Posts Tagged 'FC Schalke 04'

Die ganze Region? Aber, Herr Weinzierl!

Wenn ein Bayer der Süddeutschen Zeitung in einem Interview über seinen Eindruck spricht, welche Bedeutung der FC Schalke 04 hat, dann weiß man als Ruhrstädter sofort, der Mann ist noch nicht lange im Ruhrgebiet zu Hause. Schalke-Trainer Markus Weinzierl weiß noch nicht viel über das Ruhrgebiet, wenn er die drei Wörter „ganze Region“ und „Schalke“ in einem Satz unterbringt. Also, Herr Weinzierl, Sie können ja nichts dafür, aber das sollten Sie Herrn Heidel auf jeden Fall  raten, der FC Schalke 04 braucht für seine neuen Mitarbeiter noch eine Einführung in Heimatkunde. Das Ruhrgebiet – eine Region der Fußballstadttteile, oder so ähnlich.

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Sich erinnern mit dem Umbro-Trikot – Auswärtssiege in Saarbrücken und Schalke

Stefan Naas sammelt MSV-Trikots. Das machen einige Anhänger des MSV Duisburg. Stefan Naas lässt uns aber auf seiner Seite im Netz MSV-Trikots.de am Wachstum seiner Sammlung teilhaben. Die letzte Errungenschaft seiner Sammlung ist ein Umbro-Auswärtstrikot aus der Saison 1977/78. Zu dem Trikot erzählt er eine kurze Geschichte, die eine Frage offen lässt. Denn eigentlich war der Ausstatter der Mannschaft in jener Saison adidas. Wer seine Seite noch nicht kennt, wird sich zudem beim Weiterklicken durch die Sammlung noch an das ein und andere Spieler der eigenen MSV-Vergangenheit erinnern können.

In jener Saison wurde das Trikot zweimal getragen. Es ist ein schöner Zufall, dass ich bei einem dieser Spiele dabei war, und auch ich über diese Auswärtsfahrt bereits eine schöne Geschichte erzählt habe, eine Geschichte, die eine der ersten für mein Fan-Gedächtnis vom MSV Duisburg gewesen ist. Beim 1:0-Auswärtssieg des MSV gegen den FC Schalke 04 habe ich nämlich seinerzeit von diesem FC Schalke 04 als MSV-Fan eine etwas ungewöhnliche und wahrscheinlich nicht beabsichtigte Siegprämie für meine Auswärtsfahrt erhalten.

Ich nutze mal die Gelegenheit, um auf das Fangedächtnis hinzuweisen. Ich hatte es begonnen, um Geschichten zu sammeln, die ihr aus eurem Leben mit dem MSV Duisburg für besonders erinnerwert haltet. Schreibt sie auf, schickt sie mir. Jetzt ist Sommerpause. Da habt ihr vielleicht etwas mehr Zeit. Es reichen auch Stichworte, wenn ihr nicht selbst länger was schreiben wollt. Dann würden wir uns demnächst mal vor einem Spiel des MSV treffen. Ihr erzählt dann. Ich nehme auf und transkribiere.

Ablenkung beim Warten aufs Endspiel – Wolfgang aka Walter Hellmich

2015-05-13_1Mit dem morgigen Spiel des MSV gegen RB Leipzig ist es wie mit dem Unheimlichen. Es fasziniert und bereitet Sorgen zugleich. Wir müssen hinschauen und fürchten zugleich die Folgen. Eigentlich hatte ich mich zu Beginn der Woche mit dem Sonntag überhaupt nicht beschäftigen wollen, ehe es nicht Sonntag ist. Nun schleiche ich täglich drum herum. Ich hübsche meinen FB-Account mit Traditionstrikot hier auf, drapiere dort den Fanschal von der einen Seite der Garderobe an die andere und suche verzweifelt mein allererstes MSV-Trikot, das ich zur Kommunion als Teil einer Fußballgrundausstattung bekommen habe. Dieses Trikot im 60er-fashion-style kann ich im Gegensatz zu meinem zweiten Trikot nicht mehr anziehen.

