ein oder andere fiel dem deutschen Besucher natürlich besonders auf.

Ab heute bereitet sich Beşiktaş auf das Meisterschaftsspiel am Sonntag gegen Trabzonspor vor. Bis dahin werde auch ich keine Möglichkeit mehr finden, von Olcay Sahan ein paar Wünsche für das Spiel seines alten Vereins gegen Ingolstadt einzuholen. Den Boulevardjournalisten würde so was nicht groß stören. Er nähme irgendein altes Foto von dem Ex-Zebra und zitierte ihn ohne Bedenken. Ich tue das nicht, auch wenn ich vermute, Olcay Sahan hätte das ein oder andere Glück bringende Wort für die Zebras gefunden.

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg – Zu meiner Zeit. Teil 4: MSV-Fan sein, gestern und heute

Nach der Veröffentlichung von „111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ nahm Manfred „Manni“ Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, Kontakt mit mir auf. Wir besuchten dieselbe Schule. Auch wenn er ein paar Klassen über mir war, kamen wir in dem Mail-hin-und-her ins Erinnern. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das „Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg“, den Manfred Wiegandt schrieb. Er ist so lang gewordne, dass ich ihn in mehreren Teilen veröffentliche.

Im heutigen letzten Teil der Erinnerungen von Manfred Wiegandt geht es um sein Erweckungserlebnis im Stadion und deren Folgen bis heute – trotz der inzwischen gewachsenen räumlichen Distanz zu Spielorten des Verein seiner und unserer  Zuneigung. Wir erinnern uns, im Folgenden ist zunächst die Bundesliga-Saison 1970/71 gemeint.

Zu meiner Zeit – Teil 4 –

von Manfred Wiegandt

Am letzten Spieltag der Saison dann beim Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München waren die Bayern im brechend vollen Wedau-Stadion zu Gast. Da waren weit mehr als 40.000 Zuschauer drin. Manche hingen in den Bäumen, um etwas sehen zu können. Dies war mein zweites MSV-Spiel, das ich im Stadion sah. Ich hatte ein Schülerticket zum Preis von 1 DM beim Kassierer in der Vereinsgaststätte Worm ergattert. Der MSV gewann 2:0 (zweimal Budde in der zweiten Halbzeit). Obwohl es für den MSV um nichts mehr ging, wurde der Platz damals zweimal von den Fans gestürmt, ohne dass die Bayern-Spieler sich in die Hose machten wie – angeblich – letztens die Herthaner. Borussia Mönchengladbach wurde Meister – verdientermaßen. Dieses Spiel begeisterte mich so, dass ich in der nächsten Saison alle Heimspiele des MSV sah und nur fünf Auswärtsspiele verpasste, darunter das im relativ nahe gelegenen Schalke. Zu den weiten Auswärtsspielen in Bremen, Frankfurt, Stuttgart und Braunschweig schwänzte ich damals sogar mit Wissen meiner Eltern gleich viermal in einem Schuljahr den samstäglichen Unterricht. Ich hatte mir das Würmli-Ticket bei der Bahn (Kinder aus kinderreichen Familien fuhren damals zum halben Preis), die Eintrittskarte und die obligatorische Bratwurst dadurch erspart, dass ich meiner Mutter im Haushalt half, wobei ich mir fürs Abwaschen zehn und fürs Einkaufen zwanzig Pfennig anschreiben konnte. Meine Mutter brauchte in dieser Zeit nie lange um Hilfe zu betteln. Beim ersten Heimspiel des MSV in der Saison 1971/72 gegen den BVB hoffte ich auf ein Unentschieden, weil mein Herz noch etwas an Dortmund hing. Beim Rückspiel in der Kampfbahn Rote Erde war ich dann ganz Meidericher und freute mich über den für lange Zeit einzigen Auswärtssieg der Zebras in Dortmund.

