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Fußballgefühle wie früher

Faszinosium Fußball – das Finale der Champions League zwischen Atletico und Real erinnerte mich tatsächlich an die Spiele vom MSV Duisburg. Was habe ich mich gestern gelangweilt. Wie erinnerte die Dynamik des Spiels an die meist ergebnislosen Bemühungen um Schnelligkeit beim MSV. Was habe ich dem Überangebot im Netz gedankt für ablenkende Zerstreuung. Über weite Strecken des Spiels musste ich fortwährend an den MSV Duisburg beim Auswärtsspiel gegen Paderborn in der letzten Saison denken.

So jung habe ich mich dabei gefühlt. Früher, in den 70ern und 80ern war das eigentlich immer so für mich. Viel mehr als Fußball mit deutscher Beteiligung bekam man im TV ohnehin nicht zu sehen, und weil Fußball meist über lange Strecken eines Spiels langweilig war, war für mich nur der Fußball des MSV Duisburg wirklich wichtig. In Abstufungen kamen die Länderspiele und Europapokalspiele deutscher Mannschaften hinzu. Faszinosium Fußball hieß früher Sieg oder Niederlage meines Vereins.

Eine Zeit lang wurde das anders, weil die technischen Fähigkeiten der Spieler besser wurden. Weil es tatsächlich interessant wurde, die Kunstfertigkeit in anderen Spielen sich anzusehen. Heute aber fühle ich mich allzu oft an meine Jugend erinnert. Heute geht es mir wieder immer mehr so, dass mich nur noch Sieg oder Niederlage meines Vereins interesssiert. Denn ich bin ungnädiger geworden, wenn ich Fußballspiele ohne meinen Verein sehe, die mir als besondere Fußballspiele dargeboten werden. Wir wissen das, diese sollen ein konkurrenzloses Unterhaltungsangebot sein. Ein Angebot der Unterhaltungsindustrie aber, das nicht unterhaltsam ist, ist ein schlechtes Angebot. Das Eis ist dünn geworden für den Fußball als Angebot der Unterhaltungsindustrie. Zumindest bei mir. Ob es da wieder rausgeht?

Wissen ist Macht

Auch wenn es mancher jetzt nicht glauben mag, heute schreibe ich als teilnehmender Beobachter in vorwissenschaftlichem, mir selbst gegebenem Auftrag. Ich schreibe nicht als emotionaler Fan. Ich bewerte nicht, sondern nehme Daten auf. Beim Lesen dieses Artikels zu Milan Sasic in Der Westen stellte ich mir nämlich sofort die Frage, ob er vielleicht auch ein Beleg für den sich ausentwickelnden Kunstsektor Fußball ist, wie er mir neulich in Zusammenhang mit dem Xavi-Interview in der Süddeutschen Zeitung in den Sinn kam. Vielleicht ist dieser Artikel ein unbeabsichtigtes Zeugnis für diese Entwicklung.

Milan Sasic hatte anscheinend Sportberichterstatter Duisburgs geladen, um Erklärungen für mangelnden Erfolg zu geben. Ich lese als Erklärung aber nichts anderes als den allgemeinen Verweis auf Fehler der Spieler, der eine Geste der Machtdemonstration mit unausgesprochenem Herrschaftswissen folgt: „Der Trainer zeigt auch Eckbälle. Sasic schmunzelt: ‚Es gibt immer noch Leute, die nicht verstehen, warum bei uns zwei Leute an der Eckfahne stehen.'“ Dazu muss man wissen, es gibt viele Zuschauer, die diese Eckballvariante heftig kritisieren.

Milan Sasic gibt nun keine Erklärung für diese Eckballvariante. Im Artikel gibt es nur diese Beschreibung eines wissenden Schmunzelns. Wem ist nun die ausbleibende Erklärung anzulasten? Den Journalisten? Milan Sasic? Als teilnehmender Beobachter interessiert mich das gar nicht. Als teilnehmender Beobachter stelle ich fest, im Geschehen zwischen Milan Sasic und den Duisburger Sportjournalisten offenbaren sich Zeichen von Herrschaftswissen. Für den Fußball, der sich als Kunst verstehen möchte, ist das normal. Auch im Kulturbetrieb gibt es immer wieder Menschen, die Duftmarken setzen, um den Wert des eigenen Kulturerlebens zu steigern. Sie wollen sich unterscheiden. Die Mechanismen für diese Unterscheidung sind immer dieselben. Hier stehen wir, die sehen und erkennen, dort sind die, deren Reden ein Zeugnis ihrer Unkenntnis ist.

Als Fan lässt der Artikel mich übrigens verwirrt zurück. Ich weiß nicht so recht, an welcher Stelle es mit der Wissensvermittlung an die Leser hapert. An wen wollte sich Milan Sasic wenden? Wollte er die Zuschauer erreichen? Das hat er eindeutig nicht geschafft. Haben das die Journalisten vermasselt? Wollte er den Journalisten privatissime eine Fortbildung in Sachen Fußballlehre geben? Warum haben sie dann daraus diesen Artikel gemacht? Warum haben sie ihr neu erworbenes Wissen nur unzureichend weitergegeben?

Die Quintessenz dieses Artikels lautet, die Spieler des MSV Duisburg können‘ s einfach nicht. Warum das aber so ist, das scheinen die Anwesenden für so selbstverständlich zu halten, dass sie es nicht weitererzählen. Das muss von selbst verstanden werden. Das lässt sich auch als Signal an Zuschauer interpretieren, stille zu sein. Wenn ich wollte, könnte ich den Artikel als Versuch verstehen, öffentliche Stimmen durch Zuschreibung von Unkenntnis zu entkräftigen. Wenn ich wollte, könnte ich glauben, hier sollen Zeichen gesetzt werden, dass entgegen einer weit verbreiteten Meinung doch nicht jeder beim Fußball mitreden darf. Wenn ich wollte. Ich will aber gar nicht.

Die Absicht von Milan Sasic war vielleicht eine andere. Vielleicht wollte er tatsächlich etwas erklären, vielleicht wollte er einer vermuteten wirksamen Kritik von Seiten interessierter Fans mit Argumenten entgegen wirken. Vielleicht sind Dirk Retzlaff und Thomas Tartemann auch einfach nur dem Charme Milan Sasics erlegen. Könnte mir im Übrigen auch passieren.

Zuschauerzahlen – Daten und ein lang gewordener Text

11.249 Zuschauer waren am Samstag, dem 6. November, ab 13 Uhr im Stadion, als der MSV Duisburg sein Heimspiel gegen die SpVgg Greuther Fürth bestritt. Angesichts der Bedeutung des Spiels und der in dieser Saison gezeigten Leistung der Duisburger Mannschaft war das eine enttäuschende Zahl für viele MSV-Fans. Etwas zurückhaltender bewertet man auf Vereinsseite die Zuschauerzahl, gleichwohl natürlich der Wunsch nach einem gefüllteren Stadion besteht. Diese Haltung hebt sich wohltuend ab von den Zeiten, als ein Peter Neururer noch Mindestzuschauerzahlen verkündete, die seine Mannschaft im März letzten Jahres verdient haben sollte. Schon damals war es unter anderem auch in diesen Räumen zum Nachdenken über das Publikum des MSV Duisburg gekommen. Damals ging es mir vor allem um die Mentalität des Duisburger Publikums.

In diesen Tagen ist das Nachdenken umfassender angelegt. Fans des MSV Duisburg haben so viel Freude am Spiel ihrer Mannschaft, dass sie dieser Mannschaft ein volleres Stadion gönnen.  So begann im MSVportal eine Diskussion über die Frage: „Warum kommen, trotz Heimstärke, so wenig zu den Heimspielen?“ Wenige Tage später hat Der Westen das Thema aufgegriffen, und schnell wuchs die Zahl der Kommentare unter dem Artikel. Dort erklärten dann auch ehemalige MSV-Zuschauer, warum sie nicht mehr ins Stadion gehen. Zu lesen ist also inzwischen ein vielfältiger Chor von Erklärungen für das Fernbleiben, von Spekulationen über das Fernbleiben oder das Gar-Nicht-Erst-Kommen und von Überlegungen, wie der Zustand zu ändern ist. All das reiht sich gleichgewichtig aneinander, und es wäre Aufgabe des MSV Duisburg das auszuwerten. Gleichzeitig erinnert mich diese Vielzahl der Stimmen aber auch an ein Bonmot von Kurt Tucholsky,  nämlich alles sei richtig, auch das Gegenteil.

Mich beschlich beim Lesen dieser vielen Meinungen zudem ein komisches Gefühl. Irgendetwas gefiel mir nicht an dem Ton, der vorherrschte. Richtig greifen konnte ich das nicht, weil da Fans, vor allem im MSVportal, meist doch sehr konstruktive Vorschläge zur Veränderung der Situation machten. Erst allmählich konnte ich fassen, was ich da als Überbau dieses Redens wahrnahm. Dieser Überbau versteckt sich schon in der Frage. Diese Frage und auch der Artikel in Der Westen behaupten einen Mangel, von dem wir gar nicht wissen, ob es ihn überhaupt gibt.

Ich will das genauer erklären. Der Maßstab für die Erkenntnis von Mangel ist das ausverkaufte Stadion. Aber es macht einen Unterschied, ob ich den Wunsch habe, mehr Zuschauer für das Fußballspiel des MSV Duisburg zu begeistern,  und ich versuche das mit neuen Mitteln zu erreichen, oder ob ich davon ausgehe, es kommen einfach zu wenig Zuschauer dafür, wie es eigentlich sein könnte. Der Unterschied leuchtet vielleicht manchem nicht ein, doch ich glaube die jeweiligen Problembeschreibungen unterscheiden sich sehr in ihren Folgen für die psychische Dynamik, die sie bei denen entfalten können, die sich um mehr Zuschauer kümmern. Im ersten Fall handel ich aus eigener Stärke heraus und versuche andere Menschen, von dem, was ich mache, zu überzeugen. Im zweiten Fall kann sich bald ein Vorwurf einschleichen und dieser Vorwurf  richtet sich an alle, die nicht kommen, obwohl man doch schon alles Mögliche für dieses Kommen getan hat.

Außerdem stellt sich mir die Frage, ist es wirklich so, dass so wenig Zuschauer kommen? So wenig heißt, zu wenig für das, was möglich wäre. Vielleicht findet sich in der Historie eine Perspektive für die Bewertung der gegenwärtigen Zuschauerzahlen. Vielleicht halten wir uns noch einmal an Fakten, und schauen stichprobenartig, wie groß der Zuschauerzuspruch in Duisburg über die Jahre hinweg war. Die Daten stammen aus dem Netz von weltfussball.de. Einzelne Zahlen habe ich bei transfermarkt.de gegengeprüft. Die Zahlen unterscheiden sich nur geringfügig. Weil ich den Zuschauerschnitt für die  90er Jahre nicht glauben konnte, habe ich sogar mit den Zuschauerzahlen aus dem Kicker die Saison 1997/98 nachgerechnet. Diese Rechnung bestätigte die Zahlen der beiden anderen Seiten.

Aber beginnen wir in der Gegenwart: In der  laufenden Saison hatte der MSV Duisburg bislang durchschnittlich 13.670 Zuschauer. Damit befindet er sich auf Rang 8 der Zuschauertabelle vor dem VfL Bochum auf Rang 11 mit durchschnittlich 12.151 Zuschauern. Ich stelle den VfL Bochum bewusst im Vergleich dazu, weil dieser Verein in Deutschland in Struktur und Lage dem MSV Duisburg am ähnlichsten ist. Jedes Schielen auf andere Vereine halte ich für wenig erhellend. Für das Ruhrgebiet liegt das beim FC Schalke 04 und Borussia Dortmund auf der Hand. Am Niederrhein aber wirkt der Blick ins Landesinnere nach Mönchengladbach oder den Rhein abwärts nach Düsseldorf auf manchen MSV-Fan allzu verführerisch.

Nun denn, wie war das also mit den Zuschauerzahlen?

2. Liga, 2009/2010: 14.070; Rang 10

2. Liga, 2008/2009: 14.747;  Rang 10

1. Liga, 2007/2008: 25.041; Rang 12 vor dem VfL Bochum auf Rang 14 mit 24.399 Zuschauern im Schnitt

2. Liga 2006/2007: 18.028; Rang 6

1. Liga, 2005/2006: 25.183; Rang 14

2. Liga  2004/2005: 16.819; Rang 5

2. Liga 2003/2004: 9.464; Rang 9

Machen wir einen Sprung über die Zeiten von etwa 7.500 Zuschauern im Schnitt hinweg in die 90er.

1. Liga 1999/2000: 15.115; Rang 17

1. Liga 1998/1999: 17.318; Rang 16 nach dem VfL Bochum auf Rang 13 mit 23.734 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1997/1998: 16.623; Rang 18 nach dem VfL Bochum auf Rang 13 mit 26.698 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1996/1997: 19.417; Rang 17 nach dem VfL Bochum auf Rang 10 mit 28.404 Zuschauern im Schnitt.

2. Liga 1995/1996: 11.545; Rang 4 nach dem VfL Bochum auf Rang 2 mit 15.573 Zuschauern im Schnitt.

1.Liga 1994/1995: 21.103; Rang 15 nach dem VfL Bochum auf Rang 13 mit 24.585 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1993/1994: 23.299; Rang 12

2. Liga 1992/1993: 11.947; Rang 2

1. Liga 1991/1992: 21.654; Rang 10 vor dem VfL Bochum auf Rang 11 mit 18.737 Zuschauern im Schnitt

2. Liga 1990/1991: 12.905; Rang 2

Überspringen wir die Jahre in der Amateurliga und gönnen wir uns noch den Blick in die glorreichen 70er Jahre:

1. Liga 1979/80: 16.882; Rang 15 nach dem VfL Bochum auf Rang 11 mit 21,471 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1978/79: 15.835; Rang 18 nach dem VfL Bochum auf Rang 10 mit 26.235 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1978/77: 18.529; Rang 17 nach dem VfL Bochum auf Rang 12 mit  23.888 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1977/76: 19.800; Rang 14 vor dem VfL Bochum auf Rang 17 mit 16.059 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1975/76: 13.824; Rang 18 nach dem VfL Bochum auf Rang 12 mit 20.000 Zuschauern im Schnitt.

Für den MSV Duisburg gab es in dieser frühen Zeit der Bundesliga nur in den ersten drei Jahren einen Zuschauerschnitt über 20.000. Die meisten Zuschauer kamen im ersten und sportlich erfolgreichsten Jahr der Bundesligazugehörigkeit: im Schnitt 28.400.  Danach gingen Jahr für Jahr die Zuschauerzahlen zurück, um sich Ende der 60er Jahre auf etwa 17.500 einzupendeln. Mit Beginn der 70er Jahre sank der Schnitt noch einmal auf etwa 15.000 um die nächsten Jahre stark zu schwanken zwischen etwa 19.000, 17.000 und den oben angeführten 13.824 Zuschauern im Schnitt.

Eigentlich sind diese Durchschnittszahlen nun nur der Anfang einer Datenbestandsaufnahme. Um diese Durchsschnittszahlen zu deuten, müssten sie in Relation gesetzt werden zum sportlichen Erfolg, zu Entwicklungen im Fußball und rund um den Verein sowie letztlich den Entwicklungen in der Stadt Duisburg selbst. Diese notwendige exakte Analyse überlasse ich den Angestellten des Vereins.

Ich belasse es bei einigen Anmerkungen; Sätze, meistens Fragen, die mir beim Auflisten der Daten durch den Kopf gingen. Betrachte ich die Zuschauerzahlen des MSV Duisburg über die Jahre, so habe ich den Eindruck, die gegenwärtigen Zuschauerzahlen sind gar nicht so schlecht, wie es den Anschein hat. Dabei ist mir klar, die absoluten Zahlen müssen heute höher sein als in der Zweitliga-Vergangenheit. Mir geht es aber um die Tatsache, dass das Stammpublikum in dieser Vergangenheit im Vergleich mit anderen, ähnlich erfolgreichen Vereinen nie wirklich groß gewesen ist. Ich habe aber den Eindruck, das gegenwärtige Stammpublikum wird trotz zweier schlechter Spielzeiten erreicht und das auf einem Niveau von etwa 14.000 Zuschauern im Schnitt. Das Spiel gegen Fürth werte ich als Ausreißer durch die ungünstige und viel zu frühe Anstoßzeit am Samstag.

Das entbindet den MSV Duisburg natürlich nicht von der Verantwortung, Maßnahmen zu ergreifen, die Zuschauerzahl zu steigern. Diese Einsicht könnte aber helfen, den Blick weg vom Mangel zu rücken hin zu einem realistischen Selbstbewusstsein, mit dem das Stadion weiter gefüllt werden könnte. Es gab höhere Zuschauerzahlen vor allem nach dem Bau der MSV-Arena. Aus meiner Sicht war das neue Stadion zusammen mit der nach einigen Jahren der Entbehrung wieder sportlich erfolgreichen Mannschaft ein besondere Grund für den Zuspruch der Zuschauer. Aber Erfolg ist ein wankelmütiges Ding und als Grundlage für den Stadionbesuch ganz schnell nicht mehr vorhanden.

Ich glaube nicht an ein vorhandenes Zuschauerpotential, das unerschöpft ist und durch die richtigen Instrumente modernen Marketings und einer vernünftigen Öffentlichkeitsarbeit schnell erreicht werden kann. Betrachte ich die Vergangenheit, so deute ich die Zahlen so: Es gibt statt eines großen Anhangs des MSV Duisburg viele Duisburger, die immer mal wieder für einen Stadionbesuch zu begeistern sind. Es gibt also kein großes MSV-Publikum, das zurückgewonnen werden kann.

Ein weiterer Gedanke zu den 90er Jahren, in einer Phase des sportlichen Erfolgs gab es dennoch keinen Sprung der Zuschauerzahlen über den 20.000er-Schnitt. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass Erfolg alleine auch nicht ausreicht, um Fußballzuschauer in Duisburg an den Verein zu binden. Vielleicht hat der Duisburger auch ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Identität? Ein Quergedanke, der etwas zu weit führt. Aber der MSV Duisburg hat keine überregional wirksame Geschichte über sich selbst zu erzählen. Er ist ein Verein, der seine Anhänger mit ganz wenigen Ausnahmen in der Region finden muss. Deshalb gehören Überlegungen zur Identität der Menschen in dieser Region mit zu den Überlegungen, die ein Verein auf der Suche nach seinen Zuschauern anstellen muss.

Diese merkwürdige und widersprüchliche Mischung von Kultur, Sport und Geschäft macht es einem Verein wie dem MSV Duisburg mit viel Konkurrenz drumherum besonders schwer, Zuschauer langfristig an sich zu binden.  Wenn eins aus dem bisherigen Verlauf der Saison zu lernen ist, dann das: für den Erfolg braucht es als allererstes es eine Idee, eine Vorstellung davon, was der Verein erreichen will. Die Aussage, es sollen mehr Zuschauer ins Stadion kommen, ist nur eine scheinbare Antwort. Dieser quantitativen Antwort fehlt die inhaltliche Begründung. Und für diese inhaltliche Begründung langt guter Fußball oder sportlicher Erfolg nun einmal nur begrenzt. Unstreitbar ist das Spektakel in Gelsenkirchen oder Dortmund zurzeit größer. Wer das Event sucht, wird dorthin gehen. Wer den erstklassigen Fußball sucht, wird ebenfalls dorthin gehen und nicht in die zweite Liga. Wobei ich mir die Bemerkung natürlich nicht verkneifen kann, dass diese Gelsenkirchen-Fahrer vielleicht in der nächsten Saison sich dann doch nach anderen Angebote umschauen könnten – das aber nur am Rande. Wegen dieser nicht ausreichenden Bindungskraft des MSV Duisburg durch den Fußball alleine ist es so wichtig, dass zum einen auch andere Bereiche des Vereins als erfolgreich arbeitend wahrgenommen werden. Die Jugendabteilung ist da gerade ein großes Vorbild. Darüber hinaus aber braucht es ein lebendiges Umfeld des Vereins. Und auch da sehe ich große Energie und Kraft, viel kreatives Potential und Entwicklung. Vielleicht lässt sich in zehn Jahren eine Geschichte über den MSV Duisburg erzählen, die über die Stadtgrenzen hinaus attraktiv wirkt und so die Bindungskraft innerhalb der Region erhöht. Das ist dem FC St. Pauli gelungen, und das gelang nur, weil es um den Verein herum Zuschauer gab, die machten, was sie machten. Eines ist aber gewiss, so eine Entwicklung geschieht nicht innerhalb einer Saison und deshalb sollten wir nicht jedes Mal aufs Neue enttäuscht über Zuschauerzahlen sein. Wir können für diese Saison zufrieden sein. Und das erzähle ich gerne jedem weiter.

Ahanfouf zum zweiten

Die von Wehen Wiesbaden im Pressetext zur Ahanfouf-Entlassung benutzte Formulierung „laufendes Verfahren“ ließ mir keine Ruhe. Und auch wenn wir ja wissen, dass die BILD-Zeitung ihre Meldungen gerne selbst erfindet oder aufhübscht, steht hier also jetzt der Verweis auf die berühmten Quellen der BILD-Zeitung.

Wenn ich diese Information dann glaube, wirkt es so, als habe der Verfasser der Pressemeldung einfach nur zu wenig Sprachgefühl. Den dramatisierenden Klang des Ausdrucks hat er anscheinend nicht wahrgenommen. Denn was sich Ahanfouf geleistet haben soll, scheint mir nichts anderes als die oft gesehene Bockigkeit eines Spielers, der sich zu Unrecht degradiert glaubt.

Interessant an der Meldung ist aber auch diese selbstverständlich angenommene Dehnbarkeit des Wahrheitsbegriffs. Schließlich geht es um überprüfbare Fakten. War Ahanfouf im Stadion oder nicht? Ist er zu den Reha-Terminen erschienen oder nicht? Da sollte es doch keine Zweifel geben. Aber im Fußball sind es die Agierenden gewohnt, dass mit den Fakten auch andere Wirklichkeiten herstellbar sind. Das ist alles eine Frage des aktiven Zupackens auf möglichst vielen Ebenen. Berater können noch was drehen, denn es gibt immer Vereinsverantwortliche, die auf bislang übersehene Wege zum Erfolg hoffen. Manchmal lassen sich die Interessen eines Sportjournalisten mit denen des Fußballers in Deckung bringen. Und so wird um Wahrheit und Deutung gerungen, wo es früher einfach nur um zählbare Leistung ging. Auch in diesem Bedürfnis die Wirklichkeit zu kontrollieren und selbst zu inszenieren erweist sich Fußball als Teil der Unterhaltungsbranche.

Vakanzen entstehen, wenn Spieler gehen

Kürzlich erwähnte ich ja die in NRW sehnlichst erwarteten Schüler Sachsens, die den Klassenschnitt in den jeweiligen Schulformen heben könnten, und fragte mich, ob Lehrer Peter nicht doch auch insgeheim auf solche Sachsen-Schüler des Fußballs hofft. Das darf man nämlich guten Gewissens, wenn man seine Hausaufgaben macht. So heißt das immer. Ein Teil der Hausaufgaben ist bekannter Weise erledigt, vier Schüler sind nach unten weitergereicht, und so kann man anfangen, auch mal lauter über die Zukunft nachzudenken.

Dieses laute Nachdenken verwirrt allerdings meine Gefühle einigermaßen. Spüre ich doch einerseits auf einmal die angenehme und beruhigende Gewissheit, dass alle Dinge so bleiben, wie sie immer schon waren. Gerade als nicht mehr ganz so junger Mensch setze ich ja auf die Kraft des Vertrauten. Es wird alles gut, so denke ich gerne, wenn tatsächlich jedes Jahr sich der 24. Dezember als Heiligabend entpuppt und wenn nun auch beim MSV in der Winterpause Neuverpflichtungen zu einem Thema werden. Andererseits ziehen alle aus dem derzeitigen Weltgeschehen die Lehre, wegen dieser Krise dürfe es keineswegs so weitergehen wie bisher. Also doch besser dem  Neuen entgegensehen und ganz gegen die Winterpausengewohnheit niemanden verpflichten? Wenn ich mich recht entsinne, war das noch vor kurzer Zeit die Marschrichtung. Darum geschieht das Nachdenken über Neuverpflichtungen mittels vager Worthülsen des Politikersprechs. „Wenn Vakanzen entstehen, sind Neuverpflichtungen möglich“, sagt Neururer laut NRZ-Bericht.

Habe ich übrigens in Duisburg bei Muttern auf richtigem Papier gelesen, nachdem wir das Theater Freudenhaus in Essen-Steele besucht hatten. Für alle, die es noch nicht kennen, dort spielt man Volkstheater für jedes Alter mit Ruhrgebietswirklichkeit als Handlungsvorlage für die Stücke. Sonntagabend lief „Koplecks gehn am Stock“, inzwischen zum Klassiker geworden. War nach ein paar Anlaufschwierigkeiten der Handlung ein Abend zum Schmunzeln. Ist keine große Geschichte, aber nette Unterhaltung.

Was man von den Spielen des Vereins aller Vereine ja nun nicht durchweg behaupten kann. Ist meist auch keine große Geschichte und gerade deshalb zum Abgewöhnen. Aus diesem Grund spricht der vorausschauende Peter Neururer ja auch von Vakanzen, obgleich ja alle Spieler, die aussortiert wurden – und es sollen ja immer noch welche gehen – gut genug gewesen sind, um es beim Verein aller Vereine zu schaffen. Auch ein schönes Ritual, dieses Eiertanzen um die Qualität der geleisteten Arbeit – in diesem Fall der Verwaltungsarbeit. Zum selben Ritual gehört noch der Tätigkeitsnachweis, deshalb dürfen auf jeden Fall in der Winterpause die Testspieler vorspielen. Welchen Zusammenhang es da mit den Vakanzen gibt, bleibt allerdings offen. Denn mit der Außendarstellung hapert´s immer wieder. Der einzige konkrete Namen, der fällt, ist ausgerechnet ein ukrainischer Torwart names Yuriy Martyshuk. Da auf dieser Position ja auch dringend  was getan werden muss. Selbst, wenn da mal wieder perspektivisches Denken hinter stehen sollte, als Lösung für ein Sturmproblem taugt ein Torwart ja wohl nicht, nur weil er gerade vereinslos ist. Wenn jemand eine Brille braucht, geht er doch auch nicht zum HNO-Arzt, nur weil ausgerechnet da gerade keiner im Wartezimmer sitzt.


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