Posts Tagged 'Hajo Sommers'

Ich nicht, der da war das

Momentan kommt man als MSV-Fan mit Galgenhumor besser durchs Leben. Heute morgen musste ich doch schmunzeln, als ich die zwei Kommentare nebenan las zu dem Foto einer leicht derangierten großen MSV-Fahne, die im Münsterland gesichtet wurde. 

Was für eine Zeit, in der ein Chef-Trainer vom MSV Duisburg in der Lokalzeitung richtig stellen muss, dass der Kapitän seiner Mannschaft nicht ihn beim letzten Spiel mit einem vielleicht verärgert klingenden Hinweis auf einen ständig frei stehenden Spieler beim Gegner gemeint hat sondern den Co-Trainer. Die Online-Überschrift dazu ist schön konfrontativ formuliert, damit die Sensation den Klick generiert: „MSV-Trainer Lettieri: Stoppelkamp und Compper zofften sich“.

Wir müssen über diese Geschichte nichts wissen. Die Wahrheit des Geschehens müssen wir nicht kennen. Es reicht, dass es diese Geschichte gibt. Es reicht, dass Abstimmungsfragen innerhalb des Mannschaftssystems im Nachhinein als „Zoff“ dargestellt werden können. Es reicht, dass ein MSV-Trainer in der Öffentlichkeit wie ein Schuljunge, der sich ertappt fühlt, mit dem Finger schnell auf einen anderen zeigt. Nein, ich war das nicht, das war der da. Es reicht, um zu wissen, dass Missstimmung in diesem Verein unter dem Deckel gehalten werden muss. Es reicht, um zu wissen, dass viel Energie nicht auf den sportlichen Erfolg gerichtet sein kann, weil sie dafür verwendet werden muss, Haltung zu bewahren und aufkommende negative Gefühle beiseite zu schieben. Schließlich gibt es diese Gemeinschaft, in der man täglich zusammen kommt. Es gibt eine formale Hierarchie, die offensichtlich inhaltlich vom Trainerteam nicht gefüllt wird.

Wo soll die Hoffnung auf den Klassenerhalt herkommen? Ich muss an Wunder glauben. Vertrauen habe ich keines mehr. Ich hoffe dennoch. Das ist mein Wesen. Die Mannschaft wird gewinnen können. Die Fußballer dieser Mannschaft haben ja nicht alles verlernt. Aber diese Spieler brauchen Glück für den Erfolg. Das kann es geben. Hoffen dürfen wir immer. Ich hoffe auf den Klassenerhalt und auf einen Vorstand des MSV, der die Stimmung unter den Anhängern ernst nimmt.

Normalerweise herrscht im MSVPortal  bei Serien des Misserfolgs schnell eine gereizte Stimmung unter den Usern. Irgendwo muss schließlich die schlechte Laune hin. Je mehr Menschen, desto mehr Meinungen. Selbst wenn sich Meinungen nur in Nuancen unterscheiden, werden sie in solchen Fällen als gewaltige Unterschiede wahrgenommen. Man spricht sich gegenseitig den Durchblick ab. Die Moderatoren kümmern sich dabei mit sicherem Gespür um den dann rauer werdenden Umgangston. Unflätig wird es deshalb nie. Dazwischen gibt es natürlich auch viele sachliche Beiträge, in denen deutend versucht wird, Gründe für den Misserfolg und Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage des MSV zu finden. Selten ist in Beiträgen zu einem Trainer derart einhellig eine Meinung zu lesen gewesen. Selbst in den wohlmeinenden Kommentaren zu Gino Lettieri geht es weniger um seine Arbeit als um die Notwendigkeit zu akzeptieren, dass er nun mal da ist und wir damit umgehen müssen. Ansonsten wird Gino Lettieri in allen Belangen die Kompetenz abgesprochen. Daran wird auch ein möglicher Klassenerhalt nichts ändern. Das aber führt zur Verbindung der Anhänger mit dem Verein.

Der RWO-Präsident Hajo Sommers denkt beim möglichen Aufstieg von RWE nämlich zugleich an den MSV, weil mit RWE ein Zuschauergarant die Liga verlassen würde. Er hofft dann auf Ausgleich durch den MSV. Momentan bin ich mir nicht sicher, ob er nicht in beiden Fällen des Saisonausgangs vergeblich hofft.

