Posts Tagged 'Jugendhilfe'

Halbzeitpausengespräch: Im Dichterviertel gelingt was

Was alles gerade nicht klappt, das lesen wir täglich, das sehen wir im Fernsehen und hören es im Radio. Wir machen uns mit diesen Meldungen ein Bild von der Wirklichkeit, von den sozialen Zuständen und befeuern uns gegenseitig in unserer trüben Weltsicht beim so oft nur scheinbaren Social-Media-Austausch. Manchmal möchte ich – gerade in diesen Social-Media-Welten – laut rufen, seht hin, es gibt überall Geschichten des Gelingens. Seht hin und nehmt wahr, was zu diesem Gelingen nötig ist. Erzählt von diesem Gelingen weiter. Mit diesem zweiten Schritt schon beginnt der Blick sogar politisch zu werden. Bleibt mit dem Blick in eurem nahen Alltag.

Das alles ging mir vorgestern im Dichterviertel durch den Kopf. Einmal im Jahr lädt das Quartiersbüro Dichterviertel Akteure und Institutionen des Viertels ein, Projekte des letzten Jahres vorzustellen, die mit kleinem Fördergeld verwirklicht werden konnten. In der Aula der Schule im Dichterviertel versammelte sich also eine bunt gemischte Gruppe Menschen. Professionelle Akteure der Jugend- und Sozialhilfe sowie der Schulen begegneten engagierten Ehrenamtlern. Menschen unterschiedlicher Herkünfte kamen zusammen. Manche sprachen nur gebrochen Deutsch, manche sprachen nur gebrochen Türkisch, auch wenn man es anders erwartet hätte. Lokalpolitiker waren ebenso anwesend wie Vertreter der stadteigenen Entwicklungsgesellschaft, EG DU, und von Vivawest Wohnen Gmbh, der Wohnungsgesellschaft, die im Dichterviertel so viele Häuser besitzt.

Ob Krebs-Selbsthilfegruppe türkischer Frauen, ob Geschichtswerkstatt Dichterviertel, ob Nähkurs oder Integrationskurs für Flüchtlinge, ob Ausflüge vom Jugendzentrum Zitrone und vom Mädchenzentrum Mabilda, ob Trommelkurs für Flüchtlingskinder in der Schule Kunterbunt, ob Schreibwerkstatt in der Schule im Dichterviertel, letztlich geht es bei allen Projekten um Begegnung und um das Gefühl, dort zu Hause zu sein, wo man wohnt. Die im Dichterviertel lebenden türkischstämmigen Ehrenamtler erzählten, wie durch das von ihnen geleitete Projekt Nachbarschaft gestärkt wurde. Ich selbst erlebe im Jugendzentrum Zitrone, bei Mabilda und in den Schulen das große Engagement für die Bildungschancen und aktuellen Lebensmöglichkeiten der Kinder; Engagement für Erfahrungen, die in ihren Elternhäusern nicht selbstverständlich sind. An diesem Nachmittag war die Aula der Schule erfüllt von diesem Gelingen.

Wir brauchen die Geschichten des Gelingens, um eine Richtung für Entwicklung zu erkennen, bei allen Problemen, die es im Moment gibt. Am besten kann ich noch von dem Gelingen erzählen, das ich selbst erlebe. Im Moment treffe ich mich wöchentlich mit acht Schülern aus vierten Klassen der Grundschule im Dichterviertel, damit sie „schöne Worte“ finden für das, was sie beschäftigt. Alle teilnehmenden Kinder sind in Deutschland geboren. Ihre Eltern sind Migranten. Nicht für alle ist dieses Schreiben gleich wichtig. Nicht jede Woche erlebe ich eine harmonische Zeit mit diesen Kindern. Oft geraten wir in Streit, ehe es wieder produktiv weitergeht. All das gehört dazu und nervt mich nicht selten. Dennoch entstehen schöne Texte.

Leen ist vor elf Monaten mit ihrer Mutter aus Syrien geflüchtet. Sie konnte kein Deutsch, als sie ankam und spricht die Sprache inzwischen so gut, dass ich erst glaubte, sie missverstanden zu haben bei der Dauer ihres Aufenthalts in Deutschland. Eine ihrer kleinen Geschichten möchte ich hier vorstellen, weil diese Geschichte einen Teil der Wahrheit ihres Lebens erzählt. Mit dieser Geschichte lässt sich vom Gelingen erzählen, denn in dieser Geschichte steckt ein Potential, mit dem Leen uns und unsere Gesellschaft bereichern kann.

Der große Elefant

Es war einmal ein großer Elefant und ein Mädchen, die Emliy heißt. Emliy ist mit dem Elefanten zum Markt gegangen. Der Elefant ist so groß. Alle Menschen rennen weg von dem Elefanten.
Emliy fragt sich: Warum rennen alle Menschen weg?
Der Elefant ist ganz traurig, weil alle vor ihm weggerannt sind.
Emliy muss den Elefanten verlassen. Später ist sie mit dem Elefanten zum Zoo gegangen. Dort hat Emliy den Elefanten gelassen.

Die Geschichten des Gelingen haben Voraussetzungen. Im Dichterviertel gehört dazu die Bereitschaft der Stadt und von Vivawest Wohnen dauerhafter als üblich Verantwortung für den sozialen Zusammenhalt des Viertels zu übernehmen. Das ist notwendig und das muss ebenfalls erzählt werden. Wenn das dann noch öffentlich gefordert wird, ist das Erzählen vom Gelingen endgültig politisch geworden.

 

Halbzeitpausengespräch: DU liest! Die Erste – Die Lesereihe von DU schreib(s)t

„DU schreib(s)t“ lautet das Motto im Hamborner Dichterviertel schon seit fast fünf Jahren. Seitdem biete ich vom Jugendzentrum Zitrone ausgehend in Zusammenarbeit mit umliegenden Schulen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit an, sich in Schreibwerkstätten an unterschiedlichen Textformen auszuprobieren. In den Schreibwerkstätten geht es dann nicht allein um „schöne Worte“. Es geht um den geeigneten Ausdruck, mit dem die jungen Menschen sich selbst und die Welt, in der sie leben, beschreiben können. So entstanden Texte in journalistischer Perspektive bis hin zu solchen mit poetisch gefärbten Worten.

„DU schreib(s)t“ richtet mit „DU liest!“ nun eine regelmäßige Lesebühne für die Wortwerke von Kindern und Jugendlichen ein. Außerdem wächst auf der Seite von DU schreib(s)t  die Online-Sammlung der Texte von Duisburger Kindern und Jugendlichen.

DU liest! Die Erste – Der Auftakt zur Lesereihe von DU schreib(s)t

Ort: Bezirksbibliothek Duisburg-Hamborn, Schreckerstr. 10
Zeit:
6. Juni 2012 um 16.30 bis ca. 17.30 Uhr

„DU liest!“ lebt vom ehrenamtlichen Engagement und der finanziellen Förderung von praktischer Arbeit in Schreibwerkstätten wie sie etwa durch „jugendstil – Kinder- und Jugendliteraturzentrum NRW“ oder unterschiedlichen Förderprogrammen der Länder und des Bundes vorgenommen wird. Durch „DU schreib(s)t!“ und „DU liest!“ entsteht nun ein Netzwerk von all den Institutionen und Menschen, die sich für die Literatur von Kindern und Jugendlichen im Duisburger Norden einsetzen. „DU schreib(s)t“ zeigt, im Duisburger Norden bleibt Kultur auch für Kinder und Jugendliche lebendig.

Ganz bald und vielleicht schon irgendwann

Wann ist eine Nachricht eine Nachricht? Die deutschen Nationalmannschaft hat ihr Auftaktspiel bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 gegen Australien 4:0 gewonnen: Mit Sicherheit eine Nachricht. Walter Hellmich tritt in naher Zukunft zurück: Ohne zusätzliche Information mit Sicherheit keine Nachricht. Und doch machen BILD- Zeitung und Der Westen daraus jeweils große Artikel. Die eine Zeitung sieht den Juli, die andere sogar schon das Monatsende als Termin. Es mag nun tatsächlich bald so weit sein. Aber bis ich Walter Hellmich auf einer Pressekonferenz diesen Rücktritt verkünden höre, interessiert mich dieses ungefähre Dahinreden nicht. Zu oft habe ich dieses Geraune vom baldigen Rücktritt während der letzten Wochen zu lesen bekommen. Einmal geht das, so ein Schreiben mit Anfangsverdacht, danach aber bitte nur noch den Vollzug melden.

Wir wissen nämlich seit der Jahreshauptversammlung im April, dass Walter Hellmich nicht unbedingt bis zur planmäßigen Wahl im kommenden Jahr in seinem Amt bleiben will. Wenn über den Rücktritt von Walter Hellmich zurzeit berichtet wird, müsste deshalb nicht die Frage nach dem Zeitpunkt zentrales Thema der Berichterstattung sein, sondern die herum schwirrenden Informationen zu den Folgen dieses Rücktritts. Zumindest Der Westen deutet davon etwas an, nämlich die geplante Entflechtung der Verwaltungsstruktur: „Das Amt des Vorstandsvorsitzenden des MSV Duisburg und des Aufsichtsratschefs der Kommanditgesellschaft auf Aktien soll künftig nicht mehr dieselbe Person wahrnehmen.“

Noch interessanter wäre jetzt der nächste Schritt: darüber nachdenken und schreiben, was so eine Entflechtung für den Alltag im Verein bedeutet. Ich habe dazu keine Zeit. Ich muss Fußballweltmeisterschaft gucken, und noch immer dieses Vorwort zu einer Textsammlung schreiben, damit diese Textsammlung endlich in Druck gehen kann. Das ist nämlich auch eine Nachricht: Erscheinungstermin steht wohl fest! Wahrscheinlich Ende Juni erscheint eine Sammlung von Texten, die Förderschüler im Duisburger Norden im Rahmen einer Schreibwerkstatt verfasst haben. Ungewöhnlich offen und voller naiver Poesie gewähren Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren einen Blick in ihre Lebenswirklichkeit. In einer der nächsten Wochen werden das Jugendzentrum Zitrone, der Förderverein Lemonhaus e.V. und die Städtische Förderschule Kopernikusstraße durch gemeinsame Pressearbeit, den Nachrichtenwert dieser Meldung unterstreichen.

Was haben Straßenfußball, Ausdrucksfähigkeit und Sparen der Kommunen miteinander zu tun?

Straßenfußballer gibt es keine mehr in Deutschland, hieß es vor einigen Jahren. Schon damals war das Unsinn. Die Straße voller Autos statt Fußball spielender Kinder war nur ein medienwirksames Bild für die unzureichenden spielerischen Fähigkeiten deutscher Fußballer bei Länderspielen; ein Bild, das auch deshalb gerne verwendet wurde, weil es beim DFB und den Fußballvereinen des Profibetriebs das sichere Wissen erträglich machte, während der Ausbildung von Nachwuchsfußballern Fehler begangen zu haben.

Straßenfußballer gab es damals, und sie gibt es immer noch. Im Duisburger Norden habe ich im letzten Jahr eine Straßenmannschaft kennengelernt. Das waren fünf Jungen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, die sich im Jugendzentrum „Zitrone“ regelmäßig trafen, sich als Mannschaft verstanden und ihr Fußballspiel untereinander an manchen Tagen Training nannten. Diese Jungen spielten nur nicht auf der Straße sondern im Hof dieses Jugendzentrums. Am Bild vom verschwundenen Straßenfußballer war nämlich eines richtig. Die Straße ist heute nur noch selten organisatorischer Kern eines anarchischeren, vereinsunabhängigen Fußballspiels. In den Städten sind oft die Jugendzentren an die Stelle der Straße gerückt. Denn eines ist für ein Fußballspiel unabdingbar, irgendwo müssen sich Jugendliche zunächst einmal treffen, wenn sie Fußball spielen wollen.

Die Mitarbeiter dieses Jugendzentrums sorgen also für die Möglichkeit zum Fußballspiel von Jugendlichen, für die die Mitgliedschaft in einem Verein fern liegt. Irgendjemand muss sich nämlich um den Eintritt in so einen Sportverein kümmern. Das sollte eigentlich die Aufgabe von Eltern sein, doch es gibt in den Großstädten dieses Landes inzwischen Stadtteile, in denen Kinder schon sehr früh in ihrem Leben sich selbst überlassen werden. Eine größere Öffentlichkeit bemerkt das meist nur dann, wenn Katastrophen wie der Tod eines Kindes geschehen.

Wer sich im Ruhrgebiet auskennt weiß, besonders in den nördlichen Stadtteilen der Region wachsen Kinder unter schwierigen sozialen und ökonomischen Bedingungen auf. In diesen Stadtteilen werden Jugendhilfe-Einrichtungen wie das Jugendzentrum „Zitrone“ schnell zu Familienersatz, Kinderrestaurant, Sportmöglichkeit, Berufsberatung und Nachhilfeinstitut in einem. Ich habe die „Zitrone“ vor fast vier Jahren kennen gelernt, als ich einen vom Jugendzentrum verantworteten Theaterworkshop für ein Buchprojekt beobachtend begleitet habe. So gebe ich gerne zu, wenn ich über dieses Jugendzentrum schreibe und es als Beispiel für die Arbeit von Jugendzentren überhaupt nutze, bin ich Partei. Mit der „Zitrone“ hat sich für mich ein regelmäßiger Kontakt ergeben, und zurzeit führe ich dort eine Schreibwerkstatt durch, in der jener von mir zu Heiligabend veröfffentlichte Liebesbrief an den Fußball entstanden ist. Ohne die Initiative des Jugendzentrums hätte es die Kooperation mit den Schulen nicht gegeben und die Schreibwerkstatt als zensurfreier Raum wäre nicht entstanden. Dort erleben Schüler ihre Sprache nicht mehr als für eine gute Zensur nicht ausreichendes Mittel, sondern als Möglichkeit sich selbst und die eigenen Ideen verständlich zu machen. Wer das möchte, verbessert seine Ausdrucksfähigkeit automatisch.

Die Arbeit dieses Jugendzentrums ist nun bedroht durch die finanzielle Situation der Stadt Duisburg. Vor Ort weiß es wahrscheinlich jeder, umfassende Sparmaßnahmen sind notwendig. Zurzeit liegt dem Rat der Stadt Duisburg eine Vorschlagsliste zu diesen Sparmaßnahmen vor. Werden diese Sparpläne in Bezug auf die Jugendhilfe Wirklichkeit, wird die soziale Arbeit mit Jugendlichen dort unmöglich, wo sie am nötigsten ist. Geld das an dieser Stelle gespart wird, kostet die Bürger wenige Jahre später das Doppelte und Dreifache, wenn Jugendliche ihre Zeit ohne Orientierung durch Erwachsene verbringen müssen.

Nun frage ich mich, ob die öffentliche Diskussion in der Stadt über die notwendigen Sparmaßnahmen in Duisburg überhaupt stattfindet. Ich schreibe das allerdings mit Vorbehalt, weil ich mich meist maximal zwei Tage in der Woche in Duisburg aufhalte. Sollte ich also etwas übersehen haben, lasse ich mich nur allzu gerne korrigieren.

Es war im Dezember, als zum ersten Mal eine Zeitungsmeldung zu diesen Sparmaßnahmen veröffentlicht wurde. Damals hatte es eine von der politischen Führung der Stadt einberufene Beratungsrunde gegeben, aus der erste Überlegungen zu den Sparplänen bekannt wurden. Mir fiel damals sofort auf, dass an oberster Stelle der möglichen Sparmaßnahmen die Jugendhilfe und die Kultur standen. Alleine der ehemalige Oberbürgermeister Josef Krings reagierte sofort auf die Bekanntgabe der Sparpläne und blieb aus Protest der VHS-Jubiläumsfeier fern. Andere Reaktionen darauf blieben lange Zeit so gut wie aus. Nun gibt es aktuell ein paar einzelne Stimmen, die sich für einzelne Projekte stark machen, aber ich erlebe das nicht als öffentliche Diskussion um die Bedeutung der Kultur etwa für die Stadt Duisburg.

In Köln hatte ich kurz zuvor etwas anderes erlebt. Dort machte der Stadtkämmerer seine Überlegungen zur Kürzungen des Kulturhaushaltes öffentlich. Sofort ergab sich eine Diskussion im Kölner Stadt-Anzeiger, verschiedene Personen des Kölner Kulturlebens nahmen Stellung, einzelne Bürger schrieben Leserbriefe und schließlich betonte sogar Oberbürgermeister Jürgen Roters die besondere Bedeutung der Kultur für Köln und dass dies bei allen notwendigen Sparmaßnahmen zu berücksichtigen sei.

Gibt es diese besondere Bedeutung der Kultur trotz aller Lippenbekenntnisse der Politiker vor und im Kulturhauptstadtjahr 2010 in Duisburg nicht? Natürlich geht es letztlich um Geld für das einzelne Projekt. Aber vorher geht es darum in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu wecken, was diese einzelnen Projekte als Teil von Kultur für das Leben in Duisburg bedeuten. Für dieses Leben in Duisburg haben Kultur und Jugendhilfe dabei eine ähnliche Bedeutung. Nicht umsonst wurden beide Bereiche nach jenem ersten Politikergespräch im Dezember in einem Atemzug genannt.

Weiß Duisburg etwa um die Bedeutung jenes Kulturangebots rund um den Dellplatz? Weiß Duisburg als Stadtteil der Kulturhauptstadt RUHR.2010 darum, dass in Jugendzentren Kinder mit grundlegenden Kulturtechniken vertraut gemacht werden? Wenn ich die Reaktion auf diese ersten Gedanken zu den Sparmaßnahmen betrachte, habe ich das Gefühl, selbst die politisch Verantwortlichen der Stadt wissen das nicht.

Was die Sparmaßnahmen in der Jugendhilfe angeht, so haben verschiedene Verbände der Jugendhilfe zu einer Protestkundgebung am morgigen Freitag um 16.30 Uhr vor dem Duisburger Rathaus aufgerufen. Mir ist klar, dass die anvisierte Summe Geld tatsächlich eingespart werden muss. Ich hoffe für Duisburg sehr, dass Kultur und Jugendhilfe so wenig wie möglich zu dieser Summe beitragen werden.


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