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Das wird schwierig in dieser Saison

Meine Dauerkarte lag noch auf dem Küchentisch. MSV-Fans waren die Einbrecher schon mal nicht. Den Stehplatz hätte einer der oder der Einbrecher  ja unerkannt besuchen können. Mitten in der Nacht waren wir nach sieben Tagen Istanbul wiedergekommen, und die Nachbarn erwarteten uns dennoch. Sie wollten uns nicht unvorbereitet, dem Chaos begegnen lassen. Viel gab es bei uns nicht zu holen. Wir sind technisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit. So hält sich der materielle Schaden trotz Laptop-Verlust in Grenzen. Was mich umtreibt, und was sich an diesem Freitag wie die Nachricht vom Tod eines nahestehenden Menschen anfühlte, ist der Verlust an Kontrolle über das eigene Leben. Da blieb erst mal nicht viel Platz im Kopf für das Spiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt am Abend. Nach dem Aufräumen brauchte ich noch etwas Zeit für die Entscheidung, mich in dieser gedrückten Stimmung auf den Weg nach Duisburg zu machen. Das Spiel hat sie dann nicht besser gemacht.

Die 0:2-Niederlage gegen den FC Ingolstadt macht es uns schwer, an mögliche Siege des MSV Duisburg zu glauben. Die Zebras hatten nach einer passablen ersten Halbzeit nach der Pause nicht den Hauch einer Chance mehr. Die Grenzen dieser Mannschaft sind so deutlich geworden, und im Moment glaube ich tatsächlich, wir können nur noch auf mehr Glück in der Hinrunde hoffen, um  ein paar Punkte zu holen, bis die Verletzten zurückkommen. Anscheinend ist Kosta Runjaic der Ansicht, Antonio da Silva sei nicht gut genug, um eine spielgestaltende Rolle in der Mannschaft zu übernehmen. Da Silvas Verpflichtung war aber die Reaktion auf die Erkrankung von Jürgen Gjasula, und schon in der letzten Saison hatte der MSV Duisburg nur mit eben Jürgen Gjasula spielerische Qualität erkennen lassen. Wie also soll sich die Mannschaft ohne diese beiden spielerisch behaupten?

Die Stimmung nach Niederlagen in solchen Spielen wie gegen den FC Ingolstadt schlägt sogar in Ärger um, weil der Eindruck entsteht, die Mannschaft habe auch kämpferisch versagt. Doch in so einem Spiel verliert sich der andauernde Kampf, weil der Gegner sich nicht auf Kampf einlässt.  Dazu hatte sich der FC Ingolstadt zu weit zurück gezogen. Das macht den großen Unterschied des ersten Eindrucks zum Spiel gegen Hertha BSC, einem Verein, der das Spiel mitbestimmen wollte. Der FC Ingolstadt wollte nichts mitbestimmen. Dieser Gegner wollte auf die Fehler des MSV Duisburg warten, und damit das Spiel gewinnen. Dieser Gegner machte das deshalb, weil die Mannschaft ihre Konter beeindruckend schnell und präzise ausspielte. Jeder Ballverlust des MSV konnte zur Bedrohung für dessen Tor werden. Die Ingolstädter hatten einen Plan, den sie genau befolgten. Es schien so, als sei ihnen die Ballführung in der Mitte beim Konter verboten gewesen. Bei den Kontern war die Nähe der Eckfahne das Ziel, selbst wenn der Ball sich schon in der Mitte befand und das erste Torgefahr bedeutet hätte. So fiel das 1:0 vielleicht auch deshalb, weil zum Unglück des MSV Duisburg kein Ingolstädter mehr zur Eckfahne mitgelaufen war. Der Abschluss in der Mitte war die Konsequenz.

Diese Schnelligkeit der Ingolstädter nach der Balleroberung sehen wir seit Spielzeiten beim MSV Duisburg nicht als gefestigte Spielweise der Mannschaft. Fast immer erfolgt der Pass nach der Balleroberung nicht sofort in die Spitze, weil der ballerobernde Spieler erst die Übersicht gewinnen muss, wo er Mitspieler findet und dann ist es wie gestern gegen Ingolstadt zu spät. Die nur vorsichtig aufgerückte Verteidigung steht wieder bereit. Im Gegensatz dazu musste die Defensive des MSV deutlich mehr als vorsichtig aufrücken, damit überhaupt Druck auf die Ingolstädter aufgebaut werden konnte.

In der zweiten Halbzeit fand die Mannschaft kein einziges Mittel mehr, den Ball in die Nähe des Ingolstädter Tores zu bringen. Diese Mittel standen in der ersten Halbzeit zumindest zeitweilig zur Verfügung. Es hatte ja die Chance auf die Führung gegeben. Völlig untergegangen in der Nachbetrachtung ist etwa die erste Minute, in der der angelegte Plan des MSV Duisburg so offensichtlich war. Aus dem Halbfeld kommt ein halbhoher Pass in die Sturmspitze auf Valeri Domovchiyski in den Elfmeterraum. Der Verteidiger bedrängt ihn zwar, doch Valeri Domovchiyski kann den Ball annehmen und ist vollkommen frei vor dem Tor. Nur scheint er damit nicht gerechnet zu haben. Er erkennt in diesem Moment seine große Chance nicht, sucht nicht den Abschluss, sondern läuft weiter, ohne den Ball wirklich kontrollieren zu können und gibt dem Verteidiger genügend Zeit, ihn zu stören.  Dabei hat er sich im weiteren Verlauf dieser ersten Halbzeit bei den engen Räumen immer wieder gut behauptet, ehe auch er in der zweiten Halbzeit nicht mehr in Erscheinung trat.

Der MSV Duisburg bekommt in so einem Spiel nicht viele Chancen für ein Tor. Diese wenigen Chancen wurden also entweder nicht erkannt oder vergeben wie um die 35. Minute herum, als kurz nacheinander Benjamin Kern die Latte traf und Ranisav Jovanović an einem überragenden Reflex vom Ingolstädter Torwart scheiterte. Die Spieler wussten um ihre beschränkten Möglichkeiten. Deshalb folgte dem Gegentor der vollkommene Zusammenbruch der Mannschaft. Sie fühlten  Aussichtslosigkeit und ergaben sich dem Schicksal der Niederlage. Das sah dann so aus, als wollten sie sich nicht  anstrengen.  Es ist aber die Lähmung nach vergeblicher Anstrengung, die wir da sahen. Das wenige Selbstvertrauen aus den letzten Spielen war wieder vollends verschwunden. Bezeichnend, dass selbst der eigene Anstoß dann sofort wieder zur Großchance von Ingolstadt wird.

Felix Wiedwald übrigens ist ein verdammt guter Torwart.  Für mich verebbt das Nachdenken über das Spiel hier jetzt. Lähmung als Ergebnis von Kontrollverlust bei den Spielern und bei mir. Also, bewältigen und weiter machen. Was anderes gibt´s mal wieder nicht.

Schade um den möglichen Sieg, aber …

Nun konnten wir im dritten Auswärtsspiel hintereinander nach einer Führung des MSV Duisburg auf einen Sieg hoffen. Nur wer hofft, kann enttäuscht werden. Es war schade, dass der Ausgleich kurz vor Spielende fiel, doch welch große Fortschritte hat diese Mannschaft gemacht, seit gegen Union Berlin das Ausgleichstor kurz vor dem Schlusspfiff fiel. Was damals ein Gefühl von Unglück hinterließ, betrachtete ich gestern als ein Ergebnis, das bei einer knappen Führung immer möglich sein kann. Damals war mein Vertrauen in diese Mannschaft jederzeit angreifbar und deshalb trauerte ich um verlorene zwei Punkte. Was man hat, das hat man.  Heute wirkt diese Mannschaft so gefestigt auf mich, dass sie eben in den nächsten Spielen ihre Punkte holen wird.  Sie nimmt den Ausgleich hin, holt damit aber sogar einen Punkt mehr, als ich in meinem Plan „Klassenerhalt“ vorgesehen habe und richtet den Blick auf das nächste Spiel.

Diese Mannschaft ist auf einem guten Weg, der durch späte Ausgleichstore nicht mehr irritiert wird. Wie ruhig und sicher hat sie in der ersten Halbzeit versucht Angriffe aufzubauen gegen einen FC Ingolstadt, der sich sehr weit zurück zog. Der MSV Duisburg war gezwungen, das Spiel zu machen. Die Mannschaft musste der Gefahr begegnen, durch ein Konterspiel ausgeknockt zu werden, durch das schon der SC Paderborn unter die Räder gekommen war. Doch dieses Konterspiel des FC Ingolstadt wurde im Keim erstickt.

Der MSV Duisburg wird sich seiner spielerischen Möglichkeiten immer sicherer. Dieses Spiel war von seiner Anlage her ein völlig anderes als das in Paderborn. Auch deshalb wächst mein Vertrauen in die Mannschaft vom MSV Duisburg weiter. Unterschiedliche Aufgaben werden unterschiedlich gelöst, und über allem steht das Wissen, wir werden Abwehr des Gegners mit spielerischen Mitteln überwinden. Die Mannschaft ist allerdings (noch) nicht so gut, dass keine Fehler passieren. Deshalb reicht eine Führung mit nur einem Tor nicht immer für den Sieg. Deshalb zittern wir zum Ende eines Spiels hin immer mehr. Schnittstelle ist das Stichwort, und die Sportberichterstattung spricht dann gerne von der Abstimmung zwischen Außen- und Innenverteidigung. Da kriege ich Herzklopfen, wenn kurz vor dem 16-Meter-Raum die Pässe steil gespielt werden, weil bei die Raumaufteilung unserer Verteidigung darauf angelegt ist, dass Pässe des Gegners auch immer mal ankommen. Beim folgenden eins gegen eins können wir aber nie ganz sicher auf den Ballgewinn setzen und im noch schlechteren Fall rennt unser einer dem gegnerischen anderen bei dessen einsamen Sprint auf Felix Wiedwald zu hinterher.

Bei meinem Plan „Klassenerhalt“ war sogar eine Niederlage in Ingolstadt einkalkuliert. Der Punktgewinn stimmt mich deshalb trotz kitzelnder Enttäuschung zufrieden. Wie er zustande kam, lässt mich sogar hoffen, das auch aus meiner einkalkulierten Niederlage im Spiel gegen Eintracht Frankfurt etwas anderes wird. Andererseits fallen André Hoffman und Valeri Domovchiyski wegen ihren fünften gelben Karten aus, Goran Sukalos Knie schmerzt und über weitere Folgen von Verdrehen will ich erst mal nicht nachdenken. Das Spiel gegen Aachen ist zwar weitaus wichtiger, aber wie gesagt, was man hat, das hat man.

Wie ist noch mal der Brasilianer?

Lebenslustig und immer voller Sehnsucht, den Ball am Fuß zu spüren, so ist der Brasilianer. Auch ein Brasilianer in Ingolstadt macht da keine Ausnahme, das weiß der Donaukurier im  Vorbericht zum Spiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt zu berichten. Diesen Brasilianer kennen wir auch, Caiuby ist sein Name und ich meine mich sogar zu erinnern, wie ich ihn einmal mit Ball am Fuß und Sambatrommeln schlagend durch die Duisburger Innenstadt habe ziehen sehen, um den trübsinnigen Duisburgern ein wenig von seiner Lebenslust zu schenken. Auf dem Spielfeld im Stadion hatte das damals ja nur unzureichend geklappt, da war seine Lebenslust ja immer wieder durch was auch immer – akute Versagensangst? – in triste Rumpelfußballer-Lethargie verwandelt worden. In Ingolstadt scheint das nun anders zu laufen. Was mich als Unterstützer eines brasilianischen Leitkultur-Gedankens zwar freut, den MSV-Fan in mir aber die Stirn runzeln lässt. Andererseits befinde ich mich in der komfortablen Lage, dass auch eine Niederlage in Ingolstadt bei meinem Plan zum Klassenerhalt eingerechnet ist. Im oben verlinkten Artikel stellt der Donaukurier einen Clip mit PK-O-Ton von Ingolstadts Trainer Tomas Oral ins Netz. Der nun geht davon aus,  35 Punkte sollten diese Saison reichen, um die Liga zu halten. Seit Rostocks Sieg gestern denke ich, vielleicht hat er ja doch recht, und meine Prognose nach der Niederlage von Aachen gegen Dresden wäre viel zu wagemutig. Meiner Rechnung gemäß langen sogar unglaubliche 28 Punkte, ein gutes Torverhältnis und, was auf jeden Fall hinzukommen muss, ein ebenso unglaublich stabiles Nervenkostüm aller Beteiligten, von Spielern, Verantwortlichen und uns Zuschauern. Ein Punktgewinn in Ingolstadt würde die Aufgabe für uns in Duisburg natürlich erleichtern. Aber wie wir Oliver Reck kennen gelernt haben, reicht ihm das nicht. Der will auch dort gewinnen. Meine Unterstützung hat er. MSV-Leitkultur voran.

