Posts Tagged 'Filip Trojan'

Auch ohne das Elfmeterschießen wurde es dramatisch

Nein! Nein! Jaa! Ja. Nein, nicht, nein. Aah. Pfffffff. EM-ES-VAU-EM-ES. Aaaah. Ooooh. Nein. Pfffff. Hhhhhhhhhha. JAAAAAAAAA. So ungefähr muss ich mich angehört haben in den letzten Momenten dieses Halbfinales vom MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für ein taumelndes Stemmen vom MSV Duisburg gegen den drohenden Ausgleich kurz vor dem Abpfiff im Halbfinales des DFB-Pokals gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für eine Energie im Stadion auf den Rängen und auf dem Spielfeld. Diese Energie drohte in den letzten Minuten immer wieder richtungslos zu wabern. Und doch bündelte sie sich auf dem Spielfeld in großartigen Rettungsaktionen, mit denen das Tor der Cottbusser im letzten Moment verhindert wurde. Auf den Rängen verwandelte sich das Aufstöhnen und unartikulierte Schreien in das peitschende EM-ES-VAU, das diese Mannschaft unten auf dem Spielfeld zu dem so nah wirkenden Sieg tragen sollte.

So sicher schien der Sieg für den MSV Duisburg über etwas mehr als 70 Minuten, und so dramatisch wurden die letzten Spielminuten. Viel zu viele Spieler in roten Trikots befanden sich im Strafraum vor dem Tor von David Yelldell. Viel zu viele, um jeden so zu decken, dass er wirkungslos sein würde. Der Angriff kommt über den linken Cottbusser Flügel. Kein Bein eines MSV-Verteidigers verändert die Flugbahn der Flanke, und ich weiß irgendeiner dieser Spieler in den roten Trikots wird an den Ball kommen, schießen und wahrscheinlich treffen. Aber David Yelldell zerstört mit einem beeindruckenden Reflex auf der Linie die dritte Riesenchance zum Ausgleich.

Plötzlich bündelt sich nichts mehr, es wabert nur noch. Plötzlich entsteht ein Teppich an Energie, die nicht weiß, was das nächste Ziel ist, außer dass Schiedsrichter das Spiel abpfeifen soll. Plötzlich scheint das Tempo dem Spiel verloren gegangen zu sein. Sind die meisten Spieler zu weit vom Ball entfernt? Ist es Olcay Sahan, der den Ball in die Cottbusser Hälfte treibt. Schon im Ansatz ist zu sehen, er schafft das mit letzter Kraft und nur um den Ball möglichst weit Richtung Südtribüne zu bringen. Doch auch die Cottbusser Spieler sind so langsam. Wahrscheinlich kommt es mir auch nur so vor, weil  sich die Zeit bei den drei Cottbusser Großchancen kurz hintereinander so sehr verdichtet hatte. Dreimal hatte ich die Schüsse der Stürmer von Cottbus im Tor des MSV Duisburg gesehen. Ich war auf den Sturz in den Abgrund der Enttäuschung schon gefasst, und dann packten David Yelldell, Olivier Veigneau und der lebendig gewordene Pfosten mich bei der Hand. Sie zogen mich auf den schmalen Geröllpfad wieder hoch, der in die Glückseligkeit nach dem Abpfiff führen sollte.

Was waren das für dramatische letzte Minuten. Dabei habe ich selten zuvor ein so entscheidendes Spiel des MSV Duisburg einfach nur genossen. Bis ungefähr zur 75. Minute. Die Mannschaft des MSV Duisburg ließ dem FC Energie Cottbus in der ersten Halbzeit keine Chance. Cottbus wirkte verunsichert und übernervös. Dagegen schien die Mannschaft des MSV Duisburg von der Atmosphäre im Stadion beflügelt.

Diese Zuschauer waren für den MSV Duisburg gekommen und sie glaubten an ihre Mannschaft. In dieser Saison entsteht in Duisburg vielleicht zum ersten Mal eine Kultur des dauerhaften, intensiven Supports durch die Zuschauer. Die Stimmung war leichter als im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Sie war aber selbstbewusster und vielleicht gerade deshalb auch nicht ganz so kraftvoll. Doch diese Stimmung war nahezu durchgehend vorhanden.

Klare Chancen konnte sich die Mannschaft vom MSV Duisburg zunächst nicht erspielen. Aber es war deutlich, solange jeder Cottbusser Angriffsversuch derart konsequent unterbunden wurde, könnte jederzeit ein Fehler in der Cottbusser Verteidigung zum Führungstor des MSV Duisburg werden. Das 1:0 von Stefan Maierhofer wirkte dann auch wie das perfekte Bild für die gesamte Spielweise des MSV Duisburg. Es wirkte wie die Mischung aus geplantem Angriff, dem unentwegten Hinterhergehen bei jedem verlorenen Ball und der in so einem ersten Moment der Balleroberung nicht ganz vorhandenen Ballkontrolle. Die Flanke in den Strafraum konnte Stefan Maierhofer nicht direkt köpfen, sondern der vom Verteidiger abgewehrte Ball prallte dem synchron mitspringenden Maierhofer an den Kopf, um dann erst ins Tor zu gehen.

Die Cottbusser starteten in der zweiten Halbzeit mit einem neuen Spieler, der sehr viel Gefahr verbreitete. Doch nachdem die ersten zwei heftigen Angriffe abgewehrt waren, gewann der MSV Duisburg die Kontrolle über das Spiel zurück. Konter wurden möglich, und so einen Konter schloss Srdjan Baljak nach Pass von Ivica Banovic zum 2:0 ab. Die Cottbusser gaben aber noch nicht auf. Das Anschlusstor durch den Elfmeter hätte mich nicht weiter beunruhigt. Erst die rote Karte gegen Bruno Soares ließ das Spiel noch einmal kippen. Für mich war diese rote Karte eine zu harte Entscheidung. Diese rote Karte brachte zwar zunächst keine Unruhe in der Hintermannschaft, sie brachte aber Zweifel beim Spiel nach vorne. Beeindruckend wie ruhig und abgeklärt in so einer Spielphase Branimir Bajic die Abwehr organisiert. Dieser Mann ist ein Phänomen. Wie kann ein Spieler derart unauffällig präsent sein?

Diese Mannschaft hat als Einheit den Sieg errungen. Eine so konsequentes Agieren wie in der ersten Halbzeit funktioniert nur als sorgsam organisiertes Miteinander. Ein Sinnbild dafür ist für mich auch der Jubel der Ersatzspieler beim zweiten Tor. Sie wollten nicht am Rand stehen bleiben, sondern sich gemeinsam mit David Yelldell über das Baljak-Tor freuen. Berlin, wir kommen. Und egal, was da im Finale passiert, es wird wieder gut werden.

Begeistert über Alltagsarbeit

Wie sich  nach einem Fußballspiel  Siege anfühlen, verrät uns nicht nur viel über Qualität und Ambitionen einer Mannschaft sondern auch einiges über die Hoffnungen der Zuschauer. Das Gefühl nach dem 3:1-Sieg des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue kenne ich schon Jahre nicht mehr nach einem Sieg des MSV Duisburg. Dieser Sieg erinnerte mich an die sorgfältige und zufriedenstellende Erledigung von Alltagsarbeit.

Die Last solcher Alltagsarbeit fällt normalerweise nicht weiter auf. Sie wiederholt sich, wie etwa das tägliche Essen kochen, und nur selten begeistert sich jemand am Ergebnis. Dennoch kostet Alltagsarbeit viel Kraft, und es ist immer eine offene Frage, wie gut sie erledigt wird und wie sehr man sich auch für diese Alltagsarbeit anstrengt. Ich schätze gut erledigte Alltagsarbeit sehr. Wer täglich frisch zubereitetes, leckeres Essen auf den Tisch bringt, wird an besonderen Tagen keine Probleme bei der Zubereitung eines Festessens haben. Umgekehrt ist es aber nicht immer so. Wer ein Festessen zubereiten kann, ist längst noch nicht für den Alltag gerüstet. Der MSV Duisburg hat sich gestern im Alltag bewährt. Wer den FC Erzgebirge Aue besiegt, weil die Mannschaft besiegt werden muss, besitzt die Qualität und Ambition, um das Unaussprechliche bis zum letzten Spieltag im Blick zu behalten.

Das Spiel machte es offensichtlich, warum der FC Erzgebirge Aue trotz der so wenigen erzielten Tore in der Tabelle oben steht. Diese Mannschaft besitzt eine Defensivreihe, die ich von der Statur her eher im australischen Rugby oder im Basketball vermutet hätte. Spieler von solcher Größe und Athletik strahlen zunächst einmal Unverwundbarkeit aus. Um so beeindruckender ist es, wenn Goran Sukalo sich zweimal gegen solche Spieler beim Kopfball durchsetzen kann, um Tore zu erzielen. Vor dieser Defensivreihe gibt es ein spielfreudiges und kombinationssicheres Mittelfeld, dem abschlussstarke Stürmer fehlen.  Es wirkte aber das Spiel über so, als sei es den Auer Spielern jederzeit möglich, durch schnelle Kombinationen überraschend in Strafraumnähe zu gelangen.

Dieses Mittelfeld sollte meist durch einen langen Pass erreicht werden. Ivica Banovic wurde im mittleren Teil des Spielfelds zu einem Garanten des Erfolgs für den MSV Duisburg, weil er immer wieder die kontrolllierte Annahme dieser längeren Pässe der Auer störte. Immer wieder war er zur Stelle, um den Ball zu erobern oder um zumindest das Tempo aus dem Angriffsspiel des FC Erzgebirge Aue zu nehmen. Der MSV Duisburg wirkte auch deshalb die meiste Zeit des Spiels überlegen, ohne das Kombinationsspiel der Auer endgültig unterbinden zu können.

Ich hätte auch keine Sorge um den Sieg des MSV Duisburg gehabt, wenn nicht die Entscheidungen des Schiedsrichters Tobias Stieler nach und nach eine immer deutlicher werdende Ungleichbehandlung der Mannschaften erkennen ließen. Sicher, Schiedsrichter treffen manchmal Fehlentscheidungen, die spielentscheidend sind, selten nur aber summieren sich viele kleine Fehlentscheidungen so, dass ein Spiel zu kippen droht. Das war dieses Mal der Fall. Fouls gegen den MSV Duisburg wurden gepfiffen, dieselbe Spielweise auf der anderen Seite nicht. Der Ball an der Schulter von Olcay Sahan wird als Handspiel gegen den MSV Duisburg gepfiffen, dieselbe Ballannahme eines Auer Spielers nicht. Für kurze Zeit kochte die Stimmung hoch, die Spieler des MSV Duisburg drohten aus ihrem Rhythmus zu geraten. Die gelben Karten gegen Goran Sukalo, Stefan Maierhofer und Olcay Sahan waren direkte Folge dieser Stimmung. Wobei mir das Fehlen von Sukalo mehr Gedanken macht als das von Stefan Maierhofer, dem gestern nicht viel gelang.

Was Mannschaft und Zuschauer in diesem Moment auszeichnete, macht mich sehr zuversichtlich für die Zukunft. In dieser Mannschaft stimmt die Mischung von Spielertypen. Wenn ein Heißsporn wie Stefan Maierhofer sich seine gelbe Karte mit Ansage abholt, bleibt nicht nur genügend Ruhe im Rest der Mannschaft für das Spiel, sondern diese Ruhe strahlt in die gesamte Mannschaft zurück und zeigt Wirkung. In so einer Spielphase sind Typen wie Filip Trojan und Benjamin Kern nötig, die wieder Konzentration einfordern und daran erinnern, nicht der Schiedsrichter ist Gegner sondern die Spieler aus Aue, nicht das Foul ist das Mittel zum Erfolg sondern kämpferische Härte. Das zweite Tor von Goran Sukalo habe ich deshalb auch als gerechten Ausgeich für die Ungleichbehandlung durch den Schiedsrichter empfunden. Und auch die Zuschauer spürten, dass der Ärger gegen den Schiedsrichter besser durch das Anfeuern der eigenen Mannschaft bewältigt werden konnte als durch Unmut und Pfeifen gegen den Schiedsrichter. Dass auch die Zuschauer auf den Geraden die Mannschaft nicht nur kurz anfeuerten, sondern sie für längere Zeit durch kritische Phasen tragen wollten, kenne ich aus Duisburg kaum. Da entsteht eine so breite Identifikation mit der Mannschaft, die es jahrelang nicht gegeben hat.

Das Anschlusstor durch Tobias Kempe hat es dann noch einmal für kurze Zeit spannend gemacht. Doch vielleicht ist so ein Satz eher der Vergangenheit geschuldet als der Gegenwart. Vielleicht war die Mannschaft nach dem Gegentor sehr viel stabiler, als wir es erkennen konnten. Vielleicht werde ich demnächst so einen Satz nur noch als reine Aussage schreiben, etwa so: In der 88. Minute fiel noch ein Gegentor durch Tobias Kempe, doch Manuel Schäffler stellte zwei Minuten später das Endergebnis sicher. So ein Satz könnte deshalb bald schon Wirklichkeit sein, weil zur Erledigung von Alltagsarbeit auch die Erwartung gehört, dass das Leben seinen normalen Gang geht. Wer weiß, dass in seiner Familie täglich gekocht wird, erwartet jeden Mittag das Essen auf dem Tisch. Die Mannschaft des  MSV Duisburg hat mich an das Mittagessen des Fußballs, den Sieg, allmählich gewöhnt. Darüber bin ich dann doch auch im Alltag sehr begeistert.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun … Alle? Alle!

Großartig! Wunderbar! Lasst mich Bilder sehen! Mehr! Noch mehr! Und Clips! Die Stimmen nach dem Spiel hören. Und noch einmal alles von vorne. Noch immer schmecke ich die Begeisterung des gestrigen Abends. Noch einmal packt mich die Stimmung aus dem Stadion. Noch einmal werden einzelne Momente des gestrigen Abends lebendig. Doch beschreibende Worte für das Spiel gehen mir kaum durch den Kopf. Diese Beschreibung verlangt Distanz zum Geschehen, lässt mich Abstand nehmen von der Freude. Das will ich nicht. Diese Gefühle von gestern sollen mich so lange wie möglich durch den Tag begleiten. Alltag ist so viel öfter als Pokalsiege des MSV Duisburg vor Zuschauern, die alle von Anfang an dazu bereit waren, den Abend zu etwas Besonderem zu machen.

Allerhöchstens werde ich zum Spiel einzelne Sätze raushauen. Sätze, wie ich sie gestern dem Freund ins Ohr gebrüllt habe. Selten habe ich eine derart geschlossene Mannschaftsleistung vom MSV Duisburg gesehen, wo alle Spieler auf gleichermaßen hohem Niveau gespielt haben. Da ragte keiner raus, da fiel keiner ab. Alle auf den Zaun, natürlich! Alle verdienten es auf dem Zaun gemeinsam mit den Fans den Sieg zu feiern. Als die Banner-statt-Werbung-Fankurve  „Alle auf den Zaun“ sang, war das nicht nur die überschwappende Freude den höherklassigen Gegner besiegt zu haben, darin drückte sich auch spontan das Empfinden aus, dass der 1. FC Kaiserslautern durch eine von der Mannschaft gemeinsam erbrachten Leistung besiegt werden konnte.

Diese Mannschaft wirkte wie ein einziger Körper, der immer wieder an unterschiedlichen Stellen jeweils besondere Konturen gewann. Diese Konturen zeigten sich, wenn Olcay Sahan zu einem grandiosen Dribbling ansetzte oder er einmal mehr wieder einem Gegner hintersprintete, um ihn noch zu stellen. Das passierte, wenn Stefan Maierhofer sich selbst, die Mitspieler und immer wieder auch das Publikum mit großer Ausdrucksstärke dazu motivierte, auch noch die allerletzte Kraft  für den Sieg aufzubringen. Das passierte, wenn freie Räume durch Ivica Banovic und Goran Sukalo zugestellt wurden, Bruno Soares und Banimir Bajic die langen Bälle klärten oder Benjamin Kern und Olivier Veigneau sich die steilen Pässe auf die Kaiserslautern Flügel erliefen. Dann wiederum zeigte Julian Koch seinen dynamischen Antritt und Filip Trojan seine begnadete Technik. Diese Konturen zeigten sich natürlich, wenn Benjamin Kern mit Ecken und Freistöße für Gefahr im Kaiserslauterner Strafraum sorgte und als Branimir Bajic und Goran Sukalo die Tore für den MSV Duisburg erzielten.  Und es geschah, als in den letzten zwanzig Minuten David Yelldell sicher hielt, nachdem es den Kaiserlauternern bei ihrem vermehrtem Einsatz gelungen war, zweimal frei aufs Tor des MSV zu schießen. Nicht zuletzt zeigte sich die Konturen nach den Einwechslungen, als Sefa Yilmaz den Kontern des MSV Duisburg die notwendige Schnelligkeit gab und als Ivo Grlic souverän im Mittelfeld den Ball gegen jeden heraneilenden Kaiserslauter Spieler behauptete. Im Basketball nennt man so was, die Zeit klug ausspielen.

Wenn man die besondere Qualität dieses Sieges ganz begreifen will, so muss man sich an die ersten zehn Minuten des Spiels erinnern. In dieser Zeit war zu erkennen, dass der 1. FC Kaiserslautern sehr viel besser spielen kann als die sonstigen Gegner des MSV Duisburg aus der 2. Liga. Der MSV Duisburg hat nach kleineren Anpassungsschwierigkeiten bei den jüngeren Spielern problemlos mitgehalten. Olcay Sahan und Julian Koch etwa mussten sich darauf einstellen, dass ihnen vom Gegner mehr Widerstand entgegengebracht wurde, als sie es sonst gewohnt sind. Da blitzte zu Beginn zwei, dreimal der Olcay Sahan der Vergangenheit auf, wenn er beim Versuch des Dribblings am Gegenspieler abprallte und zu Boden ging. Doch zeigte sich schnell, das bleibt Vergangenheit, es war nur das andere Niveau, an das er sich gewöhnen musste. Und auch Julian Koch musste sich an ein anderes Timing für seine dynamischen Läufe mit dem Ball und der sich anschließenden Spielaktion gewöhnen. Auch das geschah schnell und reibungslos.

Knapp 23.000 Zuschauer waren im Stadion. Eine für Duisburger Verhältnisse zufriedenstellende Kulisse. Es war nicht ausverkauft, weil der MSV Duisburg seine Bedeutung für die Stadt erst wieder zurückgewinnen muss. Der Verein ist seit dieser Saison auf einem guten Weg, und nicht nur wegen der guten Leistungen, die die Mannschaft in dieser Saison zeigt. Dieses Mal wird erst an der Basis gearbeitet, und es werden keine unhaltbaren Versprechungen gemacht. Gute Voraussetzugen, um die Zuschauerzahl dauerhaft zu erhöhen. Dann werden Julian Koch und Stefan Maierhofer wie nach diesem Spiel häufiger von der Kulisse schwärmen können.

Dieser Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern war keine Pokalssensation. Die Mannschaft des MSV Duisburg durfte sich Chancen auf den Sieg ausrechnen. Deshalb schrumpft der Sensationsgehalt der Nachricht dieses Sieges doch erheblich zusammen. Der MSV Duisburg und seine Zuschauer brauchen die Überhöhung dieses Sieges nicht, um sich am Weiterkommen zu begeistern. Außerdem behalte ich mir die Sensation als Ausruf der Begeisterung lieber in der Hinterhand. Der Wettbewerb geht weiter, und ich möchte das Wort doch noch für das Geschehen benutzen, für das es dann passt.

Aus zweimal „Schwein gehabt“ wird doch kein Schweinespiel

Glaubt nur nicht, dass ich die ganze Winterpause hindurch auf dem Sofa gelegen habe. Die nahezu täglichen Trainingseinheiten brachten nur nichts Lesenswertes hervor. Ich war unter anderem noch zu sehr mit der Aufarbeitung des Pokalspiels in Köln und der hasserfüllten Atmosphäre dort, direkt neben dem Gästeblock, beschäftigt; vielleicht gibt es dazu in dieser Woche noch ein paar Fragmente. Vor dem gestrigen Spiel des MSV Duisburg gegen den VfL Osnabrück habe ich am Samstag dann noch ein paar Fingerübungen zum Warmmachen unter Ausschluss der Öffentlichkeit absolviert, und schon kann auch ich heute in die Rückrunde starten. Dabei hoffe ich, eine ebenso gute Leistung zeigen zu können, wie ich sie gestern von der Mannschaft des MSV Duisburg gesehen habe. Nicht das ganze Spiel über, das ist schon klar. Es redet niemand drum herum, dass der VfL Osnabrück ab etwa der 20. Minute bis zu den drei, vier Minuten kurz vor der Pause mindestens gleichwertig war und sich sogar Chancen erspielte, um in Führung zu gehen.

Dabei war der MSV Duisburg souverän gestartet. Wir sahen die Mannschaft kombinationssicher im Spiel nach vorne, dazu variabel auch immer wieder mit längeren Bällen den Erfolg suchend. Hinten geschah nicht viel, alleine Julian Koch war anzumerken, dass er sich erst wieder auf der rechten Außenverteider-Position einfinden musste. In den ersten 18 bis 20 Minuten sah es so aus, als ginge es nur um die Höhe Sieges. Schließlich schoss Filip Trojan bereits in der fünften Minute das Führungstor, nachdem er sich mit einer wunderbaren Einzelaktion auf der linken Seite von der Eckfahne aus in den Strafraum ziehend gegen zwei Osnabrücker Spieler durchgesetzt hatte. Doch mit einem Mal reihte sich Fehlpass an Fehlpass, und der Mannschaft gelang es nicht mehr, den Ball sicher über die Mittellinie zu bringen. Als dann auch der lange Ball auf Stefan Maierhofer die Osnabrücker Abwehr vor keine größeren Probleme mehr stellte, wurde das Spiel des VfL Osnabrück immer druckvoller.

Jeder Eckball der Osnabrücker schien Gefahr zu verheißen, und das Tor des VfL Osnabrück war dann nur die Bestätigung einer immer größer gewordenen Befürchtung. Danach hatte der MSV Duisburg noch einmal Glück, dass der Ball nach einer Parade von David Yelldell beim Aufspringen nicht mehr Effet erhielt. Der Ball flog nicht Richtung Tor, sondern Yelldell konnte ihn problemlos aufnehmen. Schwein gehabt, heißt das dann, was aus dem Spiel aber kein Schweinespiel machte, wie es Tobias Willi vor der Begegnung erwartet hatte.

Weder Glücks- noch Schweinespiel wurde die Begegnung deshalb, weil die Mannschaft des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit sich ihrer spielerischen Möglichkeiten wieder sicherer wurde. Dazu trug das frühe Führungstor bei, das nach einem beeindruckenden Flankenlauf von Oliver Veigneau Stefan Maierhofer mit einem Kopfball erzielte. Man merkte, die Verunsicherung durch die Fehlpässe war wieder verschwunden. Das gehemmte Spiel der ersten Halbzeit war vergessen, der unbedingte Siegeswille war wieder da.

So lässt sich das dritte Tor des MSV Duisburg als eine Geschichte dieses unbedingten Willens erzählen. Julian Koch trieb den Ball mit bekannter unbändiger Kraft nach vorne und setzte sich in allerletztem Moment gegen den Versuch des Wegspitzelns durch, um den Ball ein klein wenig zu kurz zum rechts frei stehenden Stefan Maierhofer zu spielen. Doch Maierhofer rutschte mit großem Risiko in diesen Pass hinein, um ihn vor dem Osnabrücker Abwehrspieler in die Mitte zurückzuspitzeln. Dort kann Sefa Yilmaz aus dem Lauf heraus schießen. Sehr fest war der Schuss nicht, doch für den Torwart wurde er unerreichbar abgefälscht.

Mit der Erfahrung aus der ersten Halbzeit wollten wir uns aber dem Siegesgefühl noch nicht ganz anvertrauen. Bei einem vierten Tor erst waren wir bereit, uns zu entspannen. Für einen möglichen Anschlusstreffer war uns die Mannschaft des MSV Duisburg nicht souverän genug. Deshalb schreckte uns noch einmal ein Osnabrücker Eckball, der im Fünfmeterraum aufsprang und am gesamten Tor in einer Höhe vorbeiflog, bei der alle Spieler den Ball knapp verpassten. Bei solchen herrenlosen Bällen wirkt jeder Spieler egal, was er auch tut, unbeholfen. Für uns Zuschauer sehen solche Bälle einfach so aus, als müssten sie getroffen werden können. Noch einmal „Schwein gehabt“.

Kurz danach durften wir uns endgültig entspannen, weil Olcay Sahan das Tor machte, was er inzwischen recht sicher machen kann. Er dribbelt sich so nah wie möglich ans Tor heran und schließt aus etwa fünf Meter vor dem Tor ab. An so einer Spielaktion wird deutlich, wie sehr sich Olcay Sahan weiter entwickelt hat. Vor einem Jahr noch wäre die Wahrscheinlichkeit groß gewesen, dass er diese Chance vergeben hätte. Wenn er einmal ohne vorheriges Dribbling sicher treffen wird und zudem aus größerer Entfernung, muss der MSV Duisburg stabil in der ersten Liga spielen, um ihn halten zu können. Aber Leistungsvermögen des einzelnen und Tabellenstände bedingen sich ja gegenseitig. Deshalb sehe ich der Rückrunde erwartungsfroh entgegen. Ivica Banovic war nicht anzumerken, dass er sein erstes Spiel für den MSV Duisburg nach nur kurzer Eingewöhnungszeit absolvierte. Er passt hervorragend zu der Mannschaft, und wenn seine Schusstechnik auch einmal wieder eine geringere Streuweite seiner Torschüsse möglich macht, wird die Mannschaft immer unberechenbarer. Dann könnten fast alle Spieler der Mannschaft torgefährlich werden, wenn es nötig ist. Dieses erste Spiel der Rückrunde vom MSV Duisburg lässt mich sehr ungeduldig auf das nächste Spiel warten.

Droht ein Standardendstand gegen Cottbus in Heimspielen?

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn der MSV Duisburg  gestern gewonnen hätte. Natürlich hätten wir alle uns über einen Sieg mehr gefreut als über dieses 2:2-Unentschieden gegen den FC Energie Cottbus. Doch vielleicht besitzt dieses Unentschieden bezogen auf den weiteren Verlauf der Saison für den MSV Duisburg einen größeren Wert als für den FC Energie Cottbus. Ich sehe keineswegs verlorene zwei Punkte. Ich sehe zum einen eine Mannschaft, deren psychische Stabilität weiter zunimmt. Diese Mannschaft wächst daran, wenn sie wohl dosiert nicht den ganz erwünschten Erfolg erfährt. Diese psychische Stabilität könnte in der Rückrunde den Vorteil bringen, da die Spielstärken der oben spielenden Mannschaften nicht so weit auseinander liegen. Zum anderen sehe ich den Zwei-Punkte-Abstand auf Cottbus in der Tabelle gehalten. Wegen der Drei-Punkte-Regelung war das Verhindern der Niederlage wichtiger als der Veruch nach dem Ausgleich durch Cottbus um jeden Preis auf Sieg zu spielen. Denn die Möglichkeit einer Niederlage hatte es gegeben.

Cottbus war immer für eine torgefährliche Situation gut, weil die Mannschaft kombinationssicherer als der MSV Duisburg war. In der ersten Halbzeit war davon allerdings nicht allzu viel zu merken. Das Führungstor für Cottbus fiel aber genau nach einem solchen sehr schnellen Passspiel. So ein Passspiel  war deshalb jederzeit möglich, weil im Spielaufbau des  MSV Duisburg immer wieder kleinere Fehler passierten. In Zweikämpfen eroberte Bälle wurden zum Gegner gepasst, Kopfballabwehrversuche landeten ebenfalls häufig dort. Das brachte keine Gefahr, so lange die Mannschaft diese Fehler durch hohen läuferischen Aufwand sofort wieder ausbügeln konnte. Doch je länger das Spiel dauerte, desto sorgenvoller dachte ich an die dazu notwendige Kondition. Wir wissen, diese Mannschaft hat viel Kondition, doch sie ist nicht grenzenlos.

Das Spiel war mitreißend, spannend und emotionsgeladen. Beide Mannschaften wollten offensiv spielen. Dem MSV Duisburg gelang das in der ersten Halbzeit besser als Cottbus und genügend Chancen wurden sich erspielt. Mit ein wenig mehr Glück hätte der MSV Duisburg zur Pause mit zwei oder drei Toren Vorsprung führen können. Ein Weitschuss von Julian Koch wäre wahrscheinlich auch ohne Torwartparade gegen die Latte gegangen. Ein Kopfball-Tor von, war es Goran Sukalo?, nach einer schönen Flanke verhinderte Thorsten Kirschbaum mit einem beeindruckenden Reflex. Ein Elfmeterpfiff blieb aus, als Filip Trojan im Strafraum von den Beinen geholt wurde. Nach Eckbällen wurde es mehrmals gefährlich. So deutlich war die Überlegenheit in der zweiten Halbzeit nicht mehr. Das Spiel hatte sich beruhigt. Kurz vor der Halbzeitpause war es noch zum Massengerangel gekommen, nachdem Olcay Sahan nach Zwanzig-Meter-Anlauf mit Ansage und Blutgrätsche von den Beinen geholt wurde. Diese Aufgeregtheit hatte sich in der zweiten Halbzeit gelegt. Die letzten zehn Minuten wollte keine der beiden Mannschaften mehr viel riskieren. So geriet das Spiel in ruhiges Fahrwasser. Ich bin zufrieden nach Hause gefahren. Es macht Freude diese Mannschaft des MSV Duisburg spielen zu sehen.