Das Hummel-Trikot aber wird wesentlicher Bestandteil meines 70er-Jahre-Looks am morgigen Sonntag sein. Irgendwo habe ich auch noch eine weiße Schlagjeans. Es wird nur an den Clogs mangeln, ein kleiner Makel an der Aura erfolgreicher Zeiten, die wir alle auf den Rängen verbreiten werden müssen. Auf dass mein Friseur bis Ende Mai weiter auf meinen Anruf für einen Termin warten muss.

Um diese Stunden bis zum Anpfiff etwas erträglicher zu machen, habe ich noch was. Christoph Biermann hat mit „Wenn wir vom Fußball träumen“ ein lesenwertes Buch geschrieben, in dem er die Entwicklung des Fußballs in den letzten Jahren mit der Betrachtung des gegenwärtigen Ruhrgebiets kurzschließt. Er erzählt vom Fußball als bedeutsamen Sinnstifter der Region, erinnert sich an sein Aufwachsen mit dem Fußball von Westfalia Herne und dem VfL Bochum und deutet die regionale Entwicklung dieses Fußballs mit der Mentalität der Region. Er schreibt über das, was mich auch umtreibt und kommt zu Schlüssen, die ähnlich auch in diesen Räumen schon zu lesen waren. So wird es euch nicht überraschen, dass ich dieses Buch eben als sehr lesenwert empfehle. Es ist im besten Sinne zudem Heimatliteratur. Es regt zum Nachdenken über das Ruhrgebiet an, über die Hindernisse in dieser Region und Selbstbeschränkungen, die sich in der Ruhrstadt ergeben.

Nicht zuletzt schenkt er uns in Duisburg einen Moment des Schmunzelns. Natürlich schreibt er auch über den MSV Duisburg, und wenn er über die jüngste Geschichte des Vereins schreibt, fehlt in dem Kapitel Walter Hellmich als Protagonist des Geschehens nicht. Später aber greift er den MSV in einer Reihe von Vereinen noch einmal als Beispiel für Pott-Mentalität auf, und dabei beginnen die Bilder in meinem Kopf doch einen schönen Tanz. So wie wir Walter Hellmich in der Öffentlichkeit haben kennengelernt, legt er doch großen Wert auf die äußeren Zeichen seines erfolgreichen Unternehmertums. Ein Ailton etwa kam zum MSV wegen der besonderen Geschichte, die auch auf Walter Hellmich abstrahlte. Es gibt viele dieser Beispiele auch außerhalb des Fußball.

So ein Mann ist empfindlich, so vermute ich, er ist empfindlich, wenn es um diese äußeren Zeichen dieser Gesellschaft geht, die seine erreichte Position zum Ausdruck bringen. Wie empfindlich muss er erst sein, wenn es um seinen Namen geht. Vergänglich ist aller Ruhm, Schall und Rauch sogar die Namen, bald vergessen. Auf Seite 187 beginnt das Vergessen schon mit einem falschen Vornamen. Ob es Höchsstrafe für einen Patriarchen wie Walter Hellmich ist, weiß ich nicht genau, aber einen Stich wird es ihm vermutlich versetzen. So er denn davon erfährt.

 

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Gastbeitrag: Klaus Hansen erinnert an Spitzenereignisse rund um den MSV – Folge 1

Egal ob Wedaustadion, MSV-Arena oder Schauinsland-Reisen-Arena, der Sozialwissenschaftler Klaus Hansen kommt seit der ersten Bundesliga-Saison zu den Spielen des MSV. Letztens schickte er mir noch ein Interview, das er in den 1990ern mit dem legendären Stadionsprecher des Wedaustadions, Gunter Stork, geführt hatte. Nun landete vor ein paar Tagen eine Mail in meinen Posteingang mit einem weiteren seiner Texte.

