Posts Tagged 'FC Viktoria Berlin'

Vom Verschwinden der Abstiegsangst

Verdammt hell gerade

Bin ich in Berlin, wohne ich beim Freund im Prenzlauer Berg. Das war schon zu Zweitligazeiten mit Besuchen bei Union und Hertha so. Nun zeigte sich am Samstag, die Wohnung war Mitte der 90er mit großer Voraussicht gewählt. Zum Jahn-Sportplatz sind es von dort aus sieben, acht Minuten zu Fuß. Wenn ich aus dem Fenster sehe, erinnert mich ein Flutlichtmast noch an den erzitterten 1:0-Sieg am Samstag.

Ich hätte nichts dagegen, wenn das der erste und letzte kurze Gang zum Berliner Auswärtsspiel des MSV gewesen wäre. Ich möchte wieder lange S-Bahnfahrten quer durch die Stadt machen, zur einen westlichen oder zur anderen östlichen Seite. Es fällt mit schwer zu beurteilen, wie wahrscheinlich das ist. Dafür, dass es mögich wird, spricht die Veränderung bei den Strukturen des Fußballunternehmens MSV. Dafür sprechen schön anzusehende Minuten der letzten Spiele mit gelungenen Offensivaktionen. Die wirken nicht zufällig. Da lässt sich ein Plan vermuten. Dagegen spricht mein Eindruck, das mögliche Scheitern des Spielaufbaus im Mittelfeld liegt manchmal sehr nahe. In dem Moment ist Holland in Not und nur die Qualität des Gegners bestimmt, wie gefährdet das Tor der Zebras ist.

Ihr seht, ich schreibe schon so, als sei der Klassenerhalt in trockenen Tüchern. Andere sind vorsichtiger. Ich denke, es muss schon sehr, sehr viel zusammenkommen, damit der MSV abstiege. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber dieses Mal lehne ich mich ganz gegen meine sonstige Vorsicht aus dem Fenster.

Am Samstag haben wir den Sportpark an den anderen Plätzen vorbei verlassen. Dem unbekannten Fußballer war dort ein Denkmal gewidmet. Er hatte eine interessante Körperhaltung, die mich einen heimlichen Turner beim Flankenlauf vermuten lässt. Das müssen noch die Rumpelfußballer-Zeiten gewesen sein. Der Bildhauer hatte offensichtlich nur wenig Ahnung vom Fußball. Nicht nur wegen der Körperhaltung, auch weil er sonst er den nächsten Moment dieser Bewegung für die Skulptur gewählt hätte. Es wäre eine viel eindrucksvollere Skulptur geworden, wenn der Mann mit dem Blick auf den Ball in den Verteidiger reingerannt wäre. Vielleicht war der Bildhauer aber auch von dem sich ergebenden Getümmel handwerklich überfordert.

So ein Getümmel erinnert mich übrigens sofort an John Yeboah, der, technisch sehr viel besser, ebenfalls gerne mal in die Verteidiger läuft. Er ist eine Verstärkung, keine Frage. Er muss seine Dribblings versuchen, aber da ist noch einiger Spielraum fürs Lernen, damit zurechtzukommen, wenn ihm der Weg gleich von zwei oder drei Leuten zugemacht wird.

Merkwürdig übrigens auch, wie auf der anderen Seite des Stadions im Mauerpark so viele Menschen kurz nach dem Spiel des MSV so unberührt in der Sonne herumsaßen.

Wie die Wohnung meines Freundes befindet sich auch die Schank- und Kulturwirtschaft BAIZ nur wenige Gehminuten vom Stadion entfernt. Angesichts der überschaubaren Viktoria-Fans im Stadion habe ich keine Sorge vor unnötigem Reviergehabe bei der Lesung heute Abend. Der Stadionsprecher rief ja die Zahl von 700 Gästefans in die Runde. Es waren deutlich mehr Duisburger da. Ich denke, die Zahl bezog sich auf die Gästekurve. Auf mehr als der Hälfte der Tribüne saßen aber auch Fans des MSV. Da blieb nicht mehr viel Berliner Anhang. Ich freue mich also entspannt darauf, über den MSV, das Ruhrgebiet und mein Leben als Anhänger der Zebras im Kiez der Viktoria sprechen zu können.

Werbung

Trend! Wer solche Freunde hat

Der Trend war our friend. Es ging lange Zeit aufwärts und die anderen unten blieben auf ihren Abstiegsplätzen. Aber wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Was für ein wankelmütiger Geselle. Bleib mir bloß weg, mein Trend. Verl gewinnt am Samstag, Viktoria Berlin gewinnt gestern – gegen Magdeburg! Gegen den uneinholbar wirkenden Spitzenreiter. Und der MSV verliert so, dass sämtliche weggepackten Abstiegsängste aus ihren Ecken hervorspringen und Party machen. Chancenlos waren die Zebras am Samstag in Kaiserslautern. Als erschreckende Wahrheit sah ich bei diesem Spiel, der MSV trat beim Spielaufbau nicht so viel anders auf als gegen Zwickau.

Der Ball wurde immer wieder beim Spiel nach vorne verloren, weil die meisten Spieler zu wenig Ballkontrolle besitzen in dem geforderten schnellen Offensivspiel oder die Übersicht fehlt, im richtigen Moment abzuspielen. Wieder stehe ich vor der Frage, überfordert diese Taktik die Mannschaft, weil die individuelle Qualiät in Summe nicht ausreicht oder weil nicht genügend Entwicklungszeit beim Training für die nötige Ballsicherheit im Zusammenspiel war. Meine Beunruhigung als Ergebnis entsteht allerdings unabhängig von der Antwort auf die Frage.

Wenn dann ein perfekt eingespielter Gegner nahezu jeden misslungenen Angriff in eine Bedrohung des eigenen Tores verwandelt, erlahmt die Energie bei der Defensive. Ich sehe das Problem also nicht in der letzten Zone der Defensive, sondern sehr viel früher an dieser Schnittstelle von Ballverlust und Gegenpressing. Der Ballverlust ist beim MSV wahrscheinlich und dann fehlt die erste wirksame Gegenmaßnahme. Gegen Zwickau resignierte die Mannschaft angesichts derselben Offensivfehler nur deshalb nicht, weil der Gegner deutlich schwächer war als der 1. FC Kaiserslautern.

Mein unlängst offensiv nach vorne preschender Optimismus in Sachen Klassenerhalt ruft angesichts der Abstiegsangst-Party kleinlaut, ein bisschen Unterstützung von den Kumpels aus der Mannschaft könnte ich gebrauchen. Sonst stehe ich bei dieser Party hier weiter als Mauerblümchen in der Ecke.

Wir denken nur von Spiel zu Spiel. Das ist schon klar. Aber nun weiß ich wieder nicht mehr, was ich denken soll. Das ist ja das Problem. Was werden wir im Spiel gegen Halle sehen? Wie wird die Mannschaft auftreten, damit der unbedingt nötige Sieg gelingt? Und dabei habe ich noch keinen Gedanken an Verletzte verschwendet. Mein Optimismus hat es seit gestern Abend verdammt schwer.

Das mag auch daran liegen, dass mein Denken von Spiel zu Spiel begleitet wird von einem anderen Denken meines Daseins. Ich denke nämlich auch von Lesung zu Lesung, und für meine nächste Lesung am 19. April aus der MSV Duisburg Fußballfibel verläuft die Vorbereitung perfekt, keine Stimmbandverletzung ist zu beklagen. Ich kenne Schwächen und Stärken des Berliner Publikums, fühle mich fit und will beim Auswärtsspiel im BAIZ punkten. Nun könnte der Ausgang der Samstagbegegnung der Zebras bei Viktoria Berlin meine Auswärtsaufgabe schwieriger machen. Ich möchte doch bei einer mir heute möglich vorkommenden Niederlage keinen Mentaltrainer kurzpflichtig verpflichten müssen. Das sprengt meinen Etat. Ihr seht, welche weiten Kreise das letzte Wochenende zieht. Gegen Halle werde ich als Zuschauer auf jeden Fall alles geben, damit mein Leben als Autor zehn Tage drauf etwas einfacher wird.

Der Geschmack der Saison

Wenn der eigene Verein nicht spielt, bleibt der Blick auf die Verhältnisse in der Liga von Enttäuschung und Jubel ungetrübt. Auch wenn das heutige Spiel zwischen Würzburg und Verl neben dem vom MSV am nächsten Sonntag gegen Havelse fehlt, könnte der zweite Spieltag dieser Drittligasaison einen Geschmack von dem geben, was uns erwartet.

Viele Unentschieden zeugen von gleichwertigen Gegnern. Traditionsvereine der Liga haben weiter Mühe dem Selbstbild gerecht zu werden. Bei einem der Aufstiegsaspiranten, dem VfL Osnabrück, deutet sich Beständigkeit an. Ein weiteres Fußballinvestementprojekt, der FC Viktoria 1899 Berlin, möchte als Neuling oben mitspielen.

Diese Dritte Liga hat für mich inzwischen keine dauerhafte Identität mehr. Dazu sind die finanziellen Bedinungen zu unsicher. In der nächsten Saison steht vielleicht das dritte Investementprojekt auf der Matte. Die kleinen Vereine kommen besser zurecht mit Ansprüchen des Umfelds und ihrem Budget.

Trotz aller Oberes-Mittelfeldplatz-Prognosen träume ich von überraschender Erfolgskontinuität beim MSV und der Möglichkeit dieser mir unangenehmen Drittliga-Atmosphäre zu entrinnen.


JETZT IM BUCHHANDEL
Die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte über ein Leben in Duisburg mit dem MSV

Und sonst

Statt 14,95 € nur noch 8,90 € Hier bestellen

Oder das und einiges andere mehr mit Klick

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: