Posts Tagged 'Gino Lettieri'

Hinter Hupen stehen Argumente

Manchmal lässt mich eine der Grundbedingungen des Unterhaltungsbetriebs Fußball verzweifeln. Manchmal ist genau dann, wenn ich mich um die Zukunft des MSV sorge, und die Grundbedingung lautet Emotionalität. Damit lässt sich jedes kritische Geschehen erklären und dementsprechend nichts.

Ich könnte zufrieden sein, weil genau das geschah, was ich gestern befürwortete und entgegen der Meldungen von der sicheren Entlassung Ivo Grlics auch vermutete. Ivo Grlic behält seinen Arbeitsplatz. Ingo Wald sieht momentan keinen Handlungsbedarf. Nun lässt sich trefflich wie die Fans im MSVPortal darüber spekulieren, was dieses „momentan“ bedeutet. Auch die Nachfrage zum Handeln im Sommer ließ Interpretationsspielraum. So ist das immer. Das stört mich alles nicht.

Was mir Sorgen bereitet, sind die nachfolgenden Sätze, mit denen er sich gegen die am Vortag vor dem Stadion protestierenden Fans richtet. Seine Worte machten das Hupen als Protest zu einer erwartbaren Begleitmusik, mit denen Verantwortliche eines Fußballvereins nun mal umgehen müssen. Damit nimmt er eine Erzählweise zur Stimmung unter den Fans auf, die auch Dirk Retzlaff in seinem Kommentar zur Entlassung von Gino Lettieri erwähnt. Die Verantwortlichen hätten die Stimmung unter den Fans unterschätzt und somit habe Gino Lettieri von Beginn an nicht die zweite Chance gehabt, die ihm zugestanden hätte. Das ist leider völlig falsch und eine Dolchstoß-Legende.

Gino Lettieri hatte die besten Bedingungen für seine Arbeit. Kein Publikum im Stadion störte ihn. Kein Publikum wurde unruhig, wenn die Mannschft schlecht spielte. Wo gab es den besagten Einfluss der Fans zu spüren? Hat er sich abends im Internet im MSVPortal die Worte der Fans durchgelesen, weil er sich endlich mal so richtig abgelehnt fühlen wollte? Wir leben in einer Zeit der Abschottung. Er hatte die besten Bedingungen für seine Arbeit, die ein Trainer jemals beim MSV gehabt hat. Deshalb war seine Arbeit in Reinheit zu erleben. Und deshalb macht mir diese Nebelwolke emotionale Fans Sorgen.

Die Stimmung unter den Fans bei Bekanntgabe der Verpflichtung hatte Gründe. Es gab sehr gute Argumente, die gegen ein zweites Engagement von Gino Lettieri sprachen. Diese Argumente waren sehr gewichtig, weil es nicht alleine um ein pauschales „der war beim ersten Mal nicht erfolgreich“ ging. Sofort war sein geradezu zwanghaftes Distanzieren von Misserfolgen seiner Mannschaft ein Thema. Sofort war sein pädagogisches Geschick ein Thema. Sofort war die Abkehr vom im Jahr zuvor gefassten Vorhaben Ausbildungsverein zu sein ein Thema. Sofort waren seine Fähigkeiten taktisch variabel zu spielen ein Thema. Das waren keine Emotionen, das waren sachliche Gründe.

Nun möchte Ingo Wald Ivo Grlic aus der Schusslinie nehmen, wenn er immer wieder betont, dass die Gremien entscheiden und entschieden haben. Wer aber hat in diesen Gremien so viel Kenntniss vom Fußball, dass er eigenständig die bis dato gesehene Arbeit von Gino Lettieri bewerten kann? Wie können wir uns das vorstellen? Gibt es Fachgespräche zu den Auswirkungen der Verpflichtung auf das Konzept? Gibt es Fachgespräche über das Fußball-Wissen von Gino Lettieri? Ich kann diese Gremiengespräche nicht beurteilen. Ich habe aber Mühe mir vorzustellen, dass dort auf Augenhöhe diskutiert wird. Als Fachmann des Fußballs sehe ich bei diesen Gesprächen nur Ivo Grlic in fortwährender Erklärung und Überzeugungsarbeit. Es wäre schön, wenn es anders wäre.

Ich kann mir den Druck nur annähernd vorstellen, unter dem Ingo Wald steht, um dem MSV Duisburg eine tragfähige Zukunft zu geben. Ich schätze seine Arbeit bislang sehr, seine sachliche, ausgleichende Art und sein immer offenes Ohr für Stimmen aus dem Fanumfeld. Gerade deshalb sorgen mich seine Worte zu den hupenden Fans. Sie sorgen mich, weil mit ihnen die Argumente der Fans hinter dem Nebel Emotionalität verschwinden. Sie sorgen mich, weil ich nicht erkennen kann, dass in besagten Gremien des Vereins der grundlegende Fehler, Gino Lettieri verpflichtet zu haben, in aller Wahrhaftigkeit bewertet wird. Wenn diese Sorgen zu groß werden, kann ich dann nur noch hoffen, sie entstehen vor allem deshalb, weil die Verantwortlichen beim MSV die Fallstricke von öffentlichem Sprechen nicht kennen; Fallstricke, die immer ausliegen, wenn nur die Emotion als Kritik wahrgenommen wird.

Ratlos machen Teufelskreise beim MSV

Eines ist für mich klar, in jedem anderen Unternehmen außerhalb der Fußballbranche hätte mit der Entlassung von Gino Lettieri auch Ivo Grlic den Arbeitsplatz verloren. Eine vergleichbare Fehlentscheidung wie dessen Verpflichtung vor drei Monaten würde nirgendwo ohne Folgen bleiben. Das kann die Versetzung innerhalb des Unternehmens sein oder gar die wohlbekannte einvernehmliche Trennung.

