Posts Tagged 'Gintaras Stauce'

Versteigerung eines Original-Trikots von Gintaras Staučė aus der Jens Lehmann-Sammlung

Der Fußball in Essen kann seit vielen Jahren auch als eine Geschichte des fortwährenden Messerritts Finanzierung erzählt werden. Rot-Weiß ist aus der letzten Insolvenz gestärkt hervorgegangen. Der Erzrivale aus dem Süden der Stadt, Schwarz-Weiß Essen, hatte unlängst den Insolvenzantrag schon abgegeben und konnte ihn im letzten Moment zurück ziehen. So eine Rettung in letzter Sekunde mindert natürlich nicht die Schwierigkeiten, die zukünftige Finanzplanung in den Griff zu bekommen. Wer wüsste das nicht besser als wir in Duisburg angesichts des Geschehens im Dezember letzten Jahres.

So nimmt ETB Schwarz-Weiß Essen jede weitere Unterstützung gerne an. Jens Lehmann besitzt eine Bindung an den Verein, weil er den größten Teil seiner Zeit als Jugendspieler bei Schwarz-Weiß verbrachte. Nun stiftet er einen Teil seiner Sammlung von Original-Trikots für eine Versteigerung, deren Erlös Schwarz-Weiß zugute kommt.

Für uns in Duisburg ist es deshalb interessant, weil unter anderem auch ein Trikot von Gintaras Staučė versteigert wird. Staučė spielte von 1997 bis 2001 bei den Zebras, zunächst als zweiter Torwart hinter Thomas Gill, bis er ihn in der Saison 1998/99 am 13. Spieltag im Heimspiel gegen den VfL Bochum als Nummer 1 verdrängte.

Wer also seiner Sammelleidenschaft nachgeben will und die freundschaftliche Gabe in die Kasse des Essener Südstadtvereins nicht scheut, kann bis zum 3. März, 15.13 Uhr bei Ebay mitsteigern. Andererseits weiß ich nicht genau, ob bei der Finanzsituation des MSV nicht immer noch das Zebra-Hemd näher sein müsste als die ETB-Jacke. In Merchandising-Artikel investieren statt ins Original-Trikot oder gleich spenden? Eine schwierige Frage der Moral!

Leichter fällt es zu sagen, dass Lemonhaus e.V., der Förderverein des Obermarxloher Jugendzentrums Zitrone, eine gute Adresse für Erlöse von Versteigerungen ist. Ein riesiger Plüscheisbär wird – ebenfalls bei Ebay bis zum 4. März 18.38 Uhr – versteigert, und der Förderverein unterstützt mit dem Erlös die Sommerferienfahrt des Jugendzentrums für Kinder, die sonst keinen Urlaub machen können. Wo wir schon mal bei Versteigerungen für gute Zwecke sind.

 

 

Das Foto eines Torhütertreffens

Vor einiger Zeit hatte mir Trainer Baade dankenswerter Weise eine seiner Google-Trouvaillen zur gefälligen Verwendung geschickt. Manchmal ist es mit überraschenden Geschenken aber so, dass bei aller mit ihnen verbundenen Freude sie erst einmal unbenutzt und ohne Verwendung für den Alltag in der Wohnung stehen. Man kommt einfach nicht dazu, sich um sie zu kümmern. Da müssten etwa Gebrauchsanweisungen gelesen werden, wobei mit dem gewohnten alten Gerät die anstehende Arbeit deshalb natürlich schneller erledigt ist. Oder das als Einzelstück so ausdrucksstark wirkende Foto stört an jedem Platz der Wohnung das innere Bild einer sehr persönlichen Harmonie. Das Neue muss hineinwachsen ins eigene Leben.  Und es benötigt Zeit, sich mit diesem Neuen zu beschäftigen, weil dessen Nutzung nur abseits des eingespielten Alltags zu finden ist.

Irgendwann muss man sich deshalb gezielt darum kümmern, solche überraschende Geschenke zu einem Teil des eigenen Lebens zu machen. Sonst wird das nichts mehr. Dann verschwinden sie in Schränken, diese überraschenden Geschenke, und jedes Mal, wenn ich so ein Geschenk dann zufällig einmal wieder in den Händen halte, überlege ich etwa, könnte ich das beim Kochen nicht eigentlich gut gebrauchen? Oder ich denke, das ist viel zu schade, dass es hier liegt. Das sieht schön aus. Wo hänge ich das nur hin? Danach lege ich solche Geschenke zunächst wieder zurück, nehme das eigentlich Gesuchte mit und vergesse den Schrankinhalt bis zum nächsten Mal.

Das nun soll mit diesem Foto von drei Torhütern nicht geschehen. Sie begegneten sich auf dem 2. Internationalen Torhüter-Kongress 2009 und tragen nicht nur deshalb keine Arbeitskleidung. Alle drei Torhüter hatten zu dem Zeitpunkt ihre Karrieren als Fußballer beendet. Thomas Gill, in der Mitte, legt seine Arme auf die Schultern von Gintaras Staučė, links, und Jürgen Rollmann, rechts. Gill und Staučė waren von 1997 bis 1999 Konkurrenten beim MSV Duisburg, wobei Gill, der schon seit 1996 beim MSV spielte, zunächst unangefochten die Nummer 1 war. Gill verließ den MSV im Sommer 1999, nachdem er in der vorhergehenden Saison 98/99 seinen Stammplatz an Staučė verloren hatte. Staučė blieb beim MSV bis zum Jahr 2001. Jürgen Rollmann hingegen hat die beiden Torwart-Kollegen während seiner Zeit beim MSV Duisburg nicht kennen gelernt. Er spielte von 1992 an in Duisburg bis es kurz nach Beginn der Saison 1994/95 zum Streit mit dem damaligen Trainer Ewald Lienen kam. Ich meine, das Ganze endete sogar in einem Arbeitsgerichtsverfahren.

