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Was offenbart die RAG-Stiftungs-Fantasie eines Jahrhundertheimspiels über das Ruhrgebiet?

So ein Montagsspiel des MSV Duisburg verschafft mir Zeit für eine kurze Betrachtung über das Ruhrgebiet. In dieser Region macht sich das unzureichende Vertrauen in sich selbst immer wieder bemerkbar, manchmal an überraschender Stelle, beim Fußball und dem Bergbau dieses Mal. Vom „Jahrhundertheimspiel“ oder auch nur „Jahrhundertspiel“ war letzte Woche nämlich die Rede. Der RAG-Stiftungs-Leiter, Werner Müller, hatte am Dienstag über das besondere Jahr 2018 geredet. Es ist das Jahr des Abschieds vom Steinkohlebergbau in Deutschland, und dieser Abschied soll im Ruhrgebiet angemessen gewürdigt werden. Als eine der geplanten herausragenden Veranstaltungen wurde ein besonderes Fußballspiel angekündigt. Eine Mannschaft des Ruhrgebiets unter Führung vom BVB und Schalke soll gegen die polnische Nationalmannschaft spielen. Die Nachricht sorgte für Verwirrung allerorten, weil anscheinend keiner der namentlich Beteiligten definitive Zusagen für dieses Spiel gegeben hat.

Nun kann man sagen, bei der Planung des Jahresprogramms ist etwas schief gelaufen. Die RAG-Stiftung ist vielleicht vorgeprescht, und alles war  ein handwerklicher Fehler dieser Planung. Für mich ist dieser Fehler aber ein Symptom für eine tiefer verwurzelte Haltung der Entscheider im Ruhrgebiet der eigenen Region gegenüber. In dieser Haltung paart sich die Sehnsucht nach Größe mit einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex. Diese Haltung lässt Entscheider bei vermeintlich öffentlich wirksamen Ereignissen wie diesem Fußballspiel fasziniert ja rufen, ohne die Verankerung für dieses Vorhaben in der Wirklichkeit geprüft zu haben.

Dieser Haltung entspringt auch ein Kulturangebot wie die lit.ruhr, für die viel Geld von den im Ruhrgebiet ansässigen Stiftungen nach Köln zur lit.cologne fließt. Statt die im Ruhrgebiet vorhandenen Strukturen zu nutzen und ein eigenes populäres Literaturfestival des Ruhrgebiets aufzubauen, wird auf die Aura der lit.cologne gehofft. Die Sehnsucht nach populärer Größe des Kulturellen steckt in der lit.ruhr, mit deren Premiere in diesem Jahr eine fünfjährige Fördermaßnahme der Kölner Literaturszene beschlossen wurde. Der Leiter des Literaturbüros Ruhr, Gerd Herholz, hat dazu bei den Revierpassagen die entsprechenden Anmerkungen gemacht.

Diese Sehnsucht nach Größe zeigt sich schon im PR-Sprech der Veranstaltungsankündigung. Tatsächlich steht das Wort „Jahrhundertheimspiel“ in der Pressemitteilung der RAG-Stiftung. Diese Sehnsucht nach Größe kann konstruktiv wirken, wenn sich darin der Wunsch nach wahrgenommener Bedeutung verbirgt. Aber diese Bedeutung muss aus der Wirklichkeit des Ruhrgebiets heraus entstehen. Viel zu oft wird diese Bedeutung woanders gesucht. Beim „Jahrhundertheimspiel“ etwa geht es nicht um das Fußballspiel, mit dem eine Region den Bergbau würdigt. Es geht um ein von oben nach unten verordnetes Bild für die Menschen außerhalb des Ruhrgebiets.

Deshalb stehen BVB und Schalke im Zentrum der Pressemitteilung. Es sind jene Mannschaften mit überregionaler Strahlkraft und der populären Geschichte einer Feindschaft. Es geht um das Bild für die Welt, dass für dieses besondere Fußballspiel die Feindschaft aufgehoben ist. Wen soll das Fußballspiel aber würdigen? Eigentlich sollen doch die dem Bergbau verbundenen Menschen im Ruhrgebiet damit gewürdigt werden. Eigentlich geht es um die gesamte Städtelandschaft.