Wer in der Krise eines Unternehmens jemanden zur Problemlösung anstellt, der nirgendwo vorher irgendeine Kompetenz bewiesen hat für den Umgang mit solch Krisen und der dann alles schlimmer macht, verliert das Vertrauen der Geschäftsleitung. So viel könnte niemand erklären, um das Vertrauen in seine Entscheidungen wiederherzustellen. Und ich denke gar nicht daran, dass mit der Lettieri-Verpflichtung die Unternehmensphilosophie Ausbildungsverein MSV nebenbei in die Tonne gehauen wurde. Ich denke daran, dass Gino Lettieri die absolut nötige berufliche Kompetenz zur Bewältigung einer Krise komplett fehlt.

Gino Lettieri kann keinen Zusammenhalt herstellen, die grundsätzliche Voraussetzung, um Krisen zu bewältigen. Er selbst war während seines ersten Engagements nie verantwortlich für irgendein Handeln in den seinerzeit ebenfalls vorhandenen großen und kleinen Krisen. Wenn seine Mannschaft verlor, waren das immer die Spieler, die all seine guten Pläne zunichte gemacht hatten. Er hatte ihnen immer alles genau gesagt und trotzdem machten die Spieler die Fehler. So ein Mann wurde verpflichtet mit all den voraussehbaren Konsequenzen. Eine Mannschaft steht momentan nicht mehr auf dem Platz.

Ivo Grlic hätte also bei Krohne, wo Vereinsvorstand Ingo Wald ja Geschäftsführer ist, sicher nicht mehr die Kompetenzen wie vor seiner Personalentscheidung. Angesichts der öffentlich zugänglichen Informationen aber, sehe ich keine Möglichkeit zur Entlassung von Ivo Grlic zum jetzigen Zeitpunkt. Es entstünde eine Leerstelle, die nicht von jetzt auf gleich gefüllt werden kann. Wer soll die Leerstelle im Verein füllen? Zudem fehlt für eine Neuanstellung wahrscheinlich das Geld. Ein Teufelskreis. Sofort sind wir bei den Finanzen, den Besonderheiten der Fußballbranche im Allgemeinen sowie denen eines Vereins wie dem MSV.

RWO-Präsident Hajo Sommers hat neulich sehr drastisch deutlich gemacht, dass ein Abstieg aus der Zweiten Liga in die Dritte Liga eine finanzielle Katastrophe wegen der Fixkosten ist und Vereine, die aus der Regionalliga aufsteigen, es dagegen sehr viel leichter haben. Der MSV ist in dieser zugespitzten Absteiger-Situation, sie ist eine doppelte, weil der Aufstieg letzte Saison nicht gelang und die Kostenstruktur wahrscheinlich auf den Aufstieg ausgerichtet war.

Wo sollte der MSV also die übergeordnete sportliche Kompetenz hernehmen? Wo sollte das Korrektiv für Ivo Grlic herkommen? Wer sollte das bezahlen? Es hat ja anscheinend einen Plan gegeben, eine übergeordnete Position zu besetzen. Jetzt aber brennt es lichterloh. Das Feuer muss erstmal gelöscht werden, ehe alle wieder mit Ruhe perspektivisch denken können. Denn längst sind die Zweifel viel zu groß, ob der Verein überhaupt die Gelegenheit haben wird, im Hinblick auf die sportliche Entwicklung perspektivisch denken zu können.

Rational wäre es, Ivo bis zum Ende der Saison seine Arbeit machen zu lassen. Das ist schwierig angesichts der Stimmung unter den Fans. Wäre der Fußball eine normale Wirtschaftsbranche könnte so eine Lösung der Presse mitgeteilt werden und am Ende der Saison wären die Fakten da, um vernünftig zu entscheiden. Die Fußballbranche hat ihre Besonderheiten, von denen die Unzuverlässigkeit in Sachen sportlicher Erfolg eine der größeren Schwierigkeiten ist.

Wenn nun in Krisenzeiten ehemalige Spieler allerlei kritisieren, so ist das für den MSV seit 2013 mit Vorsicht zu genießen. Tomas Hajto erzählt von seiner größeren Verbundenheit mit Schalke, weil die ihm immer einen Blumenstrauß zum Geburtstag schicken. Da sind wir mehr beim Thema persönliche Eitelkeit. Jeder, der den MSV in den letzten Jahren verfolgte, wird sofort die Frage stellen, wer hätte sich um die persönliche Betreuung verdienter Spieler kümmern sollen? Alles eine Frage des vorhandenen Personals. Mir fallen sofort viele andere Spieler ein, die auch einen Blumenstrauß vom MSV verdient haben. Tomas Hajto ist im Grunde seines Herzens also ein selbstloser Wirtschaftsförder und denkt an den Jobmotor Geschäftsstelle MSV, wenn dort die zusätzlichen Mitarbeiter für die Blumensträuße eingestellt werden. Und das nötige Geld? Ein Teufelskreis.

Ernster ist schon Dietmar Hirsch zu nehmen, wenn er bei Facebook beklagt, ehemalige Profis vom MSV fänden zu wenig Gehör. Ernster deshalb, weil er nach seiner Spielerkarriere auch als Trainer und Vereins- bzw. Unternehmensgründer erfolgreich war und ist. Andererseits: Was war Ivo Grlic nochmal beim MSV, bevor er die sportliche Leitung übernahm? War der nicht mal Fußballprofi und Legende? Dunkel erinnern wir uns. Ganz so einfach ist das also auch nicht mit der Einbindung ehemaliger Profis. Die einen Profis haben die eine Meinung und jene Kompetenzen, die anderen sehen wiederum den Erfolg mit ganz anderen Mitteln und haben andere besondere Fähigkeiten. Ex-Fußballprofi-Sein langt also mal nicht als berufliche Qualifikation für eine Anstellung beim MSV. Er müsste ins unternehmerische Konzept des MSV passen. Das muss aber erstmal wieder aus der Tonne geholt werden, sobald der Ausgang der Saison feststeht. Dieser Ex-Fußballprofi müsste zudem einige planerische und strategische Fähigkeiten mitbringen. Die wiederum scheint Dietmar Hirsch zu besitzen. Unternehmerisch denken kann er anscheinend auch. Aber alles ist eine Frage der Finanzen. Wie aus dem bekannten Teufelskreis ausbrechen?

Klasse halten, MSV, nur durch Glück oder vielleicht auch Glück und allenfalls noch durch viel mehr Glück

Der MSV schlittert auf einem Steilhang in den Höhenlagen eines 2000ers den Berg runter. Er trägt Sandalen, kurze Hose und leichtes T-Shirt. Der Himmel ist zugezogen. Die Temperaturen sind unter zehn Grad. Manchmal versucht er sich aufzurichten, doch Böen wehen ihn dann um. Wie er verdammt noch mal in diese Lage geraten ist, weiß er nicht. Im Tal hatten doch nur ein paar Wolken die Sonne hin und wieder verdeckt. Das Handy hat schon lange keinen Empfang mehr. Verzweifelt versucht er den Weg zurückkommen auf den Pfad in sichere Gefilde. Halb gebückt rutscht er dennoch auf dem Geröll aus. Es geht ein Schritt vor und vier zurück. Der Abgrund ist so deutlich sichtbar. Mit jedem Ausrutschen kommt er näher.

Ich hatte nichts mehr über ein Spiel schreiben wollen. Heute muss ich es mir mit Worten besser gehen lassen. Heute brauche ich Ablenkung von meinem Entsetzen über das Spiel des MSV gegen Magdeburg. Ich konnte mir das Spiel nicht wirklich ansehen. Immer wieder habe ich nur vereinzelt Blicke geworfen. Zu sehr hat mich das Spiel aufgeregt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals diesen so oft gehörten Fan-Gedanken gehabt habe, die sind so schlecht, da könnten wir noch aushelfen. Gestern war es so weit. Ich habe tatsächlich bei manchen Szenen gedacht, es würde keinen Unterschied machen, ob ich den Ball am Fuß habe oder einer der bezahlten Profis. Ich könnte genauso sinnlos zwanzig Meter nach vorne rennen in die dort stehenden Gegenspieler hinein. Ich könnt genauso hilflos stochernd versuchen den Ball zu behaupten, wenn gleich drei Magdeburger mich attackieren. Ich konnte mir das Spiel nach der Magdeburger Führung nicht weiter ansehen.

Der Vierzeiler zum Spiel gegen Meppen über die Aussichten der Mannschaft angesichts der miserablen Konterfähigkeiten hat sich bewahrheitet. Wenn die grundlegende Taktik durch mangelnde Fähigkeiten zum Torabschluss beim Konter scheitert, bleibt nur das Glück, um ein Spiel zu gewinnen. Gerät die Mannschaft gar in Rückstand, wird die komplette Hilflosigkeit der Spieler deutlich. Dann steht keine Mannschaft auf dem Rasen, dann stehen Einzelspieler auf dem Rasen, die verzweifelt versuchen Mannschaftsteile herzustellen. Ich wage gar nicht von einer Mannschaft mit elf Mann zu sprechen.

Was für ein Schrecken ist diese Saison. Der Abstieg wäre schon ein Desaster. Wie dieser Abstieg zustande käme, wäre eine Katastrophe. Gemeinsam hieß es zu Beginn der Saison. Im sportlichen Bereich ist davon nichts zu sehen. Nichts! Es gibt keinen gemeinsamen Geist. Gibt es Versuche, ihn zumindest herbei zu reden? Wenn ich im MSVPortal über Gino Lettieris Umgang mit der Mannschaft in den letzten Minuten lese, weiß ich, diese Gemeinsamkeit wird nur durch Erfolge entstehen. Er selbst trägt dazu nichts bei. Überraschend ist das für die meisten Anhänger dieses MSV nicht. Denn es war kein Geheimnis, Misserfolg verarbeitet die sportliche Leitung gerne durch Distanzierung. Wie sollen Spieler mit dieser zusätzlichen Last der Distanzierung ihre gesamte Kraft für das Spiel aufbringen können? Einen Teil werden sie für sich selber brauchen. Sicher, es gibt sie, die Spieler, die den Widerstand für Höchstleistung nutzen, Spieler, die es ihrem Trainer dann zeigen wollen, wenn sie gereizt sind. Beim MSV sehe ich solche Spieler nicht im Kader. Da sehe ich Spieler, die eher stur und resigniert werden oder solche, die in Vereinen mit erklärender Ausbildungskultur ihre Jugend verbrachten.

Wie dieser MSV den Abstieg verhindern will? Aus eigener Kraft wird das nicht klappen. Die Mannschaft braucht Glück. Im Spiel gegen Meppen hatte sie das, gegen Magdeburg nicht. Die Mannschaft braucht also mehr Glück und davon am besten sicherheitshalber noch mehr.

Sollte diese Mannschaft nicht absteigen, gebührt aller Dank dem Schicksal. Trainer und Sportdirektor haben damit eher wenig zu tun.