Darüber hinaus ist es ein interessantes Gespräch geworden mit einigen Infos zu den Kosten für eine Regionalligamannschaft, sowie der klaren Meinung nicht die Regionalliga sei für einen Verein schrecklich, sondern die 3. Liga sei die „Schweineliga“. Illustriert in etwas derberer Sprache, was Ingo Wald auch immer sagt.

Wenn Liga-3-Vereine nicht parieren, knallt die DFB-Peitsche

Zum Video mit Klick auf den Link im Text.

Manchmal brauchen Worte länger, bis sie wirken. Manchmal ist anderes wichtiger. Gestern nahm ich in dem Sportreportagen-Beitrag von Claudio Luciani nur den geradezu liebevollen Blick auf die zweite bis dritte Reihe des Pottfußballs wahr. Die Fußballwirklichkeit beim MSV, bei RWE und RWO wurde mit ihren Schwierigkeiten und Besonderheiten in Kürze lebendig. Es war erkennbar, in dieser Welt wirkt etwas anderes als im Glitzerwelt-Fußball der Unterhaltungsindustrie. Vor Jahren schrieb ich im Vorwort meines Buchs 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss: „Wer das Herz des Ruhrgebiets sucht, wird unweigerlich den Fußball finden“. Nun freute ich mich, Bewegtbilder zu sehen, die meinen Satz von damals bestätigten, so dass ich einige andere Worte in diesem Beitrag gar nicht wichtig nahm.

Heute morgen klangen mir diese Worte mit einem Mal in den Ohren, und in mir wuchs der Ärger über die Heuchelei beim DFB. Die ganze Zeit schon erweist sich das Covid-19-Virus als aufklärerisches Instrument für diese Gesellschaft. So auch beim Unterhaltungsbetrieb Fußball im Allgemeinen und Liga-3-Fußball im Besonderen. Im Beitrag werden auch die Corona-Folgen thematisiert, so die Uneinigkeit über den weiteren Saisonverlauf in Liga 3. Der DFB-Vizepräsident Peter Frymuth äußert sich zu dieser Uneinigkeit mit deutlicher Kritik: „Ich war schon irritiert darüber, verwundert, man könnte auch noch deutlichere Worte finden, wie stark doch Einzelinteressen in den Vordergrund gestellt wurden, die doch offensichtlich – das wurde doch journalistisch aufgearbeitet – auch etwas mit dem Tabellenbild zu tun haben.“

Ich schreibe diese Worte und in mir kocht der Ärger hoch. Was für ein frecher Versuch, Meinung zu manipulieren. Was für eine Heuchelei sondergleichen. Er ist sich sogar nicht zu schade seine Meinungsmache mit der Pseudo-Objektivität von Journalisten zu bekräftigen, die auch nur eine Meinung haben. Die Journalisten holt er sich ran, um das Eigeninteresse des DFB zu verschleiern. Dieses Eigeninteresse unterscheidet sich deutlich von denen einiger Vereine.

Davon ab war die Entscheidungsfindung vom MSV pro Abbruch sehr viel komplexer als es diese polemische Stellungnahme suggeriert. Der MSV wollte ja weiterspielen, aber eben unter normalen Wettbewerbsbedingungen. Da diese nicht zugesichert werden konnten, wurde für Saisonabbruch gestimmt. In dem ZDF-Beitrag ist der MSV der einzige Verein der 3. Liga, und auf diesen Verein ist die unpassende Kritik von Peter Frymuth gemünzt. Dieser DFB will auch in Liga 3 weiterspielen lassen auf Teufel komm raus, und dann stört es natürlich, wenn den Machthabern unwilliges Fußvolk dazwischenkommt.

Was für ein Irrwitz, dass in Liga 3 der sportliche Wettbewerb zu einem Argument wird, wo in den Diskussionen über den Spielbetrieb zur Corona-Zeit in Bundesliga und Liga 2 so gut wie keine Rolle spielte. So erhält der Irrwitz einen weiteren Dreh, wenn man diese Frymuth-Worte neben die Diskussionen um das Weiterspielen in Bundesliga und Zweiter Liga stellt. In diesen Diskussionen ging es in erster Linie um wirtschaftliche Fragen. Wer da Meister werden kann oder absteigt, interessierte überhaupt nicht. Es ging nur darum, die Bedingungen zu schaffen, damit das TV-Geld gezahlt wird. Es ging also nur um die Existenz der Wirtschaftsunternehmen, die zufällig auch Fußballvereine waren. Das ist zumindest wahrhaftig, auch wenn es von vielen Seiten kritisiert wurde. Mich berührt dieser Fußball ohnehin nicht.

