Posts Tagged 'Gesellschaft'



Ach?! Auch Schule ist wie Fußball?

Das war mir bislang noch nicht aufgefallen. „Schule ist wie Fußball“. Das lese ich gerade in einem Leserbrief der Süddeutschen Zeitung, der sich gegen die Forderung wendet, das dreigliedrige Schulsystem müsse reformiert werden. Da heißt es: „Unterricht ist und bleibt wie ein Fußballspiel. Das Team und der Einzelne wollen den Sieg, die möglichst beste Note, den weiterführenden Abschluss. Das ist natürlich und bedarf keiner reformpädagogischen Weichspülerei. Würde jemand auf die Idee kommen, die Bundesliga möge nicht mehr um Tore und Punkte kämpfen, sondern um ´unterschiedliche Wegmarken´?“

Mit Vergleichen sollen Argumente ja gerne auch bildmächtig vom Tisch gewischt werden. Die Redner möchten dann das Nachdenken verhindern, weil es – wie in diesem Fall – so einleuchtend für jedermann sein soll, dass Fußballspieler gewinnen möchten und Schüler entsprechend gute Zensuren haben wollen, anstatt sich gemäß ihrer Talente zu entfalten. Da muss man also erstens nichts für tun, das kommt von ganz alleine aus einem innersten Spiel- und Wettbewerbstrieb des Menschen, und zweitens brauchen wir uns um Inhalte der Schule keine Gedanken machen.

Angesichts meiner Aufmerksamkeit der letzten Tage für die Abmahnkultur im Internet, möchte ich geradezu den gegenüber öffentlichen Meinungsäußerungen doch auch empfindlichen DFB auf diesen Leserbrief hinweisen. Als Sachverwalter des Fußballs, wie der DFB sich doch versteht, könnte er eigentlich gegen solch missbräuchlichen Vergleiche vorgehen. Da möchte jemand die Popularität von Fußball benutzen, um eine wichtige Diskussion in dieser Gesellschaft einzudämmen. Dieser einzelnen Stimme wird das natürlich nicht gelingen. Aber so ganz alleine ist diese Stimme leider nicht und womöglich wird so ein verkürzter Vergleich dann irgendwo aufgenommen.

Deshalb will ich den Vergleich mal ernst nehmen und überlegen, wie es denn wäre, wenn Schule tatsächlich wie Fußball ist. Der Leserbriefschreiber mit seinem sicheren Wissen über die unveränderliche Welt steht dann plötzlich als vorgestrig da, als ein Mann, der weder über die Lernbedingungen an Schulen noch vom gegenwärtigen Fußball viel weiß. Denn wenn wir seinen Vergleich zu Ende denken, erkennen wir schnell, was alles geschehen muss, damit das Team der Klasse in überschwänglichen Zensurjubel ausbrechen kann.

Wenn dieser Mann schon die Bundesliga ins Spiel bringt, wo ist dann der fest angestellten Physiotherapeut einer Klasse? Einer, der sich um die Fitness des Teams kümmert, der den Schülern bei Schwierigkeiten außerhalb des Spielfelds Schule hilft. Wo sind die Schusstrainer, Konditionstrainer und Torwarttrainer, also solche Lehrer der Schule, die neben dem hauptverantwortlichen Trainer, nämlich dem Fachlehrer, die einzelnen Schüler in individuell zugeschnittenen Trainingsprogrammen in ihren Lerngrundlagen weiterbilden? Wo sind die Sprachkurse die es den neuen Mitgliedern im Kader aus aller Welt ermöglichen, die Sprache dieses Landes zu lernen?

Vieles davon gibt es als vereinzelte Initiativen von besonders engagierten Schulen mit Unterstützung von besonders engagierten Eltern. Doch im Schulalltag fehlen dazu eigentlich die Ressourcen. Die Regel ist das nicht, und deshalb müssen wir über das System Schule reden. Ihr seht, mich regt das nur noch auf, diese Borniertheit in pädagogischen Fragen. Also, Vergleiche immer schön zu Ende denken, dann können sie sogar als Argumente genutzt werden.

JAKO verlangt Internetkontrolle

Gerichtliche Auseinandersetzungen sind keine schöne Sache, wenn ein einzelner Blogger sich den juristischen Möglichkeiten eines Wirtschaftsunternehmens ausgesetzt sieht. Trainer Baade hatte auf seinem Blog eine eindeutige, aber in der Wortwahl zweifelhafte Meinung über das Warenangebot des Sportartikelherstellers JAKO veröffentlicht. Was bis heute daraus wurde, ist nun bei allesaussersport.de zu lesen.

Deutlich in der Meinung, doch sachlich und nachvollziehbar in der Darstellung liest man über ein Vorgehen des Sportartikelherstellers, bei dem man aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt. Folgt man der Argumentation der Anwaltskanzlei von JAKO, müsste also jeder Blog-Betreiber das gesamte Internet auf die unbemerkt von irgendjemanden gesammelten Inhalte der eigenen Seite kontrollieren.

Man weiß am Ende wirklich nicht, was die Verantwortlichen bei JAKO eigentlich tatsächlich wollen. Die Frage danach könnte vielleicht der ein oder andere Leser an das Wirtschaftsunternehmen stellen und dabei gleichzeitig sein Unverständnis äußern. Vielleicht hilft das der Unternehmensleitung von JAKO einmal über die Verhältnismäßigkeit ihres Handelns nachzudenken. Eine Hilfe für Trainer Baade wäre es zudem.

Bodzeks Retten lässt mir keine Ruhe

Sowohl die NRZ als auch die Rheinische Post haben das Spiel vom Freitagabend mit dieser Artikelüberschrift zusammen gefasst: „Bodzek rettet […] einen Punkt“. Heute beschäftigen mich nebem dem Spiel selbst auch diese Artikelüberschriften noch immer. Ich überlege nämlich, ob diese häufig gebrauchte Sprachformel des Sportjournalismus die Wirklichkeit des Spiels trifft.

Selbstverständlich gibt eine sehr eng verstandene Aussage des Satzes eine Wirklichkeit des Fußballspiels wieder, die nicht im Widerspruch zu dem steht, was am Freitababend zu sehen war. Aber der Bedeutungsraum, der in meinem ersten, intuitiven Verständnis des Wortes „retten“ ebenfalls anklingt, entspricht nicht dem, was ich gesehen habe.

Anscheinend habe ich in meinem Leben mehr Artikel gelesen, in denen die Sprachformel der Rettung angewendet wurde, wenn eine Mannschaft über das Spiel hinweg die schwächere Mannschaft war und dann ein Spieler dieser unterlegenen Mannschaft das Führungstor kurz vor Spielende ausgleicht.  So hat sich mit diesem Bild des Retters in meinem Sprachverständnis ein Bedeutungsraum verfestigt, der nicht mehr mit meinem Eindruck vom Freitagabend übereinstimmt. Der MSV war nicht unterlegen. Deshalb stutze ich, wenn ich das Wort „retten“ lese. Es stellt sich für mich ein Gefühl der Unstimmigkeit ein. Was Adam Bodzek mit seinem Tor getan hat, war etwas anderes als retten. Nur was? Das Wort „retten“ klingt also in meinen Ohren falsch, weil es das überlegene Spiel des MSV Duisburg für mich ausschließt.