Ich nicht, der da war das

Momentan kommt man als MSV-Fan mit Galgenhumor besser durchs Leben. Heute morgen musste ich doch schmunzeln, als ich die zwei Kommentare nebenan las zu dem Foto einer leicht derangierten großen MSV-Fahne, die im Münsterland gesichtet wurde. 

Was für eine Zeit, in der ein Chef-Trainer vom MSV Duisburg in der Lokalzeitung richtig stellen muss, dass der Kapitän seiner Mannschaft nicht ihn beim letzten Spiel mit einem vielleicht verärgert klingenden Hinweis auf einen ständig frei stehenden Spieler beim Gegner gemeint hat sondern den Co-Trainer. Die Online-Überschrift dazu ist schön konfrontativ formuliert, damit die Sensation den Klick generiert: „MSV-Trainer Lettieri: Stoppelkamp und Compper zofften sich“.

Wir müssen über diese Geschichte nichts wissen. Die Wahrheit des Geschehens müssen wir nicht kennen. Es reicht, dass es diese Geschichte gibt. Es reicht, dass Abstimmungsfragen innerhalb des Mannschaftssystems im Nachhinein als „Zoff“ dargestellt werden können. Es reicht, dass ein MSV-Trainer in der Öffentlichkeit wie ein Schuljunge, der sich ertappt fühlt, mit dem Finger schnell auf einen anderen zeigt. Nein, ich war das nicht, das war der da. Es reicht, um zu wissen, dass Missstimmung in diesem Verein unter dem Deckel gehalten werden muss. Es reicht, um zu wissen, dass viel Energie nicht auf den sportlichen Erfolg gerichtet sein kann, weil sie dafür verwendet werden muss, Haltung zu bewahren und aufkommende negative Gefühle beiseite zu schieben. Schließlich gibt es diese Gemeinschaft, in der man täglich zusammen kommt. Es gibt eine formale Hierarchie, die offensichtlich inhaltlich vom Trainerteam nicht gefüllt wird.

Wo soll die Hoffnung auf den Klassenerhalt herkommen? Ich muss an Wunder glauben. Vertrauen habe ich keines mehr. Ich hoffe dennoch. Das ist mein Wesen. Die Mannschaft wird gewinnen können. Die Fußballer dieser Mannschaft haben ja nicht alles verlernt. Aber diese Spieler brauchen Glück für den Erfolg. Das kann es geben. Hoffen dürfen wir immer. Ich hoffe auf den Klassenerhalt und auf einen Vorstand des MSV, der die Stimmung unter den Anhängern ernst nimmt.

Normalerweise herrscht im MSVPortal  bei Serien des Misserfolgs schnell eine gereizte Stimmung unter den Usern. Irgendwo muss schließlich die schlechte Laune hin. Je mehr Menschen, desto mehr Meinungen. Selbst wenn sich Meinungen nur in Nuancen unterscheiden, werden sie in solchen Fällen als gewaltige Unterschiede wahrgenommen. Man spricht sich gegenseitig den Durchblick ab. Die Moderatoren kümmern sich dabei mit sicherem Gespür um den dann rauer werdenden Umgangston. Unflätig wird es deshalb nie. Dazwischen gibt es natürlich auch viele sachliche Beiträge, in denen deutend versucht wird, Gründe für den Misserfolg und Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage des MSV zu finden. Selten ist in Beiträgen zu einem Trainer derart einhellig eine Meinung zu lesen gewesen. Selbst in den wohlmeinenden Kommentaren zu Gino Lettieri geht es weniger um seine Arbeit als um die Notwendigkeit zu akzeptieren, dass er nun mal da ist und wir damit umgehen müssen. Ansonsten wird Gino Lettieri in allen Belangen die Kompetenz abgesprochen. Daran wird auch ein möglicher Klassenerhalt nichts ändern. Das aber führt zur Verbindung der Anhänger mit dem Verein.

Der RWO-Präsident Hajo Sommers denkt beim möglichen Aufstieg von RWE nämlich zugleich an den MSV, weil mit RWE ein Zuschauergarant die Liga verlassen würde. Er hofft dann auf Ausgleich durch den MSV. Momentan bin ich mir nicht sicher, ob er nicht in beiden Fällen des Saisonausgangs vergeblich hofft.

Darüber hinaus ist es ein interessantes Gespräch geworden mit einigen Infos zu den Kosten für eine Regionalligamannschaft, sowie der klaren Meinung nicht die Regionalliga sei für einen Verein schrecklich, sondern die 3. Liga sei die „Schweineliga“. Illustriert in etwas derberer Sprache, was Ingo Wald auch immer sagt.

Ein Hashtag wird zum Hohn

Seit Anfang der Saison begibt sich der MSV Duisburg mit dem Hashtag #gemeinsam in die sozialen Medien. Getragen war dieser Hashtag vom Wissen im Verein, der MSV Duisburg braucht den Zusammenhalt, um die Saison angesichts der Corona-Bedingungen zu überstehen. Getragen war er vom Wissen, in schweren Zeiten müssen alle in und um diesen Verein zusammenstehen, sonst kann diese Zeit ohne große Einnahmen die Existenz des Vereins bedrohen. Getragen war dieser Wunsch nach Zusammenhalt auch von der unerfüllt gebliebenen Hoffnung auf den Aufstieg, der so lange fast sicher schien. Enttäuschung lässt sich gemeinsam leichter verarbeiten. Das Gemeinschaftsgefühl musste auch benannt werden, weil es keine Gelegenheit gibt, es im Stadion zu erleben. Wir müssen es bereden, besprechen. Vor allem aber müssen wir als Fans es im Verein durch das Handeln der Verantwortlichen erleben. Doch jetzt haben wir Gino Lettieri als Trainer. Ein Mann, der ein glückliches Leben führen muss, weil Schuld immer die anderen sind – #gemeinsam.

Ich hatte mich mit dieser widersinnigen Trainerverpflichtung abgefunden und gehofft, irgendwie die Saison zu durchstehen. Ich kann das nicht, wenn die einzige Reaktion von Gino Lettieri nach Niederlagen das Beschimpfen seiner Spieler ist. Hashtag gemeinsam, was für ein Hohn. Der MSV Duisburg zerlegt seine Integrität und alles an Vertrauen, was die Vereinsführung seit 2013 mühsam wiedergewonnen hat.

Wenn im MSVPortal sämtliche User, deren Stimmen ich in den unterschiedlichen Themen von Sport bis zu Finanzen seit Jahren als seriöse Beobachter des Vereins kenne, das Handeln im Verein nicht mehr nachvollziehen können, ist die Lage des MSV tatächlich dramatischer als 2013. Wenn im MSVPortal über die Lage des MSV substanziell und klüger nachgedacht wird als es durch die öffentlichen Äußerungen der Vereinsvertreter wahrnehmbar ist, offenbart das eine dramatische Krise im Verein. Ohnmächtig sehe ich, es fehlt im Verein das Personal, das die Grundvoraussetzung für die Bewältigung dieser Krise vorlebt.

Gemeinsam? Nein, da sind versagende Spieler. Wo ist der Sportdirektor, der den von ihm verpflichteten Trainer erinnert, was die Leitlinie dieser Saison war? Er müsste es sogar als Selbstschutz für den Erhalt seines Arbeitsplatzes machen, weil dieser Trainer kontinuierlich Spieler schlecht redet, die Ivo Grlic selbst verpflichtet hat. Aber, ach ja, Gino Lettieris Trainerpersönlichkeit war ihm ja bekannt. #gemeinsambeierfolg

Ohnmächtig sehe ich, wie das geschieht, was nicht nur ich nach der Nachricht von Gino Littieris Verpflichtung befürchtet hatte. Jetzt reagiert der Verein auf einen offenen Brief aus der Fanszene mit vielen Fragen. Aber in dieser Krise reicht der geplante Chat mit Ingo Wald, Peter Monhaupt und Ivo Grlic leider überhaupt nicht. Da werden dann Antworten gegeben, manche nachvollziehbar, manche werden auf Widerspruch stoßen. Vieles wird nicht zufrieden stellend beantwortet werden. Denn Wahrheiten müssten gesagt werden, die das gegenwärtige Arbeiten auf sportlicher Ebene gefährden. Ich denke an realistisches Einschätzen von sportlicher Leistungsfähigkeit des Kaders.

Neben solchen Antworten, die die Stimmung rund um den MSV im Zaum halten, braucht das Unternehmen MSV Führung von außen. Eigentlich kann dieses Unternehmen nämlich unter Corona-Bedingungen ruhiger arbeiten als in einer normalen Saison. Der Druck durch die Zuschauer bleibt ja aus. Die Folge solcher Möglichkeit des Arbeitens aber ist ein Vertrauensverlust in die sportliche Leitung, der nicht nur durch sportlichen Misserfolg erklärbar ist. Meine einzige Hoffnung für diese Saison ist die Offenheit von Ingo Wald für Kritik. Meine einzige Hoffnung ist seine Persönlichkeit und mein Wissen, dass er für Meinungen von seriösen Kritikern des MSV offen ist; dass er mit vielen dieser Kritiker im Austausch ist. Meine einzige Hoffnung für die Verhinderung des Niedergangs ergibt sich aus diesem Wissen.

Bei Enttäuschung raten wir zu Illusion und Zwang zur Hoffnung – Zur Verpflichtung von Gino Lettieri

Das war gestern ein Schlag ins Kontor. Auch heute morgen umgibt mich nach der offiziellen Bekanntgabe der Verpflichtung von Gino Lettieri als neuem Trainer des MSV Duisburg die dunkle Stimmung eines Niedergangs, Abstiegs und Verlustes. Es gibt zwei Möglichkeiten, die diese Stimmung vertreiben könnten. Die eine ist nicht zu erwarten, die andere zeigt sich erst im Verlauf der Saison und ist eine illusionäre Fantasie.

Nicht zu erwarten ist eine schlüssige Erklärung für diese Verpflichtung aus dem Verein. Eine Erklärung, die mehr ist als eine Reihe von Klischees zur Persönlichkeit von Gino Lettieri. Eine Erklärung, die mir zeigt, dass in diesem Verein weiter konzeptionell gearbeitet wird. Niederlagen reichen mir nicht als Erklärung für den Wechsel von A nach B. Es muss schon einen Unterschied zwischen dem neuen und alten Trainer geben. „Ehrgeizig, fordernd, ein echter Arbeiter“ war Torsten Lieberknecht auch. Die andere Möglichkeit ist alleine der sportliche Erfolg des Aufstiegs. Das klingt nach einer Illusion. Mein dumpfes Gefühl kommt eben nicht von ungefähr. Ich weiß, mit diesem dumpfen Gefühl bin ich nicht alleine. Das letzte Mal war ich über das Handeln in meinem Verein so enttäuscht, als Walter Hellmich im Alleingang die Verpflichtung von Peter Neururer als Trainer verkündete.

Die Verpflichtung von Gino Lettieri beschädigt meinen Eindruck, dass im MSV Duisburg seit dem Zwangsabstieg mit Sachverstand und klarem Konzept gearbeitet wird. Vielleicht hat Gino Lettieri in den letzten fünf Jahren dazu gelernt. Vielleicht ist sein Fußballwissen größer geworden. Vielleicht hat er menschlich dazu gelernt. Diese kleine Hoffnung muss all den Ballast tragen helfen, der sich 2014 bis 2015 für mich durch seine Arbeit angehäuft hat.

Ein roter Faden durchzieht meine Texte, vor allem die aus dem Aufstiegsjahr 2015. Deshalb ist der damalige Erfolg des Aufstiegs auch kein Argument für die Verpflichtung von Gino Lettieri. Immer wieder kam ich darauf zu sprechen, dass Gino Lettieri jegliche Form von Selbstkritik fehlt. Das gipfelte in dem Interview nach dem Halbfinale im Niederrheinpokal gegen RWO, in dem ja bekannter Weise nicht die erste Elf spielte. Was ich wegen des folgenden Spiels gegen Kiel um den Aufstieg verstand. Ich verstand aber nicht, dass er seine B-Elf den Fans zum Fraß vorwarf. Er forderte nach dem Spiel den Zusammenhalt und hielt sich selbst nicht dran. Gedeckt wurde er durch Ivo Grlic. Zu meiner großen Freude haben die meisten Fans damals dieses Manöver nicht mitgemacht. Diese B-Elf konnte nicht so gut spielen wie ein ehrgeiziger Regionalligist.

Kurz vor der sich abzeichnenden Entlassung von Gino Lettieri habe ich einen Text geschrieben, in dem ich sehr genau notierte, warum ich kein Vertrauen in seine Arbeit hatte. Das war kein Text über den wenig attraktiven Fußball jener Zeit, sondern zu meinem Eindruck, wie sich Gino Lettieri mit Misserfolgen auseinandersetzt und welche Schlüsse er aus ihnen zieht. Noch einmal: Vielleicht hat er sich geändert. Ich hoffe es sehr. Denn mein Eindruck wurde noch einmal bestätigt. Als er 2017 bis 2019 in Polen bei Korona Kielce arbeitete, erhielt ich im ersten Jahr die Mail eines besorgten Anhängers, der über seinen Verein im Netz quasi-journalistisch schrieb. Er wollte wissen, wie ich Gino Lettieri einschätze. Es war eine neutrale Frage. Erst in einer zweiten Mail auf meine Antwort erfuhr ich, es gab offensichtliche Unstimmigkeiten zwischen einem Teil der Mannschaft und Gino Lettieri. Da ging es um verdiente Spieler des Vereins. Diese Unstimmigkeiten wirkten sich auf die Leistung aus. Ich habe das nicht weiter verfolgt. Sicher, so etwas gibt es immer wieder im Fußball. Für mich war es aber eine erneute Bestätigung, dass zu Gino Lettieris Stärken nicht die Menschenführung zählt.

Was uns wieder zurückführt zur konzeptionellen Arbeit des MSV Duisburg. Ausbildungsverein, so hieß es. Junge Spieler an die Mannschaft heranführen. Das passt nicht damit zusammen passt, was wir über Gino Lettieri wissen. Anscheinend führt sein Umgang mit Konflikten zu Schwierigkeiten in seinem Arbeitsfeld. Deshalb braucht Gino Lettieri den sportlichen Erfolg mehr als andere Trainer, um länger bei einem Verein zu arbeiten. Für mich zählt nach dem Trainerwechsel als Erfolg sogar nur der Aufstieg. Die Illusion zurzeit. Ich glaube, einen Abstieg hätte auch Torsten Lieberknecht verhindern können. Dann hätte man sich am Ende der Saison getrennt. Das wäre ein sauberes Arbeiten gewesen. Das Konzept wäre erkennbar geblieben. Das hätte ich mir von meinem Verein gewünscht.

Manchmal ist weniger Trainer-Anweisung mehr

Hört man den Trainingskiebitzen zu oder liest ihre Trainingsberichte, soll Karsten Baumann im Training bei Fehlern im Mannschaftsspiel kaum korrigierende Anweisungen gegeben haben,  Gino Lettieri dafür um so mehr. Wie beides zu bewerten ist, ergibt sich natürlich durch den Erfolg der Mannschaft, aber bei näherer Betrachtung auch mit dem Blick auf die konkrete Spielweise der Mannschaft während der Saison.

Das richtige Maß für die spielstrukturienden Anweisungen im Training zu finden, ist jedenfalls nicht einfach, wie mir neulich ein Artikel in der  Süddeutschen Zeitung zu verstehen gab. Sebastian Herrmann schrieb über die Psychologie der Wahrnehmung und dem Phänomen, dass wir Menschen offensichtliche Dinge einfach übersehen.

Ein kurzer Abschnitt erinnerte mich an die Mannschaft des MSV zu Beginn beider Spielzeiten unter Gino Lettieri. Mir kam es manchmal so vor, als überlegten die Spieler zu viel, als seien sie zu sehr damit beschäftigt Anweisungen im Kopf abzuarbeiten. Erst einmal ist das Ganze Spekulation zu einer intuitiven Wahrnehmen, ob es mehr ist? Findet Ilija Gruev für seine Anweisungen einen Mittelweg, der die Köpfe der Spieler grundsätzlich freier macht und ihnen dennoch ein gutes Gerüst für das Spiel selbst gibt? Momentan sieht es für mich so aus.

2015-11-13_unsichtbarer_Gorilla.JPG

Den gesamten lesenswerten Artikel „Der unsichtbare Gorilla“ zur Psychologie der Wahrnehmung gibt es bei der Süddeutschen Zeitung mit einem Klick.

Kann der MSV die Geschichte von Mainz 05 in der Saison 2009/2010 wiederholen?

