Posts Tagged 'Journalismus'

Der Stig spricht: Freche Angebote

Jetzt habe ich die Schnauze voll. Das war vorhin die dritte Anfrage in kurzer Zeit. Leute, merkt ihr noch was? But I also must say it in english! Ein paar von denen verstehen kein deutsch. Dear Mr. Jaratz, so schreiben sie dem Kees. Sehr geehrter Herr Jaratz! Wir sind ein internationaler Vermarkter. Ihr, marketing agencies, I mean you und eure Kunden – die Unternehmen mit was weiß ich für Angeboten, die so gut zum Zebrastreifenblog passen. Denken ist nicht so euer Fall, oder? Mehr so das Süßholzraspeln und Heimlichtun. Und Billigheimern natürlich, ist ja nur  ein schnöder Blogger, für dessen Ruf ihr mal 60 Euro rüberschieben wollt, manchmal auch was mehr als das Doppelte. Aber auf keinen Fall will euer Kunde, dass der Post in irgendeiner Weise gekauft wirkt. Professioneller Auftritt. Wir suchen Kooperationspartner. Pah!

Versteht ihr Typen, was ihr da macht? Ihr sägt den Ast ab, den ihr  braucht. Oder seid ihr eher von der alten Wegwerfschule? Nutzen und ab in den Eimer. Wachsen ja genügend Blogger nach auf der prächtig sprießenden Onlinewiese. Nehmen wir beim nächsten Mal halt den nächsten. Ihr wisst wahrscheinlich genau, was ihr tut! So hohl ist eure Birne gar nicht. Aber Kees und ich sind es selbst, die für jedes Wort hier einstehen. Da gibt es keinen Verlag, den ein Presserat mal anpissen kann, wenn ein bisschen Schleichwerbung mitgenommen wird und der das dann locker wegsteckt. Versendet sich ohnehin, nach dem Motto. Wir haben nichts anderes als unseren Stil, die Haltung und unsere Glaubwürdigkeit. Unsere Leser vertrauen uns. Und der Missbrauch dieses Vertrauens ist euch nur bis zu 140 Euro wert? Ihr spinnt doch.

Am meisten kotzt mich an, irgendwo da draußen sitzt gerade irgendjemand, der dieses Geld braucht. Und dem macht ihr dasselbe Angebot. Ganz dringend braucht er es, weil er seine Miete bezahlen will und was essen muss. Ihr macht kein Marketing, ihr nutzt Menschen aus. Und ich weiß nicht mal, ob Kees und ich nicht in einem Jahr auch dringend Geld brauchen. Vielleicht werden wir dann  ja sagen und uns mal eine Weile nicht mehr ins Gesicht gucken können. Weil euch grundlegende Regeln in der Demokratie  scheißegal sind. Vierte Gewalt, was für ein Quatsch. Mit Schreiben lässt sich doch eh nur selten Geld im Netz verdienen. Also, ab dafür. Zerstört Glaubwürdigkeit, wo ihr nur könnt. Ihr seid in guter Gesellschaft.  Wenn schon Zeitungsverlage beim Geschäftsmodell dabei sind, wie lächerlich wirkt dann die Integrität einzelner Blogger.

Saisonvorbereitung, die letzte – Symbolfoto-Bildtextbearbeitung

Reibungsloser und sanfter ist ein Übergang noch nie geschehen. Am heutigen Samstag lassen sich für mich Saison- und Spielvorbereitung kaum mehr unterscheiden.  Das eine greift ins andere, wenn ich lese, wie wenig eingespielt viele Trainer der 2. Liga ihre Mannschaften sehen. Milan Sasic dagegen hält seine Mannschaft für den „Start beim KSC gut vorbereitet.“ Das beruhigt mich, und deshalb kann ich mich noch einmal voll und ganz nur um die Saisonvorbereitung kümmern – zum letzten Mal für dieses Jahr. Danach sehe ich mich für die ersten Wochen der Saison mental gut eingestellt und werde von Spiel zu Spiel denken. Letzteres betone ich, weil ein Foto in der Süddeutschen Zeitung vom letzten Donnerstag genau das Gegenteil erreichte. Ich musste an das Ende der kommenden Saison denken. Das Foto zeigt Friedhelm Funkel und Milan Sasic im nachdenklich-angeregten Gespräch. Online finde ich den Artikel leider nicht. Aufgenommen wurde das Foto wahrscheinlich kürzlich beim Freundschaftsspiel zwischen dem MSV Duisburg und dem VfL Bochum.