Groteskerweise wäre diese Zuspitzung auf ökonomische Fragen für die Dritte Liga 3 dringend notwendig. Die im Beitrag genannten 7,5 Millionen Euro Solidarfonds-Geld reichen vorne und hinten nicht, um die Verluste der Vereine auszugleichen. Wenn Peter Frymuth die Vereine mit ihrer Stimme pro Saisonabbruch als zu egoistisch aus sportlichen Interessen darstellt, versucht er nichts anderes als den wahren Grund für die Stimmabgabe zu ignorieren. Der DFB gibt dieser Dritten Liga keine ausreichende ökonomische Perspektive, und das wird in dieser Corona-Zeit eben überaus deutlich.

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Für die Vereine pro Abbruch ist der Tabellenstand nichts anderes als der sportliche Ausdruck für ökonomische Planungssicherheit, die der DFB als Verband nicht gibt. Denn der DFB hat eigene Interessen bei der Frage, ob die 3. Liga weiterspielen soll oder nicht. Der DFB nimmt gegenüber den Vereinen der 3. Liga eine andere Rolle ein als die DFL bei den Bundesliga- und Zweitligavereinen. Die DFL vertritt deren Interessen sehr viel klarer als der DFB die jener Vereine zwischen Profi- und Amateurfußball. Vor zwei, drei Wochen hatte Hajo Sommers dafür in einem Interview deutliche Worte gefunden, als er fragte, welche Drogen die dort beim DFB genommen hätten. Das könnte man als Bonmot einfach so stehen lassen, wenn die Situation nicht noch ernster geworden wäre. Das Lachen darüber bleibt im Halse stecken, denn die DFB-Politik gefährdet inzwischen die Existenz vieler Vereine unterhalb von Liga 2 noch mehr.

Kann Udo Kirmse von RWO-Präsident Hajo Sommers etwas lernen?

Seit ich weiß, dass Ranisav Jovanović zum SV Sandhausen wechselt, muss ich an Hajo Sommers denken, den Präsidenten von Rot-Weiß Oberhausen. Ich habe nämlich Udo Kirmse, den Präsidenten vom MSV Duisburg, Montag am Stadion erlebt. Ich habe gesehen und gehört, mit welcher Freude und Zuversicht er über die bevorstehende Vertragsunterschrift von Ranisav Jovanović redete. Wer Udo Kirmse so erlebt hat, wird sich leicht ausmalen können, das Ausbleiben der Unterschrift war nicht einfach ein weiterer geschäftlicher Vorgang für ihn. Abgehakt, nächstes Thema. Das wird ihm wahrscheinlich schwer gefallen sein. Wer ihn so erlebt hat, wird vermuten dürfen, Udo Kirmse wurde persönlich enttäuscht. Und wir dürfen mit ihm froh sein, dass dieses Mal nicht schon wieder ein Lokaljournalist um die Ecke gekommen ist,  der zur Enttäuschung ungefragt ein Zeugnis ausstellt, weil Udo Kirmse etwas als nahezu sicher verkündete, was dann nicht eintraf. Udo Kirmse hat Ranisav Jovanović anscheinend zu sehr vertraut und die Gesetzmäßigkeiten des Profifußballbetriebs unterschätzt.

Hajo Sommers kam mir in den Sinn, weil er wie Udo Kirmse aus tiefer Verbundenheit zu seinem Heimatverein, nämlich Rot-Weiß Oberhausen, vor Jahren ebenfalls in einer Krise Verantwortung in seinem Verein übernahm. Präsident wurde er später sogar. Mit ihm zusammen gab es einen Kreis von Männern, die den endgültigen Verfall von Rot-Weiß Oberhausen verhindern wollten. Es ging ihnen um den Verein. Sie verbanden mit diesem Verein weder geschäftliches Interesse noch brauchten sie den Verein für ihren Ruf. Ihr ganzer Einsatz galt dem Gedanken, irgendwie müssen wir den Spielbetrieb am Laufen halten und wenn sich der sportliche Erfolg dazu einstellt, um so besser. Vorrangig war aber die solide finanzielle Basis. Dem war alles andere unterzuordnen. Ihr erkennt die Gemeinsankeiten?