„Ein verbales Lokalderby mit einseitigem Ausgang – Das große Problem von Oberhausen heißt Duisburg“, hieß der Text. Für das von Sebastian Scharte herausgegebene Buch „Wer ist die Macht vom Niederrhein und vom Ruhrpott sowieso?“ über Rot Weiß Oberhausen hatte Klaus Hansen ihn geschrieben. Die Gelegenheit nutzte er, um mit einer Sammlung von 25 bemerkenswerten Ereignissen rund um den MSV augenzwinkernd darauf hinzuweisen, welcher Verein in der Ruhrstadt im Grunde die einzig wahren Spitzenleistungen aufweisen kann. Ihr könnt euch denken, welcher Verein als unangefochtener Sieger aus dem Buch herauskommt, wenn ein MSV-Anhänger ihn schreibt.

Ich greife mal ein paar Erinnerungssplitter aus seinem Text heraus und stelle sie mit der Zeit online. Wunderbares Nostalgie-Futter. Deshalb bleibt manch Bekanntes dabei. Bitte schön! Und danke schön, Klaus Hansen.

 

Der MSV war der erste Tabellenführer in der Geschichte der Bundesliga – wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre!
Nach dem allerersten Spieltag der Fußballbundesliga, 24. August 1963, sah die Tabelle so aus:

1. 1. FC Köln 2:0 Tore 2:0 Punkte
2. FC Schalke 04 2:0 Tore 2:0 Punkte
3. Meidericher SV 4:1 Tore 2:0 Punkte

Damals entschied nicht die Tordifferenz, sondern der Torquotient über die Platzierung. Nach heutiger Rechenweise, wo die Tordifferenz maßgeblich ist, wäre der MSV der historisch erste Spitzenreiter der Bundesliga gewesen. – Aber der MSV zeigte sich sportlich fair und überließ einer Stadt wie Köln, die ja sonst nichts Vorzeigbares hat, gerne den Vortritt.

Sich immer besser kennenlernen mit dem MSV Duisburg

Wie sehr kann man sich doch in sich selbst täuschen. Entspannt, ohne Erwartung, in gelassener Ruhe, so fühlte ich mich vor dem Pokalspiel des MSV Duisburg gegen Schalke 04. Ich konnte eine Niederlage der Mannschaft meiner Zuneigung als sicher annehmen, ohne sie als Enttäuschung vorwegzunehmen. Dennoch ließ ich den Gedanken kommen und gehen, wie oft schon das Irreale in dieser Welt zu Wirklichkeit verwandelt worden war. Ich freute mich auf das Spiel, auf meinen Stehplatz neben den Freunden. Ein wenig staunte ich über die meinem Alter angemessene Reife. Das Lebensglück und große Zufriedenheit lagen vor mir.

War das nun Selbstbetrug? Schon lange hatte ich nicht mehr solch schlechte Laune nach einem Spiel. Als ob der wütende Stig in mich gefahren war. Eigentlich müsste der über das Spiel schreiben. Der würde lospoltern und schimpfen. Für den gibt es immer irgendeinen, der schuld ist an seiner schlechten Laune. So geht der durch die Welt. Ich bin da anders. Ich schrei auch kein kleines Kind an, wenn es nicht an die Hängeschränke in der Küche rankommt, um sich ein Glas rauszuholen. Manchmal bin ich aber trotzdem genervt, weil ich schon wieder aufstehen und helfen muss. Ich versuche dann, mir nichts anmerken zu lassen. Die Kinder kriegen es trotzdem mit und sind verschreckt. Dabei meine ich es gar nicht so. Wenn ich ehrlich bin, meine ich es aber doch so. Sagen wir also, ich möchte es nur nicht so meinen. Manchmal will ich nämlich, dass das Leben glatter verläuft als üblich. Wahrscheinlich war Samstag so ein Tag für mich.

