Posts Tagged 'Hamborn'

Vor 75 Jahren gab es keinen Fußball in Deutschland

Heute vor 75 Jahren trat die bedingslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft. Generaloberst Jodl hatte am Tag zuvor die Kapitulationsurkunde in Reims unterzeichnet. Wir sparen uns die Geschichte der Wiederholung in Berlin. Warum schreibe ich heute über dieses Kriegsende, da an Fußball in dieser Zeit niemand dachte?

Mit meinem Gedenken könnte ich erinnern, dass vom Kriegsende an die Verbrechen der Nationalsozialisten auch in Deutschland Verbrechen genannt werden durften. So könnte ich über Fußballer wie den Nationalspieler Julius Hirsch schreiben, der in Auschwitz wegen seines jüdischen Glaubens ermordet wurde. Er steht für viele weniger prominent gewordene Opfer der Nazis in ganz Deutschland, unter denen sicher Menschen waren, die den Fußball liebten und, weil sie Gewerkschafter, Sozialdemokraten oder Kommunisten waren, von den SA-Trupps der Nazis sofort nach der Machterübernahme 1933 ermordet wurden.

Ich könnte über Fußballspieler des MSV Duisburg schreiben, die im Krieg gefallen sind. Ich kenne keine Namen. Überhaupt weiß ich wenig über den MSV Duisburg in der Zeit des Nationalsozialismus. Womöglich gibt es schon Literatur? Womöglich ist da eine Lücke der Historie, die gefüllt werden sollte.

Bediene ich damit die Rituale des üblichen Gedenkens, bei dem mancher der Leser hier schon die Augen verdreht? So oft wurde von den Gräuel der Nazis gesprochen. Immer wieder wurde nachdrücklich versucht, die bestehende Verantwortung in der jeweiligen Gegenwart für die gesamte deutsche Geschichte bewusst zu machen. Kann das nicht endlich einmal vorbei sein?

Schon bald nach Kriegsende gab es dieses Aufstöhnen in Deutschland, wenn vom Nationalsozialismus geredet werden sollte. Schon im Mai 1945 waren die Nazis in Deutschland verschwunden. Komplett. Diese Erfahrung machten nicht nur Journalisten aus aller Welt, auch die Deutschen selbst staunten in Tagebüchern und Briefen, wo all die Parteimitglieder geblieben waren. Niemand war wirklich ein Nazi gewesen, außer denen da oben, die jetzt ja, Gott sei Dank, ihre Strafe durch die Alliierten bekommen sollten. Es gab immer harmlose Gründe, um in die Partei eingetreten zu sein. Deshalb war es doch nur zu verständlich, wenn später endlich Schluss sein sollte mit dem Erinnern. Auch von den damaligen Kindern wollten viele als Erwachsene bis in die Gegenwart hinein das Reden von der besonderen Verantwortung beendet wissen. Da wurde es dann auch verständlich für viele, die Helmut Kohls „Gnade der späten Geburt“ erfahren hatten. Das waren prominente Deutsche auf Podien und weniger prominente in privaten Gesprächen.

Doch jedes Gedenken kann lebendige Beschäftigung mit der Vergangenheit sein, um etwas über sich selbst zu begreifen, um das eigene Handeln und dessen mögliche Folgen besser zu verstehen, um die Bedingungen von sozialen Ereignissen zu erkennen. Denn der Wahlerfolg der Nazis war ein soziales Geschehen. Er kam nicht über die deutsche Gesellschaft als plötzliches Schicksal. Die Deutschen handelten. Viele ermöglichten durch Sprechen und Schreiben, das gehandelt werden konnte. Und das hieß, den Nazis die Macht überlassen.

Darum geht es beim Gedenken: wie können wir dazu beitragen, wie können wir verhindern, dass ein demokratisches Land Politikern die Macht ermöglicht, die zuvor schon mit Allmachtsbildern und Gewaltfantasien zur Öffentlichkeit gesprochen haben? Die Nazis hielten sich auch mit Terror an der Macht. Sie wurden aber zugleich von der Zustimmung der deutschen Bevölkerung getragen.

