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Zebrastreifenblog vervollständigt Sammlung der Saisonverläufe

Zu Beginn der Saison habe ich auf zehn Jahre Zebrastreifenblog zurückgeblickt.  Ich überlegte zugleich, wie ich in diesen Räumen weiterschreiben kann. Denn ich möchte mit meinen Spielberichten, so es irgend geht, über den Sport hinaus ins wirkliche Leben führen. Ich hatte das Gefühl, das meiste schon gesagt zu haben. Diesem Gefühl war ich immer öfter begegnet. Allerdings war dieses Gefühl einem blinden Fleck geschuldet. Diesen Schluss konnte ich nämlich nur deshalb ziehen, weil ich dachte, in diesen letzten zehn Jahren hätte ich sämtlichen möglichen Arten eine Saison mit dem MSV zu erleben erlebt. Wir sind zusammen mit dem MSV an Aufstiegen gescheitert. Wir sind aufgestiegen. Dem Verein war sogar die Lizenz entzogen worden. Wir sind in diesen zehn Jahren  abgestiegen. Also, alles erlebt in den letzten zehn Jahren.

Seit gestern weiß ich, das stimmt nicht. Es fehlte ein Saisonverlauf mit den dazugehörigen Gefühlen in der Sammlung des Zebrastreifenblogs. Es fehlte die Saison, in der ich niemals eine wirkliche Zuversicht auf den Klassenerhalt habe entwickeln können. Ich musste mich zu dieser Zuversicht immer wieder neu überreden. Denn die Mannschaft alleine gab mir die Zuversicht nicht. Nach dem 2:2-Unentschieden gegen Sandhausen kann ich mich zu nichts mehr überreden. Gut, dass wir Ostern feiern. Da bleibt dann immer noch der Glaube an ein Wunder. Darauf lasse ich mich ein. Die Auferstehung des MSV liesse sich dann auch über die Saison hinaus weiterglauben, wenn wir das alle nur missionarisch genug erzählen. Die Geschichte könnte für wahr gehalten werden. Ob zukünftige Generationen auf die Speichermedien der Gegenwart zugreifen können, steht noch lange nicht fest.

Ein Sieg gegen Sandhausen musste her. Sandhausen ging 1:0 in Führung, ohne zuvor irgendwelche Anstalten gemacht zu haben, sich dem Tor des MSV gefährlich zu nähern. Das Tor war absehbar gewesen. In dieser Zone, knapp vor dem Strafraum verteidigt der MSV die ganze Saison über nicht gut. Die Paderborner haben ihr Führungstor auch aus diesem Schussfeld erzielt. Die Zebradefensive lässt dort den Gegenspielern zu viel Raum. Dort in dieser Zone geschieht der Wechsel zwischen Raumabdeckung und Mannorientierung. Das gelingt nicht gut. Ein Schuss, ein Treffer.

Auf der Gegenseite gelingen ähnliche Schüsse, weniger platziert. Vielleicht unter größerem Verteidigerdruck? Aus der Ferne ließ sich das nicht erkennen. Der Sandhausener Torwart hält. Nach dem Rückstand ist den Zebras die Verunsicherung anzumerken. Doch die Sandhausener nutzen das nicht aus. Sie bleiben bei ihrer defensiven Ausrichtung. Sie machen keinen Druck auf das Duisburger Tor. Der MSV fängt sich zwar, doch es entsteht nicht der Eindruck auf dem Spielfeld, die Mannschaft wolle sich mit Macht gegen die Niederlage wenden. Auch der MSV bleibt vorsichtig. Die Wege in die Spitze sind zugestellt. Die Mannschaft wirkt hilflos.

Nach dem Wiederanpfiff deuten sich zwar Chancen an, dennoch entfaltet sich keine Stimmung des Aufbäumens. Lässt sich das als planvolles Vorgehen begreifen? Das ist schwer zu verstehen, denn im Verlauf der Saison konnten wir mit solcher Spielweise nur wenig Erfolg erzielen. Erfolg gab es im Aufbäumen gegen mögliche Niederlagen, wenn mutiger gespielt wurde. Das ist ein Eindruck ohne Beleg durch Zahlen. Stimmt das? Sandhausen erzielt derweil das zweite Tor aus dem Nichts. Plötzlich pfeift der Schiedsrichter Elfmeter. Wir auf der Gegenseite wissen nicht warum. Der Abstiegt wirkt besiegelt.

Die Einwechslung von Joseph-Claude Gyau verstärkt den nun entstehenden Druck auf das Sandhausener Tor.  Zunächst hat er selbst die Chance zum Abschluss, doch er spielt den klassischen Pass zur Seite, allerdings katastrophal ungenau. Im zweiten Anlauf bedient er Harvard Nielsen als Strafraumstürmer, der den Anschlusstreffer erzielt. Schnelle Drehung auf der Stelle, Abschluss. Das Tor hatte er sich verdient. Er strahlt diesen Willen aus, sich mit Niederlagen nicht abzufinden. Das hat nicht nur damit zu tun, wie er in den Zweikampf geht. Da kommt mehr hinzu.

Von nun an zwingen die Zebras die Sandhausener Spieler immer wieder zu Fehlern. Die Ausbeute bleibt zu gering. So viele Ecken, so wenig Gefahr. Zudem verspringt Ahmet Engin der Ball nach einem perferkt herausgespielten Konter. Welch ein Aufstöhnen geht durch das Stadion. Was für eine todsichere Chance! Diese Chance ist im Entstehen so klar zu erkennen. Idealer lassen sich Laufwege nicht zeigen als an diesem Konter. Idealer kann ein Ball nicht im richtigen Moment abgespielt werden. Immer ist noch ein Mann mehr frei als Sandhausener defensiv bereit stehen. So muss ein Konter gespielt werden, damit der letzte Offensivspieler den Ball nur noch in eine Ecke des Tores einschieben muss. Nicht Ahmet Engin. Vergeben. Aufstöhnen.

Der Ausgleich fällt erst in der 88. Minute durch Kevin Wolze, der sich beim Elfmeter erneut nervenstark zeigt. Ein Handspiel eines Sandhausener Spielers war der Grund für den Elfmeterpfiff.  In den vier Minuten Nachspielzeit bleibt der Druck hoch. Der Siegtreffer fällt nicht mehr. Die Niederlage hätte alles festgeschrieben. Nach diesem Unentschieden bleibt tatsächlich noch Wunderglaube möglich. Ein Wunder mit Auswirkungen schon heute in Regensburg und Bielefeld. Auch das Wirken eines Wunders brächte übrigens für die Saisonsammlung im Zebrastreifenblog ein neues Exemplar.

Ein Fußball für St.Pauli- und Zebra-Fans

Wenn keine Tore in einem Spiel fallen und wir dennoch nicht gelangweilt sind, muss in diesem Spiel etwas zu erleben gewesen sein, für das sich der Fußball in seiner schon immer vorhandenen Weise lohnt. Das Spiel vom MSV Duisburg beim FC St. Pauli war das komplette Gegenmodell zum Fußball als Unterhaltungsprodukt. Es war ein Spiel für die Anhänger dieser zwei Mannschaften auf dem Platz. Es war ein Spiel ohne viele Torgelegenheiten. Es war ein Spiel voller Fehler, über die wir uns ärgern konnten. Es war ein Spiel, in dem wir dennoch immer wieder neu auf ein Tor hoffen konnten, ein Tor aus dem Nichts, wie es nun einmal im Zufallssport Fußball geschehen kann.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber dass mich dieses Spiel gepackt hat, macht mich für sämtliche Super-Hyper-Mega-Fantasie-Ligen mit irgendwelchen Super-Hyper-Mega-Stars als Zielpublikum ungeeignet. Gerade habe ich gelesen, die Generation der 20-30jährigen empfindet das aufgesplittete Fußballangebot als attraktiv. Ich weiß nicht, wer die Umfrage gemacht hat. Wahrscheinlich waren es die, die mit dem Unterhaltungsangebot Fußball nicht nur Geld verdienen wollen, sondern getreu dem Leitgebot unserer Welt Umsätze steigern und Profite maximieren wollen. Was mit einem Zufallssport nur unter erschwerten Bedigungen geschieht. Es sei denn, man kontrolliert immer mehr die Zufälle. Bei Klub-WM jedenfalls denke ich an Zirkus oder Wrestling und nicht mehr an einen Wettbewerb.

Der eine Punkt auf St. Pauli ist für mich ein Erfolg. Ich gehöre nicht zu der doch zahlreichen Anhänger-Fraktion, die mangelnden Mut beklagt und die vergebene große Chance auf drei Punkte bedauert. Ich habe keinen mangelnden Mut gesehen. Im Gegenteil, wenn ich diese Mannschaft in den letzten Spielen sehe, wie sie sich aus der eigenen Defensive mit kurzen Pässen ins Mittelfeld spielt, ob gegen starkes Pressing oder halbherziges Anlaufen, dann bin ich immer wieder vom Mut dieser Spieler beeindruckt. Da sehe ich, wie aus Mut Sicherheit geworden ist. Natürlich gab es im Verlauf des Spiels zwei bis drei Ballverluste auf dieser Strecke, die mich in Schockstarre fallen ließen. Aber diese verlorenen Bälle führten in diesem Spiel zu keinen großen Chancen der Hamburger.

