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Gastbeitrag: Klaus Hansen über das Wembley-Tor, den Fußball damals und den der Gegenwart

Egal ob Wedaustadion, MSV-Arena oder Schauinsland-Reisen-Arena, der Sozialwissenschaftler Klaus Hansen kommt seit der ersten Bundesliga-Saison zu den Spielen des MSV. Mehrmals waren in diesen Räumen hier schon Gastbeiträge von ihm zu lesen. Mit drei Tagen Verspätung kann ich heute von ihm ein Zeitzeichen online stellen. Er erinnert an das Wembley-Tor vor 50 Jahren und nimmt das zum Anlass, sich an das Wesen des Fußballs jener Zeit zu erinnern. Den Fußball der Gegenwart stellt er ihm kritisch gegenüber. Bitte schön!

30. Juli 2016 – ein Zeitzeichen zum Tage

Von Klaus Hansen

Heute wird an den 30. Juli 1966 erinnert. 50 Jahre ist es her. In London findet das Endspiel der 8. Fußball-Weltmeisterschaft statt, England gegen Deutschland. Dank eines 2:2-Unentschiedens nach 90 Minuten geht das Spiel in die Verlängerung. In der 11. Minute der Zusatzzeit fällt das 3:2 für England, das “Wembley-Tor”. Bis heute ist es umstritten; bis heute weiß man nicht mit Sicherheit, ob der Ball im Tor war oder nicht; bis heute wird darüber debattiert – und erst recht am heutigen Jubiläumstag. Die englischen Spieler sahen den Ball damals “drin”, die deutschen nicht. So tun sie es noch heute. Auch der Schweizer Schiedsrichter wusste damals nicht, was Sache war und befragte darum seinen sowjetischen Linienrichter. Der habe mit dem Kopf genickt und “Goal” gesagt, woraufhin der Schiri den Treffer gab. Viele Jahre später und kurz vor seinem Tod soll der sowjetische Linienrichter auf die Frage, warum er auf Tor entschieden habe, nur mit einem Wort geantwortet haben: “Stalingrad”.

Die Schlacht um Stalingrad war 1942/43, das Wembley-Tor fiel 1966, der, der es verifizierte, ein sowjetisierter Aserbaidschaner vom Jahrgang 1925, starb 1993. Und heute, 2016, wird uns das ganze Geschehen zu einem Symbol für das “Jahrhundert der Extreme”, wie Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert genannt hat: Dem Widerspiel von Stalinismus und Hitlerismus ist auch noch 20 Jahre nach dessen Ende das “dritte Tor” zu verdanken, wie wir heute, 50 Jahre später, erkennen müssen. – Das ist doch die spannende Frage aller “Fußballkritik”: Wie wirkt die Zeitgeschichte auf den Fußball ein, wie spiegeln sich die Zeitläufte im Fußballspiel wider?  Worin entsprechen sich die “Adenauer-Zeit” in der Nachkriegspolitik mit der “Herberger-Zeit” im Nachkriegsfußball? Hat der “Libero” der 70er-Jahre mit dem libertinären 68er-Geist zu tun, so wie heute das von der “Ballbesitz-Ideologie” abgeleitete “Gegenpressing” mit dem modernen Börsenkapitalismus, der “Gewinnwarnungen” ausgibt, wenn er auf Verluste spekuliert?

Aus subjektiver Perspektive ergibt sich ein wiederum anderes Bild.

Zum Zeitpunkt des Endspiels 1966 war ich gerade 18 geworden. Ich befand mich zusammen mit meinen Pfadfinderkameraden auf dem Weg zum großen Sommerlager im Fichtelgebirge, ein Zeltlager mit Selbstversorgung für drei Wochen. Erstmals durften auch Pfadfinderinnen mitfahren. Für sie war eine in der Nähe unserer Lagers gelegene Jugendherberge vorgesehen. Auch Marion war dabei, auf die ich ein Auge geworfen hatte. Wir saßen alle zusammen, 48 Jungen und Mädchen, in einem Reisebus vom Ruhrgebiet ins Frankenland. Im Autoradio lief in miserabler Akustik und mit vielen Unterbrechungen die Reportage vom Endspiel in London, aber das kümmerte uns nicht besonders. Obwohl wir alle sportlich interessiert und aktiv waren. Viele Fußballer waren unter uns, zwei gute Leichtathleten und ein Ausnahme-Schwimmer, der später Deutscher Meister im Wasserball werden sollte. Ich selbst war gerade mit der A-Jugend meines Vereins Niederrhein-Meister im Handball gworden. Der Fußball hatte für uns eine gewisse Bedeutung, aber keinen alle anderen Sportarten deklassierenden Stellenwert. Die Bundesliga war noch jung, die Profis waren noch halbe Amateure und der WM-Erfolg der Nationalelf von 1954 hatte es noch nicht zum allseits verklärten “Wunder von Bern” in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft.

Wir nahmen das Geschehen in London also gelassen hin. Auch in den Tagen danach, während unserer Zeltlagers, war das “dritte Tor”, das noch nicht “Wembley-Tor” hieß, kein Thema. Heute aber ist es ein Thema, immer noch! Vielleicht auch deshalb, weil wir ahnen, dass uns so etwas heute fehlt? Weil unsere Unterdrückungswut auf den “subjektiven Faktor” solche Themen heute gar nicht mehr aufkommen lässt? Aus dem “Spiel mit Fehlern”, das der Fußball nun einmal ist, möchte man auf Teufel komm raus alle Fehler eliminieren – und den Zufall obendrein. Wir fürchten, dass der Fußball an einem Mangel an Mängeln und einem Übermaß an Vorhersehbarkeit zugrunde gehen könnte.

Heute wäre das Geheimnis um das “Wembley-Tor” schon nach Sekunden keines mehr. Wenn der vollsynthetische Fußball des Jahres 2016, der fälschlicherweise noch “Leder” heißt, von der Querstange aus Aluminium, die fälschlicherweise noch “Latte” heißt, auf den Boden prallt, der noch – aber nicht mehr lange – “Rasen” heißt, dann schickt die Software des mit sieben Torkameras munitionierten “Hawk-Eye”-Systems das Signal direkt auf die Armbanduhr des Schiedsrichter-Technokraten: Ob Tor oder Nicht-Tor, hinter der Linie oder nicht, ist dann binnen Sekunden definitiv. Weder die Ratlosigkeit Schweizer Schiedsrichter noch das Ressentiment weltkriegsgeschädigter Linienrichter hätten heute noch eine Chance.

Warum überhaupt noch organische Mängelwesen bei der Regelüberwachung einsetzen, wenn selbst der Fußball inzwischen von gewissenlosen Robotern mit humanoidem Antlitz gespielt wird? – Bitte antworten Sie selbst, nostalgischer Freund der fußerzeugten Kunst!

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg – Zu meiner Zeit. Teil 3: Fußballweltmeisterschaften und Tipp-Kick –

Nach der Veröffentlichung von „111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ nahm Manfred „Manni“ Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, Kontakt mit mir auf. Wir besuchten dieselbe Schule. Auch wenn er ein paar Klassen über mir war, kamen wir in dem Mail-hin-und-her ins Erinnern. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das „Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg“, den Manfred Wiegandt schrieb. Er ist so lang gewordne, dass ich ihn in mehreren Teilen veröffentliche.

Heute geht es ums Fanwerden, zwei Fußballweltmeisterschaften, das Tipp-Kick-Spiel und Fritz Walter, der Anekdoten erzählt, während ein Jugendlicher unter vielen Männern sich ein Pils greift.


