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Kein Werkstattbericht ist auch ein Bericht aus der Romanwerkstatt

Vielleicht hätte ich vor einer Woche bei meiner Ankündigung von regelmäßigen Werkstattberichten an Freitagen daran denken sollen, dass vor mir solche Brotarbeit lag, die fast eine Woche keinen Nebengedanken mehr erlaubte, nicht an die Fußballweltmeisterschaft, geschweige denn an irgendwelche noch zu schreibenden Romane. Wirklich nah kam mir der Fußball nur einmal in der letzten Woche, und zwar in einer Veranstaltung des medienforum.nrw mit dem Titel „Neue Doku-Formate“ und da das Neue immer nur in begrenztem Ausmaß Kulturereignis werden kann, umfasste die Präsentation der Neuheiten des digitalen Pay-TV-Programmanbieters History auch die gute alte Portrait-Reihe – in diesem Fall über Fußball-Stars.

Die Reihe gehört zum Programm des Schwestersenders The Biography Channel. Michael Ballack trainierend, Ronaldinho aufs Tor schießend und Christiano Ronaldo den Ball jonglierend tauchten  neben noch mehr „Stars“  in einem schnell geschnittenen Promo-Clip auf. Nun erinnere ich mich nicht mehr und musste es gerade erstmal nachsehen, ob Ronaldo auf dem Fußballplatz in Sportkleidung oder auf einem roten Teppich im Anzug einen Ball in der Luft hielt. Auf jeden Fall mit Strahlen im Gesicht und vor Fotografen. Das Verschmelzen meiner Erinnerung unterstreicht eines, in dieser Reihe wird anscheinend der Fußballspieler als Unterhaltungsstar inszeniert, dessen Leben sich nur unwesentlich von dem eines Schauspiel- oder Popmusikstars unterscheidet. Der eine dreht Filme und geht auf Premieren an der Seite schöner Frauen, der andere spielt eben Fußball und zeigt sich an der Seite ebenso schöner Frauen auf Roten-Teppich-Ereignissen vor den Fotografen. Überprüfen kann ich meine Vermutung mangels Pay-TV-Abonnement nicht. Große Lust dazu habe ich aber auch nicht, weil mich der Clip an die immer selben oberflächlichen Geschichten erinnert, die solche TV-Formate erzählen. Mir das anzuschauen wäre also Arbeit für mich, und dieses Gefühl möchte ich mir hier doch eigentlich ersparen.

Auch wenn mir in der letzten Woche nicht eine Minute Zeit für das Roman-Projekt blieb, werde ich den wöchentlichen Rhythmus beibehalten. Auf diese Weise geht es mit dem Roman wenigstens einmal in der Woche zumindest gedanklich weiter. Für mich ist die grundsätzliche Frage noch nicht geklärt, in welcher Perspektive erzähle ich den Roman? Für den Ich-Erzähler besitze ich nicht nur wahrscheinlich die geübteste Sprache, auch dessen eingeschränkte Perspektive passt zum Verlauf meiner geplanten Geschichte. Meinen Ich-Erzähler plagt nämlich das unzureichende Wissen über seine Familienangehörigen. Andererseits wird es kompliziert etwas zu erzählen, bei dem der Ich-Erzähler nicht dabei gewesen ist. Auch die Möglichkeiten der Komik werden durch den Ich-Erzähler eingeschränkt. Namen! Ich brauche die wichtigsten Namen.

Was mich an diesen  exotischen Stadionnamen erinnert, der uns ins Haus gekommen ist.  Über die Schauinsland-Reisen-Arena muss ich auch noch was schreiben. Wahrscheinlich morgen. Denn in dem Fall der Namensgebung sehe ich den MSV Duisburg als Vorreiter für einen Ausgleich zwischen Sponsoren- und Faninteressen. Wieso das? Schalten Sie morgen wieder ein, hier beim Zebrastreifenblog, mit seinen sensationellen Worten zu bislang unveröffentlichten Gedanken.

Meidericher Kanon des literarischen Fußballs – 1. Sammy Drechsel

Einen indirekten Vergleich möchte ich an den Anfang stellen. Einen Vergleich, damit die mögliche Bedeutung einer erfundenen Geschichte für ein Leben sofort verständlich wird. Mancher mag diesen Vergleich unpassend finden. Das Risiko muss ich eingehen. Ich weiß nämlich, wo ich war, als die Mauer fiel. Ich weiß, wo ich war, als der Terror das World Trade Center zum Einsturz brachte, und ich weiß auch, wo ich war, als ich vom Tod Sammy Drechsels hörte.

Damals, am 19. Januar 1986, dieses Datum allerdings musste ich nachschlagen, damals also, lief im Schlafzimmer meiner ersten Kölner Wohnung das Radio, während ich irgendwas wegräumte. Es war Nachrichtenzeit, doch den Sprecher hörte ich erst bewusst, als seine Stimme jenen etwas getrageneren Ton annahm, der eine Todesnachricht erwarten lässt. Mit dieser Nachricht überstürzte mich eine Traurigkeit, deren Grund ich wusste, die mich in ihrer emotionalen Wucht aber überraschte.

Sammy Drechsel, Leiter und Regisseur der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, war im Alter von 60 Jahren gestorben. Überrascht war ich, weil Sammy Drechsel in meinem Alltag schon Jahre nicht mehr präsent war. Weder als Jugendlicher geschweige denn als Student beschäftigte ich mich mit jenem politischen Kabarett, von dem ich meinte, dass sich dort die Generation meiner Eltern heimisch fühlte. Ich verstand aber, warum mich diese Traurigkeit überfiel. Ich trauerte um den Kinderbuchautor Sammy Drechsel, der mir auf eine Weise nahe gekommen war, wie kein anderer Autor der von mir gelesenen Bücher.  Ich trauerte um Sammy Drechsel als meinen Freund aus Kindertagen Heini Kamke im Fußballroman „Elf Freunde müßt ihr sein … „.

Dieses Buch war für eine lange Zeit ein Teil meiner Heimat. Offensichtlich hatte diese Heimat in mir überdauert und inzwischen weiß ich längst, dass etwas davon bis heute in mir lebendig ist. Unzählige Male hatte ich diesen Kinderroman gelesen, um schließlich nur noch zu den  emotionalsten Stellen von vermeintlich dauerhafter Niederlage und dem dann doch folgenden Triumph Heini Kamkes und seiner Mannschaft als mein Best-of zu blättern.

Die Nähe ergab sich nicht allein aus meiner intensiven Lektüre. Ich muss es mitbekommen haben, dass dieser Kinderroman autobiografisch gefärbt war. Sammy Drechsel hieß mit bürgerlichem Namen Karl-Heinz Kamke und die Geschichte, die er in „Elf Freunde müsst ihr sein …“ erzählte, gleicht in groben Zügen seiner eigenen Geschichte. Heini Kamke ist Schüler der „2. Klasse in der 5. Volksschule Berlin-Wilmersdorf“ und damit etwa 13 oder 14 Jahre alt. Ich müsste das Buch ganz nachlesen, ob das Alter irgendwo genannt wird. Zum Alter muss man nämlich wissen, in den 30er Jahren, als die Geschichte spielt, wird die Zählung der Schuljahre in zur heutigen Zeit umgekehrten Reihenfolge als Bezeichnung der Klassen genommen. In die 2. Klasse gehen demnach die Schüler ein Jahr vor ihrem Schulabschluss. Natürlich ist deshalb der Unterricht für die Jungen wichtig, doch wichtiger ist der Fußball.

Was in heutiger Bildungsdiskussion immer wieder zum Thema wird, nämlich die notwendige Offenheit des pädagogischen Konzepts für Alltag und Neigungen der Schüler, war damals anscheinend Schulprogramm an der 5. Volksschule – zumindest in der erfundenen Geschichte. So werden, als die Lehrer die Bedeutung des Fußballs für ihre Schüler erkennen, im Mathematikunterricht etwa bei Lehrer Peters Tabellen zur Berliner Fußballmeisterschaft berechnet, und im Deutschunterricht dient die Möglichkeit, Fußball zu spielen, als zusätzliche Motivation. Denn die Klassenmannschaft will nach der Versetzung an der Fußballmeisterschaft der Berliner Schulen teilnehmen. Den wenig interessierten Direktor kann der Deutschlehrer aber nur mit den guten Leistungen der Fußballspieler überzeugen.

Natürlich gibt es auf dem Weg zu dieser Meisterschaft allerlei Rückschläge. Ein wichtiges Spiel wird verloren, ein sehr guter Spieler verletzt sich schwer, Trikots müssen trotz fehlenden Geldes erworben werden oder Eltern nehmen die Hoffnungen der Fußballer nicht ernst. Doch immer gibt es einen Ausweg, den die Jugendlichen entweder aus eigener Initiative oder mit Hilfe eines Erwachsenen finden.

„Elf Freunde müsst ihr sein …“ besticht durch die perfekte Dramaturgie. Da gibt es das große zu erreichende Ziel, die Meisterschaft, da sind die zu überwindenden Schwierigkeiten der mittleren Strecke, wie etwa das Geld für die Trikots zu sammeln, und immer wieder erzählt Sammy Drechsel auch kleine Szenen, die als Miniaturen für sich genommen schon spannend sind. Deshalb besitzt der Roman eine Dynamik und Spannung, die sich mit jeder heute geschriebenen Literatur messen kann.

Doch Sammy Drechsel baut nicht nur auf die handwerkliche Perfektion seines Schreibens. Lebendig wird sein Roman durch die Psychologie seiner Figuren. Sowohl Heini Kamke als Hauptfigur und Individuum vollzieht eine Entwicklung als auch die Fußball spielenden Schüler als soziale Gruppe. Rückschläge müssen eingesteckt werden. Hochnäsigen Gegnern wird eine Niederlage beigebracht. Die Aussöhnung mit gegnerischen Spielern findet statt. Vertrauen zu Erwachsenen muss entwickelt werden. Die nun haben Verständnis und sind da, wenn die Not am größten ist.

Sammy Drechsel gestaltet Beispiele von gelungenen zwischenmenschlichen Beziehungen, doch ideal sind die Verhältnisse nicht. Der Roman spielt in Zeiten wirtschaftlicher Not. Die Menschen sind arm, Kinder wachsen als Halbwaisen auf und dennoch vermittelt das Buch unaufdringlich Optimismus. Denn Sammy Drechsel geht es nicht zuerst um eine Botschaft, ihm geht es um eine gute Geschichte und dass diese gelungene Geschichte nebenbei Werte tradiert, mag ein Anlass gewesen sein, diese gute Geschichte zu schreiben.

Nicht zuletzt macht er das Fußballspiel selbst zum Teil der Handlung. Entscheidende Teile des Romans lesen sich wie Spielberichte in Sportzeitungen. Natürlich ist die geschilderte Wirklichkeit von der heutigen weit entfernt. Doch es zeichnet „Elf Freund müsst ihr sein …“ als Klassiker aus, dass auch heute noch Kinder vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen das Buch als interessant erleben. Der Roman hat auch meinem Sohn gefallen, weil auf eine überzeitliche Weise Fragen und Schwierigkeiten einer Kindheit thematisiert werden. Es gehörte zu jenen Büchern, in denen mein Sohn vom Abbild des Menschlichen und nicht allein von Exotik oder Spannung gepackt wurde.

Als ich begann, mir  Gedanken zu machen, welche Werke im „Meidericher Kanon des literarischen Fußballs“ auf keinen Fall fehlen dürfen, waren meine Überlegungen hellgrün eingefärbt. Darüber brauchte ich nicht weiter nachzudenken, „Elf Freunde müsst ihr sein …“ mit dem stilisierten Rasen in hellem Grün auf dem Schutzumschlag, der Mannschaft in blauen Trikots und dem roten Balken an dessen unterem Ende müsste ganz am Anfang dieses Kanons stehen. Denn ich wusste,  „Elf Freunde müsst ihr sein …“ könnte zu einem Maßstab werden für alle noch kommende Literatur.  Das sollte deutlich geworden sein: Die Latte liegt hoch.

Literaturwissenschaft über Fußball-Belletristik – ein Lesehinweis

Nach und nach soll ja hier ein kleines Archiv zur literarischen Auseinandersetzung mit dem Fußball entstehen. So surfe ich durchs Netz, schaue mich um und entdecke die ein oder andere zurückliegende Veröffentlichung zum Thema.  Die Wochen vor Weltmeisterschaften sind ertragreiche Zeiten für Kulturschaffende, die den Fußball im Blick haben. So fand ich den literaturwissenschaftlichen Vortrag von Yvette Sánchez, „Elf Spieler suchen einen Autor“, der am 18. Mai 2006 im Rahmen des Themenschwerpunktes Fußball am Ibero-Amerikanischen Institut, Berlin, gehalten und im Anschluss  gedruckt wurde. Sánchez beschäftigt sich vor allem mit spanischsprachiger Belletristik über Fußball und stellt dabei mit Verweisen auf andere Kulturwissenschaftler Thesen zum literarischen Schreiben über Fußball auf. Der Vortrag ist interessant, allerdings auch sehr wissenschaftlich ausgerichtet. Das ist nichts für nebenher. Die in einem wissenschaftlichen Text nicht fehlende Literaturliste aber lässt sich auch als Leseempfehlung nutzen.


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