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„Mit dem Fan-Sein fängt alles an“ – Regisseur Andreas Bach über „Hauptsache Fussball“

Nachdem ich den auf DVD erschienenen Dokumentarfilm „Hauptsache Fussball“ besprochen hatte, kam es zwischen dem Regisseur des Films Andreas Bach und mir zu einem E-Mail-Austausch, aus dem heraus sich ein Interview per E-Mail entwickelte. Der in Köln lebende gebürtige Münchner Andreas Bach, 50, war lange Jahre für verschiedene TV-Sender tätig, ehe er sich mit einer eigenen Filmproduktion, der BachFilm, selbständig machte. Die Reportagen, Dokumentationen und Features der Filmproduktion beschäftigten sich zunächst vor allem mit den „Bereichen Wissen, Technik, Umwelt und Kultur, Service“. Mit „Hauptsache Fussball“ ist nun der Sport als ein Thema hinzugekommen, das Andreas Bach besonders am Herzen liegt.

Kees Jaratz: In der Vergangenheit hast du dich in deiner Filmproduktion mit Sport nicht beschäftigt. Nun betrittst du sofort mit einem abendfüllenden und sehr überzeugenden Dokumentarfilm die Bühne des Sportfilms. Das ist ungewöhnlich und lässt mich als erstes fragen, wie kam es –  so wie es scheint – aus dem Stand heraus, zu so einem großen Projekt?

Andreas Bach: Ich wollte schon ganz lange einen Film über Fußball machen. Es gab dann mehrere entscheidende Punkte. Zum einen war da der starke Wunsch, als Filmemacher oder Regisseur ein eigenes Konzept umzusetzen – ohne Kompromisse, ohne Abstriche. Ich wurde im Februar 2010 50 Jahre alt – und das war ein weiterer Fingerzeig, die Dinge nicht mehr auf die lange Bank zu schieben.

Außerdem hat mich die Entwicklung des Fußballs in den letzten Jahren beschäftigt – als Fan ohnehin, aber immer mehr auch in einer professionellen journalistischen Perspektive. Im Profifußball tummeln sich heute die unterschiedlichsten Menschen und Charaktere. Die Professionalisierung hat eine Unmenge an Berufen im Umfeld geschaffen. Gleichzeitig wird von Spielern aber im öfter als „Material“ oder „Spielermaterial“ gesprochen. Das ist dann auch nicht mehr weit weg von Begriffen wie „Spielgeld“ etc. Im täglichen Medienchaos geht zudem noch mehr an „Mensch“ hinter dieser zum Funktionieren verdammten Maschinerie verloren. Der „Mensch“ verschwindet hinter den Fassaden der Spielergesichter und der Funktionäre – und der Massen an Fans.

Aber Mannschaften bestehen aus Menschen, sehr jungen Menschen, die sehr früh zur Spitze, zum Erfolg geführt werden müssen. Daran aber ist, wie wir wissen, anhand von Tabellen immer der Misserfolg geknüpft, das Scheitern. Jeder Fußballer scheitert irgendwann, mehr oder weniger oft, in seiner Karriere. Nur wann und wie, das ist die Frage. Deutlich wurde in den letzten beiden Jahren – etwa ab der EM 2008 – die immer extremere Zuspitzung schon in den niedrigeren U-Mannschaften auf das Erfolgsprinzip.

Der DFB und die Vereine haben das seit zehn Jahren forciert: Die Laufbahnen der Spieler finden in immer stärker verschulten Bereichen mit extremer Leistungsorientierung statt. Das hört nie auf – Stichwort Ballack. Raus aus der Nationalmannschaft – aber weiter in der Champions League aktiv. Und danach? Keine Ahnung, mal sehen. Stress. Wie gehen die Beteiligten mit diesen Rahmenbedingungen im Verbund mit ihren individuellen Lebenserfahrungen damit um? Wie verarbeiten sie das alles? Wer oder was bleibt auf der Strecke? Das habe ich kaum irgendwo filmisch aufgearbeitet gesehen. Darum wollte ich es zeigen. Im Ansatz scheint es gelungen, es ist ein Anfang, immerhin.

K.J.: Die beeindruckende Fülle des Materials lässt sofort auch an den Aufwand der Arbeit denken. Welchen Weg hast du für die Finanzierung genommen?

Andreas Bach: Als die Entscheidung im Februar 2010 gefällt war, den Film zu machen, fingen wir einfach an. Wir dachten, wir müssten schnell sein, um unsere Ideen vor allen anderen umzusetzen. Wir haben ja als Filmproduktion unsere Ressourcen und haben die dann genutzt. Wir bauen nur auf DVD-Verkäufe. Dadurch wird die Refinanzierung natürlich ein längerfristiges Geschäft. Ein Folgeprojekt müsste finanziell sicherlich anders gerahmt werden.

K. J.: Normalerweise sind Fußballer gegenüber den Medien aus gutem Grund zurückhaltend mit dem, was sie sagen. Wie ist es dir gelungen, das Vertrauen zu so vielen Interviewpartnern herzustellen, das für diese Dokumentation notwendig war?

Andreas Bach: Wir haben den Vereinen – aber auch 11Freunde – vorab unser Konzept erläutert und sie dabei nicht unter Zeitdruck gesetzt. Die Offenheit mancher Interviewpartner nach dem „Go“ war allerdings auch für uns überraschend. Unser Konzept beruht ja auf einer längerfristigen Beobachtung mancher Protagonisten. Unser Film versteht sich ja als ein Anfang. Ich denke, dass die Interviewpartner auf der anderen Seite eines genau wissen: Werden sie von uns enttäuscht, indem zum Beispiel Aussagen verzerrt dargestellt werden, dann stehen sie uns in Zukunft einfach nicht mehr zur Verfügung. Zusätzlich stünde es ihnen ja in diesem Fall jederzeit frei, sich hinter den Kulissen sowie in der Öffentlichkeit negativ über das Projekt „Hauptsache Fußball“ zu äußern. Der Schaden wäre vor allem für uns immens groß. Eine Dokumentation ist immer an Glaubwürdigkeit gebunden. Vertrauensvolles Agieren zu jeder Zeit steht also im Zentrum unseres Handelns. Es ist für uns ja auch dienlich: Wir möchten dokumentieren und aufzeigen, nicht verzerren, „anklagen“, oder gar verurteilen. Schlüsse aus den Inhalten von „Hauptsache Fussball“ können dann dritte ziehen. Und das ist ja auch in zahlreichen Rezensionen erfolgt.

K. J.: Der Fußballbetrieb bietet eine kaum überschaubare Anzahl an Interviewpartnern. Welche Überlegungen spielten für die Auswahl eurer Interviewpartner eine Rolle?

Andreas Bach: Wir haben uns bei jedem Verein, den wir drinhaben wollten, um die – von außen betrachtet – maßgeblichen Leute im Jugendbereich gekümmert. Diejenigen, die das Gesicht des Vereins gerade im U-Bereich prägen. Deshalb Hermann Gerland für Bayern München. Jürgen Gelsdorf bei Bayer Leverkusen. Lars Ricken und Hannes Wolf in Sachen BVB. Dann Oliver Ruhnert als Chefscout bei Schalke. Max Eberl und Michael Frontzeck, auch Sven Demandt, damals für Gladbach, als Menschen, die sich bewusst für das Arbeiten mit jungen Menschen entschieden haben. Die etwas aufgebaut haben, noch etwas aufbauen möchten – deren Blick über das Tagesgeschäft hinausgeht. Und es sollten möglichst auch Personen sein, denen die Bindung zu ihrem Arbeitgeber wichtig ist – die zumindest gerne für den Verein tätig sind, bei dem sie gerade in Lohn und Brot stehen.

Bei den Spielern wollten wir junge Spieler, anerkannte Profis wie Badstuber und Reinartz – die aber dennoch aufpassen müssen, in ihren jeweiligen Vereinen auf ihren Lieblingspositionen gesetzt zu bleiben. Persönliche Beziehungen wie zwischen Badstuber und Gerland waren uns wichtig, um herauszuarbeiten, unter welchem mentalen Druck bereits junge Menschen stehen, welchen Belastungen sie ausgesetzt sind, wie fragil die ganze Konstruktion „Fußballprofi“ ist. Wie sachlich diese jungen Menschen mit ihrem Berufsbild gezwungenermaßen umgehen müssen – ein paar Jahre vorher war das Ganze in den „U´s“ dieser Welt einfach nur ein Heidenspaß. Die gesamte Nachwuchsschiene wird immer strukturierter, noch professioneller, noch verschulter, noch konkurrenzorientierter. Matthias Sammer und die Vereine wachen unerbittlich darüber. Ich denke, die Statements im Film verdeutlichen das bereits recht gut.

Ich hoffe andererseits, dass die Entwicklung in Richtung Professionalisierung nicht überdreht und den Jungs schon im Kindesalter den Spaß raubt. Das wäre kontraproduktiv. Ich denke, über Jungprofis oder junge Spieler aus der zweiten Reihe, den im Film porträtierten Schützlingen des Beraters Jörg Neblung, wird deutlich, wie schmal der Grat des Erfolges wirklich ist. Bei allen drei porträtierten Spielern ist es sehr gut vorstellbar, dass sie ihre Karriere schon recht bald mangels Erfolg drangeben müssen. Wenn sie sich nicht durchbeißen. Und, was dann?

Reiner Calmund, zweitwichtigste Person im deutschen Fußball nach Uli Hoeneß, fasst es perfekt zusammen: Fußball ist ein Käfig. Im Prinzip hat sich seit 2000 Jahren nicht viel geändert. Spieler sind Material geblieben. Da hilft auch große Prominenz nichts, siehe Causa Ballack. Die Mühle mahlt immer weiter. Es hat was entmenschtes, wenn man zu genau hinkuckt. Gesichter, Personen, Lebensläufe von Individuen lösen sich auf, wenn man über die Tellerränder der Saisons hinausblickt. Was bleibt, für die meisten wenigstens? Ein, zwei große Siege als Erinnerungen, Meisterschaften, Cups, das war’s. Sonst nur Niederlagen. Einige Lieblinge. Paar Anekdoten. Und wieder Niederlagen. Verletzungen. Schicksale. Pleiten. Kriminalfälle. Kurioses. Und Personen wie Hermann Gerland, Funny Heinemann, Hannes Wolf, Klaus Augenthaler, andere, die versuchen, Menschlichkeit als Wert noch halbwegs zu integrieren ins Dauerspektakel. Das wir ja alle wollen, all the shows must go on, jetzt auch mit Frauen, super, weiter. Immer weiter. Alle, die halbwegs erfolgreich dabei waren, sagen posthum immer: ich möchte nichts missen, ich würde wieder von Anfang n mitmachen, könnte ich nur nochmals 11, 13, 15 17 sein!

K. J.: Ihr habt also zuerst an die Vereine gedacht. Warum wurden es die ausgewählten Vereine?

Andreas Bach: Zuerst haben wir, habe ich zumindest an Geschichten gedacht. Was ist das für eine Saison, 2009/10 – was ist dafür typisch?, wie ist der Fußball heute?, was ändert sich gerade? So haben wir begonnen – mit diesen Fragen. Das war so um Anfang Februar 2010. Da kam relativ schnell das Thema „Junge Spieler“ auf. Das war zum einen stark gebunden an den FC Bayern, da das damalige Trainerteam van Gaal/Yonkers/Frans Hoek im Zusammenwirken mit Hermann Gerland junge Spieler aus der vereinseigenen Jugend wie Alaba, Müller, Contento, Badstuber – abweichend von früheren Tagen und früheren Trainern – immer regelmäßiger in die Mannschaft einbaute und fest integrierte. Dies lief parallel mit einer Verjüngung der Nationalmannschaft, die, man muss es leider so sagen, durch die Verletzung von Michael Ballack dann nochmals einen entscheidenden Stoß bekommen hat.

Ja, die Begeisterung rund um junge Spieler, die selber noch so begeisternd spielten und so beseelt vom eigenen Spiel waren, das hat  mich geweckt. Müller schaffte es kurzfristig in die Startelf von Löw, auch Özil, Khedira, und so weiter – mit großem Erfolg. Wir haben uns im frühen Frühjahr 2010 weiter gefragt: Was passiert in Traditionsklubs wie Dortmund, Bremen, Gladbach, Schalke in dieser Hinsicht? Was macht Leverkusen, ein Verein, der Scouting und Jugendarbeit seit Callis Manager- und Geschäftsführerzeiten professionalisiert hat wie zuvor kaum ein anderer Club in Deutschland, außer vielleicht – mit Abstrichen – den Bayern und der VFB Stuttgart. Das alles vor dem Hintergrund inzwischen überall fest etablierter U-Leistungszentren. Aufbruchsstimmung. Fußball verändert sich.

