Posts Tagged 'Heimat.'

Akzente inoffiziell: Heimat – Wort im Wandel

„Deutschland, Deutschland über alles“ hieß 1929 ein Buch, das Kurt Tucholsky zusammen mit dem Bildenden Künstler John Heartfield veröffentlichte. Diesem Buch ist der Zorn von Kurt Tucholsky über den Zustand Deutschlands jener Zeit besonders anzumerken. Kein humoristischer Ton mildert die Schärfe seiner Kritik am Militarismus, an Nationalismus, an sozialer Ungerechtigkeit. Eindeutig ist die Botschaft in Texten und Fotomontagen.

Man muss Deutschland sehr einseitig betrachten, um nicht zu merken, wie sehr Kurt Tucholsky dieses Deutschland, das er so sehr kritisiert, am Herzen liegt. In „Heimat“, dem letzten Text dieses Buches wird das auf berührende Weise von ihm ausgesprochen: „Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen auch einmal Ja sagen. Ja-: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. […] Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich „national“ nenen und nichts sind, als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. […] Sie reißen den Mund auf und rufen: ‚Im Namen Deutschlands…!‘ Sie rufen: ‚Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.‘ Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.“

Wenige Jahre später war dem Begriff „Heimat“ durch die Blut-und-Boden-Mythologie des Nationalsozialismus auch noch der letzte Rest Unschuld ausgetrieben worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte die dörflich-ländliche Idylle die Bedeutung des Worts bis in die 1970er Jahre nahezu vollständig. Erst von da an versuchten Schriftsteller immer wieder die anderen Bedeutungsgehalte des Wortes wieder im öffentlichen Sprachgebrauch nutzbar zu machen. Das Wort Heimat sollte nicht den Konservativen und Reaktionären überlassen werden. Noch Ende der 1980er Jahre schwang die innere Begrenztheit, der provinzielle Blick des Sprechenden auf die Welt in dem Wort jederzeit mit.

Anekdotisch betrachtet, hat der Filmemacher Edgar Reitz mit seinen Filmreihen „Heimat“ großen Anteil daran, dass das Wort für alle politischen Lager  wieder ein neutralerer Begriff wurde. Obwohl gerade die erste Staffel doch wieder in der Provinz spielte. Doch diese Provinz wurde nicht verklärt. Filmkunst hatte er geschaffen. Zudem wurde spätestens ab Ende 1980er Jahre im öffentlichen Reden über Heimat immer öfter auch an das dem Wort innewohnende utopische Moment größter Identität und Zufriedenheit erinnert. Heute lässt sich ohne erklärende Umwege an diesen Bedeutungsgehalt des Wortes Anschluss finden. Wer Heimat nicht als nostalgisches Verklären eines einzigen Ortes versteht, trägt dazu bei, dieses utopische Moment des Wortes zu bewahren.

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Akzente inoffiziell: Heimat Duisburg – Jugendliche schreiben über ihre Stadt

Seit einigen Jahren engagiere ich mich im Duisburger Norden  für das literarische Schreiben von Kindern und Jugendlichen. Im Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh habe ich dabei meine Basis. Schreibwerkstätten finden regelmäßig in Kooperation mit umliegenden Schulen und anderen Einrichtungen der Jugendhilfe statt. Am Mittwochnachmittag öffne ich eine Art Literaturbüro im Jugendzentrum. Zudem bieten wir interessierten Jugendlichen im Juni und Dezember die Möglichkeit, auf einer offenen Lesebühne in der Bezirksbücherei Hamborn eigene Texte einem Publikum vorzustellen. Auf der Seite von DU schreib(s)t gibt es die Möglichkeit, Texte online zu veröffentlichen. An anderer Stelle habe ich mich schon einmal ausführlicher mit den Schreibprojekten und deren Bedeutung für die lokale Kultur befasst.

Im Laufe der Zeit haben die jungen Autorinnen und Autoren auch einige Texte über ihre Heimatstadt Duisburg geschrieben, passende inoffizielle Beiträge zum Akzente-Programm dieses Jahres.

Meine Stadt

Von Fatih, 18 Jahre

Oh Duisburg, du bist mir weit weg
die Sonne lacht mir nicht mehr.
Hier am dunklen Pollman-Eck
sieht man nur noch Straßenteer.
Unsre Vorfahren hatten es versäumt
sich gemeinsam bringen zu dem Einklang.
Doch heutzutage hat jeder ’nen Freund,
denn nur paarweise geht man zum Spaziergang
In der Nacht wird es gefährlich,
denn es herrscht Kriminalität.
Sogar die die Beamten sind ängstlich,
was die Migranten angeht.
Dennoch liegt’s mir im Herz,
denn nur du glühst mir als Kerz.

 

DUISBURG …
… Im Herzen des Ruhrgebiets

Von Yasin, 17 Jahre

Mitten im Ruhrgebiet gibt es eine Stadt, die hat ca. 500.000 Einwohner. Diese Stadt ist geprägt durch Industrie, Kultur und Stil. Eine Industriestadt, welche die Kultur und Stil miteinander vermischt. Eine Industrie mit Stil, Licht und Ansehen. Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang ist der Horizont ein Erlebnis, die Luft anders. Die Industriewolken schweben nur vor sich hin, prägen den Horizont mit und verändern die Atmosphäre. In der Luft riecht man nicht nur Industrie sondern auch Multikulturalität. Menschen verschiedener Herkunft auf einem Haufen versammelt, ergeben eine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft „Duisburg“ Hand in Hand. Zusammen schafft man alles, egal ob weiß oder schwarz, ob Christ oder Moslem, was zählt ist der Zusammenhalt, das Verständnis füreinander. So ist Duisburg ein Misch-Masch aus allem. Die Menschen leben miteinander und sind füreinander da, wie man es sich so wünschen mag. Das bedeutet „Duisburg”. Duisburg bedeutet nicht nur Wirtschaft, sondern Sozial. Sozial gehört auch zu Berufen. Berufe? Gibt es genug, Möglichkeiten umso mehr. Möglichkeiten die meist verschenkt oder meist genutzt werden. Jeder hat es selber in der Hand. Vom Bäcker bis zum Konditor, vom Architekt zum Ingenieur ist alles dabei. Duisburg bedeutet „Möglichkeiten“. Nicht nur Möglichkeiten sondern auch Sport und Spaß bietet die stilvolle Industriestadt. Große Parkanlagen, Sportfelder und Plätze zum Toben wo das Auge reicht. So grau der Himmel auch scheint, grün ist es immer noch am Erdboden. Junge Leute die ein breites Grinsen im Gesicht haben, sind jene, die es genießen in dieser Stadt zu leben. In dieser Stadt der Vielfalt. In dieser Grüngrauen Stadt. Vielfalt bedeutet „Duisburg“. Fortschritt, Entwicklung und Potenzial ? Das haben unsere Jungen Duisburger und älteren Unternehmer. Was ein Unternehmer denkt, vorausschaut, dass kann ein junger Duisburger schon längst, falls Menschenverstand vorhanden ist. Bunte Farben im Abendlicht zu sehen in der Industrie, glückliche Gesichter zu sehen in der Gemeinschaft, motivierte Bewegungen zu sehen, bei den jungen und alten Leuten. Nicht nur wissen was ist Duisburg sondern Duisburg erleben, bedeutet „Duisburg“.

Die folgenden zwei kurzen Gedichte sind ebenfalls von Yasin

STILVOLLE INDUSTRIE

Wo gibt es so schöne Lichter wie hier inmitten einer dunklen Industrienacht,
lasst sie einfach reden, ahnungslos wie jeder so über unsere Stadt lacht,
sind wir stolz auf uns trotz kleiner Mängel, was uns zu „Duisburgern“ macht,
denn es reicht keine Beschreibung für die Natur, die dies alles verursacht.

GRAUER HORIZONT, GRÜNE STADT,
WAS UNS SO BESONDERS MACHT,
UNSER NAME UNSER SYMBOL,
FÜR VIELFALT UND GEMEINSCHAFT,
DAS IST DUISBURG, UNSERE KRAFT!

Heimat Hamborn

Von Irem, 12 Jahre

Manchmal gehe ich auch raus, wenn es regnet.
Ich mache einen Spaziergang.
Ich sehe Menschen, die um mich herum sind.
Ich sehe die grüne Döner-Bude.
Ich laufe über die Steine, über die auch die Autos fahren.
Das große Askania-Haus sieht auch im Regen wunderschön aus.

Heimat Hamborn

Von Alina, 13 Jahre

Hier in Hamborn wohnen Affen,
die ihr ganzes Leben lachen.
Ein Ohr hier, ein Ohr dort.
Sie bleiben alle und gehen nicht fort.

Sieht man in den Himmel rauf,
dann fliegt man hoch hinaus.
Niemand läuft wie jede Maus.

Von jedem das schiefe Grinsen.
Es regnet jetzt Linsen.
„Macht den Regenschirm auf!“
Nach Hause, ich lauf’

Alle Affen lachen,
doch ich kann nichts machen.
Niemand hört mehr auf.
Ich gehe schnell nach Haus.

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Zu wenig MSV-Fans? Gebt dem Verein die DDR zurück

Es war November, ein Freitagabend, und unser Bus aus Duisburg war trotz Megastau auf der A2 noch rechtzeitig vor dem Anpfiff in Wolfsburg angekommen. 1998 hatte das Wolfsburger Stadion auf der Gästefan-Seite noch eine richtige Kurve. Vielleicht hundert bis hundertfünfzig Duisburger Fans waren schon da. Begrüßung hier und Begrüßung dort. Doch noch geschafft! Und wie lange habt ihr gebraucht? Mann, was für eine Fahrt, und ich bekomme mit, wie einer der Busmitfahrer ganz selbstverständlich Einverständnis voraussetzt bei dem Blau-Weißen, auf den er gerade eingeredet hat. Der aber erwidert:  „Ich bin gar nicht aus Duisburg hier. Ich komm´ aus dem Osten. Aus Magdeburg.“ Sein Zungenschlag war eindeutig nicht Ruhrpott.

Danach hörte ich eine kuriose Geschichte des Fan-Werdens mit. Gleichzeitig erzählt diese Geschichte so viel Alltag aus der deutsch-deutschen Vergangenheit. So fern und für viele schon unvorstellbar klingt das, was da zum Nutzen des MSV Duisburg in Magdeburg geschah. Vielleicht liest dieser Mann selber mit oder jemand, der ihn kennt. Es wäre schön, seine besondere Geschichte in seinen eigenen Worten für das Fan-Gedächtnis geschrieben zu bekommen.

Dieser Mann in Wolfsburg war wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, denn seiner Erzählung nach war er Ende der 70er Jahre ein Kind oder ein Jugendlicher, jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs und sich für den Fußball in der BRD interessierte. Am meisten faszinierte ihn damals der Hamburger Sportverein, bei dem in der Saison 1978/79 der Engländer Kevin Keegan spielte. Der HSV wurde in dieser Saison das Maß der Dinge, und der Junge in Magdeburg wünschte sich nichts so sehr, wie noch mehr über diesen Verein zu erfahren. Zu seinem großen Glück gab es Verwandtschaft im Westen, die so manchen Wunsch im Osten erfüllen half. Etwas vom Lieblingsverein HSV zu besitzen, das war es gewesen für den Jungen. Der Wunsch des Jungen wurde weitergeleitet, und als die Verwandten aus dem Westen das nächste Mal in Magdeburg waren, durfte der Junge einige kostbare Mitbringsel auspacken. Was genau er dort dann auf dem Tisch liegen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, es war das 1976 erschienene Buch „Die Zebras kommen“, dazu vielleicht ein Wimpel vom MSV, ein Trikot. Von Fanartikeln konnte man in den 70ern jedenfalls noch nicht sprechen. Der Onkel oder welcher männliche Verwandte auch immer hatte sich verhört. Aus dem HSV war der MSV geworden. Und der Junge im Osten nahm die Dinge mit einer weisen Gelassenheit, die normalerweise nur Menschen mit langer Lebenserfahrung  aufbringen. Mit ein wenig System-Abstand bleibt es eben gleich, mit welchem Verein aus dem Westen man als Fan den Sinn seines Fußball-Daseins findet. Und so häufig kamen die Verwandten aus dem Westen nun auch nicht.

Das Spiel endete mit einem 2:0-Sieg für den MSV Duisburg. Das 1:0 war ein Selbsttor des Wolfsburger Peter Kleeschätzky und das 2:0 erzielte Uwe Spies, der bei den Heimspielen in Duisburg ja immer einen schweren Stand beim Publikum hatte.  Nach dem Spiel bin ich in Wolfsburg geblieben, um mit dem Linienbus zum angeheirateten Neffen nach Braunschweig zu fahren. Ich ging vom Stadion aus zu Fuß Richtung Innenstadt und wartete bei einer Schale Pommes auf meinen Bus. Am Nebentisch saßen drei jugendliche Wolfsburger Fans. Sie hatten die Niederlage schon weggesteckt und unterhielten sich über ihre Fahrten zu Auswärtsspielen ins Ruhrgebiet. Sie waren sich einig, dort niemals leben zu können. So verödet war ihnen die Gegend zwischen Dortmund und Bochum vorgekommen. Fünfzehn Minuten vorher hatte ich beim Anblick von fünfzig Meter Fußgängerzone mit Sonnenstudio oder Spielhalle oder Jeans-Shop noch gedacht, das wirkt ja sogar noch trostloser als in Duisburg. Und in den 90ern war die Königstraße sehr trostlos am Abend. Heimat kann überall sein.


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