Ich weiß, die Forderung nach mehr Mut bezieht sich auf das Offensivspiel. Doch mehr Offensivkraft bedeutet weniger Stabilität in der Defensive. Dieses Risiko muss in den Spielen gegen Ingolstadt und Sandhausen eingegangen werden. Gegen St. Pauli war dieses Risiko fehl auf dem Platz.

Die wirklich großen Chancen für St. Pauli hatte es nur in den ersten sechs Minuten gegeben. Einen Dreischritt haben wir gesehen von einer großen Chance über die sonst vom freien Alex Meier im Schlaf verwandelte Chance hin zum Billardball, der bei nur minimal veränderten Abprallwinkeln am Nauber- oder Wiedwaldkörper ins Tor getrudelt wäre. Damit war der Druck auf das Duisburger Tor aber fast schon vorbei. Danach gewannen die Zebras ihre Sicherheit und versuchten sich selbst im Spiel nach vorne.

Vor dem Tor von St. Pauli wurde das dann eine übersichtliche Angelegenheit. Der Ball kam einfach nicht in die Spitze zu John Verhoek. Wenn es Torgefahr gab, entstand sie durch Dribblings aus dem Mittelfeld heraus. Meist war es Cauly Souza, der sich beim Zug Richtung Tor versuchte. Sein Schuss ging auch an den ausgestreckten Arm von St. Paulis Defensivmann. Natürlich gab es schon genügend Elfmeterpfiffe in solchen Situationen. Der MSV bekam diesen Elfmeter nicht. Schiedsrichter nutzen Entscheidungsspielräume. Wahrnehmung ist individuell. Als Erklärung für die Entscheidung gab es wohl die Nähe des Verteidigers zum Schützen. Nun ja, diese Distanz war nicht wirkich nah, aber auch nicht deutlich weit. Wir Menschen legen Regeln aus, zum Nachteil des MSV in diesem Fall.

In der zweiten Halbzeit habe ich im Grunde genommen nur auf das Glückstor des MSV gehofft und das Glückstor St. Paulis befürchtet. Zwar versuchte St. Pauli mehr Druck zu entfachen. Es gelang ihnen nur nicht. Zwei Schüsse blieben das Ergebnis. Einmal war es noch wirklich gefährlich, doch Felix Wiedwald reagierte stark. Den zweiten Schuss brauchte er nur aufzunehmen. Ein freier Schuss genau auf Mann, den nehmen wir gerne.

Als Ahmet Engin für John Verhoek eingewechselt wurde, hoffte ich kurz auf die etwas andere Spielweise des MSV vor dem Strafraum. Harvard Nielsen war in die Mitte gerückt. Er ist wendiger als Verhoek, aber bei hohen Bällen natürlich weniger präsent. Doch Engin konnte sich am Flügel kaum durchsetzen. So kam es gar nicht erst zu Kombinationsversuchen mit Nielsen oder anderen Spielern vor dem Strafraum. Gefährlich wurde es für St. Pauli nicht mehr. Hans Albers mit seinem Trostlied musste nicht hervorgeholt werden.

In meinem Tabellenrechner war eine Niederlage verzeichnet. Der MSV ist nun einen weiteren Punkt im Plus. Wir wissen aber alle, entscheidender sind die Spiele gegen Ingolstadt und Sandhausen.

Lohnt sich noch die Arbeit mit dem Tabellenrechner?

Wieviele Punkte hat der MSV Duisburg in dieser Saison in den letzten Minuten verloren? Im Hinspiel gegen Union Berlin fiel der Ausgleich zum 2:2 in der Nachspielzeit. Gestern war die 3:2-Niederlage in der 90. Minute besiegelt. Das sind nur die verlorenen Punkte gegen Union Berlin. Heute habe ich die Befürchtung, ich kann mir die letzten 10 Minuten eines Spiels vom MSV in dieser Saison nur noch bei Spielständen ansehen, die über die Punkteverteilung keine Fragen mehr offen lassen. Ich hoffte gestern so sehr auf den einen Punkt. Die Aufregung wurde mir zu groß. Das Wissen um all die Gegentore in den letzten Minuten war so lebendig in mir. Mein Körper macht das nicht mehr mit.

Der Punkt wäre hart erarbeitet gewesen, und wir hätten den Berlinern danken müssen für deren Fahrlässigkeit bei der Chancenverwertung. Wie einfach sah es aus, wenn die Berliner die Zebra-Defensive auseinander nahmen. Ballführung auf halbem Flügel, ein schneller Lauf über außen in die Tiefe, ein gesteckter Pass, danach durch den Strafraum eine Passstafette auf die andere Seite, bis ein Spieler alleine stand und eigentlich nur einschieben musste. Nur bei diesem Einschieben gibt es noch Verbesserungsbedarf. Diese Spielzüge wirkten wie als Teil eines Trainingsspiels. Die Duisburger Spieler bekamen angesichts der Geschwindigkeit eines solchen Spielzugs gar nicht erst eine Möglichkeit störend einzugreifen.

Das Siegtor dagegen war ein zufälliges Tor. Ein hoher Ball flog in den Strafraum. Kopfball. Tor. Es war also ein glücklicher Sieg der Berliner, der gleichzeitig verdient war. Heißt das nun, die Defensive des MSV hat versagt? Eigentlich nicht. Sie spielte eben so gut, wie sie konnte. Es wurde viel gearbeitet, wann möglich wurde versucht, den Ball kontrolliert ins Halbfeld zu bringen. Unter großem Druck wurde der Ball auch einfach weggeschlagen. Solche Entscheidungen wurden zum richtigen Zeitpunkt getroffen. Ich hatte den Eindruck, mehr ging nicht, als was zu sehen war.

Dasselbe gilt für die Offensive. Zunächst sieht es vielleicht so aus, als habe es nur die hohen Bälle in die Spitze gegeben als Mittel, um ein Tor zu erzielen. Das stimmt aber nicht. In der ersten Halbzeit gab es zwei oder drei Spielzüge über mehrere Stationen, bei denen der Ball schnell bis in den Strafraum gebracht werden konnte. Die Chancen wurden vergeben. Das waren klare Torchancen, von denen mindestens eine genutzt werden muss, weil der MSV viele solcher Chancen sich eben nicht erspielen kann. Als Alternative und Hoffnung auf eine Torchance blieben die hohen Bälle in den Strafraum und die ruhenden Bälle. Zwei Freistöße führten zu den Toren vom MSV Duisburg, ein direkt verwandelter Freistoß durch Harvard Nielsen und ein in den Strafraum geschlagener Freistoß, dem ein Kopfball von Lukas Fröde ins Tor folgte.

Für uns Anhänger im Stadionrund ist es schwer, die Grenzen dieser Mannschaft zu akzeptieren. Irgendwo muss unsere Enttäuschung hin. Dann wird fehlender Kampf bemängelt. Es wird von Leidenschaft gesprochen, die im Spiel nicht spürbar ist. Ich glaube nicht daran, dass über mehr Einsatz diese Mannschaft erfolgreicher spielen könnte. Mehr Kampf heißt für diese Mannschaft auch der Verlust vom Rest der Spielkontrolle.  Kampf bedeutet ein schnelleres Spiel, schnellere Ballverluste, häufigere Konter. Das ist die Kehrseite vom Kampf. Diese Mannschaft stößt an ihre Grenzen.

Diese Mannschaft erhält Spiel um Spiel einen Beweis dafür, dass das eigene Spielvermögen nicht ausreicht, die in Reichweite liegenden Punkte zu erlangen. Ich habe keine Vorstellung davon, wie diese Mannschaft solche mehrmals erlebten Punktverluste verkraften kann. Tennisspieler etwa denken von Punkt zu Punkt. Das ist Teil ihrer Karriere als Turniersportler, bei dem jedes einzelne Spiel einem Endspiel gleicht. In Mannschaftssportarten mit Ligenbetrieb muss so etwas mühsam vor jedem Spiel hergestellt werden. Wir denken nur von Spiel zu Spiel. Dass dieser Satz von Beteiligten eines Abstiegskampfs immer wieder gesagt werden muss, heißt nichts anderes, als dass dieser Satz nicht selbstverständlich in den Köpfen der Spieler ist. Sie können es noch so sehr wollen, an den Satz zu glauben. Beim kleinsten Fehler im Spiel wird die mittelfristige Folge eines solchen Fehlers, der Abstieg, wieder im Kopf sein. Es braucht Energie diesen Abstieg wegzuhalten. Energie, die für das Spiel selbst fehlt.

Natürlich gibt es noch keinen großen Punkterückstand auf Nichtabstiegsplätze. Dennoch sehe ich die Rückschläge in den letzten Minuten über die Saison hinweg als besondere Belastung dieser Mannschaft. Ich denke daran, wie schwer es den Spielern fallen muss, an sich zu glauben. Mir selbst fällt es schwer, noch an den Erfolg zu glauben. Nach dem Spiel gegen Aue werde ich dennoch mal sehen, was der Tabellenrechner so hergibt


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