Momentan erleben wir die Diskussion, ob dieser 8. Mai auch in Deutschland Feiertag sein kann. Der AfD-Fraktionschef Alexander Gauland erklärte, er könne so einen Feiertag niemals begehen. In dem Fall zeigt sich Alexander Gauland allerdings nicht sehr klug, weil er doch glauben machen möchte, wie fern nationalsozialistisches Denken seiner Partei sei. Welch einfaches Entlastungszeugnis könnte sich die AfD ausstellen lassen, wenn auch diese Partei sich für den 8. Mai als Tag der Befreiung einsetzte.

Darin zeigt sich das Zwiespältige für jeden Deutschen, wenn er auf den 8. Mai nur als Tag der Befreiung schaut. Ein Tag der Befreiung könnte auch den wahrhaftigen Blick auf die Vergangenheit behindern. Er könnte der alten Erzählung von den Nazis, die immer die anderen waren, neue Kraft geben. Der Nationalsozialismus kam nicht von Außen auf ein unschuldiges Land, das dann von den Guten zum Glück befreit wurde. Der Nationalsozialismus entstand aus der deutschen Gesellschaft heraus. Wähler gaben ihre Stimme den Nationalsozialisten, obwohl Hitler und Goebbels sich zu ihren Absichten gegenüber den politischen Gegnern offen bekannten. An die Macht aber kamen die Nazis erst, weil nationalkonservative Politiker glaubten, mit ihnen für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen paktierten zu können

Alexander Gauland kommt sein rechtskonservativer Nationalismus beim Blick auf das Kriegsende in die Quere. Deshalb kann er in dem Fall nicht taktisch handeln. Ihm ist es unmöglich, seine Partei vom rechtsextremen Denken reinzuwaschen, indem er einen Feiertag der Befreiung befürwortet. Ihm ist es unmöglich, weil mit der „absoluten Niederlage“ der deutschen Wehrmacht seiner Meinung nach auch der Verlust deutscher Gestaltungsmöglichkeiten einherging.

Das kommt dabei heraus, wenn man sich wie Alexander Gauland nicht der gesamten historischen Wahrheit stellt. Diese Gestaltungsmöglichkeiten hatten sich trotz der Niederlage nämlich angedeutet. Großadmiral Dönitz als Nachfolger von Adolf Hitler führte nach Kriegsende noch für wenige Tage eine deutsche Regierung weiter an. Es gab Kabinettssitzungen, bei denen die Illusion gelebt wurde, eigenständig verantwortlich für Deutschland zu sein. Heute kurios anmutende Gespräche gab es, bei denen Dönitz keinen Zweifel daran ließ, welche Zukunft er für Deutschland sah. Er brach nicht mit Adolf Hitler. Etwas anderes als einen Führerstaat konnte er sich nicht vorstellen. Parteien hatten laut Dönitz weiter nichts in einem Deutschland der Volksgemeinschaft zu suchen.

Das sind die Handlungsmöglichkeiten, die Alexander Gauland vielleicht nicht im Sinn hatte, die aber nur vorhanden gewesen sind, wenn das Kriegsende nicht grundsätzlich auch als Tag der Befreiung angesehen wird. Wer sich auf Handlungsmöglichkeiten der Deutschen bezieht, kann nur die damaligen Machthaber ohne Macht meinen. Denn wenn es die nicht sein sollen, können es nur die Nazis davor sein. Niemand anders stand für Deutschland 1945. Nur diese Männer hätten Handlungsmöglichkeiten gehabt, wenn der Krieg nicht verloren gegangen wäre. Wer sich also auf den Verlust von Handlungsmöglichkeiten durch das Kriegsende bezieht, greift die Demokratie der Gegenwart an. Er schreibt eine autoritäre Regierungsform in der Gegenwart fort. Weil diese Angriffe momentan aus allen möglichen Ecken geschehen, erinnere auch ich heute in einem Fußballblog an das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Am 5. März 1933 stimmten 33,77 Prozent der Duisburger für die NSDAP. Zwölf Jahre später sah Duisburg beim Überflug so aus wie in den folgenden zwei Clips.

Stadtteil-Bestseller und der Neumühler Neujahrsempfang

2016-12-28_bestseller_msv_buchSchon beim Jahresendspurt 2016 las ich in der Mayerschen das Wort Bestseller unter meinem Buch. Aus dem MSV-Shop  erhielt ich eine Nachbestellung und ich begann mir Gedanken, über den Nachdruck zu machen. Wenn die Erstauflage nach etwas mehr als drei Wochen so gut wie ausverkauft ist, freut das das nicht nur Autoren sondern auch all die anderen Gewerke in meinem Ein-Mann-Start-Up-Unternehmen des Literaturbetriebs.

2017-01-07_bestsellerlisteAm Wochenende nun war in WAZ und NRZ wieder die Bestsellerliste einer Duisburger Buchhandlung abgedruckt. Dieses Mal waren es die best verkauften Bücher in der Hamborner Buchhandlung Lesezeichen. Und auch hier findet sich „Mehr als Fußball“ auf der Liste. Vier Bücher mit lokalem Bezug führen diese Liste an. Auch auf Platz 6 und Platz 9 finden sich weitere, in dem Fall erzählerische Werke über die Welt des Ruhrgebiets. Bemerkenswert, wie sehr das Interesse der Käufer in einer Buchhandlung des Stadtteils vom Wunsch geprägt ist, einen Blick auf die eigene Wirklichkeit zu erhalten.

Gestern habe ich übrigens als Vorsitzender von Lemonhaus e.V., dem Förderverein vom Jugendzentrum Zitrone, am Neujahrsempfang der Neumühler Pilssucher teilgenommen. Dieser vom Karneval geprägte Neujahrsempfang ist zugleich ein Ausdruck lebendiger Stadtteilkultur. Eine „Neumühler Bürgerin und ein Neumühler Bürger des Jahres“ werden für ihr Engagement innerhalb des Stadtteils ausgezeichnet. Gisela Usche und Jörg Weißmann wurden es in diesem Jahr. Ausdrücklich und immer wieder auch beiläufig wird an Werte erinnert, die das Zusammenleben in einem Stadtteil erst möglich machen. Das geschieht nicht in wohlfeilen Politikerworten, sondern das sagen Menschen des Stadtteils, die sich für ihre Welt verantwortlich fühlen.

Der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link war ebenfalls gekommen und sprach ein Grußwort. Am Rande der Veranstaltung begrüßten auch wir uns persönlich, und Sören Link ließ es sich nicht nehmen, mir zu „Mehr als Fußball“ zu gratulieren. Ein schönes Buch sei das geworden. Mich freut es natürlich, dass auch der Oberbürgermeister Duisburgs dieses Buch wahrnimmt und so allmählich gelingt, was ich beabsichtigt  habe – eine starke Geschichte Duisburgs immer wieder neu zu erzählen.

cover_kleinRalf Koss, Kees Jaratz: Mehr als Fußball, 363 Seiten, € 14,90
ISBN 978-3-00-054423-1

Falls ihr Interesse am Buch habt, das Kontaktformular ausgefüllt und abgeschickt.

Rechtliche Hinweise und Datenschutz.

Wenn ihr einen ersten Eindruck gewinnen wollt, klickt auf die Vorschaubilder. Vorwort und die ersten Seiten der Geschichte des Sommers habe ich online gestellt.

Jugendliche Autoren für die offene Lesebühne von DU schreib(s)t gesucht

Für Jugendliche, die eigene Texte schreiben, bietet die offene Lesebühne von DU schreib(s)t am 4. Dezember um 16.30 Uhr wieder die Gelegenheit zum Auftritt. Die Anmeldung genügt, um in der Bezirksbibliothek Hamborn erste Erfahrungen während einer Lesung zu sammeln.

Bei Lampenfieber stehe ich als Moderator des Nachmittags den Jugendlichen zur Seite. Was gelesen wird, bestimmen die jungen Autoren selbst. Das können sowohl Rap als auch Liedtexte sein oder nur ein Gedicht. Es kann eine Kurzgeschichte sein oder der Ausschnitt einer längerer Erzählung. Von der Teilnehmerzahl hängt ab, wie viel Auftrittszeit ein Autor auf der Bühne bekommt.

Wer sich für den Nachmittag am 4. Dezember anmelden möchte, schreibt eine E-Mail an r.koss[at]lemonhaus.de oder ruft im Jugendzentrum Zitrone unter 0203-479 48 88 an.

DU schreib(s)t – Eine Initiative von Lemonhaus e.V.
in Kooperation mit
Jugendzentrum Zitrone, Jungs e.V., jugendstil – kinder- und jugendliteraturzentrum nrw, Bezirksbibliothek Hamborn, Förderschule Kopernikusstraße, August-Thyssen-Realschule, Gesamtschule Emschertal, Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium, Gesamtschule Meiderich, PSAG – Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Duisburg

Die Phönix-Reportage im Netz: Integration durch Fußball

Mittwoch vor einer Woche hieß es beim öffentlich-rechtlichen Sparten-Fernsehsender Phoenix Themen-Abend „Integration“. Unter anderem wurde in einer 30-minütigen Reportage gezeigt, was Fußball in dem Zusammenhang bedeutet – Fußball in Duisburg. Die Absicht – und damit die Aussage der Reportage – war von vornherein klar, es ging um die vorbildhaften Möglichkeiten und Gedanken, die in unserer Gesellschaft das Zusammenleben fördern können.

In 30 Minuten lässt sich nicht all zu sehr in die Tiefe der Wirklichkeit gehen. Es geht dann um ein Sammeln von positiven Erfahrungen und Meinungen, Schwierigkeiten bleiben außen vor. Das gilt besonders dann, wenn sich der Bogen der Reportage von der Alltagsarbeit in einem kleinen Fußballverein des Breitensports, dem SV Rhenania Hamborn, spannt hin zum professionellen Sport beim MSV Duisburg. Auf der einen Seite geht es um das Weiterleben einer grundlegenden Struktur dieser Gesellschaft in Vierteln mit hohem Migrantenanteil, auf der anderen Seite geht es neben den individuellen Erfahrungen der Berufssportler vor allem um die Möglichkeit zu symbolhafter Identifikation. Das Herausfiltern der entscheidenden Gründe für die Wirkung dieser Integrations-Arbeit muss man selbst vornehmen.

Im Interview erzählt das Vorstandsmitglied des MSV Duisburg, Dr. Stephan Bock, über die Bedeutung des MSV für die Stadt und wo er die integrierende Wirkung des Profisports wahrnimmt. Der Vorsitzende des SV Rhenania Hamborn, Cafer Kaya, erzählt über seinen Verein und dessen Arbeit im Breitensport. Diesem Breitensport im Duisburger Norden geben eine 11-jährige Spielerin der Rhenania-Mädchenfußballmannschaft und deren Trainerin die Gesichter. Der Co-Trainer des MSV Duisburg Fuat Kilic wird über die Bedeutung des Fußballs in seinem Leben befragt, und schließlich sitzen Olcay Sahan, Burakcan Kunt und Sefa Yilmaz zum Gruppeninterview am Tisch.

Ich halte solche Reportagen für wichtig, weil sie die Vielschichtigkeit von kulturellen Identitäten im Alltag zeigen. Wenn in der Öffentlichkeit über Integration diskutiert wird, bleibt das meist abstrakt und es ensteht häufig der Eindruck, Integration sei kein Prozess sondern ein Zustand. Entweder ist jemand integriert, oder er ist es nicht. Das Leben funktioniert anders.  Die Integrationsdebatte ist in großen Teilen eine versteckte Identitätsdebatte. Deshalb ist es tatsächlich wichtig, solche Orte in unserer Gesellschaft öffentlich zu machen, wo kulturelle Identitäten der einzelnen Menschen neu entstehen und sich diese Menschen aber als verantwortlich für die Gesellschaft hier ansehen.

Besonders anschaulich wird dieses Entstehen von Identität als Prozess und als Ergreifen von Möglichkeiten noch einmal am Ende der Reportage, als sich Olcay Sahan und Sefa Yilmaz zum Thema Nationalmannschaft äußern. Für welche Nationalmannschaft entschieden sie sich mit ihren deutsch-türkischen Biografien. Zum einen fällt es Olcay Sahan offensichtlich leichter als Sefa Yilmaz etwas spielerischer mit dem Thema umzugehen. Er löst die sich zwangsläufig ergebenden Widersprüche durch Humor auf. Zum anderen ist es auch eine Frage der Chancen, und das ruft doch sehr die ökonomische Grundlage jedes Ausbilden einer kulturellen Identität in Erinnerung. Sie spielten für die deutsche Nationalmannschaft, sagt Olcay Sahan und bezieht den zurückhaltenden Sefa Yilmaz flapsig mit ein. Wenn sie die Chance erhalten.

Das Video der Reportage stellt Phoenix  hier ins Netz.


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