Unweigerlich und wenig überraschend weckt der Name Thomas Gill die intensivsten Erinnerungen, verbinde ich doch mit ihm besonders das Halbfinalspiel im DFB-Pokal der Saison 1997/98 bei Eintracht Trier. Nie zuvor hatte ich ein Elfmeterschießen erlebt, in dem alle elf Spieler der Mannschaft antreten mussten, selbst die Torhüter. Es sind die immer selben Bilder, die lebendig werden. Da ist zunächst Gills Weg an den Elfmeterpunkt und dieser entschlossene Blick aus den tief liegenden, dunkel umrandeten Augen. Dann folgt der sichere Schuss ins Tor, und ich erkenne meine leise aufkommende Hoffnung von damals, weil ich im Verhalten des Trierer Torhüters kleine Anzeichen von Unsicherheit zu entdecken glaubte. Wir wissen, sein Schuss ging tatsächlich am Tor vorbei. Und Thomas Gill riss sich das Trikot vom Körper  und rannte wie von Sinnen quer über den Platz zu den mitgefahrenen Fans.

Mit diesem Gill-Erinnerungsfitzelchen will ich es hier belassen, da mir für vertiefende Recherchen zur Torhüterhistorie des MSV die Zeit fehlt. So bleiben die Bilder von Staučė und Rollmann heute im Unscharfen, zumal mir ständig ein anderer Gedanke in die Quere kommt und anscheinend von größerer Bedeutung für mich ist. Das Erinnerungsfoto an eine Begegnung dreier Männer während dieses Torhüter-Kongresses kommentiert nämlich ebenfalls den gegenwärtigen Fußball.

Die drei Torhüter finden sich auf diesem Foto ja deshalb zusammen, weil ihre Gemeinsamkeit neben dem ehemaligen Torhüter-Berufsleben der MSV Duisburg ist. Sie waren nicht einmal gleichzeitig Kollegen und teilen deshalb keine durch gemeinsames Erleben geweckte Erinnerungen. Sie verbindet etwas, was auf dem Foto nicht sichtbar ist. Damit findet ihr ehemaliges Torhüter-Dasein auf diesem Foto einen Sinn, der über die einzelnen Karrieren hinausweist. Die Geschichte des MSV Duisburg gibt dem Foto seinen Sinn, und dieses Foto entfaltet seine Bedeutung für den Betrachter vor allem dann, wenn er das zusätzliche Wissen über die Bedeutung dieses Vereins für die drei Männer besitzt. Aus diesem Grund hat das Foto jene erklärende Bildunterschrift erhalten, die man beim Weiterklicken nur über die Fotogalerie der Rollmann-Webseite zu sehen bekommt und nicht über den direkten Link zum Foto. Der Subtext des Fotos offenbart sich in diesen Worten. Ohne den MSV Duisburg wäre das Foto ein Foto dreier sich zufällig begegnender Fußballer, die einst auf derselben Mannschaftsposition gespielt haben. Erst der MSV Duisburg macht dieses Foto zu einer Besonderheit und die spezielle Geschichte dieser Männer auf dem Foto erzählenswert. An einer unvermuteten Stelle taucht jene identitätstiftende Kraft eines Fußballvereins auf, die seit den 90er Jahren sehr wirksamen, von Fans misstrauisch beobachteten Einflüssen ausgesetzt war.

Es wäre interessant, die gegenwärtige Entwicklung auf den Fan-Rängen einmal in Bezug zu setzen zu der von den Vereinsverantwortlichen lange Zeit nur wenig beachteten Perspektive der Tradition ihres jeweiligen Vereins. Wo Fans, allen voran die Ultra-Bewegung,  sich lautstark bemerkbar machen, geht es im Zentrum der Auseinandersetzungen immer um die Frage der Identität des Vereins und wer sich um diese Identität am besten kümmert. Die Geschichten, die in den Medien über Jahre vor allem über den Fußball der Gegenwart in die Öffentlichkeit kamen, ließen jene atmosphärisch wirkenden Bedeutungen eines Vereins für die Zuschauer vergessen. Es ging um ökonomische Fragen und um den sportlichen Erfolg. Andere Geschichten hatten abseits des Sportjournalismus Autoren mit Fußballinteresse übernommen und nicht von ungefähr erzählten sie Geschichten der Erinnerung an die Helden der Vergangenheit.

Im gegenwärtigen Fußball ist da allerdings wieder viel in Bewegung geraten. Aus Geldmangel der Vereine. Talente der Region, heißt das Stichwort. Und eine in letzter Zeit wieder gerne erzählte Mediengeschichte ist jene von dem jungen Bundesliga-Profi, der als Jugendlicher auf den Zuschauerrängen seines Vereins gestanden hat. Wie sich das weiter entwickelt, bleibt abzuwarten.


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