Dann ging es weiter: Wie funktioniert das wirtschaftlich? Was arbeitet z.B. ein Verein wie die SpVgg Unterhaching, schwierige dritte Liga, im Schatten des FC Bayern? Wie ist da die Verbindung? Klaus Augenthaler, dort inzwischen gefeuert, hatte vorher Wolfsburg, Nürnberg, Leverkusen trainiert. Warum nun Unterhaching? Hier ließen sich sehr gut gewisse Verbindungen suchen oder erkennen, Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten erklären Richtung zweite, dritte Liga, den dort beheimateten Spielern. Plötzlich war man im Film an ganz anderer Stelle, aber dennoch war ein Zusammenhang gegeben.

Interessant war zudem: Wer kennt schon den Bruder von Bastian Schweinsteiger, Tobias, jetzt bei Jahn Regensburg? Wer kennt junge Spieler, Newcomer, Akteure von Fortuna Düsseldorf II, Schalke 04 II, Red Bull Salzburg II? Diese „Niemande“, die niemand kennt, wollen aber auch „nach oben“. Wir fragten uns: Wie funktioniert das, wenn überhaupt? Wer hilft Ihnen dabei, wer berät sie?

Als wir Jörg Neblung kennen gelernt haben, war Robert Enke als Thema in den Medien noch ungleich präsenter also heute, wo unlängst ja kaum irgendwo erwähnt wurde, dass sich Theresa Enke im Rahmen eines Benefizspieles vor wenigen Wochen am Pfingstmontag erstmals wieder im öffentlichen Rahmen bewegt hat. Was wiederum sehr bewegend war zu beobachten. Wir haben im übrigen bewusst darauf verzichtet, dies auch nur aus der Entfernung, einer größeren Distanz, mit einer Kamera zu begleiten. Jörg Neblung und die im Rahmen seiner Spieler involvierten Vereine haben dann den Reigen komplettiert, und wir konnten unsere Geschichten erzählen, besser: Die Spieler und alle weiteren beteiligten konnten uns Ihre Geschichten erzählen, vor den erwähnten thematischen Hintergründen, so dass die Struktur des Filmes quasi schon während des Drehs auf der Hand lag und sich, je näher wir dem Drehschluss kurz vor Weihnachten 2010 kamen, bestätigt hat.

Dass sich manche Beteiligten im Laufe dieses Jahres verändern würden, damit musste man – Beispiel Michael Frontzeck – rechnen. Aber die Anstöße, die alle gaben, auch indirekt wie der inzwischen geschasste Van Gaal über sein Jugendkonzept, waren wichtig, wichtiger jedenfalls als das inzwischen enttarnte Nichtkonzept des schieren Kaderzusammenkaufens um jeden Preis von Felix Allmächtig. Wobei überall deutlich wurde: Wenn es auf der menschlichen Ebene nicht funktioniert, dann hilft auch das intelligenteste Konzept nicht. Ohne soziale Kompetenz scheitert man im teamorientierten Leistungssport immer.

K. J.: Gibt es jemanden, den ihr gerne im Film gesehen hättet und bei dem es nicht geklappt hat?

Andreas Bach: Ja. Natürlich. So jemanden gibt es immer. Ihn oder sie jetzt zu nennen, wäre den Personen im Film gegenüber nicht ganz fair. Wir würden nie wollen, dass sich der eine oder andere im Film als „Reserveprotagonist“ fühlt. Anders gesagt: Auf dem „11 MM-Filmfestival“ in Berlin bin ich nach der Aufführung Ende März gefragt worden, welche Person ich denn am liebsten gehabt hätte, wer mir am sympathischsten gewesen wäre. Diese Frage hat mich wirklich in Verlegenheit gebracht. Da kann ich mit keinem Ranking dienen, tut mir leid.

K. J.: Nun hast du neben den Wegen der Jungprofis auch das Fan-Dasein thematisiert. Wurdest du auf klassischem Weg Anhänger eines Fußballvereins?

Andreas Bach: Das Fan-Sein, tja, mit dem Fan-Sein fängt alles an. Oder noch früher, mit dem Kicken gegen Steine, Bälle, mit drei, vier Jahren. Ja, ich wurde ganz klassisch Fan. Ich habe schon als kleiner Junge super gerne gekickt, auch mit älteren. Damals, in München, haben mich die Älteren so um 1966, 67 rum – ich war gerade sechs Jahre alt – halt in die Gruppe zu den Roten gesteckt, weil es in unserem Block schon mehr Blaue Fans – des TSV 1860 München – gab. Ich musste also auf Geheiß der Älteren die andere Seite verstärken – auf dem Spielplatz. Dabei ist es dann geblieben.

Ich erinnere mich sehr gut, mit meinem Vater 1967 als kleiner sechsjähriger Bub an der Münchner Leopoldstraße gestanden zu haben, einen roten Bayern-Stutzen in der Hand – eine Fahne hatte ich nicht, aber schon Strümpfe. Ich habe der Bayern-Mannschaft  zugewinkt, die soeben aus Nürnberg zurückkam. 1-0 Sieg im Pokalsieger-Europacup-Finale gegen die Glasgow Rangers. Tor von Bulle Roth. Einer meiner absoluten Lieblingsspieler, neben Klaus Augenthaler. Meine Mutter stand eher auf 1860, wegen Petar Radenkovic, den durchgeknallten Radi-Keeper der Löwen. Aber das war eher so eine modische Attitüde. Das hatte mit ernsthaftem Fußballinteresse im Sinne von followership eines Clubs nichts zu tun. Mama schaut heute auch Bayern, nicht Sechzig. Ich dagegen lief damals schon nur noch in rot rum. Gut, dass in meinem Stadtteilverein, bei dem ich spielte, die Farben grün-weiß waren, da geriet niemand in Konflikte.

Die Spiele in der E- und D-Jugend gegen Bayern und Sechzig waren immer das größte. Klar, dass wir stets mit 4-0, 5-0, 6-1 verloren haben – aber nie zweistellig! Mein erstes Spiel als Zuschauer war ein Freundschaftsspiel zuhause im Grünwalder gegen Ajax Amsterdam – der Hammer. Eigentlich wollte ich Laurel & Hardy im Abendprogramm sehen, unter der Woche, aber mein Vater packte mich einfach ein und schleppte mich, ich war so neun, zehn Jahre, widerwillig zu diesem Freundschaftsspiel ins Grünwalder Stadion. Dann der Blick von der Gegengerade. Urplötzlich. Diesen ersten Blick aufs Spielfeld, den werde ich nie vergessen. Das wars endgültig. Wir haben das Spiel übrigens verloren. Aber egal, wie man in Köln sagt. Mein Sohn, hier in Köln geboren, 2000, wurde dann, obwohl ich es beileibe nicht forciert habe, auch Bayern-Fan.

Wir haben im Film diese Ebene ab zehn Jahren, mit ihm, ganz bewusst eingebaut, weil ab diesem Alter bereits intensiv gescoutet wird und die Verwertungskette sozusagen dann bereits beginnt. Außerdem ist es mit Kindern und Filmrechten immer schwierig, da wählten wir den einfachen Weg, um keine Probleme mit Bildrechten zu bekommen. Konrad aber hat immer noch partout keine Lust auf einen Verein. Er hat bereits zwei Anwerbeversuche abgelehnt bzw. fand beide Probetrainings blöd.

Mein Fan-Sein hätte man im Film natürlich auch kürzer fassen können, beispielsweise das Madrid-Kapitel. Aber gerade da wollte ich ganz subjektiv darauf beharren. Da war ich störrisch. Schließlich sind wir hier nicht beim durchformatierten Fernsehen. Dieses Scheitern der Bayern und den Umgang damit, am Tag danach, die Abreise vom Hotel in Madrid zu zeigen, abseits allbekannter Jubelbilder. Gut, Konrad frage ich im Film, ob er ins Pokalfinale nach Berlin will, das möchte er gerne (nicht aber nach Madrid), also haben wir das kurz im Film szenisch aufgelöst. Madrid dann im Gegensatz z.B. zum Abstiegsdrama Bochum-Hannover zu sehen, war sehr reizvoll und weist, so denke ich, auch über die Saison 2009/2010 hinaus. In der Niederlage steckt immer, auch und gerade für die Fans, das weitermachen, der Neuanfang, die neuen Ziele, eben genau das nicht vernichtet werden, sondern das wieder Aufstehen. Wer Bochum-Fan ist, erfuhr das die letzten Jahre vielleicht mit am besten im Bereich „Profifußball“.

Fan sein heißt eben auch insbesondere „niemals aufgeben.“ Auch wenn man chancenlos war oder ist, so wie z.B. der MSV im Pokalfinale gegen Schalke – der Tag der Genugtuung, des Erfolges, er kommt wieder, irgendwann, man weiß nie genau, wann, aber dass er kommen wird ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und was hat der MSV den großen Bayern vor roundabout 40 Jahren zuhause nicht eingeschenkt, puuh, da musste Bayern eigentlich erst gar nicht antreten, in Duisburg um 1966/69, das war ja schlimmer als in Kaiserslautern. Freuen wir uns also – heute, solange es noch geht – mit den Fans der Traditionsmannschaften von Eintracht Braunschweig und Preußen Münster, die aktuell Meisterschaften und Aufstiege feiern durften und immer noch dürfen. Denn es werden unweigerlich wieder nüchternere Tage für die Fans dieser Teams kommen, genauso übrigens wie für die zahlreichen Anhänger von Borussia Dortmund und Jürgen Klopp. Und irgendwann sogar auch für diejenigen des so überaus peppigen FC Barcelona, da bin ich mir ganz sicher.

K. J.: Welche Erinnerung deines Fan-Lebens würdest du erzählen, wenn es darum ginge sie für die Zukunft zu bewahren. Welche Geschichte wäre die Geschichte für den Almanach der Fan-Geschichten?

Andreas Bach: Mein Nervenzusammenbruch 1999 nach dem verlorenen Finale gegen Manchester United in Barcelona. Nicht, dass wir mit den Bayern noch keine Cupfinals oder andere entscheidende Matches verloren hätten, auch schon unglücklich, so wie gegen Porto 1987, oder noch unglücklicher gegen Aston Villa 1982. Dieses Spiel 1999, wenn auch nur hier in Köln erlebt zu haben, im „Low Budget“ an der Aachener Straße – die Kneipe gibt’s immer noch. Ich bin danach nie wieder reingegangen – hat mich für immer verändert. Ich habe vorher wohl nicht zu 100% wirklich gewusst, was mir mein Verein tatsächlich bedeutet. Meine Frau hat mich zuhause erst gar nicht wiedererkannt, ich war extrem fertig.

Klar, manchmal, in schwachen Momenten, sage ich auch: wärst du nur lieber Fan eines in Anführungszeichen kleineren Vereins, da würdest du nicht als Erfolgsfan verhöhnt, die Fallhöhe wäre niedriger, die Fans der eigenen Mannschaft würden sympathischer rüberkommen, die Erwartungen wären nicht so hoch, aber ich bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass das vollkommen egal ist. Es ist so, wie es ist. Und es ist genauso so wie bei vielen leidenschaftlichen Fans anderer Mannschaften, unzählige Gespräche haben das bestätigt: Ich freue mich immer besonders, wenn Siege oder Erfolge durch Leidenschaft, Angriffsvermögen, Cleverness und dem schieren Willen des „Niemals aufgeben“ zustande kommen. Dafür steht für mich z.B. das knappe 2-3 in Manchester mit dem wie aus heiterem Himmel gefallen Olic-Tor zum 1-3 und der unfassbaren, technisch kaum zu toppenden, Robben-Granate zum 2-3, die millimetergenaue Vorarbeit von Riberý aus 50 Meter Entfernung nicht zu vergessen. Das live sehen zu dürfen, und sei´s auch nur auf dem Bildschirm, public viewing – unvergessen. Ich habe noch niemals so viele Kölner so ekstatisch bei einem Bayern-Treffer jubeln gesehen, das gibt einem einiges. Danach war ManU fertig. Auch da waren eben auch die Fans extrem wichtig. Diesmal die Manu-Fans, die als Kulisse, als Publikum so zurückhaltend waren wie sonst nur selten in einem Spiel ihrer Mannschaft.

1999 haben die das ganze Endspiel in Barcelona durch total beseelt gesungen. Es stand 0-1 bis zur 91. Minute, sie haben nie aufgegeben. Das hat sich auf die Mannschaft von Manchester übertragen, man sah es auf dem Platz ganz deutlich. Aber da, 2010, hatte Manchester u.a. dieses Glazer-Problem, hatte nicht mehr den unbedingten Rückhalt der Fans, der teilweise so rapide dahinschmolz wie Gletscher in Zeiten der globalen Erwärmung. Ich habe niemals so viele ManU-Fans bei einem derart knappen Rückstand vorzeitig das Stadion verlassen sehen wie letztes Jahr gegen die Bayern. Mit einem im wahrsten Sinne fanatischen Publikum hätten die vielleicht auch in schwierigen Phasen das 3-3 gemacht oder das 2-3 erst gar nicht gekriegt.

Man bekommt gerade auch heute immer wieder gezeigt, dass sich jedes Spiel – je nachdem mit der ohne den Support von Fans – völlig anders entwickelt. Ich denke, das sagt genug über den Stellenwert jedes einzelnen Fans auf dieser Welt aus. Sogar im Freizeitfußballbereich ist es doch extrem wichtig, ob da nur einer, schon drei oder sogar 13, 23 Verrückte am Spielfeldrand stehen.

K. J.: Gibt es Pläne für weitere Projekte mit dem Thema Fußball?

Andreas Bach: Ja. Wir werden die Karriere der Spieler und sonstigen Handelnden sicherlich verfolgen, wir werden einen weiteren Langfilm mit dem Thema Fußball vorbereiten, auch wenn das nicht unbedingt „Hauptsache Fussball Teil 2“ sein wird. Konzeptionell sind wir gerade erst am Anfang, darum können wir da noch nicht ins Detail gehen. Ich persönlich kann nur sagen, dass ich meine Leidenschaften Fussball und Film schon viel früher  hätte zusammenbringen sollen. Für mein Gefühl habe ich fast zulange mit diesem Projekt gewartet. Und neben dem Medium Film bzw. seiner Verbreitung via Kino, DVD oder TV gibt es ja inzwischen weitere Möglichkeiten, sich z.B. online mit dem Thema auseinanderzusetzen. Neben der regelmäßigen Pflege unserer aktuellen Facebook-Präsenz werden wir zukünftig sicherlich noch auf anderen Plattformen vom Fortgang der Dinge berichten – mit Texten, Kurzclips, Videos und so weiter.

Hauptsache Fussball – Eine DVD-Besprechung

Als ein Verliebter dem Rest der Welt sein Verliebtsein zu erklären ist nicht einfach. Letztens schwärmte ich hier von Hermann Gerland herum, sammelte im gefühligen Nebel ein paar halbwegs rationale Momente der Begründung und dachte eigentlich, wenn der Rest der Welt nicht sofort von selbst Hermann Gerland anhimmelnd zu Füßen liegt, kann denen sowieso keiner helfen. Lieber noch einmal das ungeschnittene Interview mit Hermann Gerland auf der DVD „Hauptsache Fussball – Junge Fussballprofis auf dem Weg ins Spiel“ ansehen, weiterschwärmen und schweigen. Aber gut, dass die Macher von „Hauptsache Fussball“ neben dem Bonusmaterial auch den eigentlichen Dokumentarfilm mit auf die DVD gepackt haben. Deshalb kann ich nämlich nun, statt glückselig lächelnd dazusitzen, doch noch ein paar Worte schreiben und jedem Fußballinteressierten auch mit Argumenten empfehlen, bei dieser DVD schnell zuzugreifen.

„Hauptsache Fussball“ dauert lange 140 Minuten, dazu gerechnet die 57 Minuten Bonus-Material, und nach dem Ansehen der DVD hat man nicht nur Einblicke in Denken und Handeln von unzähligen Akteuren des Fußballgeschäfts gewonnen. Außerdem sind diese Akteure mit ihren sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten überaus präsent geworden. Das ist dieser eine so beeindruckende, grundsätzliche Wert dieses Films. Dem Produzenten und Regisseur Andreas Bach und seinen Co-Regisseuren Marco Jankowski sowie Burkhard Vorländer ist es gelungen, das Vertrauen ihrer Interviewpartner so zu gewinnen, dass sie die sonst schnell aufgebaute Kulisse dieses Fußballgeschäfts beiseite schieben konnten. Der Blick war frei auf das Innenleben dieser Bühne. Für die Macher muss sich eine unglaublich große Fülle an Material ergeben haben, die es zu bewältigen galt. Viele disparate Stimmen und ebenso viele Bilder waren rund um das Grundthema „junge Profis im Fußballgeschäft“ zu einer erzählerischen Einheit zu formen.

„Hauptsache Fussball“ ist angelegt wie ein Roman mit einigen Nebenlinien der Erzählung. Das thematische Zentrum der Dokumentation sind die Erfahrungen von jungen Spielern an unterschiedlichen Arbeitsplätzen in der Unterhaltungsbranche Fußball. Das geht vom Nationalspieler Holger Badstuber bei Bayern München über zwei Torhüter mit unterschiedlichen Perspektiven auf der Suche nach dem richtigen Verein hin zu Tobias Schweinsteiger beim Drittligisten oder Fabian Bäcker als Nachwuchsspieler auf dem Sprung in den Profikader des Bundesligisten. Ihre Trainer wie Hermann Gerland, Jürgen Gelsdorf oder Michael Frontzeck kommen ebenso zu Wort wie der Spielerberater Jörg Neblung, der für die jungen Spieler passende Arbeitsplätze finden will. In den Nebenlinien geht es immer wieder um die Bedeutung von Fußball im Leben der Menschen. Es geht aber auch um das öffentliche Bild von Vereinen wie Bayer Leverkusen oder dem FC Schalke 04, es geht um Meinungen von Fans und Journalisten. Zudem nimmt der Regisseur des Films Andreas Bach das eigene Fan-Dasein und das seiner Familie als erzählerisches Moment in den Film mit hinein.

Ein erster Eindruck lässt sich durch den Trailer mit Holger Badstuber vom FC Bayern München und dem Nachwuchsspieler von Borussia Mönchengladbach Fabian Bäcker gewinnen.

In diesen Interviews mit den Akteuren des Fußballgeschäfts, den Spielern, dem Spielerberater, den Trainern, Managern oder Nachwuchskoordinatoren, in diesen Interviews wird über den beruflichen Alltag im Fußball geredet, über die Bedeutung des Fußballs für die einzelnen Sportler und immer wieder über die Bedingungen, unter denen dem Beruf nachgegangen wird. Oft ziehen  gerade die Trainer den historischen Vergleich. Sie sehen – manchmal auch mit Skepsis – auf die veränderte Gesellschaft, in der Kinder heute aufwachsen. Sie beschreiben mit welcher Persönlichkeit und mit welchen Eigenschaften Jugendliche heute in die Vereine kommen. Sie haben die Entwicklung dieses Sports in den letzten zehn Jahren im Kopf und die Folgen der so immensen Professionalisierung in den Vereinen für die jungen  Spieler.

Die Interviews sind unterhaltsam mit atmosphärischen Bildern rund um den Fußball zusammengeschnitten, so dass die Dokumentation einen filmischen Rhythmus erhält und mehr ist als die Aneinanderreihung von „sprechenden Köpfen“. Andreas Bach, Marco Jankowski und Burkhard Vorländer haben auf jeden Fall einen Film für alle Fans des Fußballs gemacht. Noch etwas besser wäre der Film geworden, hätten sich die Macher in den Nebenlinien etwas zurückgenommen und sich gerade zum Ende des Films mehr auf das Hauptthema, die jungen Profis, konzentriert. Auch ein Roman kann im letzten Drittel nicht mehr sehr weit abschweifen vom Zentrum seiner Handlung, ansonsten droht er zu zerfasern. Einen ähnlichen Eindruck macht mir das letzte Drittel der Dokumentation. Hier wäre weniger mehr gewesen.  Die 140 Minuten bekommen im letzten Drittel Längen, wenn die 11Freunde-Mitarbeiter ihre nur für Fußballfans spaßigen Scherze treiben und der Filmemacher Andreas Bach Bilder aus einer Art Filmtagebuch der eigenen Stadionbesuche in den Film schneidet. Ohne diese Längen wäre der Film überragend und auch für ein Publikum ohne Fußballinteresse durchgehend interessant, nur wir Fußballfans nehmen jedes dieser Bilder gerne. Solche Worte verträgt der Film. Sie mindern nicht die uneingeschränkte Kaufempfehlung an alle, die hier normalerweise lesen.

Mehr Informationen über den Film finden sich auf einer eigens eingerichteten Seite im Netz. Dort sind auch Trailer zu sehen, die vor dem 21. Mai in diesen Räumen hier keinen Platz erhalten können. Schließlich müssen wir am MSV Duisburg Interessierten die Kräfte für das DFB-Pokalfinale bündeln, und auch wenn ich mich sonst an jeder Fan-Geschichte erfreue, im Moment gibt es für Sympathiebekundungen auf jeden Fall ein richtig und falsch.

Hauptsache Fussball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel. Ein Film von Andreas Bach, ab € 15,99.

Angesehen: Kategorie C – Ein Dokumentarfilm

Vor zwei Jahren hatte Kategorie C, ein Dokumentarfilm von  Franziska Tenner, seine Premiere. Seit einem Jahr ist der Film als Kauf-DVD im Handel erhältlich. Nun habe ich ihn mir angesehen. Nicht alle Zuschauer eines Fußballspiels werden wissen, dass sie als Stadionbesucher von der Polizei in drei Gruppen eingeteilt werden. Die „Kategorie C“ umfasst dabei die gewaltsuchenden Fans von Fußballvereinen. So verweist der Titel auf das Thema des Dokumentarfilms, und auf Franziska Tenners Seite im Netz wird mit den als Werbung gemeinten Informationen zum Film behauptet, der Film zeige am Beispiel zweier verfeindeter Fangruppen „was es bedeutet, Fußball-Fan der „Kategorie C“ zu sein – als Ultra und als Hooligan“. Es wäre schon viel gewesen, Bilder dieser Fan-Leben in Leipzig beobachtend zu sammeln. Doch Franziska Tenners Werbetext suggeriert sogar, sie habe Erklärungen gefunden. Denn, so die Eingangsfrage im Film: „Woher nehmen sich Männer das Recht, das Gewaltverbot zu übertreten?“ Es werden also große Erwartungen geweckt, die die Filmemacherin nicht annähernd einlöst.

So ein Film über Fans der Kategorie C hat nämlich ein grundsätzliches Problem, wenn diese Fans nicht damit einverstanden sind, dass eine Kamera bei ihrem Alltag dabei ist. Dann fehlen nämlich Bilder, und so muss Franziska Tenner beim Blick auf die Leipziger Fans Vorlieb nehmen mit Standardsequenzen von Zuschauerrängen während des Spiels und bekannten Gewaltbildern aus einem Stadion. Dazu spielt sie wenig erhellende Interviews ein mit verschiedenen Fans. Einige von ihnen haben sich aus der Szene zurückgezogen, andere gehören mehr dem Randbereich an. Zwei Polizisten schildern ihre Sicht der Dinge. Dazwischen schneidet sie immer wieder von Fans selbst aufgenommene Wackelbilder aus lange vergangenen Prügelzeiten, die dem Ruheständler der Kategorie C gemütvolles Erinnern bescheren.

Franziska Tenner hätte ihr Scheitern beim Zugang zur gewaltbereiten Fan-Szene thematisieren müssen, um in ihrem Dokumentarfilm etwas zu erzählen, was wir nicht wissen und was über die Selbstaussagen von Fans hinausgeht. Stattdessen bohrt sie bei Interviews nach bedeutungsschwangeren O-Tönen und verliert dabei die Distanz zu den Menschen, die sie befragt. So wird neben den fehlenden Bildern ihre schwammige Haltung zu einem Problem des Films. Sie verhält sich weder als neutrale Beobachterin, noch bezieht sie irgendeine Position.

So bietet sie dem Ruheständler der Kategorie C küchenpsychologische Deutungen für dessen vergangenes, gewaltvolles Handeln an, wenn sie fragt, ob in unserer Gesellschaft einfach kein Platz mehr für wahre Männlichkeit sei. Dem jugendlichen Gewalttäter begegnet sie mit der Fürsorge einer verständnisvollen Sozialarbeiterin. Vielleicht wollte sie damit Vertrauen bei ihren Interviewpartnern schaffen, aber spätestens bei der Sichtung ihres Materials hätte sie sich über ihre eigene Haltung klar werden müssen. Wer sich seinem Thema auf diese Weise nähert, wirkt so, als sei auch er selbst dazu bereit, einfache Erklärungen für komplexe Sachverhalte hinzunehmen.

Deshalb erzählt der Film aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr als das, was jeder weiß. Es gibt Fußballfans, die Gewalt für eine coole Sache halten und wenn man älter wird, erzählt man gerne, früher war alles besser – selbst die Schlägereien. Da wird dann fabuliert, damals in den guten alten Hooligan-Zeiten hörte jeder auf zu schlagen, wenn einer erst mal auf dem Boden lag. Was dann in den eingespielten, selbst erstellten Filmchen dieser Schläger auch besonders gut zu sehen war, wie eindrucksvoll sie da aufhörten. So sehr hörten diese ehrenwerten Straßenkämpfer auf zuzuschlagen, dass sie ihren Kumpels bei deren wiederholtem Treten gegen die am Boden liegenden anderen ehrenwerten Straßenkämpfer nicht im Weg waren. Aber damals waren Schlägereien schon gesitteter,  klar.

Solche Widersprüche in Aussage und Bild werden aber nicht weiter verfolgt. Die Selbststilisierung der Fans der Kategorie C bleibt unangetastet, vor der Kamera geschieht nichts, was bewegt und zu Erkenntnis verhilft. Dass sich auch Fans der Kategorie C gut fühlen wollen, hätte ich auch vorher schon vermutet, und Schlägereien im Wackelbild lassen sich bei youtube auch ohne Kauf-DVD immer wieder finden.

Kategorie C. Deutsche Hooligans. Ein Dokumentarfilm von Franziska Tenner. DVD. Erstveröffentlichung 2009. Ab 17,00 Euro.

Im Westen ging die Sonne auf – Ein Dokumentarfilm

Ich bin ein Junkie, historische Dokumente sind meine Droge. Und wie das mit Süchten und der Selbstwahrnehmung so ist, genau weiß ich nicht, was es mir alles gibt, auf dem Schwarzweißfoto aus den 20ern Fahrradfahrer zu mustern, sämtliche Lebensmittel auf einem handgeschriebenen Einkaufszettel vom Ende des 19. Jahrhunderts nachzulesen oder gebannt auf Filmaufnahmen von Werkstorgeschäftigkeit im Ruhrgebiet der 50er Jahre zu starren.

Ich bin also bei der Wertung eines Dokumentarfilms voreingenommen, wenn ich bald nach dem Start der DVD „Im Westen ging die Sonne auf“ neben den Interviews mit Zeitzeugen einen Bergmann im  Straßeninterview der 60er Jahre sehe oder den Sportjournalisten in den 70ern, der neben einem Aschenplatz stehend von den noch älteren Zeiten Ende der 40er erzählt. Die Wirkung der Filmausschnitte mit diversen Fußballspielen von den 50ern bis zum Anfang der 70er brauche ich wahrscheinlich nicht besonders betonen?

„Im Westen ging die Sonne auf“ lässt sich als Heimatfernsehen für das Ruhrgebiet und als anekdotenreicher Rückblick auf den dortigen Fußball vor allem der 50er und 60er Jahre gleichermaßen empfehlen. Als Episodenfilm klassischer dokumentarischer Machart hat Wolfgang Ettlich das Ganze angelegt. Einen Verein nach dem anderen nimmt er sich im nördlichen Ruhrgebiet vor und widmet ihnen jeweil 13 bis 20 Minuten. Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne, Sportfreunde Katernberg, Spielvereinigung Erkenschwick und der SV Sodingen sind seine Stationen. Interviews mit Zeitzeugen und historische Filmausschnitte oder Dokumente im Standbild dagegen geschnitten, das ist seine erzählerische Form für die Vergangenheit. Für den Blick auf die Gegenwart schneidet er die O-Töne gegen den Blick auf Spielbetrieb und Alltagssituationen der Interviewten. Manchmal klingt der Kommentar des Films zu pathetisch in meinen Ohren und die Filmmusik erinnert mich zu sehr an auswechselbare Industriefilme der PR-Branche.

Doch stört letzteres nur wenig, denn die Dokumentation lebt vor allem durch die Menschen, die sie zeigt – ob das nun die alt gewordenen Fußballer oder Vereinsverantwortlichen mit ihren Anekdoten sind oder die F-Jugendtrainerin der Gegenwart, die den Laden bei den Sportfreunden Katernberg mit am Laufen hält.  Man erhält auf diese Weise einen Einblick in Alltagsgeschichte der 50er bis Anfang der 70er, in denen die vorgestellten Vereine noch Größen im Fußball der Region waren, im Fall von Rot-Weiß Essen als Deutscher Meister von 1955 sogar im Fußball Deutschlands. Ebenfalls wird aber an anderer Stelle die Bedeutung der Fußballvereine im Leben der Gegenwart aufgezeigt.

Geht es um das Früher schwingt im Erzählen der ehemaligen Spieler oder Vereinsverantwortlichen immer auch der Stolz auf diese Zeit mit, die in der Gegenwart als überaus fern erscheint. Welcher RWE-Zuschauer der vierten Liga bekommt nicht glänzende Augen, wenn er über seinen Verein hört:  „Ich sach das mal und das kann ich ohne weiteres so behaupten: Wir waren Deutschlands bester Botschafter in Sachen … für Fußball in aller … in der ganzen Welt.“ Das waren jene Zeiten, in denen die Fußballer noch Tür an Tür mit den Zuschauern ihrer Vereine wohnten, Zeiten, in denen sie mit den Zechen sogar oft denselben Arbeitgeber hatten. Während die einen unter Tage fuhren, erhielten die anderen den leichteren Arbeitsplatz und wurden freigestellt für Trainingseinheiten. Das ergab eine andere Verpflichtung den Zuschauern gegenüber, jene Verpflichtung, an die sich die Anhänger heute überall  immer wieder nostalgisch verklärt erinnern. Doch auch damals trennten die hier vorgestellten Vereine bereits Welten. Während Willy Lippens bei Rot-Weiß Essen schon so viel Wert war wie „drei Einfamilienhäuser“, wurden über die Sportfreunde Katernberg schon Erinnerungsreportagen – wahrscheinlich  für „Hier und Heute“ –  gedreht.

Die jeweiligen Episoden haben unterschiedliche erzählerische Schwerpunkte. Bei der Spielvereinigung Erkenschwick und Rot-Weiß Essen geht es vor allem um die Historie des Vereins, bei den anderen drei Vereinen rückt deren Bedeutung für Menschen in der Gegenwart in den Blick. Wenn bei den Sportfreunden Katernberg die F-Jugendtrainerin Katja spricht, erfährt man nicht nur von bekannten Problemen des heutigen Breitensports, sondern man erkennt auch in ihrem Reden jene Wesenszüge des Ruhrgebiets, an die wir Exil-Ruhris uns immer mit als erstes erinnern und die die Öffentlichkeitsarbeiter der Region so gerne als positiven Standortfaktor in ihren Imagebroschüren erwähnen.  Sie verkörpert das bodenständige, zupackende Ruhrgebiet, das die Dinge nimmt, wie sie kommen und dabei klar auspricht, worum es geht. So eine Frau des Ruhrgebiets beantwortet die Frage nach der großen Vergangenheit des Vereins ganz lakonisch: „Ist schade, dass es nicht mehr so ist, aber ist mir eigentlich relativ egal, weil ich trotzdem zur ersten Mannschaft halte.“

Katja ist die Gegenwart dieses Vereins und eine ihrer Begegnungen mit der Vergangenheit wird von der Kamera zufällig begleitet. Sie verantwortet während der Heimspiele der ersten Mannschaft auch den Kioskverkauf und ein älterer Besucher, der um einen Kaffee bittet, erweist sich als langjähriger Vereinsfunktionär.  „43 Jahre im Vorstand, 38 Jahre Hauptkassierer“, erzählt der ältere Herr und erzählt noch dies und das und zwischendurch fällt der Satz: „Meinen 80. Geburtstag haben sie trotzdem vergessen.“ In solchen Momenten offenbart sich dieses Leben mit all seinen Gefühlen. Da schwingt Stolz, Enttäuschung, aber auch noch die Energie der Vergangenheit im Reden mit und das alles spielt in der Gegenwart des Vereins keine Rolle. Katja hatte ihn zunächst nicht gekannt. Solche Momente hat dieser Film immer wieder und in solchen Momenten ist die Dokumentation am stärksten.

Da ist der Stadionsprecher vom SV Sodingen, der seit Jahrzehnten seinen Platz einnimmt und für viele Menschen des SV Sodingen so ganz anders wirkt, so „interessant“, gemeint ist „fein“ und „geistreich“. Da ist der Platzwart von Westfalia Herne, dessen Ehrgeiz, den Fußballern den best möglichen Rasen zu bieten, den sportlichen Ehrgeiz eines jeden Spielers in den Schatten stellt. Da sind die übergreifenden Erinnerungen der Alten an die schöne Zeit der „unzähligen, gemeinsamen Feste“ und an die „Priorität der Kameradschaft“. Egal, wie sehr sich da auch etwas verklärt hat, die Lebensverhältnisse der Vergangenheit waren bei aller Unterschiedlichkeit der sozialen Positionen sehr viel ähnlicher als heute. In dem Bezug auf diesen Topos der Erinnerung gleicht sich eine Generation, die in den 50ern und 60ern jung gewesen ist. Auch meine Mutter, im Basketball ab Mitte der 50er aktiv, erzählt die gleichen Geschichten wie Willy Lippens, wenn es um das Vereinsleben geht. Für einen kleinen Preis bietet „Im Westen ging die Sonne auf“ sehr viele Bilder und eine große Zahl kleinerer Geschichten, die berühren. Das lohnt sich!

DVD: Im Westen ging die Sonne auf. Ein Film von Wolfgang Ettlich. Baukau Media 2003. Ab € 8,90.

Indianer kennen heute Schmerzen

Die zweite Folge der TV-Dokumentation „Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden …“ habe ich nur zur Hälfte sehen können. Ich hatte das Aufnehmen vergessen und schaltete den Fernseher in dem Moment ein, als historische Filmszenen der 60er dem damaligen Fußballlaien mit dem angemessenen historischen Kommentar die Härte des Fußballspiels erläuterten. Das erinnerte mich an ein Thema, das im Königsblog Torsten Wieland unlängst aufgegriffen hatte.

Die gezeigten Spielszenen machen einen Zuschauer des modernen Fußballs auf deutschen Boden sprachlos. Da knallen Körper aufeinander, Beine erhalten schmerzhafte Tritte und die Spieler stehen kurz danach oder augenblicklich wieder auf den Beinen. Sie bewegen sich vorsichtig mit schmerzverzerrtem Gesicht und versuchen ihrem Körper die gewohnte Leistungsbereitschaft wieder abzugewinnen. Nur manchmal kommt der Masseur gerannt mit einem Fläschchen in der Hand.

Zu dem unsäglichen Liegenbleiben ohne Grund hat Torsten Wieland schon alles Notwendige gesagt. Es gibt aber einen interessanten weiteren Aspekt, der mir bei dem Vergleich des Verhaltens von Fußballern beim Foulspiel damals und heute in den Sinn kommt. Es gibt da nicht nur mit dem Zeitschinden eine Art Mode des Umgangs mit der Situation. Schmerz, so habe ich den Eindruck, wurde früher auch anders gefühlt.

Aus der medizinischen Forschung ist ja bekannt, die feststellbare körperliche Ursache von Schmerzen reicht für den medizinischen Befund nicht aus. Die psychischen Prozesse der Verarbeitung erst bestimmen, wie der Schmerz des vermeintlich objektiven körperlichen Zustands vom Betroffenen wahrgenommen wird und damit seine Lebensqualität einschränkt. Mir scheint es offensichtlich zu sein, dass in der Vergangenheit Fußballspieler Schmerzen auf andere Weise psychisch verarbeitet haben als es bei Fußballspieler heute geschieht.  Das hat soziale Ursachen, die zum einen meiner Meinung nach im Männerbild unserer Gesellschaft zu suchen sind. Natürlich müssen Männer immer noch in der Tendenz ein wenig mehr aushalten als Frauen, aber das Weinen von Jungen ist bei den Eltern der Gegenwart inzwischen nicht mehr ganz so verpönt. Der Indianer kennt deshalb auch den Schmerz und darf darunter leiden.

Zum anderen prägte die Professionalisierung des Fußballs das Bewusstsein für den Wert der Gesundheit eines Körpers. Damit meine ich auch den Geldwert. Sowohl der Verein als zeitweiliger Eigner dieses Körpers als auch der Spieler selbst bildeten erst im Verlauf dieses in den 60er Jahren einsetzenden Prozesses ein differenziertes Interesse an der möglichst langfristigen Gesundheit des Körpers aus. Je deutlicher aber ein Fußballer einen Begriff davon hat, dass die Ausübung seines Berufes von der Gesundheit seines Körpers abhängt, desto feiner wird die Wahrnehmung von Schmerz.

Wenn ein Fußballspieler heute also nach einem Foul auf dem Boden liegen bleibt, leidet er manchmal tatsächlich mehr als seine Vorgänger beim gleichen Foul. Ganz häufig aber nervt er eben auch nur mit seinem Bedürfnis das Laienschauspiel „Großes Leiden am tiefen Schmerz“ aufzuführen.

Programmhinweis: TV

Wer heute Abend um 20:15 Uhr nach dem dann hoffentlich vollbrachten Sieg in Frankfurt die gute Stimmung lieber mit Freunden beim Bier teilen will, sollte sich den Rekorder, analog oder digital, programmieren. Im dritten Programm des WDR läuft dann nämlich der erste Teil einer zweiteiligen Dokumentation über die Anfänge des Profifußballs im Nordrhein-Westfalen der 60er Jahre. „Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden …“ ist der Titel der Dokumentation, deren erste Folge „Für´n Appel und ´n Ei“ heute zu sehen ist. Die zweite Folge heißt „Gesunde Härte“ und wird am 15.5. gesendet.


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