Wahrscheinlich gibt es genügend Menschen, die mir bei diesem Gedanken nicht folgen und nicht verstehen, was am Wort „retten“ falsch sein soll. Wenn ich über die Bedeutung des Wortes „retten“ schreibe, geht es mir aber gar nicht darum, jemanden von einer anderen Bedeutung des Wortes zu überzeugen oder gar Journalisten zu korrigieren. Es geht mir darum an einem nicht so wichtigen Alltagsgebrauch von Sprache zu zeigen, gegenseitiges Verstehen gelingt seltener als man meint. Meist ist es nämlich nicht ganz so wichtig, was so ein dahin gesprochenes Wort alles bedeutet. Dann geben wir uns mit einem ungefähren Verstehen zufrieden und fühlen uns zusammen gut. Manchmal aber gibt es Situationen, in denen genaues Verstehen angebracht ist. In so einem Moment sollte man sich erinnern. Wir haben alle solche oft unscheinbaren Wörter, die Bedeutungsräume öffnen oder verschließen, von denen das Gegenüber nicht ahnt. Von denen meinen wir aber, jeder müsse sie kennen.

Das Münchner Olympiastadion versprach Gleichheit

Letzte Woche war ich mit meinem Sohn für zwei Tage in München und als Teil unseres Stadtbesichtigungsprogramms haben wir nicht die Allianz-Arena sondern das Olympiastadion besucht. Mir während einer Führung durch das Fußballstadion der Gegenwart leere Umkleidekabinen anzuschauen halte ich nämlich für weniger attraktiv als ein mich beeindruckendes Baudenkmal der jüngsten deutschen Vergangenheit nach langer Zeit einmal wieder zu sehen und meinem Sohn dabei von meinem ersten Besuch dort vor über dreißig Jahren zu erzählen.

Zur Architektur habe ich das ganz intuitive Verhältnis von jedermann. Ich kenne weder die Sprache der Architekturkritik noch fühle ich mich in der Geschichte der Architektur besonders gebildet. Für Urteilsbegründungen muss ich mühsam und tastend nach Worten suchen. Im Olympiastadion ging mir zwar sofort der Begriff „Harmonie“ durch den Kopf, doch Erkenntnis gewinnt man damit gerade nicht.

Bemerkenswert ist etwas anderes. Als wir oberhalb der Ränge um das Stadion herumgingen, fiel mir plötzlich auf, wie der Zeitgeist der Planungs- und Baujahre sich nicht nur in der äußeren Form mit dem schwungvoll gestalteten Zeltdach wiederfindet, sondern auch in der Anordnung der Zuschauerplätze das damals als notwendig und fortschrittlich empfundene Ideal der Gleichheit seinen Ausdruck findet.

Im Alltag des Fußballbetriebs hat man nach den Olympischen Spielen aus den Vorgaben durch das Bauwerk im Fußball-Alltag dann wahrscheinlich etwas anderes aus dieser gedachten Gleichheit gemacht. Zumal die eine Sitzplatzseite überdacht ist und die andere nicht, und die Sicht selbstverständlich nicht überall gleich gut ist. Doch zur augenscheinlichen Unterteilung der Zuschauer bot das Bauwerk Stadion nur die beiden Kategorien Steh- und Sitzplätze an.

In den Stadien der Gegenwart sieht das inzwischen anders aus. Da erkennt man am Bauwerk selbst eine Vielzahl von Kategorien, in die die Zuschauer verteilt werden und die wegen der Preisgestaltung von der Tendenz her immer auch als soziale Kategorien verstanden werden können. Solche Unterschiede der Preisgestaltung hat es im Olympiastadion natürlich auch gegeben. Gab es dort dann zusätzliche Zeichen für die Zuschauer, um ihnen Unterschiede deutlicher zu machen? Ich kenne den damaligen Fußballbetrieb in München zu wenig. Vielleicht weiß ja jemand, der hier mitliest, die Antwort.

Großstadtfans im Kleinstadtstadion

Es ist Zufall, dass ich an zwei Wochenenden nacheinander empörte Erzählungen über Polizeigewalt gegen Fußballfans höre und lese. Letztes Wochenende, am Kommunionssonntag in Paderborn, war nämlich auch das zu dem Tag vorletzte Heimspiel des SC Paderborn gegen den 1. FC Union Berlin immer noch ein Thema, weil nach diesem Spiel die Polizei die Berliner Fans eingekesselt hatte, anscheinend wahllos Pfefferspray einsetzte und die Gewalt eskalierte. Schnell gegoogelte Berichte gibt es journalistisch hier und blogwärts hier.

Heute lese ich nun vom Gewaltnachspiel für viele MSV-Fans, die in Ahlen waren. Nicht nur die zahlreichen Kommentare ergeben ein etwas anderes Bild gegenüber dem Polizeibericht, auch hier findet sich eine Art Gegendarstellung zur offiziellen Sicht der Dinge. Gleichwohl gibt es auch Kommentare, in denen zu allererst mehr Selbstkritik bei den Fans gefordert wird.

Das große Thema der Diskussion scheint aber die Verhältnismäßigkeit der Polizeigewalt zu sein. Gewalt ist nämlich eine viel kompliziertere Sache als es ihr sichtbarer Ausdruck nahe legt. Wenn man Gewalt aus einer Gruppe heraus unterbinden will, geht das nicht mit Kollektivmaßnahmen, wenn die Gewalttäter in der Gruppe eine Minderheit sind.  Solch eine Maßnahme provoziert vielmehr die Solidarisierung der unbeteiligten Mehrheit mit der Minderheit.

Ich war nicht vor Ort, aber wie es an jedem Spieltag zwei Tore auf dem Spielfeld gibt, kommen ohne Frage immer auch Fans zum Spiel, für die Randale jederzeit im Bereich des Möglichen liegt. An manchen Tagen vielleicht sogar so sehr, dass ohne diese Gewalt dieser Tag ein verlorener Tag für sie wäre. Dass sie für diese Gewalt dann immer einen Grund nennen können, legitimiert im Gegensatz zur Meinung von Kommentatoren des oben verlinkten Artikels gar nichts. Mit solcher Gewalt setzt sich die Polizei seit Jahren auseinander.

Angesichts des zufälligen Zusammentreffens beider Polizeiaktionen in der Provinz kommt mir aber der Gedanke, dass es dort in der Provinz weniger um Gewaltverhinderung ging als um die Behauptung von Macht und symbolischer Territorialherrschaft. Bei solchem Aufeinandertreffen von Großstadtverein und Kleinstadtverein unterhalb der Bundesliga scheint es oft auf beiden Seiten Haltungen und Selbstbilder zu geben, die der Gewalt förderlich sind. Selbst wenn die Polizisten selbst nicht aus der Kleinstadt kommen, sie kommen vielleicht aus der Region und handeln stellvertretend für den Stolz der Region. Da geht es nicht einfach darum, zu verhindern, dass irgendwelche Idioten Steine schmeißen oder Busse demolieren. Da geht es darum, Fremde dafür zu bestrafen, dass sie die Ruhe vor Ort stören. Umgekehrt gibt es bei den Fans nicht selten Hochmut und Arroganz gegenüber der Kleinstadt. Die dort lebenden Menschen werden belächelt und über die Gegebenheiten dort macht man sich lustig. Als ich in der Aufstiegssaison 2006/2007 zu dem vorentscheidenden Spiel mit in Paderborn war, begegnete ich dieser unerträglichen und eigentlich nicht minder provinziellen Arroganz in fortwährenden Spötteleien über die dortigen Verhältnisse. Auf so etwas muss eine Einsatzleitung der Polizei achten, um bei solchen Spielen von Großtstadt gegen Kleinstadt deeskalierend wirken zu können. Und da die Polizisten der Einsatzleitung ja wohl meist in der Kleinstadt zu Hause sind, beißt sich spätestens hier die Katze womöglich in den Schwanz.