Hat irgendjemand nach der ersten Idee zu diesem Fußballspiel genauer darüber nachgedacht, was Fußball im Ruhrgebiet bedeutet? Das besondere Interesse für Fußball macht einen Teil des Ruhrgebiets ja tatsächlich aus. Aber dieses Interesse gilt vielen Vereinen, und wenn man eine Ruhrgebietsmannschaft spielen lassen will, darf nicht ein einziger Vereinsname im Vordergrund stehen. Selbst wenn man dabei die bundesweit erzählte Rivalität vom BVB und Schalke überwinden will. Eine Ruhrgebietsauswahlmannschaft braucht eine Entwicklung aus der Lebenswelt dieser Region heraus. Demgegenüber war man blind angesichts der Faszination über ein „Jahrhundertheimspiel“, das die verfeindeten Marktführer der Region zusammenbringt.

Die Pressemitteilung zu dem Fußballspiel bestätigt meine Vermutung. Nahezu alles, was dort rund um diese Idee des Fußballsspiels erklärend steht, ist schlichtweg falsch. Ein deutlicheres Zeichen für mangelndes Nachdenken kenne ich nicht.

Ziel von „Glückauf Zukunft!“ war immer auch, Zukunftsimpulse und die Würdigung des deutschen Steinkohlenbergbaus und seiner Leistungen in die richtige Balance zu bringen. Im Jahr 2018 wird es daher einen Fokus auf Abschiedsveranstaltungen geben. Einer der Höhepunkte wird das Jahrhundertheimspiel sein. Als Zeichen besonderer Verbundenheit mit dem Bergbau wird eine Ruhrgebietsauswahl unter der Führung von Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 gegen die polnische Nationalmannschaft antreten. Polnische Arbeitnehmer waren die ersten Gastarbeiter im Ruhrgebiet. Sie trugen erheblich zum Wiederaufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Aus Polen stammende Fußballspieler sind zu Leistungsträgern in ihren Vereinen geworden. Ernst Kuzorra und Jakub „Kuba“ Błaszczykowski sind zwei Spieler in einer ganzen Reihe von polnischen Spitzenfußballern in Ruhrgebietsvereinen.

Weder waren polnische Arbeitnehmer die ersten Gastarbeiter im Ruhrgebiet, noch war Ernst Kuzorra Pole. Kuzorras Eltern stammen aus Masuren. Sie waren polnischstämmig, hatten als Ostpreußen einen deutschen Pass. Zwar wurden sie im Zweifel auf jeden Fall als „Polacken“ beschimpft, doch Ernst Kuzorra selbst wurde in Gelsenkirchen geboren. Er verstand sich als Gelsenkirchener. Durch die Hintertür schleicht sich eine Diskussion der Gegenwart ein. Was sind noch einmal die türkischstämmigen Kinder und Enkel?
Polen waren auch nicht die ersten Gastarbeiter im Ruhrgebiet. Sie waren die ersten, die in so großer Zahl kamen, dass ihre Lebensweise in einzelnen Teilen des Ruhrgebiets den Alltag bestimmten. Die erste größere Gruppe von Gastarbeitern waren aber Belgier und Italiener, erstere wegen ihrer Erfahung im Bergbau, zweitere wegen ihrer Erfahrung im Tunnelbau. Erst ab der Reichsgründung 1871 wurden so viele Arbeitskräfte im Bergbau gebraucht, dass auch in anderen Regionen, eben im Osten, gezielt geworben wurde. Allerfeinste Pressemitteilungs-Komik schließt sich übrigens an, wenn diese ersten polnischen Gastarbeiter im Ruhrgebiet noch zum Wiederaufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen haben. Das waren eben noch harte Männer damals, die Kumpel ohne Presslufthammer, die waren anderes gewöhnt und wollten auch noch mit 80 und 90 in den Pütt.
Wenn man durch die Berichterstattung zusätzlich weiß, dass eigentlich ein Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft geplant war, zerfällt auch der letzte Rest an innerer Folgerichtigkeit dieses Spiels. Zurück bleibt der schale Geschmack eines Events um des Events Willen. So zeigt sich das Ruhrgebiet einmal mehr in der Sehnsucht nach verlorener Bedeutsamkeit und Größe, ohne sich um die tatsächlich vorhandenen Chancen einer selbstbewussten Identität zu kümmern.
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Die ganze Region? Aber, Herr Weinzierl!

