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Eine Fan-Choreo und die Kultur in Duisburg

Am Sonntag, vor dem Spiel des MSV Duisburg gegen den VfL Osnabrück,  erinnerte eine aufwändige Fan-Choreo wieder an das kreative Potential, das in der Duisburger Fan-Szene  vorhanden ist.  Wer sich ein Bild vom Geschehen auf der KöPi-Tribüne machen möchte, findet bei der Fotografin Gabriele Petrick  ein Foto neben anderen Fotos vom Spiel.  Es folgt hier außerdem ein Bewegtbild, von der Seite aufgenommen und deshalb nicht ganz klar in den Konturen des Motivs:

Schon einmal stieß  eine Fan-Choreo bei mir Gedanken an über die Menschen in Duisburg und das, was sie sind und können. Es fühlt sich an, als sei das Ewigkeiten her. Dabei war es vor nicht einmal einem Jahr, in der letzten Saison nach dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen, als die originelle Kritik an Walter Hellmich vom Verein aus der Öffentlichkeit herausgehalten wurde, und die Berichterstattung über die Fan-Choreo in den lokalen Medien nur schleppend in Gang kam. Heute stellt der Verein seinen Dank an die Fans auf die eigene Seite, und es scheint im Moment unvorstellbar, dass das Gefühl von Gemeinsamkeit zwischen Fans, Spielern und Verantwortlichen je einmal wieder verschwinden könnte. Selbstverständlich trägt der Erfolg der Mannschaft zu dieser Stimmung in Duisburg erheblich bei, und es bleibt abzuwarten, ob dieses Wir-Gefühl sich auf Dauer festigt.

So ein Engagement von Fans kann über das Stadion hinaus wirken in das öffentliche Bild von der Stadt Duisburg hinein. Es geht dabei um Identität, um das Selbstbild von Menschen und um die Vorstellungen, die sich die Menschen von dem Ort machen, an dem sie leben. Denn es geht bei diesem Engagement von Fans auch um Kultur. Nichts anderes als bodenständige Kultur, als Kultur von unten ist die Gestaltung und Fertigung solch einer großen Choreo. Nun gibt es mit einer Schriftbandaktion bei diesem Spiel noch einen anderen Bogen hin zu einer etwas etablierteren Kultur.  Trainer Baade hat den Banner „We  love djäzz. Kulturstätten erhalten“ auf einem Foto entdeckt, und der Banner war für ihn ein Anlass, sich interessante Gedanken zu machen – über das Publikum des MSV Duisburg, über das Kulturangebot in Duisburg und über die drohende Schließung des djäzz, dem rührigen Veranstaltungsort für unterschiedliche Live-Musik-Angebote.

Die Worte des Trainers sind die eines Fürsprechers der freien Kulturszene. Überall in der Welt gibt es das gespannte Verhältnis einer freien Kulturszene  zu den Kommunen und Institutionen. Im Ruhrgebiet erhält dieses gespannte Verhältnis eine besondere Note, weil das alte Bild der Kulturlosigkeit der Region neu belebt werden kann. Das Selbstbild der einzelnen Stadt steht in einem solchen Moment grundsätzlich auf dem Prüfstand. Auch für Trainer Baade fügt sich die Schließung des Lokals in das Bild einer Stadt, in der Kultur zu wenig Beachtung findet. Von außen betrachtet stelle ich aber eine Entwicklung hin zu mehr Kultur fest. Wenn ich in Duisburg Menschen meines Milieus begegne, gibt es in deren Leben so viel mehr Kultur im weitesten Sinn als Anfang der 80er Jahre in der Generation unserer Eltern – auch innerhalb Duisburgs, was meiner Meinung nach aber gar nicht unbedingt notwendig ist. Dasselbe gilt für unsere Kinder. Soziale Fragen lasse ich dabei für heute außer Acht. Von außen betrachtet spräche ich auch lieber nur von der Region Ruhrgebiet. Damit wird aber auch die Frage einer Ruhrgebiets-Identät berührt.

Paradoxerweise ist ein kritischer Text wie der von Trainer Baade einerseits Zeugnis des Wandels – Kultur wird in der Stadt für bedeutsam gehalten -, andererseits ist er natürlich gleichzeitig Zeugnis für die Zerbrechlichkeit dieses Kulturverständnisses. Hochkultur wird im Ruhrgebiet seit Jahren gefördert, um den Strukturwandel zu begünstigen, und das gerade zu Ende gegangene Jahr der Kulturhauptstadt war auch eine Imagekampagne für den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet. Hochqualifizierte Arbeitskräfte wünschen eben ihrem Status entsprechende Freizeitangebote. Diesen Zweck von Kultur halte ich nicht für verwerflich. Dieser Zweckgedanke Hochkultur alleine verändert nur nicht das öffentliche Bild der Region. Dieses Bild verändert sich erst, wenn die Bewohner dieser Region ihr eigenes Wirken als gemeinschaftliche Kultur begreifen und nicht als vereinzeltes Arbeiten an irgendeinem Projekt. Eine Kultur von unten, wie sie am Sonntag auf den Zuschauerrängen beim MSV Duisburg zu sehen war, ist die Basis jeglicher Hochkultur und solche Kultur von unten habe ich in den letzten Jahren immer wieder wahrgenommen. Das vergeht nicht mehr. Das ist inzwischen auch das Ruhrgebiet.


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