Vielleicht hat mich das Stadionrund aus der Balance gebracht? Schemenhaft hatte ich nämlich kurz vor dem Anpfiff Bilder vom letzten Bundesligaspiel gegen Schalke in den Kopf, als auf den Geraden bis zur Nord überall große Gruppen Schalker saßen. Samstag gab es sie nur vereinzelt. Dieses Stadion gehörte dem MSV. Ohne Frage. Auch laut genug waren wir. Mir gefiel das sehr. Immer noch glaubte ich aber, ich wollte fast nichts. Ich habe mich in mir selbst getäuscht oder dieses fast Nichts war immer noch mehr, als den Spielern gegen die Schalker möglich war. So genau kann ich das nicht trennen.

Tatsache ist, mir fehlte jegliche Nachsicht, als in den ersten fünf Minuten, drei Diagonalpässe – oder waren es sogar vier? – die Abwehr des MSV völlig aufrissen und der 1:0-Rückstand durch ein Tor in der 3. Minute noch eine ganz gute Quote für den MSV dabei war. Ich kenne dieses Harte, Unnachsichtige im Stadion nur ganz selten von mir. Ich mag es auch nicht an mir. Am Samstag konnte ich nichts dagegen machen.

Der Raum, in dem die Pässe hatten landen müssen, war sehr klein. Auf beiden Seiten standen die Duisburger Defensivspieler zwei, drei Meter vom Schalker Flügelspieler entfernt. Der Ball landete jeweils nicht im Rückraum der Schalker Spieler, wo es für den Passgeber Julian Draxler einfach und für den MSV ungefährlich gewesen wäre. Der Ball landete jeweils in Laufrichtung so präzise, dass ein Stürmerschritt genügte, um an den Außenverteidigern jeweils vorbei zu sein. Für so eine Spielanlage standen die Verteidiger zu weit weg oder waren zu langsam. Weder sie noch ich kannten das helfende Gegenmittel. Die für den MSV gefährliche Zone war vielleicht ein bis zwei Quadratmeter groß. Der Ball landete jeweils genau in dieser Zone. Das lag zwei, drei Güteklassen über dem, was die Mannschaft des MSV spielerisch bieten kann. Ich hätte nachsichtig sein müssen. Ich war es nicht.

Mehr noch, ohne dass ich es wirklich merkte, wurde ich immer ungnädiger, weil es dem MSV nicht einmal in Ansätzen gelang, die souverän auftretenden Schalker in kleinere Pokalkampf-Scharmützel zu verwickeln. Die Spieler des MSV zeigten nur sehr vereinzelt jene David-gegen-Goliath-Bissigkeit. Vielleicht fanden viele aber auch nie den Gegenspieler, um sie zu zeigen, weil der Ball schon längst wieder an einer anderen Stelle des Spielfelds war, ehe die Spieler des MSV die Schalker Spieler erreichten. Dabei mühten sich die Zebras das ganze Spiel über redlich. Sie wollten Teilhabe am Spiel. Sie wollten den ein und anderen Angriff ausspielen. Ich sah auch mit James Holland einen Spieler, der unter Druck in der eigenen Hälfte die Nerven behält. Wir sind das ja gar nicht mehr gewohnt, dass einer gegen drei Gegenspieler zehn, fünfzehn Meter vor dem eigenen Strafraum souverän den Ball behält, einen Haken hier schlägt, dort den nächsten Mann ins Leere laufen lässt, dann noch den Pass nach vorne spielt und nicht zurück zu Michael Ratajczak. James Holland wird den MSV stärker machen. Das wurde schon im Spiel gegen Schalke klar. An meiner schlechten Laune änderte das nichts.

Die wurde vielmehr verstärkt, weil Branimir Bajic trotz oder vielleicht auch wegen seiner Erfahrung Franco di Santo heftigst umklammerte, als der in den Strafraum durchbrechen wollte, um in den schnellen Querpass für das nächste Schalker Tor zu grätschen. Vielleicht hat das Klammern den zweiten Schalker Treffer zu dem Zeitpunkt tatsächlich verhindert. Den fälligen Elfmeter hat Michael Ratajczak ja gehalten. Ich hätte dennoch gerne den Ringkampfverzicht gesehen, die gelb-rote Karte gab es schließlich als Zugabe. Das zweite Tor fiel dann nach einer Ecke  sieben Minuten später. Ein Freistoß vor dem Halbzeitpfiff brachte das 3:0. Waldorf und Statler aus der Muppet-Show waren freundliche ältere Herren im Vergleich mit mir.

Daran änderte die zweite Halbzeit nichts mehr, auch wenn manchmal plötzlich die von mir vermisste Pokal-Bissigkeit auf Seiten des MSV aufblitzte. Beide Mannschaften probierten nun noch einmal aus, was möglich war. Die Schalker wollten sich nicht mit dem sicheren Sieg begnügen. Sie wollten ihr frisch gewonnenes Selbstvertrauen durch gelingendes Kombinationsspiel und frühes Pressing weiter stärken. Zwei Tore gelangen den Schalkern noch. Der MSV wollte weiter ebenfalls ein Tor erzielen, was weniger gut gelang.

Im Nachhinein bin ich froh, dass die meisten Zuschauer im Stadion anderer Stimmung waren als ich. Noch etwa zehn Minuten länger als 2011 in Berlin, ab der 65. Minute ungefähr, wurde der Verein gefeiert. Das Stadion war auf den Rängen in Duisburger Hand geblieben. Samstag gehörte ich allerdings zu der Minderheit auf den Rängen, der dieses unablässige Hochleben des MSV auf die Nerven ging. Schalker Siegesgesänge hätten mich natürlich noch mehr geärgert. Mir konnte es niemand mehr Recht machen. Ich weiß nicht, wie oft in meinem Leben ich meinen Mitmenschen mit solch schlechter Laune auf die Nerven gehe. Der MSV hat mich daran erinnert, dass das jederzeit möglich ist. Wollen wir auf meine bessere Laune  am nächsten Sonntag beim Spiel gegen Arminia Bielefeld hoffen. Natürlich nicht, weil meine Freunde meine schlechte Laune nicht aushalten. Natürlich nur, weil das ein klarer Hinweis auf einen ersten Erfolg des MSV wäre.

Stimmungs-Check Ego

Mit den Spielern des MSV weiß ich mich vor dem Pokalspiel gegen den FC Schalke 04 einig. Morgen gehe ich ganz ohne Druck in das Pokalspiel. Im Gegensatz zu den Spielern des MSV weiß ich allerdings noch nicht, ob das für meine Leistung  gut oder schlecht ist. Die zwei Niederlagen gegen den 1. FC Kaiserslautern und gegen den VfL Bochum haben ihre Spuren hinterlassen. Ein befreites Auftreten wird man von mir als Zuschauer zum Spielbeginn jedenfalls nicht sehen. Ich werde abwartend stehen und die Mannschaften erstmal kommen lassen. Das ist nicht schlimm. Ich gehe nur realistisch in das Spiel.

Denn seit letztem Samstag ist mir klar, wie sehr der Aufstieg des MSV Duisburg ein Stückwerk war. Bei ruhigem Nachdenken hätte ich es schon längst wissen können. Einer Saison mit einem Mannschaftsaufbau praktisch aus dem Nichts folgte sofort eine Saison, in der das Ziel Aufstieg ab dem März klar in den Vordergrund trat. Tatsächlich wurde in dieser zweiten Saisonhälfte immer mehr von Spiel zu Spiel gedacht. Die Floskel des Fußballer-Interviews entsprach der Wirklichkeit. Eine mittelfristige Entwicklung musste dem untergeordnet werden. Daran war nichts zu ändern. Erfolg folgt dem Erfolg, und deshalb durfte der Flow der Mannschaft nicht gestört werden. Alles daran setzen, dass es bleibt, wie es ist. Das muss die Devise gewesen sein.

Darin unterscheidet sich der MSV Duisburg von den Aufsteigern der Vorsaison. Bei diesen drei Mannschaften hatte es über längere Zeit eine Entwicklung gegeben, an die in der 2. Liga angeknüpft werden konnte. Es war ein Weitergehen auf einem schon länger eingeschlagenen Weg. Der Erfolg dort ergab sich in einem Kontinuum. Der MSV Duisburg kann nur bedingt an diesen Aufstieg anknüpfen. Dieser Erfolg war ein Kraftakt. Jetzt befinden wir uns alle auf einem Plateau, und jeder sieht sich um, wie er sich auf der Fläche zurechtfindet. Deshalb ist jeder Spieler vor allem auf seine individuellen Fähigkeiten zurückgeworfen. Die Mannschaft als taktische Einheit ist noch nicht so weit, dass sie jedem ihrer Spieler zu seiner besten Leistung verhilft. Jetzt erst kann die Mannschaft weiter entwickelt werden. Wenn nur nicht die deutlichen Niederlagen zu sehr auf die Stimmung schlagen. Wenn nur nicht die so deutliche Unterlegenheit in den Punktespielen das Selbstbewusstsein der einzelnen Spieler zu sehr untergräbt. Wenn nur nicht die Angst vor dem direkten Wiederabstieg zu groß wird.

Schon wieder kann der Entwicklung die Gegenwart in die Quere kommen. Hoffen wir, dass dem nicht so ist. Hoffen wir, das alle im und um den MSV die Ruhe bewahren. Hoffen wir, dass Gino Lettieris öffentliches Reden dazu beiträgt. Hoffen wir, dass er mit seiner „Kritikerschelte“ den Druck  von der Mannschaft nehmen wollte. Sonst verstehe ich ihn nämlich nicht, sonst muss ich denken, er ist zu dünnhäutig und reagiert leicht über. Ich kenne niemanden, der nach den zwei Punktspielniederlagen alles in Frage stellt, wie in WAZ/NRZ zu lesen war. Vielleicht gibt es irgendwo vereinzelt grundsätzliche Kritik an Gino Lettieri. Eine große Öffentlichkeit finden diese Kritiker aber nicht. Ich lese fast immer nur große Sorge über die Möglichkeiten dieser Mannschaft, die mit nichts anderem begründet werden, als mit dem was auch Gino Lettieri als sehr verbesserungswürdig ansieht, die Schnelligkeit des Handelns und Reagierens in erster Linie. Also, mal sehen, wie die Mannschaft und ich uns morgen präsentierten werden.

Zwei Deutsche in Le Havre

Wenn ich mich für ein paar Tage an einem anderen Ort aufhalte, probiere ich ja gerne aus, wie sich dort ein anderes Leben anfühlt. Momentan versuche ich mich gerade als Anhänger von einem der ältesten Fußballvereine Frankreichs – vom Le Havre AC. Für uns Duisburger ist das nicht schwer. Hafenstadt, Zweitligist, immer wieder auch Erste Liga. Es gibt Erfahrungen, die mich schnell Anschluss finden lassen. Gerade haben die Vorbereitungen auf die neue Saison begonnen. Nächsten Mittwoch Testspiel gegen Rennes. Zweitligist mit Ambitionen. Ganz da ist der MSV noch nicht wieder, vor allem aber war der MSV noch nie Meister seines Landes wie 1899 der Le Havre AC. Die Geschichte dieser Meisterschaft erzähle ich auch ohne Vorerfahrung im alten Leben  sehr gerne, seit ich sie im französischen Wikipedia-Artikel zu Le Havre AC gelesen habe.

Auch für den Fußball der Anfänge war im zentralistischen Frankreich Paris das Maß aller Dinge. Im Grunde war es wahrscheinlich sogar so, niemand in Paris nahm den Fußball außerhalb der Stadt ernst. Das wollte 1899 eine gerade zwei Jahre alte Sportorganisation, die Union des sociétés françaises de sports athlétiques (USFSA), ändern. Sie rief die Fußballvereine Frankreichs auf, an einer gesamtfranzösischen Meisterschaft teilzunehmen. Le Havre AC und l‘Iris Club lillois waren die einzigen Vereine außerhalb von Paris, die dem Aufruf folgten. Das Schicksal meinte es dann gut mit dem Le Havre AC. Das Ausscheidungsspiel für das Finale um die französische Meisterschaft gegen den Pariser Meister gewann Le Havre kampflos, weil der Gegner aus Lille wegen Grippeerkrankungen nicht antrat.

Dazu hatte der Pariser Meister eine ganz eigene Meinung. Denn was ein richtiger Pariser ist, der hat seinen Stolz und will gegen Provinzler nur spielen, wenn der sich schon einmal bewiesen hat. So weigerte sich der Pariser Meister gegen Le Havre als einer Mannschaft ein Finalspiel zu bestreiten, die auf dem Weg ins Finale nicht ein einziges Mal Fußball gespielt hat. Vielleicht eine Frage der Ehre, die damals von der USFSA als nicht ganz so wichtig angesehen wurde wie die Autorität der eigenen Entscheidung. Die USFSA-Funktionäre entschieden, wenn die Pariser Mannschaft nicht antritt, wird Le Havre AC eben Meister. Meisterruhm ohne ein Spiel. In diesem Wettbewerb hätte sogar ein MSV vor der eigenen Gründung noch gute Chancen gehabt. Ob man Wikipedia bzw. dem Fußballhistorienbuch, auf das sich berufen wird, glauben soll, ist in dem Fall weniger wichtig. Die Geschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden.

Ein neues Stadion für 25.178 Zuschauer hat mein französischer Verein übrigens auch. Die Architekten haben sich beim Bau vom Stade Océane anscheinend von Stadien in der deutschen Voralpenregion inspirieren lassen.

Auf eine besondere Fußballer-Biografie hat mich mein neuer Verein auch noch aufmerksam gemacht. Der Le Havre AC war die vorletzte Trainerstation des Deutschen Max Schirschin, der als Spieler und Trainer in Frankreich, besonders beim FC Rouen, viel Anerkennung gefunden hat und dem hier im französischen Wikipedia ein ausführlicher Artikel gewidmet ist. Ein weniger ausführlicher Artikel findet sich im deutschsprachigen Wikipedia, in dem das Deutsch an einigen Stellen ungewöhnlich  wirkt, so als habe ein Nicht-Muttersprachler dafür sorgen wollen, dass über diesen Mann auch in seiner alten Heimat zumindest ansatzweise etwas zu erfahren ist.

Der 2013 im Alter von 92 Jahren gestorbene Max Schirschin begann in Oberschlesien mit dem Fußball. Ab 1939 spielte er im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs für eine Saison beim FC Schalke 04. Danach wurde er von der Wehrmacht eingezogen. Am Ende dieses Krieges war er als Kriegsgefangener in einem französischen Lager in Hyères inerniert. Nach seiner Entlassung beschloss er, in Frankreich zu bleiben und begann wieder mit dem Fußball. Nach kürzeren Engagements im Süden und Westen kam er zunächst für zwei Jahre zu meinem Le Havre AC, bis er dann in den 1950er Jahren beim FC Rouen eine längere sportliche Heimat fand. Seine aktive Zeit als Spieler endete dort. Danach arbeitete er als Trainer unter anderem auch beim FC Rouen über 20 Jahre. Lese ich all das, sehe ich die Biografie eines Menschen mit und quer zur europäischen Geschichte. Über einen Deutschen, der im Nachkriegsfrankreich erfolgreich wurde, ließe sich bestimmt einiges erzählen.


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