Wenn ein Bayer der Süddeutschen Zeitung in einem Interview über seinen Eindruck spricht, welche Bedeutung der FC Schalke 04 hat, dann weiß man als Ruhrstädter sofort, der Mann ist noch nicht lange im Ruhrgebiet zu Hause. Schalke-Trainer Markus Weinzierl weiß noch nicht viel über das Ruhrgebiet, wenn er die drei Wörter „ganze Region“ und „Schalke“ in einem Satz unterbringt. Also, Herr Weinzierl, Sie können ja nichts dafür, aber das sollten Sie Herrn Heidel auf jeden Fall  raten, der FC Schalke 04 braucht für seine neuen Mitarbeiter noch eine Einführung in Heimatkunde. Das Ruhrgebiet – eine Region der Fußballstadttteile, oder so ähnlich.

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Sich erinnern mit dem Umbro-Trikot – Auswärtssiege in Saarbrücken und Schalke

Stefan Naas sammelt MSV-Trikots. Das machen einige Anhänger des MSV Duisburg. Stefan Naas lässt uns aber auf seiner Seite im Netz MSV-Trikots.de am Wachstum seiner Sammlung teilhaben. Die letzte Errungenschaft seiner Sammlung ist ein Umbro-Auswärtstrikot aus der Saison 1977/78. Zu dem Trikot erzählt er eine kurze Geschichte, die eine Frage offen lässt. Denn eigentlich war der Ausstatter der Mannschaft in jener Saison adidas. Wer seine Seite noch nicht kennt, wird sich zudem beim Weiterklicken durch die Sammlung noch an das ein und andere Spieler der eigenen MSV-Vergangenheit erinnern können.

In jener Saison wurde das Trikot zweimal getragen. Es ist ein schöner Zufall, dass ich bei einem dieser Spiele dabei war, und auch ich über diese Auswärtsfahrt bereits eine schöne Geschichte erzählt habe, eine Geschichte, die eine der ersten für mein Fan-Gedächtnis vom MSV Duisburg gewesen ist. Beim 1:0-Auswärtssieg des MSV gegen den FC Schalke 04 habe ich nämlich seinerzeit von diesem FC Schalke 04 als MSV-Fan eine etwas ungewöhnliche und wahrscheinlich nicht beabsichtigte Siegprämie für meine Auswärtsfahrt erhalten.

Ich nutze mal die Gelegenheit, um auf das Fangedächtnis hinzuweisen. Ich hatte es begonnen, um Geschichten zu sammeln, die ihr aus eurem Leben mit dem MSV Duisburg für besonders erinnerwert haltet. Schreibt sie auf, schickt sie mir. Jetzt ist Sommerpause. Da habt ihr vielleicht etwas mehr Zeit. Es reichen auch Stichworte, wenn ihr nicht selbst länger was schreiben wollt. Dann würden wir uns demnächst mal vor einem Spiel des MSV treffen. Ihr erzählt dann. Ich nehme auf und transkribiere.

Ablenkung beim Warten aufs Endspiel – Wolfgang aka Walter Hellmich

2015-05-13_1Mit dem morgigen Spiel des MSV gegen RB Leipzig ist es wie mit dem Unheimlichen. Es fasziniert und bereitet Sorgen zugleich. Wir müssen hinschauen und fürchten zugleich die Folgen. Eigentlich hatte ich mich zu Beginn der Woche mit dem Sonntag überhaupt nicht beschäftigen wollen, ehe es nicht Sonntag ist. Nun schleiche ich täglich drum herum. Ich hübsche meinen FB-Account mit Traditionstrikot hier auf, drapiere dort den Fanschal von der einen Seite der Garderobe an die andere und suche verzweifelt mein allererstes MSV-Trikot, das ich zur Kommunion als Teil einer Fußballgrundausstattung bekommen habe. Dieses Trikot im 60er-fashion-style kann ich im Gegensatz zu meinem zweiten Trikot nicht mehr anziehen.

Das Hummel-Trikot aber wird wesentlicher Bestandteil meines 70er-Jahre-Looks am morgigen Sonntag sein. Irgendwo habe ich auch noch eine weiße Schlagjeans. Es wird nur an den Clogs mangeln, ein kleiner Makel an der Aura erfolgreicher Zeiten, die wir alle auf den Rängen verbreiten werden müssen. Auf dass mein Friseur bis Ende Mai weiter auf meinen Anruf für einen Termin warten muss.