Für das Fußballortebuch habe ich mit Hajo Sommers gesprochen. Seit dem Beginn seiner Amtszeit bei RWO waren einige Jahren vergangen. In dieser Zeit stieg Rot-Weiß Oberhausen in die 2. Liga auf, wieder ab und es drohte der Abstieg in die Regionalliga. Nach der Krise hatte die Wirklichkeit des Fußballbetriebs in Oberhausen wieder Einzug gehalten und damit eine nur schwer veränderbare Normalität des Profifußballs. Dazu gehören nicht unbedingt nur Spieler, die des Geldes wegen den Verein wechseln und somit die weichen, ideellen Faktoren eines Arbeitnehmerverhältnisses diesem Geld unterordnen. Soll ich das nun wertkonservativ nennen, weil sie damit das allgemeine Sinn- und Zielideal der zurückliegenden Jahre unserer Gesellschaft weiterhin leben? Das sind auch wir Zuschauer, von denen viele im Fußball mit dem sportlichen Erfolg des eigenen Vereins  Lebensglück suchen. Bleibt dieser Erfolg aus, entstehen öffentliche Stimmungen, die gar nichts mehr vom Zusammenhalt in Notzeiten haben. Ohne die Krise gibt es aber auch wieder im Umfeld des Vereins Menschen mit eigenen Interessen neben dem Sport, die sie im Verein versuchen durchzusetzen. Hajo Sommers wirkte desillusioniert. Hajo Sommers ist dennoch weiterhin Präsident von Rot-Weiß Oberhausen.

Ein Grund mehr für den Gedanken, Hajo Sommers und seine idealistisch gesonnenen RWO-Freunde aus den Krisenzeiten könnten bei einem informellen Treffen mit Udo Kirmse und seinen idealistisch gesonnenen Freunden aus dieser MSV-Krisenzeit mal aus dem Nähkästchen plaudern. Vielleicht gibt es ja Erfahrungen, die vereinsübergreifend nützen. Enttäuschungen lassen sich so natürlich nicht vermeiden, aber vielleicht die ein oder andere Fallgrube deutlicher erkennen. Und ein wenig Arbeit an gemeinsamer Pott-Identität kommt als Nebeneffekt hinzu. Denn eins ist gewiss, irgendwann kommt ein Lokaljournalist wieder um die Ecke auf der Suche nach einer Geschichte.

Der ganz schnelle Nachtkommentar zum Rücktritt von Andreas Rüttgers

Nach dem dienstäglichen Basketball spät abends nach Hause kommen und dann die Nachricht lesen, Andreas Rüttgers sei zurückgetreten, so etwas möchte ich nicht.  „Über die weitere Ausrichtung des MSV gibt es zu unterschiedliche Auffassungen“, so heißt es auf der Seite des MSV Duisburg. Die Auffassung von Andreas Rüttgers kennen wir. Das Beunruhigende für mich: Die andere Auffassung kennen wir nicht. So war es schon einmal. Das beunruhigt mich noch etwas mehr.

Ein Machtkampf ist da zu Ende gegangen, und der transparente Weg ist nun erst einmal zu Ende. Vielleicht hat Transparenz im Fußballgeschäft auf kurze Frist nicht unbedingt etwas mit Solidität zu tun. Auf lange Frist zahlt sie sich für Vereine wie den MSV Duisburg aus. Mein großer Respekt gilt Andreas Rüttgers für seinen Versuch, diesem Verein eine andere Basis zu geben als sie in den letzten Jahren vorhanden war. Man muss sich das wirklich einmal ausmalen, dass da ein Mensch mit Idealismus sehr viel Arbeit geleistet hat und dennoch häufig in Schnellschuss-Manier kritisiert und angegangen wurde. Ohne Substanz konnte jeder irgendetwas über ihn daherreden und macht es jetzt angesichts des Rücktritts noch immer. Wer so etwas auf sich nimmt ohne irgendein finanzielles Interesse, dem geht es um diesen Verein, dem geht es um den MSV Duisburg, um das Fortbestehen von etwas, was für so viele Menschen sehr wichtig ist. Dafür gilt mein Dank ihm, und ich hoffe sehr, dass sehr viel mehr Anhänger dieses Vereins den gleichen Gedanken im Kopf haben.

Angesicht dieses Rücktritts kommt mir Hajo Sommers, der Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, in den Sinn, mit dem ich vor ein paar Monaten über seine Erfahrungen als Fußballfunktionär sprach. Als Fan wurde er Präsident seines Vereins zu einer Zeit, als Rot-Weiß Oberhausen auf dem Weg zum Amateurverein war. Damals trat er mit der Illusion an, er könne diesen Verein so führen, dass all die am Verein Interessierten entspannt mal mit dem Erfolg, mal ohne Erfolg einfach Spaß mit dem Verein haben. Das, so musste er erfahren, klappte nur in eine Richtung. Sportlicher Erfolg war das, was alles andere unwichtig machte. Fußball ist anscheinend zu wichtig geworden in unserer Gesellschaft. Emotional und wirtschaftlich.

Im Moment scheint es so, als fuße der Unterschied in der Ausrichtung des MSV Duisburg allein auf wirtschaftlichen Interessen, die beteiligte Akteure mit dem MSV Duisburg verbinden. Wer bei der Stadionmiete nachgibt, möchte Einfluss auf das operative Geschäft, so heißt es in der WAZ, und gleichzeitig wird die Zukunft mit einem Konzept von GEBAG-Sanierer Utz Brömmekamp rosig ausgemalt. Ein Fragezeichen ist dabei leicht zu übersehen. Letztlich wird dieses Geschehen heute niemanden mehr interessieren, wenn der MSV Duisburg tatsächlich dauerhaft sportlich erfolgreich wäre. Ob der Verein dann solide geführt wäre? Wir wissen es nicht, und wir werden es wahrscheinlich auch nicht erfahren. Denn der Mann, der als Präsident das Amt auf diese transparente Weise führen wollte, ist nun zurückgetreten. Wir wissen nur noch, es geht ums Geld, das Investoren des einstigen Stadionbaus verlieren könnten. Nämlich dann, wenn die wirtschaftliche Lage dieses Vereins so schlecht würde, dass Punkte abgezogen werden könnten und  die 3. Liga drohte.

Also, der Kommentar zur Nachricht in dieser Nacht:

Uraufführung dieser „Abseitsfalle“ vom Theater Oberhausen

Wer als Fußballspieler in eine Abseitsfalle läuft, erhält beim nächsten Angriff seiner Mannschaft eine neue Chance, ein Tor zu erzielen. Wenn die Abseitsfalle aber auf Verhältnisse im wirklichen Leben anspielt, sieht es düster aus mit dieser neuen Chance. Dann geht es um ein dauerhaftes Abseits oder wenigstens um die Gefahr dort zu landen. In Oberhausen als einer der überschuldeten Städte des Ruhrgebiets kennen die Menschen diese Gefahr als Alltag. Jahr für Jahr sieht sich die Stadt zu neuen Sparmaßnahmen aufgefordert. Geschaut wird dann jeweils als erstes auf die freiwilligen Leistungen. Hinter diesen zwei Wörtern der Verwaltungssprache versteckt sich vieles, was ein Leben lebenswert macht. Dazu zählen Kultur, Sport und Bildung, so dass nicht selten Theaterleute und Sportler in einem Wettbewerb um kommunale Gelder stehen.

Diesen Moment des kommunalen Alltags greift Schorsch Kamerun für sein Theaterprojekt „Abseitsfalle“ auf und verwandelt ihn in eine märchenhafte Phantasie. Denn wenn die Stadt kein Geld hat, hilft mit „Arab Petrol“ vielleicht ein Sponsor aus dem Orient. Der Eigner von Arab Petrol, Herr Vorsprung genannt, weiß allerdings nicht so recht, ob er dem Theater Oberhausen oder dem ortsansässigen Fußballverein Rot-Weiß  sein Geld zukommen lassen soll. Bei einer „Vier-Chancen-Tournee“ treten deshalb an: „Team Theater“ mit Schauspielern, Pförtner und Dramaturgin gegen „Team RWO“ mit Vereinsvorsitzendem, Fans, Securitymitarbeiter und Sportjournalistem. Sie werben um die Gunst des Publikums, dessen Votum Herr Vorsprung sich zueigen machen möchte. Es ist ratsam, diese Entscheidung zum Ende der Vorstellung hin nicht spielerisch und leicht zu nehmen. Man sollte sich ihr bewusst stellen, denn darin liegt der Wert dieses Abends.

Etwa zehn Minuten dauert die Sonderfahrt mit dem Oberhausener Linienbus vom Theater der Stadt aus zur Dreifachsporthalle der Gesamtschule Osterfeld, wo die „Vier-Chancen-Tournee“ stattfindet. Auf dem Hinweg erfahren wir durch die Schauspielerin Anna Polke, wie die Industriearbeit aus Oberhausen verschwand und dass Europas größtes Einkaufszentrum stattdessen als „Neue Mitte“ für die Identität dieser Stadt wichtig ist. Die Wirklichkeit soll an diesem Abend nicht vergessen werden.

Es ist ein ungleicher Wettbewerb, der dann in Osterfeld stattfindet, nachdem das Publikum auf den Ausziehtribünen der Sporthalle Platz genommen hat. Zwar steht der RWO-Vorsitzende Hajo Sommers als Schauspieler auch auf anderen Theaterbühnen, doch seine Mitstreiter im „Team RWO“ sind Laien. So geht es für das Team RWO weniger um künstlerischen Ausdruck als um authentische Präsenz von Menschen, in deren Leben Fußball von Bedeutung ist. Da werden dann Fußballersprüche vorgelesen. Da wird ein Bild im Keith-Haring-Stil gemalt. Oder zur Vorstellung des neues Vereinslogos wird die von Schorsch Kamerun geschaffene Oberhausen-Hymne eher gerappt als gesungen sowie eine Cheerleader-Choreografie wird dazu getanzt. King Lear im „volksnahen“ Stil bildet den Abschluss dieser ersten Halbzeit.

Team RWO malt im Stil von Keith Haring ein Gastgeschenk für Arab Petrol. Auf der Leinwand ist eine Videoprojektion zu sehen von der gleichzeitig stattfindenden Aufführung einer Szene aus „King Lear“ durch das Team Theater.

Foto: Axel J. Scherer

Zeitgleich beginnen beide Teams in zwei der drei Querfelder der Sporthalle mit ihren Darbietungen und bald nach Beginn senkt sich eine Faltwand zwischen den beiden Hallenteilen herab. Erst in Halbzeit zwei wird man, nach einem Wechsel der Tribünenseite, vom jeweils anderen Team in Gänze sehen, was als Videoprojektion manchmal im Hintergrund auf eine große Leinwand eingespielt wird.

Das „Team Theater“ agiert selbstverständlich in professioneller Weise. Auch wenn die Darbietungen dabei den Anschein von Arbeitsproben annehmen, machen die Schauspieler Qualität und Möglichkeiten ihrer Kunst erlebbar. Da wird jene  Szene aus King Lear in klassischer Sprechtheatermanier gegeben, wobei die an Stars-Wars-Filme erinnernden Kostüme den Kontrapunkt Moderne bilden. Da wird Actionpainting per Gruppenaktionskunst persifliert. Da wird die Oberhausen-Hymne vom Männerchor gesungen, während die Schauspieler, maskiert als Kulturklassiker und Feuilletonstars der Gegenwart einen Ausschnitt des Kulturkanons auf die Bühne bringen.

Marek Jera spielt den „Prinz“, der den potentiellen Sponsor „Herrn Vorsprung“ vertritt und der als Spielleiter den Wettbewerb begleitet.

Foto: Axel J. Scherer

Auch wenn es in der Vorberichterstattung so angedeutet wurde, „Abseitsfalle“ kritisiert keineswegs Auswirkungen möglichen Sponsorings. Dazu geht das Stück nicht tief genug in die Wirklichkeit solcher Finanzierungsquellen. Da bewegt sich der Abend auf der Ebene bekannter Gags aus Comedy- und Kabarett-Zusammenhängen, wenn die Darbietung selbst sponsorgerecht inszeniert wird und während der Übergänge per Großleinwand der tatsächlich existierende lokale Sponsor präsentiert wird.

Klaus Zwick als Mitglied im Team Theater tritt als „King Lear“ auf. Im Hintergrund warten zwei seiner Töchter, gespielt von Annika Meier und Nora Buzalka.

Foto: Axel J. Scherer

Wenn wir der Prämisse des Stück vertrauen, so leben wir noch in zivilisierten Zeiten. Noch scheint es den Glauben an wirksame Verfahren der Entscheidung zu geben. Zumindest hält der Glaube bis zum Ende an, wenn sich Herr Vorsprung dann doch per Telefon als wahrer Machthaber erweist und mit einem Mal die Ökonomie als Entscheidungsgrundlage entdeckt.  Sonst deutet der Text des Stückes aber nirgendwo an, was da als heftigerer Verteilungskampf noch kommen mag. Da ist der Zuschauer auf sich gestellt und muss in sich selbst spüren, was passiert, wenn er sich auf den Wettbewerbsgedanken dieses Stückes wirklich einlässt. Nimmt der Zuschauer seine Macht als Juror ernst, bewegt der Abend.

„Abseitsfalle“ braucht nicht den Überbau einer kritischen Aussage, wie sie in der Pointe des Ende angelegt ist. Herr Vorsprung meldet sich telefonisch und setzt sich über das vermeintliche Publikumsvotum für das Theater Oberhausen hinweg. So eine Pointe macht nur jene Schublade mit Fragen auf, die von dem Stück nur unzulänglich behandelt werden. Es wäre nicht nötig gewesen. Es langt, die Zuschauer mit dem Gefühl alleine zu lassen, sich entscheiden zu müssen. Es reicht aus,  das Publikum vor die Wahl zu stellen, was wichtiger ist für die Stadt, für die Allgemeinheit und letztlich vielleicht nur für einen selbst. In dem Moment wirkt dieses Theaterstück in die Wirklichkeit hinein. Das aber muss man als Zuschauer zulassen.

Weitere Vorstellungen:

25. und 27. März 2010
13. und 29. April 2010
4., 14., 15. und 19. Mai 2010

Theater Oberhausen: Abseitsfalle von Schorsch Kamerun

Heute Abend werde ich mir eine Abseitsfalle auf der Bühne ansehen. Schorsch Kamerun hat sie für das Theater Oberhausen einstudieren lassen. Die Grundidee des Stücks: Rot-Weiß Oberhausen und das Theater der Stadt treten gegeneinander an, um einen reichen Investor zu überzeugen, das so sehr vermisste Geld fließen zu lassen.

Die Wirklichkeit schlägt sich schon in der Besetzung des Stückes nieder, wenn Hajo Sommers, Schauspieler und Vorsitzender von Rot-Weiß Oberhausen, als Vertreter seines Vereins auch auf der Bühne zu sehen ist. Ich bin neugierig, wie dieses Stück noch weiter seine Bezüge zur Wirklichkeit findet.

Zunächst kam mir der Gedanke, in der Realität gibt es den öffentlich wirksamen Wettstreit um allerdings kommunale Gelder ja eher zwischen den Sparten Kultur/Bildung, Jugendhilfe und Breitensport. Zumindest waren das in Duisburg die drei gesellschaftlichen Bereiche, deren Vertreter angesichts der angedrohten Sparmaßnahmen jede für sich zum Protest im Rathaus vorgesprochen haben. Mal sehen, wie es wird heute Abend. Spätestens übermorgen wisst auch ihr dann mehr.

Team RWO mit Schildträger Hajo Sommers (Foto: Axel J. Scherer)

Weitere Vorstellungen sind:

Donnerstag, 25. März, 19.30 Uhr
Samstag, 27. März, 19.30 Uhr
Donnerstag, 29. April, 19.30 Uhr

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Als ich vorgestern die Entwicklung beim FC St. Pauli als vorbildhaft für den MSV Duisburg beschrieb, kannte ich schon eine umstrittene Seite des Erfolgs in Hamburg. „Mode- und Eventfans“ sind die Stichwörter. Davon hätte ich  nicht nur dank Alltagsbeobachtungen schreiben können, sondern schon im ersten Clip der 11FREUNDE-Serie „Hajo erklärt die Welt“ erzählt auch der Präsident von Rot-Weiß Oberhausen Hajo Sommers ab Minute 1´35´´ von Pauli-Stadionbegegnungen der für ihn nervigen Art.

Solche Begleiterscheinungen von eigentlich begrüßenswerten Entwicklungen lässt man im Moment des Lobs natürlich erst einmal beiseite. So etwas behält man im Hinterkopf und kümmert sich darum, wenn es im eigenen Haus tatsächlich einmal in eine ähnliche Richtung geht. Doch der Dauerkartenverkauf vom FC St. Pauli am vergangenen Wochenende lässt mich nun doch dieses Thema Identität, Erfolg und Zuschauerbindung aufgreifen. Denn nach dem zurückgekehrten Erfolg vom FC St. Pauli wollen sich inzwischen Menschen mit dem Verein identifizieren, die zum Wesen des Vereins nichts beitragen. Sie wollen dieses Wesen konsumieren, dabei ihre eigene Party feiern und den identitätsstiftenden Mehrwert dieses Vereins einfach überstreifen. Sie sind Schmarotzer einer langen Entwicklung.

Worum geht es? Die Nachfrage nach Dauerkarten für die nächste Saison überstieg das Angebot. Die genaue Vorgeschichte des Dauerkarten-Verkaufs kenne ich nun nicht, anscheinend gab es da im Vorfeld schon Diskussionen über das Verteilungsverfahren. Wenn man die zwei Blogs Fabolous Sankt Pauli und ring2.de einige Zeit mitliest, wird man schnell erkennen: Hier schreiben Anhänger des Vereins mit Herzblut und Verstand. Bei ihnen kann man einiges zum Thema finden und auf Nachfrage sind sie sicher gerne zur erklärenden Auskunft bereit. Wenn ich nun diese zwei Anhänger des FC St. Pauli vollkommen desilllusioniert sehe, komme ich ins Nachdenken. Ring2.de fragt: „Muss man Sponsor beim FC St. Pauli sein, um eine Dauerkarte zu erwerben?“ Und auch einen Tag später ist die Wut geblieben. Auf Fabolous Sankt Pauli hört Jekylla den „Schwanengesang vor Saisonende“. Die Kommentarspalten füllten sich. Ist der FC St. Pauli dabei, ein Verein wie jeder andere zu werden?

Mal davon abgesehen, wie sich in diesem Bild der Besonderheit des FC St. Pauli die allgegenwärtigen Mechanismen des Fußballgeschäfts mit an romantischen Vorstellungen vom Fußball orientierten Gegebenheiten vermischen, die Vereinsführung trägt die Verantwortung für dieses Bild. Betrachtet man nun den Dauerkartenverkauf, ist da einiges schief gelaufen. Es fehlte ganz eindeutig ein funktionierendes, transparentes Regularium, wie diese Karten auf gerechte Weise verteilt werden. Damit greife ich noch einmal auf, was ich neulich anlässlich der „doofen“ Fan-Choreografie schon schrieb. Vereinsverantwortliche tragen viel mehr als in früheren Zeiten Verantwortung für das Umfeld ihres Vereins. Da geht es mir nicht nur mit der Zuschauerbindung um die wirtschaftliche Entwicklung des Vereins. Fußball ist so sehr in das Zentrum unserer Gesellschaft gerückt, dass dieser Fußball für viele Menschen das Medium geworden ist, mittels dessen sie sich mit dieser Welt auseinander setzen. Selbst mein Schreiben hier ist Beleg für diese Entwicklung. Früher war Fußball viel mehr nur der Sport.

Fußball schillert immer intensiver als Mischform von Kultur und Unterhaltungsgeschäft. Die Führungspersonen dieses Sports mögen es wollen oder nicht, sie tragen nicht nur Verantwortung für das Geschäft sondern auch Verantwortung für alles, was im Fußball als Kultur lebendig wird. Sie tragen darüber hinaus Verantwortung für das Verhältnis der Zuschauer zum Verein und für das Verhältnis der Zuschauer untereinander.

Auch deshalb müsste man sich beim FC St. Pauli mit dem eigenen Erfolg auseinander setzen. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Der sprichwörtliche Satz von Erich Kästner appelliert an den einzelnen. Der Dauerkartenverkauf beim FC St. Pauli macht deutlich, so ein Appell reicht nur in begrenztem Maß. Damit jeder einzelne Gutes tun kann, muss er bei diesem Tun unterstützt werden – im Fußball von Seiten des Vereins. Das gilt für den FC St. Pauli und – ihr werdet nicht überrascht sein – nicht weniger für den MSV Duisburg.


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