Posts Tagged 'Identität'

Obwohl Duisburg auch schöne Ecken hat

Lobende Worte findet der Trainer des Hamburger SV Hannes Wolf für die Spielanlage des MSV. Die Duisburger wollten wie die Paderborner „kicken“, verfolgten also einen spielerischen Ansatz. Gegen Duisburg sei es unbequem zu spielen, und die hohen Niederlagen der beiden letzten Spiele würden klarer aussehen als sie sind. Der MSV hätte vor den ersten Toren der Gegner jeweils viele Chancen gehabt in Führung zu gehen und die Chancen nicht genutzt. Interessant ist die andere Perspektive auf ein Wissen, das wir in Duisburg ja teilen. Für Hannes Wolf stellen die Chancen eine potentielle Gefahr dar. Für uns in Duisburg sind Chancen eng verbunden mit Versagen und Fehlern. Ich denke in dem Fall nicht einmal nur an die gegenwärtige Saison.  Ich denke sofort auch an die ersten Spiele der letzten Saison. Hoffen wir, dass der MSV heute Abend trotz all der Spielerausfälle den Erwartungen von Hannes Wolf in der Spielweise entspricht und die Hamburger es eben nicht nur nicht verhindern können, dass auch mal ein Ball in die „Box“ kommt, sondern diese Bälle auch ins Tor geschossen werden.

Die Pressekonferenz illustrierte zudem kurzzeitig das allgemeine Ringen um die Identität des Ruhrgebiets. Dem Dortmunder Hannes Wolf wurde die Frage gestellt – ab Minute 4.05, was so ein erstes Spiel mit dem HSV in der Heimat mit ihm „als Kind des Ruhrgebiets“ mache. Für den Journalisten war es also überhaupt keine Frage, dass das Ruhrgebiet als Ganzes Heimat eines Dortmunders ist und damit auch die anderen Städte der Region. Hannes Wolf überraschte die Frage. Seine etwas längere Antwort ist beispielhaft für das Verhältnis von vielen Ruhrstädtern zur Stadtlandschaft. Seine spontane Reaktion ist Abwehr, auch wenn er zunächst einlenkend zustimmt, das Ruhrgebiet sei seine Heimat. Aber Duisburg sei das nicht, sofort schließt er aber auch an, „obwohl Duisburg auch schöne Ecken hat“. Seine Antwort ist typisch Ruhrpott, klarstellen, aus welchem Teil dieser Region man stammt, nur das weckt die besonderen heimatlichen Gefühle und dann in einem Atemzug das Ruhrgebiet als Ganzes vorab verteidigen. Er bezieht sich also auf ein vermutetes Bild vom gesamten Ruhrgebiet. Einmal mehr stelle ich mir vor, welche Kraft sich entwickelte, wenn dieser Heimat-Begriff einmal mit all seinen Facetten auf die gesamte Region angewendet würde.

 

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 41: Jo Marie mit Ruhrpott Romantik

Gestern habe ich einen Vortrag zur Identität des Ruhrgebiets gehalten. In der Diskussion nach dem Vortrag wurde deutlich, wie unterschiedlich Kohle und Stahl als Klammer für eine Ruhrgebietsidentität bewertet werden. Für einige war der Bezug auf Kohle und Stahl gleichbedeutend mit Stagnation und einem Denken, das den Verlust beklagt, ohne das Neue anzupacken.

Es mag Menschen im Ruhrgebiet geben, für die diese Bewertung gilt, wenn sie auf die Montanindustrie schauen. Ich selbst glaube dennoch, das Ruhrgebiet kommt an Kohle und Stahl als einigender Klammer nicht vorbei. Denn Kohle und Stahl sind nun einmal der Grund, warum es das Ruhrgebiet überhaupt gibt. Wenn wir nichts mehr von Kohle und Stahl hören wollen, werden wir geschichtslos im Ruhrgebiet.

Gerade die jungen Bewohner des Ruhrgebiets haben ein unbelastetes Verhältnis zu Kohle und Stahl. Junge Menschen kennen die Arbeitswirklichkeit von Kohle und Stahl nicht mehr. Sie nehmen Kohle und Stahl symbolhaft. Sie gehen ironisch damit um. Sie können Kohle und Stahl benutzen, um sich in ihrer Lebenswelt zu positionieren. Damit verlieren sie den Blick für die Zukunft nicht. Sie trauern der Montanindustrie nicht hinterher. Sie schauen nach vorn. Wer im Ruhrgebiet bleibt, will etwas im Ruhrgebiet bewegen, und zwar in Berufen, die zukunftsträchtig sind.

Dennoch kann ich die Sorgen vor einem lähmenden Historienbezug auf Kohle und Stahl verstehen. Ruhrpott Romantik etwa von Jo Marie wirkt mit seiner Popmelodie so, als ob die junge Sängerin aus Lünen den Anschluss an den gegenwärtigen Popmusikbetrieb findet. Im Text aber schleicht sich rückwärtsgewandtes Denken ein, wenn es heißt, „zu verstehen, wie es hier wirklich ist, ist fast unmöglich, wenn du von woanders bist.“ Damit offenbart sich die Kehrseite eines Bezugs auf regionale Identität, die inhaltlich mit Kohle, Fußball und malochen gefüllt wird. Ausschluss liegt jederzeit nahe. Daran denkt Jo Marie wahrscheinlich nicht. Sie will nur die Besonderheit der Ruhrgebietswirklichkeit zum Ausdruck bringen.

Bei dem Lied mit dem zum Teil sinnfreien Text geht es ja ohnehin vor allem um Refrain und Melodie. Deshalb will ich ihre Worte nicht auf die Goldwaage legen. Im alltäglichen Leben mischen sich eben manchmal die Wirkungen beim Bezug auf die Historie des Potts. Mit diesem Bezug auf Kohle und Stahl bei der regionalen Identität ist es wie mit allem im Leben. Es kommt immer auf das Wie an.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

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Akzente inoffiziell: Ruß von Feridun Zaimoglu und die Ruhrstadtidentität

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

russ_zaimogluIn diesem Jahr gehörte zum Akzente-Programm eine Lesung von Feridun Zaimoglu, zu der es in der Rheinischen Post einen kurzen Bericht gibt. Zaimoglu selbst hat anscheinend von „Heimkehr“ gesprochen, wohnte er zur Recherche seines Duisburg-Romans „Ruß“ doch einige Zeit in der Stadt. Dieser Duisburg-Roman hat mich schon mehrmals beschäftigt, weil die Rezeption gerade direkt nach der Veröffentlichung für mich viel über Selbstbild und Selbstbewusstsein der Ruhrstadt verrät.

In der Zeit während der Arbeit am Roman hatte ich ein Interview mit Feridun Zaimoglu gesehen. Er sprach davon, dass ihn  “Revierkitsch” nicht interessierte, sondern “echte Menschengeschichten” in einer Stadt, in der die Epoche der Industriealisierung nicht vollends museal aufbereitet sei. Ihm ginge es um die Gegenwart. So hatte ich ihn verstanden. Er wollte nicht über eine hippe Szene schreiben, sondern eine „deutsche Arbeitersaga“.

Richtig nah ist er diesem „herben“ Arbeitermilieu aber nicht gekommen. Zum einen verknüpft er eine bemühte Kriminalhandlung mit dem Blick auf die Wirklichkeit des Ruhrgebiets. Zum anderen bekam ich bei der Lektüre das Gefühl, in eine Welt der 60er Jahre einzutauchen. Eigentlich waren seine Hauptfiguren Männer meiner Generation, doch wenn er sie sprechen ließ, hatte ich immer das Gefühl, meinen Großeltern zuzuhören.

Das mag für Leser und Kritiker ohne Anbindung ans Ruhrgebiet keine Rolle spielen. Für mich ist es eines von vielen Zeichen, dass Feridun Zaimoglu eine Kunstwelt geschaffen hat, mit der er seine  eigenen formulierten Ansprüche sicher nicht eingelöst hat. Er nimmt seine Wirklichkeit des Ruhrgebiets als Material, um sich vom alltäglichen Sprechen zu entfernen und zu versuchen, eine Kunst-Sprache zum Klingen zu bringen. Das macht die Lektüre stellenweise anstrengend und die Geschichte verschwindet zudem immer wieder hinter dieser Sprache. Der Klang der Sätze schiebt sich in den Vordergrund. Eine bedrückende Atmosphäre gelingt ihm so. Eine Balance zwischen Handlung und einer notwendigen Sprachform entsteht für mich  nicht.

Im Ohr hatte ich immer noch “echte Menschengeschichten” des Interviews, die er hat schreiben wollen. Was die Figuren erleben, wirkt zwar grundsätzlich gegenwärtig, doch gleichzeitig kommt mir die Handlung wie eine manieristische Anstrengung vor. Letztlich lese ich dort nichts über die „raue“ Gegenwartswirklichkeit Duisburgs. Zugespitzt formuliert sehe ich nur den Kunstwillen des Kulturbetriebs in einem Roman, der mir zudem zu oft zu sehr nach Vergangenheit klingt. Kurzum, ich erkenne all das nicht, worauf mich Feridun Zaimoglu neugierig gemacht hat.

Bezeichnenderweise lese ich im oben verlinkten RP-Bericht das klare Urteil vom misslungenen Roman zum ersten Mal. Die überregionalen Medien waren da sehr viel nachsichtiger. Mir geht es aber gar nicht unbedingt um ein klares Urteil. Mir geht es überhaupt um Debatte, die eben nicht stattgefunden hat. Eine Debatte, in der die literarische Wertung ohne den Blick auf die Ruhrstadtidentität nicht ausgekommen wäre. Denn Zaimoglu hatte ja den Anspruch formuliert einen Roman zu schreiben, in dem er sich einer zentralen Identitätsfrage der Region hatte annehmen wollen. Was wird aus der Arbeiterwirklichkeit dieser Region, aus der das Ruhrgebiet seinen Stolz gezogen hat? Wo findet die gegenwärtige Ruhrstadt Identität, wenn diese Arbeiterwirklichkeit untergeht, an den meisten Orten untergegangen ist?

Der Roman bekam seine Geschichte in den Medien des Ruhrgebiets ohne diese Fragen. Schließlich wird die Region nicht oft zum Thema in Romanen bundesweit renomierter Autoren. Es gab Rezension und reportageartige Berichte über den Aufenthalt Zaimoglus im Ruhrgebiet. Man durfte geschmeichelt sein, weil der Autor nicht mit Lob sparte über diese von ihm als untergehend wahrgenommene Arbeiterwirklichkeit. Ob die Imagebeobachter der Ruhrstadt grimmig die Augen gerollt haben? Was für eine Steilvorlage für eine Debatte zur Ruhrgebietsidentät. Sie wurde verpasst.

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Akzente inoffiziell: Das umstrittene Symbolfoto Heimat – Zeche Zollverein

Eigentlich muss man den Festival-Verantwortlichen der „Akzente Duisburg“ für ihre Entschlussfreudigkeit dankbar sein. Weil „Akzente“-Plakat und -Programmheft mit der Essener Zeche Zollverein als Fotomotiv bebildert sind, wird nun darüber gesprochen, in welchem identitätstiftenden Verhältnis das Ruhrgebiet und Duisburg zueinander stehen. Ein Thema, das in allen Städten der Region interessieren müsste, weil davon ihre Zukunft abhängt; weil dieses Ruhrgebiet sich immer noch zu mehr Gemeinsamkeit der Städte hin entwickeln sollte. Für diesen Weg müssen die Ruhrstadt-Stadtteilbewohner sich ihrer Identität als Ruhrstädter und Ruhrstadt-Stadtteilbewohner gleichermaßen sicher sein. Ein wunderbares Thema für die Akzente 2015 – ob offiziell oder inoffiziell.