Um diese Stunden bis zum Anpfiff etwas erträglicher zu machen, habe ich noch was. Christoph Biermann hat mit „Wenn wir vom Fußball träumen“ ein lesenwertes Buch geschrieben, in dem er die Entwicklung des Fußballs in den letzten Jahren mit der Betrachtung des gegenwärtigen Ruhrgebiets kurzschließt. Er erzählt vom Fußball als bedeutsamen Sinnstifter der Region, erinnert sich an sein Aufwachsen mit dem Fußball von Westfalia Herne und dem VfL Bochum und deutet die regionale Entwicklung dieses Fußballs mit der Mentalität der Region. Er schreibt über das, was mich auch umtreibt und kommt zu Schlüssen, die ähnlich auch in diesen Räumen schon zu lesen waren. So wird es euch nicht überraschen, dass ich dieses Buch eben als sehr lesenwert empfehle. Es ist im besten Sinne zudem Heimatliteratur. Es regt zum Nachdenken über das Ruhrgebiet an, über die Hindernisse in dieser Region und Selbstbeschränkungen, die sich in der Ruhrstadt ergeben.

Nicht zuletzt schenkt er uns in Duisburg einen Moment des Schmunzelns. Natürlich schreibt er auch über den MSV Duisburg, und wenn er über die jüngste Geschichte des Vereins schreibt, fehlt in dem Kapitel Walter Hellmich als Protagonist des Geschehens nicht. Später aber greift er den MSV in einer Reihe von Vereinen noch einmal als Beispiel für Pott-Mentalität auf, und dabei beginnen die Bilder in meinem Kopf doch einen schönen Tanz. So wie wir Walter Hellmich in der Öffentlichkeit haben kennengelernt, legt er doch großen Wert auf die äußeren Zeichen seines erfolgreichen Unternehmertums. Ein Ailton etwa kam zum MSV wegen der besonderen Geschichte, die auch auf Walter Hellmich abstrahlte. Es gibt viele dieser Beispiele auch außerhalb des Fußball.

So ein Mann ist empfindlich, so vermute ich, er ist empfindlich, wenn es um diese äußeren Zeichen dieser Gesellschaft geht, die seine erreichte Position zum Ausdruck bringen. Wie empfindlich muss er erst sein, wenn es um seinen Namen geht. Vergänglich ist aller Ruhm, Schall und Rauch sogar die Namen, bald vergessen. Auf Seite 187 beginnt das Vergessen schon mit einem falschen Vornamen. Ob es Höchsstrafe für einen Patriarchen wie Walter Hellmich ist, weiß ich nicht genau, aber einen Stich wird es ihm vermutlich versetzen. So er denn davon erfährt.

 

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Gastbeitrag: Klaus Hansen erinnert an Spitzenereignisse rund um den MSV – Folge 1

Egal ob Wedaustadion, MSV-Arena oder Schauinsland-Reisen-Arena, der Sozialwissenschaftler Klaus Hansen kommt seit der ersten Bundesliga-Saison zu den Spielen des MSV. Letztens schickte er mir noch ein Interview, das er in den 1990ern mit dem legendären Stadionsprecher des Wedaustadions, Gunter Stork, geführt hatte. Nun landete vor ein paar Tagen eine Mail in meinen Posteingang mit einem weiteren seiner Texte.

„Ein verbales Lokalderby mit einseitigem Ausgang – Das große Problem von Oberhausen heißt Duisburg“, hieß der Text. Für das von Sebastian Scharte herausgegebene Buch „Wer ist die Macht vom Niederrhein und vom Ruhrpott sowieso?“ über Rot Weiß Oberhausen hatte Klaus Hansen ihn geschrieben. Die Gelegenheit nutzte er, um mit einer Sammlung von 25 bemerkenswerten Ereignissen rund um den MSV augenzwinkernd darauf hinzuweisen, welcher Verein in der Ruhrstadt im Grunde die einzig wahren Spitzenleistungen aufweisen kann. Ihr könnt euch denken, welcher Verein als unangefochtener Sieger aus dem Buch herauskommt, wenn ein MSV-Anhänger ihn schreibt.

Ich greife mal ein paar Erinnerungssplitter aus seinem Text heraus und stelle sie mit der Zeit online. Wunderbares Nostalgie-Futter. Deshalb bleibt manch Bekanntes dabei. Bitte schön! Und danke schön, Klaus Hansen.

