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Fundstück: Paul Auster über Sport und Verlieren

Neulich habe ich den Briefwechsel von Paul Auster und John M. Coetzee gelesen, zwei internationale Stars der Literatur, um mal in der spartenübergreifenden Schlgzeilensprache der Unterhaltungsbranchen zu bleiben. Auster schreibt als US-Amerikaner mit starken Wurzeln in der europäischen Literaturtradition, und Coetze ist Nobelpreisträger aus Südafrika. Die Nähe zu englischer Kultur liegt auf der Hand. Ihre Briefe wirken auf mich wie eine nette Plauderei. Manchmal tauchen Gedanken auf, die zu vertiefen sich lohnen. Das geschieht ohne große Systematik. Sie beschreiben Phänomene und versuchen sich und die Welt zu verstehen und zu ordnen. Plaudernd ergeben sich viele Worte in der Zeit zwischen Juli 2008 und August 2011.

Beide Schriftsteller interessieren sich sehr für Sport, sowohl aktiv als auch vor dem Fernsehen. Dadurch kommen sie auch auf ihre Sportleidenschaft zu sprechen. Paul Auster macht sich anlässlich der Fußball-WM 2010 ein paar Gedanken über die Bedeutung von Sport im Allgemeinen und Verlieren im Besonderen.

Im Sport gibt es Gewinner und Verlierer; was keiner gern sagen will (ist es zu offensichtlich?): Es gibt viel mehr Verlierer als Sieger. […] Sport lehrt uns mehr über das Verlieren als über das Siegen, weil einfach so viele von uns nicht gewinnen. Vor allem aber lehrt er, dass es okay ist zu verlieren. Verlieren ist nicht das Schlimmste auf der Welt, weil im Sport, anders als im Krieg, dem Verlierer nicht vom Sieger die Kehle durchgeschnitten wird.

Man denke an den außerordentlich interessanten Moment im Leben eines kleinen Jungen, wenn er vom Sport als Spiel, bei dem ihn die Erwachesen oder älteren Jungen die ganze Zeit haben gewinnen lassen und ihm ganz allgemein das Gefühl verschaffen, dass er ein kleiner König ist, zum Echten übergeht, bei dem man, wenn man den Ball nicht trifft, ausscheidet […] Das versetzt der Psyche des Jungen einen Schock. Er möchte heulen, einen Wutanfall haben […] Er möchte die Realität seinem Ego unterwerfen. Aber damit erreicht er nichts. „Stell dich nicht so an, Kleiner!“ Aber auch: „Stell dich nicht so an, Kleiner – du bekommst eine neue Chance.“

Weil das die große Lehre des Sports ist. Man verliert die ganze Zeit, aber solange du im Spiel bleibst, gibt es immer ein Morgen, wieder eine Chance, sich hervorzutun.

Paul Auster, J.M. Coetzee: Von hier nach da. Briefe 2008 – 2011, Fischer Verlag 2014, S. 191f

Das können wir jetzt natürlich weiterdenken. Paul Auster spricht von der Erfahrung, selbst Sport zu treiben, ist aber angeregt worden durch sein so großes Interesse am professionellen Sport. Da scheinen die Widersprüche am Horizont auf. „Solange du im Spiel bleibst“. Darum geht´s.

Der MSV etwa bleibt zwar im Spiel, aber wir brauchen nicht weiter darüber zu reden, wie groß die „neue Chance“ tatsächlich ist, nicht nur für den MSV sondern für die meisten Vereine in dieser Unterhaltungsbranche Fußball. Wir glauben trotzdem an diese neue Chance. Wir haben schließlich dasselbe gelernt wie Paul Auster. Wir glauben trotzdem daran, dass der MSV nach einem Aufstieg mit einem Mini-Etat den Klassenerhalt in der 2. Liga schaffen wird.

Wenn ich allerdings an mein immer weniger vorhandenes Interess an Bundesliga, Champion League denke, so merke ich, der Widerspruch bohrt untergründig etwas in mir an, was der Unterhaltungsbranche Fußball die Grundlage seiner Existenz entzieht. Da bewegt sich was. Ich weiß noch nicht, wohin.

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