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Das Fußballschlager-Duell 1974 BRD – DDR

Zur Fußballweltmeisterschaft 1974 nahm eine deutsche Nationalmannschaft mit Fußball ist unser Leben zum ersten Mal ein Mottolied auf. Bis zur Fußballweltmeisterschaft 1994 wiederholte sich dieser Amateurchorgesang. Bei allen weiteren WM-Liedern erhielt der Nationalmannschaftschor aber zusätzlich Unterstützung durch populäre Sänger jener Zeit wie Udo Jürgens und Peter Alexander. Zur vollständigen Diskografie ein Klick zu Wikipedia.

Heute geht es aber hier nur um das erste Lied, und das war seinerzeit eine Form des Panini-Albums. So eine Plattenveröffentlichung hat schließlich einen Vorlauf, und so wird mal eben der erweiterte Kader zum Mitsingen genötigt. Als ich die Platte 1974 geschenkt bekam, wusste ich nicht so genau, was ich vom Foto des Chors halten sollte. Bei der Aufnahme war nämlich Klaus Wunder dabei. 1973 war er noch ein möglicher WM-Spieler der Zebras gewesen. Dieser mögliche Erfolg strahlte natürlich auch auf uns Fans des MSV ab.

Seit 1971 spielte er beim MSV. Allerdings war er im WM-Jahr 1974 für eine Rekordablösesumme zum FC Bayern München gewechselt. Der endgültige WM-Kader beseitigte schließlich alle verwirrenden Loyalitätskonflikte des jugendlichen MSV-Fantums. Der damalige Bundestrainer Helmut Schön nominierte ihn dann doch nicht zur WM.  Was den Abschied des Stürmers vom MSV mir sehr erleichterte. So gut war er also doch nicht.

Klaus Wunder ist kurz ab Minute 1.15 zu sehen.

Den Text zum Lied hat Horst Nußbaum, ein ehemaliger Fußballer, geschrieben. Als Schlagersänger und -produzent nannte er sich Jack White. Er war von Hennes Weisweiler entdeckt worden und begann als Profi beim SC Viktoria Köln. Von dort wechselte er zum FK Pirmasens, zum TSC Zweibrücken und danach zum PSV Eindhoven in die erste niederländische Liga. In Eindhoven beendete er Ende 1966 seine Karriere als Profi-Fußballer.

Danach spielte er als Amateur noch bis 1976 bei Tennis Borussia Berlin. Nach seinem Ende als Profi-Fußballer hat er sofort eine Karriere als Schlagersänger versucht und war nicht sehr erfolgreich. 15 eigene Platten brachten keinen wirklichen Durchbruch. Aber als Komponist und Produzent wurde er sehr erfolgreich. Unzählige Hits schrieb er in den 70ern und 80ern – unter anderm von Tony Marshall, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben von Jürgen Marcus und Heute so, morgen so – von Roborto Blanco und und eben dieses Lied für die Fußballnationalmannschaft.

Neulich habe ich das Lied für mein Fußballprogramm  hervorgekramt. Dabei fiel mir auf, welch merkwürdiges Verhältnis zum Fußball sich in dem Text ausdrückt. Wir alten Literaturwissenschaftler wissen ja, ein Text verrät immer mehr als ein Autor möchte. Schauen wir mal genauer:

„Fußball ist unser Leben“, das ist eine Ich-Botschaft vieler Stimmen. Das kann man nachvollziehen. Mancheinem ist Musik sein Leben, wie anderen das Kochen oder das Reisen. Doch schon mit der nächsten Zeile werden Fragen aufgeworfen. „Denn König Fußball regiert die Welt“. Damit wird die persönliche Perspektive auf einen wichtigen Wert des eigenen Lebens  begründet. Für die Männer ist es nicht die Freude am Sport, warum Fußball ihr Leben ist. Es ist nicht die gemeinschaftliche Begegnung, der Spaß zusammen. Nein, Fußball ist ihr Leben, weil der Fußball die Welt regiert. Die Männer fühlen sich als Untertanen eines monarchischen Herrschaftssystems. Das ist ja nicht nur nationalistischer Absolutismus, der da spricht. Da geht es um die ganze Welt. Solche Allmachtsphantasie lagen in den 1970er Jahren nicht weit zurück. Einer Weltherrschaft kann man sich nur schwer entziehen. Das sind keine eigenen Entscheidungen. Die Folgen werden klar benannt. „Kämpfen“ und „alles geben“. Dann fällt ein Tor nach dem anderen. Hm…Wie war das nochmal mit dem Fallen und der Weltherrschaft. Tore waren das nicht, die fallen mussten, oder?

Es gibt aber noch weitere Folgen dieser Weltherrschaft, und die sind anscheinend nicht schön. Es gibt Nebenwirkungen. Die hören wir in der ersten Strophe: „Wir spielen immer, sogar bei Wind und Regen. Auch wenn die Sonne lacht und andre sich vergnügen“. Anscheinend macht Fußballspielen also nicht wirklich Spaß. Wenn das Vergnügen bei denen gesehen wird, die woanders sind als am Fußballplatz.

So ist das, wenn die Weltherrschaft etwas aufzwingt. Das macht man dann nicht immer gern. Da muss der Sinn woanders herkommen. Den gibt es dann tatsächlich nur beim Sieg, wenn Freude und die Ehre (!) genossen werden können. Harter Stoff in einem so harmlosen Fußballlied.

So ein Fußballlied lässt sich auch damals schon anders schreiben. Die DDR nahm 1974 schließlich ebenfalls an der WM teil. Und den Wettkampf der Systeme hatte die DDR auf allen Ebenen angenommen. Es gab also auch in der DDR ein Fußballlied zur WM. Kurioserweise hat sie ihre Fußballer zwar auf dem Cover der Single abgebildet. Gesungen haben die Fußballer allerdings nicht. Der Schlagerstar der DDR, Frank Schöbel, sang das Lied, und er sang einen Text, der sehr viel deutlicher den Fußball als Spiel zeigte.

Die Strophen erzählen vom Verlauf eines Spiels und im Refrain „Ja, der Fußball ist rund wie die Welt. Überall rollt der Ball“ klingt doch deutlich mehr das Verbindende des Spiels an als im Lied der BRD-Nationalmannschaft. Der Spaß am Spiel steht gleichberechtigt neben dem Erfolg im sportlichen Wettkampf.

Doch gibt es eine bittere Ironie an der Geschichte. Denn dieser Spaß erweist sich als Ideologie, also als genau das, was dem kapitalistischen Westen in seinen Kulturerzeugnissen immer vorgeworfen wurde. Denn wir wissen natürlich, dass der Sport in der DDR mit allen Dopingmitteln und dessen Opfern unter den Sportlern zum Leistungsausweis des sozialistischen Systems gemacht wurde. Und wenn man weiß, dass eine Literaturwissenschaft des Sozialismus gerade auf die Ideologiekritik verpflichtet war, wird der Schlagerwettstreit BRD-DDR ganz rund. Solche Geschichten voller Widersprüche gefallen mir.

Zur WM-Eröffnung hatte Frank Schöbel übrigens einen Auftritt, bei dem er anderes Lied sang. Die Staatsführung der DDR hatte dann doch etwas gegen den Fußballschlager. Was sie daran auszusetzen hatten, fällt mir gerade leider nicht mehr ein.

 

Massimo Furlan war Jürgen Sparwasser und wird Sepp Maier sein

In den Räumen des Zebrastreifenblogs hat der französische Kurzfilm Refait einen festen Platz. Mit Refait hatte das Künstlerkollektiv Pied la Biche ein Re-Enactement von Halbfinalszenen zwischen Frankreich und Deutschland der WM 1982 geschaffen, jenem Halbfinale, das Deutschland im Elfmeterschießen gewann und in dem Harald Schumacher meine Loyalität zur deutschen Nationalmannschaft gefährdete. Er sprang ja in Straßenschläger-Manier außerhalb des Strafraums Patrick Battiston an und traf ihn mit Ellbogen und Hüfte im Gesicht. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, und Schumacher zeigte sich von den schweren Verletzungen Battistons ungerührt. Battiston war bewusstlos liegen geblieben, hatte zwei Zähne verloren und ein Halswirbel erwies sich im Krankenhaus als gebrochen.

Den Kurzfilm habe ich mir gerne angesehen. Wie ist es aber, wenn sich ein Künstler mit seinen Re-Enactment-Projekten auf einen oder demnächst zusammen mit einem schauspielenden Partner auf zwei der Fußballer eines Spiels konzentriert und das Spiel in gesamter Länge zur Aufführung bringt? Der Schweizer Künstler Massimo Furlan – hier der Link zu seiner Seite –  wird am 30. April die Public Art Munich mit dem Re-Enactement des Vorrundenspiels der WM 1974 zwischen der BRD und der DDR am Originalschauplatz jenes Spiels, dem Olympiastadion, eröffnen. Zwei Stunden dauert diese Performance.

Schon in Halle und Hamburg hatte Massimo Furlan sich diesem Spiel gewidmet. Seinerzeit war er selbst in die Rolle von Jürgen Sparwasser geschlüpft, der den 1:0-Siegtreffer für die DDR erzielte. Die Fußballspiele, mit denen er sich beschäftigt, müssen eine besondere Bedeutung für das Land haben, in dem er mit seinem Kunstprojekt auftritt. Genauer erläutert Massimo Furlan auf seiner Seite die  Arbeitsweise bei seinen Re-Enactement-Projekten. Zweifellos erfüllt dieses WM-Spiel als ein Wettkampf im damaligen Systemvergleich diese von ihm vorausgesetzte Bedeutung für das kollektive Gedächtnis eines Landes.

Hamburg

Halle

 

 

Vielleicht hat der 1965 geborene Massimo Furlan  – der nur im französischen Wikipedia einen Eintrag hat – nicht mehr die Konditiion früherer Zeiten, so dass er nun das statischere Spiel von Sepp Maier darstellt. Jürgen Sparwasser wird vom Schauspieler Franz Beil dargestellt. Eingespielt werden dazu die Original-Radiokommentare.

Wenn München die Public Art Munich auf der eigenen Seite bewirbt, klingt das so: „Kunstaktionen internationaler Künstler an unterschiedlichen Locations. Unter dem Motto „Game Changers“ thematisieren zahlreiche Performances die Bedeutung historischer und aktueller München-Ereignisse oder Technikentwicklungen für die Menschen.“ Insgesamt „20 sogenannte ‚performative Interventionen‘ werden in einem Zeitraum von drei Monaten“ präsentiert. Welche genau, ist auf der Seite der Public Art Munic zu finden.

Das nun sind die Worte der Kunstwelt, halten wir uns an den Fußball und schauen noch kurz auf Bewegtbilder aus anderen Projekten von Massimo Furlan. Zu den Spielen selbst etwas zu schreiben, führt hier zu weit. Dazu fehlt mir zudem die Zeit. Wer weiter ausholen möchte, gerne im Kommentar.

Als Zbigniew„Zibi“ Boniek war er schon Held des polnischen Fußballs.

 

Er war Enzo Scifo im Spiel zwischen Belgien und der UDSSR bei der Fußballweltmeisterschaft 1986 während einer Perfomance im Stadion von Lüttich.

Das Halbfinale zwischen Frankreich und Deutschland bei der WM 1982 war auch für Massimo Furlan Thema. Er stellte Michelle Platini in dem Spiel dar.


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