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Briefe aus Westende – Von Ingo Wald, Hajo Sommers und Joachim Llambi

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, um ein bisschen was über den MSV in diesen Tagen zu meinen. Gerade meinen wir ja alle sehr viel, und die Prominentesten von uns Anhängern des MSV dürfen sogar ganzseitig bei Funkes Zeitungen etwas meinen. Für mich gibt es ein paar Themen gleichzeitig. Vielleicht sollte ich das zum Anlass nehmen, eine neue Form in diesen Räumen einzuführen. Vielleicht muss ich es so machen wie etwa Alfred Kerr, dessen überaus empfehlenswerte Briefe aus Berlin ich gerade immer wieder mal lese. Antiquarisch für wenig Geld zu bekommen. 1895 begann er damit, in ihnen über Begebenheiten aus der Reichshauptstadt in einem angenehm plaudernden Ton zu schreiben und diese Begebenheiten zu bewerten. Ihm ging es zunächst um faktenreiche Nachrichten aus Berlin. Mit seiner Meinung hielt er dabei nicht hinter dem Berg.

Wer gerade über den MSV etwas meint, braucht sich nicht unbedingt um Fakten kümmern. Denn das ist der Fußball. Dabei ist das erlaubt. Wir Anhänger eines Vereins sind nun mal immer sehr emotional. Beim Impfen ist das übrigens ähnlich. Gesundheit scheint also auch so ein emotionales Thema zu sein. Fängt man erstmal an, nimmt das gar kein Ende. Gendern, Klima, Rassismus, soziale Gerechtigkeit, Käse mit oder ohne Marmelade. Alles so emotional. So viele Themen, so viele Meinungen, so oft zu lernen, dass Fakten dabei keine Rolle spielen. Es ist einfach zu kompliziert, alles zu verstehen. Eine Verschwörung macht das einfacher. Die lässt sich auch ohne Fakten glauben. Heimlichkeit ist ja ein Wesenskern von Verschwörungen. Die Wahrheit wird unterdrückt. Bei mir natürlich nicht. Bei mir erhaltet ihr die ganze Wahrheit über den MSV. Deshalb heißt das hier auch nicht Briefe aus Neudorf oder aus Wedau, Das klingt viel zu provinziell. Briefe aus Westende! Das ist ein Kolumnentitel. Ich bin sicher, Worte unter dieser Textmarke werden mehr geglaubt. Westende schmeckt nach Staub der Großstadterfahrung. Ich war auf der Straße und habe mir die Fakten selbst zusammengeklaubt. Es geht um Vertrauen. Das muss geschaffen werden.

Dass Ingo Wald das Rücktrittsangebot von Ivo Grlic angenommen hat, wird doch niemand bestreiten. Das ist eine Tatsache. Warum er nicht früher gehandelt hat, können die meisten von uns aber nur vermuten und dann lautstark meinen. Da fehlen die Fakten. MSV-Anhänger kommen dabei zu ganz unterschiedlichen Verdächtigungen. Liest man manche Stimmen in den sozialen Netzwerken, gehört MSV-Vorsitzender Ingo Wald zu den Menschen dieser Welt, die zugleich herrschsüchtige Egomane und wachsweiche Befehlsempfänger sind, so eine Art Satellitenstaat-Diktator der Sowjetunion früherer Zeiten. Ignorant gegenüber dem Volk der Anhänger und anpassungsbereit an die Wünsche des mächtigsten Imperators im MSV-Herrschaftsbereich, dem Investor Capelli wahlweise auch des Sponsors Schauinsland-Reisen. Ingo Wald eigene Ziele zu unterstellen, ist in diesem Szenario nicht vorgesehen.

Das liegt natürlich an dem großen Manko seit der Entlassung von Torsten Lieberknecht. Es fehlen substantielle Erklärungen für die Entscheidungen auf sportlicher Ebene beim MSV. Wir Anhänger verstanden den Verein nicht mehr seit der Entscheidung für die Verpflichtung von Gino Lettieri, für die es als Gründe nur Allgemeinplätze gab. In diesem Vakuum der Erklärungen werden Verschwörungsfantasien lebendig.

Dabei ließ Ingo Wald auf der Pressekonferenz zum weiteren Vorgehen nach der Entlassung von Ivo Grlic aus all den Verschwörungsfantasien eigentlich die Luft raus. Er ließ anklingen, dass es demokratische Prozesse in dem Verein gibt. Alleinherrschaft war eine der größten Kritikpunkte der Hellmich-Zeit. Nun gibt es demokratische Prozesse, die es einer Opposition ermöglichen, andere Entscheidungen zu treffen als der derzeitige Vorstand. Es wäre kein wirkliches Verschwörungsgeraune, wenn nicht auch diese Aussage von Ingo Wald ihm zum Vorwurf gemacht wird. Er mache den Eindruck, als werde er sich nicht mehr genug einsetzen. Nein, er weist nur darauf hin, es ist möglich, dass eine Opposition mit nötigem Rückhalt bei den Mitgliedern, die Macht im Verein übernehmen kann.

Ich weiß nicht, ob gerade irgendwo Mitglieder des MSV sich zu einer Opposition finden. Ich weiß aber, die Messlatte für die Lauterkeit ihrer Absichten liegt hoch. Wer auch immer beim MSV seit dem Zwangsabstieg 2013 Verantwortung übernommen hat, machte das wegen des Vereins. Das ist genau das, was vor dem Zwangsabstieg jahrelang strittig war. Daran müsste sich eine Opposition messen lassen. Mitglieder müssten sehr gut aufpassen, ob jemand eigene Interessen mit dem Engagement beim MSV vorantreiben möchte. So eine Opposition müsste auch sehr gute Kontakte in die Stadt haben, um diesen Verein am leben zu halten.

Ingo Wald sollte einmal mit RWO-Präsident Hajo Sommers sprechen. Mit dem habe ich vor zehn Jahren für das Fußballorte-Buch geredet. Er erzählte mir von seinen wenig erbaulichen Erfahrungen in diesem Fußball. Wegen seines Engagements gab es Rot-Weiß Oberhausen überhaupt noch. Er hatte zusammen mit wenigen anderen den insolventen Verein übernommen, am Leben gehalten und schließlich zurück in die 2. Liga geführt. Er hatte gedacht, unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen folgten die Anhänger von RWO dem Verein durch die Ligen, auch wenn es wieder schwieriger wird. Als RWO in der 2. Liga der Abstieg drohte, war mit der Dankbarkeit für die Rettung des Vereins Schluss. Die Anfeindungen wurden stärker und stärker.

Das soll nicht heißen, der MSV wird den Weg von RWO gehen. Ich möchte nur an die düsteren Seiten der Emotionalität von uns Fans und unserer Vereinsliebe erinnern. Auch unter uns Anhängern des Vereins wird es immer unromantischer mit diesem MSV, sobald der erhoffte Erfolg ausbleibt. Bei den Fans finden sich sicher unterschiedliche Gründe, wenn sie sich vom Verein distanzieren wollen. Bei dem einen lässt sich das psychologisch erklären, weil der MSV so sehr Teil des Selbstbilds ist, dass der Misserfolg als persönliche Niederlage wahrgenommen wird, gegen die man sich wehren muss. Ein anderer ist dann doch mehr Kunde eines Unterhaltungsangebots als Anhänger des Vereins und eines geselligen Zeitvertreibs auf den Rängen. Wie dem auch sei, die Treue durch die Ligen ist beim MSV unter seinen Anhängern nicht durchweg gegeben. Und wie wir aus dem richtigen Leben wissen, kann Trennungsschmerz zu heftigen Aggressionen führen. Die gute Nachricht dabei, manchmal hilft reden. Was nichts anderes ist als ein Appell an die Verantwortlichen beim MSV, klar und mit Argumenten ihre Entscheidungen im Verein zu erklären. Damit ließen sich nicht alle, aber deutlich mehr Anhänger als zurzeit in eine etwas krisenfestere Romantik versetzen.

Übrigens fordert der durch Lokalzeitung, Privat-TV und Tanzsäle bekannte Duisburger Fußballexperte Joachim Llambi einen radikalen personellen Schnitt beim MSV. Was das in seinen Augen bedeutet, bleibt in jenem ganzseitigen Artikel vom Dienstag mit den MSV-Promi-Fans sehr unkonkret. Man könnte meinen, Joachim Llambi denkt an Austausch des Vorstands. Er spricht aber nur von einem notwendigen Sportvorstand. Was ja nun weniger radikaler Schnitt als konstruktive Ergänzung ist. Aber wir sind es ja in den letzten Monaten gewöhnt, dass er hartnäckig Stellung nimmt und dabei dieses Mal auch sein Insiderwissen preisgibt. Er weiß, der MSV hat bei Friedhelm Funkel keine Chance. Schon Fortuna Düsseldorf – ich füge hinzu, momentan abstiegsbedroht – habe sich vergeblich um Funkel bemüht, der eigentlich ein super-hyper-klasse-Abstiegsverhinderer ist, in seinen Worten Feuerwehrmann.

Mit so viel Insiderwissen kann ich nicht aufwarten. Aber mein Outsiderwissen ist in dem Fall deckungsgleich. Das darf ich so sagen, auch wenn ich mich wie Joachim Llambi ungern selbst ins Spiel bringe. Aber wenn ich einmal wie er möglicherweise gefragt werden sollte, ob ich beim MSV eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen würde, können auch wir über alles reden. Das ist eine meiner Kernkompetenzen. Verständnis haben. Sowohl für ehemalige Fußballtrainer wie Friedhelm Funkel mit ihrem Wunsch nach ungestörtem Ruhestand, als auch für TV-Unterhaltungsarbeiter wie Joachim Llambi, die irgendwas in Gang halten wollen, was einem nicht gleich durchschaubar ist.

Wenn ein MSV-Fan auch im TV arbeitet

Bei der überregionalen Wahrnehmung hat die eine Pressekonferenz des MSV zu einer zukünftigen TV-Dokumentation der anderen Pressekonferenz am selben Tag, abends nach dem 2:2-Unentschieden im Ligaspiel gegen den FC Bayern München II, wahrscheinlich den Rang abgelaufen. Der Grund: Joachim Llambi, ein MSV-Fans seit Jugendzeit, ist als RTL-Gesicht mit dem Schwerpunkt Tanzsendungen beim Sender gut gelitten. Da lässt sich schon mal ein neues Projekt anschieben, wo doch der Fußball in der letzten Zeit in immer mehr medialen Formen nach Publikum sucht.

Einzelnen Spielern sind Filmportraits gewidmet worden. Die Bayern haben ihren eigenen TV-Kanal. Der BVB verantwortet etwas, was der Verein Dokumentation nennt. Für ein Buch hat Christoph Biermann Union Berlin eine Saison lang begleitet. Und bei Netflix läuft „Sunderland ‚till I die“ mit großer Resonanz. Der Boden ist bereitet. Der Sunderland entsprechende angeschlagene Verein in Deutschland musste für eine Dokumentation nur gefunden werden. Gut, dass Joachim Llambi MSV-Fan ist. Seine Kontakte zum Verein führen also nun zu einer Langzeitdokumentation über den MSV, seine Fans und die Wirklichkeit in Duisburg.

So wurde es auf der PK angekündigt. Das klingt ambitioniert und macht neugierig. Gesendet wird die Doku bei TVNOW, der Streaming-Plattform der RTL-Gruppe. Der MSV hat nun einmal nicht die Manpower, um wie andere Vereine so ein Medienprojekt aus eigener Kraft zu initiieren. Deshalb ist es erst einmal gut, dass ein bekennder Fan sein Netzwerk nutzt, um eine mögliche win-win-Situation herzustellen.

Allerdings halte ich den Anspruch der Macher für eine mutige Ankündigung. Zum einen ist es schwierig, weil aufwändiger, neben der Fußballwelt noch etwas anderes aus der Duisburger Wirklichkeit zu erzählen. Zum anderen ist es ein heikles Unterfangen, aus der komplexen Fußballwelt den Hintergrund im laufenden Tagesgeschäft zu beleuchten. Man darf von einer solchen Doku ja keine vollständige Einsicht in die Wirklichkeit des täglichen Geschäfts erwarten. Das würde jedes seriöse Arbeiten des MSV Duisburg torpedieren. Die Offenheit aller beim MSV gegenüber Kamera und Mikro ist ein Balanceakt, und natürlich müssen Türen verschlossen bleiben. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen beim MSV sich der Gefahr von Bildern bewusst sind und dass Joachim Llambi sich in seiner Verantwortung weniger dem Format als dem MSV verpflichtet fühlt. Da gerät im Hinblick auf unkontrollierbare Folgen vermeintlich harmloser Bilder mein eigenes journalistisches Ethos unter Druck.

Das kann natürlich Auswirkungen auf die Qualität haben. Das muss es aber nicht. Es gibt genügend Inhalte, mit denen dennoch Hintergrund und das sonst Unbekannte gezeigt werden kann. Wieviel davon eingefangen wird, hängt aber vom Budget der Dokumentation ab. Zwar ist Joachim Llambi MSV-Fan, doch die Produktion insgesamt ist ja nicht von allen Mitarbeitern ein Herzensprojekt. Der Aufwand wird also seine Grenzen haben.

Vor einigen Jahren gab es schon einmal einen Versuch mit kurzen Clips beim damaligen DSF den MSV dokumentarisch zu begleiten. Ich habe damals jede Folge von Mitten in Meiderich in diesen Räumen hier besprochen. Es war deutlich bemerkbar, dass der Anspruch zu Beginn ein anderer war als zum Ende dieser Mini-Clips. Zu Beginn gab es den ambitionierten Hintergrundblick. Zum Ende hin wurde es das übliche Abfilmen von Fußballer-Köpfen in irgendwelchen x-beliebigen Zusammenhängen, die Authentizität suggerieren sollten, begleitet von belanglosen Interview als Beleg für den wahren Menschen im Profi-Fußballer. Diese veränderte Ausrichtung lag vermutlich an der Finanzierung. Letzteres geht schnell und verlangt wenig Arbeit beim Schnitt. Ersteres braucht sehr viel mehr Material und entsprechende Mehrarbeit bei der Fertigstellung.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Qualität der Dokumentation. Die Latte ist hoch gelegt mit dem Verweis auf die Sunderland-Serie. Aber Netflix wird wahrscheinlich deutlich mehr Geld in die Hand genommen haben als es TVNOW nun macht. Schaun wir mal. Unabhängig von der tatsächlichen Qualität könnte sich die Dokumentation aber für den MSV lohnen wegen der zusätzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit.





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