Obwohl ich mit Leib und Seele MSV-Fan war, besaß ich damals aber weder Schal noch Trikot und eigentlich überhaupt keine Fan-Utensilien. Von den bekloppten und betrunkenen Fans hielt ich mich, soweit es ging, fern. In Dortmund mussten wir uns gegenüber den berüchtigten Borussen-Fans auf dem Weg zum Stadion als BVB’ler verstellen, weil wir Angst hatten, verhauen zu werden. Gegen Schalke musste mein kleiner Bruder sogar einmal im eigenen Stadion die Fahne einrollen, weil die Schalker Hooligans über die Zäune in den Duisburger Fanbereich kamen, als deren Niederlage fest stand. Im Wedau-Stadion hatte ich meinen Stammplatz auf halber Höhe auf der Geraden neben dem Marathontor auf der Nordkurvenseite, der Fan-Kurve. Es kamen immer die gleichen Leute; man kannte sich. Meist kam man eine Stunde vor Spielbeginn. Wenn Bayern, Schalke oder Gladbach gastierten, auch mal bis zu zwei Stunden vor Anpfiff. Die Jugendkarten (2 Mark) gab es nicht im Vorverkauf und man musste oft früh genug an der Stadionkasse sein, um sie rechtzeitig zu bekommen. In der Saison 1971/72 gab es bei jedem Heimspiel ein Preisausschreiben in der Stadionzeitung, bei dem Haupttribünenkarten zu gewinnen waren. Ich habe in der Saison gleich dreimal gewonnen und dann auch meinen kleinen Bruder mit auf die Tribüne nehmen können, die bei den meisten Spielen nicht komplett gefüllt war. Ich habe ihn auch mit zu den West-Auswärtsspielen genommen, z. B. nach Oberhausen oder Bochum, wo das Spiel fast wegen Dunkelheit abgebrochen werden musste, was wir erhofften, nachdem Klaus „Caesar“ Wunder vom Platz gestellt worden war. Auf der Zugrückreise von Mönchengladbach (0:3) blieb mein Bruder nicht immer an meiner Seite. Als er zu mir zurück kam, berichtete er, dass die Fans Sitze aus dem Fenster würfen. Danach bekamen MSV-Fans für längere Zeit keine vergünstigten Bahnkarten mehr.

Ich hatte eine Cousine in meinem Alter, die in Hattingen wohnte und sich immer freute, wenn ihre drei Cousins zu Besuch kamen. Dann hatte sie endlich geeignete Partner zum Bolzen. Sie hatte nur einen Fehler; sie war Bayern-Fan. Einmal luden wir sie nach Duisburg ein, als Bayern bei uns gastierte. Es war eines der ersten großen Bundesligaspiele des damals erst 17-jährigen Ronnie Worm. Die Zebras wuchsen mal wieder, wie so oft gegen Bayern, über sich hinaus und gewannen 3:0. Alle Treffer fielen in den letzten zwanzig Minuten. Worm erzielte zwei Tore; beim zweiten nahm er den Ball am Strafraum mit der Hacke, hob ihn über einen gewissen Weltklassespieler namens Beckenbauer hinweg und schoss volley gegen den machtlosen Weltklassetorwart Maier zum 3:0-Endstand ein. Mein Lieblingsspieler beim MSV und mein großes Vorbild war indes Bernard Dietz, zumal ich selbst meist Außenverteidiger spielte. Das größte Spiel war natürlich der 6:3-Sieg unter Flutlicht gegen die Bayern, bei dem Dietz vier Tore – sein Gegenspieler ein gewisser Rummenigge – schoss (kicker-Schlagzeile: „MSV Dietzburg gegen Bayern München 6:3“). Auf Ennatz war stets Verlass. Nur einmal habe ich miterlebt, wie er trotz aller Anstrengungen regelrecht an die Wand gespielt wurde. In der Saison 1977/78 kam der hoch gelobte englische Star Kevin Keegan zum HSV und musste sich im ersten Saisonspiel beim MSV von Ennatz den Schneid abkaufen lassen. Beim Rückspiel im Januar – ich war zu der Zeit beim Bund in Schleswig-Holstein und konnte so das Spiel im Volkspark-Stadion besuchen – war es dann aber genau umgekehrt und Keegan spielte Bernhard Dietz regelrecht schwindelig. Irgendwie beeindruckt war ich auch von Eisenfuß Detlef Pirsig, der immer mit herunter gekrempelten Stutzen spielte, aber beinhart zur Sache ging. Ich habe die herunter gekrempelten Stutzen und sein Reingrätschen dann beim Bolzen kopiert; anders als Detlef war ich aber immer fair. Meist foulte Pirsig nämlich seinen Gegenspieler, den Mittelstürmer, in einem der ersten Duelle des Spiels so hart, dass dieser nachher vor Angst nichts mehr auf die Reihe brachte. Er kassierte fast in jedem Spiel eine gelbe Karte. Da es aber noch keine Sperre nach fünf Gelben gab, konnte er sein Unwesen von Spiel zu Spiel weiter treiben. In einem Spiel – so erinnere ich mich – foulte er gleich zwei durchgebrochene Spieler auf einmal, einen mit den Füßen, den anderen mit den Händen, sozusagen Doppel-Notbremse. Rote Karte für Notbremsen sollten jedoch erst viele, viele Jahre später eingeführt werden. Überhaupt trieb es Detlef nie so weit, dass er Rot bekam. Einmal erwischte es ihn dann aber doch – in Mönchengladbach. Er hatte schon Gelb gesehen und flog dann vom Platz, als er den Ball mit der Hand spielte. Was für eine Ironie! Da holzt jemand jahrelang die gesamte Bundesliga weg und erhält seinen ersten Platzverweis für ein Handspiel! Er bekam auch nur zwei Spiele Sperre, weil er vorher immer so fair gewesen war, sprich: noch nie vom Platz gestellt worden war.

Wenn ich daran denke, kann ich ohne Umschweife sagen, dass Alles um den Fußball für mich zu den schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen gehört. Es gibt so viel, über das man noch heute Schmunzeln kann. Inzwischen lebe ich schon seit langem in den USA, aber wenn ich zu Hause in Duisburg anrufe, ist eines der Themen immer noch der MSV. In meine Zeit am MPG fiel auch das Pokalendspiel in Hannover gegen Frankfurt 1975 (0:1, Tor im Platzregen durch Körbel). Ich war natürlich da; im Zug habe ich Mathe für die Schule gepaukt. Das Finale 1998 gegen Bayern in Berlin habe ich verpasst. Mein Schwager schickte mir ein Video, da es damals noch keine Möglichkeit gab, die deutschen Fußballpiele in den USA zu sehen. Den entscheidenden Nicht-Platzverweis für Tarnat halte ich immer noch für eine der übelsten Schiedsrichter-Fehlentscheidungen. Als die Zebras 2011 erneut das Finale erreichten, kam ich von Neuengland eingeflogen. Die erste Viertelstunde des Spiels war ja auch sportlich noch ganz okay, die Atmosphäre in der Stadt insgesamt phänomenal. Ich teilte die Tickets, die ich bekommen hatte, u. a. mit meinem „kleinen“ Bruder und mit meiner Cousine und meinem Cousin aus Hattingen, obwohl sie Schalke-Fans waren, für meine Cousine als ehemaliger Bayern-Fan ja schon ein kleiner Fortschritt. Radio Duisburg hatte sogar ein Live-Interview mit mir aus dem Fan-Quartier, weil ich von so weit her gekommen war. Danach sprach mich ein Fan an, der mir sagte, er komme von noch weiter her, nämlich aus Australien. Er war in Beeck aufgewachsen und hatte im gleichen Jahr wie ich Abi gemacht, allerdings an einem anderen Gymnasium, ich glaube Mannesmann. Wahrscheinlich haben wir in der Schulmannschaft gegeneinander gespielt. Als ich ihn beim Abschied fragte, wie er heiße, sagte er: Manfred. – Toller Name! So heiße ich auch.

Und den nun auch ins Fan-Gedächtnis!

Teil 1 findet sich hier.

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