Wenn ein Artikel von einem Foto bebildert ist, ohne dass der Artikel direkt mit Friedhelm Funkel und Milan Sasic im Gesprächdiesem Foto zu tun hat, können Gedanken schon mal abschweifen. Da reißt dann der an das Symbolfoto geknüpfte Faden des Artikels, in dem über den „Frühstart“ der 2. Liga als allgemein empfundener „Fehlstart“ berichtet wird. Dieser Faden findet sich, in Worten ausgedrückt, in der Bildunterschrift: „Auch Zweitliga-Routiniers erleben mal was Neues: Friedhelm Funkel (links), Trainer des VfL Bochum, und Milan Sasic, Trainer beim MSV Duisburg, mussten noch nie so früh in eine neue Saison starten.“ Mir zeriss es den Faden fast sofort, weil ich im Moment ständig Menschen begegne, die von mir etwas über die Aussichten des MSV Duisburg in der neuen Saison hören wollen. Diese Menschen lesen hier und dort die Sportnachrichten, und da stoßen sie trotz aller Beschwichtigungsmaßnahmen von Milan Sasic auch auf den MSV Duisburg, wenn es um Anwärter für den Aufstieg geht. Dass der VfL Bochum in diesem Anwärterkreis dabei ist, versteht sich von selbst. Und so sah ich plötzlich dieses Foto im Mai nächsten Jahres noch einmal in den großen Zeitungen dieses Landes abgedruckt. Denn Symbolfotos frönen hemmungsloser Promiskuität. Sie nehmen jede Bildunterzeile. Ihr könnt mich einen Kuppler nennen, doch eine nächste Bildunterschrift blieb mir im Kopf und ich kann sie nur bis auf weiteres vertreiben, wenn ich hier darüber schreibe: Auch Zweitliga-Routiniers erleben in Zeiten gemeinsamen Erfolgs mal was Neues: Friedhelm Funkel (links), Trainer des VfL Bochum, erfuhr von Milan Sasic, Trainer des MSV Duisburg, in Duisburg kann so lange Zeit Unaussprechliche nach diesem Spieltag endlich beim Namen genannt werden.

So viel als Abschluss meiner Saisonvorbereitung. Meine Perspektiven für die kommende Saison sind dieselben wie immer. Ich glaube an den best möglichen Tabellenplatz, spreche es nicht in klaren Worten aus und passe meine Erwartungen von Spieltag zu Spieltag dem jeweiligen Tabellenplatz an – immer den best möglichen Ausgang des Geschehens im Blick.

Der Missbrauch des MSV Duisburg verpufft im Nichts

Manchmal trifft es sich gut, wenn zu wenig Zeit ist, um den immer fließenden Strom des Welt- und Provinzgeplappers sofort zu kommentieren. Am Montag nach dem Pokalendspiel schrieben die einen in Duisburg vom „Sauerland-„, die anderen vom „Pokal-Eklat“. Seid empört, Skandal, Skandal, hörte ich es skandieren. Doch nach der Gratisbewirtschaftung der Lokalzeitungen durch den MSV-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Werner Tomalak wurde nur eine Pseudo-Geschichte hochgerülpst, über die heute niemand mehr spricht. Mir gibt der Rülpser aber gleich Gelegenheit, an einem Beispiel, das in Duisburg jeder versteht, meinem soziologischen Hobby zu frönen und ein wenig die öffentliche Meinungsbildung unter die Lupe zu nehmen.

Statt mich also darum kümmern zu müssen, wie der MSV Duisburg von Vereinsverwaltern für eigene Zwecke missbraucht wird, sehe ich zufrieden, die für den Fußball bezahlten Menschen beim Verein erledigen trotz aller Widrigkeiten professionell alles, um in der nächsten Saison möglichst erfolgreich zu sein. Es beruhigt mich, wie die Aufgaben von Bruno Hübner so umverteilt werden, dass der Spielerkader weiter Form annimmt. Daniel Beichler und Zvonko Pamic werden ausgeliehen, Goran Sukalo verlängert seinen Vertrag. Milan Sasic macht sich um die Position des Torwarts Gedanken.

Inzwischen hat sich Milan Sasic außerdem so viel Reputation erworben, um als Stimme des Vereins in die Öffentlichkeit zu treten. Seine Sätze auf der Internet-Seite des MSV Duisburg waren notwendig, um nach der Duisburger Lokalpolitikposse den Blick auf das Notwendige zu lenken. Das Unternehmen MSV Duisburg im Verein MSV Duisburg hat nicht nur die sportlichen Belange gut im Blick, der Unternehmensbereich Kommunikation weiß auch um die notwendig gute Stimmung im Umfeld.

Im Verein MSV Duisburg machte sich nun bemerkbar, dass niemand aus eigenem Impuls heraus, die Führungsaufgabe Vereinsvorsitz hat übernehmen wollen. Der Vereinsvorsitzende besitzt nicht nur eine Verwaltungsfunktion. So eine Person bündelt im besten Fall die verschiedenen Strömungen im Verein, vor allem wirkt er als erster Repräsentant für die Idee des Vereins in der Öffentlichkeit. Er steht mit seinem Namen für den Verein. Wahrscheinlich muss Dieter Steffen erst noch ein Gespür für diesen notwendigen Teil seiner Aufgabe entwickeln. Sonst werden sich immer wieder Stimmen vernehmen lassen, die in der Öffentlichkeit allein durch ihre dortige gleichgewichtige Präsenz den Eindruck erwecken, ihre Stimme hätte dieselbe Bedeutung wie die des Vereinsvorsitzenden vom MSV Duisburg.

Diese Aufgabe Dieter Steffens ist um so wichtiger, wenn die anderen Stimmen für den MSV Duisburg in der Öffentlichkeit Interessen verfolgen, die über Vereinsbelange hinausgehen. Als das CDU-Mitglied Hans-Werner Tomalak der Rheinischen Post gegenüber nicht allzu viel Wert auf das Briefgeheimnis legte und die eigenen Worte an den Parteifreund Adolf Sauerland der Redaktion steckte, kümmerte er sich doch wenig bis gar nicht um den Ruf des MSV Duisburg, sondern um den des Oberbürgermeisters aus den eigenen Reihen.

Interessant an dieser Geschichte ist nun keineswegs die Frage, ob Adolf Sauerland vom MSV Duisburg eingeladen war oder nicht. Der MSV Duisburg schreibt in einer Pressemitteilung, er sei eingeladen gewesen. Interessant ist viel mehr die Tatsache, dass diese Frage nicht nur vierzehn Tage später keine Rolle spielt, sondern sie noch am Tag der Berichterstattung in den meisten Online-Kommentaren zu der Geschichte ohne Belang war. Das Ganze wurde meist abgehakt unter Parteiengezänk. Darüber hinaus hatte die Sauerland-muss-weg-Fraktion einmal wieder einen Anlass, sich zu äußern; und die Sauerland-ist-nicht-an-allem-schuld-Fraktion konnte ebenfalls endlich mal wieder vom Leder ziehen.

Die Meinungen beim Thema Adolf Sauerland sind fest zementiert, und ein aktuelles Geschehen weckt nur die nach der Loveparade-Katastrophe entstandenen Haltungen. Adolf Sauerland müsste der NRW-Landesregierung dankbar sein, die gesetzliche Grundlage für ein Abwahlverfahren gegen ihn geschaffen zu haben. Erst dieses Abwahlverfahren wird helfen, die Lethargie und die Zerrissenheit Duisburg zu überwinden, egal ob der Oberbürgermeister abgewählt wird oder nicht. Selbst wenn er sein Amt behalten sollte, hätte Adolf Sauerland zumindest endlich wieder ein Argument, um Mitarbeiter zu überzeugen und zwar nicht unbelastet, aber mit gutem Recht vor die Öffentlichkeit zu treten. Im Moment besitzt er nichts als seinen Willen durchzuhalten. Als ob das  ein Wert an sich ist. Wer eine Stadt so spaltet wie Adolf Sauerland, kann unabhängig von allen anderen Fragen nur erster Bürger dieser Stadt sein, wenn er kraftvolle Visionen für sein Wirken in dieser Stadt hätte. Adolf Sauerland macht diesen Eindruck nicht. Wäre ich Bürger Duisburgs, ich würde für seine Abwahl stimmen.

Der MSV Duisburg reagierte übrigens mit einer Pressemitteilung auf die Vorwürfe von Hans-Werner Tomalak, die hier ausschnittweise zitiert sei:

Anders als unter Bezugnahme auf das Schreiben des Aufsichtsrates des MSV Duisburg 1902 e.V. dargestellt, ist der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland regulär und frühzeitig vom MSV zum Bankett am Abend nach dem DFB-Pokalfinale zwischen dem MSV und Schalke 04 in Berlin eingeladen worden. Von einer kurzfristigen Einladung kann keine Rede sein; der Oberbürgermeister ist zum selben Zeitpunkt wie alle anderen Gäste des Abends eingeladen worden.

Der MSV ist nach Abpfiff des Pokalfinales am Samstag, 21. Mai 2011, also unmittelbar vor Beginn des festlichen Abends im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz, von Sicherheitskräften unmissverständlich angewiesen worden, sowohl den Verlauf des Abends als auch das Placement an den Tischen so zu gestalten, wie es dann geschehen ist. Trotz Protestes des MSV hat sich der Club diesen Anweisungen fügen müssen.

„Der Aufsichtsratsvorsitzende des MSV e.V. Hans-Werner Tomalak ist von mir unmittelbar am gleichen Abend über diese Umstände informiert worden. Deshalb kann ich den Schritt des Aufsichtsrates, ein nicht den Tatsachen entsprechendes Bild zu verbreiten, nicht nachvollziehen. Wir sind auch deswegen so stark geworden, weil wir es in den vergangenen Monaten geschafft haben, alle Probleme intern zu diskutieren und zu lösen, und das werde ich weiter so halten. Die jetzt getätigten, unrichtigen Aussagen beschädigen das Bild und Ansehen des MSV enorm“, sagte Dieter Steffen, Vorstandsvorsitzender des MSV Duisburg 1902 e.V.

Nach dieser Pressemitteilung weiß ich mich glücklich, keine Einladung zu dem Empfang erhalten zu haben. Wie unentspannt muss eine Veranstaltung sein, wenn Sicherheitskräfte – die von Hannelore Kraft? – den Abend bestimmen. Aber so kennen wir sie ja, die Männer mit Sonnenbrille und Ohrknopf, mit unbeweglicher Miene starren sie durch die Gegend und letztlich weiß man nicht, ob dahinter nicht das heimliche Lächeln eines Schalke-Fans steckt.

Wäre die Frage einer Einladung von Adolf Sauerland durch den MSV Duisburg wirklich wichtig gewesen, hätte der ein oder andere Journalist nachfragen können, was das denn zu bedeuten habe, Sicherheitskräfte schreiben den Verlauf des Abends vor. So verhilft uns die Berichterstattung zum „Eklat“ sogar noch zu ein wenig Sicherheit in der unübersichtlich gewordenen Welt. Erinnerte sich die Rheinische Post mit CDU-Tomalak doch an die christlich-konservative Grundhaltung von ehedem. Ob es beim WAZ-Konzern sich verbietet, mit einem CDU-Mann so offensiv wie die Rheinische Post ins Horn zu stoßen oder ob in diesem Medienhaus rein journalistische Prinzipien zur Geltung kamen, lässt sich allerdings nicht genau sagen.

Meinungskampf auf Kölner Straßen spitzt sich zu

Für Journalisten des Kölner Express ist die BILD-Zeitung seit jeher nicht nur wirtschaftlicher Konkurrent, sondern auch Gegner im Kampf um die Meinungshoheit im Rheinland. In dieser mit Schlagzeilen geführten Auseinandersetzung verstand sich der Express als die liberalere Zeitung. Mancher schwärmte in früheren Zeiten sogar von einem linken Boulevardjournalismus. Noch heute, in den unübersichtlicher gewordenen Zeiten offenbart sich dieser Gegensatz, wie gestern wieder auf dem Titelblatt zu sehen war.

DFB mit Lex MSV? Der Grund für mehr Busse und Bahnen?

„DVG setzt mehr Busse und Bahnen ein“. Als ich diese Überschrift las, fragte ich mich sofort, was weiß die Duisburger Verkehrsgesellschaft mehr als ich? Erwartet auch die Polizei einen plötzlichen großen Zuschauerandrang? Nichts deutete die Woche über darauf hin, dass das Spiel vom MSV Duisburg gegen Hansa Rostock morgen ausverkauft sein wird. Den Polizeipressesprecher habe ich nicht mehr erreicht, doch meine weitere Recherche hat mich auf diese Seite von „Der Westen“ geführt:

2009-10-24 DER WESTEN MSV 1. LIGA

(Zum Vergrößern anklicken)

Ganz versteckt, unterhalb der Überschrift,  ist hier der wahrscheinliche Grund für den erwarteten, großen Zuschauerandrang  zu erkennen. Ich nehme an, die entsprechende Pressemeldung zur Aufstockung der Bundeliga um zwei Vereine hat noch eine Sperrfrist bis morgen. Doch bei „Der Westen“ ist man stets der Zeit voraus. Verlinken kann ich den Artikel leider nicht mehr. Anscheinend hat man sich nun doch anders entschlossen und will keinen Ärger mit dem DFB provozieren. Für mich stellt sich die Sache so dar: Der MSV Duisburg und Hansa Rostock spielen die Saison in der 2. Liga zu Ende und haben eine Wildcard für die Bundeliga in der kommenden Spielzeit erhalten. Beim DFB gab anscheinend hauptsächlich die Erstligaausstrahlung von Peter Neururer den Ausschlag, die schon lange geplante Aufstockung der Bundesliga per Wildcard nun endlich in Angriff zu nehmen. Gerade weil  beim MSV Duisburg in den letzten Wochen doch Zweifel deutlich wurden, ob Peter Neururer seinen angestammten Platz in der Bundesliga per Qualifikation des MSV Duisburg in der Meisterschaftsrunde erreichen kann, wollten die DFB-Verantwortlichen auf Nummer Sicher gehen. Als Grund für die Vergabe der zweiten Wildcard an Hansa Rostock kommt aus meiner Sicht nur eine Strukturfördermaßnahme für den Fußball-Osten in Frage. Einen Vertreter vom DFB habe ich an diesem Freitagnachmittag zu dieser sensationellen Entwicklung nicht mehr befragen können. Morgen im Stadion erwarte ich deshalb nicht nur einen Sieg des MSV Duisburg, sondern auch die offizielle Verkündung der heute durchgesickerten Meldung.

25.10. 09 Nachtrag: Der Artikel in „Der Westen“ ist wieder da, und der DFB hat noch immer nichts offiziell vermeldet.

Stimmungsschwankungen überall

Vor einigen Jahren habe ich mich einmal mit dem Begriff der öffentlichen Meinung beschäftigt. So eine öffentliche Meinung ist ja nicht ein Naturereignis. So eine öffentliche Meinung ist menschengemacht. Und weil sie menschengemacht ist, müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so sein, dass Meinungen öffentlich gesagt werden dürfen. Aufklärung und in Deutschland vor allem die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts sind hier die Stichworte. In jener Zeit begann also ganz zaghaft so etwas wie öffentliche Meinung zu entstehen, und die Menschen haben sich sehr intensiv darüber Gedanken gemacht, was diese öffentliche Meinung eigentlich ist und wie sie idealer Weise zu befördern sei. Ganz aufklärungsoptimistisch, wie gerade Popularphilosophen damals so waren, glaubten diese an einen vom Verstand geleiteten Prozess.

Die Menschen – damit war das Bürgertum gemeint – sollten ihre Meinungen mit Texten in die Welt bringen. Die Leser sollten aber auch zu Verfassern von neuen Texten werden und somit zum einen das Flüchtige  der öffentlichen Meinung verfestigen und ihr zudem zu größerer Wahrheit verhelfen. Ein kleines Problem war der Irrtum in Gemeinsamkeit. Den kannte man, und Bildung sollte die Lösung  dieses Problems sein.

Klingt alles doch sehr aktuell und moderner denn je, da im Zeitalter des Internets wir endlich jenen Zustand erreichen, den die Popularphilosophen des 18. Jahrhunderts als Voraussetzung für eine aufgeklärte öffentliche Meinung eigentlich als notwendig angesehen hatten und der damals natürlich überhaupt nicht gegeben war. Heute kann jeder Leser zum Verfasser eines veröffentlichten Textes werden. Jede Stimme, sofern sie des Produktionsmittels PC und Internetzugang habhaft ist, kann gehört werden.

Allerdings war seinerzeit so etwas wie wechselhafte Stimmung eine etwas vernachlässigte Einflussgröße zur Herausbildung von öffentlicher Meinung.  Das geht mir nämlich durch den Kopf, wenn ich versuche die öffentliche Meinung zur Saisonvorbereitung beim MSV Duisburg zu erfassen. Mir kommt das so vor, als seien die der Meinung zugrunde liegenden Tatsachen keine so große Einflussgröße wie die Sorge um den Erfolg des Vereins. War es um das vorletzte Wochenende herum, als die Berichterstattung in den Print-Medien für mich aus unerklärbaren Gründen plötzlich einen positiven Klang bekam? Ende der letzten Woche nun schwankte diese Stimmung wieder in die andere Richtung. Peter Neururer wird mit seinen Aussagen zum nicht-aufstiegsfähigen Kader in den Blick gerückt. Die Situation selbst war aber überhaupt nicht verändert. Alle – die sportliche Leitung, die Spieler und die Fans –  wissen, ohne weiteren Stürmer wird es schwer. Das ist aber schon die ganze Zeit bekannt.

Es gab kein Ereignis nach dem Verhandlunsdesaster mit Markus Brzenska – das in großen Teilen ein Kommunikationsdesaster war -, das für sich genommen den zukünftigen Erfolg des MSV Duisburg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher gemacht hätte und das der sportlichen Leitung anzulasten war. Der Strihavka-Wechsel scheiterte, Ben-Hatira-Verpflichtung wurde sehr unwahrscheinlich. Dafür geriet die Ausleihe von Caiuby Francisco da Silva in den Blick. Die sportliche Leitung machte also ihre Alltagsarbeit. Und da vertraut man entweder oder man vertraut nicht. Fakten werden nur durch Anwesenheit von Spielern geschaffen.

In den herkömmlichen Medien gilt, Seiten müssen gefüllt werden und immer das gleiche zu schreiben wird als uninteressant bewertet. Wie öffentliche Meinung sich verfestigt, wie also Texte der herkömmlichen Medien nun zusammenspielen mit den Texten von Lesern, die heute ebenfalls Sender oder einfacher Verfasser von Texten sein können, das lernen wir gerade erst. Die Popularphilophen der Vergangenheit hätten jedenfalls ihren großen Spaß an dem Geschehen heute, und wahrscheinlich stellten sie dann recht schnell auch fest, womöglich mit ein wenig Wehmut, neben Bildung und Verstand spielen die Emotionen beim Zustandekommen der öffentlichen Meinung keine kleine Rolle. Welche Chancen der MSV Duisburg zum Aufstieg hat, wird sich jedenfalls nicht schon jetzt endgültig entscheiden.

Alte MSV-Geschichten durch die Vereinsbrille Preußen Münsters gesehen

Die folgende Geschichte zeigt einmal mehr, wie kompliziert manchmal das Leben ist. Bei der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ arbeitet mit Thomas Knüwer ein Journalist, der unter dem Namen „Indiskretion Ehrensache“ auf der Web-Seite seiner Zeitung einen der populären deutschen Blogs schreibt. Häufig geht es ihm dort um Medienthemen, um das, was gemeinhin Web 2.o genannt wird und die seiner Meinung nach notwendigen Veränderungen im Journalismus, die etwa die Blog-Welt hervorruft. Darüber hinaus zeigt er sich aber immer wieder auch mit seinen privaten Interessen. Wenn man längere Zeit bei ihm mitliest, bleibt es einem nicht verschlossen, Thomas Knüwer ist Fan von Preußen Münster.

Als solcher Fan erinnerte er nun neulich an aufregende Zeiten seines Vereins und stellte diesen Beitrag mit der Frage ins Netz, „War der MSV Duisburg bestechlich?. Er verweist dabei auf einen Artikel, der bei „westline“ erschienen ist und an die zwei Oberliga-Spielzeiten 1987/88 und 1988/89 erinnert. In einem der wenigen Kommentare zu dem Beitrag klingt bereits jene Frage an, die auch ich an Thomas Knüwer stellen würde. Wenn man bei „westline“ nachliest, müsste der Titel seines Blogbeitrags eigentlich lauten: „War Preußen Münster bestechlich und machte der MSV Duisburg das Angebot, sich bestechen zu lassen?“ Eine Antwort auf die Frage habe ich nicht. Im Gegensatz zur Behauptung bei „westline“ habe ich in Duisburg noch nie von Bestechungsvorwürfen gegenüber Hertha BSC gehört. Die muss es in Duisburg dann wohl in Kreisen geben, in denen ich nicht verkehre. Und dass ein Verteter des MSV Duisburg in der folgenden Saison an Preußen Münster mit der Frage nach Geld herangetreten ist, hat dieses damalige Vorstandsmitglied natürlich in Duisburg auch nicht lauthals verkündet. Diese alte Geschichte wäre also eine ausgezeichnete Übung in Sachen investigativer Journalismus. Ehrgeizige, junge Kollegen hervorgetreten!

Die Wahrheit des Geschehens liegt also im Dunkeln. Was dem Blog-Beitrag von Thomas Knüwer nicht sofort anzumerken ist. Ihm ist es natürlich anzurechnen, dass er darauf hinweist, er sei Vereinsmitglied von Preußen Münster. Dennoch macht das den Blog-Beitrag in meinen Augen nicht weniger problematisch und zwar nicht, weil ich als Fan vom MSV Duisburg meine, den Verein verteidigen zu müssen, sondern weil Thomas Knüwer verschiedene Haltungen des Schreibens vermischt. Er selbst würde das wahrscheinlich als Errungenschaft des Bloggens ins Positive kehren, ich aber sage, das ist ein Verlust an journalistischem Standard. Schließlich agiert er nicht als Privatperson auf der Seite des Handelsblatt. Er schreibt als vom Handelsblatt angestellter Journalist. Es ist das aufklärerische Pathos des Journalismus, das er in dem Beitrag anzapft. Es ist das Gewicht der Institution Journalismus, die seiner Frage überhaupt Wert verleiht. Diese Frage aber bezieht sich auf eine verkürzte Darstellung des Geschehens. Sein Recht auf Verkürzung bezieht er gleichzeitig aus seinem Schreiben als Fan und Blogger.  Sicher, er gibt Gelegenheit, zumindest die Quelle zu überprüfen. Diese leichte Überprüfung hätte es ohne Web 2.0 nicht gegeben. Dennoch bleibt dieses Unterschreiten eines journalistischen Standards.

Er weicht also journalistische Regeln im Blog auf, während er gleichzeitig durch das Medium „Handelsblatt“ als Journalist wahrgenommen wird. Nun kann er sagen, seine Leser sind klug genug, den Blogger und den Print-Journalisten auseinander zu halten. Doch einerseits gibt es da die Zeit des Lesers. Nicht jeder Leser hat die Zeit die in den Raum gestellte Frage in den Zusammenhang des gesamten Geschehens zu bringen. Die Seite vom „Handelsblatt“ aber besitzt einen Vertrauensvorschuss und damit auch der bloggende Handelsblatt-Journalist Thomas Knüwer, der diesen Vertrauensvorschuss für eine doch einseitige Darstellung eines Geschehens nutzt. Er unterfüttert zudem die den MSV anklagenden Worte mit allgemein gehaltenen, moraliserenden Vorwürfen gegenüber dem DFB, bei denen er auf breite Zustimmung hoffen kann. Was es noch schwieriger macht, die Wahrheit seines Beitrags aufzudröseln. Man sieht also, bei allem Web-2.0-Enthusiasmus über die Möglichkeiten des einzelnen öffentlich zu wirken, die journalistische Grundregel ein Geschehen so umfassend wie nötig und möglich zu schildern, sollte auch beim Bloggen gelten, besonders dann, wenn der Blog als Teil des traditionellen Mediums Zeitung funktioniert.


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