Zwei Minuten nur sei die Vorlage für die Werbung zu den diesjährigen „Akzenten“ diskutiert worden. So erzählt Festivalbüro-Leiter Frank Jebavy es den Journalisten, um zu unterstreichen, wie unzweifelhaft die Zeche Zollverein als Motiv auf einem Symbolfoto das „Akzente“-Jahr mit dem Thema „Heimat“ repräsentieren könne. In den sozialen Netzwerken waren allerdings Zweifel schon vor etwas längerer Zeit geäußert worden. Die lokale Presse trat mit einem vorsichtig fragenden Artikel nach einer möglichen „Werbepanne“ in der ersten Veranstaltungswoche auf den Plan.

Kritik an der Wahl des Fotomotivs zusammen mit der dünnhäutigen Reaktion der Festivalverantwortlichen darauf zeigen nun  am Beispiel Duisburg, wie erschütterbar die zwei identitätsstiftenden Perspektiven auf eine Stadt im Ruhrgebiet jeweils sind. Auch für die nachgeschobene Argumentation der Festivalverantwortlichen darf man deshalb dankbar. Natürlich sollte man Frank Jebavy als erstes beruhigen, wenn er fragt, ob die Festivalverantwortlichen, die einzigen seien, die über den Tellerrand blickten. Ich kenne noch ein paar mehr, die das machen. Die haben nur andere Meinungen. Ich zum Beispiel versuche, wann immer es geht, für den Gedanken der Ruhrstadt zu werben. Dennoch würde ich im Jahr 2015 ein Duisburger Kulturfestival niemals mit einem Fotomotiv aus Essen bebildern.

Zeche Zollverein mag inzwischen ein symbolhafter Ort für die „Heimat Ruhrgebiet“ sein, wie Frank Jebavy anmerkt. Dass Zollverein das Lebensgefühl der gesamten Region ausdrückt, möchte ich schon stark bezweifeln. Diese „Heimat Ruhrgebiet“ gibt es neben der genauso intensiv erlebten „Heimat Duisburg“, deren Industrieromantik eigene ausdrucksstarke Bilder für das Leben in Duisburg hervorgebracht hat. Und selbst wenn es in ferner Zukunft einmal so wäre, und die Zeche Zollverein für alle Ruhrstädter das Symbol ihrer Heimat ist wie der Dom für die Kölner, selbst dann wäre die Zeche als Hauptmotiv für ein Kulturfestival des Ruhrstadt-Stadtteils Duisburg die falsche Wahl gewesen. Kein eigenständiges Kulturfestival in einem Kölner Stadtteil bewirbt seine Veranstaltung nur mit dem Dom. Er ist allenfalls Teil einer Collage, in der immer auch klar erkennbare Fotomotive des Stadtteils vorhanden sind.

Ich könnte deshalb auch die Festival-Verantwortlichen zurückfragen, ob es nicht eher proviziell ist, sich seiner Identität nicht vollständig sicher zu sein, knapp daneben zu liegen mit den Bildern seiner selbst. Nicht provinziell sein zu wollen ist, leider Gottes, provinziell. Normalerweise hätte ich das niemals so gesagt, aber zur Verteidigung der Entscheidung sprang der Kulturdezernent der Stadt, Thomas Krützberg, Jebavy argumentativ bei, sie hätten nicht so provinziell denken wollen, die „Akzente“ seien kein auf Duisburg begrenztes Festival. Implizit steckt darin der Gedanke, eine bildhafte Ausrichtung auf Duisburg habe dieses provienzielle Flair. Ich sage dagegen, eine starke Identität braucht eigene Bilder. Erst so entsteht Selbstbewusstsein und erst eine selbstverständliche, stimmige Identität hat die Chance, über die Stadtgrenze hinaus zu wirken. Mehr Gemeinsamkeit im Ruhrgebiet entsteht auch, wenn sich die Bürger einer Stadt dem wahrgenommenen Wert ihrer Stadt sicher sein können.

Der Anspruch des Festivals sei Überregionalität, war ein weiteres Argument für das Essener Fotomotiv. So ein Anspruch darf sicher formuliert werden, gelesen habe ich über das Festival in den letzten Tagen in einem überregionalen Medium allerdings noch nichts. Vielleicht lese ich nicht umfassend genug? Ich glaube aber, viel wichtiger ist ohnehin  die Wahrnehmung der „Akzente“ in Duisburg selbst, vielleicht noch die im westlichen Ruhrgebiet. Denn zweifellos bieten diese „Akzente“ ein wunderbares Programm. Angebote der lokalen Kulturszene mischen sich bestens mit den Gastauftritten von außerhalb. Diese Mischung macht den Wert des Festivals aus und kann das Selbstbewusstsein der Stadt stärken. Meine Eindrücke dieser ersten Akzente-Woche sind zufällig, doch ich habe das Gefühl, das Festival wirkt tatsächlich vielfältig in den Alltag der Stadt hinein.  Das ist gut, das lässt sich weiter erzählen, und so ein Erfolg ist keineswegs provinziell.

 

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Ruhrpott! Ruhrpott! Ruhrpott! – Identität?

Andreas Rossmann schreibt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über das Ruhrgebiet und hat im Herbst 2012 eine Sammlung seiner Reportagen als Buch herausgebracht. „Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr“, heißt es, und mit einem Klick weiter finden sich bei youtube mehrere Clips einer Lesung dieses Buchs.

Mit dem Buch rückte er in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit und wurde vorübergehend zum gefragten Pott-Experten, der in Interviews, hier bei Labkultur, etwa auch zur Identität der Region Stellung nahm. Zwei Dinge brachte er dabei zusammen, die mich ebenfalls umtreiben. Zum einen ist das der Fußball als Teil einer möglichen Ruhrgebietsidentität. Auch für die „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ war das ja mein grundlegender Gedanke, Geschichten zum Fußball auch über Orte außerhalb der eigentliche Sportstätten zu erzählen, Geschichten, mit denen die Bedeutung des Fußballs im Alltag des Potts erfahrbar wird.

Für mich als kölschen Ruhrstädtler oder Pott-Kölner, wie man´s eben nimmt, entspricht salopp gesagt, der Fußball des Ruhrgebiets dem Karneval Kölns. Und daran ändern auch Fanfeindschaften und gern ausgelebter Vereinshass nichts. Wer sich in die Historie des Karnevals begibt, wird in etwas ferneren Zeiten Rivalitäten und Abneigungen zwischen den Traditionscorps finden, die ihm vom Fußball her bekannt vorkommen.

Manchmal ist diese besondere Bedeutung des Fußballs im Pott beim öffentlichen Erzählen auch erkennbar. Dieses öffentliche Erzählen über den Fußball ist allerdings erst selten mit jenem heimatlichen Ton verbunden, wie es ihn in Köln beim Erzählen über Karneval gibt. Dennoch gab es ja die Jahre 1997/98, als auch wir in Duisburg im Zuge der Pokalspielsiege uns von diesem Gemeinschaftsgefühl haben anstecken lassen. An diese Saison erinnerte sich auch Andreas Rossmann:

Einmal beschreiben Sie  anlässlich der „Ruhrpott, Ruhrpott“-Rufe von S04- und BVB-Anhängern 1997  Ansätze eines Wir-Gefühls  leider wieder nur beim Fußball, dem offenbar einzig verbindenden und Massen mobilisierenden Kultur-Ereignis.

Das schien mir damals, vielleicht stellt es sich heutiger Sicht anders dar, fast so etwas wie eine „Urszene“, als S04 und BVB 09 im gleichen Jahr den Europapokal – der Pokalsieger und der Landesmeister – gewannen und „Ruhrpott, Ruhrpott“ zum Schlachtruf wurde. Die Region wurde sichtbar(er), in der „Gazzetta dello sport“ wurde „Lo Schalke“ immer mit einem Pfeil zwischen „Colonia“ und „Amburgo“ verortet. Immerhin ein reales Gefühl und keine Kopfgeburt. Die Frage ist doch: Wie geht das weiter, was folgt daraus?

Die Antwort auf diese Frage wird immer wieder mit dem Überbau Kultur versucht.

Ist Politik möglicherweise falsch organisiert? Wie kann Straßenbau und Klima noch getrennt gedacht werden oder wie Stadtpolitik, Stadtplanung und Kultur?

Dass die Kultur die Identität der Städte ausmacht und in ihre Mitte gehört, ist in der Tat eine Wahrheit, die sich im Ruhrgebiet noch nicht so gründlich durchgesetzt hat wie in Städten mit bürgerlichen oder aus feudalen Strukturen gewachsenen Kunsttraditionen. Andererseits: Es gab im Ruhrgebiet Oberbürgermeister, die die ersten Kulturpolitiker ihrer Städte waren, denken Sie nur an Josef Krings in Duisburg.

Nun versteht es sich von selbst, solch eine Kultur darf nicht nur ein Konsumangebot der Sparte Hochkultur sein. Kultur, die identitätsstiftend wirken soll, muss an der Basis lebendig sein. Von dort her muss  ein Austausch mit den etablierten Kulturformen dieses Stadtraums Ruhrgebiet gelingen.

Mich treibt der Eindruck um, im Ruhrgebiet gibt es eine lebendige, sehr engagierte kulturelle Basis, die aber zu oft unvermittelt neben den subventionierten etablierten Kulturprojekten, das gewollte Mittel zum identitätsstiftenden Zweck, stehen gelassen wird. Es fehlen mir starke Stimmen im Ruhrgebiet, die Kultur auf allen Ebenen zusammengehörig erzählen und in die Öffentlichkeit bringen. Deshalb wirkt es häufig so, dass die Kultur dem Ruhrgebiet nur sinnstiftend übergepropft wird. Als Mittel zum Zweck aber wirkt sie nicht mehr sinnstiftend für die Allgemeinheit.

Im Kleinen, so meine ich, gelingt dieses gemeinsame Erzählen von allen Ebenen der Kultur übrigens in Duisburg-Ruhrort. Wahrscheinlich gibt es andere Orte im Ruhrgebiet, wo so etwas ebenfalls funktioniert. Hinweise sammel ich gerne. In Ruhrort funktioniert es, weil Menschen ihre Vorstellungen vom Stadtteil als lebenswerten Ort durch ein vielfältiges  Kulturangebot auf allen Ebenen erreichen wollen. Das bedeutet gleichzeitig, dass über Kultur nicht nur als Angebots für ein konsumierendes Publikum nachgedacht wird, sondern sie immer wieder in Gesprächen, bei Zusammentreffen als Teil des alltäglichen Daseins erlebbar wird. So fühlen sich Menschen angesprochen über eine engagierte Kulturszene hinaus. Erst dann wird Kultur tatsächlich zum identitätsstiftenden Moment eines Gemeinwesens.

Ob so etwas jemals für das gesamte Ruhrgebiet gelingen kann? Und wozu ist das überhaupt nötig? Ich denke nämlich, die These von Frank Rossmann stimmt nicht, im Ruhrgebiet zerfasere die Identität. Auch der „Rauch“ früher war ja keine übergreifende Institution, die etwas verbunden hat. Und so etwas wie den „Rauch“ als gemeinsame Erfahrung besitzt das Ruhrgebiet weiterhin,  wenn auch als Bezug auf die gemeinsame Geschichte, die nicht einfach vergeht. Man muss sich diesen Begriff Identität also genauer anschauen. Ich habe den Eindruck, es gibt diese Pott-Identität bei allem Beharren auf die „Stadtteil“-Zugehörigkeit besonders in den jüngeren Generationen längst.

Es gibt einen Pott-Stolz, der allerdings kaum als Quelle politischen Handelns wirksam wird und das ist das Entscheidende. Wir müssen gar nicht so sehr um die Identiät der Region ringen. Letztlich geht es weniger um ideelle Fragen als um Institutionen und Strukturen. Die Hemmnisse dazu sind aber nicht nur im Ruhrgebiet zu finden. Auf Landesebene ständen Institutionen vor Machtverlusten, Finanzfragen hängen daran. Die alten Sorgen vor einem zu starken Ruhrgebiet sind weiter groß.  Deshalb gerät die Pott-Identät häufig zur Folklore. Was nichts daran ändert, dass Menschen dieser Region ein Gefühl der Zusammengehörigkeit besitzen – auch wenn das, sobald es ums Geld geht, gerne bezweifelt wird.

Was mir nicht aus dem Kopf geht …

Nie zuvor hatte ich stärker das Bedürfnis, eine Chronologie des Geschehens beim MSV Duisburg während der letzten Jahre zu erstellen. Egal, wie es auch immer mit dem MSV Duisburg weitergeht. Das liegt auch daran, dass nach einem endgültigen Zwangsabstieg des MSV Duisburg mir nur die Wahrheit zu Ruhe verhilft. Nie zuvor habe ich Menschen besser verstanden, die einem Unglück ausgesetzt waren und danach wissen wollten, wie es dazu kam. Natürlich lässt sich der grobe Weg nachvollziehen, aber mir geht einfach nicht die Frage aus dem Kopf, wie es zu dieser Art Zeitdruck hat kommen können. Schon am Tag nach der Jahreshauptversammlung stellte sich für mich die Frage, was hat Roland Kentsch fünf Monate lang gemacht? Liest man ein wenig herum, fällt auf, wie ungerichtet in den wenigen Tagen bis zum Abgabetermin der Bilanzunterlagen in dieser Geschäftsführung gearbeitet wurde. Sowohl Walter Hellmich in seinem Brief als auch Andreas Rüttgers für den Sponsor Schauinsland Reisen im MSVPortal schildern unabhängig voneinander, wie erst Geld nicht gebraucht wird, dann doch und dann wieder nicht. Es ist so bizarr, dass diese beiden Gegenpole im MSV Duisburg ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Für mich liegt es auf der Hand, dass bei so einem hin und her Fehler passieren.

Völlig abgesehen von unterschiedlichen konzeptionellen Ansätzen, es ist so bitter, dass im Grunde sowohl Walter Hellmich als auch Schauinsland Reisen bereit gewesen sind, genügend Geld zur Verfügung zu stellen, um auch diese Klippe der Lizenzierung zu überwinden. Brauchte es etwa die Katastrophe um eine endgültige Lösung der Probleme für den MSV Duisburg überhaupt erst zu ermöglichen? Menschen sind so. Menschen machen einfach weiter mit dem, was sie immer schon getan haben. Erst der Leidensdruck schafft die Bereitschaft, Energie und Kraft aufzubringen, um aus dem Trott auszubrechen. Stand das dahinter?

Momentan hoffe ich nur noch auf ein Wunder. Ich träume von einem genialen Rechtsbeistand, der eine kaum vorhandene Schwachstelle im Lizenzierungsverfahren erkennt und sie zum größten Skandal in der Geschichte der DFL ausbauen kann. Manche Dinge lassen sich unterschiedlich beurteilen. Aber es sei noch einmal darauf hingewiesen: Wie ich es verstehe, so kann eine mögliche Nachlizenzierung alleine durch den Nachweis eines formaljuristischen Fehlers geschehen. Wir reden nicht mehr vom Geld. Wir reden jetzt nur noch von Verfahrensfragen.

Daneben überwältigt nicht nur mich die Anteilnahme am Geschehen rund um den MSV Duisburg. Das hätte ich nicht gedacht, wie viele Sympathien die Zebras in Fußballdeutschland besitzen. Oder dieser Gemeinschaftsgedanke Ruhrpott, der sich in einer Facebook-Gruppe entfaltet. Zu einer anderen Gelegenheit hätte ich vor Begeisterung auf den Tischen getanzt. Da geschieht das, was ich mir von den „111 Fußballorten im Ruhrgebiet“ erhofft hatte. Da geht es um die Identität einer Region und der Fußball ist tatsächlich eine Möglichkeit sich in der Gemeinsamkeit des Ruhrstadtgedankens zu begegnen. Nur eine andere Gelegenheit dazu hätte es schon sein dürfen.

Eine Fan-Choreo und die Kultur in Duisburg

Am Sonntag, vor dem Spiel des MSV Duisburg gegen den VfL Osnabrück,  erinnerte eine aufwändige Fan-Choreo wieder an das kreative Potential, das in der Duisburger Fan-Szene  vorhanden ist.  Wer sich ein Bild vom Geschehen auf der KöPi-Tribüne machen möchte, findet bei der Fotografin Gabriele Petrick  ein Foto neben anderen Fotos vom Spiel.  Es folgt hier außerdem ein Bewegtbild, von der Seite aufgenommen und deshalb nicht ganz klar in den Konturen des Motivs:

Schon einmal stieß  eine Fan-Choreo bei mir Gedanken an über die Menschen in Duisburg und das, was sie sind und können. Es fühlt sich an, als sei das Ewigkeiten her. Dabei war es vor nicht einmal einem Jahr, in der letzten Saison nach dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen, als die originelle Kritik an Walter Hellmich vom Verein aus der Öffentlichkeit herausgehalten wurde, und die Berichterstattung über die Fan-Choreo in den lokalen Medien nur schleppend in Gang kam. Heute stellt der Verein seinen Dank an die Fans auf die eigene Seite, und es scheint im Moment unvorstellbar, dass das Gefühl von Gemeinsamkeit zwischen Fans, Spielern und Verantwortlichen je einmal wieder verschwinden könnte. Selbstverständlich trägt der Erfolg der Mannschaft zu dieser Stimmung in Duisburg erheblich bei, und es bleibt abzuwarten, ob dieses Wir-Gefühl sich auf Dauer festigt.

So ein Engagement von Fans kann über das Stadion hinaus wirken in das öffentliche Bild von der Stadt Duisburg hinein. Es geht dabei um Identität, um das Selbstbild von Menschen und um die Vorstellungen, die sich die Menschen von dem Ort machen, an dem sie leben. Denn es geht bei diesem Engagement von Fans auch um Kultur. Nichts anderes als bodenständige Kultur, als Kultur von unten ist die Gestaltung und Fertigung solch einer großen Choreo. Nun gibt es mit einer Schriftbandaktion bei diesem Spiel noch einen anderen Bogen hin zu einer etwas etablierteren Kultur.  Trainer Baade hat den Banner „We  love djäzz. Kulturstätten erhalten“ auf einem Foto entdeckt, und der Banner war für ihn ein Anlass, sich interessante Gedanken zu machen – über das Publikum des MSV Duisburg, über das Kulturangebot in Duisburg und über die drohende Schließung des djäzz, dem rührigen Veranstaltungsort für unterschiedliche Live-Musik-Angebote.

Die Worte des Trainers sind die eines Fürsprechers der freien Kulturszene. Überall in der Welt gibt es das gespannte Verhältnis einer freien Kulturszene  zu den Kommunen und Institutionen. Im Ruhrgebiet erhält dieses gespannte Verhältnis eine besondere Note, weil das alte Bild der Kulturlosigkeit der Region neu belebt werden kann. Das Selbstbild der einzelnen Stadt steht in einem solchen Moment grundsätzlich auf dem Prüfstand. Auch für Trainer Baade fügt sich die Schließung des Lokals in das Bild einer Stadt, in der Kultur zu wenig Beachtung findet. Von außen betrachtet stelle ich aber eine Entwicklung hin zu mehr Kultur fest. Wenn ich in Duisburg Menschen meines Milieus begegne, gibt es in deren Leben so viel mehr Kultur im weitesten Sinn als Anfang der 80er Jahre in der Generation unserer Eltern – auch innerhalb Duisburgs, was meiner Meinung nach aber gar nicht unbedingt notwendig ist. Dasselbe gilt für unsere Kinder. Soziale Fragen lasse ich dabei für heute außer Acht. Von außen betrachtet spräche ich auch lieber nur von der Region Ruhrgebiet. Damit wird aber auch die Frage einer Ruhrgebiets-Identät berührt.

Paradoxerweise ist ein kritischer Text wie der von Trainer Baade einerseits Zeugnis des Wandels – Kultur wird in der Stadt für bedeutsam gehalten -, andererseits ist er natürlich gleichzeitig Zeugnis für die Zerbrechlichkeit dieses Kulturverständnisses. Hochkultur wird im Ruhrgebiet seit Jahren gefördert, um den Strukturwandel zu begünstigen, und das gerade zu Ende gegangene Jahr der Kulturhauptstadt war auch eine Imagekampagne für den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet. Hochqualifizierte Arbeitskräfte wünschen eben ihrem Status entsprechende Freizeitangebote. Diesen Zweck von Kultur halte ich nicht für verwerflich. Dieser Zweckgedanke Hochkultur alleine verändert nur nicht das öffentliche Bild der Region. Dieses Bild verändert sich erst, wenn die Bewohner dieser Region ihr eigenes Wirken als gemeinschaftliche Kultur begreifen und nicht als vereinzeltes Arbeiten an irgendeinem Projekt. Eine Kultur von unten, wie sie am Sonntag auf den Zuschauerrängen beim MSV Duisburg zu sehen war, ist die Basis jeglicher Hochkultur und solche Kultur von unten habe ich in den letzten Jahren immer wieder wahrgenommen. Das vergeht nicht mehr. Das ist inzwischen auch das Ruhrgebiet.

Nach zehn Tagen Pause fast kein Wort über Fußball

Vor zehn Tagen verabschiedete ich mich in den Urlaub in der Hoffnung, nach der Pause über die abgeschlossene Personalplanung beim MSV Duisburg schreiben zu können. Diesen Faden des Fußballalltags sofort aufzunehmen ist mir nach dem Geschehen am vorletzten Samstag bei der Loveparade unmöglich. Auch wenn ich weiß, dass inzwischen unzählige Worte schon geschrieben sind, und in Duisburg sich sicherlich eine erste Ruhe nach der Katastrophe eingestellt hat, kann ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen in einem Blog, in dem Duisburg auch als Stadt selbst hin und wieder Thema ist.

Nach Katastrophen hilft es den Menschen in unserer durchrationalisierten Gegenwart, die Frage nach Ursachen und Schuld zu stellen. Antworten auf diese Frage suggerieren, wir Menschen haben dieses Leben eigentlich immer im Griff, und es sind immer nur Fehler einzelner, die unsere umfassende Sicherheit im Leben verhindern. Das stimmt natürlich nicht. Wir verdrängen die stets vorhandenen Gefahren in unserem Leben und wenn wir einem Unglück als Vollendung einer Gefahr begegnen, kehren die verdrängten Ängste zurück. Sie verwandeln sich in ungerichtete Aggression und sobald sich jemand als Projektionsfläche für diese Aggression anbietet, wird diese Aggression ausgelebt. Gebt uns einen Sündenbock! Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sei Dank, war der schnell gefunden.

Adolf Sauerland war nach den ersten Nachrichten von der Katastrophe völlig überfordert und hat nicht die Größe besessen, so zu handeln, wie es sich in so einem Moment der Fassungslosigkeit und wortlos machenden Entsetzens geziemt. Ungeachtet seiner ebenfalls vorhandenen politischen Verantwortung hat er mit dem Verweis auf die Schuld der Opfer an der Katastrophe jegliche Integrität verspielt, um weiterhin Oberbürgermeister der Stadt Duisburg sein zu können. Ärgerlich ist allerdings die Berichterstattung über seine Person. Sie diente zeitweilig allein der Sensationslust eines vom Schrecken faszierten Publikums. Im Gelsenkirchen Blog gibt es dazu einen Text, der für mich das Thema „Ursache, Schuld und Verantwortung“ klug beleuchtet.

Darüber hinaus sind so viele der von den Medien zu Duisburg erzählten Geschichten an der Wirklichkeit vorbei konstruiert, indem die Motivlage um die Loveparade sehr vereinfacht wird. Ich denke, ohne Kulturhauptstadt Ruhr.2010 hätte es die Loveparade in Duisburg nicht gegeben. Fritz Pleitgen bekennt sich zu einer moralischen Schuld, weil die Loveparade in das Programm der Kulturhauptstadt hatte integriert werden sollen. Weitaus mehr in der Verantwortung sehe ich Dieter Gorny mit seinen in den Zeitungen des WAZ-Konzerns strategisch verbreiteten, drängenden Worten, als der Widerstand in Duisburg gegen die Durchführung der Loveparade noch groß war. Er befürchtete eine „Blamage“ für das gesamte Ruhrgebiet, wenn die Loveparade ausfiele. Dagegen gab es in Duisburg selbst keineswegs durchweg die Hoffnung auf einen bleibenden Imagegewinn, wie es als Motivation für die Durchführung so oft hieß. Es gab Stimmen – auch auf Verwaltungsebene und in der Politik- die allenfalls den Wert des punktuellen Ereignisses sahen.

Aber Wahrheit ist nur ein Kriterium für die Berichterstattung von Medien über das Geschehen in Duisburg. Ein anderes Kriterium ist schnelle Verständlichkeit und der eingeräumte Platz für die Berichterstattung – egal in welcher medialen Verbreitungsform. Da wird sich dann auf Duisburg konzentriert. Alte Bilder der Lebenswelt im Ruhrgebiet werden zur Illustration der Berichterstattung genommen und komplexe Prozesse des städtischen Wandels werden auf den einzigen Begriff des Imagegewinns gebracht.

In meinen Augen ist die Katastrophe selbst und die anschließende Berichterstattung über Duisburg ein einziger Beweis dafür, dass die Städte im Ruhrgebiet zusammenrücken müssen. Sollte die Umsiedlung der Loveparade nicht ein Ruhrgebietsprojekt sein? Hieß es nicht so, als an Stelle von Berlin ein neuer Veranstaltungsort gesucht wurde? Hier gibt es einen eindeutigen Beweis für den strukturellen Unterschied zwischen den Möglichkeiten der Ruhrmetropole oder wie auch immer man das nennen soll und den einzelnen Städten. Wer das Ruhrgebiet im Mund führt, muss auch  Organisationsstrukturen schaffen, die dem entsprechen. Das Still-Leben Ruhrschnellweg war auch deshalb ein so großer Erfolg, weil das Ruhrgebiet als Ganzes gemeint war, und es nicht nur beim Lippenbekenntnis zur Einheit der Städtelandschaft blieb.

Wenn nun Trostlosigkeit als Klischee zur Beschreibung Duisburgs eine zeitlang wieder populär sein wird, liegt das an dem sinngebenden Erzählmuster für das Geschehen. Das Klischee zur Loveparade heißt jugendliche Lebensfreude. So lässt sich mit dem Gegensatzpaar eine Geschichte der Selbstüberschätzung erzählen. Diese Trostlosigkeit wird durch die Dramaturgie dieser populären Erzählung verlangt. Natürlich ist die Wirklichkeit umfassender.

Viele Duisburger fühlen ihre Stadt nicht angemessen beschrieben. Und wer sich in Duisburg mit den Funktionsweisen von Kommunikation in medialen Zusammenhängen auskennt, will, wie hier beim Hafenmeister, die eigenen professionellen Möglichkeiten nutzen, diesem öffentlichen Bild Duisburgs in den letzten Tagen etwas entgegenzusetzen. Es soll im Netz Raum geschaffen werden, das Geschehen zu verarbeiten. Skeptisch bin ich allerdings bei dem dort erkennbaren, verständlichen Wunsch, gegenüber den düsteren Bildern von Duisburg eine Öffentlichkeit auch für die andere Lebenswirklichkeit der Stadt zu schaffen. Ohne Anschluss an den Ruhrgebietsgedanken halte ich das Anliegen für einen Kampf gegen Windmühlenflügel. Hätte das gesamte Ruhrgebiet hinter der Loveparade gestanden, wäre die Geschichte vom vergeblichen Versuch, die Trostlosigkeit zu überwinden, schon nicht mehr so einfach zu erzählen gewesen. Mich wird das Spannungsverhältnis zwischen Stadtidentität und Ruhrgebiet weiter beschäftigen. An anderer Stelle.

Irgendwann kehren die Gedanken dann wieder in den Alltag zurück. Beim MSV Duisburg etwa sind die Personalplanungen doch noch nicht abgeschlossen. Auf den Mittelfeldspieler warten wir noch. Stefan Maierhofer lässt mich derweil manchmal an hohe und weite Pässe denken, auch wenn ich von Kennern seiner Spielweise zu lesen bekam, dass er eher ein spielerisch gutes Team braucht, um wirkungsvoll zu sein. Damit kann doch nur ein kontrollierter Ballvortrag gemeint sein? Nur noch eine Woche bis zum ersten Pflichtspiel, und in so vielen Vereinen fehlen noch die gewünschten Spieler für die kommende Spielzeit. Früher war das anders. Ich glaube, das habe ich neulich schon mal geschrieben. Auch dazu an anderer Stelle mehr.

Ihr seid das Ruhrgebiet

Frauenfußball, so kommt es mir heute morgen vor, ist bestens dazu geeignet als Beispiel dafür zu dienen, dass es beim Sport nie (!) immer nur um den Sport geht. Es geht immer auch um vieles andere mehr. Manchmal soll der Sport als Großereignis dazu dienen, Missstände einer Gesellschaft zu verdecken. Manchmal fokussieren sich in ihm aber auch soziale Entwicklungen und kann der Sport dazu beitragen, etwas voranzubringen, was auch in anderen Bereichen der Gesellschaft gewünscht wird.

Die Fußballerinnen des FCR 2001 Duisburg wollen für ihre Heimspiele in der Champions League  in die Nachbarstadt Oberhausen ausweichen. Die Betriebskosten der MSV-Arena sind ihnen angesichts vager Einnahmen zu hoch, ein kleineres Stadion, tauglich für die Abendspiele der Champions-League, steht in Duisburg nicht zur Verfügung. Das Niederrheinstadion als Heimat von Rot-Weiß-Oberhausen bot sich daher als Spielort an. In Duisburg wird nun sehr bedauert, dass ein Duisburg repräsentierender, erfolgreicher Verein die Stadt für wichtige Spiele verlässt. Das kann ich verstehen und wohnte ich noch in Duisburg, fehlte mir vielleicht jene Perspektive, die ich als zukunftsweisend empfinde und die man in Duisburg und Oberhausen probeweise einmal einnehmen könnte.

Das Bedauern in Duisburg speist sich ja nicht nur aus der Klage über die unzureichende Beachtung der Fußballerinnen sondern auch aus dem Gefühl, in einer Art Wettbewerb, dem Konkurrenten unnötigerweise einen Vorteil gewährt zu haben.  Wir wissen, städtische Identitäten im Ruhrgebiet sind trotz allen öffentlichen Redens um eine Einheit des Ruhrgebiets sehr lebendig. Für mich bietet nun gerade die Stadionsuche des FCR 2001 Duisburg die Gelegenheit, bei einem alltäglichen Geschehen die Perspektive der Einheit einmal einzunehmen. Probiert aus, wie sich das anfühlt, die Nachbarstadt nicht als Konkurrenten sondern als Partner wahrzunehmen.

Selbstverständlich wandelt sich so etwas wie städtische Identität nur über eine langen Zeitraum hinweg, und die Eliten der Ruhrgebietsstädte gehen da nicht immer mit gutem Beispiel voran, um die als positiv gewertete Idee einer stärkeren Einheit des Ruhrgebiets voranzubringen. Um so wirkungsvoller kann der Perspektivwechsel bei einem so bodenständigen Thema wie dem Sport sein. Sicher müssten beide Städte, das heißt ihre Bewohner, in ihrem Selbstbild etwas aufgegeben. Weil man gewohnte Dinge nun mal nicht gerne aufgibt, müsste gesagt werden, was man stattdessen erhält. Aus meiner Sicht wird in den Städten Handlungsspielraum hinzugewonnen. Und da geht es letztlich um Geld, um die möglichen städtischen Angebote und damit um die Lebensqualität der Bewohner des Ruhrgebiets.

Unabhängig von den genauen Umständen, warum es die Flutlichtanlage im Homberger Stadion noch nicht gibt, stellt sich mir mit dem Kölner Abstand die Frage, muss diese Flutlichtanlage wirklich notwendig sein. Es liegt auf der Hand, dass eine Antwort dann anders ausfällt, wenn die Zusammenarbeit von Duisburg und Oberhausen eine Selbstverständlichkeit wäre. Was gewinnt Duisburg aber hinzu, wenn der Ruhm der Fußballerinnen nach Oberhausen für einzelne Abende abgegeben wird? Eine Flutlichtanlage kostet Geld, und wenn ich die lokalen Gegebenheiten in Duisburg beobachte, kommt es mir so vor, als sei dieses Geld etwa viel besser im geplanten Neubau für Stadtbibliothek und VHS angelegt. Man mag einwenden, da gibt es noch ganz andere unsinnige Projekte in der Stadt. Mir geht es aber nicht um den Wert einzelner Projekte, sondern darum anhand eines Beispiels zu zeigen, warum eine andere Haltung zur Identitätsfrage im Ruhrgebiet ganz konkrete, für die Bewohner der Region  positive Folgen haben kann.

Brauchtumspflege mit zwei Identitäten

Der Spielplan dieser Saison zwingt mich nach langen Jahren mit einer unproblematischen Doppelidentität als ruhrpottstämmiger Kölner oder wie es in Köln korrekt heißt als Imi,  zu einer schmerzlichen Entscheidung. Vorausschauende Leser, die mit dem Kölner Brauchtum vertraut sind, werden vielleicht ahnen, worum es sich handelt. Am Karnevalssonntag wird das Heimspiel des Vereins aller Vereine gegen 1860 München um 14:00 Uhr angepfiffen, zur selben Zeit geht es in meinem Veedel vor dem Haus von Freunden um das Brauchtum, das hier in Köln vor allem Fastelovend oder auch Fasteleer heißt, was  anderswo nur unzureichend mit Karneval übersetzt wird. D´r  Zoch kütt, heißt es dann nämlich. Nichtkölnern sei erklärt, dabei handelt es sich nicht um die auch überregional bekannten Schull un Veedelszöch, die fast denselben Zugweg nehmen wie der Rosenmontagszug und die so heißen, weil sie aus Schul- und Veedelsgruppen bestehen.

Der Kölner ist aber im Veedel zu Hause und möchte auch dort seinen „Zoch“. Was allerdings auch immer schwierig zu bewerkstelligen ist, überhaupt nicht fernsehgerecht wirkt und deshalb allemal zu unterstützen ist. Nirgendwo sonst geht es in Köln mehr um Volkskultur, die im Alltag lebendig ist, wie bei diesen kurzen Veedelszügen. Um diese Volkskultur  geht es bei einem Sonntagnachmittag im Stadion in gewisser Weise natürlich auch, aber am kommenden Karnevalssonntag lasse ich dem Kölner in mir den Vortritt – auch wenn ich jetzt schon weiß, dass dann hin und wieder sich die Duisburger Seele kurz melancholisch bemerkbar macht. Da ärger ich mich doch gerade wieder über den Abstieg. Denn mit einem möglichen Spieltermin am Samstag hätte ich einmal mehr Spass an d´r Freud mit beiden Identitäten gehabt. Und nun wird eben kein Tor bejubelt – Peters Zufriedenheit mal in die Zukunft fortgeschrieben. Nun wird etwa eine Stunde Strüsje und Kamelle gefangen, das Fässchen Kölsch wird geleert und den Trömmelchen wird zujehört, denn mer stonn dann all parat.

Ich weiß, die Duisburger Freunde können sich so etwas nur schwer vorstellen und daran merke ich, wie lange ich schon in Köln lebe. Doch dieser Karneval im Veedel, weit ab von den Massen der Innenstadt, dieser Karneval macht Spaß. Und sollte es einmal für den MSV am Karnevalssonntag um richtig was gehen, dann werde ich sicher auch der anderen Identität wieder den Vortritt lassen. Denn das ist das Schöne, wenn man in zwei Kulturen zu Hause ist, man hat immer die Wahl und sucht sich das Schönste raus.  In zwei? Kulturen? Zu Hause? Müsste eigentlich aus anderen Zusammenhängen bekannt vorkommen. Funktioniert ganz gut. Wird ja immer mal wieder gerne bezweifelt, wenn es nicht um Städte sondern um Nationen geht.


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