Ganz Deutschland wartet auf Christoph Daums schwulen Fußballprofi-Kumpel

Nach Ostern sind hier ein paar Dinge aufgelaufen, weil ich kaum an den Schreibtisch kam. Austauschschüler fremder Länder bereichern den Alltag zwar, sind ohne Unterstützung durch die Schule in den Ferien aber auch betreuungsintensiv. So komme ich erst jetzt zu der Meldung im Kölner Stadt-Anzeiger der letzten Woche, dass Christoph Daum die Gruppenbesetzung des Kölner „Come together Cups“ ausgelost hat. Dieses Fußballturnier wird von dem „schwulen Fußballclub Cream Team Cologne“ organisiert und soll die „Integration ALLER Minderheiten“ befördern. So eine schwul-lesbische Eigeninitiative ist in Köln seit langem mehrheitsfähig, interessiert Jahr für Jahr ein größeres Publikum und bot Christoph Daum noch einmal die Gelegenheit, jene Haltung zu Schwulen zu bekräftigen, die er öffentlich wirksam wahrgenommen wissen will.

„Für mich ist Homosexualität Normalität“, sagte Christoph Daum, und das klang anders als jene Sätze aus einer TV-Dokumentation vom letzten Jahr, mit denen er sich zwischen Kinder- bzw. Jugendschutz und Klischees über die Sexualität von Homosexuellen verheddert hatte.  Schon damals reagierte er auf die Kritik von unterschiedlicher Seite mit Verweisen auf seine schwulen Bekannten.

„Schwule sind für mich ganz normale Kumpels. Ganz Deutschland wartet auf den ersten schwulen Fußballer“, fügte er hinzu und meinte damit eigentlich einen sich outenden Profi-Fußballer, den er, wenn er zu ihm käme, unterstützen würde. Ganz Deutschland? Nun ja, das lassen wir mal dahin gestellt, aber ich glaube, die Bedingungen, unter denen diese Unterstützung geschehen kann, sollte man sich mal näher ansehen.

Wenn ich nämlich an meine eigenen Erfahrungen im Mannschaftssport unter Männern denke, wird man beim Reden über Schwulsein in der Männerwelt des Sports sehr schnell auch über männliche Körperlichkeit reden müssen. Wer jemals als Mann längere Zeit in einem Mannschaftssport aktiv gewesen ist, kennt diese Momente nach dem Spiel in den Umkleidekabinen oder unter der Dusche mit kleineren Spötteleien auf der Grundlage von Klischees über Schwule. Das hat oft weniger mit Ressentiments gegenüber schwulem Leben zu tun als mit der Unsicherheit gegenüber Intimität und Körperlichkeit unter Männern. Es hat mit den im männlichen Selbstbild verankerten Möglichkeiten zu tun, wie sich Männer nackt begegnen können, im besonderen Fall dort, wo der Wettbewerbsgedanke gerade noch lebendig gewesen ist. Es geht um Entblößung, sich verletztlich zeigen und den Möglichkeiten, das alles ohne Scham auszuhalten. Humor spielt dabei keine kleine Rolle. Wenn Christoph Daum also einen schwulen Profifußballer innerhalb seines Kaders unterstützen wollte, würde ich ihm raten, den betreffenden Fußballer in seinem Sinn für Witz und Humor zu bestärken. Weil Umkleidekabinen und der Fußballplatz ein halbprivater Raum sind, gelten hier andere Regeln als beim Reden in der Öffentlichkeit. Da nutzen Tabus wenig, weil das Reden über Schwulsein meist ein Symptom für etwas anderes ist. Dieses Andere wird sich einen Ausdruck suchen, und es wäre nicht nur für den Erfolg der Mannschaft besser, dass so etwas nicht verdeckt geschieht.

Dass diese Unterstützung im Mannschaftskreis noch die einfachere Aufgabe wäre, versteht sich von selbst. Für einen sich outenden Profifußballer wäre es die Herkulesaufgabe, dem Publikum in dessen düstersten Momenten zu begegnen. Da bräuchte die Unterstützung von Christoph Daum ein wenig Unterstützung vom DFB. Und selbst dann müsste so ein bekennender schwuler Profifußballer schon eine ziemlich dicke Haut haben, wenn man sieht, was trotz aller Anti-Rassismus-Kampagnen farbige Spieler immer wieder hören müssen. Dennoch haben Christoph Daums öffentlich Sätze natürlich ihren Sinn. Sie sind Ziegelreihen in einer Brandmauer gegen diskriminierenden Schwachsinn und das sogar ungeachtet der Frage, was man sonst so von Christoph Daum hält.

Hat jemand die Unterschrift von Bruno Soares gesehen?

Es ist keine große Sache, weil der Ausgang des Ganzen schon seit einiger Zeit immer wieder als sehr wahrscheinlich beschrieben wird. Doch gibt mir die Berichterstattung über die mögliche Verpflichtung von Bruno Soares die Gelegenheit mal wieder auf die nicht unerhebliche Frage hinzuweisen, wie erfahre ich von der Wahrheit eines Geschehens und aus welchen Informationen setzt sich unser Umgang mit der Wirklichkeit zusammen? Gestern meldete RevierSport den Vollzug der Verpflichtung, dagegen lese ich bei der NRZ mit Meldung vom selben Tag, die Unterschrift stehe kurz bevor. Dem Artikel selbst ist indirekt zu entnehmen, der „Medizincheck“ fehle noch. Es sind etablierte Medien, die etwas schreiben, was offensichtlich gleichzeitig nicht stimmen kann. Dank des Internets sehe ich nun beide Meldungen ein und stehe vor der Aufgabe, wenn mich die Wahrheit wirklich interessiert, beim MSV selbst nachzufragen. Denn auf der Seite des Vereins gibt es keinerlei Informationen. Was ja wiederum einen ersten Hinweis darauf gibt, dass der NRZ wohl mehr zu trauen ist. Letztliche Gewissheit gibt aber nur das direkte Gespräch.

Den Aufwand in dieser Sache so weit zu treiben, scheint mir jetzt ein wenig übertrieben. Mir dient dieses Geschehen nur als Beispiel, gerade weil die Folgen dieses nicht geklärten Geschehens auf das eigene Leben so gering einzuschätzen sind. Man kann darüber nachdenken, ohne sich aufzuregen – außer man hielte Soares für den Garanten des Wiederaufstiegs. Man kann also anhand dieses Beispiels überlegen, welche Quellen der Information man grundsätzlich für sich erschließt, um gewappnet zu sein, wenn ein Geschehen für das eigene Leben einmal wirklich wichtig ist. Diese Quellen müssen im vorhinein erschlossen werden, weil man bewerten muss, wie vertrauenswürdig diese Quellen sind. Dieses Vertrauen erwächst aber und ist nicht von Anfang vorhanden. Etablierte Medien werden natürlich weiterhin immer einen Vertrauensvorschuss erhalten. Doch im Netz ist ja auch eine Art Gegenöffentlichkeit entstanden, die diesen etablierten Medien Fehler nachweist und andere Wahrheiten kennt. Wahrheit scheint demnach immer zersplitterterter, denn nicht immer geht es um so leicht zu überprüfende Informationen wie die, ob eine Unterschrift geleistet wurde oder nicht. Häufig fließt die eigene Posititon im Geschehen in die übermittelte Information mit ein. Also muss man in Erfahrung bringen, wer da spricht. Das kennt man zum Teil aus alten übersichtlichen Zeiten, als die polititische Ausrichtung von Tageszeitungen etwa noch klar erkennbar war. Im Internet hat sich diese mögliche Färbung einer Wahrheit weiter vervielfältigt.

Wahrscheinlich mache ich mir darüber gerade deshalb ein paar Gedanken, weil ich sehe, wie mein Sohn beginnt, dem Wissen im Internet zu vertrauen. Das lernt er gleichsam nebenbei in der Schule, wenn er Hausaufgaben aufbekommt mit dem Hinweis, sich dazu im Internet zu informieren. In seiner Schule gibt es anscheinend so gut wie kein Bewusstsein darüber, dass dort Wahrheit und Information nicht einfach gefunden werden kann, sondern vorher bewertet werden muss. Von jedem einzelnen selbst, und zwar angesichts eines Überflusses an Information. Man entschuldige diesen kleinen Ausflug in die Medienerziehung und -kritik, aber manchmal liegt mir etwas auf der Seele, für das der Fußball plötzlich als Katalysator beim Schreiben wirkt.