Zu meiner Zeit – Teil 3 –

von Manfred Wiegandt

Das erste Mal, dass ich etwas vom Profi-Fußball hörte, muss wohl in der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 gewesen sein. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir sagte, dass Köln Tabellenführer sei, Meiderich sei Zweiter und Borussia Dortmund Dritter. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist es schon lustig, dass es für mich gar nichts besonderes war, dass Meiderich, also der Stadtteil, in dem wir wohnten, eines der besten Teams hatte. Ich kannte die Vereinsanlage des MSV wohl noch gar nicht richtig, obwohl sie nur etwa tausende Meter von unserem Haus entfernt war. Mehr beeindruckte mich der Name der Dortmunder. Ich glaube, ich assoziierte Borussia damals mit Russen. Als ich dann etwa zur gleichen Zeit anfing, in meiner Freizeit, also jeden Nachmittag und samstags den ganzen Tag (sonntags durften wir uns nie schmutzig machen), Fußball zu spielen, war das Fernsehen noch nicht so wichtig.

Im Prinzip gab es für uns „Ullige“, was Fußball betrifft, ja ohnehin nur die samstägliche Sportschau mit Ernst Huberty, Dieter Adler oder Adolf Furler (das ZDF-Sportstudio war zu spät), vielleicht mal ein Länderspiel, das übertragen wurde. Probleme gab es bei uns zu Hause, als die Serie Daktari aufkam, die im ZDF zur gleichen Zeit wie die Sportschau im Ersten ausgestrahlt wurde. Meine Brüder und ich wollten Sportschau sehen, aber meine kleine Schwester den schielenden Löwen Clarence und den Affen Cheetah. Es gab regelmäßig riesigen Krach und viel Geschrei. Unfairer Weise entschieden meine Eltern, dass eine Woche Sportschau, die andere Daktari geguckt würde. Von wegen Gleichberechtigung! Meine Schwester hatte genauso viel Gewicht wie ihre drei Brüder zusammen. Am Ende bekamen wir einen kleinen Fernseher, auf dem wir die Sportschau gucken durften, wenn auf dem großen Daktari angesagt war. Leider war der Empfang immer so schlecht, dass es absolut keinen Spaß machte.

Das erste Mal ins Wedau-Stadion kam ich in der Saison 1965/66, als mich der Vater eines Klassenkameraden mitnahm. Wir standen in der Kurve; ich konnte kaum etwas sehen. Ich erinnere mich nur, dass ich Peter Kunter, den Torwart von Eintracht Frankfurt, erkennen konnte. Das Spiel endete 0:0, und ich war vorerst nicht interessiert an einem weiteren Stadion-Besuch.

Das erste Länderspiel im Fernsehen, an das ich mich erinnern kann, war ein Freundschaftsspiel gegen Italien (1:1) im März 1965. Das Datum hätte ich nicht mehr gewusst; ich habe es im kicker-Almanach nachgeschlagen. Wahrscheinlich habe ich das Spiel noch deshalb in Erinnerung, weil der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Torhüter ein Meidericher war: Manfred Manglitz. Leider wurde ich erst MSV-Fan, als er schon nicht mehr in Duisburg spielte, und habe daher seine regelmäßigen Eskapaden im Stadion verpasst. Lebhaft in Erinnerung habe ich noch, wie ich an einem Samstag Nachmittag schmutzig und verschwitzt vom Bolzplatz auf der Stolzestraße nach Hause kam und ein neuer Fernseher im Wohnzimmer stand, schwarz-weiß natürlich; Farbe gab es erst 1972 bei der Olympiade in München. Es lief die Sportschau mit den Aufstiegsspielen zur Bundesliga. Mönchengladbach, auch für mich so ein komischer Name damals, servierte gerade Wormatia Worms mit 5:1 ab. Der Gladbacher Spieler Netzer blieb mir wegen seines ungewöhnlichen Namens gleich im Gedächtnis. Das erste Länderspiel, bei dem ich so richtig mit Leib und Seele am Fernseher hing, war das entscheidende Qualifikationsspiel zur WM 1966 in Stockholm gegen Schweden, das die deutsche Mannschaft – auch Dank eines Treffers des Meiderichers Eia Krämer – mit 2:1 gewann. Die WM in England habe ich dann als Neunjähriger intensiv miterlebt. Ich hatte ein kleines Heftchen, das vom World Cup Willy, dem WM-Maskottchen, geschmückt war und in dem ich alle Ergebnisse fein säuberlich notierte. Ich weiß noch wie heute, dass die Urus im Eröffnungsspiel gegen England, das ich trotz des 0:0 äußert aufregend fand, mit Schuhen spielten, die eine weiße oder zumindest helle Sohle hatten. Dann das 5:0 unserer Mannschaft gegen die Schweiz und Emmas Traumtor aus unmöglich spitzem Winkel gegen Spanien („mit der linken Klebe“), die uruguayische Ohrfeige gegen Uwe Seeler im Viertelfinale, last not least das Endspiel. Ich weiß noch, dass ich am Anfang allein vor dem Fernseher hockte und meinen Vater über das 1:0 von Haller informierte. Da ich damals gerne Torhüter spielte, sind mir besonders einige von ihnen im Gedächtnis geblieben: Hans Tilkowski natürlich, der legendäre Lew Jaschin oder auch Gordon Banks. Ich habe immer versucht, sie zu imitieren, mich in die Ecken zu „fletschen“, wie wir es nannten, um die Fingerspitzen noch an den Ball zu kriegen. Bei der WM in Mexiko, als ich schon nicht mehr Torwart spielte, waren meine Torwarthelden Kawasaschwili aus der Sowjetunion und Mazurkiewicz aus Uruguay. Mein Lieblingsspieler bei der WM in England war Siggi Held, in Mexiko, weil es eher meiner Position entsprach, dann Karl-Heinz Schnellinger, von dem ich auch einen kicker-Starschnitt über meinem Bett hängen hatte.

Ach ja, kicker-Leser wurde ich durch einen Ferienaufenthalt auf einem Bauernhof im Bayerischen Wald, als ich zehn war. Der Sohn des Bauern, der aufs Gymnasium ging, zog sich montags immer auf sein Zimmer zurück, um den kicker zu „studieren“. Die Zeitschrift erschien damals kurz vor dem Zusammenschluss mit dem Sportmagazin noch in einem riesigen DIN A 3-Format. Obwohl sie keineswegs billig war für einen Schuljungen, kaufte ich das kicker-sportmagazin, wie die Zeitschrift nach dem Zusammenschluss hieß, jede Woche sowohl am Montag als auch am Donnerstag. Ich hatte für die ersten Jahre sogar Sammelmappen mit den Heften über die Olympiade 1968 und dann auch die WM 1970 in Mexiko. Weil der Platz in unserem Keller eng wurde, haben meine Eltern – ihre wohl größte Sünde gegenüber ihrem Sohn – diese aber irgendwann zusammen mit meinen Bundesliga-Alben weg gegeben. Ich würde einiges dafür geben, besonders die Alben noch zu besitzen.

Meine zwei nicht wesentlich jüngeren Brüder und ich bolzten bei Regen zum Leidwesen meiner Mutter sogar in unserer kleinen Wohnung mit einem Tennisball. Es muss im ganzen Haus zu hören gewesen sein. Manchmal musste sogar meine kleine Schwester mitspielen. Sie trat meinen Brüdern in die Schienbeine und ich schoss die Tore. Unser Wohnungsflur, in dem wir spielten, war schmal. Die Schlafzimmertür auf der einen Seite war ein Tor, die kleine Lücke zwischen den Beinen des Schuhschränkchens unter dem großen Spiegel das andere Tor. Unerklärlicher Weise ging der Spiegel aber nie kaputt, anders als eines der Kirchenfenster der evangelischen Kirche Auf dem Damm, auf deren Kirchplatz ein, zwei Klassenkameraden und ich stets den Nachhause-Weg vom MPG durch ein Spielchen verlängerten. Zu Hause haben wir oft stundenlang Tipp-Kick gespielt. Wir spielten die ganzen Europa-Pokale, den DFB-Pokal, die Bundesliga und sogar den Liga-Pokal durch. Damals waren wir Meister im Tipp-Kick und konnten manchmal sogar Ecken direkt verwandeln. Jeder Ball wurde angeschnibbelt, um eine größere Wahrscheinlichkeit zu haben, dass er auf der eigenen Farbe blieb. Die Spiele mit meinen Brüdern waren so torreich, dass die Resultate eher wie Handballergebnisse erschienen, was wir natürlich nicht mochten, weil es für Fußball eben nicht realistisch wirkte. Deshalb verkürzten wir die eigentliche Spielzeit von 2×10 zunächst auf 2×5 und dann sogar auf 2×3 Minuten, und dennoch gab es oft genug ein 6:5 oder 5:5. Ich als Ältester hatte den MSV als erste Mannschaft, und so kam es, dass die Zebras die Tabelle anführten – ohne einen einzigen Punktverlust auswärts. Zu Hause verlor ich gegen den HSV und musste mich ausgerechnet gegen RWO (meinen kleinen Bruder) mit einem 0:0 zufrieden geben. Ich habe die Kladde mit den Spielergebnissen heute noch. Leider gab es immer viel Nachholspiele, weil mein kleiner Bruder nicht verlieren konnten und daher manchmal die Spieler oder gar das gesamte Spielfeld ins Zimmer warf und nicht weiter machte, angeblich weil der Schiri – das war dann immer der Dritte im Bunde, und wir brauchten immer einen Schiri, wenn er mitspielte – angeblich zu Unrecht auf Tor gegen ihn erkannt hatte. Als wir klein waren, hatten wir alle eine Lieblingsmannschaft; mein kleiner Bruder war für Köln und weinte immer bitterlich, wenn der FC verlor. Wir hatten auch Lieblingstiere und Lieblingsfarben, jeder seine eigenen.

Nicht zu vergessen ist auch das Fußballbilder-Sammeln und vor allem -Tauschen. Meine Freunde in der Nachbarschaft und ich gaben die letzten Groschen für Fußballbilder-Tütchen aus. Am Kiosk beim dicken Koellken an der Meidericher Post konnte man dann für einen höheren Preis von 10 Pfennig sogar einzelne Bilder aus einem Packen aussuchen. Bei der WM 1966 in England gab Aral ein Fußball-Album heraus. Beim Tanken bekam man immer ein postkartengroßes Bild eines Spielers. Obwohl wir damals noch kein Auto hatten, habe ich trotzdem fast das ganze Album voll bekommen. Ich besitze es noch heute. Bei der WM in Mexiko waren dann Shell-Münzen mit den Portraits der deutschen Spieler der große Hit. Wir spielten immer „Latzen“ mit ihnen (die Münzen möglichst nahe an eine Mauer werfen; wer mit seiner am Nächsten an die Mauer kommt, gewinnt alle anderen gelatzten Münzen). Nach meiner Kommunion war ich Messdiener in der Mittelmeidericher St. Michael-Kirche. Wir hatten eine Messdiener-Mannschaft, in der sogar der Kaplan mitspielte. Ein Jahr lang war ich bei den Pfadfindern, genauer gesagt Wölflingen, bei Maria Königin an der Westender Straße, also unweit des MSV-Geländes. Mein Pfadfindername war Scharfzahn, der Seehund, mein nächstjüngerer Bruder war Rama, der Büffel, und mein kleiner Bruder Mogli, der Frosch. Warum Mogli ein Frosch war, weiß ich beim besten Willen nicht. Das Einzige, was mich dabei wirklich reizte, war, dass wir meist Fußball auf dem Rasen um die Kirche spielten.

Im Verein spielte ich eigentlich nie. Das heißt, mit sechzehn habe ich eine Weile beim MSV in der B-Jugend mittrainiert und zwei Freundschaftsspiele in der B-2 absolviert. Das erste lief ganz gut für mich. Ich wurde in Mündelheim als Außenverteidiger eingesetzt. Der Platz war in einer komischen Grube und hatte den gefährlichsten Schotter, den man sich vorstellen konnte. Ich schlug mir das Knie auf und hatte für eine Woche eine schrecklich eiternde Wunde. Die Narbe ist noch heute sichtbar. Das zweite Spiel war in Rheinhausen und ich stellte mich absolut dämlich an und war so frustriert, dass ich das Vereinsspiel sein ließ. Stattdessen wendete ich mich dem Tischtennis zu. Die Stadt hatte es arrangiert, dass Jugendliche, ohne Vereinsmitglied zu sein, in örtlichen Sportvereinen mittrainieren konnten, um einen Eindruck von dem jeweiligen Sport zu bekommen. Neben der Vereinsanlage des MSV war der Meidericher TTC 47 (in dem Gebäude ist heute der Zebra-Shop und war früher auch die MSV-Geschäftsstelle), der damals fünf Jahre hintereinander Deutscher Mannschaftsvizemeister wurde, meist hinter Borussia Düsseldorf, wo der mehrfache Deutsche Einzel-Meister und sogar Vizeweltmeister Eberhard Schöler spielte. Auch der MTTC brachte einige hervorragende Spieler hervor, u. a. Hanno Deutz und Peter Engel, der 1975 sogar das Ranglistenturnier des deutschen Tischtennisbundes gewann. Zusammen wurden beide 1972 mit dem MTTC 47 deutscher Mannschaftspokalsieger. Hans-Jürgen Oploh war zwei Klassen höher als ich am MPG und war bereits als 16-Jähriger Stammspieler im Bundesliga-Team der Meidericher. Zum Teil wurden die wichtigen Bundesligaspiele und Europapokalbegegnungen in unserer Turnhalle ausgetragen, wofür wir oftmals Freikarten bekamen und dann Tischtennis auf höchstem Niveau sehen konnten. Ich selbst war zwar gut genug als Sparrings-Partner für die anderen Jugend-Spieler. Da ich wie Eberhard Schöler ein ausgesprochener Defensiv-Spieler war und mehrere Meter hinter der Platte stehend die Schmetterbälle meiner Gegner zurück brachte, machte es den Top Spin-Spezialisten Spaß, ihre Fähigkeiten bei mir auszutoben. Letztlich zog ich bei diesen Vergleichen trotz großer Hartnäckigkeit aber stets den Kürzeren und brachte es daher nicht sehr weit.

Mein Vater war kein großer Fußball-Kenner und ging nicht auf den Fußballplatz. Aber die Länderspiele hat er immer mit uns angeguckt. Die Nacht-Spiele bei der WM in Mexiko, die wir zusammen mit einem Gast von den Philippinen, den ein Freund meines Vaters mitgebracht hatte, ansahen, war dabei wohl das beeindruckendste Erlebnis. Erst das England-Spiel mit der seitens der Engländer verfrühten Auswechslung von Bobby Charlton und dem Hinterkopf-Tor von Uwe Seeler. Dann noch eine Steigerung der Dramatik beim Halbfinalspiel gegen Italien, dem Jahrhundert-Spiel. Erst schießt Boninsenga, den alle Deutschen im Jahr darauf wegen seiner Schauspielerei beim legendären Dosenwurf während des 7:1 von Mönchengladbach gegen Inter und auch wegen seines Fouls gegen Lugi Müller kurz vor Ende des Wiederholungsspieles, bei dem er dem Gladbacher das Schien- und Wadenbein brach, intensivst zu lieben begannen, das frühe 1:0 für die Azzurri, die daraufhin für eine gute Stunde Beton anmischen, und dann erzielt ausgerechnet der italienische Legionär Schnellinger in der Nachspielzeit das 1:1. In der Verlängerung überschlugen sich dann die Ereignisse. Was haben wir über den Schiri geflucht! Auch der Filipino, der wohl vorher noch nie ein Fußball-Spiel gesehen hatte, fieberte mit uns bis tief in die Nacht mit und war am Ende des Spiels genauso enttäuscht wie wir.

Aus der Saison 1970/71 kann ich eine besondere Anekdote erzählen: Noch bevor ich anfing, regelmäßig zum MSV zu gehen, war ich – wie erwähnt – begeisterter kicker-Leser. In der Tat war zu dem Zeitpunkt mein Lieblingsverein noch Borussia Dortmund, geschürt durch die Fernseherlebnisse um deren Gewinn des Europapokals 1966. In dieser Bundesliga-Skandalsaison (Canellas, Torbruch in Mönchengladbach) veranstaltete der kicker zusammen mit der Schlegel-Brauerei Bochum ein Preisausschreiben: „Wählen Sie den mannschaftsdienlichsten Spieler der Bundesliga“. Fünfzig Einsender konnten den Besuch eines Bundesliga-Spiels in Begleitung von Fritz Walter gewinnen. Ich schickte meinen Vorschlag – Jürgen Grabowski – ein und gewann. So konnte ich einen Samstag nach Bochum fahren, von wo ein Bus die Gewinner und Fritz Walter in die Glückauf-Kampfbahn nach Schalke brachte. Wir sahen das Spiel Schalke–Offenbach. Offenbach gewann überraschend 2:1. Wie sich später rausstellte, war das Spiel verschoben worden. Danach ging es zurück in die Bahnhofs-Gaststätte nach Bochum, wo uns Fritz Walter Schwänke aus seinem Leben erzählte und an jeden ein handsigniertes Buch ausgab. Da es ja auch eine Veranstaltung der Brauerei war, gingen die Kellner mit Tabletts voller gefüllter Pils-Gläser herum. Ich war damals vierzehn und der einzige Minderjährige unter den Anwesenden. Aber außer einem Schmunzeln – wohl auch von Fritz Walter – gab es keine Reaktion darauf, dass ich auch zugriff und mir das kühle Blonde gönnte.

Fortsetzung folgt. Und den schon mal ins Fan-Gedächtnis!

Teil 1 findet sich hier.

Teil 2 findet sich hier.

Meine drei Momente für die deutsche Fußballewigkeit

Wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft zu einem gelungenen Geburtstagsfest meiner Frau beitragen kann, weiß sie, was sich gehört und tut alles, um nach der fröhlichen und beschwingten Stimmung im Garten auch das Erleben von begeisterter Freude möglich zu machen.

Darin ist sich Fußball-Deutschland einig, dieser Sieg der deutschen gegen die englische Nationalmannschaft trägt alle Züge jener Spiele, nach denen man in Jahrzehnten noch das Google entsprechende Informations-Orientierungssystem  befragt: Ein erspielter, deutlicher Sieg, der für einige Zeit gefährdet schien. Er war aber auch nur in dem Maß gefährdet, dass es einen angenehm schauerte. Es gab mit dem nicht gegebenen Tor eine für England tragische, falsche Schiedsrichterentscheidung, die sich auch noch an die Geschichte des Wembley-Tores der 66er WM-Begegnung anschließen lässt. Und last but not least, die Mannschaften sind sehr fair miteinander umgegangen.

Für mich besitzt dieses Spiel auf hohem Niveau drei magische Momente, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben. Das ist als erstes dieser präzise, weite Abschlag von Manuel Neuer zu Miroslav Klose, der diesen Abschlag perfekt aufnimmt, der sich durchsetzt und dann zum 1:0 einschießt. Das war nicht nur das idealtypische Zusammenspiel von Torwart und Stürmer, auch die jeweilige Einzelleistung verdient das Prädikat.

Mein zweiter Moment ist jene Szene im deutschen Strafraum, als Arne Friedrich in einer bedrohlichen Angriffssituation halb grätschend klärt und im Wiederaufrichten den Ball kontrolliert, um ihn danach mit technisch brillanter Ballbehandlung dribblend aus dem Strafraum herauszuspielen. Das geschieht alles in einer einzigen fließenden Bewegung, vom Grätschen bis zum Herausspielen. Großartig oder in den Worten Günter Netzers, brasilianisch!

Und als dritten Moment sehe ich die Ballannahme Mesut Özils in der Nähe der Mittellinie vor dem vierten Tor, als Özil und sein Gegenspieler auf nahezu gleicher Höhe beim gepassten Ball ankommen. Im nächsten Moment hat Özil durch seine präzise Ballaufnahme im Sprint fast zwei Meter Vorsprung.


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