 

Der MSV war der erste Tabellenführer in der Geschichte der Bundesliga – wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre!
Nach dem allerersten Spieltag der Fußballbundesliga, 24. August 1963, sah die Tabelle so aus:

1. 1. FC Köln 2:0 Tore 2:0 Punkte
2. FC Schalke 04 2:0 Tore 2:0 Punkte
3. Meidericher SV 4:1 Tore 2:0 Punkte

Damals entschied nicht die Tordifferenz, sondern der Torquotient über die Platzierung. Nach heutiger Rechenweise, wo die Tordifferenz maßgeblich ist, wäre der MSV der historisch erste Spitzenreiter der Bundesliga gewesen. – Aber der MSV zeigte sich sportlich fair und überließ einer Stadt wie Köln, die ja sonst nichts Vorzeigbares hat, gerne den Vortritt.

Sich immer besser kennenlernen mit dem MSV Duisburg

Wie sehr kann man sich doch in sich selbst täuschen. Entspannt, ohne Erwartung, in gelassener Ruhe, so fühlte ich mich vor dem Pokalspiel des MSV Duisburg gegen Schalke 04. Ich konnte eine Niederlage der Mannschaft meiner Zuneigung als sicher annehmen, ohne sie als Enttäuschung vorwegzunehmen. Dennoch ließ ich den Gedanken kommen und gehen, wie oft schon das Irreale in dieser Welt zu Wirklichkeit verwandelt worden war. Ich freute mich auf das Spiel, auf meinen Stehplatz neben den Freunden. Ein wenig staunte ich über die meinem Alter angemessene Reife. Das Lebensglück und große Zufriedenheit lagen vor mir.

War das nun Selbstbetrug? Schon lange hatte ich nicht mehr solch schlechte Laune nach einem Spiel. Als ob der wütende Stig in mich gefahren war. Eigentlich müsste der über das Spiel schreiben. Der würde lospoltern und schimpfen. Für den gibt es immer irgendeinen, der schuld ist an seiner schlechten Laune. So geht der durch die Welt. Ich bin da anders. Ich schrei auch kein kleines Kind an, wenn es nicht an die Hängeschränke in der Küche rankommt, um sich ein Glas rauszuholen. Manchmal bin ich aber trotzdem genervt, weil ich schon wieder aufstehen und helfen muss. Ich versuche dann, mir nichts anmerken zu lassen. Die Kinder kriegen es trotzdem mit und sind verschreckt. Dabei meine ich es gar nicht so. Wenn ich ehrlich bin, meine ich es aber doch so. Sagen wir also, ich möchte es nur nicht so meinen. Manchmal will ich nämlich, dass das Leben glatter verläuft als üblich. Wahrscheinlich war Samstag so ein Tag für mich.

Vielleicht hat mich das Stadionrund aus der Balance gebracht? Schemenhaft hatte ich nämlich kurz vor dem Anpfiff Bilder vom letzten Bundesligaspiel gegen Schalke in den Kopf, als auf den Geraden bis zur Nord überall große Gruppen Schalker saßen. Samstag gab es sie nur vereinzelt. Dieses Stadion gehörte dem MSV. Ohne Frage. Auch laut genug waren wir. Mir gefiel das sehr. Immer noch glaubte ich aber, ich wollte fast nichts. Ich habe mich in mir selbst getäuscht oder dieses fast Nichts war immer noch mehr, als den Spielern gegen die Schalker möglich war. So genau kann ich das nicht trennen.

Tatsache ist, mir fehlte jegliche Nachsicht, als in den ersten fünf Minuten, drei Diagonalpässe – oder waren es sogar vier? – die Abwehr des MSV völlig aufrissen und der 1:0-Rückstand durch ein Tor in der 3. Minute noch eine ganz gute Quote für den MSV dabei war. Ich kenne dieses Harte, Unnachsichtige im Stadion nur ganz selten von mir. Ich mag es auch nicht an mir. Am Samstag konnte ich nichts dagegen machen.

Der Raum, in dem die Pässe hatten landen müssen, war sehr klein. Auf beiden Seiten standen die Duisburger Defensivspieler zwei, drei Meter vom Schalker Flügelspieler entfernt. Der Ball landete jeweils nicht im Rückraum der Schalker Spieler, wo es für den Passgeber Julian Draxler einfach und für den MSV ungefährlich gewesen wäre. Der Ball landete jeweils in Laufrichtung so präzise, dass ein Stürmerschritt genügte, um an den Außenverteidigern jeweils vorbei zu sein. Für so eine Spielanlage standen die Verteidiger zu weit weg oder waren zu langsam. Weder sie noch ich kannten das helfende Gegenmittel. Die für den MSV gefährliche Zone war vielleicht ein bis zwei Quadratmeter groß. Der Ball landete jeweils genau in dieser Zone. Das lag zwei, drei Güteklassen über dem, was die Mannschaft des MSV spielerisch bieten kann. Ich hätte nachsichtig sein müssen. Ich war es nicht.

