Posts Tagged 'Hooligans'

Nur bis Donnerstagabend Karten für das Spiel gegen Magdeburg erhältlich

Gestern bin ich wieder mit jemandem ins Gespräch gekommen, der es noch nicht wusste: Eintrittskarten für das Heimspiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Magdeburg sind nur an den Vorverkaufsstellen bis Geschäftsschluss Donnerstagabend erhältlich. Online gibt es keine Karten. Die Tageskassen machen am Freitag nicht auf. Dieses Sicherheitskonzept wurde beschlossen, weil es Hinweise auf einen Hooligan-Zusammenschluss aus unterschiedlichen Städten Deutschlands gibt, der zusammen mit den Magdeburgern anreist. Mir geht es hier nur darum, diese Nachricht möglichst weit zu verbreiten. Die Vorverkaufsstellen finden sich mit einem Klick, weiter auf der Seite des MSV. Sie befinden sich über Duisburg verteilt, in Mülheim, Wesel, Moers, Voerde und Dinslaken.

Halbzeitpausengespräch: Auf dem Weg zum Hooligan in der DDR – Gedächtnis der Nation

Das Gedächtnis der Nation ist ein Oral-History-Projekt, bei dem zunächst prominente Zeitzeugen befragt wurden. Seit 2011 werden auch Erinnerungen von unbekannten Menschen festgehalten. Entstanden ist das Projekt als Teil eines journalistischen Zugangs zur Geschichte, wie er von Guido Knopp beim ZDF  verantwortet wurde. Über die engen Grenzen eines solch personalisierten Zugangs sollte man sich schon bewusst sein. Verbindliche Wertungen und Einordnungen in allgemeine historische Prozesse können solche einzelnen Stimmen nicht geben, selbst wenn sie es behaupten. Ganz davon abgesehen, dass wir anerkennen müssen, wie trügerisch Erinnerungen sein können.

Das soll hier alles nicht interessieren. Denn ich verliere mich gerne in diesen Erzählungen aus anderen Zeiten. Sie machen Vergangenheit lebendig. Neulich bin ich auf die Erinnerungen von Rolf Walter gestoßen, der zu DDR-Zeiten Fußballfan vom BFC Dynamo Berlin war. Dort hatte sich eine sehr gemischte Gruppe Fans zusammen gefunden von Punks bis hin zu Skinheads. Das waren junge Männer, die sich auf unpolitische Weise gegen ein normales Leben in der DDR wandten.

Die Clips laufen nur direkt bei youtube, auch wenn ich sie hier habe eingebunden.

 

 

 

Nach seiner Haftzeit begann Rolf Walter politischer zu handeln, und er wurde Teil der oppositionellen, kirchlich organisierten Friedensbewegung der DDR. Zu den Kurzinterviews zu dieser Zeit bei Youtube mit einem Klick.

 

„Der Zeuge von Lens“ von Tibor Meingast – Eine Besprechung

Lens – eine Kleinstadt in Nordfrankreich. Touristen kommen normalerweise selten in die Stadt. 1998 war das anders. Damals, am 21. Juni, wird das Vorrundenspiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen Deutschland und Jugoslawien dort ausgetragen. Die Stadt, in der etwa 35.000 Einwohner leben, ist voll von Fußballfans. Nicht nur Zuschauer des Spiels reisen an, sondern auch deutsche Hooligans ohne Eintrittskarten, gierend nach Gewalt. Eine Gruppe dieser Hooligans prügelt den französischen Gendarmen David Nivel an diesem Tag fast zu Tode. Nicht alle Täter können schnell identifiziert werden. In Gelsenkirchen aber gibt es mit Burkhard Mathiak einen Mitarbeiter des Fanprojekts vom FC Schalke 04, der sich sicher ist, den Haupttäter erkannt zu haben.

In „Der Zeuge von Lens“ erinnert der Fernsehjournalist Tibor Meingast an die Gewalttat von 1998 und schildert, wie es Burkhard Mathiak als Zeuge im Prozess gegen die Gewalttäter ergangen ist. Sein spannender, reportageartiger Text zeigt, welchem Risiko sich der Sozialarbeiter mit seiner Aussage ausgesetzt hat, welche Unterstützung er erhielt und wie der Prozessverlauf auch das Leben von Burkhard Mathiak grundlegend verändert hat.

Tibor Meingast hat viele Fakten gesammelt und Stimmen bei Polizei und Staatsanwaltschaft eingeholt. Vor allem war Burkhard Mathiak bereit, über Schwierigkeiten mit seiner Aussage zu sprechen, über seine Arbeit im Fanprojekt und seinen Alltag nach der Zeugenaussage. In sachlich, reportierender Sprache macht Tibor Meingast das Geschehen damals sehr anschaulich. Über den eigentlichen Vorfall und seine Folgen in Deutschland erzählt Tibor Meingast kein Wort zu viel. Gerade durch die Knappheit seiner Sprache entwickelt das Buch einen Sog durch den Verlauf des vergangenen Geschehens.

Für mich sind die letzten zwei Kapitel ein kleiner Makel dieses Buches, weil Tibor Meingast der Versuchung erlegen ist, dem präzise geschilderten Einzelfall Fangewalt noch einen Blick auf das Allgemeine der Gegenwart anzufügen. Angesichts des komplexen Themas bleibt dieser Blick oberflächlich, und zwangsläufig wirbeln unterschiedliche Phänomene der Gewalt durcheinander. Dann geht es noch rasend schnell von den Standardzitaten der Standardforschernamen hin zur gesellschaftlichen Lage in Deutschland überhaupt und schon soll das Thema Fangewalt der Gegenwart eingeordnet sein. Auf diesen Seiten greift Tibor Meingast viel zu hoch. Vielleicht könnten diese Seiten dem Gelegenheitszuschauer des Fußballs, dem Dossier-Leser in Der Spiegel oder Die Zeit, das Gefühl geben, den sozialen Ort und die Gründe für diese Gewalt jetzt mal so richtig zu kennen.  Ich vermute, der potentielle Leser von „Der Zeuge von Lens“ wird sich im Fußball auskennen und diese letzten zwei Kapitel als Bruch mit dem vorherigen Text empfinden. Dieser Makel soll aber nicht davon abhalten, mit dem spannenden Einzelfall auf den Seiten vorher wirklich etwas Neues zu erfahren.

Tibor Meingast: Der Zeuge von Lens. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011. 127 Seiten. € 8,90.

Angesehen: Kategorie C – Ein Dokumentarfilm

Vor zwei Jahren hatte Kategorie C, ein Dokumentarfilm von  Franziska Tenner, seine Premiere. Seit einem Jahr ist der Film als Kauf-DVD im Handel erhältlich. Nun habe ich ihn mir angesehen. Nicht alle Zuschauer eines Fußballspiels werden wissen, dass sie als Stadionbesucher von der Polizei in drei Gruppen eingeteilt werden. Die „Kategorie C“ umfasst dabei die gewaltsuchenden Fans von Fußballvereinen. So verweist der Titel auf das Thema des Dokumentarfilms, und auf Franziska Tenners Seite im Netz wird mit den als Werbung gemeinten Informationen zum Film behauptet, der Film zeige am Beispiel zweier verfeindeter Fangruppen „was es bedeutet, Fußball-Fan der „Kategorie C“ zu sein – als Ultra und als Hooligan“. Es wäre schon viel gewesen, Bilder dieser Fan-Leben in Leipzig beobachtend zu sammeln. Doch Franziska Tenners Werbetext suggeriert sogar, sie habe Erklärungen gefunden. Denn, so die Eingangsfrage im Film: „Woher nehmen sich Männer das Recht, das Gewaltverbot zu übertreten?“ Es werden also große Erwartungen geweckt, die die Filmemacherin nicht annähernd einlöst.

So ein Film über Fans der Kategorie C hat nämlich ein grundsätzliches Problem, wenn diese Fans nicht damit einverstanden sind, dass eine Kamera bei ihrem Alltag dabei ist. Dann fehlen nämlich Bilder, und so muss Franziska Tenner beim Blick auf die Leipziger Fans Vorlieb nehmen mit Standardsequenzen von Zuschauerrängen während des Spiels und bekannten Gewaltbildern aus einem Stadion. Dazu spielt sie wenig erhellende Interviews ein mit verschiedenen Fans. Einige von ihnen haben sich aus der Szene zurückgezogen, andere gehören mehr dem Randbereich an. Zwei Polizisten schildern ihre Sicht der Dinge. Dazwischen schneidet sie immer wieder von Fans selbst aufgenommene Wackelbilder aus lange vergangenen Prügelzeiten, die dem Ruheständler der Kategorie C gemütvolles Erinnern bescheren.

Franziska Tenner hätte ihr Scheitern beim Zugang zur gewaltbereiten Fan-Szene thematisieren müssen, um in ihrem Dokumentarfilm etwas zu erzählen, was wir nicht wissen und was über die Selbstaussagen von Fans hinausgeht. Stattdessen bohrt sie bei Interviews nach bedeutungsschwangeren O-Tönen und verliert dabei die Distanz zu den Menschen, die sie befragt. So wird neben den fehlenden Bildern ihre schwammige Haltung zu einem Problem des Films. Sie verhält sich weder als neutrale Beobachterin, noch bezieht sie irgendeine Position.

So bietet sie dem Ruheständler der Kategorie C küchenpsychologische Deutungen für dessen vergangenes, gewaltvolles Handeln an, wenn sie fragt, ob in unserer Gesellschaft einfach kein Platz mehr für wahre Männlichkeit sei. Dem jugendlichen Gewalttäter begegnet sie mit der Fürsorge einer verständnisvollen Sozialarbeiterin. Vielleicht wollte sie damit Vertrauen bei ihren Interviewpartnern schaffen, aber spätestens bei der Sichtung ihres Materials hätte sie sich über ihre eigene Haltung klar werden müssen. Wer sich seinem Thema auf diese Weise nähert, wirkt so, als sei auch er selbst dazu bereit, einfache Erklärungen für komplexe Sachverhalte hinzunehmen.

Deshalb erzählt der Film aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr als das, was jeder weiß. Es gibt Fußballfans, die Gewalt für eine coole Sache halten und wenn man älter wird, erzählt man gerne, früher war alles besser – selbst die Schlägereien. Da wird dann fabuliert, damals in den guten alten Hooligan-Zeiten hörte jeder auf zu schlagen, wenn einer erst mal auf dem Boden lag. Was dann in den eingespielten, selbst erstellten Filmchen dieser Schläger auch besonders gut zu sehen war, wie eindrucksvoll sie da aufhörten. So sehr hörten diese ehrenwerten Straßenkämpfer auf zuzuschlagen, dass sie ihren Kumpels bei deren wiederholtem Treten gegen die am Boden liegenden anderen ehrenwerten Straßenkämpfer nicht im Weg waren. Aber damals waren Schlägereien schon gesitteter,  klar.

Solche Widersprüche in Aussage und Bild werden aber nicht weiter verfolgt. Die Selbststilisierung der Fans der Kategorie C bleibt unangetastet, vor der Kamera geschieht nichts, was bewegt und zu Erkenntnis verhilft. Dass sich auch Fans der Kategorie C gut fühlen wollen, hätte ich auch vorher schon vermutet, und Schlägereien im Wackelbild lassen sich bei youtube auch ohne Kauf-DVD immer wieder finden.

Kategorie C. Deutsche Hooligans. Ein Dokumentarfilm von Franziska Tenner. DVD. Erstveröffentlichung 2009. Ab 17,00 Euro.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: