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Akzente 2018 inoffiziell – Von deutsch-französischer Freundschaft im Duisburg der 50er Jahre

Am vorletzten Samstag sind die 39. Duisburger Akzente eröffnet worden. Nie wieder Krieg? lautet das Motto des Kulturfestivals. Auch dieses Jahr begleite ich die Akzente im Zebrastreifenblog mit einem inoffiziellen Programm ohne Bühnenpflicht für jeden Tag.

Für den heutigen Beitrag zur deutsch-französischen Nachkriegsgeschichte greife ich noch einmal auf einen Text zurück, der in dem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen erschienen ist. Auch in diesen Räumen hatte ich ihn schon einmal veröffentlicht. Das Akzente-Thema dieses Jahres bietet Gelegenheit für eine Wiederholung. Denn bei der Beschäftigung mit dem Krieg brauchen wir immer auch Hoffnung auf die Möglichkeit zu Versöhnung und Frieden. Im Ruhrorter Hafen arbeiteten kurz nach dem 2. Weltkrieg Männer aus Frankreich und Deutschland in derselben französischen Spedition. Aus Kollegen wurden Freunde. Die jahrzehntelange Feindschaft zwischen beiden Nationen wurde nicht mehr vererbt. Aus Ferne war Nähe geworden. Im Ruhrorter Hafen wurde etwas gelebt, was als Hoffnung für beide Nationen erst später auf politischer Ebene zum Ausdruck gebracht wurde.

Der Basketballfreiplatz am Ruhrdeich
Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Als 1950 der französische Außenminister Robert Schuman dem Misstrauen zwischen Frankreich und Deutschland mit der Vision eines gemeinsamen Wirtschaftens begegnet, dachte er noch nicht an Freundschaft. In Ruhrort ist das damals schon anders. Jene Freundschaft, die dann 13 Jahre später Konrad Adenauer und Charles De Gaulle mit dem Élysée-Vertrag endgültig vertiefen wollen, ist in dem Hafenstadtteil schon bald nach dem Krieg gelebter Alltag für junge Franzosen und Deutsche.

Der Basketball vereint diese Männer. Bei den Franzosen ist der Sport beliebt, und die jungen Ruhrorter finden das in Deutschland noch exotisch wirkende Mannschaftsspiel interessant. Eine Art Betriebssportgruppe entsteht. Denn alle diese jungen Basketballer arbeiten bei der französischen Staatsspedition Compagnie Générale Du Rhin. Allerdings fehlt ihnen ein richtiges Basketballfeld. An eine Sporthalle ist gar nicht erst zu denken.

Da trifft es sich gut, dass der Platzwart der Tennisanlagen des VfvB Ruhrort/Laar in dem Schifffahrtsunternehmen nach Arbeit fragt. Neben diesen Tennisanlagen am Ruhrdeich gibt es eine Brachfläche. Der Franzose Jean Amiot wird zur treibenden Kraft bei der Anlage des Basketballplatzes. Mit Spaten und anderem Gartenbaugerät wird eine plane Fläche hergerichtet, Sträucher werden gerodet, grobe Steine beiseite geräumt. Die Bretter für die Basketballkörbe werden im Schifffahrtsunternehmen gezimmert. Als zwei Jahre später die jungen Männer Meisterschaftsspiele bestreiten wollen, erhält der VfvB Ruhrort/Laar, vormals nur für Fußball und Tennis eine Adresse, offiziell eine Basketballabteilung.

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2018 im Zebrastreifenblog.

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In Halbfinalen kennt man sich – Erinnern mit REFAIT

Nach dem Sieg Frankreichs gegen Island gestern Abend findet am Donnerstag bei einer Fußballeuropameisterschaft ein Halbfinale statt, dass es bei einer Weltmeisterschaft schon einmal gegeben hat. Zur Einstimmung auf das Spiel hat sich in diesen Räumen das Abspielen einer Art „Dinner for one“ der  deutsch-französischen Turnierbegegnungen etabliert. 2010 entstand der Kurzfilm „Refait“, ein zeitloses Werk, mit dem das Künstlerkollektiv Pied la Biche  die letzten 15 Minuten des Halbfinales der Fußballweltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Frankreich so detailgetreu wie möglich in der französischen Stadtlandschaft von Villeurbanne nachstellte und das durch die französische TV-Übertragung vermittelte Originalgeschehen im Splitsceen daneben setzte.

Auch wenn mein Französisch mirnur noch in Grenzen zugänglich ist, weiß ich „refaire“ als Grundform für das Partizip „refait“ bedeutet etwas „noch einmal machen“. Dennoch warf ich einen Blick in „Langenscheidts Großes Schulwörterbuch“ aus den 70ern, und nur deshalb brachte der Titel „REFAIT“ das Wortspiel zum Leuchten. Zumindest in der damaligen Umgangssprache bedeutete „refait“ auch „geklaut“  und als Adjektiv hieß es „betrogen“. In den Netz-Lexika finde ich für diesen Sinn heute keine Hinweise.

Ich vermute dennoch, der Titel des Films erinnert an das Grundgefühl der Franzosen nach der damaligen Niederlage der französischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen. Frankreich war nicht nur enttäuscht, in der Enttäuschung schwang auch das Gefühl mit, ungerecht behandelt worden zu sein. Die dafür entscheidendende Szene des Dramas ist nicht nur uns Älteren bekannt: Der deutsche Torhüter Harald Schumacher springt in brutaler Straßenschläger-Manier außerhalb des Strafraums Patrick Battiston an und trifft ihn mit Ellbogen und Hüfte im Gesicht. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, und Schumacher zeigte sich von der schweren Verletzung Battistons völlig ungerührt. Battiston war bewusstlos liegen geblieben, hatte zwei Zähne verloren und ein Halswirbel erwies sich im Krankenhaus als gebrochen. Dieses Foul und Schumachers Reaktion nach dem Spiel bot der französischen Öffentlichkeit ein Ventil für die immense Enttäuschung nach dem Spiel. Aus Enttäuschung wurde Wut und Zorn.

Frankreich hatte sich zweimal dem Finale ganz nahe gefühlt. Da gab es die 3:1-Führung nach acht Minuten der Verlängerung. Doch Karl-Heinz Rummenige schoss das Anschlusstor in der 102. Minute und Klaus Fischer konnte in der 108. Minute ausgleichen. Zudem traf auch beim Elfmeterschießen mit Uli Stielike zuerst ein deutscher Spieler nicht ins Tor. Doch sofort nach Uli Stielike hielt Harald Schumacher den von Didier Six geschossenen Elfmeter.  Deutschland gewann schließlich 8:7. Die Berichterstattung in den französischen Medien kochte hoch und erinnerte oft genug an die vergangenen Zeiten alter Feindschaft. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand entschlossen sich sogar zu einer gemeinsamen Presseerklärung, mit der sie die aufgebrachte öffentliche Stimmung beschwichtigen wollten.

In meiner Erinnerung fraß in diesem Spiel zum ersten Mal eine einzige Aktion eines Spielers meine Loyalität für eine Mannschaft an. Auch wenn ich mich damals schon nicht als ein Anhänger der Fußballnationalmannschaft bezeichnet hätte, ich wollte Deutschland im Finale sehen. Ich war nicht hin- und hergerissen, sondern dieses Foul wirkte wie der bittere Geschmack von Kiwis im süßen, sahnigen Fruchtquark. Während des ganzen mich mitreißenden Aufbäumens der deutschen Mannschaft in der Verlängerung machte sich die Erinnerung an das Foul unangenehm bemerkbar.

Ich konnte mich also nicht von dem Wunsch zu gewinnen distanzieren. Heute weiß ich, mein unangenehmes Gefühl damals wurzelte in einer Mitverantwortung für das Foul, in der ich durch meinen unbedingten Wunsch  auf den Sieg mit einem Mal stand. Ich hatte durch diesen Wunsch, die deutsche Mannschaft möge weiter kommen, Mitschuld zu tragen. So ist das mit Gemeinschaften, und es ist unangenehm und eigentlich nicht einsehbar. Ich hatte dieses Foul doch so entschieden verurteilt. Mancheiner wird nun sagen, was schreibt der für einen Unsinn. Das war doch Fußball. Das stimmt, und darüber bin ich ziemlich froh.

Für Frankreich war das Spiel auf jeden Fall auch ein bisschen mehr als Fußball. Wenn fast 28 Jahre nach dem Halbfinale ein Kurzfilm wie „REFAIT“ entsteht, wird das erneut deutlich. Voilà:

Quelle: Piedlabiche on Vimeo.

Zwei Deutsche in Le Havre

Wenn ich mich für ein paar Tage an einem anderen Ort aufhalte, probiere ich ja gerne aus, wie sich dort ein anderes Leben anfühlt. Momentan versuche ich mich gerade als Anhänger von einem der ältesten Fußballvereine Frankreichs – vom Le Havre AC. Für uns Duisburger ist das nicht schwer. Hafenstadt, Zweitligist, immer wieder auch Erste Liga. Es gibt Erfahrungen, die mich schnell Anschluss finden lassen. Gerade haben die Vorbereitungen auf die neue Saison begonnen. Nächsten Mittwoch Testspiel gegen Rennes. Zweitligist mit Ambitionen. Ganz da ist der MSV noch nicht wieder, vor allem aber war der MSV noch nie Meister seines Landes wie 1899 der Le Havre AC. Die Geschichte dieser Meisterschaft erzähle ich auch ohne Vorerfahrung im alten Leben  sehr gerne, seit ich sie im französischen Wikipedia-Artikel zu Le Havre AC gelesen habe.

Auch für den Fußball der Anfänge war im zentralistischen Frankreich Paris das Maß aller Dinge. Im Grunde war es wahrscheinlich sogar so, niemand in Paris nahm den Fußball außerhalb der Stadt ernst. Das wollte 1899 eine gerade zwei Jahre alte Sportorganisation, die Union des sociétés françaises de sports athlétiques (USFSA), ändern. Sie rief die Fußballvereine Frankreichs auf, an einer gesamtfranzösischen Meisterschaft teilzunehmen. Le Havre AC und l‘Iris Club lillois waren die einzigen Vereine außerhalb von Paris, die dem Aufruf folgten. Das Schicksal meinte es dann gut mit dem Le Havre AC. Das Ausscheidungsspiel für das Finale um die französische Meisterschaft gegen den Pariser Meister gewann Le Havre kampflos, weil der Gegner aus Lille wegen Grippeerkrankungen nicht antrat.

Dazu hatte der Pariser Meister eine ganz eigene Meinung. Denn was ein richtiger Pariser ist, der hat seinen Stolz und will gegen Provinzler nur spielen, wenn der sich schon einmal bewiesen hat. So weigerte sich der Pariser Meister gegen Le Havre als einer Mannschaft ein Finalspiel zu bestreiten, die auf dem Weg ins Finale nicht ein einziges Mal Fußball gespielt hat. Vielleicht eine Frage der Ehre, die damals von der USFSA als nicht ganz so wichtig angesehen wurde wie die Autorität der eigenen Entscheidung. Die USFSA-Funktionäre entschieden, wenn die Pariser Mannschaft nicht antritt, wird Le Havre AC eben Meister. Meisterruhm ohne ein Spiel. In diesem Wettbewerb hätte sogar ein MSV vor der eigenen Gründung noch gute Chancen gehabt. Ob man Wikipedia bzw. dem Fußballhistorienbuch, auf das sich berufen wird, glauben soll, ist in dem Fall weniger wichtig. Die Geschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden.

Ein neues Stadion für 25.178 Zuschauer hat mein französischer Verein übrigens auch. Die Architekten haben sich beim Bau vom Stade Océane anscheinend von Stadien in der deutschen Voralpenregion inspirieren lassen.

Auf eine besondere Fußballer-Biografie hat mich mein neuer Verein auch noch aufmerksam gemacht. Der Le Havre AC war die vorletzte Trainerstation des Deutschen Max Schirschin, der als Spieler und Trainer in Frankreich, besonders beim FC Rouen, viel Anerkennung gefunden hat und dem hier im französischen Wikipedia ein ausführlicher Artikel gewidmet ist. Ein weniger ausführlicher Artikel findet sich im deutschsprachigen Wikipedia, in dem das Deutsch an einigen Stellen ungewöhnlich  wirkt, so als habe ein Nicht-Muttersprachler dafür sorgen wollen, dass über diesen Mann auch in seiner alten Heimat zumindest ansatzweise etwas zu erfahren ist.

Der 2013 im Alter von 92 Jahren gestorbene Max Schirschin begann in Oberschlesien mit dem Fußball. Ab 1939 spielte er im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs für eine Saison beim FC Schalke 04. Danach wurde er von der Wehrmacht eingezogen. Am Ende dieses Krieges war er als Kriegsgefangener in einem französischen Lager in Hyères inerniert. Nach seiner Entlassung beschloss er, in Frankreich zu bleiben und begann wieder mit dem Fußball. Nach kürzeren Engagements im Süden und Westen kam er zunächst für zwei Jahre zu meinem Le Havre AC, bis er dann in den 1950er Jahren beim FC Rouen eine längere sportliche Heimat fand. Seine aktive Zeit als Spieler endete dort. Danach arbeitete er als Trainer unter anderem auch beim FC Rouen über 20 Jahre. Lese ich all das, sehe ich die Biografie eines Menschen mit und quer zur europäischen Geschichte. Über einen Deutschen, der im Nachkriegsfrankreich erfolgreich wurde, ließe sich bestimmt einiges erzählen.

Plaudereien nach dem Pflichtsieg

Seht es mir nach, ich muss mich mal mit einer wenig zielgerichteten Plauderei ablenken. Seit dem letzten Samstag schwirrt mir nämlich  immer mal wieder dieses Wort „Spitzenspiel“ im Kopf herum. Mir ist das unheimlich. Das „Spitzenspiel“ hatte ich vollkommen aus meinem Sprachschatz gestrichen. Es gab für mich in den letzten Jahren niemals Spitzenspiele, egal von welchem Tabellenstand aus der MSV Duisburg gerade an Platz vier kratzte. Es gab immer nur Spiele, nach denen vielleicht noch einmal demnächst wieder ein Spiel beginnen könnte, das dann mit großer Vorsicht Spitzenspiel hätte genannt werden können. Aber auch nur falls dieses und auch jenes Spiel gewonnen würden, während zugleich drei andere Vereine verlieren. Da ist es doch kein Wunder, dass ich heute rätsel, ob „Spitzen“ nicht doch mit Doppel-z geschrieben wird.

Aber wenn der MSV Duisburg am Samstag gegen die Stuttgarter Kickers spielt? Also, der Tabellenführer kommt zu einer Mannschaft, und nun wird mir etwas mulmig, wenn ich das schreibe, der Tabellenführer kommt zu einer Mannschaft, die erst einmal in dieser Saison verloren hat. Das fühlte sich bis Samstag nur nicht so an wie ein kontinuierlicher Erfolgsweg. Aber seitdem ist mir unheimlich. Ich kann nichts dagegen machen, dass mir dieses blöde Wort ständig in den Sinn kommt. Deshalb wird der Niederrheinpokal nun wieder in die richtige Dimension gerückt. Championsleague kann jeder, aber Niederrheinpokal mit Sicherheit auch und für eine Saison habe ich auch großen Spaß daran gehabt, mich an den kleinen Dingen des Lebens zu freuen. Es führt aber kein Weg an der Einsicht vorbei, in dieser Saison reicht mir das nicht. Im Gegensatz zu den Jahren in Liga 2 will ich mich nicht mit irgendeiner Platzierung am Ende Saison begnügen. Es gibt genau zwei Tabellenplätze, mit denen ich am Ende zufrieden bin.  So denke ich kaum an das Weiterkommen im Niederrheinpokal und viel an den kommenden Samstag.

Da bin ich dann froh, dass mich in den letzten Tagen mal wieder Anfragen zu Werbekooperationen von diesen mir unheimlichen Gedanken ablenkten. Grundsätzlich bin ich solchen Anfragen gegenüber nicht abgeneigt. Ich verdiene mit Schreiben mein Geld, warum also nicht auch mit dem Schreiben im eigenen Medium Geld verdienen? Ich verfolge das nicht offensiv, aber wenn mal einer fragt, lasse ich mir gerne konkrete Vorschläge unterbreiten. Adam hatte jedenfalls für seine Firma, die Becher mit Deckel verkauft, eine, wie sich später rausstellte, lustige Idee. Seine Firma nennt ihre Becher mit Deckel  „Shaker Cup“, was zugegebnermaßen kürzer ist und vielleicht unbedingt notwendig, weil nur in einem „Shaker Cup“ allerlei Nahrungsergänzungsmittel mit Wasser so gemischt werden können, dass sie leistungssteigernd wirken. Ich kenne mich da nicht so aus.

Dagegen gefiel es mir gut, wie Adam von den regelmäßigen Lesern hier als meiner „community“ schrieb.  Diese englische Gemeinschaft klingt doch nach Beständigkeit und Zusammenhalt, und dieses besitzanzeigende Fürwort kitzelte meine väterlichen Gefühle. Als Sektenführer hatte ich mich bislang zwar noch nicht gesehen, aber dieses Social-Media-Gedöns ist ausbaufähig. Menschen suchen in diesen unübersichtlichen Zeiten schließlich Orientierung, und wenn es nur die Kaufempfehlung für einen „shaker cup“ ist. Wie immer möchte der Sektenführer an so was aber Geld verdienen.

Doch nach einem ersten Mail-Wechsel zeigte sich, Adam wollte bei mir keine Werbung schalten, schon gar nicht sollte ich sie als Werbung kennzeichnen. Er wollte mich zu einer Art Online-Tupperparty-Verkäufer machen und  das Ganze nur anders nennen. Die schöne  gefühlige Welt der Netz-Unternehmen war endlich auch bei mir angekommen. Bislang musst ich punkto Werbung mir nur die Frage beantworten, wieviel Wert ich einem Werbeplatz im Blog zumesse. Nun aber ging es in erster Linie nicht ums Geld, es ging um mein Wohlgefühl, und fürsorglich wie Adam war, überließ er mir aus genau diesem Grund alle Freiheiten.

2014-09_shaker-mail

Ich war im ersten Moment natürlich überaus dankbar, dass ich dieses Shaker-Zeug nicht kaufen musste, um darüber zu schreiben. Als ich dann aber in mich ging und meinen Gefühlen intensiv nachspürte, um herauszufinden, wann ich mich besonders wohl fühlte, erspürte ich eine für Adam bittere Wahrheit. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich für die Arbeit, die ich im Auftrag anderer leiste, auch bezahlt werde. Deshalb machte ich ihm einen Kostenvoranschlag für PR-Arbeit. Seitdem ich ihm das geschrieben habe, hat sich Adam nicht mehr gemeldet. Ich hätte doch eine Provision bekommen für jeden über diese Seite verkauften Becher mit Deckel. Er hat es gut mit mir gemeint, und ich habe ihn wohl enttäuscht. Ich hoffe nur, ihr als meine community bleibt mir erhalten, weil ich zugleich auch euch enttäusche. Wegen meiner egoistischen Forderung nach Bezahlung für geleistete Arbeit müsst ihr nun auf einen Discount von 20 Prozent beim Kauf dieses Shaker-Zeugs verzichten.

Kann ich das mit einem artistisch erzielten Basketballkorb im Viertelfinale der Basketball-WM zwischen Frankreich und Spanien wieder gut machen? Spanien hat das Spiel übrigens dennoch verloren. Es fielen wenige Körbe in diesem europäischen Spitzenspiel. Beide Mannschaften spielten defensiv sehr gut. Irgendwie führt alles, was ich schreibe doch wieder zurück zum nächsten Samstag. Spitzenspiel keine Frage, auch wenn es mir unheimlich ist.

 

Jogis Jungs – Rausgeschmissen und doch weiter

Die Wirklichkeit ist manchmal ganz schön widersprüchlich, und die RTL 2 News schaffen es diese komplizierte Welt zusammen zu halten. Warum sich die Redaktion dann für technische Schwierigkeiten entschuldigt, ist mir schleierhaft. Wo hat denn die Technik versagt? Menschen haben uns doch nur gezeigt, was wir nicht erkannt haben – die Widersprüche dieser Welt. Dazu sind schließlich Medien da.

 

 

Wie Frankreich Deutschland im Viertelfinale aus der WM warf from Stefan Niggemeier on Vimeo. Der Dank für das Fundstück ist  Stefan Niggemeier gewiss.

Sechs Tage im Anderen und zurück

Es ist ein Klischee, und doch gibt es solch ein Geschehen immer wieder auch in der Wirklichkeit. Jemand geht für eine Erledigung aus dem Haus und kehrt nie wieder zurück, weil er irgendwo ein anderes Leben beginnt. Ich weiß jetzt ein wenig, warum so jemand ohne Abschied geht.

Sechs Tage gab es den MSV Duisburg nicht mehr in meinem Leben, ich war sechs Tage Anhänger von Girodins de Bordeaux, dem Verein, dem in Deutschland bei der Nennung des Namens das „de“ abhanden kommt. Ich ärgerte mich über dessen 3:1-Niederlage im Champions-League-Viertelfinale gegen Olympique Lyonnais, dem Verein, der in Deutschland immer Olympique Lyon heißt. Ich las zudem in einer kostenlosen Tageszeitung während einer Fahrt mit der Pariser Metro beeindruckt von Frank Ribery, der anscheinend für den FC Bayern München im Alleingang Manchester United mit 2:1 bezwang und meine Hoffnungen für „Les Bleus“ bei der WM in Südafrika stiegen. Ich ging jeden Morgen in meinem Pariser Vorort mit einem Baguette in der Hand über die Straße und fühlte mich dabei sehr französisch. Letzten Dienstag hatte ich kurz überlegt, ob ich die Auszeit bis Ostern ankündigen sollte. Schließlich drängte die Familie zum Aufbruch, und ich fuhr ohne weitere Worte des Abschieds. Ich bin sicher, deshalb verschwand der MSV Duisburg aus meinem Pariser Leben. Ich wurde auf Zeit ein anderer.

Ich erzähle das, weil es etwas über menschliche Identität verrät. Seit einiger Zeit nehme ich bei vielen Anhängern von Fußballvereinen etwas wahr, was ich aus dem Geschichtsunterricht kenne. Da wird über den eigenen Verein und dessen Bedeutung für das eigenen Leben mit solchen Worten geredet, die ich aus frühren Reden über die eigene Nation kenne. Da geht es dann um Stolz und um das wahre Bekenntnis zu besonderen Werten, die es nur in diesem einen Zusammenhang gibt, dem eigenen Verein. Es handelt sich dabei um einen kleinen Teil der Fußballzuschauer, auf die sich die öffentliche Aufmerksamkeit dennoch richtet.

Natürlich ist der Fußball zumindest in Deutschland ein weitaus unproblematischeres Terrain, um solche Gefühle von Identität auszuleben, als es früher in nationalen Zusammenhängen der Fall war. Dennoch frage ich mich, was es uns allen zeigt, wenn ein Teil der Fußballzuschauer ihren Stolz auf „wahres“ Fantum ausleben und daraus das Recht ableiten, eigene Regeln zu etablieren und zu versuchen, andere diesen Regeln zu unterwerfen. Den Einfluss der Vereine, der DFL und des DFB, die alle zusammen diesem Ausleben von Identität den Rahmen geben, vernachlässige ich jetzt hier. Offensichtlich handelt es sich bei dem, was ich da beschreibe um fundamentalistisches Denken, das anscheinend sehr verschiedene Menschen in unserer Gegenwart als anziehend empfinden.

Was macht so ein Fundamentalismus aber damit, dass es mir gelingt, meinen Verein, den MSV Duisburg, in einem anderen Leben zurück zu lassen. Ich werde in diesem anderen Leben kein ganz anderer Mensch, ich interessiere mich weiterhin für Fußball und finde mit Bordeaux meinen Verein. Warum mir sechs Tage lang Bordeaux von Bedeutung war und nicht Lyon, das weiß ich aber nicht. Die Entscheidung hatte nichts mit dem Spiel vom Dienstag zu tun, sie stand sofort fest als ich die erste Schlagzeile von diesem Spiel vor Augen hatte. Es gibt keinen mir erkennbaren, eindeutigen biografischen Zusammenhang. In beiden Städten war ich vor langer Zeit für einen Tag. Bordeaux wurde einmal von Sportjournalisten sehr oft als Beispiel für die gute Nachwuchsarbeit im französischen Fußball genommen. Vielleicht war das der Grund? Bei allen bewussten Entscheidungen unseres Lebens gibt es Momente des Zufalls durch die unsere so intensiven Gefühle von Identität entstehen, und dieses Zufällige dessen, was uns wichtig ist, hat nichts dauerhaft Erhebendes.

Allerdings gebe ich gerne zu, dass beim allmählichen Zurückschlittern in den gewohnten Alltag meine Laune recht gut ist, seitdem ich die Zweitligaergebnisse vom Wochenende kenne. Die Vereine halten sich an meinen Tabellenrechner-Plan. Die wenigen Zeilen Spielbericht bei Der Westen, im Kicker, im RevierSport oder eben die  Kommentare im MSVportal zum 1:0-Sieg des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Ahlen nehme ich deshalb nicht ganz ernst. Ein schwaches Spiel soll der MSV gezeigt haben. Da denke ich, na und. Ich lasse mir doch meine Laune nicht verderben. Alltag kommt in den nächsten Tagen sowieso schon genug.  Doch mit Siegerlaune lebt es sich bis dahin einfach besser.

WM 1982, Halbfinale Deutschland – Frankreich: REFAIT

„Refait“ heißt ein wunderbarer Kurzfilm, der die letzten 15 Minuten des Halbfinales der Weltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Frankreich so detailgetreu wie möglich in der französischen Stadtlandschaft von Villeurbanne nachstellt und das Originalgeschehen im Splitsceen  daneben setzt. Das Kollektiv Pied la Biche hat diesen Film gedreht. Darauf hingewiesen wurde ich von Fritten, Fußball und Bier, wo immer wieder sehenswerte Fußballclips gefunden werden. Großer Dank dafür gen Süden.

Mein Französisch ist mir zwar nur noch in Grenzen zugänglich, „refaire“ als Grundform für das Partizip „refait“ im Sinne von „noch einmal machen“ hatte ich dennoch erkannt. Dann brachte „Langenscheidts Großes Schulwörterbuch“ aus den 70ern „REFAIT“ für mich als Wortspiel zum Leuchten. Zumindest in der damaligen Umgangssprache bedeutete „refait“ auch „geklaut“  und als Adjektiv hieß es „betrogen“. In dem Wörterbuch meines Sohnes und in den Netz-Lexika finde ich für diesen Sinn heute keine Hinweise mehr.

Ich vermute dennoch, der Titel des Films erinnert an das Grundgefühl der Franzosen nach der damaligen Niederlage der französischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen. Frankreich war nicht nur enttäuscht, in der Enttäuschung schwang auch das Gefühl mit, ungerecht behandelt worden zu sein. Die dafür entscheidendende Szene des Dramas ist nicht nur uns Älteren bekannt: Der deutsche Torhüter Harald Schumacher springt in brutaler Straßenschläger-Manier außerhalb des Strafraums Patrick Battiston an und trifft ihn mit Ellbogen und Hüfte im Gesicht. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, und Schumacher zeigte sich von der schweren Verletzung Battistons völlig ungerührt. Battiston war bewusstlos liegen geblieben, hatte zwei Zähne verloren und ein Halswirbel erwies sich im Krankenhaus als gebrochen. Dieses Foul und Schumachers Reaktion nach dem Spiel bot der französischen Öffentlichkeit ein Ventil für die immense Enttäuschung nach dem Spiel. Aus Enttäuschung wurde Wut und Zorn.

Frankreich hatte sich zweimal dem Finale ganz nahe gefühlt. Da gab es die 3:1-Führung nach acht Minuten der Verlängerung. Doch Karl-Heinz Rummenige schoss das Anschlusstor in der 102. Minute und Klaus Fischer konnte in der 108. Minute ausgleichen. Zudem traf auch beim Elfmeterschießen mit Uli Stielike zuerst ein deutscher Spieler nicht ins Tor. Doch sofort nach Uli Stielike hielt Harald Schumacher den von Didier Six geschossenen Elfmeter.  Deutschland gewann schließlich 8:7. Die Berichterstattung in den französischen Medien kochte hoch und erinnerte oft genug an die vergangenen Zeiten alter Feindschaft. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand entschlossen sich sogar zu einer gemeinsamen Presseerklärung, mit der sie die aufgebrachte öffentliche Stimmung beschwichtigen wollten.

In meiner Erinnerung fraß in diesem Spiel zum ersten Mal eine einzige Aktion eines Spielers meine Loyalität für eine Mannschaft an. Auch wenn ich mich damals schon nicht als ein Anhänger der Fußballnationalmannschaft bezeichnet hätte, ich wollte Deutschland im Finale sehen. Ich war nicht hin- und hergerissen, sondern dieses Foul wirkte wie der bittere Geschmack von Kiwis im süßen, sahnigen Fruchtquark. Während des ganzen mich mitreißenden Aufbäumens der deutschen Mannschaft in der Verlängerung machte sich die Erinnerung an das Foul unangenehm bemerkbar.

Ich konnte mich also nicht von dem Wunsch zu gewinnen distanzieren. Heute weiß ich, mein unangenehmes Gefühl damals wurzelte in einer Mitverantwortung für das Foul, in der ich durch meinen unbedingten Wunsch  auf den Sieg mit einem Mal stand. Ich hatte durch diesen Wunsch, die deutsche Mannschaft möge weiter kommen, Mitschuld zu tragen. So ist das mit Gemeinschaften, und es ist unangenehm und eigentlich nicht einsehbar. Ich hatte dieses Foul doch so entschieden verurteilt. Mancheiner wird nun sagen, was schreibt der für einen Unsinn. Das war doch Fußball. Das stimmt, und darüber bin ich ziemlich froh.

Für Frankreich war das Spiel auf jeden Fall auch ein bisschen mehr als Fußball. Wenn fast 28 Jahre nach dem Halbfinale ein Kurzfilm wie „REFAIT“ entsteht, wird das erneut deutlich. Voilà:

Quelle: Piedlabiche on Vimeo.


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