„Wir haben hart gearbeitet“

Selbstverständlich mehr als zu Beginn einer Saison drückt sich in Stellungnahmen vor dem Rückrundenstart letzte Hoffnung und Rechtfertigung gleichermaßen aus. „Wir haben hart gearbeitet“, ist der Satz, den einige Trainer nach der Winterpause sicherlich am häufigsten sprechen. Wer das sagt, steht unter Erwartungsdruck. Da gibt es einerseits Zusammenhänge mit dem Erfüllen von vor der Saison erwarteten hohen Zielen oder Abstiegsplätze und die Nähe dorthin wirken als die Worte auslösende Schlüsselreize. Sie sind ein Signal an die Mannschaft und an Fans gleichermaßen. Zuversicht soll bei den eigenen Spielern geweckt werden und bei den Fans Verständnis für das dennoch mögliche Versagen. Wer hart arbeitet, genügt zumindest der nicht gering geschätzten Grundtugend Fleiß. Dass das nicht immer ausreicht, interessiert in den von Journalisten verlangten kurzen Statements wenig. Leider ist es im Fußball wie im richtigen Leben. Am ersten Spieltag der Rückrunde geht es meist weiter wie zuvor. Große Wendungen im Geschick der hart gearbeitet habenden Mannschaften haben wir zum Beispiel gestern nicht gesehen. Mönchengladbach hat ebenso, wie erwartet, verloren wie Cottbus. Da erinnern wir uns daran, dass Fleiß vielleicht Voraussetzung ist, aber das ein oder andere noch hinzukommen muss. Bis 14 Uhr bin ich da voller Hoffnung, was den Verein aller Vereine angeht. Ich war da ganz empfänglich für die unermüdlich gesprochenen Worte Peter Neururers über die Arbeit der Mannschaft während der Winterpause. Doch wie wunderbar wäre es, wenn zur Grundvoraussetzung Arbeit noch etwas anderes hinzugekommen ist.

Ein diplomatischer Fan: Sparkassenchef Grzesiek

Welchen Stellenwert der Fußball in unserer Gesellschaft einnimmt, zeigt sich gerne auch dann, wenn öffentlich bedeutsame Führungspositionen einer Stadt mit Stadtfremden neu besetzt werden. Von der Spitze der Duisburger Sparkasse wechselte Artur Grzesiek zum 1. November letzten Jahres rheinaufwärts an die Spitze der Sparkasse KölnBonn. Nun gab es am Wochenende im Kölner Stadt-Anzeiger das große Antrittsinterview. Natürlich spielte zunächst der umstrittene Beratervertrag für Rolf Bietmann die Hauptrolle im Interview – für Nichtkölner: einmal mehr steht die KölnBonner Sparkasse unter Klüngel-Verdacht, doch zum Ausklang menschelte es ein wenig und der Imi Grzesiek wurde auf seine Kölntauglichkeit hin abgeklopft:

Haben Sie schon Mentalitätsunterschiede festgestellt?

GRZESIEK: Nein. Duisburg ist ja nicht so weit weg. Im Revier ist man sehr offen. Das ist hier ähnlich. Deshalb fühlen wir uns hier sehr wohl. Mit dem Menschenschlag werde ich gut klar kommen.

Dann müssen Sie den Fußballverein aber nochmal wechseln. Erst Dortmund, dann Duisburg, jetzt Köln.

GRZESIEK: Das klingt ja so, als sei ich ein Wendehals. Das stört mich sehr. Ich bin seit 1963 Fan von Borussia Dortmund. Man kann sein Fan-Herz nicht einfach wechseln. In Duisburg bin ich sehr schnell in die Gremien des MSV gekommen, weil es dem Verein sehr schlecht ging. Durch diese intensive Tätigkeit ist mir der MSV ans Herz gewachsen. Aber ich weiß natürlich, wie diese Region am FC hängt. Der Verein ist wichtig für die Region und damit auch für uns. Ich freue mich auf die Spiele und auf das Stadion.

Man sieht, der zugezogene Wirtschaftsführer einer Stadt, die einen Teil ihrer Identität auch aus dem Fußball bezieht, tut gut daran, sich diplomatischen Sympathie-Bekenntnissen nicht zu verwehren.

Brauchtumspflege mit zwei Identitäten

Der Spielplan dieser Saison zwingt mich nach langen Jahren mit einer unproblematischen Doppelidentität als ruhrpottstämmiger Kölner oder wie es in Köln korrekt heißt als Imi,  zu einer schmerzlichen Entscheidung. Vorausschauende Leser, die mit dem Kölner Brauchtum vertraut sind, werden vielleicht ahnen, worum es sich handelt. Am Karnevalssonntag wird das Heimspiel des Vereins aller Vereine gegen 1860 München um 14:00 Uhr angepfiffen, zur selben Zeit geht es in meinem Veedel vor dem Haus von Freunden um das Brauchtum, das hier in Köln vor allem Fastelovend oder auch Fasteleer heißt, was  anderswo nur unzureichend mit Karneval übersetzt wird. D´r  Zoch kütt, heißt es dann nämlich. Nichtkölnern sei erklärt, dabei handelt es sich nicht um die auch überregional bekannten Schull un Veedelszöch, die fast denselben Zugweg nehmen wie der Rosenmontagszug und die so heißen, weil sie aus Schul- und Veedelsgruppen bestehen.

Der Kölner ist aber im Veedel zu Hause und möchte auch dort seinen „Zoch“. Was allerdings auch immer schwierig zu bewerkstelligen ist, überhaupt nicht fernsehgerecht wirkt und deshalb allemal zu unterstützen ist. Nirgendwo sonst geht es in Köln mehr um Volkskultur, die im Alltag lebendig ist, wie bei diesen kurzen Veedelszügen. Um diese Volkskultur  geht es bei einem Sonntagnachmittag im Stadion in gewisser Weise natürlich auch, aber am kommenden Karnevalssonntag lasse ich dem Kölner in mir den Vortritt – auch wenn ich jetzt schon weiß, dass dann hin und wieder sich die Duisburger Seele kurz melancholisch bemerkbar macht. Da ärger ich mich doch gerade wieder über den Abstieg. Denn mit einem möglichen Spieltermin am Samstag hätte ich einmal mehr Spass an d´r Freud mit beiden Identitäten gehabt. Und nun wird eben kein Tor bejubelt – Peters Zufriedenheit mal in die Zukunft fortgeschrieben. Nun wird etwa eine Stunde Strüsje und Kamelle gefangen, das Fässchen Kölsch wird geleert und den Trömmelchen wird zujehört, denn mer stonn dann all parat.

Ich weiß, die Duisburger Freunde können sich so etwas nur schwer vorstellen und daran merke ich, wie lange ich schon in Köln lebe. Doch dieser Karneval im Veedel, weit ab von den Massen der Innenstadt, dieser Karneval macht Spaß. Und sollte es einmal für den MSV am Karnevalssonntag um richtig was gehen, dann werde ich sicher auch der anderen Identität wieder den Vortritt lassen. Denn das ist das Schöne, wenn man in zwei Kulturen zu Hause ist, man hat immer die Wahl und sucht sich das Schönste raus.  In zwei? Kulturen? Zu Hause? Müsste eigentlich aus anderen Zusammenhängen bekannt vorkommen. Funktioniert ganz gut. Wird ja immer mal wieder gerne bezweifelt, wenn es nicht um Städte sondern um Nationen geht.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: