Posts Tagged 'Ivica Grlic'

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

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Wenn Durchhalteparolen Tagesgeschäft sind

Ist das Wort „rechnerisch“ schon gefallen? Ich habe mir die O-Töne nach dem Spiel noch nicht angesehen. Auch für Durchhalteparolen werden Ivo Grlic und Ilia Gruev bezahlt. Das ist auch gut so im professionellen Fußball. Irgendwer muss doch die Hoffnung in der Welt halten, dass der MSV Duisburg die Klasse hält. Das Klagen gibt es in unserem Fall völlig umsonst. Wobei – wenn Katar zur Handball-WM unlängst für supportende Fans bezahlte, vielleicht ist der Klagefan auch ein Geschäftsmodell?

Vor dem Spiel schon war meine Resthoffnung auf den den Klassenerhalt abhängig von der Aussicht auf ein kleines Wunder. So ein klitzekleines Heilungswunder hatte ich mir vorgestellt – für die Abschlusschwäche in der Offensive und für Abspielfehler im Spielaufbau. Nach der 2:1-Niederlage gegen Arminia Bielefeld wird das nicht reichen. Da muss noch so was wie der Wandel von Wasser zu Wein fußballgerecht adaptiert werden. Dazu ein wenig über Wasser laufen und die volle Kraft der Rettungswunder. Wahrscheinlich können wir sogar auf die Totenerweckungen nicht verzichten.

Mir persönlich fehlt momentan der Glaube an diese Dinge, aber, wie gesagt, beim MSV Duisburg gibt es ja Menschen, die extra für solch einen Glauben bezahlt werden. Was das Spiel gestern angeht, will ich es kurz machen. Durch einen soliden, selbstbewussten Spielbeginn gelang dem MSV die 1:0-Führung. Das Tor war schön herausgespielt. Thomas Bröker erzielte es nach einer sanften Kopfballvorlage von Zlatko Janjic. Endlich einmal wieder passten Janjics Kopfball-Möglichkeiten zur Spielsituation.

Bezeichnenderweise fiel der Ausgleich nach einem Konterversuch des MSV. Bezeichnenderweise leitete Dennis Grote mit einem Ballverlust nach halbherzig wirkenden Einsatz den Bielefelder Gegenangriff ein. Es blieb nicht sein letzter haarsträubender Fehler. Bezeichnenderweise wirkte es auf mich erst so, als bekomme die Defensive gerade noch einmal den Bielefelder Angriff in den Griff. Doch Fabian Klos blieb zentral vor dem Tor am Ball gegen aufgeregte Defensivspieler, die sich vor ihm zusammenfanden und ihn weder vom Ball trennen konnten, noch den Schuss verhindern. Der Ausgleich war nicht zwingend.

Die Bielefelder legten sofort nach und bauten Druck auf. Fehlpässe des MSV, die versprungenen Ballannahmen, die zuvor ohne Folgen geblieben waren, nahm die Arminia nun dankbar, um selbst gefährlich zu werden. Die 2:1-Führung folgte schnell, und wieder einmal in dieser Saison konnte ich mir nicht vorstellen, wie dieser Mannschaft des MSV ein Ausgleich ohne zusätzliches Glück gelingen könnte.

Einmal mehr bemühten sich die Spieler und kämpften. Durch die Passungenauigkeit machten sie sich ihr Leben schwer. Auch wenn sich die Zebras im Verlauf der zweiten Halbzeit eine optische Überlegenheit erspielten, es fehlte der Zug zum Tor. Es fehlte die Präzision schon bei unbedrängten Pässen, geschweige denn bei solchen unter Druck. Je näher die Mannschaft dem Bielefelder Tor kam, desto zufälliger wirkte das Mannschaftsspiel. Ein Freistoß an der Strafraumgrenze wurde zur größten Ausgleichschance. Zlatko Janjic schoss knapp über das Tor.

Interessant wäre es zu wissen, warum Ilia Gruev erst sehr spät wechselte. Sicher, der Druck des MSV nahm kontinuierlich zu, aber hätte dieser Druck nicht noch größer werden können, wenn etwa Abspielfehler von Dennis Grote durch seine Auswechslung vermieden worden wären? Die Frage stelle ich wertfrei in den Raum, einfach aus Interesse.

Schlusspfiff. Niederlage. Jeder kann jeden schlagen in der 2. Liga, so sagen die Trainer gerne alle. Dieses Trainer-„Kann“ ist im Duisburger Sprachraum ein Spezialmodus des Verbs geworden. Wir Linguisten erkennen hier den sogenannten Duisburger Irrealis, eine Verbform, die das Unmögliche als Gegenwart des Möglichen formuliert.

So oder so wirkt die Niederlage

Dieser MSV macht es einem nicht leicht. Bislang befanden wir uns nämlich in einer Phase der Saison, in der nicht nur das Ergebnis zählte. Zwar redeten wir Anhänger vor den letzten drei Spielen schon anders, wir sagten, jetzt müsse unbedingt ein Sieg her, aber nach der erfolgten Niederlage blieb immer noch eine Hintertür, die Spielweise heißt. Diese Hintertür liegt immer versteckter, aber sie ist noch vorhanden. Nach dem Spiel gegen Paderborn wird sie aber auf jeden Fall fürs erste zugemauert sein.

Mich seht ihr nach der 3:2-Niederlage gegen Union Berlin ständig Richtung Hintertür laufen, ohne dass ich sie wirklich erreiche. Unterwegs verliere ich den Überblick, verirre mich und werde mutlos. Die Erinnerung an die erste Halbzeit in Berlin wird dann übermächtig. Wenn eine Mannschaft im Tabellenkeller hängt, spielbestimmend ist und der Gegner nicht mehr machen muss, als dreimal vor das Tor dieser Mannschaft zu kommen, um drei Tore zu erzielen, dann steigt diese Mannschaft ab. Dann kann sie noch so viel Ballbesitz haben. Dann kann sie noch so viele vom Gegner ungenau gespielte Pässe im Mittelfeld erobern. Dann kann sie noch so oft vor dem gegnerischen Strafraum auftauchen, zumal bei der letzten Aktion, beim Schuss aufs Tor oder beim Pass in den Strafraum, die Präzision fehlte. Wenn jemand sagt, es fehlte das Quäntchen Glück, mag das für die Offensive stimmen. Doch selbst dieses Glück reichte nicht aus, wenn aus drei Chancen des Gegners drei Tore werden.

Schon das erste Tor war in der 4. Minute ein herber Rückschlag. Für mich war es erstaunlich, wie unbeeindruckt die Mannschaft von diesem Tor war. Zwei Standardsituationen führten zu den weiteren zwei Toren. Nicht nur, dass bei dem ersten Freistoß Dustin Bomheuer fehlte, weil er verletzungsbedingt behandelt werden musste und so die neue Zuordnung nicht funktionierte, zudem wissen die gegnerischen Mannschaften natürlich, dass Michael Ratajczak die Linie nicht gerne verlässt, also wird der Ball in den Fünfmeterraum geschlagen, um mal zu gucken, was dort geschieht. Beim dritten Tor kurz vor der Halbzeitpause, erneut nach einem Freistoß, war Branimir Bajic nicht präsent.

Wenn in der Situation des MSV aus drei Chancen drei Tore werden, spielt der MSV als zurückliegende Mannschaft nicht besser als der Gegner. Das klingt für mich falsch, selbst wenn die oberflächliche Betrachtung dieser ersten Halbzeit diesen Eindruck machte. Stände der MSV im gesicherten Mittelfeld ließe sich über solch eine Wertung reden. Bei 2 Punkten nach 9 Spieltagen stimmt sie nicht, auch wenn ich weiß, dass solch eine Wertung Zuversicht herbeischaffen soll.

Ohne Zuversicht geht es nun mal nicht weiter. Die Zuversicht ergibt sich aus dem Spiel nach vorne. Ohne Frage verhilft Victor Obinna dieser Mannschaft zu größerer spielerischer Qualität. Seine Möglichkeiten im eins gegen eins überragen die seiner Mannschaftskollegen. Sie reichen aber natürlich auch nicht aus, um alleine das Offensivspiel zu bestreiten. Mannschaftlich hat das schon ganz ordentlich funktioniert, wenn auch die Angriffe insgesamt immer unter großer Hast ausgespielt wurden. Bislang haben wir aber auch nicht sehen können, dass diese Mannschaft die Fähigkeit zum ruhigen Spielaufbau besitzt. Sie muss so schnell wie möglich den Ball Richtung gegnerisches Tor bringen, und diese Schnelligkeit wird zur Hast, weil die Spieler für diese Schnelligkeit nicht präzise genug sind. Im Grunde steht die Mannschaft vor der Frage, will sie langsam und präzise sein, ohne in den Strafraum einzudringen? Oder will sie schnell und unpäzise sein, um durch die höhere Zahl ungenauer Spielsituationen, die klare Torchance wahrscheinlicher zu machen.

Als in der zweiten Halbzeit das Spiel offener wurde, fielen die Tore für den MSV. Dass Union nun aus dem Spiel heraus ebenfalls zu Chancen kam, konnte nicht ausbleiben. Union schaltete keineswegs einen Gang zurück angesichts der Führung, auch wenn von vielen Anhängern das als Argument für die zwei Tore des MSV angeführt wird. In dieser zweite Halbzeit war das Spiel mehr im Gleichgewicht als in der ersten, und dennoch erzielte der MSV zwei Tore und Union keins. Daher kommt meine Zuversicht. In dieser zweiten Halbzeit war zu sehen, auch die Gegner wie Union sind aus dem Spiel heraus unpräzise, auch diese Gegner machen nicht aus jeder Chance ein Tor. Als Michael Ratajczak in der 75. Minute den Elfmeter hielt und die 4:1-Führung verhinderte, kitzelte noch einmal leise die Hoffnung. Das zweite Tor des MSV fiel 5 Minuten vor dem Ende. Zu spät für den Ausgleich.

Mit dem nächsten Spiel gegen Paderborn befinden wir uns nun tatsächlich erst einmal in jener Phase der Saison, in der nur das Ergebnis zählt. Für Ivo Grlic, Gino Lettieri und die Spieler mag das nach außen hin noch anders sein. Für viele Anhänger nicht. Leise Sorge bereitet mir nämlich, dass sich Enttäuschung allmählich bei einigen in Wut verwandelt. In Berlin waren pfeifende Zuschauer nach dem Spiel noch in der Minderheit, aber deutlich zu hören. Am Zaun ließen einige sogar dieser Wut freien Lauf und überraschten die Spieler damit, die von den meisten anderen mit aufmunternden Worten verabschiedet wurden. Hoffentlich spaltet sich da nicht die Szene. Ein Sieg gegen Paderborn ist wahrscheinlich die einzige sofort wirkende Gegenmaßnahme.

Aus Berliner Sicht der Blick aufs Geschehen bei Textilvergehen – mit einigen Fotos u.a. von gemeinsamer Union-und-Zebra-Nachbetrachtung. Von einer solchen tröstenden Nachbetrachtung beim Fan-Eck am S-Bahnhof Köpenick kann ich auch noch erzählen. Zum einen gab es dort das gemeinsame Leid mit den Xantenern, zum anderen die gemeinsame Hoffnung einiger Union-Fans und uns, dass wir in der nächsten Saison diese Nachbetrachtung wiederholen können. Einem Leben ohne diese Auswärtsfahrt zur Alten Försterei fehlt doch ein immer wieder schönes Wochenende. Vom Ergebnis dieses Mal abgesehen.

Und das noch: Vertragslaufzeiten damals und heute

16 Jahre sind eine lange Zeit. Diese 16 Jahre hat es gedauert, um die Folgen einer Entscheidung vom damaligen Vorstand des MSV Duisburg zu bewältigen. 1999 befand sich die Führung des MSV Duisburg in einer Übergangszeit. Dr. Hans Spick war noch Vorsitzender des MSV und der heutige DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock wusste wahrscheinlich schon, dass er im Frühjahr 2000 dessen Nachfolge antreten würde. 1999 war das Jahr, in dem der Vorstand des MSV Duisburg dem damaligen sportlichen Leiter des Vereins, Gerd Merheim, keinen langfristigen Vertrag anbot.

Geschichtsschreibung ist immer auch die Suche nach den Verbindungen der Gegenwart mit der Vergangenheit, und Geschichtsschreibung ist immer auch Deutung. In meiner Geschichte des MSV Duisburg gibt es diese Entscheidung des Vorstands vom MSV Duisburg, die den sportlichen Erfolg in den drei Spielzeiten nach dem Bundesligaaufstieg 1996 ans Ende brachte. Gerd Merheim verließ 1999 den MSV Duisburg. Mit ihm verlor der Verein jene Kompetenz, mit der bis dahin die Zusammenstellung erfolgreicher Mannschaften gelang.

Der MSV stieg wieder ab. Mehr als Mittelmaß in der 2. Liga schien nicht mehr möglich zu sein. Finanzielle Schwierigkeiten wurden größer. Walter Hellmich betrat als vermeintlicher Retter und Erneuerer des Vereins die Bühne. Zwei Aufstiege waren Zwischenhochs, die das mit der Finanzierung des neuen Stadions und des Fußballbetriebs einhergehende hohe Risiko vergessen machten. Dann war die 2. Liga doch wieder da. Die finanzielle Katastrophe rückte immer näher. Der Rest der Geschichte liegt noch nicht so lange zurück. Dem Zwangsabstieg folgte im Mai die  Rückkehr in die 2. Liga, die nun nicht mehr Bedrohung sondern Möglichkeit zur Konsolidierung ist nach Schuldenschnitt und Stadionmietenlösung samt neuer Stadiongesellschafterstruktur. Meine Geschichte des MSV Duisburg hat eine  zugespitzte Perspektive.

Diese Zuspitzung unterstreicht die Bedeutung, die der Verlängerung des Vertrags vom MSV Duisburg mit Ivo Grlic zukommt. Bis 2020 erhält er als Sportdirektor die Möglichkeit, seine Vorstellungen umzusetzen und Mannschaften zu entwickeln. Weil sich der Fußball so sehr verändert hat, ist diese lange Vertragslaufzeit heute wohl mehr ein Anliegen des Vereins als von Ivo Grlic. Er hat seine Arbeit so gut gemacht und die Geschichte des MSV Duisburg hat so viel überregionales Interesse erregt, dass sein Name mit Sicherheit von einigen Funktionären in Fußballdeutschland vorsichtshalber notiert wurde. Die Kontinuität nun ist ein Wert an sich. Entwicklung braucht Zeit. Entwicklung ist notwendig für sportlichen Erfolg. Für das Erkennen, wie wichtig längere Vertragslaufzeiten sind, brauchte es 16 Jahre. Ivo Grlic bisherige Arbeit gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Entwicklung hin zu weiterem sportlichen Erfolg dann doch weniger Zeit in Anspruch nimmt.

Der Wahrnehmungspuffer als Gesundheitskonzept für meine MSV-Zukunft

Dieses Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Wehen Wiesbaden war kein Spiel für schwache Nerven. Zweimal ging die Mannschaft des MSV Duisburg in Führung, und wir mussten zusehen, wie wenig später sich der Ausgleich jeweils durch Fehler ankündigte. Das 2:2 fiel zudem in der 80. Minute – zu einem Zeitpunkt des Spiels, bei dem angesichts der instabilen Leistungen egal welcher Zebra-Mannschaft der letzten Jahre die Hoffnung auf ein Siegtor eigentlich zugleich auch als irrwitzige Selbstqual wirkte. Dabei wusste jeder, das Unentschieden hätte nicht Stagnation sondern Rückschritt bedeutet auf dem Weg zum erhofften Aufstieg.

Dieses Spiel war also eigentlich kein Spiel für mich an diesem Tag. Gerettet hat mich eine Art Selbstschutzmodus, in dem ich die Folgen von Spielaktionen in entscheidenden Momenten erst mit Verzögerung erkannt habe. Drei Tore, den Schlusspfiff, manche Torgefahr, alles kam ein wenig verspätet an wie beim DVB-T-Empfang gegenüber dem vom Kabelfernsehen. Um mich herum war alles schon in Aufregung, während ich auf Linienrichter achtete, mir Spielerreaktionen ansah und die Freunde nach der endgültigen Wirklichkeit befragte.

Genau weiß ich nicht, ob diese Wahrnehmungsverzögerung nur als Misstrauen in das Bestehen von Spielentscheidungen eine Folge des frühen Abseitstores von Rolf Feltscher war, oder ob ich gleichsam in meine persönliche Zukunft gesehen habe. Letzteres würde mir gefallen, sorgte ich mich in den letzten zwei, drei Jahren doch immer wieder mal vor den  aufregenden Spielen des MSV der nächsten Jahre. Ich erinnerte mich an das Schicksal von Achim Stocker, dem langjährigen Präsidenten des SC Freiburg, der die Spiele seines Vereins nicht mehr live erleben konnte. Nun befand ich mich Samstag wegen meines zwar abklingenden, gleichwohl noch folgenreichen Infekts in recht schlechter körperlicher Verfassung. Vielleicht kann ich dieses Spiel also als eine Art Probelauf für das noch höhere Alter ansehen?

Der Beweis wäre dann angetreten, mit einem Wahrnehmungspuffer kann ich mir ein Spiel des MSV ansehen, das angefüllt ist mit hoffnungsfroher Freude, tiefer Enttäuschung, drohender Resignation und spätem Siegesjubel. Die Mannschaft hat den Sieg sehr gewollt. Das war in der zweiten Halbzeit zu sehen, als sie beim Stand von 1:1 immer mächtiger den erneuten Führungstreffer erzielen wollte. Sie erarbeitete sich klarere Chancen als die Wiesbadener, die ebenfalls noch einmal ins Tor treffen wollten. Michael Gardawski kam zu einem Kopfball, den der Wiesbadener Torhüter mit einer kuriosen Fußbabwehr im Stehen gerade eben noch kurz vor der Linie abwehren konnte. Zlatko Janjics präzisen, ansatzlosen Distanzschuss lenkte er um den Pfosten. Danach folgte das zweimalige Anlaufen zur Flanke von Nico Klotz mit abschließendem Kopfballtor durch Kingsley Onuegbu. Seit der Hinrunde der letzten Saison haben wir kein so starkes Spiel von Onuegbu mehr gesehen. Endlich versprangen ihm die Bälle nicht mehr, behauptete er Pässe, stand er im Strafraum dort, wo es für die gegnerische Defensive gefährlich war. Es war ein großartiges Comeback.

Natürlich gab es mehr Raum in der Offensive für den MSV, weil der SV Wehen Wiesbaden risikoreicher spielte, um ebenfalls ein Tor zu erzielen. Dennoch bleibt festzuhalten, zum ersten Mal harmonisierten Kevin Scheidhauer und Kingsley Onuegbu wirklich, sie besetzten die unterschiedlichen Räume, ergänzten ihre jeweiligen Stärken. Auch wenn das 1:0 durch Kevin Scheidhauer nach einem Eckstoß fiel, wirkt dieses Tor wie ein Mosaikstein im Beleg für die wieder erstarkte Offensivkraft der Mannschaft. Fehlendes Verständnis beim Zusammenspiel gab es in der ersten Halbzeit an anderen Stellen des Mannschaftsgefüges. Das sollte nicht vergessen werden. Anfänglich schien die Spielanlanges des SV Wehen Wiesbaden in der Offensive reifer zu sein. Das Zusammenspiel klappte beim Gegner besser, der Abseitspfiff rettete vor weiterer Gefahr, doch die Entscheidungen wurden immer knapper. Beim MSV gab es beim schnellen Vorwärtsgang oft Missverständnisse. Der Passgeber erwartete andere Laufwege, der Passempfänger den Pass an anderer Stelle. Erst in der zweiten Halbzeit funktionierte auch ein schnelles Passspiel über mehrere Stationen.

Als Zlatko Janjic in der 89. Minute per Kopf das 3:2 erzielte, gab es im Strafraum der Wiesbadener einen großen Zebra-Auflauf. Um jeglichen Folgen zu großer Enttäuschung zuvor zu kommen, rief ich vorsichtshalber kurz „Abseits“ und hatte Glück, dass mich weder Linien- noch der Schiedsrichter hörten sondern nur die Freunde, deren Jubeln ich allerdings kurz irritierte. Dann seufzte ich erleichtert auf und freute mich nervenschonend mit. Zu dieser kam nach dem Schlusspfiff mein Staunen hinzu, in welcher Weise ich mir so ein aufregendes Fußballspiel auch ansehen kann. Der MSV und ich gehen gemeinsam in eine gute Zukunft.

Einen längeren Spielbericht gibt es beim Hessischen Rundfunk mit einem Klick weiter. Er ist auf jeden Fall sehr viel informativer und vor allem argumentativer als der vom WDR, in dem die Kommentatorenmeinung substanzlos in die Welt geredet wird.

Zudem die Pressekonferenz und Stimmen nach dem Spiel von Kingley Onuegbu und Zlatko Janjic.

Zweite Liga, wir kommen – Nur wann?

Kleinigkeiten werden entscheidend sein, so ist es inzwischen fast vor jedem Spiel des MSV Duisburg von einem Spieler oder von Gino Lettieri zu hören. So ist es aber auch von Spielern und Trainern der jeweiligen Gegner zu hören. Die Mannschaften der 3. Liga sind sehr abhängig von der jeweiligen Tagesform und von der Entwicklung des Spiels. Kleinigkeiten aber summieren sich am Ende doch zum großen Ganzen, dem möglichen Aufstieg. Weil die Mannschaft aus sich heraus nicht eine dauerhafte Überlegenheit entwickeln kann, erhält auch der Einfluss des Umfelds eine größere Bedeutung.

So ist es verständlich, wenn nun die Anhänger des MSV Duisburg über Vor- und Nachteile einer Zielvorgabe von Ivo Grlic nachdenken. In einem kurzen Interview mit den eigenen Presseleuten angesichts seines zehnjährigen Dienstjubiläums beim MSV hat er auf die Frage, wo der MSV in zehn Jahre stehe, geantwortet: „Wir wollen hier ein Team entwickeln, mit dem wir bis zum Frühjahr 2016 aufsteigen können, und mit dem wir uns dann dauerhaft wieder unter den deutschen Top 25 etablieren können.“

Der erste Teil der Antwort war eine nicht neue, aber als offizielles Statement doch neuwertige Nachricht, die von WAZ/NRZ selbstverständlich aufgenommen wurde. Das ist die Pflicht des Journalismus. Ich möchte betonen, die Festlegung auf einen möglichen Aufstiegszeitpunkt ist keine von der lokalen Presse befeuerte Geschichte. Ivo Grlic selbst hat das Thema angesprochen, den eigenen Leuten gegenüber. Für mich ist das ein eleganter Versuch, Erwartungen der Zuschauer zu beeinflussen.

Schon schnell wurde in dieser Saison deutlich, dass die sportlich Verantwortlichen den Aufstiegsdruck möglichst klein halten wollen. Das Benennen von konkreten Zielen wurde immer weiter nach hinten geschoben. Vor der Saison hatte es noch eine Aufstiegspflicht gegeben, wenn der MSV Duisburg die 3. Liga nicht zum Dauerzustand machen wollte. Mit dem ersten Arbeitstag von Gino Lettieri war davon keine Rede mehr. Die Devise hieß nun, abwarten, wie sich die Saison entwickelt. Das ist nun geschehen, wir haben abgewartet, und die Mannschaft spielt nicht stabil so gut, dass sie die Gegner mit großer Wahrscheinlichkeit besiegen kann. Zu unser aller Beruhigung geht das allen Mannschaften mit Aufstiegsambitionen in dieser Liga so.

Das aber belebt zugleich nach jedem Spieltag die Erwartungen. So waren nach Abpfiff der ersten Halbzeit des Spiels gegen Rot-Weiß Erfurt verteilt über das Stadion Pfiffe zu hören, über die nach dem Sieg nicht mehr gesprochen wurde. Die Stimmung im Stadion ist inzwischen wie die Leistung der Mannschaft nicht stabil. Doch Kleinigkeiten können jedes Spiel entscheiden. Ein Publikum, das der Mannschaft nicht wohlgesonnen ist, kann so eine Kleinigkeit sein.

Für Mannschaft und Trainer sind in diesem Moment der Saison solche Worte von Ivo Grlic mit großer Sicherheit ohne Belang. Wenn ich mich an meine Erfahrungen in meinem Sport mit dem Aufsteigen erinnere, geht es, solange es sehr viele Anwärter auf den Aufstieg gibt, tatsächlich stets nur um das nächste Spiel. Der Gedanke an den Aufstieg stellt sich erst ein, wenn nur noch wenige Mannschaften oben mit dabei sind.

Wenn Kleinigkeiten entscheiden, so versuchte Ivo Grlic, eine etwas größere dieser Kleinigkeiten zu beeinflussen. Eines wird schließlich in der sich an die Grlic-Worte anschließenden Berichterstattung deutlich, niemand beim MSV Duisburg gibt die Anstrengung für und die Hoffnung auf den ein Jahr früheren Maximalerfolg deshalb auf.

Gino Lettieri kennenlernen

Nun ist er also doch der neue Trainer des MSV Duisburg geworden: Gino Lettieri. Nur wenige Fußballinteressierte in Duisburg interessierten sich für ihn vor der ersten Meldung zu seiner Verpflichtung, Anfang Mai. Ivo Grlic gehörte zwangsläufig dazu. Doch wer auch immer sonst noch zu ihm eine begründete Meinung hat, ich habe sie noch nicht gehört oder gelesen. Für die meisten Anhänger des MSV, wie auch für mich, ist er ein unbeschriebenes Blatt. Eckdaten zu seiner Person lese ich zwar bei Wikipedia, doch eigentlich müssen wir uns erst richtig kennenlernen, Gino Lettieri und ich.

In den ersten Artikeln zu seiner Verpflichtung, wie etwa bei WAZ/NRZ, lese ich die Erzählungen, wie es zur Verpflichtung kam, begleitet von Worten Gino Lettieris, die eine Art kurze Regierungserklärung sind. „Intensive Maloche“ möchte er mit „taktischer Disziplin“  und „Spaß am Beruf“ verbinden. Geschickt richtet er sich also an Spieler und Zuschauer gleichermaßen, wenn auch mit gängigen Absichten. Der Vorsatz hart zu arbeiten und das auch während des Spiels sichtbar werden lassen, das gefällt nicht nur auf den Rängen in Duisburg. Wahrscheinlich ist ihm aber nicht bewusst, dass die „taktische Disziplin“  auf den Rängen in Duisburg nur geschätzt wird, wenn Erwartungen erfüllt werden. Hoffen wir das Beste. Alles andere ist beim Kennenlernen nicht gefragt.

Interessant ist in so einem Moment ja der Blick auf eine der längeren Beziehungen desjenigen, der uns neu begegnet. In dem Fall müsssen wir uns den SV Wehen-Wiesbaden ansehen und die Höhen und Tiefen, durch die Gino Lettieri mit dem Verein gegangen ist. Dort wurde er im Laufe der Saison 2009/2010 verpflichtet, um den drohenden Abstieg zu verhindern. In der folgenden Saison führte er die Mannschaft in die obere Tabellenregion. Letztlich erreichte der SV Wehen-Wiesbaden den 4. Tabellenplatz, was zum Signal für die dritte Saison wurde. Das Ziel hieß Aufstieg, was Gino Lettieri nun ja auch in Duisburg als Vorgabe erhält.

Viele O-Töne von Gino Lettieri habe ich im Netz bislang nicht gefunden. Was zu sehen ist, wirkt dennoch aufschlussreich. In einer Pressekonferenz aus der zweiten Saison von Gino Lettieri beim SV Wehen-Wiesbaden wird mit der Standardkommentierung des Fußballspiels weniger das Fußballwissen von Gino Lettieri erkennbar. Dafür erhalten wir einen sehr klaren Blick auf einen Teil seiner Persönlichkeit. Ab Minute 9.44 wird sichtbar, Gino Lettieri nimmt die Dinge in die Hand, wenn ihm etwas auf der Seele brennt. Eigentlich hatte er alle Fragen beantwortet, das Mikro war schon fast wieder in der Hand des PK-Moderators, als Gino Lettieri noch etwas einfällt. Ihm geht es dann um die Situation der Fußballvereine in dieser Region Bayerns, die seiner Meinung nach zu wenig Unterstützung vor Ort erhalten. Zu erleben ist ein Mann direkter Worte, klar in der Meinung und kantig in der Argumentation. Das Klima wurde etwas rauer.

Dieser Eindruck verstärkt sich mit der Pressekonferenz nach dem Spiel vom SV Wehen-Wiesbaden beim SV Babelsberg 03 am 3. Dezember 2011, das 3:2 verloren ging. Wiederum erweist er sich als Mann direkter Worte, die hart wirken und mit denen er Fehler seiner Spieler klar benennt.

Die Pressekonferenz gehört in jene Saison, in der für den SV Wehen-Wiesbaden das Ziel der Aufstieg war. Schon nach wenigen Spieltagen wurde dieses Ziel im Blog, das vornehmlich dem SV Wehen-Wiesbaden gilt, dem überaus lesenwerten  Stehblog, als fraglich angesehen. Im weiteren Verlauf ging es dann eher darum, den Abstand zu den Abstiegsrängen groß genug zu halten. Wenn Vorgaben nicht eingehalten werden, folgt erst die Krise und schließlich die Entlassung. Wie das durchlebt und durchlitten wurde, lässt sich wiederum im Stehblog mit jedem Beitrag zurück ins Archiv nachlesen. Zufrieden klingt anders, und manche dieser urteilenden Worte über Gino Lettieris Kommentare zur Spielweise des SV Wehen-Wiesbaden erinnern mich sehr an ähnliche Kommentare, die ich die letzte Saison über Karsten Baumann lesen konnte. Deutlich wird in diesen zuletzt sehr kritischen Texten Gino Letterie gegenüber aber noch einmal, dieser Trainer gehört zu den kantigen Typen, die polarisieren.

Hoffen wir darauf, dass der SV Wehen-Wiesbaden nur die Generalprobe einer Aufstiegsmission für Gino Lettieri gewesen ist. Und wenn die so richtig schief geht, so wissen wir, wird die Premiere auf besonders begeisternde Weise gelingen. Auf geht´s zur Premierensaison 2014/2015! Über das Geld als Voraussetzung von allem Gelingen will ich heute hier nicht sprechen.

 

 

 


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