Mehr noch, ohne dass ich es wirklich merkte, wurde ich immer ungnädiger, weil es dem MSV nicht einmal in Ansätzen gelang, die souverän auftretenden Schalker in kleinere Pokalkampf-Scharmützel zu verwickeln. Die Spieler des MSV zeigten nur sehr vereinzelt jene David-gegen-Goliath-Bissigkeit. Vielleicht fanden viele aber auch nie den Gegenspieler, um sie zu zeigen, weil der Ball schon längst wieder an einer anderen Stelle des Spielfelds war, ehe die Spieler des MSV die Schalker Spieler erreichten. Dabei mühten sich die Zebras das ganze Spiel über redlich. Sie wollten Teilhabe am Spiel. Sie wollten den ein und anderen Angriff ausspielen. Ich sah auch mit James Holland einen Spieler, der unter Druck in der eigenen Hälfte die Nerven behält. Wir sind das ja gar nicht mehr gewohnt, dass einer gegen drei Gegenspieler zehn, fünfzehn Meter vor dem eigenen Strafraum souverän den Ball behält, einen Haken hier schlägt, dort den nächsten Mann ins Leere laufen lässt, dann noch den Pass nach vorne spielt und nicht zurück zu Michael Ratajczak. James Holland wird den MSV stärker machen. Das wurde schon im Spiel gegen Schalke klar. An meiner schlechten Laune änderte das nichts.

Die wurde vielmehr verstärkt, weil Branimir Bajic trotz oder vielleicht auch wegen seiner Erfahrung Franco di Santo heftigst umklammerte, als der in den Strafraum durchbrechen wollte, um in den schnellen Querpass für das nächste Schalker Tor zu grätschen. Vielleicht hat das Klammern den zweiten Schalker Treffer zu dem Zeitpunkt tatsächlich verhindert. Den fälligen Elfmeter hat Michael Ratajczak ja gehalten. Ich hätte dennoch gerne den Ringkampfverzicht gesehen, die gelb-rote Karte gab es schließlich als Zugabe. Das zweite Tor fiel dann nach einer Ecke  sieben Minuten später. Ein Freistoß vor dem Halbzeitpfiff brachte das 3:0. Waldorf und Statler aus der Muppet-Show waren freundliche ältere Herren im Vergleich mit mir.

Daran änderte die zweite Halbzeit nichts mehr, auch wenn manchmal plötzlich die von mir vermisste Pokal-Bissigkeit auf Seiten des MSV aufblitzte. Beide Mannschaften probierten nun noch einmal aus, was möglich war. Die Schalker wollten sich nicht mit dem sicheren Sieg begnügen. Sie wollten ihr frisch gewonnenes Selbstvertrauen durch gelingendes Kombinationsspiel und frühes Pressing weiter stärken. Zwei Tore gelangen den Schalkern noch. Der MSV wollte weiter ebenfalls ein Tor erzielen, was weniger gut gelang.

Im Nachhinein bin ich froh, dass die meisten Zuschauer im Stadion anderer Stimmung waren als ich. Noch etwa zehn Minuten länger als 2011 in Berlin, ab der 65. Minute ungefähr, wurde der Verein gefeiert. Das Stadion war auf den Rängen in Duisburger Hand geblieben. Samstag gehörte ich allerdings zu der Minderheit auf den Rängen, der dieses unablässige Hochleben des MSV auf die Nerven ging. Schalker Siegesgesänge hätten mich natürlich noch mehr geärgert. Mir konnte es niemand mehr Recht machen. Ich weiß nicht, wie oft in meinem Leben ich meinen Mitmenschen mit solch schlechter Laune auf die Nerven gehe. Der MSV hat mich daran erinnert, dass das jederzeit möglich ist. Wollen wir auf meine bessere Laune  am nächsten Sonntag beim Spiel gegen Arminia Bielefeld hoffen. Natürlich nicht, weil meine Freunde meine schlechte Laune nicht aushalten. Natürlich nur, weil das ein klarer Hinweis auf einen ersten Erfolg des MSV wäre.

Stimmungs-Check Ego

Mit den Spielern des MSV weiß ich mich vor dem Pokalspiel gegen den FC Schalke 04 einig. Morgen gehe ich ganz ohne Druck in das Pokalspiel. Im Gegensatz zu den Spielern des MSV weiß ich allerdings noch nicht, ob das für meine Leistung  gut oder schlecht ist. Die zwei Niederlagen gegen den 1. FC Kaiserslautern und gegen den VfL Bochum haben ihre Spuren hinterlassen. Ein befreites Auftreten wird man von mir als Zuschauer zum Spielbeginn jedenfalls nicht sehen. Ich werde abwartend stehen und die Mannschaften erstmal kommen lassen. Das ist nicht schlimm. Ich gehe nur realistisch in das Spiel.

Denn seit letztem Samstag ist mir klar, wie sehr der Aufstieg des MSV Duisburg ein Stückwerk war. Bei ruhigem Nachdenken hätte ich es schon längst wissen können. Einer Saison mit einem Mannschaftsaufbau praktisch aus dem Nichts folgte sofort eine Saison, in der das Ziel Aufstieg ab dem März klar in den Vordergrund trat. Tatsächlich wurde in dieser zweiten Saisonhälfte immer mehr von Spiel zu Spiel gedacht. Die Floskel des Fußballer-Interviews entsprach der Wirklichkeit. Eine mittelfristige Entwicklung musste dem untergeordnet werden. Daran war nichts zu ändern. Erfolg folgt dem Erfolg, und deshalb durfte der Flow der Mannschaft nicht gestört werden. Alles daran setzen, dass es bleibt, wie es ist. Das muss die Devise gewesen sein.

Darin unterscheidet sich der MSV Duisburg von den Aufsteigern der Vorsaison. Bei diesen drei Mannschaften hatte es über längere Zeit eine Entwicklung gegeben, an die in der 2. Liga angeknüpft werden konnte. Es war ein Weitergehen auf einem schon länger eingeschlagenen Weg. Der Erfolg dort ergab sich in einem Kontinuum. Der MSV Duisburg kann nur bedingt an diesen Aufstieg anknüpfen. Dieser Erfolg war ein Kraftakt. Jetzt befinden wir uns alle auf einem Plateau, und jeder sieht sich um, wie er sich auf der Fläche zurechtfindet. Deshalb ist jeder Spieler vor allem auf seine individuellen Fähigkeiten zurückgeworfen. Die Mannschaft als taktische Einheit ist noch nicht so weit, dass sie jedem ihrer Spieler zu seiner besten Leistung verhilft. Jetzt erst kann die Mannschaft weiter entwickelt werden. Wenn nur nicht die deutlichen Niederlagen zu sehr auf die Stimmung schlagen. Wenn nur nicht die so deutliche Unterlegenheit in den Punktespielen das Selbstbewusstsein der einzelnen Spieler zu sehr untergräbt. Wenn nur nicht die Angst vor dem direkten Wiederabstieg zu groß wird.

Schon wieder kann der Entwicklung die Gegenwart in die Quere kommen. Hoffen wir, dass dem nicht so ist. Hoffen wir, das alle im und um den MSV die Ruhe bewahren. Hoffen wir, dass Gino Lettieris öffentliches Reden dazu beiträgt. Hoffen wir, dass er mit seiner „Kritikerschelte“ den Druck  von der Mannschaft nehmen wollte. Sonst verstehe ich ihn nämlich nicht, sonst muss ich denken, er ist zu dünnhäutig und reagiert leicht über. Ich kenne niemanden, der nach den zwei Punktspielniederlagen alles in Frage stellt, wie in WAZ/NRZ zu lesen war. Vielleicht gibt es irgendwo vereinzelt grundsätzliche Kritik an Gino Lettieri. Eine große Öffentlichkeit finden diese Kritiker aber nicht. Ich lese fast immer nur große Sorge über die Möglichkeiten dieser Mannschaft, die mit nichts anderem begründet werden, als mit dem was auch Gino Lettieri als sehr verbesserungswürdig ansieht, die Schnelligkeit des Handelns und Reagierens in erster Linie. Also, mal sehen, wie die Mannschaft und ich uns morgen präsentierten werden.


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