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Einfach nur Hoffen können wäre schöner

Eigentlich ist es ganz einfach. In jedem Fußballspiel geht es darum zu gewinnen. Noch aus dem belanglosesten Fünf gegen Fünf auf Tore, die durch Sporttaschen markiert werden, kann ein hartes Kämpfen um den Moment des absoluten Glücks werden, den Sieg. War ich irgendwo Teil einer Mannschaft, egal in welchem Sport, gab es immer genügend Spieler, deren Ehrgeiz nicht nur von der einzelnen gelungenen Spielaktion befriedigt wurde, sondern die bei Spielende den Gegner bezwungen haben wollten. Im Wettkampf werden archaische Gefühle lebendig, und ein Spiel entwickelt deshalb eine auf den Tag bezogene Bedeutung des Spielausgangs.

Werden diese archaischen Gefühle auch bei Berufsfußballern am Ende einer Saison lebendig, wenn ihre Mannschaft nur noch geringe Chancen hat, das gesteckte Ziel zu erreichen oder wenn es sogar um nichts mehr als das Ergebnis des aktuellen Spiels geht? Am Sonntag spielt der MSV Duisburg gegen die SpVgg Greuther Fürth, und es herrscht eine zwiespältige Stimmung rund um den MSV Duisburg. Rechnerisch gibt es noch die Chance den dritten Platz zu erreichen, und die Art und Weise, wie viele an dem Verein Interessierte mit dieser Chance umgehen, weist über Skepsis angesichts des Saisonverlaufs hinaus. Für viele am MSV Duisburg Interessierte ist es fraglich, ob sowohl alle Spieler als auch die Verantwortlichen im Verein diese Chance wirklich wahrnehmen wollen. Dieses Misstrauen scheint mir ein Symptom zu sein für ein Missverhältnis zwischen der Sehnsucht nach dem Fußball als sportlichem Vergnügen und den Strukturen, die für das Funktionieren dieses Sports als Unterhaltungsbranche notwendig sind.

Aus dem Verein heraus gibt es von der Spielerseite her eine klare, professionelle Haltung zu den restlichen Spielen der Saison, die etwa von Tom Starke und Nicky Adler deutlich gemacht wird. In ihrer Haltung drückt sich Realismus aus, der für die Hoffnung auf das Erreichen des unwahrscheinlichen dritten Platzes dennoch genügend Raum lässt. Lese ich das, vertraue ich ganz der eigenen Dynamik eines jeden Spiels, weil auch ein  Berufsfußballer grundsätzlich an Siegen größere Freude hat als an Niederlagen. Was weckt nun Skepsis?

Auch bei mir stellt sich etwa eine andere Stimmung ein, wenn die nächste Saison den Schwerpunkt der Berichterstattung über den MSV Duisburg darstellt. Ivica Grlic hat Lust bei einem Neuanfang des MSV Duisburg zu helfen. Die Zukunft von Christian Tiffert hat sich als „Teufel aus Überzeugung“ geklärt. „Tiago hängt beim MSV in der Warteschleife„, und es wird gefragt, ob Marcel Herzog die neue Nummer eins wird. Die Zukunft als Thema der Artikel trübt angesichts der ungewissen Aussichten für den MSV Duisburg naturgemäß jegliches Gefühl der Hoffnung ein. Denn dabei geht es nicht in erster Linie um den Sport, dabei geht es vor allem um den MSV Duisburg als ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche Fußball und als Hintergrund der einzelnen Geschichten klingen die Rahmenbedingungen für das Wirtschaften dieses Unternehmens an. Hoffnung auf den Erfolg im Augenblick spielt in diesen Artikeln, wenn überhaupt, nur am Rande eine Rolle.

Rückt aber der Verein als Wirtschaftsunternehmen in den Blick, gerät unser Empfinden sofort unter den Einfluss ökonomischen Denkens. Die Kategorien für die Motivation in einem Spiel heißen dann nicht mehr Sieg oder Niederlage sondern Gewinn oder Verlust. In dieser Perspektive werden die Berufsfußballer zur Projektionsfläche des eigenen Verhaltens. Wir kennen das nämlich aus unserem Alltag: Nicht jeder von uns arbeitet jeden Tag mit derselben Intensität und Effizienz, die von uns gefordert wird. Wir kennen ebenfalls den Abschied vom Arbeitsplatz, der schon einige Zeit vor dem letzten Arbeitstag beginnt. Und wir alle überlegen immer wieder sehr gut, wie und wo wir günstige Angebote wahrnehmen und wo unser Einsatz sich lohnt.

Unser Misstrauen wirkt wie eine passiv-aggressive Kritik an den so lange einzig gültigen Werten unserer Gegenwart. Wir wollen es auf dem Platz spüren, wie sehr dort die Berufsfußballer sich für unseren Verein einsetzen und damit für einen anderen Wert als das Geld. Das gelingt immer weniger, je länger die Saison andauert und ein erhoffter Erfolg sich nicht einstellt. Sowohl Spieler als auch Zuschauer müssen dann mit dem Widerspruch umgehen, dass im Spiel individueller Gewinn jedes Spielers und mannschaftlicher Sieg nicht mehr per se zusammen fallen. Je länger die Saison andauert, desto heller erleuchtet wird daher eine Leerstelle in der Unterhaltungsbranche Fußball, die Berufsethos heißt. Was erhält ein Verein, wenn ein Fußballspieler seine Arbeitskraft verkauft? Wie groß wird die Bereitschaft an körperliche Grenzen zu gehen? Es ist sinnlos, solche Fragen an einzelne Spieler zu richten und jemanden Söldner zu schimpfen, wenn er dem Wunsch der Zuschauer nach Leistung nicht nachkommt.

Nehmen wir vergleichsweise einen Musical-Künstler. Muss dieser eine besondere emotionale Beziehung zu seinem Musical-Theater aufbauen, damit ihm ein guter Auftritt gelingt?  So eine Beziehung kann sich entwickeln, notwendig ist sie nicht. Denn so ein Musical-Künstler ist neben der einzelnen Bühne auch seinem Handwerk verpflichtet. Das reicht. Ich habe den Eindruck, bei den Spitzenvereinen ist der Fußball auf diesem Niveau der Professionalisierung als Unterhaltungsbetrieb angekommen. Doch schon im unteren Tabellendrittel der Bundesliga klagen Anhänger über Söldnertum in ihren Vereinen.

Noch fehlt in der Unterhaltungsbranche Fußball solch eine Selbstverpflichtung der Akteure auf eine höhere Idee. Institutionell drückt sich das im Nebeneinander von DFB und DFL aus – beim DFB kümmert man sich um die Idee, bei der DFL um das Geschäft. Nur zu Beginn einer Saison wird die Leerstelle durch die Verpflichtung zum Verein besetzt. Doch was geschieht am Ende einer Saison. Ich weiß es nicht. Deshalb muss ich am Sonntag mein Misstrauen besänftigen und auf die Kraft archaischer Gefühle hoffen. Sich keine Gedanken über die Interessenlage von Spieler und Verein zu machen und einfach nur auf den Sieg hoffen können wäre aber schöner.

Fußball als Beruf in den 90ern – Jürgen Rollmann schreibt

Noch ein kurzer Nachtrag zu Jürgen Rollmann. Beim Durchklicken auf seiner  Webseite seid ihr vielleicht selbst auf diesen im Tagesspiegel letzten November erschienen, lesenswerten Zeitungsartikel von ihm gestoßen. In ihm beschreibt er, welchen Einfluss es auf sein Befinden und seine Persönlichkeit gehabt hat, als Berufsfußballer in der Öffentlichkeit zu stehen und sein Geld zu verdienen. Nach dem Selbstmord von Robert Enke gab es in den Medien Raum für solche Hintergrundberichte.


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