Ganz vergleichbar ist die Situation des MSV Duisburg heute mit der von Mainz 05 im Jahr 2009 nicht. Aber Ähnlichkeiten gibt es. Bestimmt haben einige von euch den Vortrag schon gesehen, den Thomas Tuchel, damals noch in Mainz beschäftigt, auf einem Wirtschaftssymposium gehalten hat. Dieser Vortrag ist interessant, weil er und sein Trainerteam in seiner ersten Saison als Cheftrainer eines Profifußball-Teams die eigene Mannschaft in allen Belangen den anderen Teams der Liga als unterlegen angesehen haben.

Es gibt weitere Ähnlichkeiten: Als Thomas Tuchel sein Traineramt in Mainz übernahm, war der Verein gerade aufgestiegen. Der Aufstiegstrainer Jörn Andersen war von Christian Heidel schnell entlassen worden. Gino Lettieri ist nun später entlassen worden als Andersen seinerzeit. Aber wenn man Tuchel zu Beginn hört, begann er ähnlich wie nun der neue Trainer des MSV: „Die Herausforderung an der ganzen Geschichte […]  ist die, dass meine Aufgabe für die Bundesligamannschaft an einem Dienstag beginnt und an einem Samstag ist das erste Punktspiel zu Hause gegen Leverkusen.“

Hoffen wir, dass der neue Trainer sich durch solche Ausführungen wie die von Thomas Tuchel schon hat anregen lassen.

Trainerentlassung bei Misserfolg? – Ein lehrreiches Fallbeispiel

Nicht viel spricht für Trainerentlassungen während einer Spielzeit. Egal wieviel Geld ein Verein zur Verfügung hat, kontinuierliche Arbeit in einem ruhigen Umfeld ist die Voraussetzung für sportlichen Erfolg. Es wird euch nicht überraschen, dass ich langfristiges Arbeiten eines Trainers mit einer Mannschaft grundsätzlich befürworte.

Die Sportpsychologie liefert zudem wissenschaftliche Argumente. Trainerentlassungen haben statistisch gesehen keinen nennnenswerten Einfluss auf den Erfolg einer Mannschaft. Erstmals wurde an der Universität Münster 2003 dieser Befund an die Öffentlichkeit gebracht und hier vom Handelsblatt als Meldung aufgenommen. Acht Jahre später scheint es eine Überarbeitung der Studie gegeben zu haben, wie auf der Seite der Universität zu lesen ist. Dort gibt es auch den Link zum wissenschaftlichen Artikel, der die Studienergebnisse auf Englisch zusammenfasst. Für den Artikel spricht der Zebrastreifenblog eine Statistikwarnung aus.

Diese rationale Einsicht ändert nichts daran, dass ich Gino Lettieris Arbeit nicht vertraue, und ich die irrationale Hoffnung habe, ein anderer Trainer könne durch seine Arbeit die Spieler des MSV zu einer erfolgreicheren Mannschaft formen. Ich staune also über mich selbst und überlege, wie es zu dieser Hoffnung kommt. Schließlich kenne ich das Training von Gino Lettieri gar nicht und erlaube mir in solchen Fällen eigentlich kein Urteil. Ich sehe nur das Ergebnis in den Spielen und könnte auf ein schlechtes Zeugnis hochrechnen. Doch dann beginnt sofort die klassische Diskussion: Gino Lettieri steht ja nicht auf dem Platz. Er ist nicht alleine verantwortlich für den Misserfolg. Es gibt Rahmenbedingungen, unter denen er arbeiten muss, die Spielstärke der einzelnen Spieler, die Verletzungen, Glück, Zufall. All das versuche ich immer mit zu beachten. Dennoch ändert das nichts an meinem Eindruck, Gino Lettieri geht unter den vorhandenen Bedingungen einen falschen Weg.

Meine Zweifel wären nur ausgeräumt worden, wenn ich diesen Weg besser erklärt bekommen hätte. Ich hätte eine Perspektive nach all den Misserfolgen gebraucht. Ich hätte eine Erklärung benötigt, warum es in der Offensive von Anfang an so aussah, als müsste jeder einzelne Spieler am Ball von neuem überlegen, was zu tun ist. Ich hätte eine Erklärung dafür gebraucht, warum Spieler, die schon in der letzten Saison zusammenspielten, so wirkten, als begegneten sie sich zum ersten Mal.

Für Gino Lettieri gab es außerhalb des sportlichen Bereichs beste Voraussetzungen. Er hat viel Kredit bei den Anhängern des MSV. Die Zuschauer waren bislang für Duisburger Verhältnisse sehr geduldig. Sie wussten, was sie in der Saison erwartet. Es gab also die Bereitschaft mit ihm den unsicheren Weg durch die 2. Liga zu gehen. Wenn der Misserfolg anhält, muss aber irgendjemand diesen Glauben an den Weg mit Argumenten befeuern. Ivo Grlic hat das neulich einmal gemacht. Dagegen wirkt es, gelinde gesagt, unglücklich, wenn Gino Lettieri seine Arbeit nach Niederlagen verteidigt und sich selbst bei der Analyse ausnimmt. So trägt seine öffentlich gezeigte Haltung der eigenen Arbeit gegenüber – wie schon einmal geschrieben – ebenfalls zu meinem Vertrauensverlust bei.

Mein Schluss aus der Selbstbeobachtung: Drei Komponenten geben mir Vertrauen in die Arbeit des Trainers. Erstens banal: der sportliche Erfolg. Zweitens: Im Misserfolg erkennen, dass die Spieler an ihre sportlichen Grenzen gekommen sind. Drittens: Im Misserfolg offensives Erklären der Trainingsarbeit und der Gründe für Misserfolg. Dann bliebe mein Vertrauen in die Arbeit eines Trainers stabil.

Übrigens empfinde ich es als unlauter, jetzt den Stab über die Verantwortlichen des MSV zu brechen. Wer in diesem Fall von Chaos hinter den Kulissen spricht, betreibt Brandstiftung, egal ob das von Anhängern des Vereins geschieht oder von den lokalen Medien wie hier im Reviersport. Hinterher ist man immer klüger und über den richtigen Zeitpunkt zu handeln lässt sich streiten. Mehr ist das nicht. Was beim MSV geschieht, ist exakt das Gegenteil von Chaos. Es wirkt wie die intensive Beschäftigung mit allen möglichen Entwicklungen. Und das war richtig so.

Natürlich war der Versuch richtig, den Teufelskreis der Neuverschuldung für den sportlichen Erfolg nach dem Schuldenschnitt zu durchbrechen. Jetzt ist es doch billig zu sagen, der Kader war von Anfang an nicht zweitligareif. Und natürlich war es richtig, auf Kontinuität bei der Arbeit von Gino Lettieri zu setzen. Etwas mehr Glück hier und dort, und selbst bei schlechtem Spiel der Mannschaft hätte sie dreimal erfolgreicher sein können. Was nicht viel ist, aber ausgereicht hätte, den Kontakt zu den Nichtabstiegsplätzen zu halten. Mein Lieblingsszenario war der Klassenerhalt mit Lettieri und die Verpflichtung eines neuen Trainers für die kommende Saison. Das war eine Träumerei.

Für den Trainerwechsel gibt es noch keine Bestätigung vom MSV. Wenn diese Bestätigung kommt, muss der Traum noch größer werden. Ein wenig haben sich meine Hoffnungen seit gestern schon wieder aufgerichtet. Zumal die Studie der Sportpsychologie sich auf die Daten der Bundesliga beschränkte. In der Zweiten Liga ist doch alles ganz anders. Da hat ein neuer Trainer doch viel mehr Einfluss, oder? Anders kann es doch gar nicht sein. Zumindest beim MSV Duisburg.

Ein Abstiegsmeisterschaftsduell

Natürlich werde auch ich älter. Natürlich hält so ein älterer Körper dann nicht mehr jegliche Belastung aus. Aber so sehr wie bei dem Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München habe ich noch nie gedacht, mein Kopf könne gleich zerspringen. So andauernd habe ich deshalb noch nie die Bilder von einem Fußballspiel des MSV Duisburg weggeblendet wie dieses Mal.

Ich konnte mir das Spiel des MSV nicht mehr ansehen, weil ich mich mit der schlechten Leistung der Mannschaft nicht abfinden konnte. Ich habe gegen jede Einsicht weiter auf Erfolg gehofft, und dieser Widerstreit zwischen Wirklichkeit und Fantasie hat mein Kopf zum Tollhaus gemacht. Sachliche Gedanken und hoffende Wünsche schienen aufeinander einzuprügeln. Der Druck hinter der Stirn wurde unerträglich. Zwischendurch wagte ich es, genauer zum Fernsehkommentar hinzuhören. Wenn es die Andeutung einer Chance gab, so entwickelte sie sich vor dem Duisburger Tor. Die Zeitlupen haben ich dann manchmal gesehen. Andeutung ist allerdings schon ein Wort, bei dem jeder mit Recht auch Schönfärberei rufen kann.

Wenn eine Mannschaft in so einem wichtigen Spiel derart hilflos in der Offensive wirkt wie der MSV, ist das eine Bankrotterklärung, der Spieler selbst und vom Trainer. Es ist ja nicht die Niederlage. Es ist die Spielweise der Mannschaft. Es ist die Anstrengung der Spieler ohne Ertrag, die jeglichen Gedanken an den Klassenerhalt zum Hirngespinst eines Tagträumers macht.

Als ich kurz vor Schluss hörte, wie der Reporter gefährliche Angriffe des MSV kommentierte, ging ich in die Falle. Ich sah noch zweimal Andeutungen einer Chance. Betrachtet man diese zwei Angriffe für sich, rufe ich nicht mal Schönfärberei. Schon guckten meine hoffenden Wünsche herausfordernd Richtung sachliche Gedanken. Es folgte ein Einwurf für 1860 in der Hälfte des MSV.

Die sachlichen Gedanken wussten, was kommen konnte und grinsten spöttisch zu den hoffenden Wünschen rüber, als die Spieler des MSV sich recht langsam für die Defensive ordneten. Denn längst hatte ein Spieler von 1860 den Ball in den Händen und Schwung genommen für den Einwurf. Die hoffenden Wünsche räusperten sich verhalten und verstummten sofort, weil sich der Ball inzwischen bereits in guter Flankenposition an der Torauslinie befand.

Nein, kreischten sie auf, als der Sechziger flankte. Höhö, dröhnten die sachlichen Stimmen zurück, guckt hin, ihr spinnerten Träumer – das ist die Wirklichkeit des MSV: Die Flanke kommt in den Fünfmeterraum. Jetzt hilft den Zebras nur noch Glück. Meine Hoffnungen schmissen sich aufheulend zu Boden, während meine sachlichen Gedanken kühl die Schultern zuckten. Ey, beruhigt euch, riefen sie den jammernden Hoffnungen zu, ist doch auch egal, ob München nun als 17. absteigt oder die Zebras. Von einem Pokal für den Abstiegsmeister haben wir noch nie gehört.

Von so einem Realismus lassen sich meine hoffenden Wünsche natürlich nicht beruhigen. Ich sehe aber auch nicht, wie sie demnächst mal wieder aufstehen könnten, um entspannt Richtung MSV zu schauen.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: