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Ins Stadion trotz Mallorca-Kanone

Gestern hat der MSV im Testspiel gegen Norwich City 2:0 verloren. Egal ob Sieg oder Niederlage, um Testspielergebnisse mache ich mir nie viele Gedanken, zumal Gerrit Nauber schon Mitte der ersten Halbzeit eine rote Karte erhielt. Die Aufregung um diese Karte galt wohl weniger der Frage, ob sie berechtigt war oder nicht. Vielmehr sah Ilia Gruev die normalen Verhältnisse eines Fußballspiels bedroht. Verständlich. Man testet den Ausnahmefall „Spiel mit zehn Mann“ doch erst, wenn man genügend lange das Spiel zu elft geprobt hat. Für die sportlich Beteiligten wäre der Verbleib eines elften Spielers der Zebras von höherer Aussagekraft gewesen. Der Trainer von Norwich City wollte sich sogar auf das Gentlemen’s Agreement Auswechseln des zu Bestrafenden einlassen. Aber ein Schiedsrichter bleibt Verfechter des Regelwerks zu jeder Zeit.

Den MSV der neuen Saison werde ich zum ersten Mal am Sonntag beim Cup der Traditionen sehen. Allerdings bin ich gestern beim erneuten Blick in alte Zeitungen zusammengezuckt, als ich Randnotizen überflog. Noch ganz entspannt las ich, dass nach seinem Chelsea-Leben John Terry endlich Duisburg kennenlernen kann, weil er mit Aston Villa mal ganz andere europäische Ziele anreist. Direkt darunter aber musste ich für den Sonntag die Worte „Mallorca-Kanone“ und Rahmenprogramm lesen. Das Stadion des MSV ist also tatsächlich die heimliche Großarena der Geschmacksverirrung. Oder habe ich ein Mickie-Krause-Trauma, das mir die Saison-Dauerbeschallung mit der als gute Laune getarnten Zwangs-Enthemmung vorgaukelt. „Lorenz Büffel will für Frohsinn sorgen.“ Leute, vergesst die Auswärtsfahrten in die entlegensten Dörfer der Republik als den Beweis für eure Treue zum Verein.  Ich komme trotz dieser Ankündigung am Sonntag ins Stadion. Das ist die wahre Treue. Sie alleine zählt. Lorenz Büffel. Frohsinn.

Der erste Spieltag ist nicht mehr ganz fern. Die Saisonvorbereitung bei den Kollegen schreitet fort. Der Blog Calcio Culinaria Kiel begleitet Holstein Kiel auf seinen fußballerischen Wegen und wollte den Kieler Lesern die Social-Media-Welt der Zweiten Liga vorstellen. So erreichten mich Fragen aus Kiel, die samt Antworten nunmehr online stehen.

Brust raus. Kopf hoch. Bauch rein?

Die Saisonvorbereitung für den Klassenerhalt hat letzten Donnerstag begonnen, und eines ist jetzt schon deutlich erkennbar. Die Zweite Liga sieht in dieser Saison einen MSV Duisburg, der mit einem anderen Selbstverständnis in die Saison startet als vor zwei Jahren. Das ist ein guter Grund, um dieser Saison mit Zuversicht entgegen zu sehen. Der Kopf ist tatsächlich hochgereckt und die Brust rausgestreckt. Den Bauch müssen allenfalls wir auf den Rängen dabei einziehen, um eine gute Figur zu machen.

Vor zwei Jahren war das anders. Den Aufstieg des MSV Duisburg bestimmten 2015 noch immer die Nachwirkungen des Zwangsabstiegs. Ich spreche von atmosphärischen Auswirkungen. Der Verein, wir und die Mannschaft waren sich ihrer selbst nie ganz sicher. Der Aufstieg gelang durch eine immer mächtiger werdende, sich selbst nährende Erfolgsserie. Der Aufstieg war nicht das Ergebnis eines im Detail umgesetzen Plans.

Ungeachtet dessen fühlte sich die Zweite Liga nach der Klasse an, der der MSV mindestens angehören sollte. Gleichzeitig lagen zwei Jahre hinter uns, in denen die Verantwortlichen im Verein immer wieder von den Schwierigkeiten der Gegenwart, ob finanziell oder sportlich in Anspruch genommen waren. Die täglichen Anforderungen in der Dritten Liga hatten viel Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, Aufmerksamkeit, die dem Blick auf die Zukunft verloren ging. Die Zweite Liga schien auf gewisse Weise trotz nur kurzer Abwesenheit Neuland gewesen zu sein. Vor dem Aufstieg in diesem Jahr hatte es mehr Ruhe gegeben, auch wenn die spielerische Leistung der Mannschaft vielen, mich eingeschlossen, nicht immer gefiel. Dennoch war die Zweite Liga die ganze Saison über stets als Bild der Zukunft vorhanden. Der MSV Duisburg kehrt in die Zweite Liga mit größerer Selbstverständlichkeit zurück als vor zwei Jahren.

Wenn Ilia Gruev sagt, wir müssten die Euphorie des Aufstiegs mitnehmen in die neue Saison, klingt das für mich nicht nach unbedingt notwendigem Hilfsmittel, um den Klassenerhalt zu schaffen. Das klingt nicht nach beliebiger Fußball-Floskel, sondern nach realistischem Bezug zur Gegenwart des MSV. Für mich zeigt sich in seinen Worten, dass der MSV gerade sehr mit sich selbst im Einklang ist und wir darauf vertrauen können, dass Verantwortliche und Mannschaft sich wie in der letzten Saison ihrer selbst und ihrer Fähigkeiten sicher sind.

Das ist der Unterschied zum Aufstieg von vor zwei Jahren. Damals wussten die Menschen im Verein und wir drumherum nicht so recht, wer der MSV in dieser Zweiten Liga nun war. Das wussten wir alle nicht, obwohl uns allen klar war, dass die Mannschaft gegen den Abstieg spielen würde. Dieses Nicht-Wissen erschwerte die Konzentration auf die eigentliche Aufgabe, den Sport. Heute wissen die Verantwortlichen im Verein und wir besser, wo der MSV Duisburg im Moment steht. Und deshalb wird es hoffentlich etwas leichter, sich auf den Sport zu konzentrieren. Die Ausgangslage sieht auf den ersten Blick genauso aus wie vor zwei Jahren. Doch die Rahmenbedingungen sind besser. Über die fußballerischen Möglichkeiten der Mannschaft wird dann auch noch zu sprechen sein.

Und noch eins, ihr könnt es ruhig zugeben. Sagt mir nicht, dass ihr nicht auch schon einmal dran gedacht habt nach der Pokalauslosung. Ein Pokalspiel gegen den 1. FC Nürnberg zu Beginn der Saison. Da gab es doch am Ende der Saison dann etwas, was uns sehr gefiel. Es muss ja nicht gleich noch einmal ein Aufstieg sein.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

Wenigstens war gestern noch ein zweites Spiel

An das Champions-League-Vorbild Barcelona habe ich in der 65. Minute nicht gedacht. Der MSV lag gegen Holstein Kiel 2:0 zurück. In einem Kölner Döner-Imbiss saß ich und sah den Livestream auf einem kleinen Smartphone-Bildschirm. Ich steckte das Smartphone weg, zahlte und ging rüber auf die andere Straßenseite zur Turnhalle des Deutzer Gymnasiums Schauertestraße. Das vorletzte Heimspiel meiner Basketballmannschaft hatte schon begonnen. Ein Kreisligabasketballspiel von älteren Herren versprach bessere Laune als dieses Starren auf den Bildschirm in der vergeblichen Hoffnung auf ein Tor des MSV.

Das Bemühen können wir der Mannschaft nicht absprechen. Der Ball lief nach dem 1:0-Rückstand passabel in den eigenen Reihen, nur erarbeiteten sich die Zebras dadurch kaum Torchancen. So stand Ilia Gruev nach dem Spiel vor der Aufgabe, das ertraglose Bemühen seiner Mannschaft bewerten zu müssen, ohne die eine Wahrheit auszusprechen. Denn nun geht es auch um die Stimmung in der Mannschaft, um Selbstbewusstsein. Vier Spiele ohne Sieg und Tore, zwei Niederlagen nacheinander. Wenn Spieler darüber zu lange nachdenken, kann das Grundvertrauen in die eigenen Stärken schnell irritiert sein.

Die eine von Ilia Gruev unbeachtet gelassene Wahrheit des Spiels kennen wir die ganze Saison. Der MSV bekommt in einem Spiel nicht viele Chancen ein Tor zu erzielen. So kann Ilia Gruev nur mit Recht von einem guten Spiel seiner Mannschaft sprechen, wenn er die Torausbeute außen vor lässt. Das ist natürlich ein Problem, weil es in diesem Fußball um Tore geht. Ob die Stellschraube für die Torgefahr nun die Fähigkeiten der Stürmer sind oder etwas komplexer gedacht die Spielanlage, lasse ich erstmal dahin gestellt, irgendwie müssen diese fehlenden Tore aber erklärt werden. Gruev bemüht das fehlende Glück. So ein Schicksal hält die Stimmung aufrecht. Ich hoffe sehr auf die bewusst gesetzte öffentliche Wertung im klaren Blick auf das, was weiter zu verbessern ist und was weder Spieler noch Trainer dem Schicksal überlassen sollten.

Als Basketballer habe ich gestern übrigens auch verloren, aber wir wollen auch nicht aufsteigen. Wir spielen ein Spiel, bei dem wir immer gewinnen, spätestens beim Bier danach. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses andere Spiel als Ausgleich für meine Enttäuschung mit den Zebras in dieser Saison noch einmal brauche. Vielleicht führte genau diese meine vermeintliche Sicherheit zur Niederlage? Ich hätte nach dem Spiel gegen Wiesbaden den Mund nicht so voll nehmen sollen. Um den Angstgegner Wiesbaden brauchen wir uns keine Gedanken machen, schrieb ich gestern. Der MSV steige ohnehin auf. Ein wenig Demut, Herr Jaratz, hat Herr Koss noch gerufen. Da war es schon zu spät. Ich gelobe Besserung. Nichts ist sicher in dieser Welt. Nicht einmal der Aufstieg des MSV Duisburg.

Stillstand wäre so schlecht in Wiesbaden nicht gewesen

Daraus lässt sich etwas lernen. Das ging mir nicht nach der 3:0-Auswärtsniederlage des MSV Duisburg gegen den SV Wehen Wiesbaden durch den Kopf. Das dachte ich schon Freitagmorgen, als ich Ilia Gruev im Vorbericht zu diesem Spiel hörte. Er wollte die Stimmung in der Mannschaft beschreiben. Dazu berichtete er, dass Nico Klotz eines der zentralen Motivationsrezepte unserer Leistungsgesellschaft ins Mannschaftsgespräch gebracht hatte. Keine Bühnenshow der Gurus der Motivationsbranche ohne diese Worte, kein Lebenshilferatgeber á la Lebe deinen Traum verzichtet auf diesen scheinlogischen Zusammenhang, für den Nico Klotz einen Dreisprung des Syllogismus noch zuspitzte: Zufriedenheit ist Stillstand. Stillstand ist Rückschritt. Zufriedenheit ist dann was? Auf jeden Fall schlecht. Denn folgen wir der Logik, heißt Zufriedenheit Rückschritt. Wo der Denkfehler steckt, schauen wir uns später an.

2016_svww_msv_4In Wiesbaden hätte ich nämlich gerne nach dem Schlusspfiff etwas weniger Rückschritt und etwas mehr Zufriedenheit gesehen. Ein Punkt wäre dann im Gepäck gewesen. Jemand, der nur die erste halbe Stunde vom Spiel mitbekommen hat, wird bei dem Ergebnis von 0:3 den Kopf schütteln. Wie konnte das geschehen, nachdem der MSV Duisburg in gewohnt souveräner Weise das Spiel begonnen hatte? Die Mannschaft hatte mehr Spielanteile, kombinierte sicher und konnte die wenigen Nadelstich-Versuche der Wiesbadener jeweils unschädlich machen. Die Wiesbadener versuchten mit Härte und viel Einsatz, den Zebras den Schneid abzukaufen. Lange Bälle waren vergebliche Versuche, sich in der Offensive zu behaupten. Da die Wiesbadener so zurückgezogen und sehr konzentriert in der Defensive arbeiteten, blieb dem MSV nicht viel Raum, um in den Strafraum zu gelangen. Und schon ziehe ich die Schublade Chancenverwertung hervor. Dieses Wort wird uns weiter begleiten, ob nun viele Chancen zu wenig Toren führen, oder wenig Chancen zu keinem Tor.

Wenn eine gut aufgestellte Defensive wenig Chancen zulässt, muss ein frei gespielter Tugrut Erat aus halbrechter Position im Strafraum den gegnerischen Torwart zumindest zu einer Glanzleistung zwingen, damit er und wir zufrieden sein können. Zugegeben, er hatte nur wenig Zeit zu diesem völlig freien Schuss, um den Ball in eine der Ecken zu zirkeln. Für ihn nicht genügend, er schoss zwar kräftig, aber zentral auf das Tor, wo normalerweise ein Mann steht, der solche Schüsse dann problemlos aufnehmen kann.

2016_svww_msv_1Da der Raum um den Strafraum herum von den Wiesbadenern erfolgreich abgedeckt war, wurde das bevorzugte Mittel der Zebra-Offensive in diesem Spiel die Flanke. Doch auch diese Flanken wurden gut verteidigt. Der MSV brauchte also Geduld und durfte keine Fehler machen. Kevin Wolze aber verschätzte sich bei einer Flanke in den Strafraum. Sein Gegenspieler hinter ihm stoppte den Ball. Seine Chance aufs Tor war groß. Wolze stocherte nach und traf den Stürmer statt den Ball. Aus dem fälligen Elfmeter wurde das Tor zur Wiesbadener Führung.

Zum ersten Mal in dieser Saison spielte die Mannschaft nach einem Gegentreffer nicht ungerührt weiter. Das Tor führte zu Verunsicherung und zum Bruch im Spiel des MSV. Beide Mannschaften waren nun gleichwertig. Beide Mannschaften hatten noch jeweils eine Chance auf ein Tor, beide Male eine gute Gelegenheit für die beiden Torhüter, sich auszuzeichnen.

Nach der Halbzeitpause schien diese Viertelstunde vergessen zu sein. Der MSV trat wieder sicher auf und versuchte sich am Ausgleich. Geduld war wieder gefragt und das Vermeiden von Fehlern. Vor einem Eckstoß von Wehen Wiesbaden aber bahnte sich schon bei der Aufstellung der MSV-Defensive dieser Fehler an. Ein Wiesbadener Spieler im Rückraum wurde vollkommen frei gelassen. Ein zweiter Ball war dessen sichere Beute. Was zu befürchten war, geschah. Der Eckball konnte nur kurz geklärt werden. Sofort erfolgte der nächste Angriff mit einem weiteren Fehler. Die Flanke wurde zu kurz abgewehrt und erneut war der zweite Ball einer der Wiesbadener. Es  folgte Zug zum Tor, Abspiel und die 2:0-Führung.

Noch blieben 27 Minuten für Tore des MSV. Doch dazu wären klare Gelegenheiten nötig gewesen. Flanken führten nicht zum Ziel, und hatte sich die Mannschaft einmal in Strafraumnähe durchgespielt, stand dieser Strafraum voller Beine, so dass nur bei großem Glück ein Schuss die Richtung zum Tor hätte nehmen können. Das war nicht der Fall. Es war absehbar, an diesem Tag waren die Anstrengugen des MSV fruchtlos. Im Gegenteil, bei der entblößten Defensive konnten die Wiesbadener kurz vor dem Schlusspfiff einen Konter mit dem dritten Tor abschließen. Selbst auf den Ehrentreffer hoffte ich nicht mehr.

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel dankte Ilia Gruev für die besondere Unterstützung der Fans. Tatsächlich war der Support in diesem Spiel sehr eindrucksvoll. Die Mannschaft hat sich einen Kredit erspielt. Das wurde deutlich. Die Stimmhoheit in der Wiesbadener Arena war auf Seiten des MSV. Wenn am Dienstag den Worten der Spieler zum Spiel gegen Kiel Taten folgen, wird diese Unterstützung weiter vorhanden sein. Auch unter den Anhängern des MSV  hat sich etwas Besonderes entwickelt, Stichwort: „Du bist es schon immer gewesen.“ Sollte die Stimmung einmal mit entscheiden in dieser Saison, bin ich sicher, wir auf den Rängen sind bereit.

Und die Klotzsche Logik? Die erinnert daran, dass nicht alles, was sich logisch anhört, auch wahr ist. Ob Zufriedenheit nicht auch etwas anderes als Stillstand bedeuten kann, ist nicht ausgemacht; ganz zu schweigen davon, ob Stillstand nicht tatsächlich nichts anderes bedeutet als auf der Stelle zu bleiben. Was ja auch mal nötig ist, um in Ruhe zu schauen, was gerade geschieht. Vielleicht kommt die Bewegung rückwärts ganz woanders her. Also, aufgepasst bei Wirklichkeitsbeschreibungen, die sich logisch geben, wenn es um Einstellungen und Gefühle geht. Das gilt nicht nur für den Fußball.

Fußball ist doch auch nur eine andere Form Tennis

Sportbegeistert wie ich durchs Leben gehe, habe ich ja schon die ein und andere sportliche Mode in Deutschland mitgemacht. Als nach dem ersten Wimbledon-Sieg von Boris Becker 1985 das Tennis neben dem Fußball zum bedeutendsten TV-Sport wurde, staunte ich immer wieder, wie fokussiert Tennisspieler – ich meine Frauen wie Männer – auf jeden einzelnen möglichen Punktgewinn sind.

Egal, wie hoch der Gegner in einem Satz führt, die Kunst der Besten bestand immer darin, diese hohe Führung im eigenen Kopf zum Verschwinden zu bringen. Ich sah zu und staunte, wie sie selbst bei hohem Rückstand im Satz sich auf diesen einen Aufschlag und den folgenden Ballwechsel konzentrierten. Als Zuschauer wusste ich, der nächste Fehler bringt sie der Niederlag so nahe, dass jeder neue Ballwechsel in meinen Augen auch gleich abgeschenkt hätte werden können. Nichts dergleichen geschah.

Oft genug sah ich dann zu, wie es Spielern gelang, diesen einen Ballwechsel noch zu gewinnen. Dann folgte ein weiterer Punktgewinn und schließlich war der eigene Aufschlag durchgebracht. Der Aufschlag wechselte, und weiter wurde Ballwechsel um Ballwechsel der Rückstand vermindert.

Diese Fähigkeit im Moment zu bleiben und sich von der Gesamtsituation zu lösen ist das, was die Spieler vom MSV Duisburg morgen brauchen. Im Grunde ist der Fußball morgen nur eine andere Form Tennis. In jeder Spielsituation geht es um deren erfolgreiches Bestehen als Einzelaktion. Bei jedem Angriff geht es nur darum ein Tor zu erzielen. Bei jeder Defensivaktion gilt es diesen einzelnen Ball zu erobern. Mehr nicht. Das müssen die Spieler im Kopf haben. Der Rest ergibt sich von alleine. Hoffentlich kennt Ilia Gruev   professionelle Tennisspieler, mit denen er sich schon mal ausgetauscht hat.

Wir Zuschauer im Stadion werden unseren Teil ebenfalls beitragen müssen. Wir dürfen den Trainer der Würzburger Kickers, Bernd Hollerbach, und seine Spieler auch nicht enttäsuchen. Bernd Hollerbach erwartet die „Hölle“ für seine Mannschaft. Wir müssen also die Zebras sehr laut unterstützen. Nicht nur die Nord, das ganz Stadion. Wie schon geschrieben, gegen Leipzig hat das schon einmal sehr gut geklappt. Das wiederholen wir einfach, nur sehr viel länger und von Anpfiff an.

Der Zebra-Lottoschein war nicht mal ausgefüllt

Meine winzige Resthoffnung auf den Klassenerhalt des MSV hatte ich vor dem Spiel gegen den Karlsruher SC mit einer okkulten Beschwörung zu stärken versucht. Irgendwie sollte mein ganz persönliches Glück bei diesem Spiel als Vorbild für das Glück der Mannschaft wirken. Inzwischen erinnert mich das an einen alten Witz.

Ein sehr gläubiger Mann hatte große finanzielle Probleme und betete zu Gott: „Lieber Gott, bitte, lass mich im Lotto gewinnen.“
Die nächste Ziehung folgte, kein Gewinn. Das Auto wurde gepfändet.
Vor dem Wochenende betete er wieder: „Herr, bitte, lass mich im Lotto gewinnen.“
Ziehung, kein Gewinn. Die nächste Pfändung stand an. Eine Räumungsklage für die Wohnung flatterte ins Haus.
Verzweifelt betete der Mann wieder: „Lieber Gott, warum hast Du mich verlassen? Ich habe fast alles verloren. Für meine Familie kann ich nichts mehr zu essen kaufen. Ich war immer ein guter Christ. Habe ich schon ein einziges Mal um Hilfe gebetet? Bitte, lass mich nur dieses eine Mal im Lotto gewinnen. Dann sind wir gerettet.“
Plötzlich erfüllte eine donnernde Stimme den Raum: „Mein Sohn, verschaffe mir Gelegenheit. Gib endlich einen dieser Lottoscheine auch mal ab.“

Der Lottoschein des MSV Duisburg war die Leistung der Mannschaft. Mein persönliches Glück hatte gar keine Chance als Vorbild zu wirken. So ein Glück muss eine Mannschaft auch wahrscheinlich machen. Davon war sie weit entfernt. Die Mannschaft hat 1:0 verloren. Dieses eine Tor des KSC fiel in der ersten Minute beim ersten gegnerischen Angriff. Danach waren die Zebras am Boden. Wer ganz feine Offensivkraft-Wahrnehmungssensoren besitzt, konnte Mitte der zweiten Halbzeit einzelne Milli-µ Druck verzeichnen. Wir anderen resignierten. Ich dachte irgendwann, hoffentlich ist das bald hier zu Ende – nicht ohne jeden hohen Ball in den Strafraum zum Mittel gegen die eigene Resignation zu nehmen; nicht ohne jedem hohen Ball in den Strafraum mein Glück hinterher zu schicken. Genutzt hat es nichts.

Es ist müßig, über einzelne Spieler zu sprechen. Die Mannschaft hat in der ersten Halbzeit keinen Zugriff auf das Spiel gefunden und brauchte auch in der zweiten Halbzeit noch etwas Anlauf für die Milli-µ Druck. Die Spieler versuchten sich anzustrengen. Doch zu oft lief sowohl in der Defensive als auch in der Offensive diese Anstrengung ins Leere. Je nach Persönlichkeit entwickelten die Spieler dann ihr weiteres Spiel. Der eine wird wütend, der andere lethargisch und noch ein anderer zögerlich.

Aber halt, Kevin Scheidhauer muss ich noch erwähnen. Er stand in der Startelf, und seine Verunsicherung war bis auf die letzte Tribünenreihe zu erkennen. Ein Teil des Publikums hatte dazu beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung beigetragen und damit ebenfalls früh in der Saison Drittliga-Reife bewiesen. Wie kann man einen Spieler vor dem Spiel auspfeifen? Selbst wenn dieses Pfeifen als Zeichen gegen die Trainerentscheidung hatte gemeint sein sollen. Kevin Scheidhauer kann das leider gar nicht unterscheiden. Der konnte solche Pfiffe nur auf sich beziehen. Die Last auf seinen Schultern war entsprechend größer als bei seinen Mitspielern. Wer das nicht gesehen hat, war blind. Kopf hoch, Kevin Scheidhauer, muss es nun heißen.

So stehen wir also im Abstiegskampf zusammen in Duisburg und können uns selbstgerecht das Spiel ansehen, weil wir das Versagen all dieser Spieler schon vorher gewusst haben. Dann wechselte Ilia Gruev Kevin Scheidhauer auch noch vier Minuten vor der Halbzeitpause aus. Um welches Zeichen zu setzen? Hätte das nicht noch bis zu Beginn der zweiten Halbzeit Zeit gehabt? Kevin Scheidhauer wurde also noch ein paar Extrapfiffen ausgesetzt. Ein Teil des Publikums hatte ein Ventil für seinen Zorn. An eine pädagogische Maßnahme möchte ich darüber hinaus nun gar nicht denken. Zu dem Zeitpunkt die Auswechlsung hat mir also ebenso wenig gefallen. Aber was weiß ich von Abstiegskampf? Ich hatte ja mit dem Gewinn meiner VIP-Karte nur Glück vor dem Spiel des MSV gegen den Karlsruher SC.

Gestern konnte ich mir nach dem Schlusspfiff nicht vorstellen, irgendein Wort über dieses Spiel schreiben zu können. Über meine Enttäuschung bei Nicht-Erreichen der gesteckten Ziele hatte ich in den zurückliegenden Jahren schon oft genug geschrieben. Nichts neues Unterhaltsames konnte ich meiner Enttäuschung abgewinnen, und reine Spielberichterstattung finde ich langweilig. Nun sind doch noch ein paar Worte zusammen gekommen. Zum Schluss nun fällt mir auch noch Würde ein. Wir alle, ob Spieler oder Zuschauer, sollten mit Würde die Saison zu Ende bringen. Ein frommer Wunsch, ich weiß.


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