Das Motto dieses Zebra-Talks: Sorge um den Verein

Wenn der Zebra-Talk an einem Spieltag online geht, geschieht das ohne viele begleitende Worte. Aufgenommen haben wir das Gespräch am letzten Mittwoch. Es ging noch einmal um den 3:1-Sieg gegen den FC Ingolstadt, über den sich niemand so recht hat freuen können. Unsere gesammelte Ratlosigkeit haben wir beim Rückblick auf die Leistung in der ersten Halbzeit  in die Runde geworfen, um sie eine Sorge münden zu lassen. Diese Sorge wurde nicht kleiner, als wir über den Rücktritt von Thomas Kretschmer, einem der beiden „Vereinsvizes“, sprachen. Dabei kamen unweigerlich die Strukturen des Vereins zur Sprache und die finanzielle Situation, die unsere schon vorhandenen Sorgen mit einer besonders großen Meta-Sorge krönte.

Mit einem Klick weiter geht es zum Zebra-Talk 7.

Dieses Mal ein Sieg ohne Erleichterung

Vermisst habe ich ihn nicht, aber anscheinend ist er wieder zurück – mein besonderer MSV Duisburg. Es ist jener MSV Duisburg, bei dem ich sogar nach einem etwas höheren Sieg in gedrückter Stimmung aus dem Stadion gehe. Alles fühlt sich nach Niederlage an. Es ist jener MSV Duisburg, der nur Ergebnisfetischisten lustvoll aufstöhnen lässt, wenn sie sich nach dem Spiel auf Straßen und in Kneipen von uns Stadiongängern den Endstand sagen lassen. Diese Lust am reinen Zahlenverhältnis entwickele ich immer erst in der Rückrunde einer Saison, und das auch nur, wenn es nach oben oder unten hin unbedingt nötig ist. Ersatzobjekt bleibt bei mir im Moment nur Ersatzobjekt, da füllt sich keine Zahl mit Zauber zur Befriedigung meiner Sehnsüchte. Dabei will ich nicht einmal eine Mannschaft mit vollends gelingendem Spiel sehen. Es reicht mir völlig das Gefühl, wenn diese Mannschaft nicht immer wieder bei null anfinge.

Was war meine Hoffnung groß nach dem Spiel gegen den SC Paderborn. Nichts hat sich von dieser Hoffnung erfüllt. Niemand der gestern beim Spiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt dabei gewesen ist, verschließt die Augen vor einer indiskutablen Leistung in der ersten Halbzeit und einem dann folgenden glücklichen Sieg. Der FC Ingolstadt hätte nach den ersten 45 Minuten mit zwei, drei Toren führen können. Der FC Ingolstadt hätte zweimal beim Stand von 2:1 den Ausgleich erzielen können. Der FC Ingolstadt hat das nicht getan, und wir konnten sehen, warum der Verein dort unten in der Tabelle steht. Wir haben aber auch gesehen, warum der MSV Duisburg es den Ingolstädtern gleich tut. Die Mannschaft besaß keine spielerischen Mittel, um gegen den FC Ingolstadt mitzuhalten. Die ersten beiden Tore des MSV Duisburg ergaben sich aus glücklichen Einzelsituationen.

Wir sahen wieder den leichten Trab als Grundtempo des Spiels vom MSV Duisburg. Es ist bezeichnend, dass ein Spieler wie Emil Jula zum Sprinter in diesem Spiel wurde. Er besitzt keine so hohe Grundschnelligkeit. Sein Spiel ist ein anderes. Dennoch bleibt gerade er mir als sprintender Spieler im Gedächtnis, weil zwar auch andere Spieler gesprintet sind, sie es aber auch hätten eben so gut sein lassen können. Dieser ergebnislose Sprint war eine von zwei Standardspielbewegungen: Ein Ball führender Spieler in Mittelfeldnähe erblickt eine Lücke im gegnerischen Defensivverband. Er beschleunigt mit Ball auf die Lücke zu. Der Rest der Mannschaft begleitet den Sprint in einer Art nachrückendem Trab. Dann schließt sich die Lücke, und der Ball wird an einen stehenden Mitspieler abgespielt. Dieser Spieler passt nun nicht schnell zurück. Er muss erst überlegen, wie es weitergehen soll. In der Zeit kommt ein Gegenspieler nahe, sein Mitspieler ist fast ins Abseits gelaufen, aber herangetrabt ist im Mittelfeld die Querpassmöglichkeit nach einem kurzen Dribbling. Alternativ dazu wurde, wenig überraschend, der hohe Ball als Flanke in Strafraumnähe geschlagen, quasi eine stetige Folge von Versuch-und-Irrtum-Experimenten.

Im Reviersport findet sich ein detaillierter Spielbericht, dem ich eigentlich nicht viel hinzuzufügen kann. Wenn dort das Spielgeschehen der ersten Halbzeit nur eine Randnotiz ist und die Fußballberichterstattung als eine Setlist des Fangesangs daher kommt, wird deutlich, wie schlecht dieses Spiel in der ersten Halbzeit gewesen ist. Mich selbst hat es aber innerlich zerrissen, als sofort nach dem Rückstand die Unmutsbekundungen immer lauter wurden. Dem alten Pädagogen in mir sträubten sich sämtliche Haare im Wissen um die psychische Stabilität von Spielern, die schon ohne Pfiffe und Spottgesang mit dem Ball vom Gegner unbedroht ins Aus laufen oder ihn dorthin auch gerne mal passen.  Als dann Milan Sasic auch noch Kevin Wolze auswechselte,  begann ich zu verzweifeln. Natürlich hatte  er sich immer wieder verdribbelt und den Ball verloren. Doch für mich war er einer der wenigen Spieler der Mannschaft, die überhaupt Leben ausstrahlten. An solche Strohhalme musste ich mich klammern, und nun wurde mir selbst dieser Strohhalm genommen. Es war schrecklich.

Es folgte Halbzeit zwei mit Glück, versagenden Ingolstädtern und Bierbecher werfenden Idioten.  Die Unsitte greift weiter um sich.  Da fällt ein Tor, und die vollen Bierbecher fliegen in die Menge. Das hat keinerlei Folklorequalität. Bierbecher sind früher einmal im Überschwang der Freude übergeschwappt oder gefallen. Heute werden sie gezielt geworfen – auf die, die unterhalb von einem stehen. Das ist asozial und zeugt von einer unglaublichen Ignoranz. Schüttet euch beim ersten Tor des MSV Duisburg den Becher selbst über den Kopf. Danach können wir uns drüber unterhalten, ob ihr den zweiten Becher vor Freude in die Menge unter euch werfen könnt. Und erzählt mir bloß nicht, der MSV Duisburg schießt dafür nicht genügend Tore.

Saisonvorbereitung – Zweitligavereine wünschen heimlich Aufstockung der Bundesliga ab Saison 2012/2013

Erreichbare Ziele setzen. Das ist eine Grundbedingung für Erfolg. Weder überfordern noch unterfordern, heißt nicht nur die beste Richtschnur beim Lernen. Auch außerhalb von Schulen wäre es schön, wenn sich jede anstehende Aufgabe im Niveau ganz leicht über dem bereits vorhandenen Leistungsvermögen befände. Nie wäre etwas langweilig. Niemals geriete man in Bedrängnis, etwas nicht zu schaffen. Das Leben bestünde aus einem Rundum-Sorglos-Paket von gut abgefederter Weiterentwicklung.

Doch immer tauchen da andere Menschen auf, die einen beim Weiterkommen stören. Besonders stören sie dann, wenn Ranglisten gebildet werden und Tabellen. Denn dann gibt es für Ziele immer auch ein paar Anwärter mehr als Plätze vorhanden sind, und schon können Ziele noch so sehr punktgenau knapp oberhalb des Leistungsvermögens angesetzt werden, das Scheitern wird unweigerlich auf jemanden zukommen.  Zielbestimmung in Konkurrenzsituationen bleibt also einerseits notwendig, andererseits gefährdet diese Zielbestimmung vielleicht bereits den möglichen Erfolg. Ganz zu schweigen davon, wenn noch andere bei dieser Zielbestimmung mitmischen wollen. Dann heißt es für Verantwortliche in den Vereinen, schnell Meinung machen.

Milan Sasics Stellungnahme etwa war spätestens Ende Juni gefordert, als in den Redaktionsräumen vom Kicker die Sportjournalisten die vom MSV Duisburg eingehenden Pressemitteilungen über Spielerneuverpflichtungen kaum mehr  abarbeiten konnten. Die Arbeitsüberlastung ließ sie zum pauschalen Urteil finden, der MSV Duisburg sei endgültig zu einem Aufstiegskandidaten geworden. Milan Sasic gab sein bestes: „Es wäre bei 13 Neuen unprofessionell, vom Aufstieg zu sprechen. Welche Ziele sollen dann Eintracht Frankfurt, Bochum und St. Pauli ausgeben? Ich will mit dem MSV unter die ersten sechs Mannschaften.“ Milan Sasic konnte sich auf alte Vorhaben berufen. Drei-Jahres-Plan hieß das Ganze, als noch der Ex die Interviews gab. Und wenn Milan Sasic die ersten sechs Mannschaften erwähnt, wollen wir nicht vergessen, auf diese ersten sechs Mannschaften warten auch der erste, zweite und dritte Tabellenplatz. Es ist ja nicht so, dass in Duisburg nach Siegen gesagt würde: „Och nö, lasst das mal lieber mit den drei Punkten für uns, nachher bleiben wir noch zweiter und das haut uns unsere Aufstiegspläne kaputt.“ Da sind wir in Duisburg doch flexibel genug, mitzunehmen, was sich anbietet.

Andere Vereine können da sehr viel weniger flexibel sein. Wahrscheinlich nicht ganz zufällig sind es nur drei Vereine, die das große Ziel der kommenden Saison für die 2. Liga auch wirklich aussprechen. Sie waren entweder schon lange genug flexibel oder hinken ihrem Plan schon ein Jahr hinterher oder brauchen keine Pläne, weil sie gar nicht da sind, wo sie meinen, hinzugehören. Da ist es wieder, das Problem mit den anderen Menschen. Mindestens ein Verein von den dreien wird scheitern beim Streben nach dem sicheren Aufstiegsplatz.

SpVgg Greuther Fürth
„Doch mit dem ansonsten weitgehend unveränderten Kader soll es vielleicht schon 2011/12 endlich klappen mit dem großen Ziel Aufstieg. «Wir werden weiter daran arbeiten und ich bin zuversichtlich, dass ich das in meiner Zeit in Fürth mal erleben darf», sagte Manager Rachid Azzouzi. «Jeder in diesem Verein will das mit jeder Faser seines Körpers.»
dpa-Meldung in
Süddeutsche Zeitung – 16.5. 2011

VfL Bochum
„Der neue Sportchef Jens Todt hat den Aufstieg des VfL Bochum in die Fußball-Bundesliga als das erklärte Ziel bezeichnet.

Der Westen, 3.6.2011

Eintracht Frankfurt
„Es wird nicht einfach werden, aber wir haben ein Ziel, wir wollen aufsteigen.“
Armin Veh, Trainer –
  hr-online.de, 31.5.2011

In Frankfurt, Bochum und Fürth werden für die Saison 2011/2012 also klare Ansagen gemacht. Andere Vereine versuchen sich gleich dem MSV Duisburg an dem Balanceakt, die Kräfte für Aufstiegsanstrengungen zu bündeln, ohne dass die eine einzige Erwartung hemmungslos herumzutollen beginnt.

FC St. Pauli
Mit Eintracht Frankfurt ist eine Mannschaft dabei, die ähnlich wie zuletzt Hertha BSC der Top-Favorit ist. Kommt Gladbach runter, werden auch sie dazu gehören. Greuther Fürth sagt jetzt schon, dass sie den Aufstieg unbedingt schaffen wollen. Cottbus und Duisburg sind ebenfalls mit dabei. Das heißt aber nicht, dass wir die nicht packen können. Wir wollen oben mitspielen. Es wird kein Selbstläufer und wir sind realistisch. Aber es ist alles möglich.
André Schubert, Trainer – spox.com, 17.5. 2011

FC Energie Cottbus
„Lautet das langfristige Ziel Aufstieg?

Natürlich. Cottbus gehört aber nicht zu den Vereinen, die vor der Saison sagen können, dass sie in die Bundesliga wollen. … Wir können nur aufsteigen, wenn wirklich alles passt. Das kann man aber leider nicht planen
„.
Claus-Dieter Wollitz, Trainer – Eckball-Magazin, 20.5.2011

Alemannia Aachen
Eine Steigerung strebt auch für Benjamin Auer an. «Als ich im vergangenen Sommer einen Dreijahresvertrag unterschrieben habe, habe ich gesagt, dass ich gerne mit der Alemannia aufsteigen möchte. Dabei bleibe ich», sagte der Stürmer. «Vielleicht können wir in der neuen Saison die Qualität im Kader noch weiter steigern, damit dann die Plätze 3 bis 6 in der Abschlusstabelle möglich sind. Und dann bleibt ja noch mein drittes Jahr», so Auer: «Spätestens dann geht’s um Platz 1 bis 3.»
Aachener Zeitung, 12.5.2011

Nach der Saison 2011/2012 werden DFL und DFB allerdings nicht mehr daran vorbeikommen, die Bundesliga aufzustocken. Sonst werden deutschlandweit Hoffnungen enttäuscht und tiefe Depressionen werden unzählige Fußballfans arbeitsunfähig machen. Dann sollen ja nicht nur die Pläne oben genannter Vereine Wirklichkeit werden, dann wird auch mit jenen Vereine zu rechnen sein, die im Moment noch auf Wachstum setzen und sich über die deutsche Sprache freuen, in der die wunderbaren Wörter mittelfristig und langfristig die konkrete Zielbeschreibung in die Zukunft verlagern helfen.

TSV 1860 München
In drei Jahren möchen wir in der ersten Liga sein.
Hasan Ismaik, Großinvestor und Anteilseigner TSV 1860 München KgaA   Süddeutsche Zeitung, 8.6.2011

Fortuna Düsseldorf
Düsseldorf ist eine wahnsinnig attraktive Stadt, die sehr viel bietet. Die hat einfach Erstliga-Fußball verdient. Dafür arbeiten wir. Klar, ich würde mit Fortuna sehr gerne aufsteigen, das ist das mittelfristige Ziel.
Wolf Werner, Manager – Express, 13.6.2011

Eintracht Braunschweig
Eintracht Braunschweig besitzt im deutschen Fußball einen solchen Bekanntheitsgrad, dass es unser logisches Ziel ist, in der Bundesliga zu spielen. Allerdings wollen wir uns in den kommenden Jahren erstmal in der 2. Bundesliga etablieren. Denn wichtig ist auch, dass man sich in einem realistischen Zeitplan bewegt. Und ein solcher Zeitplan für die Zukunft existiert selbstverständlich auch bei Eintracht Braunschweig.“
Soeren Oliver Voigt, Geschäftsführer  – sportschau.de, 10.4.2011

FC Ingolstadt
Nun, ich habe eine ähnliche Situation beziehungsweise Entwicklung schon beim FC Augsburg erlebt. Als ich damals dorthin gekommen bin, war der Verein noch in der dritten Liga und hatte wenig Zuschauer. Sechs Jahre später sind sie nun in die Bundesliga aufgestiegen. Ich denke schon, dass man beide Klubs etwas miteinander vergleichen kann: Beide haben eine Perspektive nach oben – und auf Ingolstadt bezogen sollte es in nächster Zeit auf alle Fälle machbar sein, dass man in der 2. Bundesliga zumindest eine sehr gute Rolle und künftig nicht mehr gegen den Abstieg spielt. Was darüber hinaus noch möglich ist, wird man in den nächsten Jahren sehen.
Leo Haas, Neuzugang Saison 2011/2012 (offensives Mittelfeld) – Augsburger Allgemeine, 9.6.2011

FC Erzgebirge Aue
„Ich habe den Traum, mit Aue mittelfristig in die Bundesliga aufzusteigen und damit Einzigartiges für den Verein und die Region zu schaffen“.
Marc Hensel, Spieler (defensives Mittelfeld) – zitiert nach dpa-Bericht in der Leipziger Volkszeitung, 2.6.2011

SG Dynamo Dresden
Langfristig muss die Bundesliga das Ziel sein. Aber da gehört sehr, sehr viel Arbeit dazu. Es ist ja nicht nur die erste Mannschaft, sondern da gehört der gesamte Verein dazu. Ich denke, das wird noch ein paar Jahre dauern.
Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, Berater – sid-Interview im RevierSport, 18.5.2011

So richtig zu Hause in der 2. Liga fühlen sich im Moment nur fünf Vereine.

1. FC Union Berlin
Es kann uns auf Dauer nicht genügen, drei oder vier Mannschaften hinter uns zu lassen. Die Mannschaft muss sich ebenfalls entwickeln“, sagt Zingler. „Dafür müssen wir die Strukturen schaffen.“ Das Wort Bundesliga wurde von Unions Präsidenten bewusst vermieden, Union soll auch in Zukunft „langsam wachsen
.
Dirk Zingler, Präsident – Tagesspiegel
, 18.5.2011

FC Hansa Rostock
„Ich bin keiner, der sagt, dass er eine Mannschaft in den nächsten zwei Jahren weiterentwickeln will. Fußball ist ein Ergebnissport, und ich orientiere mich immer an der Realität. Wenn wir es vom ersten Spiel an schaffen, von den Abstiegsrängen entfernt zu bleiben, kommt die Entwicklung automatisch.“
Peter Vollmann, Trainerkicker.de, 25.5.2011

Karlsruher SC
Wir werden wieder ein schweres Jahr haben, was nicht heißt, dass wir nicht ein Stück nach oben rutschen können. Aber die Liga wird brutal schwer. Mit Braunschweig und Rostock kommen sehr gute Aufsteiger. Von oben kommen St. Pauli und Frankfurt. Die Liga wird viel stärker. Da kann niemand ernsthaft erwarten, dass wir mit den oben genannten schwierigen Rahmenbedingungen sofort nach vorne durchstarten. Wir sind unten und wir müssen uns Schritt für Schritt nach oben arbeiten.
Rainer Scharinger, Trainer – Pforzheimer Zeitung, 18.5.2011

SC Paderborn
… Der SC Paderborn hat Mühe, mit dem Mini-Etat die 2. Liga zu halten …
Roger Schmidt, Trainer – Westfalen-Blatt, 4.6.2011

FSV Frankfurt
„Insgesamt 13 Neuzugänge muss Trainer Hans-Jürgen Boysen in diesem Jahr integrieren. „Ich bin davon überzeugt, dass wir im Vergleich zur Vorsaison einen stärkeren Kader haben“ zeigte sich der Coach aber durchaus optimistisch. Am Saisonziel Klassenerhalt habe sich dennoch nichts geändert, wie Geschäftsführer Uwe Stöver betonte: „Die Mannschaft und das Umfeld muss dafür viel Geduld und Herzblut aufbringen, damit wir dieses Ziel zusammen erreichen können.“
hr-online.de, 18.6.2011

Der Unterbau der Bundesliga wird in Zukunft wohl also nur noch aus sieben Vereinen bestehen, von denen fünf irgendwann den Rückzug in die Dritte Liga vorziehen. Dann wären die übrig bleibenden zwei Bundesligaabsteiger für ein Jahr endlich da, wo wir alle hin wollen. Selbstbestimmt könnten sie die Zielsetzung für die Saison gemäß des eigenen Leistungsvermögens ansetzen, ohne den Aufstieg und damit die eigene Weiterentwicklung durch zu viel Druck zu gefährden.

Unberechenbare Gefühle

Als ich am späten Freitagnachmittag auf der A 59 die Hochbrücke in der Nähe des Stadions überfuhr, passte es gar nicht zu meiner leichten Unruhe, an der Abfahrt zum Stadion einfach vorbeizufahren. Den eigentlichen Ort für diese Art leichter Unruhe musste ich rechter Hand unbesucht liegen lassen. Wann immer ich in dieser Stimmung in Duisburg unterwegs bin, reise ich eigentlich zu einem Heimspiel des MSV an.  Stattdessen war ich zu einem Termin in Hamborn unterwegs.

Das Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt kam mir also ungelegen. Ein Heimspiel nur hätte mich vom Pokalspiel am Mittwoch abgelenkt. So sehr ich mich auch bemühte, die von Milan Sasic als gefährlich beschriebenen „langen Schritte“ zu vermeiden, sobald ich an das Spiel in Ingolstadt dachte, dachte ich gleichzeitig auch, zuerst das Spiel heute, dann das Spiel am Mittwoch. Ich wiederhole mich, man kann sich nicht vornehmen, nicht an etwas zu denken. Gefühle stellen sich zu den Gedanken dann zusätzlich ein, ohne dass wir das fürs erste kontrollieren können. In der Mahnung vor dem Spiel gegen Ingolstadt, sich auf das Heute zu konzentrieren, verkleidet sich nur die Vorfreude auf das Pokalviertelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern am nächsten Mittwoch. Auch wenn ich es noch so gerne wollte, ich konnte nicht so tun, als habe dieses Spiel noch keine Bedeutung. Mit dieser Bedeutung mussten auch Milan Sasic und die Spieler des MSV Duisburg umgehen.

So überlegte ich vor mich hin und meinte mit einem Unentschieden in Ingolstadt trotz des so unterschiedlichen Tabellenstandes beider Mannschaften eigentlich zufrieden sein zu können. Schließlich war in jedem von mir gesehenen Spiel des MSV gegen Ingolstadt die zunächst gute Spielanlage dieser Mannschaft zu erkennen gewesen. Zudem vermutete ich in Ingolstadt so was wie Aufbruchstimmung nach der Winterpause angesichts der doch namhaften Spielerverpflichtungen. Dazu das in den Spielerköpfen vielleicht nicht dauerhaft auszublendende Pokalspiel …

Dennoch hörte ich in der ersten halben Stunde des Spiels hoffnungsfroh stimmende Worte von Marco Röhling bei Radio DU. Dann begann die Veranstaltung in Hamborn, und das Ergebnis des Spiels bekam ich um 22 Uhr in den Nachrichten serviert. Doch anstatt zufrieden zu sein mit dem, was ich erwartet hatte, war ich enttäuscht, dass es keine drei Punkte für den MSV geworden sind. Gefühle sind unberechenbar. Die Enttäuschung verringerte sich auch nur geringfügig, als ich mir den Verlauf des Spiels lesend erschloss. Große Unterschiede in der Bewertung ließ das Spiel nicht zu. Da erzählt Der Lautsprecher Blog aus Ingolstädter Sicht keine andere Geschichte des Unentschiedens als Kicker, Der Westen oder RevierSport . Auch die  Fans im MSVPortal liegen bei der Beschreibung des Spielverlaufs auf dieser bekannten Linie. Sie schwanken allerdings ebenfalls zwischen Entäuschung und Zufriedenheit.

Ich las also, die erste Halbzeit war ganz in Ordnung, in der zweiten Halbzeit gegen stärkere Ingolstädter wurde zu wenig für den Sieg getan. Nach und nach ließ die Mannschaft des MSV zu viele Chancen zu. Dennoch fällt nur ein halb zufälliges Tor der Ingolstädter und der verdiente Ausgleich erfolgt durch Olcay Sahan nach ernstem Aufbäumen gegen die Niederlage.

Gefühle sind einfach unberechenbar. Ich wollte mit dem Unentschieden zufrieden sein. Ich sagte es mir immer wieder vor, doch nutzte das nichts. Mich enttäuschte das Ergebnis. Aber nicht weil ich von der Mannschaft mehr erwartet hätte, sondern weil es für mich zunehmend schwieriger wird, nur das nächste Spiel im Auge zu haben. Die ersten zwei Plätze der Tabelle winken mir immer verführerischer zu, betören mich und lassen mich an aufregende Abenteuer in naher Zukunft denken. Die Hoffnung auf das Unaussprechliche auszubalancieren, verlangt immer aufwändigere Gedankenarbeit.

Wenn es mir schon so geht, wie muss es dann in den Köpfen der Spieler aussehen? Ich muss ja nicht mal Fußball spielen, ich muss ihn mir nur ansehen. Aber vielleicht haben sie es ja sogar einfacher. Sie können handeln, indem sie gut Fußball spielen. Trotzdem gilt, je länger ein Wettbewerb andauert, desto entscheidender wird die psychische Stabilität der Mannschaft. Deshalb stimmt mich auch gerade dieser Ausgleich hoffnungsfroh. Wer wie in Ingolstadt so spät im Spiel noch an sich glaubt, kann viel erreichen in dieser Saison. In dieser Woche aber halte ich es erst einmal für gut, dass es im Pokalwettbewerb am Mittwoch keine Frage ist, woran wir alle, egal ob Spieler, Trainer oder Fans denken. Da fallen langfristige und kurzfristige Ziele zusammen. Da gibt es nichts auszubalancieren, da heißt es nur, ohne Sieg gibt es kein Weiterkommen. Auf diesen Sieg dürfen wir deshalb alle hoffen,  sofort und ohne Abstriche. Das Unaussprechliche nehmen wir dann später wieder ganz vorsichtig in den Blick.

Für das Leben lernen mit Milan Sasic

Milan Sasic spricht in einer oft bildhaften Sprache, in deren Grammatik die Muttersprache Kroatisch natürlich weiterhin Spuren hinterlässt. Ich höre ihm gerne zu, zumal sein trockener Humor immer für einen Lacher gut ist. Auf der Pressekonferenz vor dem Freitagsspiel gegen den FC Ingolstadt kam auch der Einfluss des DFB-Pokalspiels in der nächsten Woche zur Sprache. Die Haltung Milan Sasics ist nicht weiter überraschend. Natürlich denkt er erst einmal nur an das Punktespiel und versucht die Mannschaft darauf zu fokussieren. Eins nach dem anderen wäre das Rezept eines jeden Fußballtrainers, doch für die alte Lebensweisheit findet Milan Sasic ungleich farbigere Worte. Ich weiß immer besser, warum der Mann sehr gut ins Ruhrgebiet passt:  „Alle die, was übersprungen nächste Aufgabe, da machen die lange Schritt. Und die was versuchen mit lange Schritte zu marschieren, die fallen auf die Fresse  richtig, und dat tut weh.“  Die gesamte Pressekonferenz lässt sich hier anschauen.

Eine Momentaufnahme, die zufrieden macht

Eine Arbeitsstelle umfasst manchmal sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder. Nach einem samstäglichen Besuch der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel vermute ich, dort ist ein Teil der Angestellten verpflichtet, Besuchergruppen durch die Bibliotheksräume zu führen, auch wenn die Anstellung wahrscheinlich vor allem der intensiven Beschäftigung mit Texten und Büchern zu verdanken ist. Texte und Bücher haben für Menschen den großen Vorteil, wenig Ansprüche an soziale Fertigkeiten zu stellen. Selbst wenn so ein Buch aus dem 17. Jahrhundert stammt, verbringt es auf ein paar Regalzentimetern Platz ohne besondere Zuwendung die ruhigeren Stunden seines Lebens und wenn es denn einmal Auslauf erhält, verlangt so ein Buch nicht mehr als ein paar Baumwollhandschuhe an des Lesers Händen und ein wenig feinmotorisches Geschick beim Umblättern, damit es ihm dauerhaft wohl ergeht. Damit mag sich jene uns durch die Bibliotheksräume führende Wissenschaftlerin vom Samstag auskennen, von Menschen – vielleicht nur in Gruppen – schien sie Schlimmeres gewohnt zu sein.

Jemandem zuzuhören, der den Eindruck macht, er müsse ständig einen Fluchtimpuls unterdrücken, ist ungemein anstrengend. Ich bange dann mit ihm, will ihn beruhigen und bin ich nicht erfolgreich, überträgt sich so ein Fluchtimpuls leicht auf mich. Deshalb musste ich es am Samstag immer wieder riskieren unhöflich zu wirken. Ich hielt ein wenig Abstand von der Führung und lenkte mich zwischendurch mit forschenden Blicken auf die imposanten Bücherreihen ab. Dort versuchte ich die von Herzog August dem Jüngeren höchstselbst vorgenommenen Inhaltsangaben auf den Lederrücken der Folianten zu entziffern und weil das meist ohne erhellendes Ergebnis blieb, schweiften die Gedanken ab zu einem anderen Arbeitnehmer, der die unterschiedlichen Anforderungen seines Berufs im Moment sehr erfolgreich bewältigt.  Knapp eine Stunde zuvor hatte ich Marco Röhlings begeisterte Stimme gehört, sofort nachdem ich das Fenster mit dem Webradio von Radio DU geöffnet hatte. In der vierten Spielminute wieder ein Freistoßtor durch Ivica Grlic! In Osnabrück traf er von links, in Duisburg von der rechten Seite. Und es war immer besser geworden. Kurz bevor ich das Webradio gegen die Überraschungstour beim Familientreffen eintauschen musste, fielen die zwei Tore von Stefan Maierhofer in der 17. und 19. Minute. Das Gegentor im Anschluss bestätigte dann Marco Röhlings mahnende Worte zum Abwehrverhalten.  So gut wie in Osnabrück war die Defensive dieses Mal anscheinend nicht. Deshalb hatte ich die Herzog-August-Bibliothek auch nicht in der Gewissheit betreten, einen sicheren Heimsieg erwarten zu können.

In Duisburg ist noch vieles möglich, dachte ich und hoffte bei meinen  Alleingängen vor den Regalen zur Ablenkung in der als so reichhaltig angepriesenen Bibliothek auf ein frühes Werk der Sportliteratur zu stoßen. In den Regalen entdeckte ich nur Theologisches neben Historischem, und die Lesetipps der Woche waren auch keine Sportheldengeschichten sondern in Vitrinen ausgestellte biographische Werke über lokale Berühmtheiten der damals bedeutenden Universität Helmstedt.

Sport spielte also nur als Fußballfantasie in meinem Kopf eine Rolle und dann wieder beim Schwager zu Hause, als ich sofort im Netz das Endergebnis las. Ein auf den ersten Blick sicherer Sieg erwies sich dann beim Nachlesen und auch in der heutigen Nachberichterstattung mit unsicherer Abwehr erspielt. Zur guten Duisburger Angriffsleistung gesellte sich die Ingolstädter Abschlussschwäche und so kann der Donaukurier titeln: „Naiver FC 04 schenkt Duisburg den Sieg„. In Duisburg macht man sich verständlicher Weise um die Naivität des Gegners wenig Gedanken, sondern wir genießen allesamt den Moment. Der MSV Duisburg führt die Zweitligatabelle an. Es macht Freude, sich diese Tabelle anzusehen. Sie gibt keine Auskunft über den weiteren Verlauf der Saison, aber wie viel leichter wird es für die Spieler mit einen zufriedenen Gefühl auf den Platz zu gehen und sich weiter zu entwickeln. Arminia Bielefeld und der MSV Duisburg standen in der letzten Saison vor ähnlichen Schwierigkeiten und traten im Verlauf der Saison immer wieder mit ähnlichen, schlechten Leistungen auf. Auch in Bielefeld wird versucht, etwas Neues aufzubauen. Wenn der Blick dorthin geht, wo die Last von zwei Niederlagen zu tragen ist, beruhigt die Momentaufnahme der Tabelle noch mehr.

In der Sportschau war zu erfahren, dass Ivica Grlic die Fahrt von Stefan Maierhofer zur österreichischen Nationalmannschaft organisiert hat und auch als Team-Manager seine Aufgaben sehr gut erledigt. Stefan Maierhofer wird ihm also nicht nur für gut herein gegebene Eckbälle danken, sondern auch für reibungslose Reisen nach Wien. In Österreich scheint er übrigens gerade gerne als Symbol für die Qualität der Fußballnation genommen zu werden. Nicht weil er zwei Tore gemacht hat, muss ich hinzufügen und denke, es gibt ja die Geschichten von jenen Spielern, die in einem einzigen sportlichen Biotop erfolgreich werden. Wartet nur ab, ihr österreichischen Sportjournalisten!

Familien- statt Legendentreffen

Die Termine für das Familientreffen werden ein Jahr im Voraus festgelegt, und für die Minderheit der angeheirateten MSV-Anhänger in der aus dem ostwestfälischen stammenden Großfamilie ist es dann immer ein Glücksspiel, ob ein Stadionbesuch am ausgewählten Wochenende möglich ist. Als alleiniger Vertreter dieser Minderheit bedauere ich es in diesem Jahr besonders, beim ersten Heimspiel vom MSV Duisburg der Saison 2010/2011 gegen den FC Ingolstadt nicht in der Schauinsland-Reisen-Arena dabei sein zu können.

Auch wenn ich es mir nicht zur Regel machen will, heute nenne ich das Stadion einmal bewusst bei seinem neuen Namen in ganzer Länge, weil es der Sponsor Schauinsland Reisen verdient hat. Wirklich gut funktioniert das ja nicht immer mit der größeren Aufmerksamkeit für Unternehmen, die Fußballvereinen Geld geben, um auf Trikots oder im Stadionnamen präsent zu sein. Ich erinnere mich da an eine von IFM durchgeführte Studie, deren Ergebnisse im September letzten Jahres veröffentlicht wurden. Da hieß es, der Effekt von Sponsoring im Fußball sei höchst ungewiss. Aber „Gib Geld“ und komme ins Gespräch, kann mit Sicherheit besser gelingen, wenn wie bei Schauinsland Reisen, das „Tue Gutes“ noch hinzu kommt. Schauinsland Reisen belässt es nicht beim Geld überweisen, sondern beackerte gleich nach Bekanntgabe der Sponsoringvereinbarung Felder, die beim MSV Duisburg lange Zeit brach lagen: der Kontakt zu den Fans und die Identität des Vereins. So wurde zur Wahl von 24 „MSV-„Legenden“ aufgerufen, und nun kommen viele dieser für den MSV Duisburg wichtigen Spieler zum ersten Heimspiel.

Solche weit gehenden Aktivitäten eines Sponsors sind nicht selbstverständlich, sondern sie verweisen zum einen auf den im Umfeld des MSV Duisburg vorhandenen Willen den Mangel der Vergangenheit zu beheben, zum anderen zeigt sich darin die besondere Verbindung mit dem MSV Duisburg von Verantwortlichen des Duisburger Reiseunternehmens. Da scheint beim Sponsoring viel Herzblut auf Unternehmensseite mit dabei zu sein, wenn sogar das Gespräch mit Fans im MSVportal gesucht wird.

Diese vom Sponsor verantwortete Arbeit wirkt zusammen mit der schon zum Ende der letzten Saison festzustellenden verbesserten Arbeit auf der Verwaltungesebene des Vereins. Seitdem Roland Kentsch Geschäftsführer des MSV Duisburg ist, erhält der Verein deutlichere Konturen in der Öffentlichkeit. Das hat mit dem Bewusstsein dafür zu tun, dass neben den sportlichen Belangen und der Frage der Finanzierung dieser sportlichen Belange noch andere Arbeit zu leisten ist in der Unterhaltungsbranche Fußball. Die Zuschauer müssen ernst genommen werden. Die Grundstimmung rund um den MSV Duisburg hat sich also gewandelt. Aufbruch will ich das nicht nennen. Es ist eher ein Ankommen in der Wirklichkeit, ein sich Besinnen auf das, was an Wert vorhanden ist – in sportlicher Hinsicht als spielerisches Vermögen der Mannschaft aber auch in ideeller Form als Suche nach der Tradition des Vereins.

Wenn mir ich mir zudem den neu zusammengestellten Kader ansehe, bin ich angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Vereins sehr zufrieden. Diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind letzte Woche noch einmal drastisch in Erinnerung gerufen worden: „Gläubiger bewahrten 2009 MSV Duisburg vor der Insolvenz„. Da durfte nun auch bei der Der Westen stehen, was im MSVportal seit langer Zeit immer wieder als bedrohliche Entwicklung Thema war. Auf die letzte Personalie der Hinrunde warten wir noch. In diesem Jahr gab es bei der Vorberichterstattung zu den anderen Spielerverpflichtungen nicht eine einzige als wahrscheinlich verkündete Vollzugsmeldung, die sich nicht erfüllte. Deshalb sollte die Verpflichtung von Goran Sukalo bald offiziell verkündet werden, wenn Reviersport sein „Kommen“ schon meldet.

Zurück zum morgigen Spiel, ein wenig staune ich über den Optimismus, der in Ingolstadt anscheinend vorhanden ist. Die auswärtsstärkste Mannschaft der letzten Drittliga-Saison tritt mit Siegeswillen beim, so höret nur den Donaukurier, „Aufstiegsanwärter“ MSV Duisburg an. Im Süden hat sich unser Ankommen in der Wirklichkeit also noch nicht rumgesprochen. Ich möchte deshalb darauf hinweisen, wenn der MSV Duisburg morgen gewinnt, dann nur als Überraschungsmannschaft in spe. Das ist die Wirklichkeit, in der sich mit guter Laune leben lässt. Einen Vorbericht zum morgigen Spiel aus Ingolstädter Sicht gibt es blogwärts übrigens bei Der Lautsprecher.

Nachtrag 13:00 Uhr: Und da kommt sie auch schon die Pressemitteilung vom MSV Duisburg, in der die Verpflichtung von Goran Sukalo bestätigt wird.


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