Ein Gedanke geht mir noch durch den Kopf, Milan Sasic wird vielleicht demnächst mal ein kurzes pädagogisches Gespräch mit Stefan Maierhofer führen. Ich hatte Spieler wie ihn lange Zeit vermisst, gestern aber hatte ich das Gefühl, ein wenig gerät er aus der inneren Balance.  Für mich begann er zu oft gegenüber seinen Mitspielern zu gestikulieren und den langen, hohen Ball einzufordern. Dieser lange Ball kommt ohnehin. Das wissen wir, und das wissen seine Mitspieler. Manchmal ist es aber auch sinnvoll, vor  dem hohen Ball ein wenig flach zu spielen. Auch mit dem Gestikulieren ist es wie mit allen Dingen. Das rechte Maß ist wichtig. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich bin sicher, Milan Sasic wird Stefan Maierhofer helfen, dieses rechte Maß zu finden.

Anscheinend vertraue ich noch nicht genug

Wenn ich nach dem gestrigen Spiel des MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC die Berichterstattung lese, komme ich ins Grübeln. Ob im Kicker, ob im Reviersport oder im Text des sid-Journalisten, den Der Westen und die Rheinische Post aufgreifen, nirgendwo finden sich Worte, in denen ich meine zeitweilige Unsicherheit über den Ausgang des Spiels gestern wiedererkenne. Vertraue ich der Mannschaft einfach noch nicht genug? Habe ich über die letzten Jahre verlernt, ruhig agierende Duisburger Spieler als souverän wahrzunehmen? Kann ich nur noch in der andauernden Auseinandersetzung mit vielen Zweikämpfen Leistung erkennen?

Es war ein recht emotionsloses Spiel gestern und bei dieser Art Spiel hoch zu gewinnen ist wahrscheinlich die eigentliche Leistung dieser Mannschaft. Das weist darauf hin, dass die Mannschaft den Gegner nicht braucht, um die eigene gute Leistung abzurufen. Die Spieler müssen sich weder in ein Spiel hinein kämpfen noch benötigen sie einen großen Gegner, um wach und konzentriert zu sein. Die Haltung zum Spiel ist von Anfang an vorhanden. Da zeigt sich allmählich anscheinend ein  Selbstbewusstsein, das das eigene spielerische Können kennt. Diese Mannschaft geht auf den Platz und weiß um die Chancen, die sie erspielen kann. Sie hat Geduld. Im MSVportal wird sich über die mangelnde Stimmung im Stadion beklagt. Das Spiel rief diese Stimmung aber auch nicht hervor, weil die Karlsruher nur in der zweiten Halbzeit einmal wirklich gefährlich waren, und der MSV Duisburg das Spiel sehr kontrolliert gestaltete.

Da in der Defensive beide Mannschaften gut agierten, brauchte nahezu jeder Angriff eine Art Vorspiel in der eigenen Hälfte. Gerade die Duisburger Mannschaft musste versuchen, einzelne Karlsruher Spieler aus ihrer kollektiven Defensivbewegung herauszulocken. Während der 1:0-Führung taten die Karlsruher Spieler dem MSV diesen Gefallen aber nicht. Deshalb wurde der MSV Duisburg vor allem dann gefährlich, wenn sie den schon verlorenen Ball durch intensives Laufspiel in der Karlsruher Hälfte sofort wieder eroberten. Bei diesem frühen Attackieren waren Stefan Maierhofer und Srdjan Baljak wieder überaus erfolgreich.

Beim Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus tat sich besonders Olcay Sahan hervor, dessen Ballsicherheit auf engstem Raum wir ja kennen, dem die Anschlussaktionen an sein Dribbling aber sonst nicht so oft gelingen wie gestern. Oft zog er zwei, manchmal sogar drei Gegenspieler auf sich und schaffte dann noch den dem KSC Gefahr bringenden Pass. Der frühe Ausfall von Ivica Grlic ab etwa der 30. Minute wurde durch das Vorziehen von Julian Koch ins Mittelfeld und die Einwechselung von Benjamin Kern auf Kochs Position gut kompensiert. Allmählich beginnen wir alle uns zu wiederholen, wenn wir die Leistung von Julian Koch rühmen. Es beeindruckt, wie sein Stellungsspiel gegnerische Angriffsbemühungen erstickt und mit welcher Dynamik er den Ball nach vorne treibt. Der Jubel über Tore des MSV Duisburg wird noch schöner, wenn Julian Koch sie erzielt und ich seine Begeisterung über diese Kopfballtor sehe. Und wenn dann Sefa Yilmaz auf seiner Seite zwar dieses Mal nicht ganz so durchsetzungsstark ist, aber dennoch mit einem fulminanten Schuss das 3:0 erzielt, was will man mehr?

Ein wenig Gedanken mache  ich mir über den eingewechselten Filip Trojan. Es wirkt nicht so, als sei er mit seiner derzeitigen Rolle glücklich und wolle sich nach der Einwechslung beweisen. Da muss Milan Sasic etwas im Auge behalten, um die Stimmung bei allen Spielern des Kaders auszubalancieren.

Ich werde also weiter Vertrauen fassen und das Kombinationsspiel des Gegners um die Mittellinie herum nicht weiter beunruhigend finden. Das sieht vielleicht gefällig aus, je näher sie aber dem Strafraum kamen, desto ergebnisloser wurde ihr Zusammenspiel. Ob das nun Olivier Veigneau, Bruno Soares  Branimir Bajic neben Julian Koch oder Benjamin Kern sind oder Goran Sukalo in der Linie davor, die Spieler des MSV Duisburg ließen wenig zu. Ich glaube, ich muss mich tatsächlich erst wieder an so einen selbstverständlich herausgespielten Sieg gewöhnen. Ich muss das Vertrauen gewinnen, dass in den letzten zwanzig Minuten der ersten Halbzeit keineswegs dem Karlsruher SC das Spiel überlassen, sondern sich des eigenen Könnens gewiss, auf das zweite Tor hingearbeitet wurde.

Ich muss auch weiter daran denken, nicht auszusprechen, was Hertha BSC zurzeit als einziger Verein der Zweiten Liga unbedingt anstrebt. Alle anderen Vereine nehmen erst einmal Abstand vom Unaussprechlichen. Die Vereine, die es wollten, denken erst einmal nicht mehr daran, weil sie unten stehen und die die im Moment oben stehen, haben es nicht im Blick gehabt. Wenn es also keiner so richtig will das Unaussprechliche, dann kann es eigentlich fürs erste ruhig so weiter gehen, bis es zur Überraschung aller dann doch jemanden trifft. Denn neben Hertha BSC muss ein Verein der Zweiten Liga auf jeden Fall das Unaussprechliche wirklich werden lassen. Schließlich berechtigt neben dem ersten Platz noch ein zweiter Platz auf direktem Weg zum Unaussprechlichen. Welcher Platz war das nochmal?

Der Wedaustadions-Gedenktag

Meist bin ich so früh im Stadion, dass ich meinen angestammten Stehplatz rechts neben dem Tor nahezu problemlos erreiche. Ob so ein Wedaustadions-Gedenktag schon zuvor einmal gefeiert wurde, weiß ich deshalb nicht genau. Jedenfalls kam ich dieses Mal erst zehn Minuten vor Anpfiff an, und da waren  Zu- und Aufgänge des Stehplatzrangs nicht mehr zu erkennen. So etwas bin ich vom geregelten Unterhaltungsangebot Fußball in der Gegenwart gar nicht mehr gewöhnt. Wie im Wedaustadion der 70er brandeten die immer noch ankommenden Stehplatzbesucher auf die obere Stehplatzreihe und bildeten bald ein wahrscheinlich kurios anzusehendes Stehballett in einer Dreier- bis Viererreihe. Der gemeinsame Spitzentanz und das wagemutige Vornüberbeugen der Oberkörper im harmonischen Gleichklang ließen in mir das Bild entstehen, gleich stellten die Organisatoren des Ganzen noch ein paar der seinerzeit das Stadionrund bestimmenden Bäume in großen Pflanzkästen hinter meinem Rücken auf. Die jungen MSV-Fans, die auf die Bäume hätten klettern können, waren in großer Zahl vorhanden. Und ihre Väter und Großväter wären bestimmt gerührt gewesen, die Bilder der eigenen Jugend so lebendig nachempfunden zu sehen.

Damit wären sie auch abgelenkt worden von den ersten zwanzig Minuten des Spiels, die so gar nicht auf den klaren 3:0-Sieg hatten hingedeutet. Sie hätten sich nicht sorgen müssen vor den immer wieder über den linken Flügel vorgetragenen Angriffen der Oberhausener, mit denen sie im schnellen Doppelpass-Spiel die MSV-Deckung bis zur Strafraumgrenze problemlos überliefen. Sie hätten sich nicht ausmalen müssen, was geschähe, wenn die Oberhausener entweder einen starken Strafraumstürmer besäßen oder aber einer ihrer schnellen Angreifer auch noch abschlusssicher wäre. Dem war nicht so, und nach den zwanzig Minuten gewannen die Spieler des MSV Duisburg ihre Defensiv-Sicherheit zurück.

Weder Milan Sasic, hier zitiert bei Der Westen, noch die Journalisten, etwa im Kicker, und die Zuschauer verschließen die Augen vor diesen ersten zwanzig Minuten mit Schwächen des MSV Duisburg. Gestritten wird dagegen unter den Zuschauern über die Wertung dieser Schwäche. Lässt sie sich vielleicht sogar als Stärke deuten, wenn gegen eine Mannschaft mit 13 Punkten auf der Habenseite diese Leistung sogar ausreicht, um hoch zu gewinnen? Auf jeden Fall trägt so ein Spiel weiter zum Selbstbewusstsein der Mannschaft bei.

Lieber wäre mir allerdings gewesen, wenn schon in der ersten Halbzeit der MSV Duisburg erfolgreiche Spielaktionen mit Beteiligung mehrerer Spieler gezeigt hätte. Da passte nicht viel zusammen. Allerdings auf beiden Seiten. Die meisten Pässe erliefen sich die jeweiligen Gegenspieler oder sie gingen ins Leere. Beim MSV Duisburg scheiterten die Versuche mit hohen Bällen Stefan Maierhofer zu erreichen genauso wie Sefa Yilmaz´ Versuche seinen Gegenspieler zu überdribbeln.  Filip Trojan konnte sich kaum einen Steilpass erlaufen, und Srjdan Baljak verlor Ball um Ball bei seinen Bemühungen einen konstruktiven Angriff einzuleiten.

Doch wenn die offensiven Spieler nicht erfolgreich sind, gibt es ja noch Julian Koch. Ein Lauf mit Ball aus der eigenen Hälfte heraus, ein Doppelpass, ein weiteren Spieler umspielt und schon ist Julian Koch in den Strafraum gedrungen. Er selbst kann zwar nicht mehr abspielen, doch der Oberhausener Verteidiger klärt mit einer präzisen Vorlage zu Stefan Maierhofer, die dieser zum Führungstor verwandelt. Julian Koch machte mit Ausnahme der ersten zwanzig Minuten wieder ein sehr gutes Spiel, und er wird seiner offensiven Fähigkeiten immer sicherer. Das müssen wir genießen und doch nicht wie Bernd Bemmann in der Rheinischen Post dabei sofort schon an die nächste Saison denken.

Wie oft wird von Zuschauern über Leihspieler und deren mangelnde Verbundenheit zu einem Verein geklagt. Die Wirklichkeit ist inzwischen viel weiter. Fast immer verhalten sich gerade die jungen Spieler so professionell, dass sie ihr gesamtes Können im Verein, für den sie jeweils spielen, auch zeigen. Jetzt schon daran zu erinnern, was erst in einem dreiviertel Jahr geschieht, wirkt auf mich fehl am Platz, selbst wenn es die besondere Leistung eines jungen Spieler unterstreichen soll. Julian Koch spielt sehr gut für den MSV Duisburg. Das ist die Geschichte, die zu erzählen ist. Mehr nicht.

Demnächst wird nach der Halbzeitpause Srjdan Baljak wahrscheinlich für ein paar Minuten eine Sonderbewachung erhalten. Fast hätte er ja zum zweiten Mal kurz nach dem Wiederanpfiff  ein Tor erzielt, als er aus etwa zwanzig Metern den Ball sehr präzise traf. Der Oberhausener Torwart Sören Pirson konnte den Ball noch an die Latte lenken. So wird dieser Schuss nur als Assist des Assists gewertet. Denn die anschließend von Filip Trojan getretene Ecke wurde zu einem der von Milan Sasic so vielgerühmten Tore durch Standards. Ab in die Statistik, und auf Wiedervorlage vor einem der nächsten Spiele.

Die Oberhausener bemühten sich danach allerdings weiter, das Ergebnis zu verbessern. Und auch wenn wieder deutlich wurde, dass Oberhausener Strafraumnähe nur selten zu wirklicher Torgefahr führte, für mein Gefühl eines sicheren Sieges fehlte mir ein drittes Tor des MSV. Dieses Tor schoss Olcay Sahan erst in der 82. Minute nach einem schönen Konter über Julian Koch und Ivica Grlic, nachdem er etwa dreißig Meter alleine aufs Tor zugelaufen war und ich schon befürchtete, dass jeder Meter ihn nur nervöser gemacht hatte. Das Tor schien mir dann doch auch recht glücklich gewesen zu sein. Sören Pirson machte die Mitte dankenswerter Weise frei, als Sahan genau dorthin zielte. Auch in diesem Einzelfall denke ich, ein Tor für das Selbstbewusstsein in der Zukunft. Wie ein souverän abgeschlossener Konter wirkte das nicht.

Wenn ich die Schwächen erwähne, trübt das meine Freude überhaupt nicht. Es war ein verdienter Sieg, und an Fehlern lässt sich nur lernen, wenn die Fehler auch benannt werden. Was mich noch kurz an David Yelldell denken lässt. In der zweiten Halbzeit hat er auf der Linie gegen einen Kopfball sehr gut geklärt. Allerdings ist es auch bezeichnend, dass das nicht gegebenene Tor für Rot-Weiß Oberhausen tatsächlich zu Diskussionen führt. Es gibt diese Diskussion, weil Yelldell manchmal kleine Fehler macht und zwar vor allem dann, wenn er Bälle festhalten muss. Wir werden sehen, ob die Mannschaft damit leben kann. Wenn jeweils ein Tor mehr erzielt wird als ein Fehler passiert, ist das keine Frage. Zumal nicht jeder Fehler zu einem Tor des Gegners führt.

Das Leichte ist häufig das Schwerste

Das sind die Tage, an denen es nicht genug zu lesen gibt über das, was wir erlebt haben. Das sind die  Tage, an denen unser Hunger auf immer neue Bilder und O-Töne kaum zu stillen ist. Wir versuchen alle möglichen Wiederbelebungsmaßnahmen des Gesehenen, denn dieser Sieg gestern gegen den FC Augsburg will ausgekostet werden, so intensiv es geht. Lange klappt das in einer englischen Woche ohnehin nicht. In drei Tage steht das Auswärtsspiel beim FC Union Berlin auf dem Spielplan.

Dieser Sieg war begeisternd, und ihm wohnte gleichzeitig die Bedrohlichkeit einer großen Enttäuschung inne. Der MSV Duisburg ließ dem FC Augsburg nahezu keine Chance, so überlegen war sein Spiel. Schon in den ersten zwanzig Minuten schloss die Mannschaft mehrere ihrer Angriffe gefährlich ab. Srjdan Baljac wäre so früh fast die Führung gelungen, als er eine Hereingabe von der linken Seite kunstvoll Richtung Tor lenkte. Der Reflex des Augsburger Torhüters Mohamed Amsif verwandelte den Jubelschrei ins ungläubige Aufstöhnen.

Erst in der 56. Minute erzielte dann Srjdan Baljac das 1:0. Auch wenn der FC Augsburg keine deutliche, kontinuierliche Gegenwehr zeigte, gab es im Spiel immer wieder Einzelaktionen, in denen die Augsburger Stürmer ihr Potential erahnen ließen. Da blitzte an ungefährlichen, torferneren Orten des Spielfelds die Grundschnelligkeit dieser Stürmer auf, und so blieb die Sorge, dass erneut wie gegen den TSV 1860 München ein kleiner Fehler in den Reihen des MSV Duisburg dem FC Augsburg die Chance auf ein Tor aus dem Nichts ermöglichen könnte.

Der MSV Duisburg störte jeden Spielaufbau der Augsburger auch nach der Führung schon früh. So kam es in der letzten Viertelstunde zu Kontern mit Chancen auf ein zweites Tor im Drei-Minuten-Takt. Doch Konter um Konter wurde vergeben, und dabei hatte ich den Eindruck, die Chancen wurden immer klarer. Sah man in die Gesichter der Duisburger Spieler nach dem dritten oder vierten dieser vergebenen Konter, konnte einem angst und bange werden. Für einen Moment wirkten sie fast traumatisiert darüber, dass ihnen selbst im Spiel mit drei gegen eins kein zweites Tor gelang. Für einen Moment durchzuckte mich die Furcht, die Enttäuschung könne zu groß sein, um konzentriert weiter zu spielen. Dem war nicht so. Der MSV Duisburg ließ in seinen Bemühungen nicht nach. Es blieb in diesen letzten Minuten weniger Bangen als im Spiel gegen München, doch noch genug, um diesen so verdienten Sieg bedroht zu sehen. Das spürte das gesamte Publikum und wollte seinen Teil zum Sieg in diesen letzten Minuten mit anhaltendem Anfeuern auf allen Plätzen beitragen.

Diese Mannschaft des MSV Duisburg erwirbt sich gerade Sympathie und Vertrauen der Zuschauer. Mit dieser Spielweise werden sich die Ränge allmählich füllen. Was zu sehen war, wird weiter erzählt. Auf diese emotionalen Momente wie gestern und im Spiel gegen 1860 München haben wir in Duisburg lange verzichten müssen. Diese Momente sind wieder erlebbar im Stadion, und diese Mannschaft hat es verdient, dass die Zuschauerzahl im Laufe der Saison zu Spielen gegen Spitzenmannschaften auch gerne mal an der 25.000er- Marke kratzen kann.

Nun stehen wir jenen Spielverläufen gegenüber, bei denen Feinanalysen notwendig werden, damit die Mannschaft sich weiter verbessert. Es reicht nicht mehr aus, pauschal mangelnde Laufbereitschaft oder zu geringes Durchsetzungsvermögen zu bemängeln. Letzteres mag es auch in einzelnen Momenten beim Spiel nach vorne geben, aber die Mannschaft spielte so stark, dass solche kleinen Mängel nicht ins Gewicht fielen. Im Gegenteil, es ließe sich sogar als psychische Stärke deuten, dass etwa Sefa Yilmaz unermüdlich seine Gegenspieler zu überspielen versuchte, auch wenn er nicht so erfolgreich war wie noch im Spiel gegen München. Diese innere Stärke führt schließlich zu einem Durchsetzungsvermögen, wie er es bei der Vorarbeit zum Führungstreffer zeigte. Er kam ins Stolpern und es schien schon so, als ob sein Gegenspieler ihn gestoppt hätte. Doch beim Stolpern mit anschließenden Kniefall versuchte er, den Ball weiterhin zu kontrollieren. Dann reaktionsschnell aus dem Sturz auf die Knie wieder auf die Beine kommen und aus dem erneut drohenden Vornüberfallen den Sprint mit Ball schaffen, das braucht nicht nur unbedingten Willen diesen Ball nach vorne zu treiben, sondern auch den Glauben, dass etwas glücken wird in einer Spielsituation, die zunächst nicht klar erkennbar ist.

Dieser Energieleistung von Yilmaz gleicht auch ein Solo-Lauf von Julian Koch, der ungefähr von der Mittellinie aus in eine Lücke gestartet war und eigentlich darauf aus war, abzuspielen. Allerdings stand ihm unablässig ein Augsburger Gegenspieler im Weg, so dass er geradezu gezwungen wurde, den nächsten Spieler zu umkurven. Das geschah insgesamt viermal, oder fünfmal sogar?, so dass er sich schließlich im Strafraum befand und kurz vor der Torauslinie in den Rückraum spielen konnte. Leider wurde dieser Pass abgefangen, und es war beeindruckend, wie Julian Koch augenblicklich zurücksprintete, um die notwendig werdende Defensivarbeit wieder aufnehmen zu können.

Dieser Solo-Lauf kam unerwartet, wahrscheinlich sogar für Julian Koch selbst, aber es macht diese Mannschaft aus, dass ihr planvolles und disziplinierte Spiel immer wieder überraschende Momente zeigt. Es gibt in dieser Mannschaft mehrere Spieler, die machmal etwas anderes machen, als es der Gegner erwartet.

Der MSV Duisburg hat den Druck auf den FC Augsburg nahezu das gesamte Spiel über kontrolliert aufgebaut. Wie oft haben wir eine Mannschaft in den letzten Jahren erlebt, der das nur in Ansätzen gelang. Im Spiel gegen den TSV 1860 München war dieser Mannschaft bereits der unbedingte Wille anzumerken, den Gegner möglichst früh anzugreifen. Doch wirkte dieser frühe Angriff ungestümer als gestern und damit auch abhängiger von der Grundemotion, die sich auf dem Platz entwickelt. Im Spiel gegen den FC Augsburg war dieser Wille zum frühen Angriff ebenfalls jederzeit spürbar, doch das Agieren auf dem Platz schien mir überlegter und weniger abhängig von einer sich notwendiger Weise entfaltenden kämpferischen Energie.

Durch das notwendig gewordene Ersetzen beider Innenverteidiger wurde gestern aber auch deutlich, Milan Sasic hat durch die Zusammenstellung des Kaders Möglichkeiten gewonnen, die Mannschaft unterschiedlich ohne Qualitätsverlust aufzustellen. Auch diese Erkenntnis vermittelt der Mannschaft Sicherheit. Wenn ich an dieser Stelle nun nicht weiter auf die Leistungen der anderen  Spieler der Mannschaft eingehe, bedeutet das keineswegs, deren Leistungen wären nicht erwähnenswert gewesen. Mir geht nur im Gegensatz zu den Spielern gestern die Luft aus. Sie haben wirklich gut gespielt. Alle!

Langsam wieder mehr Worte über Fußball schreiben

Vorgestern Abend hat der MSV Duisburg mit dem Pokalspiel beim VfB Lübeck sein erstes Pflichtspiel der Saison 2010/2011 erfolgreich bestritten. Die zweite Halbzeit habe ich beim Nachbarn recht entspannt und nur halb aufmerksam mitbekommen. Der MSV Duisburg kontrollierte mit einer Ausnahme das Spiel und zeigte im Abschluss bekannte Schwächen. Es gab keinen Grund für überschwänglichen Jubel und große Freude, und wenn es hier nur um Fußball ginge, wäre spätestens nun den Zeitpunkt gekommen, sich ein paar Gedanken über den MSV in den nächsten Wochen zu machen.

Hier geht es nicht nur um Fußball. In den Worten über Fußball geht es immer auch um mich. Das soll heißen, Worte über Fußball und all die Nebensächlichkeiten ergeben sich deshalb, weil Quelle und Antrieb dieses Schreibens nichts anderes ist als der Versuch, mich mit meiner ganzen Wahrheit öffentlich zu machen. Diese ganze Wahrheit aber machte in den letzten Tagen jedes meiner Worte über Fußball in meinen eigenen Ohren zu einem Missklang. Deshalb schwieg ich hier länger, als von mir selbst gewünscht. Das ist keine philosophische Spinnerei, sondern das Ergebnis von zu viel Erleben. Alltag und Normalität hatten sich für mich aufgelöst, die Dinge waren kräftig ins Schwanken geraten. Sobald ich etwa an die Saisonvorbereitung und dieses erste Pflichtspiel der Saison 2010/2011 des MSV Duisburg beim VfB Lübeck dachte, schob sich deshalb zu viel in und von mir in diese Fußballworte. Dieses Etwas durchdrang sie und zerfraß den Fußball bis zur Durchsichtigkeit. Nur noch dieses Etwas wäre im Text übrig geblieben. Wäre ich Sportjournalist hätte der Arbeitsauftrag geholfen. The show must go on, wäre das professionelle Credo gewesen. Doch hier bin ich auf mich selbst zurück geworfen, und deshalb hätte jedes Wort über Fußball falsch geklungen.

Fürs erste wird das Schwanken weniger. Es ist immer noch schwierig genug,  sich mit Worten über Fußball zu dieser ganzen eigenen Wahrheit zu bekennen und die Nabelschau zu vermeiden. Doch nach mehreren Anläufen verflüchtigt sich nun dieses Gefühl von Falschheit der Worte, und ich kann zweifelsfrei schreiben: Wenn man sich einen Theaterbetrieb in der Situation des MSV Duisburg und noch vieler anderer Mannschaften des Profi-Fußballs vorstellte, müsste die erste Klassikerpremiere der Spielzeit als sehr moderne  Inszenierung verkauft werden. Werktreue wird zwar angestrebt, doch den Umständen gemäß muss das Publikum in Teilen mit einer sehr freien Fasssung Vorlieb nehmen. Im Programmheft wäre das „N.N.“ als Besetzung von Rollen keine Seltenheit, und während das Publikum zur Premiere in den Zuschauerraum käme, probten die Schauspieler immer noch ihre Gänge in den einzelnen Szenen. Man sähe, den einen Gang mal vom ehrgeizigen Schauspielschüler ausgeführt und im nächsten Moment vom Veteran des Ensembles. Scheinwerfer erhellten Teile des Bühnenraums, wo niemand sich im Verlauf der Aufführung aufhielte, Kulissen aus anderen Stücken ständen noch im Weg und Schauspieler sprächen in Erwartung eines Auftritts des Kollegen nach links, unterdessen er ihnen von hinten auf die Schulter tippt. Wir stehen eben vor der Saison nach einer Fußballweltmeisterschaft. Da dauert es ein wenig länger, bis alle Schauspieler wissen, ob das renommierte Off-Theater in der Großstadt besser für ihre Karriere ist oder die ambitionierte Landesbühne auf Tour durch die Provinz oder gar das geruhsame Boulevardtheater in der Kleinstadt. Und den kleineren Theatern ist zwar klar, welche Rollen sie noch besetzen müssen, doch die größeren Theater wissen noch nicht alle, ob für die rauschende Inszenierung nicht noch der eine große Name in der Besetzung fehlt. Da dauert es etwas länger, bis sich die Ensembles von oben nach unten neu sortiert haben.

Nur gut für den MSV Duisburg, dass Julian Koch schon früh wusste, wie er sich weiter entwickeln will. Von meinem flüchtigen Lesen der Berichterstattung über die Saisonvorbereitung blieben vor allem die Sätze über ihn haften. Da gibt es anscheinend einen sehr jungen Spieler, der sofort beim MSV Duisburg eine Präsenz beweist, wie wir sie uns von allen Neulingen erhoffen und die von keinem Beobachter – ob Journalisten oder Zuschauer – übersehen werden konnte. Seit vorgestern kann nun auch das offensive Mittelfeld mit der Ausleihe von Filip Trojan als besetzt gelten und vielleicht nähern wir uns der Werktreue des Fußballspiels vom MSV Duisburg bereits im September. Spätestens aber, wenn im Oktober die Verletzung von Adam Bodzek ausgeheilt ist, sollte dem nichts mehr entgegen stehen. Das Publikum weiß jedenfalls um die jugendlichen Vorzüge des Ensembles und die daraus sich ergebenden Grenzen ihres Könnens. Wobei Entwicklungen von jungen Menschen ja manchmal auch sehr sprunghaft geschehen. Wir werden sehen.

Vom Spiel vorgestern bleibt mir weniger der Sieg selbst als die ausgelassene Freude bei den Toren im Gedächtnis. Anscheinend ist da bereits ein guter Zusammenhalt entstanden, was für den Alltag der 2. Liga keine schlechte Voraussetzung ist.

Nach der Pause hier, habe ich auch etwas für die Ablage. Ich hefte es mal weg, und ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr da noch mal drüber schauen wollt: Wenn der der SC Freiburg, für aufstiegsorientierte Spieler des MSV Duisburg anscheinend eine erste Adresse ist, scheint der FSV Frankfurt jener Verein zu sein, der gerne bei Spielern zugreift, die beim MSV Duisburg für nicht gut genug befunden werden. Björn Schlicke hat es dort sofort zum Mannschaftskapitän gebracht, und Sascha Mölders, der schon ein paar Monate länger beim Verein ist, liefert den Frankfurtern eine bunte Geschichte über die Schwierigkeit die richten Entscheidungen im Leben zu treffen.

Keineswegs etwas für die Ablage ist der Bericht eines weiblichen MSV-Fans, „wie sie zum MSV kam“ für das Fan-Gedächtnis. Auch ihre Erzählung stellt einen Gegenbeweis dar für meine Lieblingsthese des irreversiblen Lernens von Fan-Zugehörigkeit in jungen Jahren durch Prägung. Allerdings, so werden ihr sehen, hat sie für meine These ein Hintertürchen geöffnet. Man müsste in einem Fragebogen nämlich eine Unterscheidung einführen zwischen dem ersten Erleben eines durch Medien vermittelten Fußballspiels und dem ersten Erleben eines Fußballspiels in einem Stadion. Vielleicht lässt sich meine These noch retten.


JETZT IM BUCHHANDEL
Die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte über ein Leben in Duisburg mit dem MSV

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: